Der Chef / Ironside: Der Ruthledge-Diamant

GeschichteKrimi, Parodie / P12
03.07.2013
03.07.2013
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Der Ruthledge-Diamant

Der Chef – Ironside Season 1, 1967

Samstag

Der Ballsaal von Ruthledge Mansion war festlich erleuchtet. Die Kerzenleuchter waren natürlich elektrifiziert, aber alles andere schien in ein anderes Jahrhundert zu gehören. Auf den langen, mit feinstem Leinen bedeckten Festtafeln waren erlesene Speisen höchst appetitlich angerichtet. Selbstverständlich entsprachen die edlen Weine dem Geschmack der mehrheitlich älteren, distinguierten Herren.
Alles, was Rang und Namen hatte, hatte sich heute hier eingefunden. Frau Cynthia Ruthledge, geboren 1875 und folglich 92 Jahre alt, gab nicht mehr oft einen Ball. Aber wenn sie es tat, so wirkte das wie eine Zeitreise siebzig Jahre zurück: Zurück in eine Zeit, da die Damen keine andere Pflicht hatten, als schön und charmant zu sein, und da die Herren noch Gentlemen waren.
Heute war der fünfundzwanzigste Geburtstag von Cynthias Enkelin Belinda, und der wurde gefeiert wie fünfundzwanzigste Geburtstage seit 1900 gefeiert wurden, seit Cynthias eigenem fünfundzwanzigsten Geburtstag.

An einem Tisch in einer Ecke des Ballsaals sassen Frau DeWitte und Frau Rehnquist, beide in den Siebzigern, und genossen das Fest. Frau DeWitte nahm einen Schluck aus ihrem Sherryglas. Zum x-ten Mal warf sie einen Blick auf Belinda und ihren mysteriösen Begleiter. Belinda sah superb aus in ihrem goldenen Kleid und den goldenen Pumps. Der berühmte Ruthledge-Diamant glitzerte herrlich an ihrem Hals und schien genau dorthin zu gehören. Aber Frau DeWitte wusste es besser. Sie stellte ihr Glas ab und wandte sich an Frau Rehnquist: „Cynthia wird entzückt sein, dass Belinda anscheinend aus ihren Unarten herausgewachsen ist. Das letzte Mal, als ich sie sah, trug sie einen Poncho in Orange und Grün, und sie war in Begleitung eines Hippies!“  
Frau Rehnquist, welche es gewohnt war, ihren tauben Gemahl anzuschreien, antwortete, gut hörbar durch den ganzen Saal: „Zumindest scheint sie inzwischen einen passenden jungen Begleiter gefunden zu haben.“
Herr Rehnquist, der gegenüber sass, war froh, dass er für einmal nicht vorgeben musste, zuzuhören oder gar etwas zu verstehen. Der junge Mann an Belindas Seite liess angenehme Erinnerungen in ihm aufsteigen: Ganz ähnlich wie er selber in diesem Alter war er gross und schlank, hatte einen sauberen Seitenscheitel, ein ernstes Gesicht und untadelige Manieren. Und der Junge hatte Militärdienst geleistet, wie er als Offizier, das sah man an seiner Haltung. Merkwürdigerweise sah es aus, als sei er erst kürzlich gewachsen. Er musste mindestens Mitte zwanzig sein, und in diesem Alter wuchsen die Leute doch nicht mehr, oder? Aber seine Hosen waren definitiv ein bisschen zu kurz, oder nicht?
„Niemand scheint ihn zu kennen. Wo kommt er denn her?“ wunderte sich Frau DeWitte.

“Das weiss ich auch nicht – aber die zwei geben ein wunderschönes Paar ab!“ rief Frau Rehnquist mit ihrer dröhnenden Stimme.
Kaum wahrnehmbar zuckte der besagte junge Mann zusammen bei diesen Worten.

Drei Tage vorher

Chef Ironside war schlechter Laune. Das war nichts Ungewöhnliches, aber diesmal kannte Ed Brown die Ursache seines Unmuts: Eve war mit ihren Eltern auf Reisen, in Paris oder St. Tropez oder Venedig. Eve war sozusagen Ironsides Antidepressivum, sein Stimulierungsmittel und seine Muse in Personalunion, und nun litt er unter Entzugserscheinungen. Das taten sie alle.
Und dann war da dieser unmögliche Auftrag: Den Ruthledge-Diamanten an den Festlichkeiten zu Belinda Ruthledges fünfundzwanzigstem Geburtstag zu bewachen. Ironside hatte nicht nein sagen können. Schliesslich war Cynthia Ruthledge die Patin seiner Mutter gewesen. Und überhaupt sagte man nicht nein zu Frau Ruthledge, nicht einmal, wenn man Robert T. Ironside hiess.
Aber wenn man Robert T. Ironside hiess, so hatte man die Möglichkeit, unangenehme Verpflichtungen an seine Untergebenen zu delegieren. Und genau das tat der Chef: Er beauftragte seinen Sergeant mit dem Auftrag.

„Die Versicherungspolice gibt als Wert des Diamanten 370‘000 Dollar an. Aber in Wirklichkeit ist es vermutlich sehr viel mehr“, erinnerte er Ed.
Dem Sergeant gefiel das nicht, ganz und gar nicht. Er wusste genau, dass er sich total deplatziert vorkommen würde – ganz abgesehen davon, dass der Samstag eigentlich sein erster freier Abend seit Wochen hätte sein sollen.
„Ach komm, alles, was du tun musst, ist, eine hübsche junge Dame auszuführen. Hättest du nicht genau das sowieso getan, wenn du einen freien Abend gehabt hättest?“ schnauzte ihn der Chef an.
Ed dachte, dass es vermutlich anders herum sein würde: Dass die junge Dame ihn anführen würde…
„Aber die Ruthledges…“, jammerte er, „… wird mein bester schwarzer Anzug genügen?“
„Auf gar keinen Fall. Geh und miete einen Smoking, wenn du dir nicht leisten kannst, einen zu kaufen!“
Ed wusste genau, dass es keinen Sinn hatte, sich dem Chef zu widersetzen, deshalb kapitulierte er und befolgte Ironsides Rat. Er musste zugeben, dass der Smoking wirklich elegant aussah. Das einzige Problem war, dass jene Hosen, die ihm nicht über die Hüften rutschten, zu kurz waren für seine langen Beine. Aber sie würden genügen müssen, da es einfach keine in passender Grösse gab. Die Leute würden ja wohl eher zu seinen eins-achtundachzig aufschauen als hinunter auf seine Schuhe, an deren Oberkante drei Zentimeter eindeutig nicht so elegante Socken zu sehen waren. Zumindest hoffte er das.

Am Freitag hatte Ed Belinda Ruthledge getroffen, Mrs. Ruthledges Enkeltochter. Sie war in der Tat eine schöne junge Frau: Wohlgeformt, sexy, mit einem perfekt ovalen Gesicht, langem blondem Haar und grossen blauen Augen. Aber Ed, der sonst hübsche Mädchen durchaus zu schätzen wusste, fühlte sich nicht wohl in ihrer Gegenwart. Es war nicht nur, weil sie eine Ruthledge war. Eve Whitfield war ja auch ein Mitglied einer Millionärsfamilie. Aber um Belinda war etwas, was er nicht gleich benennen konnte: War es Langeweile, oder vielleicht eher Überdruss, was er in ihren Augen sah?
Gerade jetzt hatte er jedoch keine Zeit für Spekulationen. Sie zeigte ihm die Räume der Villa, in denen die Festlichkeiten stattfinden würden. Er musste ja vorbereitet sein für einen möglichen Raub, also musste er die Lokalität kennen.
„Um unverdächtig zu sein, werden Sie meinen Freund spielen“, bestimmte Belinda.
Ed hatte das mehr oder weniger erwartet, aber es passte ihm trotzdem nicht. Nicht nur, dass er seine Freundinnen gern selber aussuchte. Es war mehr: Irgendwie ein unbehagliches Gefühl, wie der Geruch von Scherereien…

Zurück im Büro sagte er das dem Chef. „Sir, ich mache mir Sorgen. Irgendetwas stimmt einfach nicht. Können Sie nicht selber hingehen, oder wenigstens Mark mit mir hinschicken?“
„Komm mir nicht mit solchem Quatsch. Du willst mir doch nicht erzählen, dass ein Detective Sergeant Hilfe braucht, um eine verflixte Halskette zu bewachen? Und erst mein Sergeant?! – Und überhaupt bist du nur dort, weil eine nette 92-jährige Dame Angst vor Gespenstern hat.“
  
Wieder Samstag

Und so kam es, dass Sergeant Ed Brown in einem gemieteten Smoking mit zu kurzen Hosen neben einer wunderschönen Frau in einem Ballsaal stand und sich wünschte, er wäre am anderen Ende der Welt.
Dabei hatte er eigentlich keinen Grund, sich zu beklagen. Belinda war sehr nett zu ihm. Wiederholt ruhten ihre Augen länger als nötig auf seinem Gesicht. Wenn niemand hinschaute (als ob je niemand hingeschaut hätte), so strich ihr Arm leicht über seinen, oder ihre Hüfte berührte seine, oder ihre Hand blieb für eine Sekunde auf seinem Rücken liegen. Ed bemühte sich sehr, jeglichen direkten Kontakt zu vermeiden, aber ohne Erfolg. Dann verblüffte sie ihn, indem sie flüsterte: „Ich habe immer von einem Mann wie dir geträumt.“

Ed war klar, dass er sich von Rechts wegen hätte geschmeichelt fühlen sollen. Aber das unbehagliche Gefühl verstärkte sich mit jeder Minute, und der Geruch von Zoff wurde unerträglich.
Und dann gingen die Lichter aus.

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