Sultana - Die Geschichte einer Rahabim

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
OC (Own Character)
31.07.2013
11.04.2016
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Prolog

Die Hütte war eiskalt, das Feuer im Kamin war schon lange erloschen, und eisiger Wind wehte durch die offene Tür hinein. In einem breiten Strohbett lag eine Frau in den Wehen. Das nachtschwarze Haar klebte ihr verschwitzt an der Stirn, obwohl es in der bescheidenen Behausung ebenso kalt war wie draußen.
Der werdende Vater versuchte verzweifelt, die Türöffnung mit einer Strohmatte abzudecken, doch ohne Erfolg. Während er sich abmühte blickte er immer wieder nervös zu seiner Frau, die auf dem Stroh lag und mit der Erschöpfung kämpfte. Sie streckte die Hand nach ihm aus und formte mit den Lippen seinen Namen.
Der Mann war den Tränen nahe. Es konnte gut sein, dass seine Frau die Geburt nicht überlebte, von seinem Kind ganz zu schweigen. Das Geld hatte nicht gereicht, um einen Heiler zu holen, und niemand hatte sich ihrer erbarmen wollen. Selbst die Hebamme, die in ihrem Dorf lebte, war in dieser Nacht bei einer anderen Geburt. Schließlich gab er seine Bemühungen auf und eilte an die Seite seiner Frau, ihre verkrampfte Hand in seine nehmend.
,,Alles wird gut, mein Liebes”, flüsterte er immer wieder, mehr um sich selbst zu beruhigen, denn seine Frau wusste sicher, wie ernst die Lage war.
Ihm war schwindelig. Was, wenn seine Frau starb? Was, wenn sein Kind tot zur Welt kam? Was geschehen würde, wenn beides eintrat, mochte er sich nicht vorstellen.
Plötzlich erschien die Hebamme im Türrahmen. ,,Da bin ich.”
Der Mann bedankte sich überschwänglich dafür, dass sie gekommen war, und bat im selben Atemzug, seine Frau und sein Kind zu retten.
Er zog sich in die Ecke zurück, sich wie ein Kind hinkauernd, und betrachtete die ältere Frau bei ihrer Arbeit. Sie schob vollkommen ungerührt die Hände in die Öffnung der Gebärenden und tastete offenbar nach dem Kind.
Der Vater betrachtete die Hebamme ganz genau, und las von ihren Lippen die Worte:,,Oh je, es liegt quer...” ab. Die jüngere Frau indessen stöhnte leise vor Schmerzen. Zum Schreien hatte sie keine Kraft mehr.
Endlich schaffte die Hebamme es, das Kind herauszuholen. Doch da hatte die Mutter bereits zu atmen aufgehört. Die Alte blickte die Tote und das Neugeborene an, band dann schnell die Nabelschnur ab und durchtrennte sie. Das Baby schrie und schreckte damit den Vater auf, der wie paralysiert seine tote Frau angesehen hatte. Er starrte das Kind an, das inzwischen in ein Geburtstuch, das seine Frau gewoben hatte, eingewickelt war, und nahm es der Hebamme ab.
,,Ist es...?”
,,Ein Mädchen. Und... gesund, wie es scheint. Es tut mir furchtbar leid um deine Frau.” Die Alte seufzte. ,,Ja, ein Leben geht, und eines erwacht. So ist der Lauf der Dinge. Verzeih mir, ich muss gehen. Ich werde den Totengräber schicken, damit er sie abholt.”
Der Mann hörte sie nicht, er sah seine kleine Tochter an und flüsterte:,,Sultana... meine kleine Sultana...”



Kapitel 1
Sieben Jahre später

Ein kleines, schwarzhaariges Mädchen saß auf der Wiese in der Nähe der kleinen Hütte, in der es lebte, und flocht aus Löwenzahn Blumenkränze. Eine Freundin von ihr hatte ihr einmal beigebracht, wie man das machte. Sie wollte einen Kranz für das Grab ihrer Mutter machen, deren Todestag bald wäre. Sie liebte und hasste diese Zeit.
Sultanas Vater war immer sehr besorgt um sie. Sie durfte nicht auf Bäume klettern und alleine im See in der Nähe des Dorfes schwimmen gehen wie die anderen Kinder. Aber in dieser Zeit wurde er immer sogar noch besorgter. Dafür verwöhnte er sie allerdings auch besonders. Oft sparte er das ganze Jahr, damit es am Todestag ihrer Mutter gutes Brot und in guten Jahren sogar Honigkuchen gab.
Trotzdem hätte Sultana gerne mit den anderen Kindern gespielt und hätte jene kleinen Abenteuer erlebt, die die Kindheit so spannend machen.
Leise vor sich hin singend flocht sie Gänseblümchen mit in den Löwenzahn-Kranz und sah zu dem kleinen Bach herüber, der nahe an ihrer Hütte vorbeifloss. Er war nicht tief, sondern ging Sultana nur bis zum Bauchnabel, und sie war nicht sehr groß. Sie sah an sonnigen Tagen wie diesem gerne in den Fluss und stellte sich vor, darin herumzutollen, Fische zu jagen und sich ein kleines Stück weit treiben zu lassen.
Während sie dieses Geschenk an ihre verstorbene Mutter flocht, vergaß das Kind die Zeit, und die Sonne ging bereits unter.
Endlich war der Kranz fertig, und ganz aufgeregt lief Sultana zurück zu der schäbigen kleinen Hütte. ,,Papa!” Sie rannte zu schnell und fiel hin, dabei schlug sie sich das Knie auf.
Sofort füllten Tränen die großen Augen und kullerten wie kleine Wasserfälle über ihre Wangen. Ein klagendes Weinen ertönte aus ihrem mit Zahnlücken bestückten Mund. Sie hatte gerade ihre ersten Milchzähne verloren. Ihr Vater kam aus der Hütte gelaufen und ging neben ihr in die Knie. ,,Sultana! Was ist passiert?”
,,Ich... ich... ich bin hingefallen...”, schniefte das Mädchen. ,,Aua.”
,,Um Himmels Willen!” Er nahm sie auf seine Arme und trug sie hinein. ,,Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass du vorsichtig sein sollst! Was, wenn dein Blut Vampire anlockt?”
Die Augen des Kindes wurden groß. ,,W-wird es das, Papa? Werden die Vampire mich jetzt holen kommen? Ich will nicht, dass die Vampire mich holen kommen! Ich hab Angst, Papa!”
Sultanas Vater seufzte. ,,Nein, diesmal nicht. Aber du musst furchtbar vorsichtig sein.” Er nahm ein einigermaßen sauberes Stück Stoff und verband damit die Schürfwunde. ,,Shhh, weine nicht mehr. Papa ist da. Ich bin immer da. Mein kleines Mädchen.” Das Kind kuschelte sich in seine Arme und wischte sich mit dem Ärmel ihres Kleidchens die Tränen aus dem Gesicht.

Vater und Tochter waren einige Minuten in dieser Position verharrt, als ein plötzlicher Aufruhr vom Dorfplatz sie auseinander trieb.
,,Papa?”, fragte Sultana, halb schlafend. ,,Was ist da los?”
,,Ich weiß es nicht”, antwortete der Mann und legte seine Tochter auf ihr Bett. ,,Ich werde nachsehen. Bleib hier. Egal was passiert, warte, bis ich zurückkomme.” Mit diesen Worten ging er aus der Hütte.
Sultana hob vorsichtig den Kopf, langsam wach werdend. Ihr Papa hatte ihr gesagt, sie solle warten, aber sie wollte unbedingt wissen, was da los war. Also stand sie auf, schlich aus der Behausung und lief zum Dorfplatz.
Alle Bewohner hatten sich dort versammelt, ein angstvolles Raunen ging durch die Menge.
,,Oh mein Gott!”
,,Vampire!”
,,Was wollen die hier?”
,,Unser Hufschmied soll Waffen an Vampirjäger verkauft haben!”
,,Soll das ein Witz sein? Unser Hufschmied weiß nicht einmal, wie man Waffen schmiedet!”
,,Shhh, mach die Vampire bloß nicht auf uns aufmerksam!”
Das Mädchen schlich sich durch die Menge. Ihre Beine zitterten, sie hatte Angst, und doch wollte sie die Vampire sehen. Endlich kam sie an einer Stelle an, von wo sie die sagenumwobenen Herrscher Nosgoths sehen konnte. Und zuerst fiel ihr an ihnen nichts besonderes auf. Sie sahen aus wie Menschen, so weit Sultana es sehen konnte. Aber in dem Moment achtete sie auch mehr auf das Holzgebilde auf dem Dorfplatz. Sie hatte soetwas noch nie gesehen. Es bestand aus einer Plattform und einem langen Holzpfosten. An diesen Holzpfosten war der Dorfschmied gebunden, ein klobiger, großer Mann. Man hatte ihm die Tunika vom Leib gerissen.
Einer der Menschen, die um Sultana herum standen, sagte:,,Ich hab gehört, Garo hat den Vampiren die Information zugespielt...”
Das Mädchen starrte zu dem Mann, der das gesagt hatte, hoch. Garo? Der freundliche Garo? Der sie und die anderen Kinder aus dem Dorf hin und wieder zum Essen zu sich eingeladen hatte? Das konnte doch nicht sein!
Einer der Vampire erhob die Stimme und ließ Sultanas Kopf erneut herumschnellen.
,,Dieser Mann wird des Hochverrats gegen Nosgoth und unseren Gebieter Kain angeklagt. Für solch ein Vergehen gibt es nur eine Strafe: Den Tod. Die Vollstreckung erfolgt, auf ausdrücklichen Befehl des großen Gebieters, jetzt in diesem Moment, auf dass sich niemals wieder einer von euch dazu berufen fühlt, sich uns zu widersetzen.”
Sultana hielt den Atem an. Ihr Herz begann zu rasen vor Angst. Bitte bitte, er darf nicht von meinem Knie angelockt werden, betete sie.
Ein anderer Vampir trat vor. Mit einer Peitsche in der Hand.
Sultana schrie nach ihrem Vater. Sie musste ihn finden. Sie kämpfte sich durch die Menge verängstigter Menschen, bis sie endlich ihren Vater fand und sich fest an ihn drückte. ,,Papa!”
,,Sultana! Ich habe dir doch gesagt, dass du zuhause bleiben sollst!”
Das Kind hörte nicht zu. ,,Papa! Papa! Hab ich sie wirklich angelockt? Ist das MEINE Schuld?”
,,Nein. Nein, Sultana. Nicht deine. Nicht.” Er hob sie auf seine Arme und drückte sie an sich. ,,Komm. Komm mit nach Hause.” Er trug sie davon.

,,Papa, hat Garo den Vampiren wirklich gesagt, dass Veeta Waffen gemacht hat? Warum hat er das gemacht, Papa?” Dem Mädchen liefen Tränen übers Gesicht. ,,Er ist doch so nett! Warum  lässt er zu, dass man Veeta wehtut?”
Ihr Vater wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte nur versuchen, seine Tochter zu beruhigen. Doch im Grunde war er ebenso verängstigt. Ein Verräter unter ihnen, der sie an die Vampire ausliefern würde. Noch dazu würde das Dorf von jetzt an immer unter der Beobachtung der Vampire stehen. Er verstand es einfach nicht. Garo war eigentlich ein sehr umgänglicher Zeitgenosse gewesen, der zudem einen Narren an den Kindern im Dorf gefressen hatte. Manch einer hatte schon gemunkelt, dass er mit ihnen unzüchtige Dinge tat, aber die meisten waren der Ansicht, er mache das, weil er selbst unverheiratet war und keine Kinder hatte. Deshalb ließ er die Kinder, die nichts oder nur sehr wenig hatten, an seinem Wohlstand teilhaben, denn er war der wohlhabendste Mann im Dorf. Aber vielleicht war es deshalb? Bezog er seinen Reichtum von den Vampiren, im Austausch gegen Informationen? Nein, Vampire würden nicht dafür zahlen, sondern es als Bezahlung ansehen, dass sie ihn am Leben ließen.
,,Hör zu, du darfst von jetzt an nicht mehr mit Garo sprechen. Hast du mich verstanden? Sprich nicht mit ihm, schau ihm nicht in die Augen, und nimm seine Einladungen nicht mehr an. Er ist gefährlich.” Ähnliches hörten wohl gerade alle anderen Kinder ebenfalls von ihren Eltern.
,,Ja, Papa.” Einen Moment Schweigen. ,,Papa?”
,,Ja?”
,,Ich hab Angst.”
,,Ich weiß, Sultana. Aber das musst du nicht. Solange wir nichts tun, was den Vampiren nicht gefällt, sind wir sicher.” Nur, dass er sich dessen nicht sicher sein konnte. Zwar war Lord Rahab, auf dessen Gebiet das Dorf lag, nicht so launenhaft wie einige seiner Brüder (zumindest sagte man das), doch er würde seine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass er seine schlechte Laune nie an unschuldigen Menschen auslassen würde. Vor allem jetzt, nachdem herausgekommen war, dass Veeta Waffen für Vampirjäger hergestellt hatte. Es war schon ein Wunder, dass man deswegen nicht das ganze Dorf dem Erdboden gleichgemacht hatte. Aber immerhin lagen in der Nähe des Dorfes einige Eisenminen und eine Goldmine , deren Erträge größtenteils an die Vampire gingen.
Aber das durfte er seiner Tochter nicht sagen. Er wollte sie nicht noch mehr beunruhigen. Er konnte schon von Glück reden, wenn Sultana von dem Erlebten keine bleibenden Schäden behielt. Kinder waren viel zu leicht zu verängstigen. Hatte sie gesehen, wie der erste Hieb Veetas Rücken aufplatzen ließ? Nein. Sie war in dem Moment zu ihm gekommen. Also konnte sie nichts gesehen haben. Zum Glück. Aber sie hatte das Urteil gehört, und auch ein Kind von sieben Jahren konnte mit dem Begriff “Tod” wenn nicht viel, dann doch etwas anfangen. Und das war besorgniserregend. Wie viel Zeit hatte er damit verbracht, seine Tochter von den Gefahren dieser Welt fernzuhalten? In diesem Moment gönnte er Veeta fast sein grausames Schicksal, denn er hatte Sultana und alle anderen Dorfbewohner damit in Gefahr gebracht.