Der leere Augenblick

KurzgeschichteRomanze, Tragödie / P12
12.07.2013
12.07.2013
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“In thy eyes the womb of thy despair,
Embrace my life within thy empty stare.
Together let us roam in the streets tonight,
The moon as our limit and our Souls as guidinglight.”

Draconian - “The empty Stare”

*******



Lasst mich euch eine Geschichte erzählen, nennen wir sie der Einfachheit halber,
“Das Märchen von der Pikkönigin und ihrem Pikkönig”…

Die junge Frau schenkt gerade Tee ein, da zerreißt ein markerschütternder Schrei die friedliche Stille. Erschrocken zuckt sie zusammen, lässt alles stehen und liegen, um zu dem Ursprung des Schreis zu gelangen. Ihr Herz pocht laut, Adrenalin hinterlässt einen bitteren Geschmack in ihrem Mund,
als sie mit wehenden schwarzen Haaren den Gang entlang hastet.
Etwas Schreckliches muss passiert sein. Sie weiß es.

Sie rennt in den großen Garten, biegt um Hecken, um dann beinahe an ihrem Mann vorbeizurennen.
„Edward? Edward! Warst du das?“, Panik durchtränkt ihre Stimme. Etwas stimmt nicht.
Etwas stört die Idylle des Gartens. Edward sitzt zusammengesunken auf dem nebelverhangenen Rasen, sein Gesicht zu Boden gerichtet. Er schüttelt nur langsam den Kopf. Da sieht sie etwas auf dem Boden vor ihm liegen. Sie beugt sich herab, hebt es auf.

Es ist eine Spielkarte. Und sie zeigt Edward, den Pikkönig.
Als sie die Karte umdreht, steht dort noch etwas geschrieben:
„Ein vergnügliches Spiel. Ich habe zu danken, der Kartensammler.”

„Was hat das zu bedeuten?“, richtet sie sich mit etwas ruhigerer Stimme wieder an ihn.
Ihm scheint nichts passiert zu sein.
Da merkt sie, dass er seinen Kopf immer noch hin und her schüttelt.
„Warum? Warum ausgerechnet das?“, murmelt er halblaut.
Violet ist nun doch wieder beunruhigt, dennoch schweigt sie, fragt nicht weiter.
Was gesagt werden muss, wird gesagt werden.
„Violet, es tut mir leid, es tut mir so schrecklich Leid…“
Sein Blick ist immer noch zu Boden gerichtet. Seine dunkelblonden Haare verdecken sein Gesicht. „Edward“, die junge Frau kniet sich zu ihm nieder, befindet sich nun mit ihm auf Augenhöhe mit ihm und fasst ihn behutsam an den Schultern: „Sieh mich an, Edward.“
„Violet, ich…“, seine Stimme stockt, er beginnt langsam sein Gesicht zu heben,  
„Ich kann nicht. Nicht mehr.“, meint er bitter.

Einen Moment lang, fragt sie sich was er meint, doch dann sieht sie es.
„Edward…“, wispert sie schockiert. Seine Augen sind milchig und trüb, wo vorher ein warmes Braun seinen Blick gewärmt hat. „Was ist passiert? Was… Wer hat dir das angetan?“, unwillkürlich packt sie seine Schultern fester. „Er hat mir versprochen, dass alles wie vorher wird. Das wir wieder an den königlichen Hof kommen und so leben können, wie es unserem Stand gebührt.
Aber er hat mich belogen!“ In seinen blinden Augen erkennt sie die pure Verzweiflung.
„Vergib mir, Violet! Was bin ich doch unnütz. Ich kann nichts anderes tun, als dir zur Last fallen!
Am besten wäre es wohl, ich ginge ganz weit weg von dir, denn ich bringe dir nur Unglück!“
Er schweigt kurz, dann meint er: „Ich hab es für dich getan. Aber nun, lebe wohl…“.

Er versucht sich aufzurichten, aber Violet hält ihn zurück.
„Edward. Hast du etwa vergessen, was wir einander versprochen haben?
Wir werden immer füreinander da sein, was auch immer passieren mag.
Ich liebe dich. Und solange du mich ebenfalls liebst, kann uns nichts trennen.
Denn unsere Liebe ist unsterblich. Du bist meine Liebe mein Leben, Mond an meinem sternenlosen Himmel, das Licht meiner verlorenen Seele.“
Ein Kuss, voller Schmerz und doch voller Hoffnung, so lebendig, wie das Leben selbst,
besiegelt diese Worte.

Und so merkt niemand, dass die Spielkarte verschwunden ist,
so als wäre sie nur ein schlechter Traum gewesen.



Es verging einige Zeit, vielleicht ein paar Wochen, Monate, oder vielleicht einige Jahre - denn wer vermag das im Wunderland schon zu sagen? - ,da ereilte Violet eines Tages eine merkwürdige Begebenheit…

Der Tau glänzt noch frisch auf dem Gras, als Violet bereits wieder in die Villa zurückkehrt.
Sie stellt ihren Spaten ab, dann geht sie in die Küche, wo sie das Tablett mit dem Frühstück ihres Gemahls vorbereitet. Sie stellt es auf einen Ebenholztisch, um dann den Frühstückstee zu bereiten.

Als sie wieder zum Tisch kommt, das Teeservice abstellt, merkt sie,
dass etwas in den Staub, der dick auf dem Tisch liegt, geschrieben steht:
„Wünscht du dir, du wärest tot?”
Sie liest es und spricht ihre Gedanken laut aus: „Nein. Nein, wieso?”
Als sie die Treppe hinauf zu Edward geht, hat sie es bereits wieder aus ihrem Gedächtnis verdrängt.

„Jemand war im Zimmer. Ich habe Schritte gehört.“, meint Edward, „Warst du das?“
Violet runzelt die Stirn: „Nein.“ Als sie näher zu Edward herantritt, merkt sie, dass das Fenster beschlagen ist. Die Schwarzhaarige erkennt eine Schrift auf dem kalten Glas.
Es ist dieselbe Schrift, wie in dem Staub, verschnörkelt, filigran, leicht nach rechts geneigt.
„Du hast gelogen.“. Mehr steht dort nicht.
Violet schüttelt nur verwundert den Kopf, stellt dann das Frühstückstablett auf Edwards Kommode ab. Ein Kleinjungenstreich. Nichts weiter.

Da sagt Edward plötzlich mit tonloser Stimme: „Violet, ich erinnere mich nicht mehr an dein Gesicht.“

Alles hätte sie hingenommen, nur das nicht. Und sie merkt, wie etwas in ihr stirbt, unwiederbringlich verloren geht. Sie wendet sich ab. Wortlos. Empfindet weder Trauer noch Hass. Nichts.
Sie fühlt sich leer und müde, einfach nur unsagbar müde.
Und wünscht sich tatsächlich sie wäre tot. Denn sie spürt nichts mehr. Ist innerlich gestorben.
Da sieht sie die Karte, direkt auf dem Boden, vor ihr. Pikkönigin.
Violet hebt sie auf, dreht sie um. Die junge Frau erblickt wieder die ihr inzwischen bekannte Schrift:
„Denn ihr seid nichts weiter als ein Kartenspiel. Ich danke für deinen Einsatz. Der Kartensammler.“

Nicht alle Märchen haben ein gutes Ende.
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