Der Chef / Ironside: Grautöne

GeschichteDrama, Krimi / P12
03.07.2013
03.07.2013
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Der Chef / Ironside: Grautöne

Diese Geschichte spielt im Januar 1969.

Kapitel 1

„…Aber bitte, Bob, geh in diese Sache äusserst diskret vor, ja? Ein Skandal ist das letzte, was wir im Moment brauchen können.“
Ironside seufzte.
„Ja, Commissioner, mein Stab und ich, wir werden unser Bestes tun, wie üblich.“
Das war der Grund, warum Polizeichef Randall Ironside und sein Team an diesem Fall haben wollte: Sie würden immer ihr Bestes geben, und dieses Beste war besser als alles, was der Rest des San Francisco Police Department hinbekam. Bei weitem. Allerdings – die Dinge mit Samthandschuhen anzufassen war nicht gerade das, wofür der brillante Kriminalist berühmt war…

Unterdessen steckten Ironsides junge Freunde die Köpfe über der Zeitung zusammen. Als die knarrende der Tür die Ankunft des Chefs ankündigte, fuhren sie sofort auseinander. Ed und Eve versuchten, beschäftigt auszusehen, während Mark eine Tasse Kaffee holte für Ironside, dessen Gesichtsausdruck nichts Gutes verhiess.
„Das hier ist nicht per Zufall der Grund, warum der Polizeichef mit Ihnen sprechen wollte, oder?“ fragte Eve und streckte ihm die Zeitung hin. Quer über die Frontseite prangte eine Schlagzeile über ein weiteres Opfer des Drogenkrieges.
„Das tönt doch etwa nach der Art von Job, für die der Commissioner Sie zu Hilfe rufen würde“, fügte Ed hinzu und legte seine ungelesene Akte zurück auf den Tisch.
„Das hätte ich auch erwartet. Ich lag damit genau so falsch wie ihr.“ Ironside versuchte nur halbherzig, seinen Ärger zu unterdrücken.
„Würden Sie uns bitte wissen lassen, was ihre miese Laune diesmal verursacht hat, grosser Meister?“ Das war natürlich Mark, der Jus-Student, der gern etwas geschwollen daherredete.
Die beiden Polizisten hatten sich bereits gesetzt und warteten respektvoll auf Anweisungen ihres Vorgesetzten.

„Vor ein paar Wochen wurde das riesige, brandneue Förderband einer Kehrichtverbrennungsanlage in San Rafael sabotiert, bevor es überhaupt in Betrieb genommen werden konnte. Gestern war es wieder startbereit, aber letzte Nacht hat der CEO und Mehrheitsaktionär der Anlage eine Bombendrohung erhalten. Nun ist dieser CEO, ein gewisser Bert Mallone, ein alter Freund des Polizeipräsidenten und ein grosszügiger Spender für den Polizeiwitwen- und Waisenfonds.“
„Aha, da ist unsere Verbindung nach San Rafael“, warf Mark ein.
„Herr Mallone will diesen Fall diskret behandelt haben. Um es einmal platt auszudrücken: Er weiss immer noch nicht, ob die Sabotage und die Drohung das Werk wirklicher Krimineller sind oder ob es sich dabei nur um Lausbubenstreiche handelt. Aber solange er die Anlage nicht betreiben kann, verliert er Hunderte, wenn nicht Tausende von Dollars pro Tag.“
Ironsides Pokerface verriet nichts mehr über seine Gefühle, aber seine Freunde kannten ihn gut genug, um zu spüren, dass er gar nicht glücklich war über den Auftrag.
„Warum überlässt er die Sache nicht einfach der Polizei von San Rafael?“ wollte die vernünftige Eve wissen.
„Weil er nicht sicher ist, ob sein eigener Sprössling eventuell mit der Gruppe unter einer Decke steckt, die vielleicht oder vielleicht auch nicht verantwortlich ist für die Probleme. Wenn dem so wäre, so würde er natürlich keine Anklage erheben wollen gegen irgendwen.“
Der zurückhaltende Ed nickte. Die Puzzleteile setzten sich wie von selbst zusammen: Die schlechte Laune des Chefs – er mochte es nicht, Leuten einen Gefallen tun zu müssen, jedenfalls nicht, wenn wichtigere Arbeit wartete – und auch der Wunsch des Polizeichefs, dass sie seinem Freund helfen sollten. „Wo wollen Sie, dass wir anfangen?“ fragte er, pflichtbewusst wie immer.
„Pierce Mallone und einige seiner Freunde, die möglicherweise beteiligt sind, sind Zehntklässler an der San-Rafael-Highschool. Ed, du warst kürzlich ganz überzeugend als Undercover-Highschool-Lehrer. Ich will, dass du wieder verdeckt ermittelst. Du könntest zum Beispiel Mathematik, Turnen und als speziellen Kurs die Geschichte der Marines lehren – das sollte dir nicht viel Arbeit machen, du kennst den Verein ja von innen heraus. Finde heraus, ob diese Jungs etwas zu verstecken haben. Eve, du forschst nach, ob Burt Mallone persönliche Feinde hat und ob es politischen Widerstand gab gegen sein Projekt, die Kehrichtverbrennungsanlage auszubauen.“
„Und was ist mit mir?“ wollte Mark wissen.
„Du bist im Hintertreffen mit deinen Aufgaben, soviel ich weiss. Klemm dich dahinter, bis ich dich brauche!“ brummte der Chef.

Ohne allzu grossen Enthusiasmus dachte Sgt. Brown an sein letztes Experiment als Lehrer*1): Jugendliche, die während des Unterrichts einschliefen, Wände des Schweigens gegen Lehrer und die Polizei, Heimlichtuerei in Bezug auf Drogen und Kriminalität.
So startete er seine – hoffentlich kurze – Karriere als Lehrer Edward Grey an der ‚San Rafael High‘ mit gemischten Gefühlen.
An seinem ersten Schultag wurde er indes angenehm überrascht: Wohl gab es Rabauken, die versuchten, ihn zu provozieren, und ein paar Mädchen zeigten deutlich mehr Interesse an ihrem neuen, jungen Lehrer als an der Mathematik, aber natürlich brauchte es etwas mehr, um einen an Ironsides Launen gewöhnten Detektiv aus der Ruhe zu bringen. Vor allem aber er lernte auch einige sehr motivierte Teenager kennen, und sein Unterrichtsstil schien ganz ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Unter den Schülern der zehnten Klasse fiel ihm in der Mathe ein relativ kleiner Junge auf. Andrew Drake machte einen sehr intelligenten und aufmerksamen Eindruck. Er war der Sohn einer Immigrantenfamilie, Flüchtlinge aus Rumänien aus religiösen Gründen. Offensichtlich hatte die Familie ihre Namen amerikanisiert. Es war ein Vergnügen, mit Andrew originelle Zugänge zu Mathe-Aufgaben zu diskutieren.
Ed machte sich aber nichts vor: Die Probleme würden schon noch kommen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

***
Eves Hintergrund-Check führte nicht zu direkten Resultaten: Die Arbeiter in dieser Kehrichtverbrennungsanlage waren mehrheitlich Mexikaner und Asiaten. Über ihr Leben vor der Einreise in die Staaten war kaum etwas bekannt, aber hier war niemand von ihnen mit dem Gesetz in Konflikt gekommen oder anderweitig verdächtig.
Was die politische Opposition betraf gab es auch keinen offensichtlichen Hinweis: Die Leute in San Rafael hofften, dass der Ausbau der Kehrichtverbrennungsanlage neue Arbeitsstellen und höhere Steuern für die Stadt generieren würde, folglich war das Projekt nicht auf nennenswerten Widerstand gestossen. Einzelne der Stadtväter hatten moniert, dass die Stadt eventuell einen Teil ihres Charmes einbüssen könnte wegen einer so riesigen Anlage, aber merkwürdigerweise war die Konzession trotzdem einstimmig erteilt worden.
„Erzähl mir nicht, diese Politiker seien nicht bestochen worden! Aber ich bezweifle, dass sie die Anlage jetzt sabotieren würden. Die würden doch eher versuchen, sich ihre Zustimmung weiter vergolden zu lassen“, schimpfte Ironside.
Seine Laune wurde immer schlechter. Es lag nicht etwa daran, dass Eve keine gute Detektiv-Arbeit geleistet hätte. Aber es machte ihn wütend, dass er seine Zeit und Energie nicht in die Bekämpfung des Drogenkriegs investieren konnte, was ihm wesentlich wichtiger vorkam als ihr jetziger Auftrag.
Eve versuchte, ihn abzulenken und einen neuen Gesichtspunkt zu finden: „Gibt es eigentlich auch eine Mrs. Mallone?“
„Ja, Belinda Mallone, aber ich weiss nichts über sie.“
Tatsächlich gab es eine ganze Menge, was sie noch nicht wussten.
„Es spielt ja keine Rolle, wie wir unsere Zeit vertrödeln. Finde heraus, ob es ein Problem gibt um Mrs. Belinda Mallone herum.“

***
Am zweiten Tag kamen drei Schüler der zehnten Klasse zu spät in Greys Mathe-Unterricht – ungefähr eine Viertelstunde zu spät. Pierce Mallone war einer von ihnen.
Ed war klar, dass dies ein Test war. Persönlich hatte er gar nichts dagegen: Das Unterrichten war einfacher ohne diese drei. Ohne seinen eigentlichen Auftrag aus den Augen zu verlieren wollte er auch als Lehrer gute Arbeit leisten. Er hatte bereits Gefallen gefunden am Unterrichten im allgemeinen und speziell daran, komplizierte Dinge so zu erklären, dass auch die schwächeren Schüler sie kapierten. Natürlich war ihm bewusst, dass er nicht jeden und jede in ein Mathegenie würde verwandeln können, insbesondere nicht, wenn sie keinerlei Interesse daran hatten, so wie diese drei. Aber er konnte ihnen das Zuspätkommen nicht einfach durchgehen lassen, sonst würde er als Lehrer unglaubwürdig werden.
„Morgen seid ihr pünktlich“, sagte er betont ruhig und machte weiter mit dem Stoff, wobei er schon darüber nachdachte, wie er mit ihnen verfahren sollte.
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