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Big Bad Wolf

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
31.07.2013
31.07.2013
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Es war an einem sonnigen Herbsttag, als die Mutter ihre kleine Alice losschickte, sie solle doch ihrer kranken Großmutter am anderen Ende der Stadt einen Korb mit Medizin und Lebensmitteln vorbei bringen.
„Zieh dir eine Jacke an, es geht ein kühler Wind.“, bat die Mutter besorgt und gab dem Mädchen seinen roten Mantel mit Kapuze. Eben jener Mantel hatte der kleinen Alice zu einem besonderen Spitznamen verholfen, da sie ihn am Liebsten trug, denn er war ein Geschenk ihrer Großmutter gewesen. „Mein kleines Rotkäppchen...“, säuselte die Mutter mit liebevollem Blick auf ihre Tochter, die noch so jung, so unschuldig war, dass jedem gleich das Herz weich wurde, wenn er sie sah. Ein jeder hatte das Rotkäppchen gerne.
„Und dass du mir bloß auf der großen Straße bleibst. Schau dich nicht um, trödel nicht. Geh gleich zu deiner Großmutter und komm danach wieder heim.“, mahnte die Mutter und das Rotkäppchen nickte eifrig. Dann nahm es seinen Korb, zog sich die Kapuze über das haselnussbraune Haar und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Der Weg war an sich sehr einfach. Sie musste nur immer der Straße folgen, von einem Ende der Stadt zum anderen und da sie ihn schon oft gegangen war, kannte sie sich schon gut aus.
Die kleine Alice in ihrem roten Mantel war bereits ein ganzes Stück gelaufen, als sie plötzlich stehen blieb und in eine dunkle Gasse blickte. Dort saß ein großer Hund, der sie aus großen Augen heraus anstarrte und neugierig mit dem Schwanz wedelte. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass er kein Halsband trug und fragte sich, wem er wohl gehörte, dass er hier so alleine herum streunte. Sie hockte sich auf den Boden und lockte ihn mit den Fingern, doch das Tier legte nur den Kopf schief und starrte sie weiter an. Alice legte ebenfalls den Kopf schief und lachte leise. Einen so schönen Hund hatte sie wirklich noch nie gesehen. Er sah aus wie ein Wolf, mit seinem grauen Fell, dem großen Kopf und den leuchtend gelben Augen. Sie hatte keine Angst vor ihm und so richtete sie sich langsam wieder auf und ging behutsam auf ihn zu, auch wenn ihre Mutter ihr verboten hatte, vom Weg ab zu kommen, da die Nebenstraßen nicht sicher seien. Aber das Rotkäppchen war sehr neugierig und konnte sich einfach nicht dagegen wehren.
Gerade als sie das anmutige Tier erreicht hatte und die Finger danach ausstrecken wollte, um es zu streicheln, sprang es auf die Beine und lief davon. „Warte!“, rief das Rotkäppchen aufgeregt und lief ebenfalls los, um ihn einzuholen. „Bleib stehen, ich muss doch sehen, wem du gehörst!“ Sie rannte so schnell ihre Beine sie trugen, immer weiter die verwinkelten Gassen entlang, in die die Sonne nicht hinein schien, da die Gebäude rings umher einfach viel zu hoch waren.
Der wolfsartige Hund bog um eine Ecke und verschwand aus Alice's Sichtfeld, weshalb sie noch einmal ihre Schritte beschleunigte und blindlings gegen einen großen Mann stieß, der hinter der Mauer gestanden hatte. Sie taumelte ein wenig, konnte aber noch gerade so verhindern, zu fallen oder den Korb fallen zu lassen. Der Mann musterte sie überrascht, beugte sich dann aber herab, um dem Hund, dem das Rotkäppchen gefolgt war, eine Leine anzulegen. „Wen hast du mir denn da mitgebracht?“, fragte er mit einem breiten Grinsen und stand wieder auf. Er hatte hellbraunes, fast blondes Haar, das unter dem Deckhaar ganz kurz rasiert war und in buschige Koteletten mündete. Seine Augen leuchteten so gelb wie die des Hundes und hatten das Mädchen fest im Blick. Er war groß und muskulös und wie er sich so aufrichtete, kam es dem Rotkäppchen fast vor, als sei er doppelt so groß wie sie selbst. Seine Kleidung, eine schwarze Lederjacke mit grauem Fell am Kragen und eine ebenfalls schwarze Hose, die in ledernen Stiefeln steckte, verhieß bereits Gefahr, doch da das Mädchen jedem Menschen wohlgesonnen war, fürchtete sie sich nicht. Sie lächelte freundlich und umklammerte den Griff ihres Korbes, der ihr langsam etwas schwer wurde.
„Verzeihen Sie bitte. Ich wollte Sie nicht anrempeln. Ich bin nur dem Hund gefolgt, weil ich wissen wollte, wem er gehört. Ich dachte, er habe sich vielleicht verlaufen.“, entschuldigte sie sich höflich und warf einen kurzen Blick auf das Tier, das seinen großen Kopf an das Bein seines Herrn schmiegte. „So ein höfliches Ding.“, knurrte der Mann mit einem dunklen Grinsen auf den Lippen. „Und was für einen schönen Mantel du trägst.“ Seine große, schwere Hand legte sich auf ihre Schulter und strich darüber, bevor sie nach der Kapuze griff und sie nach hinten zog, wobei er ihr langes, braunes Haar freilegte. Er schnaubte leise und zog die Pranke dann wieder zurück.
„Wo geht es denn hin, wenn ich fragen darf?“, wollte er wissen, fixierte sie noch immer mit seinen hungrigen Augen. „Zu meiner Großmutter. Sie ist krank und ich bringe ihr Medizin und etwas zu Essen. Sie wohnt in einem kleinen Haus am anderen Ende der Stadt.“, erzählte das Rotkäppchen und zog den Korb etwas dichter an sich.
„Hast du denn gar keine Angst, ganz alleine einen so weiten Weg zu gehen?“, fragte der Fremde mit einem wölfischen Grinsen und kurz konnte das Mädchen sehen, wie seine Zunge ein Stück nach vorne schnellte und er sich über die Lippen leckte. So betrachtet hatte er viel Ähnlichkeit mit dem Hund neben sich, doch Alice behielt ihr sanftes Lächeln auf und dachte sich nichts weiter dabei. Sie fand es schön, so interessante Menschen kennen zu lernen und bisher war der Mann sehr freundlich gewesen. „Nein, ich habe keine Angst. Bisher ist mir noch nie etwas geschehen.“, antwortete sie ehrlich und lächelte noch etwas breiter. Der ältere lachte leise, doch sie verstand nicht, warum.
„Hat deine Mutter dir denn nicht gesagt, dass man nicht mit Fremden sprechen soll?“, fragte er wieder und lachte erneut. Das Rotkäppchen nickte zögerlich. „Ja, das hat sie, aber ich habe nie verstanden, warum. Sie scheinen doch sehr nett zu sein. Sie lachen sehr viel und meine Mutter hat auch immer gesagt, ein Mensch der viel lacht, der kann nur freundlich sein.“
Jetzt lachte der Mann richtig laut und hielt sich sogar den Bauch. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Das Mädchen runzelte fragend die Stirn, doch er winkte nur ab. „Nicht doch. Ich wünschte nur, mehr Menschen wären so wie du.“, schmunzelte er und das Rotkäppchen wurde etwas verlegen.
„Ich muss jetzt leider gehen. Meine Großmutter wartet auf mich und meine Mutter sagte, ich solle mich beeilen.“, gestand sie und sah wieder auf den schönen Hund, den sie so gerne gestreichelt hätte. Aber sie wollte nicht unhöflich sein, schließlich gehörte er diesem Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte. „Warte. Du hast mir gar nicht deinen Namen verraten.“, sagte der Fremde und machte einen Schritt auf sie zu. Alice wich nicht zurück, auch wenn er jetzt schon sehr nahe vor ihr stand. „Mein Name ist Alice Summers, aber alle nennen mich nur Rotkäppchen, wegen dem Mantel.“, stellte sie sich höflich vor und streckte ihre Hand aus. „Und wie heißen Sie?“ Die Pranke des Älteren griff nach ihrer kleinen Hand und schüttelte sie mit festem Griff. Sie war rau und warm. „Sykes.“, knurrte er knapp und schnalzte mit der Zunge. Dann ließ er sie wieder los und zog ihr die Kapuze wieder über den Kopf, schließlich hatte er sie ihr auch herunter gezogen. „Dann wünsche ich dir noch eine gute Reise, kleines Rotkäppchen. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann wieder.“, verabschiedete er sich, zog an der Leine und marschierte mit seinem treuen Gefährten davon.
Alice sah den beiden nach und konnte so hinten auf der Lederjacke des Mannes einen Schriftzug erkennen, der in schiefen Lettern die Worte „Big Bad Wolf“ zeigte. Das passte zu ihm, wie das kleine Rotkäppchen fand, aber so ungewöhnlich diese Begegnung auch gewesen war, sie musste jetzt schnell weiter, um zu ihrer Großmutter zu gelangen.

Es hatte ein wenig gedauert, bis das Rotkäppchen den Rückweg durch die labyrinthartigen Gassen zurück zur Straße gefunden hatte, doch jetzt war sie wieder auf direktem Weg zum anderen Ende der Stadt. Schon bald erkannte sie das kleine, etwas abgelegene Haus, in dem ihre kranke Großmutter lebte und so klopfte sie an der Tür.
„Komm herein!“, drang eine Stimme durch die schwere Holztür und das Mädchen drückte die Klinke hinab, um einzutreten. Im Haus war alles still und mit langsamen Schritten ging Alice zum Schlafzimmer, damit sie die alte Frau begrüßen konnte. Diese saß aufrecht in ihrem Bett und starrte aus großen Augen heraus zur Tür. „Großmutter... Warum machst du so große Augen?“, fragte die Kleine vorsichtig. „Damit ich sie besser sehen kann...“, antwortete die Frau mit bebender Stimme. Das Rotkäppchen sah sich um, konnte hier aber sonst niemanden erkennen.
Die Großmutter griff sich mit der Hand ans Ohr und formte sie zu einer Muschel. „Großmutter... Warum machst du so große Ohren?“, fragte Alice wieder. „Damit ich sie besser hören kann...“, flüsterte die Frau ängstlich. Das Rotkäppchen blieb still und lauschte, konnte aber nichts hören.
„Großmutter... Warum hast du solche Angst?“, fragte das Kind nervös und stellte den Korb auf dem Fußende des Bettes ab, doch sie bekam keine Antwort.

„Wer hat Angst vor'm bösen Wolf...?“, summte eine tiefe Stimme hinter ihr und das Rotkäppchen fuhr erschrocken herum. Da stand eine Horde schwarz gekleideter Männer mit Wolfsmasken vor dem Gesicht und jeder von ihnen hatte einen Hund dabei, die dem des Fremden aus der Stadt sehr ähnlich sahen. In der rechten Hand trugen sie jeweils einen Baseball-Schläger, mit dem sie sich auf die linke Handfläche schlugen, was ein grausiges Klatschen verursachte, das den ganzen Raum erfüllte.
Die Großmutter griff nach der Hand des Mädchens und zog sie verängstigt zu sich. „Was wollt ihr in diesem Haus?“, rief das Rotkäppchen, doch die Männer lachten nur. Da holte auch schon der Erste aus und zerschmetterte mit einem Schläger die Stehlampe in der Ecke neben der Tür. Großmutter und Alice zuckten heftig zusammen, stießen beide einen spitzen Schrei aus. „Hören Sie auf damit. Sie machen hier alles kaputt!“, fiepste die Kleine aufgeregt, doch da schlug auch schon der Nächste zu und zertrümmerte eine Vase, die bis eben noch auf einer Kommode vor dem Bett gestanden hatte. Wasser und Scherben fielen auf den Boden. Jetzt legten sie alle los und schlugen innerhalb von kürzester Zeit alles kurz und klein. Die Hunde umringten dabei das Bett und knurrten wütend und bedrohlich.
„Hören Sie auf! Wieso tun Sie das?“, kreischte das Rotkäppchen, während ihre Großmutter zu weinen anfing. Die Männer hielten inne und richteten ihre Blicke auf sie, lachten dabei gefährlich und überlegen. „Du hast die Wahl, kleines Rotkäppchen. Entweder du gehst mit uns oder wir zünden das Haus an!“, rief einer von ihnen mit dunkler Stimme, woraufhin das Mädchen erstarrte.
„Geh nicht weg, Alice. Bleib bei mir.“, weinte die alte Frau und umklammerte ihre Hand fest. Einer der Männer packte eine Schachtel Streichhölzer aus, während ein anderer eine Flasche in die Hände nahm, in die er ein weißes Tuch gesteckt hatte. Musste so etwas wie eine Bombe sein, Alice hatte das schon einmal in den Nachrichten gesehen.
Eine Entscheidung musste getroffen werden. Die Kleine zweifelte nicht daran, dass die Einbrecher ihre Drohung wahr machen würden, sie verstand nur nicht, zu welchem Zweck sie das alles taten. Aber für sie war klar, dass sie ihre Großmutter beschützen musste, weshalb sie ihre Hand los ließ und auf die Männer zu ging, unter den wachsamen Augen der Wolfshunde. „Wenn Sie versprechen, sofort von hier zu verschwinden und meine Großmutter in Frieden zu lassen, dann werde ich mit Ihnen gehen.“, beschloss sie mit etwas zitternder Stimme. Wieder lachten die Eindringlinge und dann griffen auch schon zwei von ihnen links und rechts nach den Armen des Mädchens und zogen sie mit nach draußen. Die Großmutter weinte und schrie, doch sie wurde einfach im Bett zurück gelassen. Wenigstens hielten sie ihr Wort und verschonten sie, auch wenn das Rotkäppchen keine Ahnung hatte, wo man sie jetzt hin bringen würde. Und vor allem, warum sie so etwas taten.
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