Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 3.422
 
A/N: Vielen lieben Dank an Madrilena, Balalaika, livelovelaugh, Tracy89, ShadowOfTheDay, Nathi (2x!), Tiefseentraum, Sternengrau (2x!), Zakal Arcanum und PassiCantha!






Kapitel 7 – Zwischen Tür und Angel


Kimis POV

Das Wetter ist nicht wie angesagt besser geworden. Der Himmel ist immer noch grau, aber wie gestern regnet es nicht, obwohl die Wolken heute dicker und schwerer scheinen. Doch es könnte auch täuschen. Weiß man nach mehreren Tagen mit solchem Wetter manchmal nicht mehr so genau einzuschätzen. Außerdem habe ich wichtigeres zu tun, als mir den Himmel anzusehen.
Romain hat gestern nicht mehr mit mir gesprochen, ist nicht mal mehr in meine Nähe gekommen und ich muss doch sagen, dass es mich ein bisschen stört, einerseits. Andererseits nicht, denn wenn er sich nicht wieder eingekriegt hat, soll er mich in Ruhe lassen. Was mich stört, ist eher, dass ich jetzt nicht weiß, ob ich ihn verschreckt habe oder er noch schmollt. Naja, wird sich bestimmt später zeigen. Ich werde ihm nicht nachlaufen, um es herauszufinden. Noch ein Grund, aus dem ich heute ein wenig aufs Tempo gedrückt habe. Ich will unbedingt vor ihm an der Strecke sein und so, wie es aussieht, ist das auch geglückt. Mehr als geglückt, wir sind scheinbar, abgesehen von den Mechanikern, die ersten an diesem Samstag – zur großen Begeisterung der anwesenden Kameras. Aber die braucht man nicht zu beachten.

Mark und ich steigen aus, drehen der wartenden Meute demonstrativ den Rücken zu. Hat auch den Vorteil, dass man – trotz Sonnenbrille – nicht von den Blitzlichtern geblendet wird. Bei trübem Wetter ist das schlimmer als bei gutem.
Doch nicht weit vom Auto entfernt stelle ich fest, dass ich mich getäuscht habe. Wir sind nicht die ersten. Ein paar Meter vor uns geht, flankiert von Physio und Managerin, Rune Lindström. Theoretisch könnte ich ein etwas schnelleres Tempo anschlagen und das Gespräch suchen. Möglich wär’s, aber ich entscheide mich dagegen. Für sowas wird’s noch genügend Gelegenheiten geben, das muss nicht heute Morgen quasi zwischen Tür und Angel sein. Außerdem ist der Plan, den ich mir zurechtgelegt habe, noch nicht ganz ausgereift.
Am Eingang zum Fahrerlager holen wir die drei trotzdem ein. Zwei der Durchgänge sind außer Betrieb und werden augenscheinlich gerade repariert. Da staut sich alles ein wenig. Genug Zeit, um einen genaueren Blick auf ihn zu bekommen als vorgestern in der Pressekonferenz. Da kam er ja als letzter und ist als erster wieder gegangen.

Auf mich macht er nicht den Eindruck, als solle man ihn heute ins Auto lassen. Er wirkt unausgeschlafen und unkonzentriert, überhaupt gar nicht bei der Sache. Wenn er gleich noch über seine eigenen Füße stolpert, würde mich das nicht im Geringsten wundern. Aber nichts passiert und als Mark und ich beide das Fahrerlager betreten haben, sind die drei uns schon wieder mehrere Meter voraus. So kann’s gehen.
Nachher wird sich zeigen, ob er wirklich so neben der Spur ist, wie ich denke, denn wenn er das ist, wird er garantiert neben der Strecke landen. Vielleicht sollte ich meinen Plan doch noch mal überdenken… Ein Handyklingeln schreckt mich auf, aber es ist nicht meins, nur Marks.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Als ich im Motorhome ankomme, herrscht reger Betrieb, eigentlich nichts Ungewöhnliches an Samstagen, doch heute ist es anders. Es liegt etwas in der Luft, das mir prompt sprichwörtliche Kopfschmerzen bereitet und auf Nachfrage bei meinem Renningenieur erfahre ich, dass man den Simulator wieder auf die Reihe gekriegt hat und Lindström zu seiner Extratrainingseinheit schon vor einer Stunde aufgelaufen ist. Super, warum hat man mir nichts davon gesagt? Hätte ich auch gut gebrauchen können, aber so ist dafür nicht mehr genug Zeit bis zum Beginn des dritten Trainings und mir bleibt nichts anderes übrig, als es zähneknirschend zu akzeptieren und zu hoffen, dass er wenigstens nicht ausschlafen konnte und deswegen nicht gut in Form ist.

Ich weiß noch aus der GP2, dass er mit genügend Zeit im Simulator später auf der Strecke brandgefährlich sein kann. Deshalb hat’s mich auch so gefreut, dass er in der Pressekonferenz saß, während der Simulator funktionierte. Gut, dass sie ihn jetzt wieder zusammengeflickt haben, ist auch nicht zu ändern. Bis jetzt lief es wohl einfach zu rund, das konnte ja gar nicht so bleiben.

Und ich kann’s jetzt nicht mal Checo erzählen. Das ist wieder so intern, dass man es nicht weitersagen darf, weil es anderen Teams eventuell einen Vorteil dem eigenen gegenüber verschaffen könnte. Ätzend!

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Irgendwas läuft ganz furchtbar aus dem Ruder, da bin ich mir sicher. Nein, eigentlich nicht irgendwas, sondern das mit Kimi und Romain. Warum sonst sollte Romain mir eine SMS schreiben und fragen, ob Donnerstag etwas Außergewöhnliches vorgefallen wäre? Ich bin zugegebenermaßen ein wenig ratlos und kann ihm absolut nicht helfen.
Dass es Kimi offensichtlich ein Anliegen war, mir in Bezug auf Hanna mal den Kopf zurechtzurücken, hat schließlich nichts mit ihm und Romain zu tun. Letzterer bestätigt mir nur noch mal, dass Kimi das, was da zwischen ihm und seinem Teamkollegen läuft, falsch ein- oder völlig unterschätzt. Aber ich kann nicht einfach hingehen und Kimi sagen, was Romain mir geschrieben hat. Das könnte er falsch verstehen und Romain muss es hinterher ausbaden und das muss nicht sein. Der hat auch so schon genug Probleme.
Es ist schon vergleichsweise spät, als wir an der Strecke ankommen. Ich hatte wegen Romains SMS kurzzeitig leichte Entscheidungsschwierigkeiten, was das Fahren angeht. Letztendlich hab ich’s selbst gemacht. Heikki kann nachher zurückfahren.

Als wir an der Strecke aus dem Mietwagen steigen, ist der Himmel zwar immer noch grau, aber es scheint trotzdem ein bisschen heller geworden zu sein. Vielleicht gibt’s doch noch eine Chance auf etwas Sonnenschein, gestern wollte ich das dem Wetterbericht nicht ganz abnehmen, jetzt schon eher. Es ist nämlich tatsächlich schon so lange trocken, dass selbst die Pfützen angefangen haben, kleiner zu werden.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Jenson auf Heikki und mich zukommen und mein Herz setzt beinahe einen Schlag aus. Absolut perfektes Timing und ich freue mich so, ihn zu sehen, dass ich ihm am liebsten um den Hals fallen würde, aber ich tue es nicht, gebe mich mit einem kumpelhaften Handschlag zufrieden, der meine Haut zum Brennen bringt und meine kalten Finger komplett aufwärmt.
Es ist so schwer, während eines Rennwochenendes Zeit miteinander zu verbringen, geschweige denn Zeit nur zu zweit. So schwer, dass diese paar Minuten vom Parkplatz bis zum Motorhome besser als nichts und mehr als willkommen sind. So können wir wenigstens ein paar unverfängliche Worte miteinander wechseln.

In dem Punkt hat Kimi recht, wenn er sagt, die Medien würden nach einer Trennung von Hanna schlicht nach neuen Frauen an meiner Seite Ausschau halten, nicht nach Männern, solange ich vorsichtig bin. Da sind sie ziemlich einfach gestrickt, daran geht kein Weg vorbei. Aber solange ich mit Hanna zusammen bin oder die Medien das glauben machen kann, ist es viel einfacher. Man muss auf weniger achten, kann kleine Fehler notfalls als Show für die Presse deklarieren und sie würde es anstandslos schlucken, ja, sogar noch über diesen Witz lachen und uns beziehungsweise mir in dem Fall Humor bescheinigen. Vorerst werde ich mich sicher nicht von Hanna trennen.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich habe so ein unverschämtes Glück, das ist fast schon unglaublich! Heute Früh um fünf hat Claire Joakim und mich aus dem Bett geklingelt. Das Ersatzteil für den Simulator sei eingetroffen, würde gerade eingebaut und wenn wir uns genauso ranhalten wie der Rest vom Team, könne ich noch ein paar Runden machen, bevor es ins dritte Training ginge.
Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen und heute war ich es, der fix und fertig – gepackten Rucksack eingeschlossen – an Joakims Zimmertür geklopft hat und auf ihn warten musste. Sein Gesichtsausdruck war zum Schreien komisch, als hätte er ein Gespenst gesehen, und ich muss ehrlich sagen, so langsam beginne ich, trotz aller Merkwürdigkeiten und den unendlich vielen ungewohnten Sachen, die immer noch auf mich einprasseln, Spaß zu haben und es zu genießen.

Nach zwei Bechern Kaffee, einer guten Portion Ionencocktail und einer Stunde im Simulator bin ich auch richtig wach und wieder zu gebrauchen, wie Joakim so schön gesagt hat. Als wir angekommen sind, war ich während der Autofahrt so müde geworden, dass ich am Eingang des Fahrerlagers vier Anläufe brauchte, um die blöde Karte einlesen zu lassen, um reinzukommen.

Aber jetzt bin ich drin und es wird Zeit, sich umzuziehen. Die Zeit drängt mal wieder. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber heute stehe ich wenigstens nicht stocksteif vor meinen Klamotten, sondern kann mich gleich umziehen. Rein theoretisch könnte ich allein rüber in die Garage gehen, aber Joakim ist rechtzeitig wieder da, um mich zu begleiten. Ist vielleicht auch besser so, schießt’s mir durch den Kopf, als ich den ersten Blick auf die vielen Menschen oder besser gesagt Kameras erhascht habe, die sich draußen tummeln. Da wäre es keine gute Idee, allein unterwegs zu sein.

Vielleicht sollte ich mich dran gewöhnen, nur noch im Auto auf der Strecke allein zu sein. Zumindest physisch. Schließlich ist Andrew über Funk immer da und ziemlich gesprächig und wenn es nicht so hilfreich wäre wie es ist, würde mich das ohne Weiteres stören.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Der Simulator hat wirklich geholfen. Das, was Rune jetzt im dritten Training zusammenfährt sieht endlich wieder halbwegs so aus wie das, was ich von ihm aus der GP2 gewohnt bin. Also, wenn man die Kräfteverhältnisse der Autos dieser Klasse berücksichtigt natürlich, ansonsten passt das nicht. Was auch nicht passt, ist das, was er funkt. Das ist fast wie gestern, er sagt, was ihn stört oder bestätigt Anweisungen, sonst nichts. Kein Motzen, kein Smalltalk. Normalerweise kaut er seinem Renningenieur immer ein Ohr ab und treibt ihn damit fast in den Wahnsinn. Ich glaube, Andrew ist nicht besonders böse drum, dass ihm das jetzt erspart bleibt.

Am Ende kann sich sogar das Ergebnis sehen lassen. Zwei Plätze hinter Valtteri, das ist durchaus in Ordnung. Damit hat er die Lücke zum Teamkollegen fast geschlossen. Wenn er im Qualyfying jetzt nur nicht die Nerven verliert…

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Shit, shit, shit!
Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe. Lindström hat im Training einen großen Schritt nach vorn gemacht nach den Extrarunden im Simulator und ist mir mit den Zeiten erheblich dicht auf die Pelle gerückt. Da ist es kein bisschen tröstlich, dass das gut fürs Team ist. Es ist mir ehrlich scheißegal, ob das gut fürs Team ist.
Ich will ein gutes Rennen abliefern und das wird schwer, wenn der nachher in der Startaufstellung in meiner Nähe steht. Mir wär’s lieber, er würde möglichst weit hinten landen, da kann er dann meinetwegen die Fahrbahn abräumen. Hauptsache, mich erwischt’s nicht.

*** ~~~ ***


Runes POV

Es ist so ziemlich alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte. Platz 19 in der Qualifikation. Nach dem dritten Training hatte ich mir mehr erhofft. Valtteri hat es schließlich auch in Q2 geschafft und ist mit Platz 11 nur knapp an Q3 vorbeigeschrammt.
Mein schmerzender Nacken macht es obendrein nicht besser. Eigentlich möchte ich mich nur noch verkriechen und erst morgen wieder rauskommen, wenn ich die Chance habe, es wieder in Ordnung zu bringen.
Ich bin mir sicher, dass Andrew enttäuscht ist. Er hat zwar nichts dergleichen gesagt, aber von der guten Stimmung des Vormittags war nichts mehr übrig. Naja, kein Wunder, niemand freut sich über Startplatz 19. Das ist zu schlecht, viel zu schlecht. So schlecht, dass ich selbst jetzt, auf der Rückfahrt zum Hotel auf der Rückbank des Mietwagens noch über Datenblättern brüte, obwohl man am Auto ja nichts mehr verändern darf. Aber vielleicht hilft es mir ja für das Rennen in Indien.

„Rune, alles okay bei dir?“

Ich schaue von der Mappe auf meinem Schoß auf und Joakims Hinterkopf an. Er war vorhin nicht so begeistert davon, von mir auf den Beifahrersitz komplimentiert zu werden, aber da vorn hätte ich einfach zu wenig Platz für all die Zettel gehabt. „Ja, warum?“

„Du bist so still.“

„Lass ihn doch“, meldet sich Claire vom Fahrersitz zu Wort, die ja als einzige von uns eine Übersetzung ihres Führerscheins dabei hat.

Ihren Einwurf übergehe ich mal. „Na, meckern bringt mich ja auch nicht weiter vor. Ich hab’s vergeigt, Punkt, aus. Und es wird höllisch schwer, das morgen wieder auszubügeln.“

„Meinst du?“, will Joakim wissen.

Ich nicke, obwohl er das nicht sehen kann. „Wenn sie nicht über Nacht beschließen, uns in umgekehrter Reihenfolge starten zu lassen, hab ich nur theoretische Chancen auf Punkte.“

„Aber -“

„Jetzt hör auf, Joakim“, würgt Claire ihn ab, „Freu dich lieber, dass er erwachsen wird. Und wenn’s morgen regnet, dann sieht doch eh wieder alles ganz anders aus.“

„Nur, wenn es wirklich regnet, angesagt ist was anderes“, merke ich an. Morgen soll es angeblich ein paar Sonnenstunden geben, die ersten des ganzen Wochenendes. Und damit geht dann auch eine Erwärmung des Asphalts einher, von der ich noch nicht weiß, ob sie für mich hilfreich sein wird. Doch ich hoffe es mal, denn die Reifen ins richtige Temperaturfenster zu bringen war bisher eins der größeren Probleme. Das hat auch nach dem Beheben des Untersteuerns heute Morgen nicht aufgehört, obwohl es mir dann ein wenig leichter gefallen ist.

Claire winkt allerdings ab: „Ach was, das hier ist Japan, da kann man das nie so genau sagen.“

„Wir werden’s morgen ja sehen“, murmle ich und wende mich dann lieber wieder dem Papierkram zu. Der macht wenigstens keine seltsamen Bemerkungen über mich. Obwohl ich Claire schon ein bisschen dankbar dafür bin. In dieser Hinsicht scheint sie ehrlicher zu sein als Joakim. Aber das liegt an ihrer Aufgabe, vermute ich. Sie muss sich nicht darum kümmern, dass ich psychisch auf der Höhe bin. Gut, eigentlich wäre das auch eher etwas für einen Psychiater oder einen Mentaltrainer, aber sei’s drum. Ist im Moment ohnehin nicht zu ändern und weder das eine noch das andere kann mir helfen, denn beide würden mich einweisen lassen, wenn ich ihnen erzählen würde, dass mich ein Flaschengeist zu dem gemacht hat, was ich bin.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Nun ist es offensichtlich: Romain kriegt es dieses Wochenende nicht auf die Reihe. Das Auto läuft gut, eigentlich müsste er nichts weiter tun, als schneller zu fahren, doch es funktioniert nicht. Ich hab mir ein paar seiner Daten angesehen, rein aus Neugier. Man sollte schon wissen, wie es mit dem anderen Auto läuft. Wenn da Probleme auftreten, besteht schließlich die Möglichkeit, dass man sie im Verlauf des Wochenendes oder der weiteren Saison auch bekommt.
In Q2 auszuscheiden, es nur auf Platz 13 zu bringen, das ist absolut unnötig gewesen und wenn er sich morgen nicht am Riemen reißt, dann können wir uns eine gute Platzierung in der Konstrukteursweltmeisterschaft bald abschminken, das steht fest.

Zwar kann ich nicht glauben, was Seb vorgestern gesagt hat: Dass Romain mehr in unser Verhältnis zueinander hineininterpretiert hat, als da ist, aber es wäre möglich und Seb würde solche Behauptungen nicht in den Raum stellen, wenn er nicht annehmen würde, es könnte etwas dran sein. Vielleicht hätte ich ihn in dieser Angelegenheit etwas ernster nehmen sollen. Doch es kommt mir ziemlich abwegig vor, wenn ich ehrlich bin.
Romain hat letztes Jahr geheiratet und auf mich nie den Eindruck gemacht, als wäre er unglücklich damit. Dass wir zweimal miteinander in der Kiste gelandet sind, ist eben passiert und für mich ist es auch keine große Sache. Wir waren schließlich alles andere als nüchtern und wenn man betrunken ist, macht man schon mal Dinge, die man unter normalen Umständen nie tun würde – von einer Yacht fallen und sich dabei filmen lassen zum Beispiel.

Aber das hier hat eine Größenordnung erreicht, in der ich es nicht mehr ignorieren kann und deswegen stehe ich jetzt vor Romains Zimmertür im Hotel und klopfe. Das muss am besten heute noch aus der Welt geschafft werden.
Es dauert eine Weile, bis er die Tür öffnet, doch sein Gesichtsausdruck ändert sich schlagartig, als er mich erkennt.

„Du hier?“ In seiner Stimme schwingt ein Unterton mit, den ich nicht auf Anhieb deuten kann.

„Wir sollten reden“, erwidere ich. In meinen Ohren hört sich das total bescheuert an und könnte aus jeder x-beliebigen Romantikkomödie stammen. Aber was soll man sonst sagen? Es beschreibt das, was ich will, nämlich ziemlich genau: reden, das Problem, das er scheinbar hat, aus der Welt schaffen.

„Komm rein.“

Seltsam. Keine Widerrede? Kein stures Verhalten? Sollte ich misstrauisch werden? Damit habe ich nun nicht gerechnet, nachdem ich ihn gestern so angefahren habe, aber gut, wenn er es nicht unnötig kompliziert macht, will ich mich nicht beschweren.

„Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?“, will ich wissen, sobald er die Tür wieder geschlossen hat.

Er antwortet nicht gleich, geht stattdessen erst mal an mir vorbei und setzt sich aufs Bett. Besonders fit sieht er nicht aus und ich vermute, er hat vorhin noch mal die Leviten gelesen bekommen.

„Was glaubst du denn, was los ist?“, gibt er die Frage dann zurück.

„Das will ich von dir wissen. Ich bin nicht hier, um dein dämliches Frage-Antwort-Spiel zu spielen“, halte ich dagegen.

„Du merkst auch gar nichts, oder?“, faucht er, ist plötzlich wieder auf den Beinen und steht so dicht vor mir, dass ich seine Körperwärme auf der Haut fühlen kann.

„Ich merke, dass du nicht bei der Sache bist.“

„Und hast du dich mal gefragt, warum das so ist?“ Er starrt mir so in die Augen, dass ich Mühe habe, seinem Blick standzuhalten.

„Es ist mir egal, was dein Problem ist, aber krieg’s auf die Reihe, wir sind hier nicht im Kindergarten.“ Okay, das wollte ich eigentlich nicht sagen, aber jetzt ist es zu spät, es ist raus – und es ist die gottverdammte Wahrheit. Es ist mir egal!

Du bist mein Problem, Kimi!“

Das sitzt. Ich bin sprachlos und noch während ich nach Worten suche oder auch nur nach einem – das würde ja erst mal reichen – lehnt Romain sich plötzlich vor und küsst mich. Einfach so. Als wäre das der einfachste Weg, ein Problem zu lösen.
Für ein paar Sekunden liegen unsere Lippen aufeinander, dann ist es vorbei. Genauso schnell wie es begonnen hat, und er geht zurück zum Bett, setzt sich auf die Kante und murmelt „Geh, bitte“ ohne mich anzusehen.

Und ich gehe, noch immer sprachlos, während sich in meinem Kopf die Gedanken überschlagen.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Es ist spät und ich möchte nichts lieber als endlich ins Bett. So schön eine Pole Position auch ist, manchmal wäre es einfacher, sich nur irgendwo unauffällig im Mittelfeld zu bewegen, nur halb so viele Interviews zu geben oder sich ohne schlechtes Gewissen so wortkarg geben zu können wie Kimi.
Doch jetzt ist das nicht mehr so wichtig. Ich bin zurück im Hotel, betrete den Fahrstuhl, drücke auf den Knopf für meine Etage und lehne mich gegen die Rückwand. Die Türen schließen sich schon, da quetscht sich plötzlich noch jemand in die Kabine. Es passt gerade noch so, lässt mich aber trotzdem nach Luft schnappen.

„Was machst du denn hier?“

Jenson grinst, zuckt mit den Schultern und zwinkert mir zu. „Dich überraschen.“ Die Türen schließen sich hinter ihm und sperren den Rest der Welt aus. Für eine halbe Minute sind wir unter uns – und ich weiß nicht recht, was ich sagen soll.

„Du hast das Hotel gewechselt?“ Oh Gott, etwas Dümmeres konnte mir wohl nicht einfallen!

Doch Jenson übergeht es zum Glück: „Sonst haben wir doch erst in zwei Wochen wieder Zeit zum Treffen.“

„Äh ja“, stelle ich überflüssigerweise fest.

Er kommt näher und flüstert: „Aber so fällt’s gar nicht auf, wenn einer von uns beiden morgen Abend nicht in seinem Zimmer landet.“

„Ach, so hast du dir das vorge- “

Weiter komme ich nicht. Mit Jenson Lippen auf den eigenen spricht es sich nicht gut, ganz abgesehen davon, dass ich das dann auch gar nicht mehr will. Jetzt will ich mehr, mehr von ihm, ihn am liebsten ganz. Doch nur Sekundenbruchteile später lässt uns der Glockenton des Fahrstuhls auseinanderfahren, als hätten wir uns aneinander verbrannt – was eigentlich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist.

Die Türen öffnen sich wieder und er macht einen Schritt zur Seite, damit ich an ihm vorbeigehen kann, obwohl ich nicht will, aber ich muss und ich tue es auch nur deswegen. Wir wünschen uns keine gute Nacht, doch sein „Bis morgen“ jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich weiß genau, dass er nicht den Morgen meint. Er meint morgen Abend, morgen Nacht, die paar Stunden, die uns bleiben, die wir uns zwischen Rennen und Flug stehlen können. Und ich freue mich jetzt schon so sehr darauf, dass ich fast Bauchschmerzen bekomme, als ich eine halbe Stunde später im Bett liege.



***
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast