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Leseprobe: Mord ohne Leiche

GeschichteKrimi, Mystery / P16
10.07.2013
28.01.2016
3
7.824
 
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27.01.2016 2.182
 
Dichte, graue Regenschleier verbragen die Aussicht auf den Park. An den Scheiben rann das Wasser hinab und tränkte die von der Kälte aufgerissenen Fugen. Auf der Innenseite kondensierte das Wasser am Fenstergitter. Eine Droschke rollte am Haus vorüber. Zaida hörte sie eher als dass sie sie gesehen hätte. Heute war ein furchtbar trüber, ermüdender Tag, der es ihr fast unmöglich machte, sich auf den Brief an die arme Lady Arlington zu konzentrieren. Träge kroch ihr Blick über den Schreibtisch zurück zu ihrer Schreibmappe. Unter dem goldenen Schriftzug ihres Namens und der Adresse sammelten sich durchstrichene Muster, Gedankengänge und Tintenflecke. Sie hatte seit dem Frühstück mindestens ein halbes Dutzend unsinniger Ansätze notiert und verworfen. Die eintönig graue Langeweile hielt sie fest im Griff und umnebelte ihren Verstand. Zaida war sich dessen wohl bewusst, ebenso war ihr klar, dass sie mehr Zeit mit den Beobachtungen des Wetters und des Kaminfeuers zubrachte, anstatt in aller Förmlichkeit Kondolenzgrüße zu verfassen oder wenigstens Zeilen, die der jungen Frau Mut zusprachen. Aber das, was sie schreiben wollte, konnte sie nicht zu Papier bringen. Die Briefe wurden im Vorfeld geöffnet und gelesen. Zaida schluckte trocken. Ihre Kehle stieß gegen den hoch geschlossenen Vatermörder. Am liebsten hätte sie sich heute gar nicht angezogen, sondern den ganzen Tag im Hausmantel verbracht, aber auch das lag nicht im Bereich des Machbaren. Sie war eine Dame und musste ihr Gesicht wahren, schließlich befand sich außer Ana auch die Gräfin im Haus …
Das enervierende Tropfen des übervollen Balkonsiphons bohrte sich in ihre Aufmerksamkeit und zerriss den Nebel, der sich um ihren Geist zu legen drohte endgültig.
Meine liebe Lady Arlington,
nach den jüngst geschehenen Ereignissen möchte ich mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen und mich nach Ihrem werten Befinden erkundigen. In der Vergangenheit -
Zaida strich die Zeilen und setzte erneut an:
Sie müssen mir –

Nein, so plump konnte sie den Brief nicht beginnen. Veronica Arlington mochte sicher nicht ihre engste Freundin sein, aber in Zusammenhang mit der Snegurotschka, hatte diese arme Frau mehr als genug durchgemacht. Ihre – zugegeben geringe – Sensitivität gegenüber der Geisterwelt hatte sie nicht vor dem wilden, heimatlosen Winterwesen bewahren können. Die Wahrnehmung und Offenheit gegenüber dem Übersinnlichen hatte dem Geschöpf viel eher einen Wirtskörper verschafft, ohne dass sich Lady Veronica dagegen zur Wehr setzen konnte. In Folge dessen war es innerhalb eines einzigen Tages zu unabsehbaren Folgen für die junge Frau gekommen. Sie – viel eher die Snegurotschka – hatte Lord Arlington getötet und Veronica war hier, in diesem Haus über Anabelle hergefallen, nur um schwer von ihr verletzt zu werden. Seit dem unseligen Weihnachtsfest vor neun Tagen lag die junge Lady in einer Klinik, bewacht von Polizisten. Sie stand unter Verdacht ihren Mann getötet zu haben. Hailey wusste es eigentlich besser, aber er brauchte eine Schuldige und das Bauernopfer zählte zu Upperclass Londons. Aus den Zeitungsartikeln ging fast einstimmig hervor, dass jeder an die Schuld Lady Veronicas glaubte. Selbst wenn sie je den Gerichtssaal als freie Frau verlassen sollte, so würde ihr Name und der Ihrer Familie auf ewig ruiniert sein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Arlingtons sich von ihr lossagten, das Land mit unbestimmtem Ziel in aller Stille verließen oder drastischere Maßnahmen ergriffen. Obwohl Zaida wenig von Lady Veronicas Befähigungen hielt, war das dennoch nicht das Ziel, was ihr vorgeschwebt hatte.
Sie setzte die Feder an.
Liebe Freundin,
auch wenn ich für all Ihr Unglück mitverantwortlich bin, möchte ich Ihnen unter allen Umständen helfen. In der unmöglichen Situation, in der Sie sich befinden, will ich Sie nicht allein lassen. Bitte vertrauen Sie in Miss Talleyrand und mich. Wir werden alles unternehmen, um den Verdacht gegen Sie zu entkräften. Auch wenn es nicht einfach zu werden verspricht, will ich dafür sorgen, dass Sie als freie Frau das hohe Gericht verlassen. Ein von mir beauftragter Verteidiger, Sir Patrick Richard Gaughan, der üblicherweise Lords des Oberhauses zu seinem Klientel zählt, wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen, sobald Sie mental und emotional dazu in der Lage sind. Er ist bereits von mir instruiert und in Kenntnis der tatsächlichen Vorgänge gesetzt worden. Ihm sollte es möglich sein, einen Freispruch zu erwirken. Über alle weiteren Vorgehensweisen können wir uns – der Situation gebeugt – erst später Gedanken machen. Seien Sie sich in jedem Fall unserer Unterstützung sicher.

Ja, so klang der Brief weitaus besser und für Lady Veronica greifbarer. Zaida zog sich einen neuen Bogen heran und übertrug die Zeilen ins Reine.
Gerade als sie ihre Unterschrift zeichnete, klopfte es an der Tür des Morgenzimmers. Ein kühler Hauch streifte Zaidas Wange und brachte den Geruch nach Schnee mit. Gräfin Petrowna stand auf dem Flur. Zaida wandte sich im Stuhl um. Ihre Augen brannten leicht, wie bei einem Fieberschub. Sie blinzelte. Sie wollte nicht mit der Gräfin reden, schon gar nicht ihre Gegenwart im Rücken spüren, wenn sie arbeitete. In ihr verdichtete sich ein schier unerträglicher Widerwille gegen die Anwesenheit der Russin. Die Kälte wandelte sich zu brennender Hitze, der Glut, die durch ihre Adern rann. Ewig konnte sie die Gräfin nicht stehen lassen. Es war schon unhöflich sie warten zu lassen. Mühsam kühlte sie ihre Gefühle aus. Sie durfte keine Emotionen in die ohnehin labile Situation zwischen ihnen einbringen.
„Bitte, Gräfin, treten Sie ein.“
Jewa Petrowna schien zu zögern. Natürlich. Sie hatte die Aufwallung und Abneigung deutlich gespürt. Im Gegensatz zu Ana war sie sensibel für Schwankungen in den Empfindungen und der Gesamtsituation.
Die Türklinke bewegte sich nach unten und ein schwacher Schimmer des Gaslichts kroch in das schattige Morgenzimmer. Jewa Petrowna trat ein, selbst ein stummer grauer, unauffälliger Schatten in mausgrauem Tageskleid und in geduckter Haltung. Aller Stolz der Russin zerbrach, sobald sie einen Raum betrat, in dem sich Zaida aufhielt. Die Pose des geprügelten Hundes stand ihr nicht gut zu Gesicht. Zaida straffte sich und wies auf den sommerlich gelb bezogenen Sessel, der ihr am nächsten stand. Die Gräfin zögerte. Sie schien zu überlegen. In ihren Händen hielt sie ein Blatt Papier. Offenbar hatte sie ein größeres Anliegen vorbereitet und war sich nicht sicher, ob sie es in aufrechter Haltung vorbringen sollte. Zaida musterte sie. Etwas in der Mimik der Russin hatte sich verändert. Sie wirkte trotz ihrer Unsicherheit entschlossen.
Seit sie Jewa Petrowna aufgenommen hatten, ging beinah täglich eine Wandlung in ihr vor. Sie entwickelte sich vermutlich mit der angespannten Situation im Haus. Bis zu einem gewissen Grad empfand Zaida sogar Sympathie für Gräfin Petrowna. Vielleicht mochte das Gefühl ihrer leidvollen Historie geschuldet sein, aber daran glaubte Zaida nicht. Sie erkannte den klaren Unterschied zwischen ungewolltem Mitleid und einem echten, greifbaren Gefühl von Achtung. Jewa Petrowna hatte viel in ihrem Leben und darüber hinaus im Tod erlebt: Geschehnisse, die sie nachhaltig geprägt und aus ihr eine mutige Frau, eine überlebensfähige Kämpferin gemacht hatten. Zudem umgab sie der Hauch der gehobenen Bildung. Unter anderen Umständen hätte einer echten Freundschaft nichts entgegengestanden.
„Bitte, liebe Gräfin, setzen Sie sich doch.“
Auf die nochmalige Aufforderung reagierte Madame Petrowna nicht. Einen Augenblick betrachtete sie ihre blasse Hand, mit der sie das Schriftstück festhielt, bevor sie es Zaida reichte. Zaida glaubte den Inhalt bereits zu kennen. Unter ihrer Haut kroch ein Schauder entlang; Scham und der tiefe Wunsch sich zurückziehen zu wollen, wenn sie sich nicht irrte. Es waren nicht ihre Gefühle, sondern die Gräfin Petrownas.
Madame Zaida, es ist mir unmöglich länger Ihre großmütige Gastfreundschaft anzunehmen, denn ich weiß, dass meine schiere Anwesenheit Ihren Sinn von Anstand verletzt. Mir ist bewusst, dass ich Ihnen und Mademoiselle Anabelle etwas angetan habe, was den Frieden Ihres Hauses zutiefst erschüttert hat. Keine Entschuldigung der Welt würde ausreichen um meine Verfehlung vor Ihnen zu rechtfertigen oder gut zu machen. Dennoch ist es mir ein tiefes Bedürfnis mich aus tiefstem Herzen bei Ihnen und Mademoiselle Anabelle zu entschuldigen. Sie wissen sicher, dass meine Worte aus reiner Überzeugung heraus kommen.
Bitte verzeihen Sie mir, vielleicht, irgendwann. Ich will heute Ihr Haus verlassen, denn das Glück zwischen ihnen beiden stört sich an meiner Gegenwart.
Hochatungsvoll
Ihre Jewa Magdalina Petrowna

Zaida atmete tief durch, ohne dass sonderlich viel Luft ihre Lungen erreichte. Trotz der frischen Winterkälte, die Gräfin Petrowna mitbrachte, fühlte sie sich erstickt.
„Sie missverstehen die Situation, Gräfin“, begann Zaida. „Ich bin mir sicher, dass Sie mit der gegebenen Situation genauso umzugehen wissen wie ich. Deshalb insistiere ich gegen Ihre Worte und muss darauf bestehen, dass Sie weiterhin mein Gast sind.“
Die ohnehin blasse Haut der Gräfin verlor den letzten Rest Farbe. Nur die großen, hellen Augen schimmerten. Der Ausdruck entsprach vollkommener Verständnislosigkeit. Warum?, formten ihre Lippen.
Zaida erhob sich und strich ihren Rock glatt. Sacht berührte sie Jewa Petrownas Schulter und deutete ein weiteres Mal auf den Sessel. Dieses Mal kam die Gräfin der Aufforderung nach, aber Zaida spürte ihren brennenden Blick. Zaida legte den Brief zur Seite und setzte sich ebenfalls.
„Sehen Sie, Gräfin, unter den gegebenen Umständen ist das Miteinander das wir teilen, nicht immer einfach, aber Sie wissen so gut wie ich, wer und was wir drei Frauen sind. Wenn wir uns nicht gegenseitig helfen und unterstützen, sind wir der Welt dort draußen ausgeliefert als Monster.“
Der schmale Hals unter dem grauen Stehkragen zuckte. Gräfin Petrownas Kopf sank nach vorne. Sie schien sich mehr als unwohl zu fühlen. Sacht faltete sie beide Hände im Schoß.
„Ich will diesen Brief“, Zaida griff danach und hielt ihn hoch, „nicht weiter beachten, liebe Gräfin. Sehen Sie sich bitte weiterhin als mein Gast und finden Sie die Kraft, in allen Punkten an sich zu arbeiten. Sie sind bereits mehrfach über sich hinausgewachsen. Das wird Ihnen sicher auch noch öfter gelingen.“
Auf welche Weise die Worte bei Jewa Petrowna ankamen konnte Zaida aus ihrer versteinerten Mimik ablesen. Die Russin hatte sich nicht gut genug im Griff, um ihren Schrecken und Ärger zu verbergen. Sie wusste, dass sie für die Menschen in der Stadt eine Gef…
Weißglühendes Feuer verbrannte das Bild der Eis-Gräfin und hinterließ blendend weiße Leere, die von einem schwachen Pochen begleitet wurde. Es hörte - nein fühlte - sich an wie das regelmäßigen Schlagen eines Herzens, das sich in dem Pulsieren von Zaidas eigenem Blut widerzuspiegeln schien. Zuckende Schatten erwachten mit dem sacht ansteigenden Druck zwischen ihren Schläfen, die bei jedem Pumpen des fremden Herzens einen Schemen auf die weiße Leere warfen. Schwere Atemzüge rannen unter die die Bilder du durchtränkten sie mit feuchtem Atem. Zaida spürte Arme und Beine wie unbewegliche Bleigewichte, die sie hinab zogen und in die Polster drückten. Am Rand des Wahrnehmbaren knarrte Holz … Rabenflügel flatterten rasch und schattenhaft. Federn stoben auf und segelten herab. Plötzlich sackte Zaida nach vorne. Instinktiv wollte sie sich abfangen, aber ihre Glieder ließen sich nicht bewegen. In ihrer Kehle sammelte sich ein Schrei … der zu einem tonlosen Röcheln gerann. Schrecken zuckte durch ihren Körper. Eisige Kälte fing sie auf. Sie fühlte, wie sie mit dem Gesicht in den eisüberzogenen Schnee stürzte, spürte das Prickeln ihrer Haut, das gefrieren ihres Speichels und ihrer Tränen. Sie war unfähig sich zu regen, zu schreien, zu … Schnee rieselte in ihrer Kragen und löste sich in ihrem halb offenen Mund auf, kitzelte bei ihren kurzen, abgehackten Atemzügen in ihrer Nase und geriet in Tröpfchen in ihre Luftröhre. Zaida versteifte sich. Sie konnte nichts tun, nichts, nur hier liegen, vielleicht ersticken und … Angst breitete sich mit der Kälte aus und schloss sich mit einer stählernen Klammer um ihre Brust. Es war die banale Angst eines lebenden Menschen, eines hilflosen, magiefreien Geschöpfs, das sterben konnte. In ihrem Kopf manifestierte sich ein Schrei in dem sich alle Furcht vor dem Tod sammelte. Über ihre Lippen kam nichts, nur Speichel, der in den Schnee floss. Hinter ihrer Stirn explodierte nackte, erstickende Panik. Sie begann zu keuchen zu … Sengender Schmerz zerriss Zaidas Bewusstsein und durchbrach die Mauer aus lahmem Fleisch, Eis und Schnee zur Realität. Die Ohrfeige verlor rasch ihren Biss in taubem Kribbeln, dennoch blieb ein heißes Pulsieren zurück. Über Zaidas Unterlippe rann warmer Speichel, der auf ihr Kinn troff. Zaida blinzelte. Ihre Augäpfel fühlten sich trocken an und rollten erst jetzt unter den Lidern hervor. Das rötliche Licht veränderte sich zu einer verzerrten Realität aus flackerndem Licht, einer schimmernden Schattengestalt, die der naiven Vorstellung einer Heiligen glich und grauen Nebeln, die in ihren Hals bissen und die Augen tränen ließen. Langsam klärte sich das Bild. Kaminfeuer verlieh Madame Petrowna eine rotgoldene Korona, die ihre dunkelblonden Locken zu illuminieren schien. Zaida zupfte mit einer Hand ihr Taschentuch aus dem Ärmel, trocknete ihre Lippen und tastete mit der anderen nach ihrer Wange. Sie war heiß und schwoll an. Sacht legte die Gräfin ihre kalte Hand auf. Das Gefühl tat gut. Leider zog sie ihre Finger gleich wieder zurück. Sie suchte Abstand. Zaida hob den Kopf und suchte nach den Augen Madame Petrownas. Leider stand sie ungünstig, sodass es Zaida unmöglich war, ihre Mimik zu erkennen.
Eine Vision direkt vor ihren Augen– weiter konnte sich Zaida kaum noch entblößen. So dankbar sie der Russin war, aus diesem Todesalb erlöst worden zu sein, so unmöglich war die Situation, in der sie sich befanden.
Madame Petrowna wandte sich halb ab und trat zur Tür. In ihrer Haltung hatte sich etwas geändert. Sie wirkte stolzer, entschlossener. Zaida bezweifelte, dass ihr Madame Petrownas Entscheidung gefallen würde.
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