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Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.07.2013
14.10.2014
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31.07.2013 1.216
 
Mako Island erstrahlte im Glanz des Mondlichts, das durch die Krateröffnung des lange schon erloschenen Vulkans am stärksten geflutet wurde und sich im Mondsee reflektierte. Es war die Nacht der Verheißung. Die Chroniken hatten sie auserwählt, um ihre Macht zu demonstrieren. Wer sich ihnen widersetzte, konnte ein blaues Wunder erleben, was in Anbetracht der Farbe des Ozeans nicht nur eine Wortspielerei war.
Die drei Hauptakteure standen schon in den Startlöchern, um den Chroniken ihre Motivation zu signalisieren. Als keine einzige Wolke mehr den pechschwarzen Himmel trübte, konnte der Vollmond seine ganze Wirkung entfalten. Die drei Meerjungfrauen wirbelten im Wasser herum, angetrieben von den exorbitanten Kräften, die der Mond ihnen verlieh. In der Vollmondphase konnten sich ihre Kräfte sogar bis zu einem Faktor von Zehn vergrößern, wenn es die Umstände und die bevorstehenden Ereignisse erforderten. Für Resi und Bellana war dies eine erfreuliche Angelegenheit, denn sie würden die zusätzlichen Energiereserven benötigen, um König Ontaris Willen zu erfüllen. Die beiden wussten um die Entstehungsgeschichte der Konvertierungsmagie, denn sie lebten schon viele Jahre bei ihrem Vater. Dieser hatte ihnen nichts verschwiegen, was in ihrem neuen Leben eine Rolle spielen könnte.
Es gab weitaus mehr Gefahren, als Vorzüge, das hatten sie als erste Lektion gelernt.
Seine neue und letzte Tochter müsste noch eine Menge lernen, wenn sie für immer in Ozeania blieb, befürchtete König Rafael, der ebenfalls bei der Zeremonie anwesend war, um seinen Töchtern beizustehen. Sie würde schließlich nie wieder an Land gehen können, für immer ihre Schwanzflosse behalten.
Dieser Gedanke schmerzte ihn zusehends, doch ihnen blieb nichts anderes übrig. Seine verstorbenen Eltern hatten ihm dieses Erbe hinterlassen und er durfte nicht sorglos damit umgehen. Trotz der schlechten Verbindung zwischen Ozeania, dem Meeresreich und Loma, dem Mondreich gab es Dinge, die in Ehren gehalten werden mussten, wenn man keinen Krieg provozieren wollte. Die ausgleichende Gerechtigkeit war seit jeher ein wichtiger Anker gewesen, der die beiden sonst absolut gegensätzlichen Welten verband.
Er durfte nicht einfach so zerschlagen werden. Man durfte das Bestehen der Chroniken nicht ignorieren oder gar aufs Spiel setzen, andernfalls drohte der Armageddon, der Untergang beider Reiche.

Es war Jade, die als Erste erkannte, dass sich etwas im Inneren des Monds regte, so als ob dort tatsächlich Leben vorhanden war. Loma war ein Staat in und auf dem Mond, der viel kleiner war als Ozeania. Das Volk der Lomianer lebte allein von der Energie des Mondlichts, das ihre Reserven jede Nacht aufs Neue auflud. Sie bedurften keiner Zufuhr von Nahrung mit wertvollen Vitaminen und Mineralien oder Wasser, um zu überleben, sondern einzig und allein das Vertrauen auf die unbegrenzte Energieversorgung des Monds, ihren Gott. Solange König Ontaris sein Volk mit seinem mächtigen Energiefeld bestrahlte, würde Lomia sich fortpflanzen und neues Leben schaffen, um die Alten und Schwachen, die bald verglühen würden würdevoll zu ersetzen.
Der Mondsee verband Ozeania und Loma miteinander, er war das wechselwirkende Medium, um Botschaften oder Hilferufe zu überbringen. Außerdem war er die Austragungsstätte einer jeden Zeremonie, die zum Wohle der beiden Reiche stattfand. So wie auch heute, der Opferungsnacht, wie sie vor vielen Jahrzehnten zwischen den Eltern von König Rafael und ihrem Neffen, König Ontaris stattgefunden hatte.
Als sich König Rafaels Stimme erhob, dauerte es nicht mehr lange, bis die Zeremonie durchgeführt würde.

"Meine lieben Kinder, ich habe euch nun endlich alle bei mir. Jade, du bist das fehlende Puzzlestück gewesen. Durch dich sind wir wieder vollkommen. Es tut mir sehr leid, dass es dich am härtesten treffen musste, ich meine natürlich am meisten deine Mutter damit. Sie ist nicht tot, sondern befindet sich in einem Zwischenzustand, so ähnlich wie Bellanas Mutter. Sie können euch sehen, euch begleiten, euch trösten, wenn ihr sie heraufbeschwört, doch eines können sie leider nicht.
Sich euch wieder so zeigen, wie ihr sie kanntet, als Menschen. Sie sind nämlich keine Menschen mehr. Sie sind körperlos und besitzen keine Materie. Wir bezeichnen sie als Hologramme, also Projektionen einer anderen Wirklichkeit, die nicht mit der Welt, wie ihr sie kennt, zu vereinbaren ist. Eure Mütter leben in einem Paralleluniversum, das für uns, noch metaphysische Geschöpfe nicht zugänglich ist.
Außer Resis Mutter. Sie ist immer noch ein Menschenwesen, sterblich und vergänglich. Sie hat ihre mütterlichen Pflichten ignoriert und es damit nicht verdient in unser Universum aufgenommen zu werden. Hologramme sind zeit- und raumlos, unendlich. Sie sind die Brücke zu einer neuen Wirklichkeit.
Solltet ihr eines Tages sterben, werdet auch ihr zu Hologrammen werden, um auch über den Tod hinaus mit den noch Lebenden kommunizieren zu können. Damit meine ich vor allem eure Kinder, wenn ihr welche haben solltet und natürlich untereinander, da ihr als Schwestern eine starke Verbindung habt."

Was ihr Vater da sagte, klang für Jade im ersten Moment geheimnisvoll und irgendwie auch abwegig, wie aus einem Science-Fiction-Streifen. Es war nichts, was sie in der Realität vermutet hätte, zumal sie eine klare Rationalistin war.

Eine zweite Stimme erhob sich, die Jade noch nie zuvor gehört hatte. Es war die, von König Ontaris, ihrem Onkel und zugleich demjenigen, dem sie einen Gefallen tun musste, ohne dass sie sich jemals direkt bei ihm verschuldet hätte. Sie musste eine Erbschuld ihrer Vorfahren sühnen. Es würde keine leichte Aufgabe werden, so viel wusste sie, noch bevor König Ontaris verlauten ließ, was es bedeutete seine Kräfte für immer zu verlieren, sich in einen Menschen zurückzuverwandeln.

"Ich spreche zu dir, Jade, der Tochter von König Rafael, dem Herrscher über Ozeania. Die Chroniken gestatten es mir und meinen Nachkommen einen Dienst erwiesen zu bekommen. Es geht um Luna, meine jüngste Tochter. Sie ist schwer krank, kurz vor dem Verglühen, denn ihr Energiefeld ist nicht mehr richtig imstande die Energie des Mondlichts zu lagern, um sie kontrolliert zu konsumieren.
Sie benötigt eine Konvertierungsmagie, um nicht zu sterben. In dieser Zeremonie hoffen wir, deine Kräfte zu empfangen, um sie so umzuwandeln, dass sie Luna wieder gesund machen",

sprach der Mann mit den glühenden Flügeln, der direkt über dem Mondsee schwebte, genau über der Stelle, an der Jade im Wasser lag.
König Rafael stand etwas abseits, während Bellana und Resi jeweils links und rechts von Jade darauf warteten, ihre Kräfte zum Einsatz zu bringen, um das Mondlicht, welches in Kürze auf das Mondgestein treffen würde, so abzulenken, dass es den Mondsee in einem bestimmten Winkel zu Jade berührte.
Dann wäre die Konvertierungsmagie vollzogen und die Forderung der Chroniken nach generationenausgleichender Gerechtigkeit erfüllt.

Als es soweit war, schien Jade keine Angst zu kennen. Sie blieb reglos stehen, wie erstarrt, denn nur so konnten Resi und Bellana den korrekten Winkel abmessen, der zwischen Gestein und Strahl bestehen musste, um die richtige Stelle im Mondsee zu treffen, genau dort, wo sich Jade befand.

"Seid ihr bereit", fragte Resi zu Bellana und Jade gewandt, die beide zeitgleich mit den Köpfen nickten.

Als der Strahl, der aus König Ontaris Händen zu kommen schien, auf das umliegende Kratergestein auftraf und dann von Bellana und Resi in gemeinsamer Arbeit so abgelenkt wurde, dass es die Geopferte punktierte, wurde sämtliche Energie aus Jade ausgesaugt.
Nachdem kein Licht mehr aus ihr drang und zu König Ontaris aufstieg, brach Jade erschöpft in sich zusammen.
Augenblicklich eilten Bellana und Resi herbei, stützten jeweils einen Arm unter den ihrer Schwester und zogen sie zu ihrem Vater, der sie auf seine Arme nahm. Gemeinsam tauchten sie ab, um sich um die geschwächte Wohltäterin zu kümmern.
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