120 X

von Nenaisu
GeschichteAllgemein / P18
14.07.2013
26.10.2014
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14.07.2013 277
 
5. Two Roads     - zwei Straßen (FC)

Wenn Charles über das Leben nachgedacht hatte, dann hatte er es sich so vorgestellt. Fäden. Jedes Leben war ein Faden, jeder Mensch besaß einen Faden. In der Farbe seines Herzens. Sobald zwei Menschen aufeinander trafen, und wenn sie nur ein, zwei Worte wechselten, so bildete sich ein Knoten zwischen ihren Fäden, so dass ein wunderschönes Tuch oder ein Teppich geknüpft wurden. Meist blieb es bei dem einen Knoten, bevor die Fäden wieder auseinander drifteten, manchmal umschlangen sich zwei Fäden eine Zeit lang und bildeten damit eine feste Einheit. Daher hatte er auch schmunzeln müssen, als er von dem vor allem im asiatischen Raum verbreiteten Mythos gelesen hatte, der besagte, dass jeder Mensch einen roten Faden an seinem kleinen Finger besaß, der ihn zu seinem Gegenstück, seinem Seelenverwandten führen würde.

Er hatte es geglaubt. Dass am Ende etwas dabei entstand. Und dass er irgendwann seinen roten Faden finden würde.

Doch jetzt war das anders. Nachdem Erik sie verlassen, ihn verlassen hatte.

In seiner Vorstellung waren ihre Leben jetzt wie zwei Straßen. Die zwar parallel verliefen – durch den Ablauf der Zeit bestimmt – sich aber niemals berührten oder gar kreuzten. Straßen kamen näher oder entfernten sich. Man konnte sich nur über die Steine hinweg unterhalten, die dazwischen lagen. Vielleicht sogar über mehrere andere Straßen und Wege hinweg.

Erik war nie wirklich bei ihm gewesen, wie zwei eng umschlungene Fäden. Er war weit weg gewesen. Denn sie hatten Ausgangspunkte besessen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Und eine andere Richtung, andere Ziele. Andere Menschen, die sie geprägt hatten, andere Verluste, die sie zu dem gemacht hatten, was sie heute waren.
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