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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 3.793
 
A/N: Vielen Dank an Madrilena, Tracy89, Balalaika, PassiCantha, BecksDarcy, Tiefseentraum und Nathi.

Dieses Kapitel hat wieder einen kleinen Soundtrack, den ich euch nicht vorenthalten möchte: Taivas lyö tulta – Teräsbetoni






Kapitel 8 – Taivas lyö tulta


Runes POV

Es regnet. Es regnet tatsächlich! Dabei hatte ich mich schon echt auf besseres Wetter gefreut. Allein wegen der Reifen. Aber da hat der teaminterne Wetterbericht wohl danebengelegen. Gewaltig danebengelegen, wenn ich mir die Tropfen so ansehe, die auf die Windschutzscheibe des Mietwagens klatschen. Die Scheibenwischer arbeiten auf Hochtouren, Claire trommelt mit den Fingern der linken Hand aufs Lenkrad. Wir stehen im Stau und es geht nur ein paar Meter vorwärts, wenn die Ampel vor uns, die man mittlerweile durch die Regenschleier erkennen kann, grün zeigt. Joakim auf der Rückbank beginnt leise zu schnarchen. Mit einem Seufzen krame ich den iPod aus meinem Rucksack, stecke mir die Stöpsel in die Ohren und hoffe, dass irgendwas drauf ist, was man hören kann, ohne binnen zehn Minuten tief und fest eingeschlafen zu sein.

Ist es nicht, sodass ich mich gezwungen sehe, ihn wieder auszuschalten und das Musikproblem anders zu lösen.

„Joakim?“

„Mhm hm“, brummt es hinter mir.

„Leihst du mir deinen iPod?“

„Was?“

„Leihst du mir bitte deinen iPod?“, wiederhole ich und höre, wie er sich wieder gerade hinsetzt.

„Den hab ich im Hotel gelassen.“

Das kann doch jetzt nicht wahr sein! „Aber das Radio ist unausstehlich“, jammere ich prompt. Ist es wirklich. Ich werde mit dieser Sprache einfach nicht warm.

„Naja, ich könnte dir zwei CDs anbieten, aber ich weiß nicht, ob du das hören möchtest.“ Er zieht den Reißverschluss seines Rucksacks auf, fängt an zu kramen und schließlich reicht er mir zwei Plastikhüllen nach vorn. Einmal Motörhead und einmal Teräsbetoni. Die erste gebe ich ihm gleich wieder zurück, widme mich lieber mit der zweiten dem CD-Spieler. Aber der will auf Anhieb auch nicht so wie ich.

„Wenn ich jetzt zu schnell fahren würde, Rune“, setzt Claire plötzlich an, „dann würde das ein schickes Foto geben.“

„Hä?“

„Formel 1-Pilot mit CD-Spieler in Mietwagen überfordert.“ Sie gluckst leise. „Da vorn ist ein Blitzer.“

„Nicht lustig“, murmle ich, schaffe es aber endlich, dem Gerät die kleine glitzernde Scheibe schmackhaft zu machen und muss nicht einmal mehr auf Play drücken.
Metal am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Ich lehne mich schlagartig zufrieden zurück und schließe die Augen. Jetzt höre ich Claires Lenkradtrommelorgie auch nicht mehr. Herrlich.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Mein Herz schlägt höher und nicht einmal der Regen und der allmorgendliche Stau können meine Laune trüben. Doch wie könnte der Sonntag eines Rennwochenendes auch nicht gut beginnen, wenn ich Jenson noch vor dem Frühstück ansehen kann? Noch immer kann ich kaum glauben, dass er das Hotel wirklich gewechselt hat, um mich zu überraschen und uns ein wenig mehr Zeit zu stehlen. Er kann so… so… mir fällt kein Wort ein, das nicht nach Teenagerkitsch klingt, um es zu beschreiben.
Und dann soll Kimi noch mal Zweifel daran haben, dass es Jenson weniger ernst ist als mir. Wenn das so wäre, würde er sich den Zeitaufwand eines Hotelwechsels am Samstag doch nicht antun. Er könnte seine Zeit da, wie jeder andere Fahrer auch, nämlich sinnvoller verbringen.

Der Stau löst sich nach einer Weile auf und der restliche Weg bis zur Strecke lässt sich einigermaßen angenehm fahren. Nur der Regen hört nicht auf, sodass ich froh bin, dass Heikki im Gegensatz zu mir an Schirme gedacht hat. Aber Gummistiefel wären irgendwie auch nicht schlecht gewesen, nur kann man nicht immer alles haben. Also abgesehen von nassen Füßen bei diesem Sauwetter. Jede Wette, wenn das in ein paar Stunden nicht besser ist, lassen sie uns hinter dem Safety Car starten.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Es ist mir ein Rätsel, wie ich letzte Nacht überhaupt ein Auge zutun konnte. Eigentlich hätte ich doch stundenlang wachliegen und mir den Kopf über Romain zerbrechen sollen. Hab ich aber nicht getan, stattdessen muss ich zügig eingeschlafen sein, habe traumlos durchgeschlafen und fühle mich heute Morgen zwar nicht unbedingt gut, aber ordentlich ausgeruht. Wenigstens etwas.

Und ich kann ja auch gar nichts dafür, wenn Romain meint, mich für sich plötzlich zu einem Problem erklären zu müssen. Das ist seine Sache, seine allein. Ich hab ihm schließlich nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Er hätte genauso gut ein x-beliebiger One Night Stand sein können, bei dem man morgens aus dem Bett steigt, sich die Sachen vom Vorabend anzieht und ungeduscht ohne ein Wort des Abschieds, aber auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Nur das mit dem Nimmerwiedersehen funktioniert eben nicht, wenn man zusammenarbeitet. Na gut, vielleicht ist das ja sein Problem mit mir. Aber was soll ich da machen? Ich kann mich nicht in Luft auflösen und damit hat sich das.

Trotzdem machen wir uns gemeinsam, wenn auch schweigend, auf den Weg zur Fahrerparade, weil man uns gleichzeitig losgeschickt hat. Der Regen hat mittlerweile aufgehört und es scheint endlich dahingehend heller zu werden, dass man auf ein trockenes Rennen inklusive höherer Streckentemperaturen bauen kann. Einen Schirm hat deswegen auch keiner von uns dabei, die anderen Fahrer ebenso wenig. Sähe in Kombination mit den Oldtimern, die man für die Parade vorgesehen hat, auch etwas unpassend aus. Auf einem Truck ist das schon was anderes. Auf einem Truck bestünde auch die Möglichkeit, dass jemand bemerkt, dass zwischen Romain und mir etwas im Argen liegt, aber so wird das nicht weiter auffallen.

*** ~~~ ***


Runes POV

Hölle, verdammt! Wie geil ist das denn? Lauter Oldtimer Cabriolets zur Fahrerparade und man muss sich weder anschnallen noch brav und ordentlich reinsetzen. Ich freue mich wie ein kleiner Junge, ehrlich, aber statt es zu zeigen, gebe ich mich lieber ernst. Soll niemand merken, wie aus dem Häuschen ich bin, das könnte zu peinlichen Momenten führen und die kann ich wohl kaum gebrauchen.
Außerdem hat sich meine Euphorie nach einer Runde um die Strecke definitiv wieder gelegt. Jetzt ist mir nämlich arschkalt vom Fahrtwind und ich wünsche mir eigentlich nichts sehnlicher als ein Paar vorgewärmte Handschuhe für meine klammen Finger. Die konnte ich nämlich nicht in die Jackentaschen schieben, weil ich mit irgendwas ja meine Flasche festhalten musste. Da freut man sich fast schon auf die Hitze, die einen nachher im Cockpit erwartet und die mein Körper und Kreislauf überraschend gut weggesteckt haben. Die sind das offenbar gewohnter als mein Verstand.

Entsprechend froh bin ich also, als ich endlich wieder aussteigen darf. Natürlich nicht, ohne noch etwas höflich distanzierten Smalltalk mit meinem Fahrer gemacht zu haben. In meiner aktuellen Position kann das kaum schaden.
Anschließend mache ich mich allein auf den Weg zurück zum Motorhome, von Valtteri ist keine Spur zu entdecken in dem Gewimmel und nach der Aktion auf der Toilette bin ich mir ziemlich sicher, dass es auch keine gute Idee wäre, seine Nähe zu suchen, nicht mal um den Medien weiszumachen, dass wir Teamkollegen sind, die ein gutes Verhältnis zueinander haben. Mir kommt es nämlich so zerrüttet vor, dass jeder Versuch, es zu kitten oder es auch nur gut aussehen zu lassen, von vornherein zum Scheitern verdammt ist. Und es sind ja bloß ein paar Meter, die ich allein wäre. Irgendwo unterwegs wird Joakim mich einsammeln, hat er angekündigt.

Doch besonders weit komme ich nicht, als sich ein Arm um meine Schultern legt. „Du solltest dringend mal zum Augenarzt, du Vogel.“

„Erst nächste Woche“, gebe ich zurück, bedenke Max mit einem schwachen Grinsen.

„Und dann kümmerst du dich um die Flügel?“

Hilfe! Das ist gerade total absurd. Ich komme mir vor wie im falschen Film. Gestern Abend am Telefon war das noch was anderes, aber das hier ist… es ist einfach seltsam, so vor dem Rest des Fahrerfelds und all den Leuten, über die ich – mittlerweile wissentlich oder immer noch unwissentlich – gelästert habe.
„Ein Blindflug wäre taktisch unklug“, erkläre ich.

Max lacht: „Stimmt, dann würdest du ja gar nicht sehen, wie ich dich überhole.“

„Träum weiter.“

„Wetten?“, hält er dagegen.

Was sonst soll man von einem Briten auch erwarten? Das musste einfach so kommen.
„Ja. Um was?“

Er zuckt mit den Schultern, lässt mich endlich los. „Der letzte im Ziel gibt nachher im Lexington Club einen aus?“

„Okay.“ Klingt für mich fair und so schlecht stehen die Chancen für Williams gegen Marussia nicht.

„Hat sich das mit der Übersetzung von deinem Führerschein jetzt eigentlich geklärt?“

Ich verneine: „Nö, ist nicht mehr aufgetaucht. Die gibt’s bestimmt, wenn ich wieder daheim bin.“ Claire hat sich mehrfach darüber beklagt, dass hier offenbar noch langsamer gearbeitet wird als anderswo. Nicht weiter verwunderlich, würde wohl jeden anderen auch ankotzen, wenn er der einzige mit gültigem Führerschein wäre und sich jeden Tag mindestens zweimal durch den hiesigen Verkehr fummeln müsste.

„Und damit bist du fein raus“, lacht er kopfschüttelnd, „Dann können wir dich dies Jahr schon wieder nicht zum Fahrer erklären.“

„Bedank dich bei den Behörden. So langsam würde ich mir das nämlich gern mal antun“, wende ich ein. Der Straßenverkehr sieht tatsächlich interessant aus und wer ein Formel 1-Auto fahren kann, wird damit fertig werden, glaube ich.

„Werde ich bei Gelegenheit mal tun. Wir telefonieren nach dem Rennen noch mal wegen der Party?“

„Machen wir.“ Eine bessere Gelegenheit ein paar der anderen Fahrer ungezwungen kennenzulernen, werde ich in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht bekommen, also sollte ich sie auf jeden Fall nutzen. Und mit etwas Alkohol im Blut sind die meisten Leute gleich viel gesprächiger, das weiß ich aus den paar Wochen in Joakims Bar, die er in diesem Universum nicht hat, schon. Gut, das trifft dann nicht auf den- oder diejenigen zu, zum Fahren verdonnert worden sind, aber so viele werden das bestimmt nicht sein. Hauptsache, ich komme in meiner wenigen Freizeit auch mal aus dem Hotel und Joakims direktem Kontrollkreis raus.
Genau in den kommen wir jetzt nämlich wieder rein und Max schlägt mir zum Abschied nur noch mal kumpelhaft auf die Schulter.

Tja, jetzt muss ich eigentlich nur noch Joakim von meiner Abendplanung erzählen… Aber das tu ich wohl besser erst nach dem Rennen, wenn alles gelaufen ist. Es dauert schließlich noch mehrere Stunden, bis es überhaupt mal Abend wird.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Ganz wohl ist mir nicht dabei, Rune um kurz vor zwei in der Startaufstellung alleinzulassen, aber es muss sein. Ich habe alles getan, was ich tun kann. Der Rest liegt bei ihm und eigentlich brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Selbst Andrew scheint für seine Verhältnisse durchaus zuversichtlich fürs Rennen zu sein. Er hat sich immerhin auch nicht über Rune beklagt. Niemand hat sich über ihn oder sein Verhalten beschwert, niemand hat überhaupt ein Wort über die Ereignisse von Jerez verloren, was ich ziemlich bemerkenswert finde. Mindestens genauso wie Runes plötzliche Begeisterung für alles, was er an Informationen auf Bildschirmen und Papier ergattern kann. Er hat die Daten regelrecht verschlungen. Beim Essen lagen ständig irgendwelche Zettel auf dem Tisch statt seines Smartphones, was zugegeben alles ein klein wenig komplizierter gemacht hat, aber trotzdem irgendwie entspannter.

In der Garage setze ich mich auf meinen Platz ganz hinten, da bin ich den Mechanikern am wenigsten im Weg, habe aber immer noch freie Sicht auf ein paar Meter Boxengasse, den Kommandostand und den Bildschirm in der Garage. Die Fernsehbilder sind zwar für alle dieselben, aber ich habe das Privileg, dem gesamten Funkverkehr zwischen Rune und Andrew lauschen zu können. Sicher, ich könnte mir den Start auch aus einer besseren Liveperspektive ansehen, aber das will ich nicht. Ich könnte sowieso nicht hinsehen, würde die Augen so fest wie möglich zukneifen, also bleibe ich gleich hier.

Das Wetter ist im Vergleich zu heute Vormittag sehr viel besser geworden. Die Sonne lässt sich zwar noch nicht blicken, aber die hellen Lücken in der Wolkendecke sind häufiger geworden und die Temperaturen wärmer als bisher an diesem Wochenende. Fürs Rennen lässt das hoffen. Regen im ersten, das wäre vielleicht etwas zu viel des Guten für Runes Nerven gewesen. Normalerweise halten die ja einiges aus, doch nach Maldonados Crash letztes Wochenende bin ich mir da nicht mehr hundertprozentig sicher.

Ich lege die Hände in den Schoß, achte bewusst darauf, sie nicht zu Fäusten zu ballen. Niemand soll merken, dass ich nicht ganz so ruhig bin, wie ich mich gebe. Man ist am sichersten, wenn man sich in dieser Welt keine Blöße gibt, so wenig Schwächen wie möglich zeigt. Dann kommt man recht gut über die Runden.

Gut über die Einführungsrunde kommt Rune auch. Zum Glück. Es ist schließlich nicht unmöglich, auf ebendieser einen Dreher oder andere unsinnige Sachen hinzulegen. Man erinnere sich da beispielsweise an Fahrer wie Montoya…
Seinen Startplatz findet er auch, kann das Auto ordentlich hinstellen und damit ist eigentlich alles in Butter. Im Grunde genommen hat er es mit Platz 19 nicht so schlecht getroffen, denn der hintere Startplatz verkürzt die Wartezeit bis zum Erlöschen der Ampel extrem.

Im Funk herrscht Stille. Das Fernsehbild zeigt die Ampel. Nach und nach gehen die roten Lampen an. Erst eins, dann zwei, dann drei und vier, fünf. Aus. Zweiundzwanzig Autos setzen sich in Bewegung, aber ich habe kein Auge für die Spitze, keins dafür, ob der Polesetter in der ersten Kurve noch in Führung liegt. Es zählt nur, dass Rune seinen Wagen heile hindurch kriegt. Tut er auch, verliert aber einen Platz und fällt hinter Pic zurück, als er in der Kurve zurückzieht, die Tür aufmacht und so einer Kollision entgeht.
Die Kameras wechseln wieder zur Spitze, Vettel hat seine Position behauptet und ist in Führung, Rosberg auf zwei und dahinter lauert Hamilton auf die Chance, Webber zu überholen. Alonso und Räikkönen auf den Plätzen fünf und sechs, dicht gefolgt von Ricciardo.

Als es Rune am Ende der ersten Runde in der Schikane gelingt, sich den verlorenen Platz von Pic zurückzuholen, erfahren wir es zuerst nur über die Daten, auf dem Bildschirm erscheint es erst eine gute Minute später als Wiederholung. Zu dem Zeitpunkt ist er Gutiérrez auf Position 18 längst auf die Pelle gerückt. Doch auch das gibt es nur in Textform auf einem anderen Bildschirm, denn die Kameras widmen sich nun dem Dreikampf zwischen Webber, Räikkönen und Alonso, während Valtteri sich inzwischen auf Platz 10 vorgearbeitet hat. Das Rennen nimmt langsam Fahrt auf und ich beeile mich – wenn auch ziemlich verspätet – meinen Platz am Kommandostand mit der Boxentafel für Rune einzunehmen. Eigentlich hätte ich das schon früher tun sollen, doch Andrew war der Ansicht, Rune die ersten paar Runden besser mit der Tafel zu verschonen, der Funk würde schließlich funktionieren.

***

Zu meinem absoluten Erstaunen schlägt Rune sich brillant. Es macht ganz den Anschein als hätte er über Nacht zu seiner alten Form zurückgefunden. Genau zu der Form, die er bis dahin in der GP2 gezeigt hat. Doch heute scheint es sich wieder enorm auf seine Funksprüche auszuwirken. Außer einem gelegentlichen ›Copy‹ für Andrews Anweisungen ist er still. Keine Fragen, keine Beschwerden. Er spult ab, was man ihm sagt, arbeitet sich bis zum ersten Boxenstopp durchs Feld nach vorn, soweit es das Auto zulässt.

Der Stopp läuft nicht rund. Er trifft die Markierung nicht exakt und prompt dauert es Zehntelsekunden länger als es sollte. Nicht gut, aber nicht zu ändern. Auch den zweiten Stint wird er mit Option fahren, den dritten später mit Prime und eventuell noch einen vierten, aber das ist abhängig davon, wie gut der härtere Reifen hält.

Doch die verlorenen Zehntel erweisen sich gleich nach Aufhebung des Tempolimits als katastrophal. Er kommt haarscharf vor Perez wieder auf die Strecke, der kurz zuvor wegen eines Reifenschadens einige Plätze verloren hat, und direkt hinter Hülkenberg. Es gelingt ihm gerade so, das Auto in diese Lücke zu quetschen und mit dem Frontflügel nicht das Heck des Saubers zu touchieren. Unwillkürlich halte ich die Luft an.

Nach den S-Curves, in Degner, fällt Perez für einen Augenblick zurück, holt den Verlust bis Hairpin wieder auf und ist in Spoon Corner erneut dran. Müsste ich nicht rasend schnell die verfluchte Boxentafel neu bestücken, würde ich jetzt an den Fingernägeln kauen. Doch so höre ich nur Andrew im Funk, der die lange Gerade vor 130R nutzt, um Rune weitere Anweisungen zu geben, aber diesmal kommt kein ›Copy‹ zurück, auch kein Marker in der Telemetrie – wie er ihn setzen sollte, falls der Funk ausfällt. Es passiert nichts.
Und alles auf einmal.
Ich weiß es, und ein Blick auf die anderen am Kommandostand macht klar, dass nichts mehr in Ordnung ist. Die Plastiktäfelchen rutschen mir durch die Finger, fallen ungeordnet in die Kiste zurück, als ich einen Blick auf die Bildschirme werfe. Die Strecke zwischen130R und Casino Triangle ist ein gelbbeflaggtes Trümmerfeld. Safety Car, keine Frage. Alles voller Karbonsplitter, Styroporbrocken und Kies und ganz am Rand, mit der Nase bestimmt einen halben Meter schräg in den Reifenstapeln verschwunden, steht der Williams, nur ein paar Meter von einem heckflügellosen Sauber entfernt, aus dem Hülkenberg gerade aussteigt.

Andrew funkt. Keine Antwort.

Hinter uns kommt Perez an die Box.

Die Kameras halten auf den Williams in den Reifen, nichts rührt sich. Der Heckflügel ist auf halber Höhe weg, die Kamera auf dem Überrollschutz auch, der Seitenkasten, den man noch sehen kann, ist zertrümmert. Die Regie schwenkt auf ein einsames Rad, das auf der Strecke gerade an einem Stück Frontflügel vorbeirollt – da waren selbst die Sicherungsseile machtlos.

Ich bin zu keinem klaren Gedanken fähig, obwohl ich es sein sollte. Ich sollte so cool, so abgeklärt sein, um jetzt ruhig und gelassen zu reagieren, aber ich kann’s nicht. Das ist der Unfall, vor dem ich mich immer gefürchtet, den ich verdrängt habe, seit ich Daniel versprochen habe auf seinen Sohn aufzupassen.

Orangegekleidete Streckenposten laufen um den Wagen herum, stehen am Cockpit, aber man kann nicht erkennen, geschweige denn hören, ob sie etwas sagen, ob Rune auf sie reagiert. Sie sind einfach da und versperren die Sicht. Doch dann knackt es plötzlich in den Kopfhörern, es knackt und rauscht und dann hören wir es:

›I’m fine.‹

Ist er nicht. Kann er gar nicht sein, nicht nach diesem Crash, niemals. Und während das Safety Car am Ende von Start-Ziel den Führenden, Vettel, einsammelt, zeigt die Regie eine Wiederholung des Unfalls.
Was auch immer Perez da machen wollte – überholen vermutlich – ging gründlich daneben. Er bremst nicht, als er aufläuft, fährt Rune mit Vollgas ins Auto, schiebt es gegen den Sauber, der bei dem Tempo zur Sprungschanze wird. Der Williams schießt in die Höhe, reißt grob geschätzt zwei Drittel des Sauberheckflügels mit, segelt ein Stück durch die Luft, trifft auf den Boden, überschlägt sich, zertrümmert ein paar Styroporklötze und rutscht weiter bis in die Reifen. Doch das alles dauert bloß Sekunden und sie zeigen es nur ein einziges Mal, blenden dann wieder zurück zur Unfallstelle.

Rune ist gerade aus dem Cockpit geklettert, setzt das Lenkrad wieder ein, dann stolpert er rückwärts, weg vom zerstörten Chassis und gegen die Reifen. Da plumpst er wie ein nasser Sandsack in den Kies und bleibt sitzen, macht nicht einmal Anstalten den Helm abzusetzen. Er sitzt nur da und starrt geradeaus.

„Schock“, höre ich Xevi sagen, bevor er sich via Funk mit Valtteri in Verbindung setzt, um ihm zu sagen, dass Rune selbst aussteigen konnte.

Andrew schüttelt verbissen den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein! Das kann doch alles nicht wahr sein! Letztes Wochenende…“ Den Rest gibt er so leise von sich, dass ich keine Chance mehr habe, ihn zu verstehen, aber besonders freundlich wird es nicht sein.
Die Regie zeigt uns noch mal, wie schön der Rest des Feldes mittlerweile dem Safety Car folgt, allesamt aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, während Perez mit neuer Nase auf die Strecke zurückkehrt.

Als wir die Unfallstelle wieder zu Gesicht bekommen, ist das Medical Car eingetroffen und zu meiner großen Erleichterung kümmert sich Dr. Ian Roberts jetzt um Rune, der gerade dabei ist, den Helm abzusetzen.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Ich lasse mir von Rocky erklären, was passiert ist. Die Frage nach dem Warum ist überflüssig. Man müsste schon blind sein, um nicht zu begreifen, was passiert ist und weshalb das Safety Car draußen ist.

Aber dass es ausgerechnet Lindström erwischt? Merkwürdig. Ich war bis jetzt der festen Überzeugung, wenn hier heute jemand einen anderen von der Strecke schießt, dann er. Nicht umgekehrt, nicht auf trockener Strecke und erst recht nicht schon wieder Perez. Der sollte doch nach dem letzten Rennen endlich dazugelernt haben!

Es werden sieben lange Runden hinter dem Safety Car und es ist mir etwas schleierhaft, warum das Rennen nicht unterbrochen wird. Auch wenn es so wahrscheinlich besser ist, denn bei einem fliegenden Start sollte ich gegen di Resta und Vergne, die nicht an der Box waren, sehr gute Chancen haben.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist. Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist Andrews Stimme über Funk: ›Box this lap.‹ Und dann ist da lange, lange Zeit nichts mehr. Das nächste, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass mich Dr. Ian Roberts dazu aufgefordert hat, den Helm abzunehmen. Ich hab’s irgendwie auch geschafft und jetzt sitze ich im Medical Center der Rennstrecke.

Das Rennen geht ohne mich weiter und ich ärgere mich darüber, obwohl ich mich jetzt am liebsten hinlegen und schlafen würde. Es kommt mir immer noch so vor, als würde ich die Welt durch einen Schleier betrachten, wahlweise auch durch eine Nebelbank. Auf jeden Fall wirkt alles irgendwie stumpf auf mich. Aber der Verstand arbeitet noch. Er sagt, ich kann in diesem Zustand ganz sicher nichts mehr fahren, ich muss Max nachher anrufen und werde derjenige sein, der eine Runde Drinks ausgeben muss. Ich hab die Wette verloren. Ich bin nicht als letzter sondern gar nicht ins Ziel gekommen. Das ist mehr als ärgerlich. Dabei hatte das Rennen doch so gut angefangen und -

«Hörst du mir zu, Rune?»

Seit wann ist Joakim denn hier? Eben war er ganz sicher noch nicht da! Das ist vielleicht alles seltsam hier. Dauernd tauchen irgendwelche Leute aus dem Nichts auf. Die Untersuchungen sind ein Witz dagegen. Bei denen ist mir schließlich klar, dass sie notwendig, nein, absolut unverzichtbar sind. Das steht sogar in den Regeln. Und da steht auch, dass die Blutgruppe jedes Fahrers auf seinem Overall vermerkt sein muss.
Ich schaue ihn an, als ob er mich gerade gefragt hätte, ob mir rote oder grüne Götterspeise lieber wäre. Aber das ergibt überhaupt keinen Sinn.

«Hast du was gesagt?», frage ich zurück.

«Nein, schon gut. Warten wir einfach auf die Diagnose, ja?», seufzt er leise, verwirrt mich damit noch ein wenig mehr. Falls das denn möglich ist. Ganz im Gegensatz zum Arzt, der gerade wieder ins Zimmer kommt. Bei dem ist das nicht so schlimm, auch wenn ich mir seinen Namen irgendwie gerade partout nicht merken kann. Er will einfach nicht hängenbleiben, genauso wie einiges von dem, was er sagt.

Das einzige, was ich wirklich verstehe, ist „Acute Stress Disorder“ und dass ich irgendwas Verstauchtes habe. Das erklärt dann auch, warum Handgelenk und Knöchel so weh tun. Gut zu wissen. Wirklich. Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause…



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