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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 5.504
 
A/N: Ein riesengroßes Dankeschön geht an Madrilena, Balalaika, BecksDarcy, Nathi,Tiefseentraum, Tracy89 (2x!) und Zakal Arcanum, die sich trotz der Hitze der letzten Tage die Zeit genommen haben, ihre Meinung dazulassen.

Dieses Kapitel hat nämlich einen kleinen „Soundtrack“, der mich beim Schreiben begleitet hat und den ich euch nicht vorenthalten möchte: Wake me up – Avicii





Kapitel 6 – Stressbewältigung


Kimis POV

Als ich zum Frühstück komme – zu meiner eigenen Überraschung als letzter – braucht es nur einen Blick von Romain und ich weiß, dass etwas im Argen liegt. Vermutlich ist er beleidigt, weil ich nicht zurückgerufen habe. Sei’s drum. Ich war müde und es war spät und ich kann nicht riechen, ob er noch wach ist.

„Gut geschlafen?“ In Marks Frage schwingt eine gehörige Portion Schalk mit, als ich mich zu ihm setze, nachdem ich mir was zu essen geholt habe.

„Hm.“

„Ja, hab ich mir schon gedacht.“ Er widmet sich seinem Müsli und ich mich meinem. Erst mal schweigend. Mir ist auch nicht nach reden zumute. Doch ich habe nicht mal den ersten Löffel in den Mund gesteckt, da vibriert es leicht in meiner Hosentasche. Na super! Fast automatisch werfe ich einen Blick zu Romain, der noch mit seinem Smartphone vor sich auf dem Tisch dasitzt.
Nein, jetzt nicht, schießt es mir durch den Kopf. Handys bei Tisch müssen nicht sein, wenn es nichts lebensnotwendig Dringendes ist, also ignoriere ich meins vorerst auch. Keine Ausnahmen, auch nicht für Romain.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich stehe da wie zur Salzsäule erstarrt. Es ist ungefähr neun Uhr Ortszeit, ungefähr, denn ich traue mich nicht, schon wieder auf die Uhr zu sehen. Eigentlich soll ich mich umziehen, doch stattdessen schaue ich panisch die Sachen an, die vor mir ausgebreitet liegen. Überraschenderweise ist es gar nicht so viel. Die feuerfeste Unterwäsche, der Overall, die Schuhe und das war’s dann auch schon fast. Helm, Handschuhe und Sturmhaube hat Joakim bereits in die Garage mitgenommen.
Mittlerweile ist mir so schlecht, dass die Angst, wirklich auf den Fußboden zu kotzen größer ist als die, das Auto zu Schrott zu fahren.
Plötzliches Klopfen an der Tür lässt mich zusammenzucken, so sehr, dass ich nicht mal dazu komme „Herein“ zu sagen, bevor Joakim einfach eintritt – und prompt seufzt: «Du bist ja immer noch nicht umgezogen, Rune. Es wird langsam Zeit.»

«Ich weiß.»

«Dann los, hopp. Alle warten.»

«Aber -»

«Denk nicht so viel nach. Du sitzt seit Jahren in solchen Autos. Was soll also schiefgehen?»

«Nichts», sage ich, aber denke: ALLES!

«Siehst du.» Joakim setzt sich verkehrt herum auf einen der beiden Stühle im Raum, legt die Unterarme auf die Lehne und sieht mich an. «Mach schon, hopp. Und hör auf nachzudenken. Du hast dir gestern noch drei Stunden lang Daten angesehen, du hast sie so gut wie möglich auswendig gelernt und letztes Jahr bist du hier super unterwegs gewesen, natürlich kriegst du das gleich hin.»

«Schön, dass wenigstens einer von uns davon überzeugt ist», gebe ich zurück. Er lacht, sagt nichts und ich habe keinen Grund mehr, das Umziehen länger hinauszuzögern.

Als wir, ich endlich fertig umgezogen, in die Garage kommen, stoßen wir mitten in eine Traube am Auto arbeitender Mechaniker. Andrew steht auf der Seite, beendet sein Gespräch mit einem von ihnen – ich sollte mir ganz, ganz schnell ihre Namen merken! – und kommt zu mir.

„Gut, die Zeit reicht noch“, sagt er und wirkt sehr zufrieden.

Ich habe keine Ahnung, was er meint, und Joakim macht verdammt noch mal keine Anstalten, mir aus der Klemme zu helfen. Aber zu meinem großen Glück – hat er mein verwirrtes Gesicht bemerkt? – fährt Andrew einfach fort: „Wir müssen noch sehen, ob du auch innerhalb der veranschlagten zehn Sekunden aus dem Auto kommst.“

„Okay.“ Scheiße! Wie soll das denn zu schaffen sein?! Ich habe doch noch nie in so ’nem Ding gesessen und im Fernsehen sieht das immer voll kompliziert aus, so mit Lenkrad raus, selbst raus, Lenkrad wieder rein und dann nehmen manche ja auch noch einen Teil des Chassis rund um den Rand des Cockpits ab! Hölle, ich bin erledigt!

Keine fünf Minuten später sitze ich im Cockpit, wieder starr vor Angst und noch ohne Helm. Trockenübung, hat Andrew gesagt, der jetzt mit Stoppuhr in der Hand vor dem Auto steht, während Joakim mich anschnallt. Ich würde ihm ja gerne dabei zusehen, um gleich nicht wie der letzte Vollidiot da zu stehen, kann aber nicht. Seine Arme sind im Weg, sodass ich nichts weiter tun kann, als mich zurückzulehnen und Andrew anzusehen, bis Joakim fertig ist. Wenn ich mir jetzt in die Hose mache…

„Auf los geht’s los. Bist du soweit?“, will Andrew wissen.

Als ich „Ja“ sage, sind auf einen Schlag alle Leute, die bis eben noch am Auto herumgefuhrwerkt haben, verschwunden. Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Ich sehe Andrew an und er mich, für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen.

„Los!“

Sie steht noch immer oder besser gesagt: Ich kann mich nicht bewegen, ich will, doch es passiert einfach nichts. Andrews Blick wechselt rasend schnell zwischen der Stoppuhr und mir. Dann zuckt meine rechte Hand, gleich darauf die linke und plötzlich stehe ich neben dem Auto und habe keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin.

„9,3 Sekunden“, sagt Andrew, „Nicht gut, aber noch in Ordnung. Gleich noch mal.“

Wie abgefahren ist das denn?! Ich hab’s echt in unter zehn Sekunden gepackt! Gleich beim ersten Versuch! Völlig euphorisch klettere ich wieder ins Cockpit und Joakim kommt näher, um mich erneut anzuschnallen.

«Versuch’s mal ohne die fünf Sekunden Schockstarre am Anfang», rät er mir leise, bevor er wieder verschwindet. Ich soll da fünf Sekunden regungslos gesessen haben? Kann gar nicht sein! Mir kam es mindestens wie fünf Minuten vor, aber Andrews Stoppuhr wird wohl kaum lügen. Ich sehe Andrew an und er mich, bis ich knapp nicke, dann wirft er einen Blick auf die Stoppuhr.

„Los!“

Scheiße, denke ich, beide Hände zucken. Diesmal spüre ich, wie die Gurte sich lösen, mehr nicht, dann stehe ich schon wieder neben dem Auto.

„8,5 Sekunden. Einen machen wir noch mit Helm und wenn der passt, kann’s eigentlich losgehen.“ Andrew klingt tatsächlich auch jetzt zufrieden, finde ich. Dabei habe ich noch immer keinen blassen Schimmer, wie das alles sein kann.
Doch mir wird schnell klar, dass der dritte Durchgang es in sich hat: mit Helm und HANS-System fühlt es sich so an, als hätte ich ein Stück meiner Beweglichkeit eingebüßt und auch des Sichtfelds. Und es hat etwas ziemlich endgültiges.
Joakim schnallt mich wieder an, scheint wohl seine Aufgabe zu sein. Bin ich nicht gerade böse drum, wenn ich bedenke, wo er da an mir rumfummelt. Lieber er als jemand anderes!

Zum dritten Mal sehe ich Andrew an, zum zweiten nicke ich und er senkt seinen Blick auf die Stoppuhr.

„Los!“

Wie automatisch oder ferngesteuert lösen meine Hände die Gurte, dann das Lenkrad und plötzlich stehe ich wieder draußen. Absolut verwirrend! Als ob mein Körper instinktiv wüsste, was er tun soll oder muss oder was auch immer.

„8,3 Sekunden“, hält Andrew fest, „Belassen wir’s erst mal dabei. Wenn das Auto richtig in Flammen steht, hat’s eh keinen Sinn mehr, das Lenkrad wieder einzusetzen.“

Toll, das ist mal richtig ermutigend, ehrlich!

„Gut zu wissen“, murmle ich und sehe dann dabei zu, wie das Garagentor geöffnet wird. Das auf Valtteris Seite der Box ist schon die ganze Zeit über offen gewesen, aber in dem Gewusel dort drüben kann ich ihn natürlich nicht entdecken. Also werfe ich lieber noch einen Blick auf das Wetter. Es ist genauso grau wie gestern, aber glücklicherweise trocken, sodass der Kommandostand auf der anderen Seite der Boxengasse klar zu erkennen ist. Vollständig besetzt ist er logischerweise noch nicht. Andrew ist ja auch noch hier, wendet sich nun jedoch an mich: „Denk dran, was wir gesagt haben. Pit Lane Limiter rechtzeitig ein- und ausschalten, die weiße Linie bei der Ausfahrt nicht überfahren, blaue Flaggen nicht ignorieren, achte auf die Ideallinie in den S-Curves, sonst verlierst du zu viel Zeit, und keine unsinnigen Überholmanöver. Es ist nur das erste Training. Alles verstanden?“

„Ja, und unter Gelb fahre ich weder Bestzeiten in den betroffenen Sektoren noch überhole ich dort“, ergänze ich.

„Gut. Steig ein. Wir testen noch mal den Funk, dann geht’s los.“ Er klopft mir auf die Schulter, aber ich weiß nicht, ob er es aufmunternd meint oder irgendwie anders. Andererseits ist das auch nicht wirklich wichtig, denn ich hab mal wieder ganz andere Sorgen. Jetzt macht sie mir dieses Lenkrad, das mit seinen unzähligen bunten Knöpfen und Rädchen aussieht wie ein abstraktes Bonbonglas. Und das sind nur die Dinger, die man vorne drauf sieht, hinten geht’s ja mit allerlei Kram weiter. Hölle, wahrscheinlich würg ich den Motor gleich in der Garage ab…

Ich tue, was Andrew sagt. Hab ja keine Wahl. Wenigstens fühlt es sich so an, als würde ich mich beim Einsteigen nicht mehr gar so steif anstellen, und wenn man erst mal weiß, dass man in diesen Autos eher liegt als sitzt, ist es auch halb so schlimm. Müsste ich jetzt nicht gleich fahren, könnte ich mich fast wohlfühlen.
Joakim schnallt mich zum vierten Mal an, verkabelt mich mit dem Auto. Jemand setzt das Lenkrad wieder ein, sodass ich es nun ungehindert anstarren und verzweifelt versuchen kann, mir in den Kopf zu hämmern, welcher Knopf, welches Rädchen und welcher Hebel auf der Rückseite für was ist. Es funktioniert nicht. Mein Kopf ist total leergefegt, da ist kein einziger Gedanke mehr, nur noch nackte, blanke Panik, und die Pedale, die ich durch die dünnen Sohlen der Schuhe so präzise spüren kann, als wäre ich barfuß eingestiegen.

Auf der anderen Seite der Boxengasse kann ich sehen, wie Andrew am Kommandostand ankommt, kurz ein paar Worte mit Xevi wechselt, sich hin- und die Kopfhörer aufsetzt.

›Kann’s losgehen?‹ Andrews Stimme knirscht leicht im Funk und ich muss mich echt konzentrieren, um ihn über das Dröhnen des Motors zu verstehen. Der ganze Wagen vibriert wie ein Massagesessel oder ein absichtlich verschlossenes Wespennest, dessen Bewohner nur darauf warten, dass sich ein Loch auftut, durch das sie mit geballter Kraft auf den Verursacher losgehen können.

Noch während ich denke, am ganzen Körper zittere, bewegt sich meine Hand zum Lenkrad, ein Finger – unmöglich zu sagen, welcher – drückt gezielt einen Knopf, als hätte er noch nie etwas anderes getan, als wäre er nur dafür da, und dann höre ich mich selbst sprechen, als stünde ich neben mir:

„Ja, alles klar. Bin soweit.“

›Du bist der erste, der rausgeht. In drei, zwei, eins…‹

Ich sehe die Mechaniker verschwinden, der Weg ist frei, meine Hände haben das Lenkrad nicht wieder losgelassen, die Finger bewegen sich jetzt tatsächlich wie ferngesteuert, genau wie meine Füße. Irgendwie hab ich immer noch nicht das Gefühl, dass es ich bin, der da fährt. Es muss jemand anderes sein, ein Geist oder Dämon, der in meinen Körper geschlüpft ist oder sowas in der Art. Vielleicht sollte ich mal einen Exorzisten aufsuchen…
Keine Ahnung, wie ich die enge Kurve aus der Garage und auf den Fahrbahnteil der Boxengasse schaffe, bevor sie mit achtzig Stundenkilometern an mir vorbeirast. Die weiße Linie an ihrem Ende kommt immer näher und ich kann beobachten, wie ich den Pit Lane Limiter ausschalte. Rauf in den sechsten Gang, am Ende der ersten Kurve bin ich plötzlich wieder im dritten, rauf in den fünften, in den S-Curves runter in den vierten – und immer noch keinen Schimmer, was passiert, wie ich das mache.

›Deine Reifen sind zu kalt, bring sie auf Temperatur.‹

Zucke ich zusammen? Ist das in der Enge des Cockpits überhaupt möglich? Wie soll ich das machen?! Das Herz hämmert schmerzhaft gegen meine Rippen, fast so, als wolle es sie in Stücke schlagen. Ich merke nur, dass ich etwas tue und dass das Auto sich anders bewegt, dass irgendwas passiert, aber keine Ahnung, ob es das ist, was passieren, was ich tun soll. Keine Ahnung, ob ich überhaupt alles höre, was Andrew funkt. Er müsste doch viel, viel mehr zu bemängeln, zu kritisieren haben!

›Gutiérrez und Vergne auf der Strecke.‹

Doch ich reagiere nicht oder wenn ich es tue, dann merke ich es nicht, stattdessen bin ich einfach wie erstarrt, während ich eigentlich nichts weiter tue, als die Strecke vor mir anzustarren. Nichts tue ich bewusst, außer diesen Blödsinn zu denken, der alles andere als hilfreich ist, aber einfach nicht weggeht. Ohne ihn würde ich vielleicht durchdrehen und alles in den Kies setzen, ich weiß es nicht. Das ist total unwirklich, wie in einem schlechten Horrorfilm, bei dem man am liebsten den Fernseher anschreien möchte, wenn die weibliche Hauptfigur sich allein in einem dunklen Raum befindet und die Musik sich zu einer Kakophonie steigert, sodass von vornherein klar ist, dass sie gleich auf das namenlose Grauen treffen und aus vollem Halse schreien wird.

Plötzlich bin ich auf Start-Ziel und kann es gar nicht fassen. Boxenmauer und Tribüne fliegen an mir vorbei – und zum ersten Mal macht sich sowas wie ein gutes Gefühl breit. Gleich hab ich wenigstens eine Runde ohne Katastrophe geschafft! Gleich, gleich!

›Good job. Reifen sind auf Temperatur.‹

Irgendwas funke ich zurück, weiß nur nicht was. Ist aber auch egal, denn es kommt scheinbar nichts zurück. Erst mal. Nach zwei weiteren Runden beordert Andrew mich an die Box, es läuft reibungslos. Zumindest fühlt es sich irgendwie so an, auch als es nach dem Stopp  weitergeht. Irgendwann holen sie mich noch mal in die Garage zurück. Man verändert etwas am Auto, gegen das Untersteuern, über das ich mich beklagt habe – nur wann?!
Danach schickt Andrew mich wieder auf die Strecke, wieder mit Anweisung, die Reifen auf Temperatur zu bringen. Okay, das scheint eine Art Problemzone zu sein, aber was soll ich dagegen tun? Gut, ich tu ja was, aber was? Nicht nachdenken, nur nicht nachdenken!

Als ich nach fast anderthalb Stunden in der Garage wieder aus dem Auto steige, bin ich komplett durchgeschwitzt, die Knie zittern, der Nacken schmerzt wie Hölle und die Gedanken rasen. Von dem Gefühl, nur noch zu taumeln, ganz zu schweigen. Ich kriege kaum Luft und es wird erst etwas besser, als ich Helm und Sturmhaube abgezogen und Joakim in die Hand gedrückt habe.

«Geht’s dir gut? Alles in Ordnung?», flüstert Joakim und mustert mich besorgt.

Ich kann nur nicken.

«Sicher? Du bist leichenblass und zitterst wie Espenlaub.»

«Ja, ja», winke ich kaum hörbar ab und lehne mich gegen die nächstbeste Wand.

«Rune, du -»

„Hätte schlechter laufen können“, wird er von Andrew unterbrochen, „Aber auch viel besser. Sprechen wir gleich beim Essen drüber.“ Er klopft mir auf die Schulter und ist wieder weg.

Joakim seufzt, als er meinen fragenden Blick sieht. «Dritter von hinten.»

Ich sage nichts, lasse erschöpft Kopf und Schultern sinken. Will ich eigentlich wissen, wo Valtteri gelandet ist? Lieber nicht. Vielleicht sollte ich mich einfach freuen, nicht gleich Letzter geworden zu sein, obwohl ich die ganze Zeit über eigentlich nicht gewusst habe, was ich tue. Außerdem lebe ich noch!

«Na los, hopp, umziehen, duschen, was essen gehen», fordert Joakim mich nach einer Weile auf, in der ich nichts weiter getan hab, als den Boden und meine Füße anzustarren. Und als ich mich nicht gleich bewege, beginnt er, mich sachte vorwärts zu schieben, raus aus der Garage und bis ins Motorhome. Ich habe keine Ahnung, ob wir unterwegs jemandem begegnen oder was überhaupt passiert, ich sehe nur meine Füße und den sich verändernden Untergrund. Es ist alles wie in einem Film, nein, einem Traum, aus dem man einfach nicht aufwachen kann.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Das Training ist gut gelaufen und ich bin halbwegs zufrieden mit meiner Leistung. Das leichte Übersteuern der ersten zwei Runden konnte schnell behoben werden und anschließend lief das Auto nahezu perfekt. Es ist allerdings ein wenig enttäuschend, nicht Schnellster geworden zu sein. Nur scheint gegen die Red Bulls momentan kein Kraut gewachsen zu sein. So gesehen habe ich wahrscheinlich das Bestmögliche herausgeholt, aber das ist eben nicht das Beste. Ein kleiner, aber feiner und am Ende entscheidender Unterschied.

Doch jetzt sind erst mal ein paar Stunden Pause angesagt. Oder sowas Ähnliches, immerhin gilt es nun, die Daten des ersten Trainings auszuwerten. Das macht man nicht mal eben nebenbei. Trotzdem will ich mich jetzt erst mal umziehen und dann in Ruhe was essen. So viel Zeit muss sein.

Von Ruhe kann allerdings nicht mehr die Rede sein, als Romain sich ungefragt zu mir setzt. Innerlich verdrehe ich die Augen, fluche stumm. Ich hatte mich schon so auf ein schweigsames Mittagessen mit Mark gefreut, denn wenn ich auf eins gerade gar keine Lust habe, dann ist das Reden und erst recht nicht mit Romain. Der wird mir nämlich mit Sicherheit gleich an den Kopf werfen, dass -

„Hattest du wenigstens ’nen schönen Abend?“

Okay, nicht das, auch wenn es unverkennbar anklagend klingt.

„Ja“, antworte ich knapp und wende mich dann meinem Mittagessen zu.

„Schön, ich nicht.“

Eigentlich sollte ich jetzt fragen, was passiert ist, aber ich tue es nicht. Warum sollte ich auch? Der Grund ist doch klar: Ich hab mich mit Sebastian getroffen statt mit ihm. Ein paar Sekunden, vielleicht sogar eine oder zwei Minuten vergehen schweigend.

„Sagst du heute überhaupt noch mal was?“

„Ja.“ Kapierst du nicht, dass ich keinen Bock hab, mit dir zu sprechen? Du gehst mir gerade nur auf die Nerven! Ich hab echt Wichtigeres zu tun, als mich für deinen albernen Aberglauben instrumentalisieren zu lassen.

„Auch noch was anderes als das?“

„Ja.“ Aber nicht zu dir, Romain, zumindest nicht, wenn du mich sofort in Frieden lässt und dich um deinen eigenen Kram kümmerst.

„Dann sprich mit mir, verflucht!“, forderst du.

Scheiße, heulst du gleich? Nee, das fehlt mir jetzt gerade noch. Ich brauche keine Gefühlsduselei, erst recht nicht nach der Trennung von Jenni. Das, was ich grad hinter mir hab – ich hoffe sehr, dass es ausgestanden ist – brauche ich definitiv kein zweites Mal, also bleib mir bloß vom Leib mit dem Mist.

„Wir sind bei der Arbeit, reiß dich zusammen, mach deinen Job und lass mich in Frieden“, knalle ich ihm eiskalt um die Ohren und endlich, endlich hält er die Klappe und geht. Für einen Moment habe ich Ruhe, dann kommt Mark zu mir, legt ein paar Seiten mit Daten zwischen uns auf den Tisch und sieht mich an.

„Was?“, frage ich, als er nicht aufhört.

„Schlechte Laune?“

„Frag nicht.“

„Okay“, lenkt er mit einem Schulterzucken ein, „Mark kommt gleich wegen der Daten.“

„Gut.“ Nein, eigentlich nicht. Gut ist es nur, wenn Mark erst herkommt, wenn ich mit essen fertig bin, aber was soll’s? Ist alles besser als sich weiter mit Romain herumschlagen zu müssen. Heute ist er wirklich eine Plage und ich habe keine Lust, mir anzuhören, dass der ausgefallene Spieleabend für seine schlechte Trainingsleistung mitverantwortlich ist. Von mir aus braucht er erst wieder ankommen, wenn er sich eingekriegt hat, denn ich bin zum Rennen fahren hier, nicht zum Jammern oder Trösten.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Ich mache mir Sorgen, unglaubliche Sorgen um Rune. Er steht scheinbar völlig neben sich, auch wenn er in der Pause zwischen den Trainings viel professioneller wirkte als noch vor ein paar Wochen. Er hat zumindest fast alles behalten, was er mit Andrew besprochen hat und das ist ein großer Schritt nach vorn. Bisher war’s mir immer ein wenig schleierhaft wie er mit so wenig Interesse für die Theorie, das Schriftliche oder wie auch immer man das zusammenfassen will, so weit kommen konnte wie er gekommen ist. Es grenzt womöglich an ein Wunder. Und um so eins bete ich beinahe, als er zu Beginn des zweiten Trainings aus der Garage fährt.
Jetzt sollte er unbedingt eine Verbesserung zum Vormittag zeigen, sonst stehen seine Chancen schlecht, das Rennen in Indien noch fahren zu dürfen, was mehr als ärgerlich wäre, denn Williams ist in dem Fall nicht das einzige Team, das sein Versagen beobachten würde. Es würde seinen Karrierechancen einen erheblichen Dämpfer versetzen – und Claire dazu bringen, mich anzumotzen.

Die ersten zwei Runden sind fürchterlich. Er kriegt die Reifen nicht auf Temperatur, kommt viermal von der Strecke ab, bleibt einmal fast im Kies stecken. Ich möchte am liebsten die Hände vors Gesicht schlagen, tu’s aber nicht. Dafür ist der Rummel hier selbst an Freitagen zu groß. Nur in 130R und auf Start-Ziel sieht es so aus, als hätte er alles unter Kontrolle.
Am Kommandostand sehe ich Andrew und Xevi regelmäßig die Köpfe schütteln, außer ihren Anweisungen an Rune und seinem gepressten ›Copy‹ als Antwort ist der Funk tot. Ein schlechteres Zeichen kann es nicht geben, obwohl die Reifen endlich im richtigen Temperaturfenster sind. Ich ringe die Hände im Schoß. Wenn sich nichts ändert, kann er Indien abschreiben. Valtteris Rundenzeiten waren vorhin schon mehr als eine Sekunde schneller, jetzt ist der Abstand noch größer geworden.

›Es geht nicht! Totales Untersteuern, immer noch!‹, faucht es plötzlich im Funk und ich muss mich sehr zurückhalten, um nicht laut Halleluja zu schreien. Das ist die beste Ansage, die Rune heute gemacht hat, obwohl sie gereizt, beinahe wütend klingt.

›Box this lap‹, lautet Andrews Antwort. Könnte sein, dass sich das in den Telemetriedaten schon abgezeichnet hat, aber sie erst mal Runes Urteil abwarten wollten, ist jetzt aber egal. Wenn Rune bei den Ansagen zu seiner GP2-Form zurückfindet, dann ist er wieder auf dem richtigen Weg, da bin ich ganz sicher. Wenn er weiß, was er will oder was falsch läuft, dann kann daran gearbeitet werden. Hey, Gott, gib mir ein Zeichen, dass du die Finger im Spiel hast, lass alles glatt laufen. Wenn es gut geht und Rune die Kurve kriegt, geh ich ab sofort wenigstens an Weihnachten wieder in die Kirche, Gläubigkeit hin oder her.

Sie machen keinen Stopp, holen das Auto stattdessen erst mal wieder in die Garage, aber Rune bleibt sitzen, macht keinerlei Anstalten auszusteigen, verlangt stattdessen die neuen Daten zu sehen noch bevor die Mechaniker das Auto ganz in die Garage geschoben haben.

Okay, Gott, das ist ein Zeichen, ganz eindeutig. Normalerweise stellt man Rune den Monitor in so einer Situation hin, aber er lehnt sich nur zurück und macht die Augen zu ohne sich darum zu kümmern. Es ist unglaublich!

***

Ich bin so erleichtert, dass es ein Wunder ist, dass ich mir noch nicht in die Hose gepisst hab. Er hat’s geschafft, er hat’s tatsächlich geschafft! Da ist es völlig nebensächlich, dass seine Antworten im Funk weiterhin nur aus ›Copy‹ und Klagen bestanden haben.
Als Rune aus dem Auto steigt, ist er wesentlich sicherer auf den Beinen als noch heute Vormittag. Da habe ich befürchtet, er würde gleich zusammenklappen, aber jetzt wirkt er auf mich nur noch ein klein wenig fahrig, etwas durch den Wind, doch das wird am Stress und der neuen Situation liegen. Daran wird er sich gewöhnen, er braucht nur ein wenig Zeit, das weiß ich aus Erfahrung.

Stumm drückt er mir Helm, Sturmhaube und Handschuhe auf den Arm, kriegt im Gegenzug seinen Ionencocktail von mir. Er nimmt ein paar Schlucke aus der Flasche und verzieht das Gesicht. «Scheußlich», sagt er, «Ganz, ganz scheußlich.»

Was? Ich sehe ihn an, bin mir aber nicht sicher, ob ich überrascht oder entsetzt ausschaue. Das ist doch genau die Geschmacksrichtung, die er haben wollte. Die, die er schon seit anderthalb Jahren will – und bekommt.

«Das ist verdammt eklig süß», fügt er an, trinkt dann jedoch weiter und versetzt mir damit den nächsten Schock. Rune trinkt und isst normalerweise nichts weiter, was ihm nicht schmeckt!

«Gibt’s das auch ohne Aroma?», will er schließlich wissen.

Ich nicke: «Ja, aber dann schmeckt’s salzig und -»

«Lieber salzig als das», unterbricht er mich.

«Du verarscht mich?» Irgendwie traue ich dem Braten nicht. Habe absolut keine Lust, mich morgen von ihm anmotzen zu lassen, weil ich auf einen seiner kindischen Scherze reingefallen bin.

Er blinzelt verwundert. «Nein.» Und dann hält er mir die Flasche hin. «Probier doch mal. Das schmeckt noch schlimmer als das Hello Kitty-Eis.»

«Muss ich?» Das sah schon widerlich aus, da will ich gar nicht erst wissen, wie es schmeckt oder was noch schlimmer ist.

«Ich verstehe voll und ganz, wenn du nicht willst.» Er schneidet eine Grimasse und stürzt den Rest aus der Literflasche hinunter. Einfach so, einfach auf ex.

«Du weißt, dass du das nicht sollst?», hake ich nach.

Er zuckt die Schultern: «Die Trinkanlage hat den Geist aufgegeben, ich hab echt Durst.»

Ich seufze: «Dann rechne mal damit, dass du gleich sehr dringend aufs Klo musst.»

«Quatsch», lacht er, «Das geht doch erst wieder, wenn überhaupt Flüssigkeit dafür da ist.»

«Rune, geht’s dir gut?» So ist er eigentlich nicht, wenn er im Training nicht mindestens in den Top Five gelandet ist. Er verhält sich völlig untypisch! Ganz anders als ich ihn kenne.

«Bisschen dehydriert vielleicht, aber sonst, ja.» Er lacht immer noch, zwinkert mir zu. «Immerhin bin ich besser geworden und leben tu ich auch noch. Kann ich noch was zu trinken haben? Von mir aus ruhig mit diesem Kitty-Touch. Hauptsache, es ist flüssig.»

«Ja, klar», gebe ich etwas perplex zurück.

«Danke, du bist echt ein Schatz.» Er schlägt mir kumpelhaft gegen den Oberarm, bevor er sich Andrew zuwendet, der gerade vom Kommandostand in die Garage kommt.

Oh. Mein. Gott! Das war jetzt echt merkwürdig!

*** ~~~ ***


Runes POV

Feierabend, endlich Feierabend! Ich glaube, ich bin noch nie so froh gewesen, ins Bett zu kommen, obwohl ich eigentlich nicht müde bin. Doch ich liege und kriege eine Massage. Es ist göttlich! Mein Nacken fühlt sich bereits viel besser an und im Grunde genommen brauche ich auch gar nicht mehr aufzustehen, denn heute habe ich es geschafft, mir die Zähne ganz ohne Joakims Aufforderung zu putzen.

«Ich glaube, es wird besser gehen, wenn ich das nächste Mal vor dem Training in den Simulator kann», bemerke ich nach einer Weile.

«Meinst du?» Joakim klingt nicht sehr überzeugt, aber vielleicht täuscht das, weil er gleichzeitig noch meine Muskeln traktiert, die sich in einem ähnlichen Zustand wie gestern Abend befinden.

«Ja.»

«Wieso?»

«Dann hab ich mehr Zeit, mir die Strecke einzuprägen und hab sie schon mal vom Cockpit aus gesehen, bevor man mich auf sie loslässt», erkläre ich, «Ist diesmal halt blöd gelaufen mit dem Transport.»
Ist es wirklich, sonst hätte ich nämlich Mittwoch und Donnerstag sehr viel Zeit im Simulator verbracht. Nur kam ein Teil erst nicht an Land und als man ihn dann endlich zusammenbauen konnte und fertig damit war, funktionierte er nicht so, wie er sollte. Oder zumindest nicht lange genug, dass ich auch in den Genuss von ein paar Übungsrunden gekommen wäre. Valtteri schon, doch zu der Zeit saß ich in der Pressekonferenz und als ich wieder zurück war, war der Simulator schon hinüber.

«Na dann…» Joakim lässt alles Weitere in der Luft hängen.

Und ich beginne, mich zu fragen, ob das heute nur Glück oder auch Können war. Nur woher sollte ich sowas können? Bisher habe ich ja nicht mal in einem Kart gesessen! Doch wenn ich so darüber nachdenke… Bei all den Leuten, die mich zu kennen scheinen… Offenbar bin ich niemand, der plötzlich aus dem Boden geschossen ist wie ein Pilz. Ich habe eine – wenn auch ziemlich unrühmliche – Vergangenheit als Rennfahrer. Könnte ich die haben, wenn ich kein Talent hätte? Möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Die Formel 1 bewegt sich auf einem Niveau, für das man mehr haben muss als die nötige Disziplin zu harter Arbeit.
Irgendwie wäre es auch unsinnig von Enrique, mich einfach nur in ein Cockpit zu setzen, denn dann wäre ich kein guter Rennfahrer sondern nur irgendein Mann in einem Rennauto, der nie Karriere machen würde. Und das habe ich mir ja nicht gewünscht. Also sollte ich vielleicht ein wenig mehr Vertrauen in mich und die Seite von mir, die ich nicht kenne, haben. Es wäre zumindest ein Anfang. Einer, mit dem es heute schon funktioniert hat, irgendwie. Andernfalls läge ich auch mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Krankenhaus und nicht hier.

«Danke für dein Vertrauen», gluckse ich nach ein paar Sekunden leise.

«Immer wieder gern.»

«Blödmann.»

«Hey, ich bin nicht derjenige, der Autos im Kreis fäh- »

Derselbe Popsong wie gestern unterbricht ihn und ich sehe mich gezwungen, mein Telefon vom Nachttisch zu angeln. Irgendwie bin ich im Lauf des Tages nicht dazu gekommen, diese Heidi zurückzurufen. Kein Wunder also, dass sie es jetzt noch mal versucht, aber jetzt bin ich ehrlich gesagt zu k.o. für ein Telefonat mit jemandem, den ich nicht kenne. Trotzdem hebe ich ab und murmle ein lahmes «Hei» in den Hörer.

Eine Begrüßung bekomme ich nicht, nur ein: ›Warum bist du gestern nicht rangegangen?‹ Wirklich zu freundlich!

«War ’n langer Tag und ich müde», rede ich mich raus.

›Stimmt, du bist ja in Japan‹, kommt’s zurück, ›Aber dann können wir ja jetzt über unseren Ur- ‹

«Lass mal», unterbreche ich eilig, «Ich kann grad nicht. Hab noch zu tun und muss morgen wieder früh raus.»

›Rune, das -‹

«Wir sprechen wann anders drüber», sage ich und lege auf, bevor sie etwas erwidern kann. Das war echt seltsam! So, wie sie klang, könnte sie glatt meine Schwester sein. Bisher hatte ich zwar keine, aber so hab ich mir die große Schwester immer vorgestellt, genauso nervig. Außerdem hat Enrique gesagt, ich müsse mir das hier wie ein Paralleluniversum vorstellen und in einem solchen könnten Erik und ich durchaus noch eine Schwester haben. Soweit ich weiß, war unsere Mutter vor mir schon mal schwanger, hatte aber eine Fehlgeburt. Vielleicht lief es in diesem Universum anders, besser.

«Das war nicht sehr nett», reißt Joakim mich aus meinen Überlegungen.

Ich seufze nur: «Sie ist alt genug, um an die Zeitverschiebung zu denken und zu wissen, dass ich abends fertig mit der Welt bin.»
Verdammt, dieses Schauspielen geht auch immer besser, wenn man es erst mal ein paar Tage gemacht hat. Man bekommt definitiv Übung drin.

«Wenn du das sagst, will ich mal nicht widersprechen.»

«Danke», lache ich und will das Smartphone wieder aus der Hand legen, aber es klingelt erneut. Diesmal ist es jedoch nicht der Popsong, sondern etwas, das sich verdächtig nach Avicii anhört. Ein Blick aufs Display zeigt einen jungen, blonden Mann, der mir nach der Google Bildersuche vorgestern Abend ziemlich bekannt vorkommt: Max Chilton.
Den sollte ich besser nicht wegdrücken, denke ich mir und sage nur Sekunden später wieder: „Hi.“

›Auch hi‹, kommt es zurück, ›Du bist ein echter Vogel, weißt du das?‹

„Hä?“ Nein, weiß ich nicht, und leider kann ich mich auch nicht erinnern, warum ich das sein sollte.

Er lacht: ›Ich hab noch deine Sonnenbrille. Du weißt schon, die von Hugo Boss.‹

„Ach ja.“ Warum hat er die?

›Ich wollte sie dir ja vorhin wiedergeben, aber nicht quer durchs Fahrerlager brüllen dafür.‹

„Tut mir leid, hab dich gar nicht gesehen.“

›Hab ich gemerkt, du Vogel.‹ Er lacht immer noch, scheint das unglaublich witzig zu finden.

„Aber ich habe doch gar keine Flügel“, werfe ich ein, weil ich sonst nicht weiß, wie ich reagieren soll.

Sein Lachen wird lauter. ›Frag doch Christian Horner mal nach ’nem Red Bull.‹

„Wenn ich offen lasse, was für eins ich meine, krieg ich vielleicht ’nen Vertrag.“

Jetzt japst er nach Luft: ›Wenn das klappt, brülle ich nächstes Mal doch durchs Fahrerlager. Nur für dich. Ehrenwort!‹

Meine Mundwinkel zucken und dann muss ich auch lachen. Max ist einfach ansteckend, so sehr, dass ich mich aufsetzen muss, um nicht zu ersticken. Es lacht sich nicht so gut, wenn man auf dem Bauch liegt. Joakim sieht mir mit hochgezogenen Augenbrauen zu, schmunzelt aber unverkennbar, während er sich mit einem Handtuch das Massageöl von den Fingern wischt.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Meine Laune ist im Keller. Total. Klar, war nicht schwer, besser als Lindström zu sein, aber seine miserable Leistung drückt die Stimmung im Team noch weiter. Ich bin mir sicher, dass die meisten genauso denken wie ich: mit Susie wären wir um ein Vielfaches besser dran.
Trotzdem sage ich zu Checo am Telefon: „Verdammtes Glück, dass der Simulator den Geist aufgegeben hat.“

Er lacht: ›Klingt fast so, als ob du Angst hast, er könnte dich schlagen.‹

„Unsinn“, schnaube ich, „Der doch nicht.“

›Ne, nicht solange er so fährt wie heute. Bremsklotz ist nichts dagegen.‹

Wir lachen, dann werde ich wieder ernst: „Bleibt zu hoffen, dass er sich nicht weiter berappelt. Heute Nachmittag hat er aufgeholt.“

›War bestimmt nur ’n Zwischenhoch‹, wiegelt Checo ab, ›Wenn er das Qualyfying morgen verkackt, ist doch alles wieder in bester Ordnung.‹

„Auch wieder wahr“, pflichte ich ihm bei. Tatsächlich stehen seine Chancen nicht so gut, würde ich mal sagen. Heute haben sie die ganze Zeit versucht, das Untersteuern bei ihm in den Griff zu kriegen, aber es nicht ganz weggekriegt. Das lässt hoffen. Außerdem ist die Qualifikation nicht seine Stärke. Sehr gute Platzierungen sind die Ausnahme.

›Wenn wir ganz großes Glück haben, ist er vielleicht so langsam, dass er gar nicht starten darf.‹

„Wovon träumst du nachts?“ Das halte ich nun wirklich für zu unwahrscheinlich, um überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden.

›Von den guten alten Zeiten ohne ihn in der Königsklasse‹, erwidert er und lacht.

„Sicher, dass sie dir nichts in die Flasche geschüttet haben?“

›Ja, das waren nur Elektrolyte, wie immer. Glaub mir, wenn da was anderes drin gewesen wäre, hätte ich das raus geschmeckt.‹

Ich schüttle nur den Kopf und grinse.



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