Jades Geheimnis

GeschichteAllgemein / P12
31.07.2013
14.10.2014
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Der Wind fegte über ihren Kopf hinweg, es braute sich ein gewaltiger Sturm zusammen. Der Himmel verfinsterte sich mit einem Mal und sie überbekam das ungute Gefühl, dass eine ernste Gefahr drohte.

Sie hatte nicht viel geschlafen die letzten Nächte, ständig kreisten die Erinnerungen an den Unfall in ihrem Kopf herum und so sehr sie auch versuchte, die traumatisierenden Bilder an einen weit entfernten Ort zu verbannen, sie schaffte es nie länger als ein paar Stunden.
Mit jedem Tag der verging, schienen die Bilder schärfer und perfider zu werden, so als versuchten sie zu verhindern, dass man sie je vergessen könnte.

"Mama musste sterben, damit sie leben durfte." Das alles ergab gar keinen Sinn, doch je energischer sie versuchte die Logik hinter dieser offensichtlichen Verschwörung zu erkennen, desto unwirklicher erschien ihr der Vorfall.
Wie ein schrecklicher Albtraum, aus dem man schweißgebadet hochfuhr und kühle Erleichterung spürte, wenn man wieder bei klaren Verstand war, um festzustellen, dass die Wirklichkeit noch lange nicht so furchteinflößend war.
Was diese eine Sache betraf, so gab es jedoch keine Hoffnung auf einen ähnlich milden Ausgang. Sie hatte sich mehrmals vergewissert, dass es die Realität war, die sie vor eine ihrer größten Prüfungen stellte. Es bestand kein Zweifel. Sie würde nie wieder das Mädchen sein können, das sie einst gewesen war.

Mit diesen Gedanken rannte sie ins Eiswasser, die Wellen peitschten mit tosender Wucht gegen die Felsen, brachen in majestätischer Formvollendung, um in einem festlichen Zeremoniell als Schaumwasserkronen an den Strand zurückgespült zu werden. Entlang des Riffs verlief die reißende Strömung, die so erhaben war, dass nicht einmal ein erfahrener Hochleistungsschwimmer dagegen angekommen wäre.

Ehe man den Strand erreicht hätte, würden die Muskeln erlahmen und die Lunge sich mit Salzwasser füllen, bis man schließlich völlig erschöpft und durchgefroren das Bewusstsein verlor und ertrank.
Wer mit einer solchen Entschlossenheit und Bestimmtheit, wie sie es tat, in die Fluten rannte, konnte nur ein Motiv haben: sich das Leben zu nehmen. Es war verwegen zu glauben, dass es einem menschlichen Wesen gelingen könnte, da heil wieder herauszukommen, selbst wenn man ein Rettungsboot hinausschickte. Das Element des Wassers im Jähzorn des Küstenwinds war ein sicheres Todesurteil.

Das hatte auch Jade geglaubt, als sie vor einigen Wochen furchtlos ins Meer gestürzt war, als ein ähnliches Unwetter tobte, getrieben von der Panik, ihre geliebte Mutter zu verlieren. Wenn man die hilflosen Überlebensversuche einer Person, die man mehr als alles andere auf der Welt verehrte, mit eigenen Augen sah und nichts dagegen unternahm, würde man dieses Schuldgefühl nie wieder los werden. Man brauchte gar nicht auf sie einzureden, es hätte nichts geholfen. Sie wäre so oder so ihrer Mutter zur Hilfe geeilt, selbst dann, wenn es bedeutete, dass sie ihr in den Tod gefolgt wäre.

Sie hatten einen wundervollen Tag auf der „Lunette“ verbracht, eines der besten Segelboote von Hafenmeister Paolo, anlässlich von Jades 16. Geburtstag. Es hatte nichts darauf hingedeutet, dass es in einem solch verheerenden Drama enden würde.
Kein Lüftchen trübte den strahlend blauen Himmel und auch sonst schien die Witterung keine Probleme zu bereiten. Sie freuten sich auf einen entspannten Seegang, umschlossen von den vielen kleinen Buchten. Sie hatten mal hier, mal dort angelegt, um sich mit einem fröhlichen Satz im Wasser abzukühlen. In ihrer unbesorgten Euphorie hatten sie die Zeit vergessen und die Worte von Paolo bereits hinter einer Fassade aus ungestörter Zweisamkeit verblassen lassen.

An Deck legten sie sich auf ihre Badetücher, um die warme Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Von der Plantscherei und der Schwüle des Nachmittags geschafft, waren sie friedvoll eingeschlafen, als plötzlich der Schlagbaum des Segels wild hin und her zu schaukeln begann, bis er schließlich Jades Mutter, die viel zu spät wachgeworden war, unter sich begrub und in die unheilvollen Fluten riss.

Jade hatte weder die erforderliche körperliche Kraft, noch die nautischen Kenntnisse, um die Situation in Schach zu halten. Sie stand über der Reling vornübergebeugt und schrie ununterbrochen "Lydia", den Namen ihrer Mutter. Diese trug weder eine Rettungsweste, noch gab es einen Ring, den sie nach ihr hätte werfen können, um sie an einem Seil aus den Tiefen zu ziehen. Stattdessen fiel sie in Panik und steuerte auf die Kajüte zu, in der Hoffnung ein Hilfsmittel zu finden, das ihre Mutter davor bewahrte, vom Schlund des Ozeans verschluckt zu werden.

Was würde Paolo tun?

Sie hatte keinen blassen Schimmer, was von den umliegenden Gegenständen geeignet war, um als Rettungsinstrument zu dienen. Ihr kam nicht im Entferntesten eine Idee. Sie drohte in blinden Aktionismus zu verfallen, was die Überlebensspanne der über Bord gegangenen Lydia drastisch schmälern würde. Sie hatte keine Zeit nach einer Lösung zu suchen, stattdessen musste sie ihrem ersten Impuls nachgehen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als selbst ins Wasser zu springen und zu versuchen, alle vorhandenen Kräfte zu mobilisieren.
Im Gegensatz zu Lydia, war Jade eine hervorragende Schwimmerin, die kaum vor den unruhigen Wogen zurückschreckte. Sie hatte viele Jahre Leistungsschwimmen hinter sich und konnte sogar einige Abzeichen und Medaillen vorweisen. Gekonnt landete sie mit einem sauberen Hechtsprung inmitten der Wellen und versuchte gegen sie anzukommen. Immer wieder holte sie Luft, um erneut unterzutauchen, bis die Welle über sie gerollt war.
Obwohl Lydia immer weiter auf offene See hinaustrieb, schaffte es Jade sie unter schwerster Mühe einzuholen. Zu ihrer Verwunderung glätteten sich die Wogen unmittelbar, sodass sie eine gute Sicht auf den Körper ihrer Mutter hatte, der drohte hinabzusinken, wenn sie ihn nicht fest an sich presste. Das Segelboot schien meilenweit entfernt zu sein und es gab kein Anzeichen, dass sich irgendwo in der Nähe Land erstreckte. Außerdem war Lydia bewusstlos, wenn nicht sogar dem Herzversagen nahe. Jade versuchte durch Zurufe und Rütteln, ihre Mutter wieder in die Realität zurückzuholen, doch es blieb zwecklos.

Der letzte Atemhauch war ihren blau angelaufenen Lippen entwichen. Sie starb inmitten des Atlantiks, an einem Tag, der ursprünglich Mutter und Tochter gewidmet war.

Der Wunsch auf ein Happy End war in Jade gereift, als sie gegen die Wellen angeschwommen war und darauf spekuliert hatte, dass sie es in letzter Sekunde noch schaffen würden. Sie hatte jedoch versagt. Sie war verantwortlich für den Tod ihrer Mutter.

Sie und niemand sonst.

Wäre sie nicht so zögerlich gewesen und hätte sich sofort in die Meerestiefen gestürzt, wäre ihre Mutter gewiss noch am Leben. Was ihr blieb, war eine leblose Hülle.
Sie konnte sie jedoch auf keinen Fall auf den Grund des Meeres gleiten lassen, sondern musste eine ehrenhafte letzte Stätte finden, wo sie immer wieder hingehen könnte, um ihrer Trauer freien Lauf zu lassen.

Sie musste unweigerlich an Land schwimmen, ihre tote Mutter neben sich her ziehend. Eine grausame Vorstellung.
Die schreckenhaften Ereignisse hatten Jade so sehr unter Beschuss genommen, dass sie nicht einen Augenblick den Gedanken aufkommen ließ, wie es ihr gelungen war der unberechenbaren Kraft der Naturgewalt zu trotzen.
Unter normalen Umständen, schien es ihr, hätte sie schon längst ausgezehrt sein müssen, um überhaupt das Gewicht ihrer Mutter stemmen zu können, geschweige denn sich selbst noch an der Oberfläche zu halten.
Sie musste entweder eine Kämpferin sein, die erst dann in ihr zum Vorschein kam, wenn das für sie Heiligste in Gefahr war, ihre Mutter, oder aber es steckte etwas anderes Unerklärliches hinter ihrem plötzlichen Energieschub. Es bestand kein Zweifel, dass es die erste Möglichkeit gewesen sein musste. Es gab so lange keinen Zweifel, bis Jade im Reflektieren des Sonnenlichts etwas Befremdliches unter der Wasseroberfläche wahrnahm.

Es waren nicht etwa ihre Beine, die das Wasser verdrängten. Trotz dieser panischen Erkenntnis war sie sich bei dieser Sache zweifellos sicher.
Es war etwas beängstigend Anderes. Etwas, das nicht zur Anatomie des Menschen passte.

Es war lang und schmal. Blau-grün schimmernd, mit perlmuttfarbenen Pailetten überzogen. Eine Art Schwanz, aalglatt, der am Ende in eine Herzform überging.

Das konnte unmöglich sein. Sie traute ihren Augen kaum. Was sie da sah, war einerseits höchst trivial und eindeutig und andererseits so unwirklich, weil es einfach nicht in die Welt hineinpasste, die ihr sonst so vertraut war.

Unterhalb ihrer Taille wirbelte ein Schwanz im Wasser.

Genaugenommen eine Schwanzflosse.


Während sie den schwärzesten Tag ihres Lebens noch einmal Revue passieren ließ, verging ein weiterer Tag ohne ihre Mutter. Ihre Haut trocknete allmählich.
Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis sie sich wieder in ihr bekanntes Ich zurückverwandeln würde.

Sie atmete die salzige Meeresluft ein letztes Mal ein, ihr Blick war auf den Pier gerichtet, in dessen Halbschatten ihre Mutter selig schlief. Sie würde sie eines Tages wieder ins Leben zurückrufen, so viel stand fest.
Solange diese Hoffnung bestand, gab es noch keinen Grund Lydia in den Tod zu folgen. Alles was sie tun musste war noch in Erfahrung zu bringen, wie sie es anzustellen hätte.

Das war von nun an ihre neue Aufgabe, vermutlich die wichtigste ihres Lebens.