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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 3.312
 
A/N: An livelovelaugh, Madrilena, Balalaika, Berlinpancake95 (3x!), Tiefseentraum, Nathi, BecksDarcy, Sternengrau und freakylittlegirl: Danke.




Kapitel 5 – Gesprächsbedarf


Runes POV

«Kopf hoch, Rune, du hast das doch ganz gut hingekriegt.» Joakim klopft mir auf die Schulter. Schön, dass er das so sieht. Ich nicht, dabei hatte Claire Williams mich noch vor solchen Gemeinheiten gewarnt, mir gesagt, ich solle nicht darauf eingehen. Aber es hat nicht viel gebracht. Als die Frage kam, hat sie mich getroffen wie ein Faustschlag, von dem ich mich auch jetzt, Stunden später, noch nicht wieder erholt habe.
Gerade habe ich mit Joakim ein sehr schweigsames Abendessen hinter mich gebracht, jetzt sind wir auf dem Weg zu unseren Zimmern. Wir sind in einem anderen Hotel als der Rest des Teams. Warum auch immer. Ich traue mich nicht, nach dem Grund zu fragen.

«Hm.» Zu mehr fühle ich mich nicht in der Lage.

«Wie sieht’s aus? Massage, ja oder nein?»

«Weiß nicht», murmle ich. Tu ich wirklich nicht. Eigentlich möchte ich nämlich nur noch schlafen, von mir aus auch ohne vorher die Zähne geputzt zu haben.
Wir bleiben vor meiner Zimmertür stehen und ich öffne sie.

«Rune, du bist ganz schön durch den Wind, weißt du das? Ich würde jede Wette eingehen, dass du in den letzten zwei Nächten nicht mehr als insgesamt zehn Stunden geschlafen hast.»

Ich seufze: «Die Wette hast du gewonnen.» Es würde keinen Sinn machen, etwas so offensichtliches zu leugnen. Immerhin hab ich Joakim gestern Morgen auch unverkennbar die Ohren vollgeheult.

«Das geht so nicht», erwidert er ernst, «Ich hol jetzt meinen Kram und du kriegst ’ne Massage, so wie jeden Donnerstag. Dann schläfst du mir wenigstens anständig.»

Hoffentlich hat er recht. Ich gehe ins Zimmer, schließe die Tür – niemand, der zufällig vorbeikommt, muss reinschauen können – und warte. Aber nicht lange. Es dauert überhaupt nicht lange, dann klopft Joakim. Es sieht so aus, als hätte er nur seine Jacke ausgezogen, eine seiner Taschen geschnappt und wäre dann wieder hergekommen. Wahrscheinlich ist auch genau das passiert.

«Hast du Zähne geputzt?», fragt Joakim.

Ich verneine. Dafür war nun wirklich keine Zeit! Er ist doch in weniger als den vom Zahnarzt veranschlagten zwei Minuten wieder hier gewesen.

«Worauf wartest du dann noch? Hopp, ab mit dir.»

Gut, jetzt fühle ich mich wieder verarscht, sage aber nichts, sondern gehe brav ins Bad, putze mir die Zähne. Er hat ja recht und es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich gleich einschlafe, sobald ich liege. Hatte ja schon auf dem Flur das Gefühl, die Augen kaum noch offenhalten zu können.

Als ich ins Zimmer zurückkomme, breitet Joakim ein großes Handtuch auf dem Bett aus. Ist auch einfacher als eine zusammenklappbare Massageliege mit sich rumzuschleppen. Und ehrlich gesagt würde ich mich momentan sogar mit einem Platz auf dem Fußboden zufriedengeben, okay, mit ’ner Isomatte zwischen mir und dem Teppich, aber trotzdem.
Ich ziehe mir das T-Shirt über den Kopf, falte es zweimal zusammen und lege es auf den Stuhl, den ich mir schon am Montag als Klamottenzwischenablage ausgeguckt habe.

«Was ist denn bei dir ausgebrochen? Akuter Ordnungswahn?», will Joakim wissen, klingt bedenklich skeptisch dabei.

«Nö», antworte ich und setze mich aufs Bett, «Akut keine Lust auf knittrige Klamotten.»

«Du machst mich sehr, sehr glücklich, Rune. Und jetzt leg dich hin.»

Okay, das ist jetzt ein wenig bedenklich. Zumindest in meinem Kopf in Kombination mit meinen Erinnerungen. Aber hier ist das wohl anders. Ich lasse mich nach hinten fallen und drehe mich auf den Bauch.

«Ich kenn dich jetzt seit zwei Jahren», fährt er fort, als er sich neben mich auf die Matratze setzt, «Aber du überraschst mich doch noch – positiv.»

«Schön», murmle ich gegen das Kissen und schließe die Augen. Verdammt, es tut viel zu gut, einfach nur rumzuliegen und gar nichts mehr tun, denken zu müssen. Die Pressekonferenz war ein Kurztrip durch die Hölle und ich möchte wirklich nichts lieber, als ihn für immer aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Wie kann man nur eine so unmenschliche Frage stellen? Ein Mensch liegt im Koma, da gibt’s absolut nichts, worüber man sich freuen könnte, Chance hin oder her. Wie kann man nur so oberflächlich sein?!

«Rune, kannst du mir mal sagen, was du gemacht hast?»

«Hä? Was soll ich gemacht haben?» Ich lieg doch nur hier und rühr mich nicht. Warum auch nicht? Fühlt sich schließlich ganz so an, als wüsste Joakim sehr genau, was er da mit meiner Muskulatur anstellt. Warum zum Henker reißt er mich also jetzt aus meinem Halbschlaf?

«Dein Nacken ist bretthart, dabei hast du noch keine Sekunde im Auto gesessen.»

«Hab schlecht geschlafen. Oder mich verlegen oder so», gebe ich leise zurück. Bisher hab ich dem verspannten Nacken keine große Bedeutung beigemessen. Warum auch? Sowas hat man hin und wieder, aber es geht auch von ganz allein wieder weg.

Er seufzt schwer: «Das wird ein ganz unangenehmes Wochenende werden, das kann ich dir sagen.»

«Für was?», will ich wissen, «Deine Finger oder meinen Nacken?»

«Beides. Nächstes Mal kommst du wieder gleich zu mir, verstanden?»

«Ja. Tut mir leid.» Tut es wirklich. Ich muss eine ziemliche Plage gewesen sein, da kommt es mir gar nicht mehr so seltsam vor, mich für mein altes Ego zu entschuldigen. Irgendwo muss man anfangen, wenn man Dinge wieder ins Lot bringen soll und ich hab mal gehört, dass es ein guter Schritt ist, sich erst mal bei Leuten zu entschuldigen, denen man Unrecht getan hat. Bei allen werde ich das wohl nicht schaffen, dafür liegt sicher zu viel im Argen und ich weiß noch zu wenig über meine Vergangenheit, aber man kann ja klein anfangen.

«Lass gut sein. Du hast im Moment andere Sachen im Kopf und Sonntagabend weißt du eh wieder, dass du ein bisschen besser auf dich achtgeben solltest.»

«Danke, das ist echt ermutigend.»

«Nicht wahr?» Ein klein wenig stolz klingt Joakim doch.

«Ja, total», antworte ich gedehnt.

Er lacht, widmet sich dann aber wieder schweigend der Massage. Und ich muss zugeben, mein Nacken fühlt sich schon um ein Vielfaches besser an. Hätte ich eher gewusst, dass er das so gut kann, hätte ich von selbst danach gefragt. Aber in dieser Hinsicht hat Joakim mehr recht als er ahnt: Ich habe zu viel anderes im Kopf.
Plötzlich zerreißt ein piepsiger Popsong die Stille, schreckt uns beide auf. Verdammt, dabei war ich gerade fast wieder eingeschlafen!

«Dein Handy», macht Joakim mich aufmerksam.

Ich gebe einen gequälten Laut von mir und zwänge die rechte Hand in die Hosentasche, um das Smartphone herauszufummeln. Gar nicht so einfach, aber es gelingt doch, bevor es aufhört zu klingeln.
Auf dem Display ist das Bild einer wasserstoffblonden, solariumgebräunten Frau zu sehen, darunter steht in Großbuchstaben Heidi. Keine Ahnung, wer das sein soll. Ich kenne keine Heidi und drücke sie ohne groß nachzudenken weg, bevor ich das Smartphone auf lautlos stelle und auf den Nachttisch lege.

«Wer war’s denn?»

Ich ignoriere Joakims verwunderten Unterton. «Heidi.»

«Wieso bist du nicht rangegangen?»

«Meinst du, es ist wichtig gewesen?»

Er setzt die Massage fort. «Nicht wichtiger als jeden Donnerstag, denke ich.» Gut, das klingt jetzt nicht so, als ob ich mir Sorgen machen müsste.

«Ich kann sie ja morgen oder so zurückrufen. Es ist nach neun, da ruft man eigentlich niemanden mehr an», nuschle ich und schließe die Augen wieder. Da ist die Zeitverschiebung auch kein Argument, das ich gelten lassen könnte. Die Frau sah ziemlich erwachsen aus, also sollte sie auch in der Lage sein, vernünftig zu denken, und auf den Gedanken kommen können, dass ich im Moment beschäftigt sein könnte.

«Ja, das kannst du machen. Das passt dann schon», stimmt Joakim mir zu.

«Ja, tut es», gähne ich und mache die Augen wieder zu.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Eigentlich sollte man Sushi essen gehen, wenn man schon mal in Japan ist, aber die Angst vor einer Lebensmittelvergiftung in der heißen Phase der Saison ist zu groß, auch wenn es niemand laut ausspricht. Niemand kann es sich noch leisten, ein Rennen auszusetzen, weil er einen kulinarischen Ausflug machen wollte. Deswegen sind wir auch in einem italienischen Restaurant gelandet, doch wie hier üblich abgeschirmt von anderen Gästen. Das ist gut so, sehr gut, denn dann können wir in Ruhe reden. Aber ein langer Abend ist trotzdem nicht drin. Morgen sollten wir beide ausgeschlafen sein.

„Was hat Romain gesagt?“ War klar, dass Seb das fragen wird. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht.

Ich zucke die Schultern. „Es ist okay, was sonst?“

„Ich weiß nicht. Hätte ja sein können, dass -“

„Wir sind kein Paar“, erkläre ich zum wer weiß wievielten Mal. Werde das Gefühl nicht los, dass Seb das mit Absicht immer wieder vergisst und kann nicht mal genervt davon sein. So viel Blauäugigkeit oder ungetrübten Optimismus sollte man ihm gar nicht zutrauen, wenn man ihn nur als Rennfahrer und auf der Strecke kennt. Eigentlich schön, dass er sich das bewahrt hat. Gibt nicht viele, die das können, wenn’s erst mal hart auf hart geht.

„Ich versteh das nicht.“ Seb schüttelt leicht den Kopf, will noch etwas ergänzen, schweigt jedoch, als unser Essen gebracht wird. Ist vermutlich etwas, das nicht unbedingt für fremde Ohren geeignet ist, allerdings trifft das auf das gesamte Gesprächsthema zu, irgendwie. Also fährt er erst fort, als wir wieder allein sind: „Ihr passt doch so gut zusammen.“

„Tun wir das?“

Seb bejaht und betrachtet dann mit geröteten Wangen seine Spaghetti. Kein Wunder, dass er was mit Jenson hat. Das ist genau der Gesichtsausdruck, den man auch auf einigen Bildern sieht, auf denen der Brite zusammen mit einer seiner Freundinnen zu sehen ist. Er scheint wohl drauf zu stehen oder wenigstens darauf anzuspringen. Außerdem sieht Seb in diesem Moment einfach nur niedlich aus, sodass es mir fast leid tut, seine Illusion – falls es eine ist – zu zerstören: „Das wird nie was Festes werden.“

„Wie kannst du dir da sicher sein?“

„Ich weiß es.“

„Das glaub ich nicht. Sowas kann man gar nicht wissen, wenn man’s nicht versucht ha- “ Er stockt, sieht mich für eine Sekunde oder zwei beinahe vorsichtig an. „Oder habt ihr?“

„Nein.“ Ein ganz klares, ehrliches Nein. Ich schätze Sebs offene und ehrliche Art, deswegen bin ich es ihm und den meisten anderen gegenüber auch. Ausnahmen gibt es natürlich, unter anderem Journalisten, aber das zählt in unseren Berufszweig nicht.

„Aber dann kannst du doch nicht -“

Ich seufze: „Wir haben eine ganz andere Ausgangsposition als du und Jenson. Das war nie so geplant wie es gekommen ist.“

„Wir haben das auch nicht geplant“, merkt er an und zwinkert mir zu, „Man kann nicht alles planen.“

„Punkt für dich“, räume ich ein und verhindere damit wohl, dass er mich dezent direkt darauf hinweist, dass mir das gerade erst mit Jenni eindrucksvoll bewiesen wurde. Für einen Moment essen wir schweigend, bis ich diesmal derjenige bin, der das Schweigen bricht: „Wie hast du es denn mit Jenson geklärt?“

„Gar nicht.“

„Woher weißt du dann, dass es ihm so ernst ist wie dir?“ Genau das ist ja der springende Punkt: Seb ist es ernst, aber Jenson gilt nicht umsonst als Playboy. Und ich kann mich nicht zur Gänze mit der Vorstellung anfreunden, es könne mit den beiden gutgehen. Kurz: Ich mache mir verdammt noch mal Sorgen um meinen besten Freund.

„Würde er die Beziehung zu Jessica aufs Spiel setzen, wenn es das nicht wäre?“

„Wahrscheinlich nicht, aber das kannst du besser beurteilen als ich.“ Langsam scheinen wir uns dem Kern des Pudels zu nähern, doch jetzt zweifle ich an der Genialität meines Vorhabens, meine Bedenken zu äußern. Andererseits ist es auch nicht klug, sowas lange hinauszuzögern.

„Wirst du es Hanna sagen?“, frage ich das, was mir fast ein Loch in die Zunge gebrannt hat.

Er lässt fast die Gabel fallen, schaut mich an wie ein Rentier im Scheinwerferlicht kurz bevor es zum Crash kommt. Erst nach einigen Sekunden flüstert er entschieden: „Nein.“

„Glaubst du, dass es so auf Dauer funktionieren wird?“

„Es muss.“ Gut, das klingt jetzt flehend, fast verzweifelt und ich muss mich zusammenreißen, um nicht aufzustehen und ihn in den Arm zu nehmen. Das wäre das falsche Signal. Seb hat sich selbst in diese Lage gebracht und wenn er dabei bis jetzt noch nicht dran gedacht hat, was es für Hanna bedeutet, kann nicht wirklich Mitleid mit ihm haben.
„Warum?“, will ich stattdessen wissen.

„Tarnung“, antwortet er.

„Tarnung?“

„Ja.“

„Warum?“

„Na, im Fußball werden Spieler, die sich outen, immer noch totgeprügelt, wenn sie Pech haben.“

„Wir sind aber keine Fußballspieler“, wende ich ein.

„Und deswegen kann uns das nicht passieren?“

Ich will „Genau“ sagen, habe den Mund schon geöffnet, aber Seb kommt mir zuvor: „Und denk mal an China, Bahrain und Abu Dhabi. Da ist Homosexualität immer noch strafbar!“

Okay, soweit habe ich habe ich noch nicht gedacht. Ist für mich bisher auch eher unwichtig gewesen, aber letztendlich gut zu wissen.

„Willst du es Hanna deswegen denn gar nicht sagen?“

Er zuckt mit den Schultern, hilflos, zweifelnd und unentschlossen. „Was soll ich ihr denn sagen? Ich hab dich mit einem Mann betrogen?“

„Nein, Blödsinn. Ich hab dich betrogen, das reicht doch völlig.“

„Ja, völlig zum Schlussmachen.“

„Ich dachte, dass mit Jenson ist ernst.“ Er hat Angst vor der Presse und vor den Gesetzen in manchen Ländern, in denen wir gastieren, das verstehe ich noch. Aber den Rest nicht, weil das eine das andere nicht zwangsläufig bedingt.

„Ist es auch und - Ach Mann, Kimi, es ist nicht so, dass ich’s ihr gar nicht sagen will, aber noch nicht jetzt, das ist noch zu früh.“

„Es gibt keine richtige Zeit, um sowas zu sagen, Seb, glaub mir das.“

„Aber was mach ich denn, wenn sie sich von mir trennt? Dann hat die Presse doch erst recht ein Auge drauf, mit wem ich in der Zeit danach anzutreffen bin.“

„Und? Die werden nach Frauen Ausschau halten.“

„Aber was, wenn Hanna jetzt schon was ahnt und das dann ausplaudert?“

„Traust du ihr das wirklich zu, Seb? Wenn ja, dann solltest du ihr nämlich gar nichts sagen und einfach sofort schlussmachen.“ Das ist vielleicht ein wenig hart gesagt, aber ohne ein gewisses Maß an Vertrauen hat eine Beziehung keinen Sinn.

„Nein“, kommt’s kleinlaut zurück.

„Na also“, sage ich, „Hör mal, ich kann verstehen, dass das alles nicht einfach ist, aber lass Hanna nicht zu lange zappeln. Das hat sie nicht verdient.“

„Nein, hat sie nicht.“ Seb lässt die Schultern sinken, und jetzt stehe ich doch auf und nehme ihn in den Arm.

***

Fünf Anrufe in Abwesenheit blinkt mir entgegen, als ich, zurück im Hotel und in meinem Zimmer, einen Blick aufs Smartphone werfe. Alle von Romain. Verflucht. Das hat mir gerade noch gefehlt. Aber jetzt ist es zum Zurückrufen auch zu spät, schon nach zehn. Naja, wir sehen uns morgen eh.

Ich lege es auf den Tisch, gehe kurz ins Bad und dann zu Bett. Etwas Sinnvolleres ist mit diesem Tag sowieso nicht mehr anzufangen, dafür geht mir zu viel im Kopf herum. Seb hat Angst, das vor allem anderen. Und er hat sie ja nicht mal zu Unrecht. Niemand weiß, wie die Öffentlichkeit reagieren wird, wenn sich einer von uns outet. Hat sich noch niemand getraut. Und selbst wenn alles sauber abläuft, dann sind da immer noch die Länder, in denen die Rennen ausgetragen werden. Mir schwirrt ehrlich gesagt der Kopf. Seb hat das alles schon längst gegeneinander abgewogen, sich den Kopf zerbrochen. Ich seufze. Ihm ist es auf jeden Fall ernst, daran habe ich keine Zweifel. Aber Jenson?

Ein netter Kerl, ja, aber nicht gerade das, was man als auf dem Teppich geblieben oder bodenständig bezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass er alles hinschmeißt, Seb im Stich lässt, sobald es hart auf hart geht, halte ich für sehr hoch. Und das Schlimme ist, ich kann nichts tun, um das zu verhindern, sollte es soweit kommen. Ich kann nur für Seb da sein, aber das wäre im Fall des Falles zu wenig.
Es muss doch einen anderen Weg geben. Am besten einen, mit dem man so eine Situation gleich ganz verhindern kann. Das wäre ideal. Nur zurzeit ist Seb einfach noch zu verliebt, um irgendeinen Ratschlag von irgendjemandem anzunehmen. Ich könnte mich auf den Kopf stellen und es würde nichts ändern! Aber ich kann auch nicht die Hände in den Schoß legen und zusehen! Das geht nicht! Es muss doch etwas geben, was ich - Moment! Die Hände in den Schoß legen. Das bringt mich auf eine Idee. Eigentlich ist es ganz leicht. Aber vorher sollte ich noch mal einen Blick auf die Presse der Jereztestfahrten werfen.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

›Und, wie ist es so mit dem Ersatz?‹

„Frag nicht, Checo“, antworte ich.

›Zu spät, Valtteri, also sag schon.‹

Ich seufze: „Scheiße. Oder hast du was anderes erwartet?“

›Nein. Was hat er gemacht?‹

„Er ist da, reicht das nicht?“

Checo lacht. ›Tut’s. Aber im Ernst, erzähl mal was. Die reden alle von der PK und so und ich war nicht da, aber du wirst doch was wissen, nicht?‹

„Ich hab auch nur gehört, was Claire gesagt hat“, wende ich ein. Das ist nicht besonders viel und auch nicht das, was ich mir zu hören gewünscht habe.

›Besser als nichts, schieß los!‹

„Sie meint, er hat die erste Feuertaufe mit Bravour bestanden“, grolle ich. Dabei hatte ich so gehofft, er würde das in den Sand setzen. Dann wäre ich ihn bald wieder los gewesen. Mit Lindström kann man nicht zusammenarbeiten, mit Susie schon. Die weiß nämlich, was sie tut.

›Fuck!‹

„Du sagst es.“

›Wird vielleicht aber alles halb so wild, wenn er im Rennen wieder so ’ne Scheiße zusammenfährt wie bei den Testfahrten.‹

„Hoffen wir’s“, stimme ich zu, „Und hoffen wir auch, dass er bis dahin unsere Rennen nicht ruiniert hat.“

›Darauf sollten wir eigentlich trinken. Wann fliegst du?‹

„Montag.“

›Dann Sonntagabend?‹

„Ja.“

›Zu feiern haben wir dann ja auf jeden Fall was.‹

„Was meinst du?“

›Na, entweder sind wir ihn wieder los oder er hat unsere Rennen nicht versaut oder alles zusammen.‹

„Das letzte gefällt mir am besten.“

›Mir auch.‹

Wir lachen und wechseln dann das Thema.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Rune schläft. So soll es sein, und ich bin beruhigt. Morgen muss er fit sein, komme, was wolle. Für eine Weile bleibe ich noch auf dem Bett sitzen und beobachte ihn. Seit Montag ist er kaum wiederzuerkennen. Er ist immer noch seltsam, keine Frage, aber nicht mehr abstoßend seltsam. Eher so, dass ich beginne, mir ernsthaft Gedanken zu machen. Es scheint fast so, als ob er Angst hätte und heute war er teilweise so panisch, dass ich ihm am liebsten Valium gegeben hätte. Geht natürlich nicht. Bin ja kein Arzt und er dürfte mit auch gar nicht fahren. Aber ich werde mit ihm darüber sprechen müssen, ob er nicht doch ein paar Therapiestunden machen möchte. Nach der Saison. Die paar freien Tage zwischen diesem Rennen und dem nächsten in Indien reichen selbstverständlich nicht aus. Außerdem hat er da einen Augenarzttermin, den er unbedingt wahrnehmen muss.

Als ich aufstehe, knirscht die Matratze verdächtig und ich halte kurz inne, um zu sehen, ob Rune aufgewacht ist. Ist er nicht. Ich atme auf und sammle meine Sachen ein. Zuletzt schiebe ich Rune vom Handtuch herunter, drehe ihn dabei auf den Rücken. Normalerweise bleibt er einfach so liegen. Heute nicht. Stattdessen dreht er sich auf die Seite, schiebt den rechten Arm unter das Kopfkissen, und ich kratze mich verwundert am Kopf. Das hat er noch nie gemacht. Er kann nicht auf der Seite schlafen, hat er immer gesagt. Merkwürdig!

Zum Schluss decke ich Rune zu und werfe noch einen Blick auf sein Smartphone. Sieben Anrufe in Abwesenheit. Alle von Heidi – blöde Tusse! – und eingetroffen im Minutentakt. Kopfschüttelnd lege ich das Smartphone wieder auf den Nachttisch zurück, zufrieden, weil die sieben entgangenen Anrufe jetzt nicht mehr das erste sein werden, was Rune morgen sieht. Also kann es ihn auch nicht aus der Bahn werfen, denn das kann er nun wirklich nicht brauchen.
Als ich gehe, bin ich beruhigt und sicher, dass er morgen zumindest ausgeschlafen ist. Den Rest wird er schon schaffen.



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