Der Klang des Orchesters

von Yda
GeschichteAllgemein / P12
28.07.2013
05.08.2013
3
1988
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Unter lautem Applaus betrat ich die Bühne. Ich verneigte mich kurz und ließ mir dann von der Konzertmeisterin ein A geben. Während ich stimmte, musste ich innerlich schmunzeln, denn ich erinnerte mich, wie sehr ich es früher gehasst hatte, wenn mir die Leute beim Stimmen zuhörten.
Als ich fertig war lächelte ich dem Dirigenten aufmunternd zu. Er war ein Mensch, im Gegensatz zum Orchester.
Alle Musiker trugen schwarze Konzertkleidung, jedoch nicht genau dieselben Kleidungstücke. Sie sahen auch nicht alle gleich aus. Aber ich wusste, dass sie alle gleich spielen würden, ihre optische Individualität war nur augenwischerei.
Der Dirigent rückte seine Partitur zurecht und gab den Auftakt und das Orchseter begann zu spielen - wie eine Person. Sie spielten ohne jeden Fehler und genau so, wie es in den Noten stand. Jeden Tempowechsel, jedes Crescendo führten sie akribisch aus.
Ich spielte mein Solo - so gut ich konnte. Ich versuchte dem Stück mit dem Klang meiner Violine eine Seele einzuhauchen und musste mich gleichzeitig dem unbarmherzig dem genauen Takt der Noten und den ergänzenden Eintragungen, die die Orchseterspieler vorliegen hatten beugen. Am Ende des Konzertes stand mir der Schweiß auf der Stirn - und es lag nicht nur an den Scheinwerfern.
Als der Dirigent sich verneigte, tat er mir Leid. Im Gegensatz zu mir, hatte er nicht einmal mitgewirkt. Er hatte eigentlich nur Pantomime vorgeführt. Doch als ich sein glückliches Lächeln sah, wurde mir klar, dass er sich dessen nicht bewusst war.

Nach dem Konzert gab ich noch einige Autogramme. "Sie haben wundervoll gespielt.", teilte mir eine Dame mit einem sehr grellen Abendkleid und Lippenstift in einem quietschigen Pink mit, während ich mein Autogramm auf einer eigens von ihr dafür angefertigte Karte platzierte. "Dankeschön!", sagte ich. Sie gestikulierte überschwänglich: "Wirklich ganz phantastisch. Man hat gar nicht gemerkt, dass sie kein Computer sind." Bei diesem Satz schnürte sich mir das Herz zu. Ich konnte ihr nur noch ein professionelles, kaltes Lächeln schenken. Hätte ich jetzt gesprochen, wäre mir die Stimme gebrochen.
Ich wusste, dass die Frau es nicht böse meinte, aber "Man hat gar nicht gemerkt, dass sie kein Computer sind." war für mich nicht gerade ein Komlpiment. Hatte sie eine Ahnung, wie schwer es war mit solch einem Orchester zusammen zu spielen? Orchester und Solist sollten eigentlich aufeinander eingehen, bei entsprechenden Stücken sollte das Orchester der Modulation des Solisten auch nur folgen, es war dann Begleitung. Aber hier? Ich musste mich verzweifelt dem Klang des Orchesters anpassen, denn hätte ich anders gespielt, hätte etwas falsch geklungen, wäre ich schuld gewesen. Denn sie machten ja keine Fehler.

Ryu kam, um die Autogrammstunde zu beenden. Als niemand mehr außer uns da war, lehnte ich mich erschöpft an ihn. Er strich mir sanft über die Wange. "Es muss schwer für dich gewesen sein. Sie haben es ganz anders gesielt, als du es mit mir geprobt hast." Ich war dankbar für seinen Zuspruch und dafür, dass er mich verstand. Und gleichzeitig hatte ich Schuldgefühle ihm gegenüber, weil ich mich so über seine Artgenossen aufregte.
"Komm, ich fahr dich ins Hotel. Du bist sicher erschöpft." Wie eine Marionette ließ ich mich von Ryu ins Auto bugsieren, der auch alle meine Sachen trug - bis auf meine Violine, die ich wie ein Baby in meinen Armen hielt.