120 X

von Nenaisu
GeschichteAllgemein / P18
14.07.2013
26.10.2014
41
15.251
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14.07.2013 538
 
So, damit wäre das letzte vorgeschriebene Kapitel erreicht. Jetzt heißt es warten.

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30. Dreams – Träume (FC)


Charles schrie vor Schmerz und Qual gleichermaßen laut und gepeinigt auf, während er mit einem Mal kerzengerade in seinem Bett saß. Automatisch wanderte seine Hand auf seinen unteren Rücken, knapp oberhalb seines Gesäßes. Fahrig strich er über die Stelle, an der zuvor das Feuer unvergleichbaren Schmerzes gebrannt hatte. Sein Atem war schnell und abgehackt, die Augen in weite Ferne gerichtet und wässrig, seine Wangen tränennass und leichenblass.

Er blinzelte, um einen klaren Blick zu erhalten und versuchte, durch tiefe Atemzüge seine Atmung zu normalisieren. Nach und nach schälten sich die schwarzen Konturen seines Zimmers aus der Dunkelheit, die rund um ihn herum herrschte. Nur langsam sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass es nur ein Alptraum gewesen ist. Nein. Nein. Es war kein Alptraum gewesen, es war eine Erinnerung. Eriks Erinnerung. Eriks Alptraum.

Und er hatte alles miterlebt, was sein Freund gerade geträumt hatte. Den Schmerz. Die Angst. Die Qual. Er war mit Erik in diesem Raum gewesen, an den Tisch gefesselt, hatte das Messer auf seinem Rücken gespürt. Und den glühenden Eisenstab, den man ihm oberhalb des Gesäßes auf die Haut gedrückt hatte. Ihn überkam eine Welle der Übelkeit, daher legte er sich rasch eine Hand auf den Mund, bevor die Galle seine Kehle verlassen konnte. Er schluckte mehrfach heftig und verfluchte seine Mutation. Nicht zum ersten Mal und sicherlich auch nicht zum letzten Mal. Gerade wenn er schlief, waren seine mentalen Schutzschilde nicht so stark und fest, wie im Wachzustand. Und wenn dann jemand in der Nähe solch heftige Alpträume hatte, war er fast gezwungen, diese mitzuerleben.

Nachdem er sich einigermaßen gefangen hatte – das Erlebte ganz zu verkraften, in dem Wissen, dass Erik das alles in der Realität erlebt hatte, würde noch einige Zeit dauern – schwang er seine Beine von dem riesigen Bett. Bald darauf berührten seine nackten Füße den kalten Fußboden, doch es kümmerte ihn nicht. Nur in seinen Seidenschlafanzug gehüllt verließ er sein Zimmer, vergrub mit jedem Schritt unbewusst die Zehen in den flauschigen Teppichen, die in der ganzen Villa ausgelegt waren. Erst, als er vor der dunklen Holztür stand, die zu Eriks Raum führte, hielt er inne. Er hatte schon die Hand zum Klopfen erhoben, doch stattdessen legte er sie dann nur flach auf das kalte Holz und senkte den Kopf.

Er wusste schließlich, dass Erik es überhaupt nicht mochte, wenn er seine Gedanken las. Selbst wenn er es nicht absichtlich getan hatte, selbst wenn es im Schlaf geschehen war, es wäre Erik unangenehm. Er hatte ihm nicht umsonst das Versprechen abgenommen, nicht mehr seine Gedanken zu lesen. Aber nicht nur das Gedankenlesen an sich wäre ihm unangenehm, sondern sicher auch das, was Charles miterlebt hatte. Die vermeintliche Schwäche, deren Zeuge er geworden war.

So sehr es ihn auch verlangte, die Tür zu öffnen und seinen Freund nach dessen Alptraum tröstend in den Arm zu nehmen, ihm in seinem Schmerz beizustehen, er besann sich eines Besseren. Drehte sich um und schlich sich leise zu seinem Zimmer zurück. Als er die Tür wieder hinter sich schloss und in sein Bett zurückkehrte, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er kannte Erik mittlerweile einfach zu gut.
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