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Zwischen den Zeilen von "Die Rosen von Versailles"

GeschichteAllgemein / P16
André Grandier Hans Axel von Fersen Marie Antoinette OC (Own Character) Oscar François de Jarjaiyes
22.07.2013
05.04.2018
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22.07.2013 3.574
 
Der Erbe der Jarjayes

Im Jahr 1755 wurden in Europa drei Kinder geboren.  Ihr Schicksal sollte ihr Leben lang untrennbar miteinander und mit der Weltgeschichte verbunden bleiben. So war es ihnen bestimmt sich viele Jahre später am Hof von Versailles zu begegnen, um in den Strudel der Ereignisse gerissen zu werden.
In Schweden, in der Hauptstadt Stockholm, erblickte am 4. September der Sohn des Grafen von Fersen das Licht der Welt. Bereits bei seiner Geburt hatten seine Augen das kühle, durchdringende Blau der Ostsee, an der seine Heimatstadt lag. Noch ahnte niemand das er mit diesen Augen einst die Herzen zweier stolzer Frauen brechen würde, die sich vor Liebe nach ihm verzehren sollten.
Er erhielt den Namen und den Titel seines Vaters – Hans Axel Graf von Fersen.

In Österreich brachte die Kaiserin Maria Theresia am 2. November ihr fünfzehntes Kind, ein Mädchen mit dem Namen Maria Antonia zur Welt. Sie hatte mit einem ihrer Ratgeber auf ein Mädchen gewettet und diese Wette gewonnen.
Bereits als Kind hatte die kleine Erzherzogin Maria Antonia einen Charme in ihrem Wesen, so das ein jeder, der ihren Lebensweg kreuzte, von ihr bezaubert werden sollte.
 
In Frankreich, als sich das Jahr bereits dem Ende neigte und der Winterwind eisig über das Land pfiff, lag im Palais de Jarjayes, nahe bei Versailles, die Gemahlin des Generals de Jarjayes in den Wehen. Es war die Nacht des Heiligen Abend.
Unruhig ging der General im Zimmer auf und ab. Zwischendurch blieb er immer wieder am Fenster stehen und sah angespannt in das dichte Schneegestöber hinaus. Vor Anspannung trat auf seiner Stirn eine dicke Ader hervor. Fünf Kinder hatte ihm seine Frau Emilie bereits geboren, fünf gesunde, wunderschöne Töchter. Doch sein sehnlicher Wunsch nach einem Sohn, dem Erben des Hauses de Jarjayes, war bis jetzt nicht erfüllt worden.
Seit drei Generationen waren die Männer der Familie de Jarjayes in der Armee des Königs. Unbedingte Ergebenheit und Loyalität gegenüber dem Königshaus zeichnete die alte Adelsfamilie seit ewigen Zeiten aus. Genaral de Jarjayes sah es als seine Pflicht an, der Familie der Bourbonen einen weiteren General aus seiner Familie zur Seite zu stellen, seinen Sohn, seinen Nachfolger. An eine sechste Tochter wagte er gar nicht zu denken. Für fünf Mädchen musste er bereits einen passenden Ehemann suchen und sie mit einer standesgemäßen Mitgift ausstatten. Die älteste, Veronique, war mit ihren fünfzehn Jahren bereits heiratsfähig.
Im Schlafgemach von Emilie de Jarjayes brannte ein warmes Feuer im Kamin. Alles wurde getan um ihr die Geburt ihres Kindes so erträglich wie möglich zu machen. Doch die Wehen folgten immer schneller auf einander und Emilie blieb kaum noch Zeit um sich zwischen ihnen erholen zu können. Unterstützt wurde sie von der Hebamme Madame Dupont, die ihr bereits bei ihren ersten fünf Geburten geholfen hatte, Sophie Glace, dem treuen Kindermädchen der Familie, die sich seit der Geburt der ersten Tochter im Hause befand und ihrer ältesten Tochter Veronique.

„Madame es ist so weit. Ihr müsst nun fest pressen dann wird euer Kind auch bald das Licht der Welt erblicken.“ Madame Dupont war eine fröhliche, resolute Frau, die unzähligen Kindern bereits auf die Welt geholfen hatte. Da sich Madame de Jarjayes noch bei keiner ihrer Entbindungen lange abmühen musste, war sie sich sicher, dass auch dieses mal alles ohne Komplikationen ablaufen würde. „Mademoisele Veronique, Sophie, seit so gut und stützt Madame de Jarjayes ab, dann wird sie es beim Pressen leichter haben.“ Wie auf ein Kommando griffen die beiden Frauen der Gebärenden unter die Achseln, richteten sie im Bett auf und stützten sie. Dicke Schweißperlen standen Emilie auf der Stirn, ihr Gesicht war schmerzverzerrt und als ihr Körper wieder von einer Wehe zusammen gezogen wurde entfuhr ihr ein heftiges Stöhnen. „Mutter, geht es Euch gut?“ fragte Veronique ängstlich. Noch nie hatte sie ihre Mutter in so einem Zustand der Hilflosigkeit gesehen. „Nun Kindchen das geht jeder Frau so.“ Madame Dupont sah das junge Mädchen aufmunternd an. „Jedes Mal, wenn eine Frau ein Kind bekommt, müsste ihr Mann aus Gerechtigkeit einen Backstein aus scheißen. Aber dann gäbe es wohl bald keine Kinder mehr.“ Die dicke Hebamme lachte dröhnend. „Nun machen wir uns aber an die Arbeit. Das Kindchen lässt nicht mehr lange auf sich warten.“
Bei der nächsten Wehe gab Madame Dupont ihr Kommando: „ Madame de Jarjayes nun bitte pressen so fest Ihr könnt.“ Mit einem gellenden Schrei der Gebärenden, der der durchs ganze Haus  schallte und den General im Salon zusammenfahren ließ, schob sich der Kopf des Kindes heraus.  Mit der zweiten Presswehe folgte mühelos der kleine Körper.
Nach einer bangen Minuten des Wartens hörte General de Jarjayes endlich den ersehnten Schrei. Als er den Blick zum Fenster wandte entdeckte er draußen, wie ein gutes Omen, das erste Morgenrot. Dieses Mal, er war sich nun ganz sicher, würde es ein Junge sein. Der Erbe der Jarjayes erblickte genau zu Beginn des neuen Tages das Licht. Vor Spannung hielt er es nicht mehr aus. Er musste seinen Sohn sehen. Doch als er sich gerade zur Tür wandte betrat das Kindermädchen Sophie mit einem weißen Bündel im Arm den Raum.
Zitternd streckte er die Arme danach aus. „Sophie, ist es ein Junge? Bringst du mir nun meinen Sohn?“ Doch das Kindermädchen schüttelte den Kopf. „Es tut mir sehr leid. Eure Gemahlin hat Euch erneut eine Tochter geboren.“
General de Jarjayes fühlte sich als würde ihm der Boden unter den Füßen weg gezogen. Seine Frau war bereits sechsunddreißig. Weitere Kinder würde es in seinem Hause nicht geben. Unvermittelt ging er zur Tür hinaus. „Monsieur, wollt ihr das Kind nicht wenigstens sehen? Es ist so ein hübsches kleines Mädchen. So hübsch war bei der Geburt keine Eurer Töchter.“ Ohne sich um zu drehen antwortete der General: „Sag Sophie, bin ich denn verflucht? Weshalb werde ich so gestraft das ich keinen Sohn zeugen kann.“ Mit diesen Worten ging er davon.

In ihrem Schlafgemach lag Emilie de Jarjayes weinend in ihrem Bett. Ihre Tochter Veronique hatte den Arm um sie geschlungen. „Maman, beruhigt Euch doch. Die Aufregung ist bestimmt nicht gut für Euch.“ „Oh Veronique was soll ich den nun machen? Ich habe deinen Vater enttäuscht. Es war meine Aufgabe ihm einen Erben zu schenken, wenigstens einen. Ich habe versagt. Ich konnte meine Aufgabe als seine Ehefrau nicht erfüllen.“ Eben brachte Sophie das kleine Bündel wieder herein. „Sophie, wie hat der General es aufgenommen“, fragte Emilie ängstlich. Grimmig blickte das Kindermädchen drein. „Nun, um die Wahrheit zu sagen, er hat das Kind noch nicht einmal angesehen.“ Dies löste bei Emilie einen erneuten Tränenstrom aus. „Madame nun grämt Euch nicht. Euer Gemahl hat keinen Grund sich sich so aufzuregen. Der Herr Gott hat ihm sechs gesunde, schöne Kinder geschenkt. Er hat noch kein einziges davon verloren. So viel Gnade wird nicht jedem zu teil. Und nun Madame,“ wandte sie sich an Emilie „nehmt Euer kleines Mädchen. Sie ist wirklich ganz bezaubernd.“ Mit diesen Worten gab sie ihrer Herrin das Bündel. „Maman, wie süß sie doch ist.“ Verliebt sah Veronique die neugeborene, kleine Schwester an. Das Kind war kaum zerdrückt und wirkte mit seinen feinen Gesichtszügen und dem hellen Flaum auf dem Kopf für ein Neugeborenes ungewöhnlich hübsch. Beim Anblick ihres Kindes konnte Madame endlich ihre Tränen trocknen. Sicher würde ihr Gemahl ihr verzeihen, wenn er das reizende Kind erst gesehen hatte. Bestimmt würde sie später eine glänzende Partie, mit einem Sohn einer reichen, angesehenen Adelsfamilie machen.Diese Aussicht dürfte den General besänftigen.

Währenddessen saß Rainier de Jarjayes in seiner Bibliothek und leerte trübsinnig eine Flasche Schnaps. In Versailles würde er zum Gespött des ganzen Hofstaates werden, wenn bekannt  würde, dass ihm erneut nur wieder eine Tochter geboren worden war. Seine Neider verspotteten ihn schon jetzt. Er, der stolze General, würde niemals einen Erben haben. Enttäuscht schloss er die Augen. Wie schön es doch wäre wenn er einen Sohn hätte. Er stellte sich vor wie er ihm das Reiten und Schießen beibringen würde, wie er ihm das Fechten lehren und alles was ein Soldat wissen musste. Später würde er dann in die Armee des Königs eintreten. Erst würde er Leutnant werden, dann Oberst und später dann, so wie er selbst, sein Vater und sein Großvater, zum General ernannt werden. Er seufzte tief. Alles Träumen nützte niemandem etwas, und da es wohl oder übel irgendwann passieren musste, machte er sich auf den Weg in die Kinderstube, um seine jüngste Tochter  in Augenschein zu nehmen.

In der Kinderstube standen bereits die fünf Töchter der Familie de Jarjayes um das Bettchen und freuten sich über das neue, kleine Schwesterchen. Jede hatte zu Weihnachten ein kleines Geschenk erhalten, doch war das Baby in seinem Bettchen in diesem Jahr ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.
„Wie meine Puppe,“ rief die neunjährige Juliette. „Seht wie niedlich ihre kleinen Fingerchen doch sind.“ „Ich könnte am liebsten ein großes Stück von ihr abbeißen, so süß finde ich sie,“ meinte Catherine. Mit ihren sechs Jahren war sie die Jüngste in der Familie gewesen und froh darüber, dass diese Rolle nun eine neue, kleine Schwester erfüllte.
„Sag Veronique, war es sehr schlimm für Maman,“ fragte Marguerite. Sie wäre am liebsten selbst bei der Geburt dabei gewesen, doch die Hebamme und Sophie fanden das sie mit ihren dreizehn Jahren noch zu jung dazu war. „Ja, sie hat entsetzlich geschrien aber ich bin Madame Dupont so zur Hand gegangen das alles ganz rasch vorbei war,“ erzählte Veronique stolz. „Bald werde ich heiraten und das nächst Baby in der Familie wird meines sein.“ Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken. Zwar hatte sie einen Moment die Angst gepackt, als sie den Schmerz im Gesicht ihrer Mutter gesehen hatte, doch war ihr auch das Glücksgefühl nicht entgangen als Madame Dupont ihr das Neugeborene in den Arm gelegt hatte.
„Papa kommt! Er will sicher das Kind sehen.“ Mit diesen Worten schoss die elfjährige Marie- Anne ins Zimmer. Sie hatte sich als Letzte von Sophie das Haar machen lassen und kam deswegen nun erst jetzt um das Baby zu bewundern.
Hinter ihr öffnete sich die Tür erneut und der General trat ein. Sofort versanken alle fünf Mädchen in einem tiefen Knicks. Kurz nickte er seinen Töchtern zu und warf einen Blick in das Bettchen. Das Baby war wirklich hübsch, das musste er zugeben. Sie würde sich wenigstens gut verheiraten lassen. Auf dem Absatz machte er kehrt um das Zimmer wieder zu verlassen. In diesem Augenblick fing das  Baby zu Schreien an. „Ah, Monsieur,“ Sophie war herzu getreten. „Es hat Hunger. Wir haben bereits nach der Amme schicken lassen. Rainier de Jarjayes nickte ihr zu und verließ den Raum.
Im Gang hörte noch immer das laute Schreien seines Kindes. „Laut und kräftig brüllt sie. Sie schreit wie ein Junge,“ murmelte er vor sich hin. Wie ein Junge, wie ein Junge! Ein Geistesblitz durchzuckte ihn. Plötzlich hatte er die Lösung all seiner Probleme. Weshalb machte er nicht einfach einen Jungen aus ihr? Schließlich war alles im Leben nur eine Frage der Erziehung. Dieses Mädchen würde sein Nachfolger werden. Sie würde sein Sohn und zum Soldaten erzogen werden.   Schnell lief er zurück in die Kinderstube, stürmte auf das Bettchen zu und riss das Kind heraus. „Monsieur, seid ihr von Sinnen? Was habt ihr mit dem Kind vor?“ Sophie kam sofort herzu. „Ich werde es Oscar nennen. Was meinst du dazu Sophie? Oscar bedeutet Gott und Schwert.“ „Aber Monsieur! Oscar ist doch ein Name für einen Jungen!“ Doch der General war schon mit seinem Kind zu seiner Gattin gelaufen.
Madame de Jarjayes hatte sich einigermaßen erholt und etwas geschlafen. Erfreut sah sie das ihr Gemahl das Kind im Arm hielt. „Wie geht es Euch, meine Liebe?“ fragte er freundlich. „Ich bin auf dem Wege der Besserung. Habt vielen Dank!“ „Ich habe für unser jüngstes Kind einen Namen ausgewählt und bin gekommen um ihn Euch mitzuteilen.“ „Oh, natürlich. Ich habe an Beatrice gedacht, den Namen meiner Mutter. Aber natürlich liegt die Entscheidung ganz bei Euch.“ „Es wird Oscar heißen. Oscar Francoise de Jarjayes.“ Vor Verblüffung blieb Emilie der Mund offen stehen. „Aber mein lieber Rainier! Wir haben eine Tochter bekommen. Hat es euch den niemand gesagt?“ „Ich habe beschlossen das dieses Kind ein Junge sein soll.  Es wird wie ein Sohn erzogen und mein Nachfolger werden. Ich werde so einen hervorragenden Soldaten aus ihm machen, dass nie sein natürliches Geschlecht auffallen wird.“ Emilie fühlte eine wie ein kalte Hand nach ihrem Herzen griff. „Das könnt ihr nicht machen! Rainier, ich bitte Euch. Tut Eurem eigen Fleisch und Blut nicht so etwas an. Ihr bringt Unglück über unser Kind. Ich fühle es ganz genau.“ „Ich habe es so bestimmt und so wird es geschehen. Mein Wort gilt in dieser Familie als unumstößlich und ihr habt Euch ihm zu fügen. Ihr wart nicht in der Lage einem Sohn das Leben zu schenken und so wird eben meine jüngste Tochter diese Rolle ausfüllen. Adieu Madame.“ Durch seine lauten Worte hatte das Kind wieder zu weinen begonnen. Jarjayes setzte sich mit ihm im Gang auf einen Sessel und beruhigte es erneut. In diesem Moment öffnete es seine großen, blauen Augen und blickte ihn an. „Nun Oscar, was sagst du zu meiner Idee? Du willst doch eines Tages ein großer General werden? Ich werde dich alles lehren was du können musst.“ Ihm war als würde das Kind zufrieden dreinschauen. „Na siehst du. Wie wir beide verstehen uns. Oscar Francoise, mein Sohn.“

„Oh, Sophie ist das nicht furchtbar. Monsieur de Jarjayes hat beschlossen das Kind Oscar zu nennen, einen Jungennamen und es auch zu erziehen wie einen Jungen. Er hat den Verstand verloren. Mein armes Kind. Ich wünschte es wäre bei der Geburt gestorben.“ „So beruhigt Euch doch Madame. Ich werde noch einmal mit ihm sprechen. Das kann nicht sein Ernst sein. Er wird sich doch nicht so gegen sein eigenes Kind versündigen.“ Sophie sah so entschlossen aus, dem General sein Ansinnen auszureden, das Emilie de Jarjayes wieder Mut schöpfte.

Beim Diner, das der General mit seinen Töchtern einnahm, hielt er es für an der Zeit seine Mädchen über die neuen Familienverhältnisse aufzuklären. „Der Name unseres neuen Kindes lautet Oscar Francoise. Prägt ihn euch gut ein.“ „Aber Papa,“ rief Marie- Anne „wir haben doch ein Mädchen bekommen.“ „Ein Mädchen das Oscar heißt, wie albern.“ Marguerite wollte sich ausschütten vor lachen. „Stellt euch einmal vor sie hat eines Tages einen Verehrer. Dann sagt er zu ihr „Mademoiselle Oscar“ wie schön sind Eure Augen.“ Nun konnten sich auch ihre Schwestern nicht mehr halten und begannen mit zu lachen. Ein strafender Blick des Generals brachte sie zum Schweigen. „Eure Schwester wird erzogen werden wie ein Knabe. Folglich werdet auch ihr alle sie wie einen Jungen behandeln. Ich habe bestimmt das sie einst mein Nachfolger werden soll. Niemand von euch wird es je wagen mit ihr wie mit einem Mädchen umzugehen. Dieser Anordnung werdet ihr alle Folge leisten.“ Die Mädchen am Tisch wurden alle stumm. Von dem fröhlichen Lachen von gerade eben war nichts mehr zu hören. Die Befehle Rainier de Jarjayes wurden nicht nur von seinen Soldaten, sondern auch von seiner Familie und seinen Bediensteten stets befolgt. Der Rest des Diners verlief schweigend.
De Jarjayes zog sich früh am Abend zurück. Die durchwachte Nacht machte sich nun bemerkbar. Er wollte noch einige Seiten lesen und dann zu Bett gehen. Plötzlich wurde er von einem Klopfen an der Tür hochgeschreckt. Auf sein „Herein“ trat Sophie ein. „Sophie, was gibt es? Ist etwas mit Madame de Jarjayes nicht in Ordnung?“ „Madame geht es den Umständen entsprechend gut. Ich komme wegen des Kindes.“ „Wegen Oscar? Gibt es Probleme mit der Amme? Möchte er nicht trinken?“ „Es ist alles in schönster Ordnung. Oscar trinkt mit gesundem Appetit.“ „Warum störst du mich dann?“ „Monsieur, ich muss sie darum bitten das Kind als Mädchen zu erziehen, so wie es auch seiner Natur entspricht. Ich denke nicht das es mit der Erziehung eines Knaben glücklich werden wird.“ Rainiers Augen verengten sich. „Es ist bereits beschlossene Sache. Er wird mein Nachfolger. Jeder, der in diesem Haus ihn nicht wie einen Jungen behandelt, hat mit einer strengen Strafe zu rechnen, selbst du. Dies war mein letztes Wort zu dieser Angelegenheit. Gute Nacht.“ Sophie blieb nichts anderes übrig als sich, wenn auch widerwillig, zu entfernen. Ein Mädchen das ein Junge werden sollte! So etwas hatte es auf der Welt noch nicht gegeben! Sie war dagegen und würde auch immer dagegen sein. Selbst wenn der General noch sehr darauf bestehen würde.

Bevor sie zu Bett ging schaute sie noch einmal nach ihrem neuen Schützling. Oscar schlief in ihrem Bettchen. Sie sah im Schlaf so zufrieden aus. „Ich bete für dich, mein Kind. Das du trotz allem glücklich werden wirst.“ Dann wandte sich das alte Kindermädchen ab und Stille kehrte im Hause der Jarjayes ein.

Zwei Tage später machte sich der Abt des nahe gelegenen Klosters, Pater Martin,  auf den Weg ins Palais de Jarjayes. Er war zur Taufe des neugeborenen Kindes des Generals gerufen worden, über das schon die absurdesten Geschichten in der Umgebung erzählt wurden. Die Amme hatte überall berichtet, dass der General verrückt geworden wäre, als seine Gemahlin zum sechsten Mal mit einer Tochter niedergekommen war und sich, in seinem Wahn, nun einbilde einen Sohn zu haben. Die Stallburschen und Küchenmädchen behaupteten das jeder, der über das Kind „sie“ anstatt „er“ sage, sofort aus dem Haus geworfen werde. Bei all diesen seltsamen Geschichten die gerade kursierten musste er sich nun selbst ein Bild machen.
Sein Schlitten fuhr durch das Tor und die Haustür wurde von einem Dienstboten geöffnet. Auf dem Weg in die Bibliothek, in der ihn der General erwartete, begegnete er im Hausgang den beiden jüngsten Töchtern der Familie, Juliette und Catherine, die dort mit ihren Puppen spielten. Artig machten sie ihren Knicks vor dem Geistlichen. „Guten Tag ihr beiden. Ich bin gekommen um das neugeborene Kind in Eurer Familie zu taufen. Sagt einmal, habt ihr denn nun einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester bekommen?“ „Eine kleine Schwester, Monsieur. Sie heißt Oscar und Papa hat gesagt das sie ein Junge ist und wer etwas anderes sagt erlebt ein Donnerwetter,“ antwortete Catherine. Seufzend wandte sich Pater Martin ab.
Als er in die Bibliothek eintrat schüttelten sich die beiden Männer förmlich die Hände. „Ich freue mich das ihr gekommen seid um meinen Sohn Oscar Francoise zu taufen,“ begrüßte ihn der General. „Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Aber verzeiht mir meine Offenheit. Über Euer Kind erzählt man sich  die seltsamsten Dinge. Es wäre als Mädchen geboren und Ihr würdet ihm aber einen Jungennamen geben wollen.“ „Diese Geschichten entsprechen der Wahrheit. Meine Frau hat vor zwei Tagen einer weiteren Tochter das Leben geschenkt. Noch mehr Töchter kann ich aber in meinem Hause nicht gebrauchen. Ich brauche einen Nachfolger, der in mein Fußstapfen in der Armee des Königs tritt. So habe ich mich entschlossen meine Tochter als Sohn und zum Soldaten zu erziehen. Ich weiß es ist ungewöhnlich aber je mehr ich darüber nachdenke, desto zufriedener bin ich über meine Idee. Ich betrachte Oscar bereits jetzt schon als Jungen.“ Der Abt meinte er hätte wohl nicht richtig gehört. Seine runden Augen wurden fast noch größer und er musste sich beherrschen um den Mund nicht offen stehen zu lassen. Wenn Monsieur de Jarjayes ihm gesagt hätte er wolle einen jungen Elefanten als seinen Nachfolger bestimmen, er hätte nicht überraschter sein können.  
„Aber Monsieur, wie könnt Ihr nur? Ich habe Euch bis jetzt immer nur als vernünftigen Mann kennen gelernt. Ein Mädchen kann niemals ein Knabe sein. Ihr verstoßt gegen Gottes Gebot. Wenn er Euch sechs Töchter geschenkt hat, dann war es auch so sein Wille und ihr dürft Euch  nicht dagegen stellen. Seit dankbar das Eure Kinder alle gesund sind und bis jetzt überlebt haben. Ich kenne eine Familie in Paris der acht Kinder geboren wurden und sechs davon sind bereits verstorben. Also versündigt Euch nicht so und nehmt an was ihr von Gott bekommen habt.“
Rainier de Jarjayes blitzte den Abt wütend an. „Es ist mein Kind und wenn ich bestimme das es wie ein Junge aufwächst dann wird es so geschehen. Da lasse ich mir von niemandem hineinreden, auch von Euch nicht.“ Der Abt schluckte schwer. Am liebsten würde er das Kind nicht taufen, doch wäre zum Schaden Oscars und nicht ihres Vaters und ändern würde es an der Situation auch nichts. Auch er konnte sich nicht erklären was plötzlich in den sonst so klar denkenden General gefahren war. Mit Widerwillen taufte er das Mädchen auf den Namen Oscar Franciose.
Da es draußen bitter kalt war fand die Taufe im Salon der Familie statt. Madame de Jarjayes konnte nicht daran teilnehmen, da sie noch im Wochenbett lag. Als Taufpate hatte Rainier de Jarjayes seinen guten Freund Graf de Girodelle bestimmt, dem vor kurzem selbst ein Sohn geboren wurde, dessen Pate wiederum der General war. Trotz des hohen Schnees hatte es sich Graf de Girodelle nicht nehmen lassen, bei der Taufe anwesend zu sein Patenkind selbst zu halten. Als der Abt das hübsche Kind sah schickte er sofort ein Stoßgebet nach oben, dass sich der Herr des kleinen Wesens annehmen solle.
Wenigstens war er hinterher zum Dinner an die reichhaltige Tafel der Familie de Jarjayes eingeladen und der General bedachte das Kloster, wie üblich bei den Taufen seiner Kinder, mit einer äußerst großzügigen Spende.
Als er am späten Abend in seinem Schlitten nach hause gefahren wurde dachte er dennoch: „Ob ich wohl richtig gehandelt habe? Ich hätte dem General mehr ins Gewissen reden müssen, damit er von seinem Vorhaben ablässt. Was soll aus diesem Kind wohl werden?“
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