Lilys Lebenszirkel

KurzgeschichteRomanze / P12
04.07.2013
04.07.2013
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Wörter: Auflauf, Stimmung, Hauch

Eine neue Bekanntschaft


Still ging Lily durch die Straßen. Sie trug schlichte, schwarze Sandalen mit silbernen Schnallen und eher niedrigem Absatz. Ihr Kleid, dunkelgrün mit silberner Stickereien, passte perfekt zu ihren Schuhen. Ihre goldbraunen Haare waren leicht gelockt und liefen in einer Art Zopf über ihre linke Schulter. Auf ihrer rechten Seite hingen einige wenige lockige Strähnen herunter.
Sie trug silberne Ohrstecker in der Form einer Blüte mit einem dunkelgrünen Stein in der Mitte. Ihre silberne Kette hatte einen Anhänger in der selben Form.

Es war ein lauer Frühlingsabend. Nicht kalt, aber auch nicht besonders warm. Es war noch hell, doch die Sonne selbst war nicht mehr zu sehen.
Langsam ging Lily weiter. Sie hörte die Absätze auf den Boden aufschlagen, bei jedem Schritt. Es war ein regelmäßiges Klacken. Es war nicht mehr weit, aber eigentlich wollte Lily gar nicht ankommen.
Es war eine dieser Familienfeiern, bei denen sie immer besonders hübsch sein musste. Die anderen, die in ihrem Alter da waren waren alle eher eingebildet, niemanden für den sie sich interessierte.

Lily blieb stehen und atmete noch einmal tief durch bevor sie um die Ecke ging. Sie erkannte bereits den großen Auflauf an eingebildeten Schnöseln, wie Lily ihre Verwandten gerne nannte.
Zielstrebig ging sie jetzt auf diese Menschenmasse zu.
Sie hatte kaum eine Chance zum Haus zu gelangen. Sofort wurde sie von den ersten aufgehalten. Jeder fing mit ihr ein Gespräch an. Doch diese Gespräche bestanden nur aus Höflichkeit. Sie wurde nach der Schule gefragt und wie es ihr ging, ob sie einen Freund habe, falls nicht, sie würden da eventuell jemanden kennen, der was für sie wäre.
Lily hasste diese Fragen, genauso wie sie diese Familienfeiern hasste.
Sie betrat das Haus, welches jedoch mehr einer Villa ähnelte. Ihre Großmutter fand sie im Garten. Als diese Lily entdeckte kam sie auch sofort auf sie zu: „Lily, Liebes, schön das du da bist!“ Lily lächelte, wenn auch etwas gezwungen. Sie bemerkte deutlich den Blick des Jungen. Dieser Junge stand neben ihrer Großmutter. Es war offensichtlich, dass er in Lilys Alter war. Das war immer das schlimmste auf diesen Familienfeiern. Jedes Mal lud ihre Großmutter irgendeinen Jungen ein, in der festen Überzeugung, das er der Richtige für Lily wäre.
Lily gab sich jedoch immer Mühe, diese Jungen zu weitest gehend zu ignorieren, was jedoch nicht immer so einfach war. Spätestens dann nicht mehr, wenn es ums Tanzen ging.
Sie wandte sich an ihre Großmutter: „Ich sehe mal nach, ob Lady Red fertig ist.“ Lady Red war eine Araberfuchsstute. Lily konnte mit ihr im Damensattel reiten. Sie drehte dann immer erst einmal eine Runde mit Lady Red durch den Park. Es war Zeit, die sie nicht mit diesem Jungen verbringen musste.
Ihre Großmutter lächelte. Sie wird fertig sein. Feodor wird dich begleiten. Ich habe für ihn Prince fertig machen lassen.

Lily war zwar überrascht, ließ sich aber nichts anmerken. Sie nickte leicht und ging dann zum Stall. Sie hörte Schritte hinter sich und wusste somit, dass der Junge ihm folgte. Sie spürte seinen Blick im Rücken, ignorierte diesen aber. Er war der erste Junge, der reiten konnte. Und dann noch Prince. Prince war ebenfalls ein Araber, aber ein Rapphengst mit einem kleinen Stern auf der Stirn. Er war nicht gerade leicht zu reiten. Lily war eine der wenigen, die ihn reiten konnte.
Höflich grüßte Lily den Stallburschen. Er hatte Lady Red bereits bei sich. Zur Begrüßung streichelte Lily ihr einmal kurz am Kopf und stieg dann auf. Sie nickte dem Stallburschen noch einmal zu und ritt los während dieser Prince holte.
Sie hasste dieses kühle, distanzierte, arrogante Verhalten, welches hier von ihr erwartet wurde. Wenn niemand dabei war blieb sie oft noch eine Weile bei Leon, dem Stallburschen und unterhielt sich mit ihm. Aber ihre Großmutter durfte davon nichts erfahren. Und dieses Mal war Feodor dabei...

Über das Gerede der anderen Gäste und das knirschen der Hufe im Kies hörte Lily jetzt auch das Knirschen von Kies unter weiteren Hufen, Prince.
Lily drehte sich nicht um, sie ritt einfach weiter. Feodor schloss zu ihr auf. „Du bist Lily, richtig?“ Lily nickte, sie hatte ihn noch immer nicht angesehen. Lediglich der flüchtige Blick bei der Begrüßung ihrer Großmutter hatte ihn getroffen. Er fuhr fort: „Ich bin Feodor.“

Wieder nickte Lily ohne auf ihn einzugehen. Doch eine Sache interessierte sie. Er hatte einen Akzent, einen osteuropäischen. Die bisherigen Jungen sprachen alle klares Hochdeutsch.
Die Stimmung war angespannt.
Mit einem leichten Lächeln bemerkte sie, dass Feodor nicht mehr zu wissen schien, was er sagen sollte.

An einem etwas größeren Platz hielt Lily an. Feodor würde sie heute Abend so oder so nicht mehr los werden. Demnach könnte sie auch hier eine Weile bleiben. Zum ersten Mal an diesem Abend betrachtete sie Feodor etwas genauer. Er sah eindeutig besser aus als die meisten anderen. Er hatte schwarze Haare und helle, blaue Augen. Lily ließ sich auf den Boden gleiten und ging zu einer Bank.
Sie setzte sich und sah zu Feodor. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Du kommst mit Prince gut klar.“ Es war eine Feststellung, etwas positives.
Feodor stieg ebenfalls ab. Er setzte sich zu Lily: „Ich reite viel.“ Lily nickte nur. Sie bemerkte wieder diesen Akzent. „Wo kommst du her?“ Sie sah ihn jetzt nicht mehr an, sondern ließ ihren Blick auf den beiden Pferden ruhen.

Sie war sich ziemlich sicher, dass Feodor lächelte: „Aus Russland. Aber wir leben bereits seit einigen Jahren in Deutschland.“
Lily nickte. Sie hatte bereits zu viel gesagt. Er schien sich wieder sicherer zu fühlen. Wenn man sich zu gut mit diesen Jungs verstand wurde man sie nicht mehr los. Zumindest Lily nicht. Sie musste also aufpassen.
„Wir sollten zurück reiten.“


Lily setzte sich zu ihrer Großmutter, gegenüber von Feodor. Er schien sich seiner Sache nicht so sicher zu sein, wie Lily erwartet hatte. Er schien generell etwas unsicher zu sein.
Während dem Essen beobachtete sie ihn aus dem Augenwinkel. Er sah eigentlich sehr gut aus. Und irgendwie war er anders als die anderen. Nicht so selbstsicher, er wirkte auch nicht so sehr von sich überzeugt. Es tat ihr fast leid, wie sie sich ihm gegenüber verhielt, aber sie musste nun mal.

Das Essen wurde abgeräumt und Lily wusste was jetzt kam. Doch Feodor wirkte unsicher, als er sie zum Tanzen aufforderte.
Lily folgte ihm zwar ignorierte ihn aber weitgehend.
Der erste Tanz war bereits vorbei als Feodor sprach: „Warum bist du eigentlich so abweisend zu mir, habe ich dir irgendwas getan?“
Ohne es zu wollen musste Lily etwas lächeln. Sie mochte seinen Akzent. Doch sie fing sich recht schnell wieder: „Du bist der, mit dem meine Großmutter mich dieses Mal zusammenbringen möchte.“
Ihr entging Feodors verletzter Blick nicht. „Wir müssen doch nicht zusammen kommen, wir könnten doch auch einfach nur Freunde sein.“
Lily zog eine Augenbraue hoch: „Nur Freunde? Ich bezweifle, dass irgendein junger, gut aussehender Mann, der zu diesen Kreisen gehört, das könnte.“
Das schien ihn getroffen zu haben. In Lily breiteten sich zwei komplett verschiedene Gefühle aus. Eines war Triumpf, das andere, Lily wusste nicht genau was es war, Schuldgefühl?
Sie verdrängte jeglichen Gedanken daran und wartete auf Feodors Antwort während sie weiter tanzten.
„Lass es mich wenigstens probieren.“

Lily hob den Kopf und sah direkt in seine Augen. Sie waren wirklich blau, aber nicht mehr so strahlend wie im Park, als sie noch miteinander geredet hatten. Sie wirkten jetzt eher matt und traurig. Aber sie waren trotzdem schön. Lily unterdrückte den Drang, ihn zu küssen, in der Hoffnung, dass seine Augen dann wieder strahlen würden.
Innerlich fragte sie sich, was das sollte, warum sie so etwas auch nur dachte. Sie versuchte sich wieder zu fangen und antwortete dann: „Warum sollte ich?“
Aber es klang nicht sonderlich überzeugend.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht und er warf einen Blick zu Lilys Großmutter. Seine Augen strahlten jetzt wieder. Lily folgte seinem Blick. Ihre Großmutter beobachtete sie.
Sie sah wieder hoch zu Feodor. Er beugte sich zu ihr runter. Seine Lippen berührten fast die ihren.
„Weil du keine andere Wahl haben wirst“, es war nur ein Hauch, ein Hauch gegen ihre Lippen. Bevor sie auch nur die Bedeutung seiner Worte realisieren konnten berührten seine Lippen ihre. Sanft und kurz. Aber es flutete Lily mit einer Welle von Gefühlen. Sie vergaß, dass sie gerade auf einer Familienfeier war und sich in den Armen des Jungen befand, mit dem ihre Großmutter sie verkuppeln wollte.
Sie tanzten weiter, ohne sich von einander zu lösen. Es war ein langer Kuss und als sie sich lösten fragte Feodor, wieder etwas unsicher: „Bin ich so furchtbar, dass du mich jetzt dafür hassen wirst?“ Es könnte ein Witz sein, aber es klang zu ernst.
Lily jedoch verstand seine Worte nicht richtig. Sie versank in seinen blauen Augen.
Sie tanzten weiter. Nach einiger Zeit schaffte Lily es, den Blick von seinen Augen zu lösen und senkte den Kopf. Sie traute sich nicht, ihn wieder anzusehen.

Feodor hörte auf zu tanzen. Lily sah hoch. Sie hatten den Rand der Tanzfläche erreicht: „Komm...“ Er nahm Lilys Hand und führte sie zum Park. Lily folgte. Sie versuchte noch immer, ihre Gedanken zu ordnen.
An einer Bank setzte Feodor sich hin und sah zu Lily. Doch Lily blieb stehen. Leise begann sie zu sprechen: „Ist das ein Spiel?“ Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Somit sah sie auch nicht, wie er den Kopf schüttelte. „Ist es nicht. Du hast mich in dem Moment, in dem ich dich sah verzaubert.“
Seine Stimme war sanft.

Lily lächelte unsicher und sah jetzt hoch: „Das glaube ich dir nicht.“ Feodor stand auf und ging auf sie zu. Sanft strich er ihr mit der Hand über die Wande: „Lass dir Zeit, ich kann warten...“ Er lehnte sich nach vorne und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Er legte etwas in ihre Hand und verschloss sie mit beiden Händen. Er lächelte, nickte ihr noch einmal zu und ging.

Lily setzte sich auf die Bank und öffnete ihre Hand. Ein kleiner Zettel lag darin. Sie öffnete ihn:

Freitag 18.00 Uhr am Spielplatz

Lily lächelte. Wann hatte er den geschrieben?
Er war wirklich anders als die anderen die sie bisher hier gesehen hatte. Das könnte ein Abenteuer werden. Lily verabschiedete sich von ihrer Großmutter und ging dann nach Hause.

*****~~~~~*****

Etwas nervös machte Lily sich auf den Weg zum Spielplatz. Sie trug eine Jeans, einen grünen Pullover und eine silberne Kette. Ihre Haare trug sie offen mit leichten Wellen. So wie sie natürlich waren.
Lily setzte sich auf eine Bank und wartete. Sie hatte sich nicht besonders hübsch gemacht. Warum hätte sie das auch tun sollen?
Es dauerte nicht lange, bis auch Feodor kam. Auch er trug Jeans und Pullover. Seine schwarzen Haare fielen etwas durcheinander. Lily erkannte sein Lächeln. Er war wirklich nicht so schlimm, vielleicht ist es ja einen Versuch wert, ein kleines Abenteuer wäre vielleicht auch mal ganz interessant...
Feodor hatte sie jetzt erreicht: „Lily...“
Lily lächelte: „Feodor“ Er setzte sich neben sie. Sie lehnte sich an ihn und ihren Kopf auf seine Schulter. Sie spürte, wie er seinen Kopf auf ihren legte.
Eine ganze Zeit lang saßen sie so da. Schließlich hob sie den Kopf und drehte sich zu Feodor. Sie beugte vor und küsste ihn, vorsichtig und zurückhaltend.
Er erwiderte den Kuss und lächelte dabei leicht.
Auch Lily lächelte. Einen Versuch war es wert. Und so war sie wenigstens die nervigen anderen los. Nur musste sie jetzt diesen Triumph ihrer Großmutter gönnen, aber damit konnte sie leben.
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