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[Leseprobe] Schwarz Weiß

von Kakyuu
LeseprobeDrama, Tragödie / P18 / Gen
29.07.2013
10.02.2014
1
3.809
1
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29.07.2013 3.809
 
Vorwort: Dieses Buch war einmal eine Fanfiction. Und seit mindestens sieben Jahren unangetastet, bis ich fand, dass Slenderella einen Ausflug nach draußen braucht. Und deswegen wurde sie umgeschrieben und zu einem Buch.

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Schwarz Weiß


***



Kapitel 1:
28. Oktober 1935 – Deutsches Reich, Stuttgart

»Ein süßes Ding.« Weber tätschelt über ihren Kopf, zuckt aber bei der großen Narbe an ihrer Seite zurück. Was gibt’s da überhaupt zu tätscheln? Swanhilda ist vier-zehn. Da tätschelt man nicht mehr, da gibt man Hand-küsse. Vielleicht macht er das nicht, weil sie so klein ist.
Ihr Vater lächelt jovial und führt Weber ein paar Schritte von ihr weg, sie bleibt allein in dem großen Treppenhaus zurück, das sie mehr an einen Palast als an ein Haus erinnert. Sie hasst es, hier zu sein, seitdem ihre Mutter tot ist.
»Spricht sie gar nicht?«, fragt der neugierige Weber und deutet auf sie.
»Nein, seit dem bedauerlichen Vorfall mit meiner Frau … Sie wissen ja.«
Nein, Weber weiß nicht. Aber Swanhilda weiß. Be-dauerlicher Vorfall ist doch eine nette Umschreibung dafür, dass ein paar Soldaten ihre Mutter kaltblütig er-mordet haben. Einfach so. Weil sie da war. Ihr Blick wandert in der Halle umher und erblickt das Porträt ihrer Mutter, in Öl gemalt, lächelt sie auf Swanhilda hinab und trägt dazu französischen Chiffon, der so wunderbar knistert.
Jetzt reden ihr Vater und Weber über Siegfried. Seit-dem sie nicht mehr spricht, scheint jeder zu denken, sie sei auch taub, aber sie kann sehr gut hören. Und manchmal ist es wirklich informativ, wenn alle Welt einen für blöde hält. Da bekommt man Sachen zu hören, die nicht für die eigenen Ohren bestimmt sind. Von Waf-fen, von der SS, vom allwissenden Führer und von Goeb-bels Affären. Die Sachen sind blutrünstig, unterhaltsam und sie triefen vor Pathos, aber Swanhilda hört sie gern, einfach nur deswegen, weil sie sie nicht hören dürfte.
»Wir gehen in den Salon«, sagt ihr Vater und schiebt Weber mit einem Seitenblick auf sie vorwärts. Wahr-scheinlich ist der nur wieder da, um sich nach ihrem Bruder Siegfried zu erkundigen. Aber Siegfried ist mal wieder unterwegs. Und Swanhilda weiß, dass er nicht da ist, wo er sein sollte. Ihr untadeliger Bruder vergnügt sich nämlich lieber mit Tänzerinnen, anstatt irgendwel-chen Treffen der HJ beizuwohnen. Es dauert schließlich noch ein Jahr, bis er in die SS eintreten darf. Und seine blöden Abzeichen hat er auch schon, dafür hat natürlich Vaters schützende Hand gesorgt.
Weil sie sowieso nichts mit sich anzufangen weiß, geht sie ihrem Vater und Weber einfach hinterher. We-ber riecht immer irgendwie nach Pferd, das mag sie gern, aber ihn selbst kann sie nicht leiden. Er ist ein Schleim-beutel und er redet so arrogant und ohne Substanz, dass sie das Gefühl hat, ihr könnten jeden Moment die Ohren bluten, wenn er weiterquatscht.
Sie bleibt einfach in der Tür zum Salon stehen. Weber schaut sie irritiert an, aber ihr Vater winkt ab.
»Lassen Sie das Kind doch. Sie ist seit der Sache ziem-lich …«
»Wird sie denn behandelt?«, erkundigt sich Weber, geheuchelt mitfühlend.
»Natürlich. Der Arzt sagt, es kann nur noch Tage dauern, bis sie wieder spricht. Es ist ein Trauma … nichts Ernstes.« Ihr Vater steckt sich eine Zigarre an.
Nichts Ernstes … schießt es Swanhilda durch den Kopf. Klar. So ernst wie es eben sein kann, wenn man die eigene Mutter in ihrem Blut liegen sieht und kurz darauf erschossen wird. Es ist zwar nur ein Streifschuss gewe-sen, aber Swanhilda sagt in Gedanken immer: »erschos-sen«. So hat es sich nämlich angefühlt.
»Ach, wäre auch schade um das schöne Kind«, ätzt Weber mit seiner Schleimerstimme.
Swanhilda ballt die Fäuste.
»Und wie ist es Sturmbannführer Dallmann ergangen nach der Sache? Ich meine … wie unangenehm! Auf die Tochter des Brigadeführers zu schießen. Das muss doch …« Weber lässt den Rest des Satzes im Raum stehen.
Ihr Vater lächelt. »Ich habe ihn befördert. Ein guter Mann. Ein wenig übereifrig, doch wie hätte er meine schmutzige Tochter identifizieren sollen? Er kennt seine Pflichten gut und unter anderen Umständen wäre sein Handeln vollkommen richtig gewesen. Dafür kann ich ihn doch nicht bestrafen?«
Nein, natürlich nicht, denkt sie böse und lässt ihre Finger knacken, aber die zwei Herren bemerken das nicht, denn ihr Vater hat das Grammophon angestellt und Zarah Leanders Stimme klingt durch den Salon.
Wenn es nach Swanhilda ginge, dann hätte dieser Sturmbannführer, oder was auch immer er jetzt ist, da-für bezahlen müssen, was er ihr und ihrer Mutter ange-tan hat.
»Das ist einzig die Schuld meiner Frau, dieses tragi-sche Missverständnis«, greift ihr Vater das Thema wie-der auf. »Nicht die Schuld von Standartenführer Dall-mann.«
»Da haben Sie sicherlich recht«, behauptet Weber, obwohl er gar nicht so aussieht, als verstünde er wirk-lich, was in Brigadeführer von Stahl vorgeht.
Er zündet sich eine Zigarre an und trinkt Vaters Cog-nac leer. »Und Siegfried? Wie geht es dem Jungen? Man hört ja nur Gutes.«
»Ein prächtiger Bursche.« Immer wenn es um ihren Bruder geht, gerät ihr Vater ins Schwärmen. Das mit den Tänzerinnen weiß er zwar, aber er tut so, als gäbe es das nicht. »Der wird noch in meine Fußstapfen treten, da bin ich mir sicher.«
Weber nickt zustimmend und die Glut seiner Zigarre fällt auf den polierten Fußboden aus Eichenholz.  »Hat er sich schon für etwas entschieden?«
Brigadeführer von Stahl schüttelt den Kopf. »Ach, Sie wissen doch, wie die jungen Burschen sind. Heute dies, morgen das. Und ich muss Sie warnen, falls sie vorha-ben, Siegfried zum Pferdenarren zu machen, dann krie-gen wir beide ganz schön Ärger.«
Die beiden Herren lachen über diesen Witz. Na klar. Jeder hält die SS-Reiterstandarten für eine überholte Truppe und sie werden belächelt, wo es nur geht. Weber und seine Pferdenarren, so nennen die anderen Offiziere ihn und seine Staffeln. Aber Weber ist das egal. Er be-hauptet, im Krieg wäre die Reiterei unerlässlich. Und wenn schon nicht auf dem Schlachtfeld, dann doch im Vaterland, da sie mit dem natürlichen Respekt gegen-über der Kavallerie für Ordnung sorgt. Hohle Phrasen, wie Swanhilda weiß. Ihr Vater wird darüber nachher wieder sprechen, sobald Weber aus dem Haus ist. Manchmal weiß sie nicht, ob er mit sich selber spricht oder mit ihr, aber er wettert eigentlich immer über We-ber und seine Pferdenarren. Und er hält ihn für einen Proleten. Empfangen muss er ihn aber trotzdem. Weil es sich so gehört. Außerdem bekleiden sie denselben Dienstgrad.
Dabei hat Weber merkwürdige Bekanntschaften, auch zu Juden und das geht natürlich gar nicht, selbst wenn er sie angeblich nur geschäftlich pflegt. Mit Juden Geschäfte machen … Das findet ihr Vater empörend.
Die beiden sind aufgestanden und laufen im Salon umher. Swanhilda sieht gerade noch den Zipfel des vä-terlichen Waffenrocks, aber sie geht dieses Mal nicht hinterher. Sie hat keine Lust mehr, ihre Gespräche zu belauschen, also verschwindet sie in der Küche. Das Hausmädchen der von Stahls ist schon nach Hause ge-gangen, aber der große Marmeladentopf steht noch auf dem Herd, woraus Swanhilda sich heimlich bedient.
Die frisch gekochten Erdbeeren sind verlockend süß und duften so gut. Sie steckt die Finger in die Marmela-de. Das mag das Hausmädchen überhaupt nicht, aber traut sich auch nichts mehr zu sagen, nachdem sie Swanhilda einmal mit dem Kochlöffel geschlagen hat. Sie hat nämlich, ohne eine Miene zu verziehen, zurück-geschlagen. Die Beule ist riesig gewesen und danach hat sich das einfältige Ding nicht mehr getraut, der einzigen Hausherrin zu widersprechen, die es im Anwesen der von Stahls noch gibt.
Swanhilda hört die Schritte aus dem Flur und klettert artig wieder vom Hocker, den sie mit ihrem Fuß unter den Tisch schiebt.
Beide Herren verabschieden sich wortreich, Weber wie immer schleimig, ihr Vater entnervt, allerdings lie-benswürdig für das ungeschulte Auge. Obwohl sie ihn hasst, kann sie ihren Vater wie ein offenes Buch lesen. Seine Ungeduld und seine Antipathie kann er gut ver-bergen, jedenfalls vor Fremden. Aber sie sieht genau das ungeduldige Zucken seiner Finger und hört am Scharren seiner Stiefel, dass er Weber lieber jetzt als gleich los wä-re.
Sie auch. Ob sie dem Herrn mal sagen sollte, dass er gehen muss? Der würde gucken. Aber sie mimt lieber weiter die Stumme und stellt sich artig neben ihren Va-ter, um Weber beim Abschied zuzulächeln. Das Lächeln, vor dem sich die anderen Kinder immer fürchten, weil es ihre Augen niemals erfasst. Totenkopflächeln nennt Sieg-fried es. Sie findet, dass es passt.
»Es war mir ein Vergnügen, kleines Fräulein«, sagt Weber und tätschelt wieder ihre Wange, als wäre sie schwachsinnig oder gerade einmal vier Jahre alt. »Wir sehen uns nächste Woche wieder.«
Was? Nächste Woche? Wieso denn das? Er bemerkt ihren fragenden Blick. »Na, beim Empfang.« Er zwinkert verschwörerisch. »Wenn du möchtest, dann tanze ich auch mit dir. Aber nur, wenn du bis dahin wieder sprichst.«
Ihr Vater lacht über diesen blöden Kommentar, Swanhilda selbst beißt sich beinahe die Zunge ab.
»Brigadeführer, ich danke Ihnen für Ihre Gastfreund-schaft«, liebedienert Weber und ist endlich aus der Tür.
Ihr Vater sieht ihm nach, während Swanhilda ihre Bluse zurechtrückt und sich an den Türrahmen lehnt. Ihr Rock bauscht sich im aufkommenden Wind, der durch die Einfahrt weht, während Weber zu seinem funkelna-gelneuen Mercedes geht. Ein edles Ding, ganz in schwarz, wunderbar verchromt und garantiert schnell. Schnelle Dinge mag Swanhilda, allerdings bevorzugt sie es, wenn diese Dinge vier Beine haben und nicht vier Reifen.
»Weber«, sagt ihr Vater kopfschüttelnd.
»Hurensohn«, sagt Swanhilda laut.

Empfänge sind so ziemlich das Blödeste, was es gibt, jedenfalls wenn man Swanhilda fragt. Da muss man ein Kleid anziehen, blöd reden und sich immer abschmatzen lassen. Und natürlich um zehn Uhr verschwinden, wenn es gerade interessant wird. Außerdem haben sie immer einen Anlass, der sie nicht betrifft. Mal wieder Siegfried natürlich. Irgendein olles Abzeichen, das er sich mit Va-ters Hilfe erschwindelt hat, während er mit Negermäd-chen tanzte. Siegfried hat eine Schwäche für Mulatten und Schwarze und sicher nichts getan, um sich dieses Kreuz oder Abzeichen, oder was auch immer es ist, zu verdienen.
Also trägt Swanhilda jetzt ein Ungetüm aus ra-schelndem Chiffon, der dem in dem Porträt ihrer Mutter so ähnelt und ihr Vater denkt ernsthaft, er habe ihr da-mit ein Geschenk gemacht. Kurz nach ihrem ersten Wort, seit über einem Jahr, war er mit ihr einkaufen, um sie zu belohnen. Wie glücklich er doch jetzt wieder sein kann, der Sohn wird geehrt und die Tochter ist kein Son-derling mehr, über den hinter vorgehaltener Hand getu-schelt wird. Also gab es ein Pony und ein Kleid. Was man Mädchen halt so schenkt.
Das Pony ist ganz nett, aber es ist eben ein typisches Damenpony, ein Schimmel, auf den Verlass ist. Swan-hilda mag weder Ponys noch Schimmel, aber einem ge-schenkten Gaul … Jetzt hat sie das blöde Kleid und das blöde Pony, das sie hochtrabend Sommerabend genannt hat. Ein dummer Name für ein ziemlich dummes Pony. Und ein ziemlich dummes Mädchen. Sie verflucht sich dafür, dass sie ihr Schweigen gebrochen hat, denn nun spricht ihr Vater nicht mehr so offen vor ihr und stellt Fragen, auf die sie keine Antwort weiß.
Ob sie denn wohl schon einen guten, arischen Bur-schen ausgemacht hätte … Wie bitte? Wo hätte sie denn einen kennenlernen sollen? Die alten Säcke auf den Emp-fängen sind gefühlte hundert Jahre älter als sie. Und Brigadeführer von Stahl gibt sich sicherlich nicht mit irgendeinem Hanswurst zufrieden. Sie sich allerdings auch nicht.
Heute ist einfach alles blöd. Sogar das Hausmädchen, Nina. Nina pfuscht die ganze Zeit an ihren Haaren her-um und ist nie zufrieden, wegen der Narbe.
»Was kann ich denn dafür?«, herrscht sie Nina an und wirft die Haarbürste nach ihr. Als hätte sie sich die-se verdammte Narbe ausgesucht! Lächerlich.
»Der Herr hat ausdrücklich betont, dass du hübsch aussehen sollst«, motzt Nina in sich hinein, hebt die Bürste auf und fängt schon wieder an zu kämmen. Als könnte sie das nicht selber!
»Halt still«, zischt das Hausmädchen und fummelt ihre Haare merkwürdig zusammen, sodass es aussieht, als würde ein Vogel darin nisten.
»Schneid sie ab«, befiehlt Swanhilda.
»Das geht nicht, dann sieht jeder deine Narbe.«
»Schneid sie ab!«, faucht sie. »Alle Damen tragen Kurzhaarschnitte. Ich will nicht aussehen wie ein kleines Kind.« Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Realität sagt viel eher aus, dass sie provozieren und sich gleichzeitig von dem Bildnis in Öl entfremden will, das im Flur hängt. Denn mit den langen Haaren sieht sie aus wie ihre Mutter. Und sie ist sich nicht sicher, ob sie das noch län-ger ertragen kann.
»Schneid ab«, wiederholt sie.
Nina beäugt sie unglücklich. Die Sache mit dem Kochlöffel hat sie wohl nur zu gut im Gedächtnis. Aller-dings ist ihre Furcht vor Brigadeführer von Stahl stärker.
»Das geht nicht, Swanhilda.«
»Klar geht das. Schere – abschneiden.«
»Du klingst wie ein Junge. Ein junges Mädchen wie du sollte sich schleunigst einen anderen Ton angewöh-nen.«
»Vielleicht ist es, weil ich meine Stimme so lang nicht mehr gebraucht habe«, sagt Swanhilda mit einem schleimigen Lächeln, das Weber Konkurrenz macht. Gottlob ist Nina so blöd wie der heutige Tag.
»Einverstanden, Fräulein. Aber dass mir nachher kei-ne Klagen kommen. Dein Vater hat mir befohlen, eine waschechte Dame aus dir zu machen.«
Also gibt es für Swanhilda einen hübschen Pagen-schnitt mit Wasserwellen, was zwar ein wenig altmo-disch ist, aber ihr ein viel erwachseneres Äußeres be-schert. Wenn sie doch jetzt nur einen Ersatz für das Chif-fonkleid hätte!
Siegfried steht in der Tür und guckt ungläubig.
»Was ist denn mit dir passiert?«
»Ich habe eine neue Frisur«, entgegnet sie ungerührt.
Sie mag ihren Bruder an sich gerne. Nur das, was er tut, kann sie nicht leiden. Aber wenn sie zu Hause sind, kommen sie beide eigentlich gut miteinander aus, sofern das Thema nicht gerade Siegfrieds Lebensstil ist.
»Meine kleine Schwester wird erwachsen«, grinst er und kommt zu ihr herüber.
»Ich hab versucht, ihr das auszureden«, sagt Nina anklagend, doch Siegfried winkt das Mädchen hinaus. Swanhilda weiß, dass er mit ihr schläft, obwohl Nina nicht gerade schwarz ist, sondern arisch durch und durch. Blond, blauäugig und fett wie ein Baumstamm. Sie kann die beiden manchmal hören. Ob Siegfried über-haupt an einer Frau vorbeigehen kann, ohne ihr unter den Rock zu greifen? Wahrscheinlich nicht.
»Komm, Vater wartet.«
Siegfried trägt einen hübschen Anzug, aber sie weiß, dass er viel lieber schon eine schmucke Paradeuniform tragen würde, aber die gibt es eben nur für SS-Anwärter. Die HJ ist ihm einfach viel zu albern und kindlich.
Sie stößt seine Hand beiseite. Wer erschossen wurde, braucht keine helfende Hand. Und schon gar keine, die normalerweise die Brüste von schwarzen Frauen lieb-kost.
»Sei doch nicht immer so«, raunt Siegfried ihr zu, als sie die Treppe hinunter gehen.
»Wie?«
»Na … so eben. Du benimmst dich wie ein Prolet.«
Das Wort mag Swanhilda gar nicht, weil es sie auf die gleiche Stufe mit Weber stellt. »Sag das noch einmal und ich schwöre dir, dass ich dich bei Vater verpetze.«
Entwaffnet hebt Siegfried die Hände und fährt sich dann, um seinen Schrecken zu überspielen, über das po-madisierte, blonde Haar. »Schon gut, schon gut. Ich sag’s nicht mehr.«
Trottel. Das vergisst er doch eh bald wieder.
Am Fuße der Treppe ist schon viel los. Halb erwartet Swanhilda ihre Mutter unter all diesen Menschen zu sehen. Als Gastgeberin war Apolonia von Stahl immer eine herausragende Figur. Aber es ist nur das Porträt ihrer Mutter, das noch da ist und über das Wohlergehen der Gäste wacht.
Eigentlich will sie sich unauffällig davonstehlen, doch ihr Vater nimmt sie am Arm und begutachtet ihre neue Frisur.
»Was soll denn das?«
»Du hast doch gesagt, ich solle wie eine Dame ausse-hen.«
Das kann nicht einmal er leugnen, also seufzt er nur und streicht ihr über die Schulter. »Mein Kind, ich wünschte, du hättest dir die Haare nicht abgeschnitten. Sie erinnern mich so sehr an deine Mutter.«
Die du auf dem Gewissen hast, denkt sich Swanhilda ihren Teil. Wenn es noch Zweifel daran gegeben hat, dann sind sie ausgelöscht, seitdem sie von der Beförde-rung für den Sturmbannführer erfahren hat, der an alle-dem schuld ist.
Und der ist auch noch hier! Sie erkennt ihn unter Tausenden, sein Blick ist so distanziert und kühl wie immer, das haselnussbraune Haar zurückgekämmt und das strenge Profil wirkt unpassend für ein so heiteres Fest. Aber er ist hier.
Swanhilda erlebt den schrecklichen Moment noch einmal. Sie hört seine Stimme, die ihr befiehlt zu laufen, sie riecht den Duft der Sommerblumen, die sie einhüllen, als sie fällt. Der Geruch der Stallungen ist beinahe greif-bar, das weiße Gesicht ihrer Mutter holt sie ein. Er hat sie nicht bemerkt, er spricht mit Weber.  Auch das noch. Die beiden zusammen sind schlimmer als die Pest.
Sturmbannführer Hagen Dallmann wendet sich ab und erblickt sie. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, aber es ist ebenso wie bei ihr, es kommt niemals bei sei-nen Augen an. In gewisser Weise sind sie sich dadurch sehr ähnlich, weil ihre Aura einander gleicht. Nur aus unterschiedlichen Gründen.
Als wäre der Blick noch nicht genug, lässt er Weber achtlos stehen und kommt näher.
»Fräulein von Stahl«, begrüßt er sie und er … ausge-rechnet er! Er küsst ihre Hand. Tapfer unterdrückt sie ein Schaudern.
»Sie tragen mir diese traurige Begebenheit doch nicht etwa nach?«, flüstert er beinahe, sodass sie bei der Laut-stärke die Ohren spitzen muss. »Sie verstehen sicherlich, dass ich nicht gegen meine Befehle handeln konnte, aber wenn ich geahnt hätte, dort auf Sie zu treffen …« Was dann gewesen wäre, lässt er im Raum stehen. Sie will es auch gar nicht hören.
Zum Glück rettet Siegfried sie, der Dallmann schnell die Hand schüttelt. »Sie habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.«
»Ich war leider unabkömmlich«, bedauert der Heuch-ler und wendet seinen Blick nun Siegfried zu. Aber Swanhilda kann ihm ansehen, was er von ihrem Bruder hält. Ziemlich deckungsgleich mit ihrem Meinungsbild. Verschwörerisch lächelt er ihr zu, als Siegfried nicht hinsieht.
»Wie lange ist es jetzt her, seitdem wir uns gesehen haben?«, fragt er sie.
»Ein Jahr.«
»Man hat mir berichtet, dass Sie kein Wort sprächen. Aber jetzt tun Sie es doch. Wie kommt das?«
»Mir erschien die Gelegenheit passend«, gibt sie hochmütig zurück.
»Wie wahr«, antwortet er und prostet ihr mit dem Cognac Glas zu, bevor er seine Aufmerksamkeit endlich wieder von ihr abwendet.
»Komm, ich stelle dich Vaters Sekretär vor. Der wäre bestimmt was für dich.«
Swanhilda bezweifelt, dass dieses Weichei »etwas für sie ist«. Sie kennt Ludwig schon und sie hält ihn für eine rückgratlose Kreatur, die ihr Fähnchen nur nach dem Wind richtet. Eigentlich kriecht er mehr durch sein Le-ben, als dass er aufrecht steht. Ludwig riecht immer nach billigem Parfum und er hat eine Brille. Mal ehrlich … eine Brille? Er sieht aus wie ein Maulwurf und er stottert, wenn er aufgeregt ist.
Kaum interessant für die Tochter eines Brigadefüh-rers.
»Ich will nicht mit ihm sprechen«, sagt Swanhilda zu Siegfried.
»Meinetwegen«, seufzt er und bleibt am Kamin im Salon stehen.
Ein paar anwesende Herren haben ihre blasierten Frauen mitgebracht. Sie tragen den Lippenstift zu dick und die Nase zu hoch. Swanhilda mag die Schickeria nicht, die bei ihnen ein- und ausgeht.
»Du musst dich auch mal amüsieren«, behauptet Siegfried, als er von seinem Cognac nippt.
»So wie du?«, fragt sie spitz, aber auf dem Gesicht ih-res Bruders breitet sich nur ein Lächeln aus.
»Genau. So wie ich.«
»Schade. Vater lädt nie schwarze Männer für mich ein.«
»Swanhilda«, sagt Siegfried entsetzt und verschüttet beinahe seinen edlen Drink.
»Du bist vierzehn. Geht es vielleicht noch etwas zyni-scher?«
»Sicher«, entgegnet sie und späht durch den Raum. Sie weiß, dass einige der anwesenden Männer sie anstar-ren. »Was hast du den Männern über mich erzählt, dass sie so glotzen?«
»Ich haben nur gesagt, dass sie nach meiner liebrei-zenden Schwester Ausschau halten sollen.«
Warum sollten sie das tun? Swanhilda hat kein Inte-resse an ihnen allen. Der SS begegnet sie seit der Sache in Altenahr mehr als nur zurückhaltend. Immerhin ist die-ser Verein schuld an ihrem Unglück. Warum ist Siegfried überhaupt so heiß auf den Dienst? Das will nicht in ihren Kopf. Wenn sie die Wahl hätte, sie würde nie wieder ein Wort mit einem SS-Mann sprechen. Aber das wird schwierig in diesem Haushalt.
Siegfried ruft ihr etwas hinterher, als sie sich ihren Weg durch die plaudernden Gäste bahnt und sich zur Gartentür schleicht. Sie hat kein Wort verstanden, aber was kann es schon gewesen sein? Nichts von Belang, soviel ist mal sicher.
Im Garten fühlt sie sich, als sei sie aus der Höhle des Löwen entkommen. Draußen auf dem Kies reihen sich die funkelnden Automobile aneinander. Reiche Leute sind hier, wenn man sich ihre Wagen so ansieht. Ein Al-pha Romeo fällt ihr besonders ins Auge. Italienische Wa-gen sind zurzeit sehr in Mode, allerdings auch ver-dammt teuer.
»Bewundern Sie meinen Wagen, Gnädigste?«, fragt die Stimme, die sie im Schlaf verfolgt. Toll, der hat ihr noch gefehlt.
»Nein«, antwortet sie.
»Es ist auch nur eine Leihgabe«, erwidert Dallmann.
Warum erzählt er ihr das?
»Mein liebes Fräulein von Stahl, ich bin Ihnen natür-lich nicht ohne Grund gefolgt, aber ich kam nicht umhin zu denken, dass dieses Missverständnis zwischen uns noch nicht aus der Welt geschafft ist.«
Missverständnis? Swanhilda schaut ihn an, sie muss sich beherrschen, ihn nicht auf der Stelle anzuspucken, ihm die Augen auszukratzen, oder sonst irgendetwas zu machen, das ihr Vater in dem Gedanken bestärkt, dass man sie schleunigst verloben müsse.
»Was ist daran ein Missverständnis, wenn Sie erst meine Mutter erschießen und anschließend mich?«
»Ach, aber Fräulein«, sagt er charmant. »Sie wissen doch, der Soldat gehorcht seinen Befehlen. Und ich bin auch nicht mehr als ein kleiner Soldat.«
»Standartenführer«, korrigiert sie. Das ist überhaupt nichts Kleines. Wem will er denn was vorlügen? Sie ist die Tochter eines Brigadeführers und weiß, wie der Hase läuft.
»Zürnen Sie doch Ihrem Vater«, bittet er sie. »Aber nicht mir.«
»Das tue ich, darauf können Sie sich verlassen.«
Er lacht leise. »Wunderbar. Dann brauchen Sie mir nicht mehr böse zu sein.«
»Ich kann auch zwei Herren gleichzeitig hassen, da-mit habe ich überhaupt keine Probleme«, antwortet sie böse. »Und wenn es mir gefällt, könnte ich vielleicht auch noch meinem Vater erzählen, dass Sie versuchen, mich gegen ihn aufzubringen.«
Leider erschreckt ihn das überhaupt nicht. Er lacht nur lauter. »Sie haben Temperament. Das mag ich. Das mochte ich schon in Altenahr.«
Swanhilda lässt ihn stehen und geht einfach nach drinnen. Standartenführer Dallmann ist kein Mensch, mit dem sie längere Zeit sprechen kann. Außerdem soll er nicht sehen, wie sehr er sie aus der Fassung bringt. Nie hat sie sich vor einem Menschen so sehr gefürchtet, ob-wohl er so liebenswürdig mit ihr gesprochen hat. Das ist wohl das Gefährliche an ihm.
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