Aus den Augen - aus dem Sinn?

von kwieen64
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
John Stillman Kat Miller Lilly Rush Nick Vera Scotty Valens Will Jeffries
11.07.2013
18.07.2013
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Jeder Mensch braucht einen Freund, dem er bedingungslos alles anvertrauen kann. Lily schlug das dicke, rote Tagebuch auf, das sie schon seit Jahren begleitete.

Christina,  
du weißt, ich liebe dich und du stehst mir näher als jeder andere auf der Welt, schließlich bist du meine einzige Schwester und uns verbindet mehr als die meisten Geschwister. Ich werde immer da sein, wenn du mich brauchst und dir bedingungslos zur Seite stehen – ganz egal, was du sagst oder tust.

Aber warum musst du mir den einzigen Menschen, der mir wirklich wichtig ist, auch noch wegnehmen? Hättest du nicht wenigstens von ihm die Finger lassen können?

Mir ist schon klar, dass ich nicht gerade der Hauptgewinn bin. Schließlich bin ich nicht blind und taub! Ich bin nicht hübsch, nicht süß, nicht charmant, nicht diplomatisch und nicht redegewandt. Das sind schon einmal sehr viele „nichts“ für eine einzige Frau!  Und ich bin zu alt, stur, aufbrausend, häufig ungerecht, oft sehr zornig und extrem misstrauisch. Also eigentlich alles, was selbst die geduldigsten Menschen, vor allem Männer, sofort in die Flucht schlägt.

Mein einzig sicherer Hafen war meine Arbeit. Dort wussten sie meine absolute Verlässlichkeit, Entschlossenheit und meinen Mut zu schätzen. Da waren diese anderen Maßstäbe zweitrangig. Mit ihm hatte ich endlich jemanden gefunden, dem ich (beinahe) bedingungslos vertrauen konnte und gerade DU solltest wissen, wie schwer es mir fällt, überhaupt einem Menschen zu vertrauen!

Obwohl ich wirklich ständig dagegen angekämpft habe, wurde mir nach der Auseinandersetzung im Wagen klar, dass ich am Ende bin. Ich kann so nicht weitermachen und jeden Tag so tun, als ob sich nichts verändert hätte. Liebe kann man eben nicht erzwingen.

Da ich dich und die Kleine jetzt in Sicherheit weiß, kann ich bei John endlich beruhigt mein sofortiges Versetzungsgesuch einreichen. Meine Überstunden reichen für ein ganzes Jahr Urlaub. Ich lasse mich also ab sofort freistellen. Die wichtigsten Sachen nehme ich mit, meine Wohnung kannst du so lange behalten, bis du etwas anderes gefunden hast. Die Miete für diesen Monat ist bezahlt.

Sucht mich nicht. Vielleicht rauft ihr Drei euch ja doch noch zusammen?!? Christina, du kannst ihm das geben, wonach er sich wirklich sehnt – ein Heim und eine Familie. Ich bitte dich nur um eines: Gib‘ dir einmal im Leben richtig Mühe, denn es ist deine letzte Chance. Vermassel‘ es nicht!

Ich weiß nicht, ob du das je lesen wirst, aber wenn, dann hoffe ich, dass du meine Bitte und meine Entscheidung respektierst. Wenn ich wieder dazu bereit bin, werde ICH mich bei euch melden.

Macht es gut und untersteh‘ dich, ihn unglücklich zu machen. Dann bekommst du es mit mir zu tun!

Ich umarme und küsse euch ein letztes Mal.

Lilly


Lil klappte ihr Tagebuch zu, legte es neben sich aufs Bett und nahm ihre Reisetasche. Aus dem Fenster beobachtete sie, wie ihr Taxi, das sie zuerst ins Büro zu John und dann zum Flughafen bringen sollte, eintraf. Auf leisen Sohlen schlich sie die Treppe hinunter durchs Wohnzimmer zur Haustür. Mit einem kurzen Seitenblick vergewisserte sie sich, dass Scotty tief zu schlafen schien. Ihm jetzt noch ein letztes Mal in die Augen zu sehen ohne zu weinen, überstieg ihre Kräfte.

Ein wunderbarer Sonnenaufgang begrüßte einen furchtbaren Tag.

Als das Taxi losfuhr, fiel alle Anspannung von ihr ab und sie weinte all‘ die zurückgedrängten Tränen um die vergebenen Lebenschancen und um die Liebe zum einzigen Mann, der jemals zu ihrem Herzen vordringen konnte. Energisch schalt sie sich für ihre Gefühlsduselei! Wieder hatte es sich schmerzlich gerächt, dass sie einem Kerl  vertraut hatte. Aber war sie erst eine Zeit lang weg, würde er sie vergessen haben und alles würde wieder sein wie vorher – kalt, einsam und klar, wie ein frischer Wintertag.
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