120 X

von Nenaisu
GeschichteAllgemein / P18
14.07.2013
26.10.2014
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14.07.2013 458
 
22. Edge – Klippe (X3)

Fast bewegungslos saß Scott auf dem Bett, das er so lange Zeit mit Jean geteilt hatte. Das Zimmer war dunkel und entsprach damit seiner Stimmung. Das Flüstern, das er seit geraumer Zeit hörte, machte ihn fast wahnsinnig vor Schmerz. Es war Jeans Stimme, die er hörte, die ihn rief, die in seinem Kopf wiederhallte und seine Qualen verursachten. Er wusste doch, dass diese Stimme nicht wirklich war. Jean war tot. Er hatte es selbst miterlebt, gesehen, wie die kalten Wassermassen sich um ihren wunderschönen Körper schlossen und sie sich ihrem Schicksal hingab, nachdem sie die Insassen des Jets vor dem sicheren Tod gerettet hatte.

Scott wünschte, sie hätte es nicht getan. Er wäre lieber mit ihr gestorben, denn der Schmerz ihres Verlustes bohrte sich tief in sein Herz und hinterließ nur ein verbranntes Loch. Wie sollte er nur ohne sie weiterleben? Die fadenscheinigen Trostversuche der anderen machten es nicht besser. Im Gegenteil, sie raubten ihm noch den letzten Nerv. Daher war er auch heute nicht zu den Trainigsübungen erschienen. Wozu auch?

Jean flüsterte in seinem Kopf. Wollte ihn dazu verführen, zu ihr zu kommen. Wieso auch nicht? Er lebte doch sowieso nicht mehr. Er sprang auf, packte ein paar Kleinigkeiten zusammen, griff nach seinem Motorradschlüssel und machte sich auf den Weg. Unterwegs traf er auf Logan, doch er hörte nur mit halbem Ohr hin. Logans Kommentare waren noch nie hilfreich gewesen, so auch dieses Mal. So rasch wie möglich beendete er das Gespräch, bevor er die Garage betrat und sich auf sein Motorrad schwang.

Während der gesamten Fahrt hörte er Jeans lockende Stimme in seinem Geist. Er hatte immer gewusst, dass sie stark war, stärker, als es ihr wohl selbst bewusst war, stärker, als er, doch das hatte ihn nie gestört, denn er hatte sie aufrichtig geliebt. Es störte ihn auch nicht sonderlich, dass sie auch jetzt noch sein Denken und Handeln beeinflussen konnte, auch wenn sein Verstand sich dagegen wehrte, denn eigentlich wusste er ja, dass sie tot war, auch wenn sein Herz das nicht akzeptieren wollte. Scott würde ihr überall hin folgen und er ahnte, dass auch genau das geschehen würde.

Je näher er dem Ort kam, an dem sie gestorben war, desto lauter wurde ihre Stimme, als wolle sie ihm so verdeutlichen, dass er das Richtige tat. Irgendwann stand er auf der steinernen Klippe oberhalb der Stelle, an der sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Dass der Schmerz zugenommen hatte, je näher er dem See gekommen war, hatte er nicht realisiert, da er versucht hatte, seine Qual zu verdrängen, doch nun brach er über ihn herein und schwappte wie eine Welle eiskalten Wassers über ihm zusammen.

Er schrie vor Seelenqual auf und brach schließlich an Ort und Stelle zusammen.
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