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Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.07.2013
14.10.2014
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31.07.2013 1.600
 
Pippo war so gar nicht begeistert vom übersprudelnden Wissensdrang seiner eigensinnigen Schülerin. Er hielt sich schon den Bauch, um ihr bildhaft zu demonstrieren, dass sie ihm schon viel zu viele Löcher verpasst hatte. Es ging hauptsächlich um die Chroniken, ihre Entstehungsgeschichte und den Ort der Offenbarung. Natürlich konnte er ihr die Informationen ihrer Existenz nicht verwehren, schließlich war sie eine von ihnen, eine Vollblutozeanerin. Genauso wie Resi und Bellana durfte auch sie erfahren, wo die Chroniken platziert waren. König Rafael hatte ihm sogar ausdrücklich auferlegt, Jade in die Chroniken einzuführen.

"Die Geschichte unseres Lebens beginnt im Hurton Reef, dem bekannten Riff westlich der Goldküste. Vor tausenden von Jahren haben sich dort allerlei Pflanzen-und Fischarten angesammelt, fortgepflanzt und das Riff über die Zeit hinweg vergrößert. Nachdem sich alle wirbellosen Wassertiere, die eixistieren, ausgebildet hatten, knüpfte die Nixen-Evolution an. König Emeritäas und Königin Gaia, deine Großeltern, Gott sei ihnen gnädig, waren die Nachkommen von den Unterwassertitanen und diese wiederum stammten von anderen Unterwassertitanen ab.
Die Chroniken selbst umfassen die vollständige Entstehungsgeschichte, angefangen bei der Gründung von Ozeania, weiterhin berichten sie über die Errichtung der Stadt, den Aufstieg und Fall der Halbgötter, die Kriege mit den Lomianern. Sie geben Aufschluss über die Auswirkungen der magischen Kräfte auf die Umwelt der Wasserwesen, dazu gehört die Entdeckung der Konvertierungsmagie und wie sie den Lauf der Generationen beeinflusst hat.
Du willst wissen wo dieses ganze Wissen festgeschrieben ist, wenn ich das richtig verstanden habe? Hm nun ja, der Ort der Offenbarung ist streng geheim. Niemand kennt ihn abgesehen von den beiden hohen Wächtern, von denen einer dein Herr Vater ist. Der andere ist König Zlatimir. Die Wächter des Meeres und des Mondes. Sie sind die Hüter der Chroniken und müssen diese verantwortungsvolle Aufgabe bis zu ihrem Tod wahren. Danach tritt der älteste Sohn oder die älteste Tochter das Erbe an. König Zlatimir hat seinem Sohn Ontaris die Führung überlassen, als er gestorben ist und König Emeritäas wiederum seinem Sohn Rafael.
Lysanne, die älteste Tochter von König Ontaris und Resi, die älteste von ihnen dreien werden die nächsten Thronfolger sein, wenn die Zeit gekommen ist."

Schweigen. Sie schauten sich eine Zeitlang in die Augen und sahen sich doch nicht an. Jade wusste nicht wie ihr zumute war. Die Geschichte ihres Lebens, wiederholte sie in Gedanken. War sie das tatsächlich? Wenn ja, was war dann mit der Geschichte ihres vorherigen Lebens? War sie nun eine Nachkommin der Erde oder des Ozeans? Vielleicht auch beider Sphären? Wo begann die eine? Wo hörte die andere auf? Liefen sie parallel ab? Plötzlich kam ihr der Begriff Paralleluniversum in den Sinn, in dem sich ihre Mutter nun befand. Existierten mehrere davon? Wie waren sie voneinander abzugrenzen? Je mehr sie versuchte den Dingen auf den Grund zu gehen, desto mehr verfing sie sich im Detail. Spielten diese Fragen überhaupt eine Rolle? Sie beschloss das Fragenkarussell erst einmal anzuhalten, um ihre Gedanken zu sortieren. Eins nach dem anderen!
Sie hatte Pippo um Auskunft hinsichtlich des Standorts der Chroniken gebeten. Diese Schlacht hatte sie nicht gewonnen, wenngleich er nichts dafür konnte. Wieder eine Tücke ihres neuen Lebens. Nur der gegenwärtige Thronhalter wusste wo sich die Chroniken verbargen. Nachdem nun die Möglichkeit die Chroniken um Rat zu fragen ausgeschieden war, überlegte sie schon fieberhaft wie sie weiter vorgehen sollte. Doch erst einmal wollte sie Bellana aufsuchen, um zu erfahren, ob sie schon mehr über den geheimnisvollen Landmann herausgefunden hatte.

"Danke Pippo. Ich verspreche dir keinen Ärger zu machen", sagte sie reserviert, so als ob es ihr einen Pluspunkt einbrachte, wenn sie die Ahnungslose spielte.

Der Unterricht endete mit dem Kapitel über die Zerrissenheit des Urplaneten, wodurch die beiden Staaten, Ozeania und Loma endgültig gespalten wurden. Jade konnte die nächste Stunde zum ersten Mal nicht erwarten. Sie wollte endlich erfahren, wie es zu diesem Bruch gekommen war, auch wenn es bedeutete, dass sie Pippo noch mehr Löcher in den Bauch fragen müsste.

"Er heißt Jaro", platzte sie mit der heiß ersehnten Information raus, "und arbeitet im Dolphin`s."

Jade spürte den selben Stich wie neulich in ihrer Magengegend. Der Name passt zu ihm, dachte sie und errötete leicht. Am liebsten wäre sie nun ins Dolphin`s gegangen, doch die Flosse blieb immer noch die Flosse und daran würde sich vorerst auch nichts ändern, gestand sie sich die bittere Wahrheit ein.

"Das ist so unfair", begann sie ihrem Missmut Luft zu machen, "da verliebe ich mich einmal Hals über Kopf, kann an nichts anderes mehr denken und werde dann so hart vom Schicksal abgespeist. Wie gerne würde ich ihn wiedersehen und ich meine damit wiedersehen im Sinne von sich gegenseitig anschauen und aneinander denken und nicht wiedersehen, mit dem Lagunenwerfer abknallen, wiedersehen, Erinnerung wieder löschen, wiedersehen und das Ganze ohne einen wirklichen Fortschritt. Für eine Meerjungfrau, die sich nicht mehr in einen Menschen verwandeln kann, besteht wohl keine Hoffnung."

Sie schaute ihre Schwester traurig an und hätte sich am liebsten an ihrer Schulter ausgeheult, doch ihre innere Stärke hielt sie davon ab.

"Ich kann dich verstehen und es tut mir so leid für dich. Ich glaube dir, dass du dich in ihn verliebt hast und ich kann mir gut vorstellen, dass er dir auch nicht abgeneigt wäre", entgegnete sie mit einem mitleidigen Blick.

"Was soll ich deiner Meinung nach tun. Das ganze Thema sein lassen und ihn irgendwie versuchen zu vergessen."

Jade sah sich in Gedanken schon in ihrem Bett verkrochen, vom Liebeskummer zerfressen, als Bellana, wie die Retterin in der Not etwas sagte, das sie schier vom Hocker haute. Sie konnte es im ersten Augenblick nicht glauben. Doch andererseits, was konnte sie überhaupt noch glauben? Ihre neue Welt erschien ihr von Tag zu Tag verwunschener. Feste Werte längst vergangener Tage stellten sich als Irrtum heraus, Luftschlösser wurden zur Wirklichkeit.

"Da gibt es einen Zauber, der Vollmondtausch. Er bewirkt, dass zwei Nixen ihre Körper tauschen können für eine Nacht, sofern es sich um eine Vollmondnacht handelt."

Das war es. Das musste es sein. Die Lösung all ihrer Probleme, jedenfalls der allerdringendsten. Jade fiel ihrer Schwester vor Freude um den Hals. Schon bald würde sie in seine Bernsteinaugen blicken für eine Nacht. Die Nacht ihres Wiedersehens. Schon beim nächsten Vollmond. Länger würde sie nicht warten können, dachte sie. Bellana würde ihr sicherlich helfen. Sie musste. Es gab niemanden sonst, dem sie sich anvertrauen konnte.

Der Einbruch der Nacht hatte schon begonnen, die Mondsichel Gestalt angenommen. Wenn man genauer hinsah, erkannte man, wie sich das Gesicht des Mondes mit jedem Stern, der sich neu vor das Himmelstuch spannte, mehr und mehr ausdehnte, wie Maiskörner, die im siedenden Wasser zu Popcornflocken aufplatzten. Der Glanz des mächtigen Leuchtballs reflektierte sich in Jades Augen. Eine Wundernacht, dachte sie und war irgendwie gar nicht überrascht. Der Zauber der Unterwasserwelt schien ein ganz besonderer zu sein. Wenn man ihn dringend brauchte, war er zur Stelle, wie ein Ortungsgerät. Bellana nahm Jade in Augenschein, wobei es ihr nicht schwer fiel zu erraten, was als nächstes passieren würde. Der Vollmond über ihren Köpfen, sendete nun viele abertausend kleine Lichtpunkte, die sich zu einem Zylinder um die beiden Mädchen herum anordneten und diese in ihrer Mitte umschlossen. Sie bildeten jedoch keine massiven Wände, sondern blieben Punkte, die sich miteinander zu einem Netz verbanden. Nur Jade und Bellana konnten sehen, dass sie nicht nur starr auf ihren Koordinaten verharrten, sondern wild durcheinander tanzten.

"Das ist es", sagte Jade, während sie einen der Punkte mit ihrem Finger berührte und von einer unbeschreiblichen Energie erfasst wurde, die wie durch eine Leitung in die Fingerkuppel eintrat und von da in ihren ganzen Körper überging.
Sie trat einen Schritt zurück, wobei der Zylinder sich analog ihrer Haltung krümmte, sodass sie nicht aus ihm herauspurzelte. Es war wie eine zweite Außenhaut, die sich um die Schwestern legte und sie vereinte.

"Was hat das zu bedeuten", sprach sie weiter, noch immer sichtlich verwundert über das silberfarbene Schauspiel. Dann begriff sie.
"Kaum erfährt man die Lösung eines Problems, wird nicht lange gefackelt, um sie in die Tat umzusetzen."
Mit diesen Worten drehte sie sich zu Bellana, die dicht bei ihr stand und vergleichsweise gefasster wirkte.
"Wir tauschen unsere Körper nicht wahr", fuhr Jade fort, zu ihrer Schwester gewandt, die sie an die Hände nahm. Sie schauten sich eine Weile in die Augen, gerade so lange, wie der Lichtzylinder sein Haupt aufrechterhalten konnte, bis er nach und nach, Punkt um Punkt auseinderstob und wieder gelöst zum Mond auffuhr.

"Bedenke aber. Du hast nur einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, danach bist du wieder du und ich wieder ich. Denk erst nach und handle dann. Sei vorsichtig und behalte diese Sache für dich. Vergiss vor allem nicht, dass du in meinem Körper steckst und ich nicht will, dass du unachtsam damit umgehst. Ich möchte nur, dass du Jaro einmal nahe sein kannst."

Bellana ließ Jades Hand wieder los. Der Vollmondtauschzauber war vollzogen. Rein vom Äußeren konnte man nichts erkennen, doch ihre Seelen waren in den Körper des jeweils anderen hinübergeglitten, so als ob sie sich von ihrer vorherigen Besitzerin abgeschält hatten.

"Es ist deine einzige Chance", sprach Bellana zum Schluss, "ein Vollmondtausch hat eine einmalige Wirkung. Es gibt kein zweites Mal, deshalb wünsche ich dir, dass du eine schöne Erinnerung an Jaro mitnehmen kannst."

Dass es eine Haken an Wunscherfüllungen geben musste, war schon fast absehbar gewesen, dachte Jade. Sie würde ihre Chance nutzen, den Bernstein so lange betrachten, wie es nur möglich war, immer in dem Wissen, dass es danach kein Wiedersehen gab.
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