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Leseprobe: Mord ohne Leiche

GeschichteKrimi, Mystery / P16
10.07.2013
28.01.2016
3
7.824
 
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10.07.2013 1.538
 
Penny versteifte sich, als seine Faust dicht neben ihrem Gesicht nassen Putz aus der Mauer sprengte. Rasch wandte sie den Kopf ab. Nasskalter Sand berührte ihre Wange. Schweiß rann mit dem Regenwasser, das die Wand ausspülte, in ihren Kragen. In ihren Augen brannten Tränen. Das war nur eine Warnung gewesen! Er wollte ihr nichts tun – noch nicht. Es war nur eine Frage der Zeit. Ein eigenartig krachender, mechanischer Laut zerriss die Stille. Betont langsam zog er die Hand zurück. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie das tiefe Loch, was er hinterlassen hatte. Für einen Augenblick setzte ihr Herz aus. Das konnte nicht sein. Niemand besaß so viel Kraft, um das Mauerwerk mit der bloßen Faust zu zertrümmern.
Ihr Blick irrte umher. Sie konnte kaum etwas sehen, dafür war es zu dunkel. Sie spürte die Enge, die bedrängend hohen, fensterlosen Wände, die ihr keinen Schutz geboten hatten. Kalte Nässe kroch ihr in die Knochen und vertrieb die Hitze ihrer Flucht. Warum war sie hierher geflohen? Weder die Nacht noch die engen, verschachtelten Hinterhöfe bargen vor ihm. Hier war sie ausgeliefert, selbst wenn ein Bobby vorbeikommen sollte, denn er war kein Mensch, sondern ein außer Kontrolle geratenes Monster. Der Gedanke rang ihr ein panisches Keuchen ab. Ihr Herz tat weh … Unnatürlich laut klangen ihre rauen Atemzüge und kondensierten in Wölkchen vor ihrem Gesicht. Ihr Herz schlug schmerzhaft hart und schnell. Betäubende Kälte jagte Hitze unter ihrer Haut, bis sie brannte und prickelte. Er presste sie mit seinem immensen Gewicht gegen die Wand. Unter Mantel und Kleid drückten sich die Stäbe des Mieders durch Unterhemd und Miederjäckchen in ihren Leib, quetschten ihre Rippen und drückten ihr die Luft ab. Scharfer Schmerz explodierte, als ihn ein Beben durchlief, begleitet von einem tiefen, unmenschlichen Grollen, das aus seinem Inneren zu kommen schien. Es klang wie der Leerlauf einer Dampfmaschine. Die Härchen auf ihrem Unterarm richteten sich auf. Sie keuchte auf.
Eine weitere Welle nackter Angst kroch aus ihrer Brust und floss durch ihre Adern. Panik drohte ihren Verstand zu überschwemmen. Nein, sie durfte sich nicht hinreißen lassen. Wenn sie nachgab, starb sie. Penny kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf ihre Muskeln. Sie musste sich zur Wehr setzen und kämpfen. Aber wie hoch waren ihre Chancen? Erneut das unmenschliche Geräusch …
Als habe er den Gedanken wahrgenommen, presste er sich noch fester gegen sie. Sie riss die Augen auf. Etwas knackte … Dumpfer Schmerz rann in verwirrende Lichtblitze. Hatte er ihr die Knochen gebrochen? Die harten Herzschläge wurden immer leichter und schneller, eilten dem entsetzlich ansteigenden Schmerz hinterher, bis sie kaum noch Luft bekam. Vor ihren Augen flackerten Lichtblitze, in ihren Ohren rauschte das Blut. Heiß stieg ihr Blut mit entsetzlichem Druck in die Schläfen, nur um von kaltschweißiger, bleierner Schwere hinabgerissen zu werden. Sie konnte sich nicht regen. Jeder flache Atemzug schnitt tief in ihre Lungen. Er drückte ihren Brustkorb noch stärker zusammen. Trotzdem nahm sie den beißenden Schimmelgestank seines nassen Mantels wahr. Er kroch ihr in die Kehle und legte sich wie ein Film über die Zunge. Ihr Mund wurde trocken. Zugleich schmeckte sie Blut.
Das war das Ende. Sie zitterte. Warum konnte sie nicht schreien, sich kaum regen? Penny blinzelte.
Nein, nein … nicht durchdrehen. Sinnlose Gegenwehr wäre Kraftverschwendung und würde sie noch schneller töten. Jede Bewegung konterte er mit stärkerer Belastung auf ihrem Brustkorb. Er würde sie einfach zerquetschen, wie in den Fabriken, wenn Arbeiter in Maschinen kamen. Maschinen?
Konnte das sein? Gab es so etwas? Das musste eine irre Vorstellung sein, geboren aus der Verzweiflung … oder?
Langsam klärte sich ihr Kopf. Zugleich steigerte sich der Druck auf ihre Brust unerträglich.
Er hört was ich denke!
Plötzlich verschwand sein Gewicht.
Schmerzhaft kalt strömte die Nachtluft nach, als er von ihr abließ. Ihre Beine konnten sie nicht mehr tragen. Mit zitternden Knien taumelte sie und sank hustend nach vorn. Keuchend fing sie sich ab. Ihre Arme knickten ein. Sie zitterte. Der Dreck unter ihren Händen war real, ebenso die Pfütze, in der sie kniete, die schwere, rußige Luft, die ihre Brust füllte und der Schmerz; all das war wirklich, ihr Leben. Verschonte er sie? Penny zweifelte daran. Er hatte ihr alle Kraft geraubt. Tränen rannen über ihre Wangen.
Verdammte Schwäche. Das fahle Echo ihrer sonstigen Stärke verklang in sinnloser Wut.
Wo war er? Mühsam hob sie den Blick. Bilder tanzten, verschoben sich, tauchten in die Schatten und die Nacht ab, um aufzublitzen und sich übereinanderzulegen. Zitternd krallte sie die Nägel in den Boden. Sie schloss die Lider.
Konzentration!
Erneut blinzelte sie, bis das Karussell aufhörte sich zu drehen. War er fort?
Nein!
Mit einem einzigen Schritt stand er wieder vor ihr. Seine behandschuhten Hände schossen vor.
„Bitte nicht …“ Schwäche brach ihre Stimme.
Seine Finger schwebten dicht vor ihrem Gesicht.
Kein Laut kam über seine Lippen. Nur ihr harscher, rascher Atem und der starke Regen klangen in ihren Ohren. Ihr wurde schwindelig. Ein hohes, helles Pfeifen setzte ein, was die Ränder der Wirklichkeit zerfaserte. Doch bevor die gnädige Ohnmacht sie umfing, packte er sie unter den Armen und riss sie auf die Füße. Ein scharfer Stich zog durch Pennys Brustkorb und flachte zu dumpfem Pochen ab. Er hatte ihr die Rippen gebrochen, ganz sicher. Sie keuchte, schrie. Speichel benetzte ihr trockenen Lippen. Einen Moment später verlor sie den Bodenkontakt. Hilflos pendelten ihre Beine über der Erde. Er hielt sie, als habe sie kein Gewicht. Seine Kraft, sein Gewicht, alles an ihm sprach für einen Automaten. Er war riesig, weitaus größer, als andere Männer. Und doch war sein Körper warm und irgendwie lebendig.
Was war er?
Instinktiv versteifte sie sich bei dem Gedanken in Erwartung seiner Rache, aber es passierte nichts. Er reagierte nicht.
Was hast du vor? Eisenmann, warum tust du das? Was bin ich für dich? Was willst du überhaupt von mir?!
In ihre Angst mischte sich neue Unsicherheit. Vorsichtig hob sie den Blick. Unter seinem regennassen Hut konnte sie kein Gesicht ausmachen, nur konturlose Schwärze. Ihre Augen täuschen sie. Schmerz, Erschöpfung und Dunkelheit mochten das bewirken. Hier, zwischen all den Hinterhöfen und Werkstätten gab es kein Licht. Er zog sie näher an sich.
Tropfen perlten von der Filzkrempe in ihr Gesicht. Der Regen vermischte sich mit ihren Tränen. Sie blinzelte die Nässe fort und strengte ihre Augen an. Wenigstens schwache Konturen mussten auszumachen sein, aber es gab kein Gesicht. Penny öffnete den Mund. Sie wollte schreien. Ein ersticktes Wimmern kam über ihre Lippen. Im gleichen Augenblick lösten sich dunstige Fetzen aus der Schwärze unter dem Hut und trieben auf sie zu. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern. Um was auch immer es sich handelte, sie wollte damit nicht in Berührung kommen. Ein Nebelfinger tastete nach ihrem Gesicht, strich behutsam über ihre Haut. Betäubendes Kribbeln blieb zurück. Wimmernd, zitternd folgte sie der Schwärze, die rauchig auseinander faserte und sich neu sammelten, um kurzzeitige Konsistenz zu gewinnen.
Was immer das war, es konnte kein Mensch sein! Panik überrollte sie mit aller Macht. Sie schrie bis der gellende Laut ihre eigenen Ohren betäubte. Sofort fuhr der Dunst in ihren Mund, füllte ihn aus, lähmte jede Empfindung, reizte ihre Kehle, stieg - nein sickerte - ihr in Nase, Augen und Ohren. Qualvoll hustete sie Angst und Übelkeit aus.
Die Reste ihres Widerstands zerbrachen. Langsam tastete sich das Wesen in sie.
Am Rand der Wirklichkeit knarrte etwas Metall zerkratzte Stein. Der Laut gerann zu unschönem Kreischen. Plötzlich klärte sich ihr Kopf. Sie kannte das Geräusch. Es klang wie eisenbeschlagene Räder auf dem Pflaster. Hufe klapperten träge. In das Schnauben des Pferdes mischte sich eine atemlos raue Stimme. Worte, die keinen Sinn besaßen.
Hilfe, bitte … Hilfe!
Hatte sie das gesagt oder nur gedacht? Penny wusste es nicht. Sie würgte. Etwas in ihrer Kehle gab nach. Salzig Nässe rann über ihre Zunge in den Hals. Übelkeit stieg aus ihrem Magen auf. Das Rauschen in ihren Ohren nahm zu, verschlang die Geräusche ihrer Umwelt. Was sagte die Person? Was …? Sie versuchte sich zu konzentrieren.
Die Zeit dehnte sich, zog sich zusammen. Wenn nicht gleich etwas geschah … Ihr Herz krampfte sich zusammen. Die Todesmüdigkeit kehrte zurück und überschwemmte ihren Verstand. Farbige Lichtflecken flackerten hinter ihren Lidern. Sie starb …
Ein Ruck ging durch den Stahlgriff ihres Peinigers. Die Finger lockerten sich. Schwach lichteten sich die Nebel um ihren Verstand, gerade lang genug um das Rauschen zu einem Flüstern zu senken. Wimmernd sackte Penny unter dem Druck zusammen. Trotzdem ließ er sie nicht los. Ein scharfes, metallenes Schaben erklang. Das Geräusch reichte, um ihren Verstand zu zerfetzen. Hysterische Worte endeten in einem panischen Keuchen. Penny wusste nicht einmal mehr zu sagen, ob die Stimme einem Mann oder einer Frau gehörte.
Das Pferd wieherte. Rasche Schritte entfernten sich. Hufschlag hallte von den Wänden zurück.
Nein, bitte nicht.
Sie nahm weit entfernte Erinnerungsfetzen wahr, die an ihr vorüber trieben, verdreckt und staubig wie ein altes Gemälde. Träume von einem Haus, winterkahlen Feldern und dürren Bäumen. Ihre Vergangenheit? Nein. War das nicht ein Bild gewesen? Irgendwo hing es – nur wo?
Charles? Hing es nicht …
Der Gedanke verwehte. Sie wusste es nicht mehr.
Wer war das verkrüppelte Mädchen, was im Wintergarten saß?
Wem gehörte das kleine Pferd? Warum zog es nicht die Kinderkutsche, die leer und geisterhaft durch das graubraune Gras rollte? Wer hatte das Gesicht der Puppe zertrümmert und ihre Augen zertreten?
Wer träumte diese Träume?
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