Regennächte

von Fenny
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6
27.07.2013
27.07.2013
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Regennächte

Anime: Ame und Yuki – Die Wolfskinder
Disclaimer: Die hier vorkommenden Figuren gehören nicht mir und ich verdiene auch kein Geld mit dieser Geschichte. Hach, dass man den Disclaimer immer noch machen muss…
Rating: Ohne Altersbeschränkung


Das Geräusch des unaufhörlich fallenden Regens drang in meine Ohren. Tropfen, die auf die aufgeweichte Erde fielen, auf die Blätter der Birken über mir, auf das Hausdach, das so viel Mühe gemacht hatte zu reparieren. Mein Fell war schon durchnässt, doch die trockene Unterwolle hielt mich warm. Trotzdem… gerade jetzt umfing mich eine innere Kälte. Immer dann, wenn ich hier her kam.
Das Haus lag einsam da, der Gemüsegarten war noch immer unberührt von Wildschweinen. Dafür sorgte ich schon; allein durch meine Anwesenheit. Im Haus brannte ein wenig Licht, sie war wohl in der Küche. Ja, ich konnte es riechen. Sie machte wieder ihre Tofuspieße. Sogar die Sojasauce stand schon bereit.
Wenn ich daran zurückdenke, was mich alles mit diesem Haus verband. Hier hatte ich den größten Teil meines Lebens verbracht. An das Stadtleben kann ich mich kaum zurückerinnern. Mittlerweile kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, wie es dort war. Eingepfercht in einer viel zu kleinen Wohnung. Tausende von Menschen in direkter Umgebung und doch waren alles nur Fremde.
Wie meine Mutter das wohl überstanden hatte? Nun, immer mit einem Lächeln, das war mir klar.
Traurig sah ich zu den erleuchteten Fenstern. Wenn es regnete, war es schlimm. Es ging ihr schlecht. Sehr schlecht sogar. Ihr Geruch änderte sich einfach, das war etwas, was ich in meiner menschlichen Gestalt niemals mitbekommen hätte. Und aus diesem Grund wusste auch Yuki nichts davon, die sich so strikt weigerte, ihr Leben als Wolf zu verbringen. Aber sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Dafür konnte ich sie nicht kritisieren.
Ich schloss kurz meine Augen und konzentrierte mich allein auf den Geruch.
Feuchte Erde, reingewaschene Blätter, ein paar Kaninchen, die sich in ihrem Loch direkt beim Gemüsegarten verkrochen hatten, der längst erkaltete Auspuff des roten Kleinwagens, die Tofuspieße, die Sojasauce, die Blumen im warmen Wohnzimmer, die Schwermut meiner Mutter.
Am Anfang hatte ich noch geglaubt, es läge daran, dass ich sie verlassen hatte. Auch in einer Regennacht…
Nun wusste ich es besser. Es gab eine Regennacht, die war tausend Mal schlimmer gewesen. Die Nacht, in der ich geboren wurde.

Sie wartete… Immer wieder glitt ihr Blick zur Uhr und sie wurde das Gefühl nicht los, dass etwas Grausames geschehen war. Wieso war er noch nicht da? Wieso saß sie hier, allein mit der einjährigen Tochter und dem kräftigen Neugeborenen? Wo war er nur?

„Du machst dir Gedanken?“
Erschrocken zuckte ich zusammen und mein Blick traf meine Schwester. Ihr rotbrauner Pelz gehörte, wie meiner auch, längst einem ausgewachsenen Wolf. Und das, wo sie selbst gerade erst 14 Jahre alt war.
„Was tust du hier?“ Man merkte mir die Überraschung deutlich an. Yuki hatte sich doch geweigert, sich selbst als Wolf zu betrachten. Sie wollte sich nie wieder verwandeln. Und doch saß sie nun hier neben mir, geduckt unter dem Holunderbusch und fixierte unser ehemaliges Zuhause.
„Ich habe mir Sorgen gemacht. Es regnet seit Tagen. Darum bin ich hergekommen. Sohei hat mich mit dem Mofa ein Stück gebracht. Den Rest bin ich… zu Fuß gelaufen.“ Sie senkte den Blick, als würde sie sich dafür schämen, sich in einen Wolf verwandelt zu haben. „Ame… Sie hat mich angerufen. Ich fürchte, es geht ihr nicht gut.“
„Ich weiß. Ich kann es riechen“, antwortete ich kurz. Es war lange her, dass ich Yuki sah. Seitdem sie das Internat besuchte, war sie auch selten daheim. Und ich kam für gewöhnlich auch nicht so oft zum Haus meiner Mutter. Zwischen uns beiden, da war ein Graben entstanden. Sie führte das Leben als Mensch und ich als Wolf.
Zwei Wege, zwei Richtungen.

Der Regen fiel in Strömen, auf der Straße bildeten sich Sturzbäche, die Kanalisation hatte Mühe, die Wassermassen aufzufangen. Eigentlich war alles normal und doch schlug das Herz der jungen Frau mit jedem Schritt, den sie tat, schneller. Und bei jedem Herzschlag, verkrampfte sich etwas in ihr.

„Du bist ihm sehr ähnlich. Du hast viel von ihm mitbekommen, das hat Mama mir gesagt. Deine ruhige, besonnene Art, deine Aussehen… Du kommst sehr nach ihm. Selbst als Wolf.“ Sie lachte leise, aber traurig. „Ich wünsche mir so sehr, dass er jetzt bei ihr sein könnte.“
„Sie ist allein und das ist nicht gut“, stimmte ich zu und überging den Kommentar meiner Schwester. Nur aus meinen Gedanken bekam ich ihn nicht.
Ja, ich war meinem Vater sehr ähnlich. Und ich weiß, wie sehr unsere Mutter ihn geliebt hat, noch immer liebt. Sie verging beinahe vor Sehnsucht ohne ihn. Insbesondere seitdem Yuki und ich sie verlassen hatten. Aber wir waren Wolfskinder, wir wurden früh selbstständig. Und gerade ich konnte nicht bei ihr bleiben. Mich zog es in die Wälder. Das Leben als Wolf passte besser zu mir, als jedes Leben, das ich als Mensch hätte führen können.
„Ame?“
„Ja?“
„Ich glaube, ich muss zu ihr zurück. Sie wird es allein nicht schaffen. So stolz sie auch auf sich sein kann… Aber die Zeit, in der sie uns hatte und mit uns voll beschäftigt war, ist nun vorbei. Plötzlich ist Mama allein. Und kann sich Gedanken machen über die Dinge, die wohl jeden Menschen irgendwann kaputtmachen würden. Ich habe solche Angst um sie.“

Sie rannte zu jedem Platz, den sie mit ihm besucht hatte, ihre Hand war klamm und eiskalt. Die Kinder waren warm eingepackt, doch gerade der Jüngste… er wurde ruhiger, stiller… Das Wetter tat ihm nicht gut. Er sollte in seinem warmen Bettchen liegen, an seine Schwester gekuschelt. Doch sie konnte die Kinder nicht zurücklassen. Und trotzdem musste sie weitersuchen. Salzige Tränen vermischten sich mit dem kalten Regen.

Ein Blick auf meine Schwester reichte aus, um in ihren Augen eine tiefe Traurigkeit zu entdecken, wie ich sie sonst nur von meiner Mutter kannte.
„Ich wünschte, wir hätten die Chance gehabt, ihn richtig kennenzulernen. Eine richtige Familie zu sein. Aber ich weiß, dass dieser Wunsch falsch ist. Denn er macht doch nur deutlich, dass uns etwas gefehlt hätte.“ Ich seufzte. „Mama hat sich alle Mühe gegeben und sie hat uns ein Leben ermöglicht… Ich wüsste einfach nicht, wie sie es hätte besser machen können. Nein, sie war eine großartige Mutter.“
„Sie ist es noch!“, knurrte Yuki plötzlich.
„Das stimmt nicht und das weißt du. Sie hat aufgehört, Mutter zu sein. An dem Tag, als wir das Haus verließen. An dem Tag nahmen wir ihr doch den letzten Halt. Aber weißt du was? Selbst wenn du jetzt zurückkehrst, wirst du ihr den Halt nicht wieder geben können. Du bist erwachsen geworden, selbstständig… und das weiß sie auch. Sie würde dich glücklich und mit einem Lächeln empfangen, aber lange würde dieses Glück nicht halten. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was wir für sie tun könnten.“ Traurig senkte ich meinen Blick und vergrub meine lange Schnauze zwischen den Pfoten. „Yuki, ich…“ Ich fühlte mich schuldig…

Dort lag er. Im Wasser, nicht weit entfernt zur Brücke. Er lag dort in seiner Wolfsgestalt. Die blauen Augen sahen leer und gebrochen drein. Einzelne Federn umspülten sein Fell. War er auf Jagd gewesen? Was war passiert und wieso… ja, wieso rührte er sich nicht mehr?

Mitfühlend drückte sich meine Schwester an mich. „Denkst du über die Nacht nach, als Vater verschwand?“
„Ja… ich glaube, es war meine Schuld. Nun verstehe ich die Instinkte viel besser. Und ich weiß, was meinen Vater fortgetrieben hat in der Nacht. Er wollte Mama frische Beute bringen, um sie zu stärken. Eine Geburt ist anstrengend und danach auch das Stillen des Kindes… Er wusste ja auch, wie hungrig du warst. Er wollte ihr etwas Gutes tun und ging deshalb auf die Jagd. Mitten in der Stadt.“ Wieso musste ich ausgerechnet in einer Regennacht geboren werden? Wieso musste ich so unsensibel sein und in einer Regennacht gehen?
„Ich habe es Mama auch nie leicht gemacht. Du hast keine Schuld, es lag doch alles außerhalb deiner Möglichkeiten.“ Traurig sah sie zum Fenster, wo sich nun Mamas Silhouette abzeichnete. Leise winselte sie. „Wir müssen doch etwas tun… ihr die Trauer nehmen…“
„Und für wie lange?“, meinte ich resignierend. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn Mama sich neu verliebt hätte. Aber sie liebte Papa doch so sehr… und dann die Situation mit zwei Wolfskindern. Niemals hätte sie einen Mann so nah an sich herangelassen, dass er in der Lage gewesen wäre, unser Geheimnis aufzudecken. Sie hatte sich immer viel zu sehr gefürchtet vor den Konsequenzen, die es für uns gehabt hätte.
„Du willst nichts tun?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, denn… das alles, was passiert… oder noch passieren wird… es ist ihr Wille und ihr Wunsch. Ich weiß sehr viel darüber, ich war gezwungen, das zu lernen. Ich glaube, es ist nicht so, dass sie sich aufgibt. Denn dann würde sich doch auch nichts mehr essen oder meinetwegen den Gemüsegarten vernachlässigen. Es ist vielmehr so, dass sie sich nach etwas sehnt. Und dieses Sehnen… das werden wir nicht mindern können. Egal wie sehr wir uns um sie bemühen oder sie fordern. Früher oder später…“ Ich ließ den Satz unausgesprochen. Auch in meinen Gedanken weigerte ich mich, ihn fortzuführen.
Fest sah ich zu dem Schatten, der meine Mutter war. Ich wollte für sie nur das Beste, aber wer konnte schon sagen, was das Beste war? Nur sie selbst…

Sie steckten ihn in einen Sack, hoben ihn aus dem Kanal und wollten ihn in ihr Müllauto laden. Wie konnten sie das nur tun? Er war der Mann, den sie liebte. Den sie verehrte! Er und niemand sonst… Den Schirm ließ sie fallen, sprintete mehr schlecht als recht auf die drei Männer von der Müllbeseitigung zu und versuchte wenigstens, seinen Körper wiederzubekommen. Mittlerweile galt kein Denken mehr. Die Trauer übermannte sie. Sie wollte zu ihm. Wieso nur hatte er sie so allein gelassen? Sie konnten ihn doch nicht einfach mitnehmen!
Ihre Bitten blieben unerfüllt. Was ihr denn bloß einfiele, sich mit zwei so kleinen Kindern im strömenden Regen um einen alten Köter zu sorgen. Selbst wenn es ihrer war… Die Rechnung würde man ihr zuschicken. Hätte sie eben besser auf ihn achten müssen.
Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, verschwand mit seinem Herzschlag in der Dunkelheit. Die Kinder krallten sich an sie, verstanden nicht, was vor sich ging. Sie spürten nur den Regen, ihre durchnässten Sachen. Ame hustete leise und begann zu wimmern. Yuki krallte sich in ihr durchnässtes Haar.
Ein mitfühlender Mensch hielt einen Schirm über sie und ihre Kinder, über die traurige Gestalt, die zusammengesunken auf der Straße saß.
Nein, Hana durfte sich nicht von der Trauer überwältigen lassen. Sie hatte noch immer zwei Kinder. Zwei wertvolle Geschenke… Sie musste lächeln, solange es nötig war. Erst dann durfte sie trauern. Vielleicht… ja, vielleicht war es dann nicht mehr so schlimm…

Seit unserem Treffen in der Regennacht waren drei Monate vergangen.
Unsere Mutter arbeitete normal, kochte normal, sie hatte sogar den Garten noch gegossen… Aber dann…
Ich fand sie inmitten wildwachsender Kosmeen, mitten auf der Wiese vor ihrem Haus. Ihr Blick war zum Himmel gerichtet und sie lag da, als würde sie nur die schöne, sternenklare Nacht genießen. Ihre Lippen zierte ein sanftes Lächeln.
Im ersten Moment überwältigte mich der Schmerz meines Verlustes, doch dann war mir klar, dass sie nun glücklich war. So wie sie dort lag, hatte sie ihren Frieden gefunden. Und ich war stolz auf sie.

„Liebling? Ich habe dich vermisst…“
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