Nicht Mutter Teresa

von ARCAI
GeschichteHumor / P12 Slash
Hiroshi Nakano Suguru Fujisaki
23.07.2013
23.07.2013
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Sie saßen schon viel zu lange hier herum; Hiro zupfte nicht mehr richtig konzentriert Akkorde auf seiner Gitarre, nur um festzustellen, dass ihm nichts Weltbewegendes in den Sinn kam. Keine furchtbar kreative Komposition sprang ihn an, die den Ruhm von „Bad Luck“ noch einmal in ungeahnte Höhen katapultierte.
Suguru saß eine Armlänge von ihm entfernt, kritzelte ein paar Zeichen auf ein Notenblatt, knüllte es zusammen, fuhr sich durch seine grün schimmernde Haarmähne und seufzte theatralisch.
„Ich hab keinen Bock mehr.“
Überrascht blicke Hiro zu ihm hin. „Hat unser Wunderkind keine zündenden Ideen?“ Er musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass es ihm ähnlich erging, dann hätte Suguru wieder nur unnötig gemeckert und das musste man sich um die Uhrzeit nicht unbedingt antun. In letzter zeit war ihr jüngstes Mitglied sowieso viel zu oft auf Krakeel aus.
Sicher die Pubertät.
„Tut mir Leid, dass mir zu Shuichis schlechtem Text rein gar nichts einfällt. Wenn man das überhaupt Text nennen will. Drei Zeilen mit dummen Gesülze über ein abgefackeltes Studio. Der hatte auch schon mal bessere Einfälle.“
Hiro sah schon panische Reporter vor sich, die dramatische Schlagzeilen wie „Bad Luck vom Pech verfolgt!“ und „Teenieband im Kreativloch“ in ihre Tasten hauten und an ihre Verlage schickten. Er wusste nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte, denn falls irgendjemand hier wieder eine Wanze eingeschmuggelt hatte und mithörte, konnte er sich das möglicherweise am nächsten Tag wirklich in der Zeitung ansehen.
„Dann schreib du doch einen Text.“
„Und worüber bitte? Ich bin müde und will eigentlich nur nach Hause und schlafen gehen.“  Er rieb sich die Augen und verzog das Gesicht. „Vielleicht über Essen, ich hab Hunger.“
„Keine Ahnung.“ Wenn er eine tolle Idee gehabt hätte, hätte Hiro sie sicher auf Papier gebannt, ihr Management war ihnen für jeden zeitig fertig gestellten Song dankbar, vor allem bei diesem Dauerchaoskind Shuichi, der es wirklich immer schaffte, aus der popeligsten Angelegenheit den nahenden Weltuntergang zu kreieren und deshalb nie eine Deadline einhielt. „Schreib doch über Tütensuppe. Oder mein Motorrad. Dein kluges Gehirn. Über unseren Held Shuichi und seinen Yuki, was weiß ich.“
„Sicher nicht! Es reicht schon, dass uns ganz Japan nur noch als die Schwulenband schlechthin sieht und wir wegen den beiden öfter in den Schlagzeilen sind als wegen unserer Musik, da muss man denen doch nicht noch mehr Raum bieten, Gerüchte und Schwachsinn über uns zu schreiben.“
Am liebsten hätte sich Hiro selbst gegen das Schienbein getreten, weil er Suguru Zündstoff für sein momentanes Daueraufregthema geliefert hatte.
„Fahr mal einen Gang runter, Mann. Shuichi und sein verkorkstes Liebesleben ist halt ihr Lieblingsthema, besser als wenn sie in meinem Privatleben rumwühlen. Und über dich können sie sowieso gar nichts schreiben, weil du so ziemlich die Mutter Theresa der Band bist.“
Und wieder eine falsche Bemerkung, über die sich Suguru zu beschweren anfing, als würde er dafür Geld bekommen. „Ich bin nicht Mutter Theresa, ich lebe noch! Und sei froh, dass wenigstens einer den guten Ruf der Band verteidigt und nicht dauernd Frauen aufreißt oder mit seinem Freund in aller Öffentlichkeit Ehekrach spielt.“
„Lass wir das okay? Wir gehen heim und machen morgen mit Shuichi zusammen da weiter, wo wir aufgehört haben, okay, Suguru?“ Bei so viel überflüssiger Hektik und der drohenden Gefahr, im Sitzen einzuschlafen, blieb Hiro leider nichts anderes übrig, als sich über das Rauchverbot im Inneren des Raums hinwegzusetzen und seine Kippen anzuzünden.
Suguru war immer noch so erbost über eigentlich alles und jeden, dass er schon gar keine Lust mehr hatte, auch noch wegen der Luftverschmutzung den Mund aufzumachen und einen Aufstand zu proben. Erst mal musste noch etwas anderes geklärt werden, was ihm auf der Seele brannte. „Warum zum Geier soll ich Mutter Theresa sein? Ich bin keine Frau, noch nicht mal volljährig und weit davon entfernt, barmherzig zu sein.“ Beleidigt verschränkte er die Arme vor der Brust und funkelte er zu Hiro hinüber, um ihn durch seinen bösen Blick  einzuschüchtern.
Sein Plan schlug fehl, weil Hiro auf die Fensterscheibe ihm gegenüber schaute, wo sich mal wieder ominöse Gestalten entlang hangelte. Sehr riskant, wenn man bedachte, im wievielten Stock sie sich hier befanden, aber manche Fans und Reporter schienen einen Fetisch für lebensbedrohliche Situationen entwickelt zu haben.
„Wie gesagt, deinetwegen gabs noch keinen Skandal, ich bin sehr sicher, dass du noch nie Sex oder eine Freundin hattest und irgendwie der Typ bist, den das auch alles gar nicht interessiert.“
„Tu nicht so erwachsen, nur weil du älter bist als ich! Es muss ja nicht jeder wie du die Weiber aufgabeln, die sonst keiner will. Oder willst du, dass ich jetzt spontan schwul werde, damit die Medien noch mehr über uns zu berichten haben? Hm, ist es das, was du hören willst?“
„Nein, war es nicht.“ In was hatte er sich da bloß hineinmanövriert? Er hätte sich seine Zigaretten und sein Motorrad schnappen sollen, als er noch Zeit dazu gehabt hätte, statt sich mit Suguru wegen seiner jungfräulichen Lebensweise zu streiten. Schon fatal, worin kleine Sticheleien endete. Das nächste Mal tackerte er sich den Mund zu, bevor er wieder ein falsches Wort ausspuckte. Shuichi färbte wirklich zu arg ab.
„Ich zeig dir, dass du eine Menschenkenntnis wie eine Straßenlaterne hast“, knurrte Suguru immer noch in Rage, während er dem verdutzen Hiro viel zu nah für dessen Verhältnisse auf die Pelle rückte.
„Das ist vielleicht keine clevere Idee. Du bist übermüdet, ausgehungert und gehst dir gerade nur selbst auf den Geist, du solltest deinen Plan sein lassen.“
Jetzt war Suguru an der Reihe, ihn dumm anzuglotzen, als hätte sich Hiro vor seiner Nase in die zehn kleinen Jägermeister verwandelt. „Was willst du jetzt schon wieder von mir? Was hat mein Zustand heute Abend damit zu tun, ob ich dir morgen zeige, dass sogar ich irgendeinen weiblichen Fan abschleppen kann?“
Unbeabsichtigt bekam Hiro einen Lachanfall, was sich nicht so gut mit dem Qualm seiner Zigarette vertrug, denn er musste ziemlich erbärmlich husten. In dieser Umgebung wurde man wirklich paranoid, bei so vielen Männern, die gar kein Interesse an Frauen hatten, dass er tatsächlich davon ausgegangen war, dass Suguru ihm nicht nur etwas demonstrieren, sondern gleich an ihm selbst  ein Exempel statuieren wollte.
Peinlich, aber sein Kopf war wohl alles andere als besonders funktionstüchtig.
„Ich hab genug, ich geh heim.“ Suguru wirkte einfach nur noch frustriert, weil er sich absolut nicht ernst genommen fühlte.
Doch Hiro packte ihn am Unterarm, sodass er geradewegs wieder auf seinen Stuhl purzelte, grinste ihn an und pustete ihm den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht. Heute Abend wollte er ihn einfach nur ärgern. Sozusagen als Rache für die viel zu oft ausgeführten Nörgelattentate.
„Was soll der Mist?“ Doch langsam ergaben die ganzen merkwürdigen Anmerkungen von Hiro für einen Sinn, denn er äußerst bedenklich fand. „Hast du spontan das Ufer gewechselt, weil ich so toll bin oder was?“, giftete Suguru munter weiter, während er harsch die fremde Hand von seinem Arm entfernte. „Du bist heute total Banane, dir hat irgendjemand was Falsches in deine Zigaretten untergejubelt.“
„Denkt sich Mutter Theresa.“
„Mann, lass das endlich! Okay, Deal: Du kriegst das, was du unbedingt willst, dafür nennst du mich nie wieder so, weder privat noch öffentlich, suchst dir beim nächsten Mal jemand anderen, den du damit auf den Keks gehen kannst, und erzählst keinem Menschen davon, was jetzt passiert, verstanden. Niemals irgendwem, auch nicht Shuichi; vor allem nicht Shuichi…“
Hiro musste wieder grinsen, weil Suguru einfach so wahnsinnig lachhaft aussah, wenn er pseudogefährliche Drohungen und Vertragsklauseln auf ihn losließ, und weil er eigentlich gar nicht vorgehabt hatte, mit ihm rumzumachen. Da war Suguru eigentlich selbst dran schuld.
Aber in ihrem Alter und unter diesem Umständen konnte man sich solche merkwürdigen Eskapaden einmal erlauben, also beugte er sich gelassen zu Suguru hinüber und stopfte ihm auf einfach Art seinen Mund.
Der Kuss war einer der schlechtesten, die Hiro je erlebt hatte, sogar die schüchterne Ayaka hatte mit mehr Talent geglänzt. Da tat sich eine deutliche Begabungslücke des hochgepriesenen Wunderkindes auf. Wer hätte das vermutet.
„Du Vollidiot!“ Suguru schnappte empört nach Luft und starb wohl innerlich einen Tod nach dem anderen. „Du schmeckst wie ein Schornstein; und deine Zunge hat in meinem Mund nichts zu suchen, das war nicht abgemacht.“
Hiro verkniff sich jegliches Kommentar darüber, dass Suguru sich seine Technik beim Küssen von einem Kaprfen abgekupfert haben musste, steckte sich aus Protest noch eine Zigarette an und hoffte, dass da draußen vor dem Fenster nur Rage gelauert hatte und jetzt sich selbst dafür feierte, dass sie wieder Kerle beim Nichtheterosein erwischt hatte.
Ansonsten wussten nämlich morgen doch Japan und der Rest der Welt, dass Hiroshi Nakano und Suguru Fujisaki die Wahl zum schlechtesten Traumpaar aller Zeiten gewonnen hatten.