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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
15 Reviews
 
 
02.07.2013 6.529
 
A/N: Danke an Silvana, Madrilena, Balalaika, Napoleon90, Pericoloso und Tracy89.





Kapitel 53 – Winterwunderland


Runes POV

Die Kaffeemaschine verstummt mit einem letzten widerspenstigen Fauchen und es wird für einen Augenblick so still, dass ich das Rauschen der Dusche aus der oberen Etage hören kann. Dann öffne ich die Spülmaschine, raffe das saubere Besteck zusammen und beginne, es in die passenden Schubladen einzusortieren.

Es geht mir deutlich besser als gestern und ich glaube, diese Beziehung auf Probe könnte ganz gut tun. Zumindest brauche ich mir in den nächsten Wochen wohl keine Gedanken mehr darüber machen, mit wem ich kuscheln könnte, wenn mir danach ist, schließlich kann ich nicht jeden Tag mal eben Markus besuchen. Das ist allein wegen der Entfernungen ja bisweilen ein Ding der Unmöglichkeit. Aber mit Heikki... Und im Nachhinein war’s wohl auch gar nicht so schlimm, dass mir die Worte fehlten, um ihm sein „Problem“ auszureden. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, Taten sprechen zu lassen. Jetzt kann er zumindest nicht mehr sagen, er hätte noch nie was mit einem Mann gehabt.

Beschwingt wende ich mich, nachdem das Besteck abgefertigt ist, dem restlichen Inhalt der Maschine zu, komme jedoch nicht dazu, überhaupt ein Teil herauszunehmen, weil mein Mobiltelefon sich meldet. Verwundert werfe ich einen Blick aufs Display. Tommi. Er hatte ja schon angekündigt, dass er sich noch in diesem Jahr entscheiden und melden würde, aber um diese Uhrzeit?

„Hei.“ Die gute Laune, die ich bis gerade eben noch hatte, klingt zwar noch durch, doch hat einen ordentlichen Dämpfer durch die Ungewissheit erhalten.

›Hei. Hätte ja nicht gedacht, dass du tatsächlich schon wach bist. Wie geht’s dir?‹

Was ist das bitte für eine Begrüßung?! Warum ruft er denn an, wenn er sich nicht sicher ist, ob ich schon aufgestanden bin?

„Ganz gut“, antworte ich jedoch nur, „Gestern war’s noch etwas unangenehm, weil Joakim hier war, als wir ankamen, und... naja...“

›Was ist passiert?‹

„Wir haben gestritten, zwar nicht so sehr wie in Brasilien, aber... aber es war trotzdem irgendwie intensiver. Ich meine, ich hab ihn weggeschickt. Das ist... das fühlt sich nicht so richtig an wie es sollte. Ja, es ist irgendwo richtig, nur es ist auch... Es ändert endgültig alles.“

›Geht es dir wirklich gut?‹

„Ja, tut es“, bestätige ich, „Heikki ist ja auch da.“

Tommi lacht leise: ›Dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen?‹

„Nein, brauchst du wirklich nicht.“

›Würdest du Heikki etwas von mir ausrichten?‹

„Klar.“ Ist ja nichts dabei und es wird schon nichts Privates sein oder sowas in der Art, wenn er mich darum bitten kann.

›Sag ihm, dass er sich sehr zu Herzen nehmen sollte, was ich ihm vorgestern noch gesagt habe.‹

„Okay, werd ich machen.“ Und Heikki bei der Gelegenheit gleich mal fragen, was das war.

›Danke.‹ Er räuspert sich kurz. ›Also, Rune, warum ich eigentlich anrufe: Wenn du willst, werde ich dein Physio.‹

Ehrlich? Meine Stimme zittert vor Euphorie. Sie überfällt mich aus dem Nichts heraus, katapultiert mich in ungeahnte emotionale Höhen. „Kein Witz?“

›Nein, das ist kein Witz, aber ich nehme an, das war ein Ja von deiner Seite?‹

„Ja, ja, ja, ja, ja und ja, verdammt“, wiederhole ich, kann mich nicht bändigen. Das ist so wunderbar! Das ist einfach großartig! Und ich hatte mich schon fast mit dem Gedanken, irgendjemandem von Lotus gestellt zu bekommen, abgefunden.  

Er lacht erneut: ›Das ist gut, sehr gut. Hast du eigentlich über einen Umzug nachgedacht?‹

„Ja, ich will auf jeden Fall umziehen, egal, wohin. Hauptsache, weg hier.“ Hauptsache, mein Vater hat keine Gelegenheit mehr, mir wehzutun.

›Hast du wirklich keine bestimmten Wünsche, was den Ort betrifft?‹

„Hm... England vielleicht, das ist zumindest das erste, was mir eingefallen ist, aber ich hab auch nicht viel drüber nachgedacht. Irgendwelche Vorschläge?“ Zum Nachdenken war bisher einfach keine Zeit und es stand ja nicht mal fest, ob Tommi zusagen würde und womöglich hätte ich mit einem Physio von Lotus auch keine Wahl mehr gehabt. Es hätte also auch gar nicht gelohnt, sich schon einen Kopf deswegen zu machen.

›Die Schweiz.‹

„Okay“, höre ich mich sagen. Da gibt’s Berge und im Winter auch Schnee, also ist das gar kein schlechter Vorschlag, denn ein Winter ohne Schnee ist doch kein richtiger Winter! Und daran hab ich natürlich nicht gedacht, als ich England in Erwägung gezogen habe. „Find ich gut. Wollen wir das ins Auge fassen?“

›Ja, gern. Dann also die Schweiz.‹

***


Ich war noch nie in der Schweiz, aber was soll’s? Irgendwann ist immer das erste Mal und es muss ein gutes Land zum Wohnen sein, wenn man sich mal überlegt, wie viele andere Fahrer dort leben. Das kann schließlich kein Zufall sein! Außerdem wird Claire es schon richten. Tommi hat gesagt, er würde sie selbst anrufen und alles Notwendige mit ihr klären und dann sehen wir uns schon übermorgen wieder. Zwar in England wegen der Vertragsunterzeichnung, aber das ist ja egal. Wir müssen uns beide mit dem neuen Team vertraut machen, also passt das schon.

Das Wasserrauschen der Dusche verstummt. Ist Heikki doch fertig geworden... Fast hätte ich begonnen, mich zu fragen, ob er versucht, sich zu ertränken, aber wahrscheinlicher ist wohl, dass er den Kopf frei kriegen musste. Würde mich zumindest nicht wundern. Ich lege das Mobiltelefon weg, dass ich seit dem Auflegen in den Händen hin und her gedreht habe, und stehe auf, um schon mal zwei Kaffeebecher aus dem Schrank zu nehmen. So wirklich lang haben wir nämlich nicht geschlafen und ich bin mir sicher, dass er sich freut, wenn der Kaffee schon so gut wie auf ihn wartet, sobald er in die Küche kommt. Ich öffne den Schrank und -

«Hola Freundchen!»

Die Tasse mit dem blaugrünen Karomuster rutscht mir durch die Finger, schlägt auf der Kante der Arbeitsfläche unter dem Schrank auf und zerspringt in mehrere Dutzend Scherben und Splitter.

«Was machst du denn hier?» Entsetzt starre ich Enrique an, der immer noch ein Barcelona-Trikot trägt, nun jedoch mit einer dicken grauen Strickjacke darüber. Die Sportschuhe sind ebenfalls grauen Filzpantoffeln gewichen, die Jeans einer Jogginghose. Der Anblick ist so merkwürdig, dass ich mich, nachdem der erste Schreck sich gelegt hat, zusammenreißen muss, um nicht zu lachen.

«Deinen letzten Termin mit mir vorverlegen», grollt er, was mich sicherheitshalber einen Schritt rückwärts machen lässt. Ist dieser verdammte Flaschengeist denn nie gut gelaunt?

«Warum das? Du hast doch gesagt, wir würden uns erst in ein paar Monaten wiedersehen», merke ich an. Ich erinnere mich genau an das, was er mir auf dem Flug nach England gesagt hat. Wie sollte ich auch nicht? Immerhin hat er mir da klipp und klar um die Ohren gehauen, dass ich ein Idiot bin, der erst redet und dann denkt und diese Suppe nun selbst auslöffeln muss.

Er schnaubt: «Weil du ja unbedingt alles schneller machen musst als andere. Hättest du mal früher sagen können, dass du vorhast, so fix Nägel mit Köpfen zu machen. Meine Fresse!»

«Es... es tut mir leid», stammle ich verwirrt. Diese ganze Sache mit den Wünschen muss eine verteufelt komplizierte Angelegenheit sein, die man als Außenstehender wohl nicht mal ansatzweise durchschauen kann.

«Ja, schön, davon krieg ich mein arbeitsfreies Silvester auch nicht zurück.» Er setzt sich auf die freie Fläche neben der Spüle, lässt die Füße baumeln. «Aber zum Glück bin ich dich nach heute endgültig los.»

«Hä?»

«Stell dich nicht dümmer als du bist!», faucht er mich an, fährt jedoch etwas weniger heftig fort, «Das hier ist keine Qualitätskontrolle mehr, nachdem du letztes Mal ja zu Protokoll gegeben hast, dass du soweit zufrieden bist. Und offensichtlich stimmt das ja. Du hast dich eingelebt und nicht alles ruiniert, also wird’s Zeit, das hier abzuschließen.»

«Wie jetzt abschließen?», will ich wissen. Ich dachte, das hätten wir mit dem Erfüllen meiner Wünsche längst hinter uns.

Enrique schüttelt kurz den Kopf. «Manchmal bist du erstaunlich schwer von Begriff. Du kannst doch nicht ernsthaft weiterhin mit Erinnerungen an mich und deine eigentliche Herkunft herumrennen. Wenn du das ausplauderst, dann ist die Kacke gewaltig am Dampfen und du würdest schneller bei ’nem Seelenklempner auf der Couch oder gleich in der Klapse landen als du Wunsch sagen kannst.»

«Aber ich hab doch gar nicht vor, dass irgendwem zu erzählen!», protestiere ich.

«Das hab ich ja auch nicht gesagt», hält Enrique beinahe spöttisch dagegen, «Man kann nur nie wissen, was noch kommt, also müssen da gewissen Vorkehrungen getroffen werden.»

Sein Tonfall gefällt mir ganz und gar nicht, lässt mich schon skeptisch die Stirn runzeln, bevor ich frage: «Was hast du vor?»

«Na, ist doch glasklar: Das Problem beseitigen, bevor’s eins werden kann.»

«Und wie?»

«Ey, wie hast du’s eigentlich mal an die Uni geschafft? Oder kannst du erst seit neuestem nicht weiter als bis zu deiner Nasenspitze denken? Das ist doch total logisch! Ich lasse dich alles vergessen, was mit mir, den Wünschen und deinem Leben davor zu tun hat. Du wirst dich nur noch an dein Leben hier erinnern können und für den Rest hast du ja die Tagebücher.»

Ich keuche perplex, ringe nach Atem. Das kann doch nicht sein Ernst sein! Das kann er nicht so meinen! Er kann mich doch Erik nicht einfach so vergessen lassen, das geht nicht! Das kann er nicht machen, wo er ihn mir doch schon einmal weggenommen hat. Er muss mir wenigstens die schönen Erinnerungen lassen! Ich will protestieren, aber bekomme kein ganzes Wort heraus, nur eine Reihe unschöner, halb geröchelter Laute.

«Jetzt hab dich nicht so.» Enrique schlägt mit der Faust neben sich auf die Spüle. «Es tut nicht weh und du wirst gar nicht merken, dass du das vergisst. Es wird einfach irgendwann weg sein und weil du dich nicht an mich erinnern kannst, wirst du auch gar nicht mehr wissen, dass du überhaupt was vergessen hast. Es besteht also gar kein Grund, sich so anzustellen.»

«Ich will das aber nicht! Ich will nicht vergessen!»

Er zuckt mit den Schultern: «Das ist mir doch egal, was du willst. Ich bin nur dafür verantwortlich, dass du hier keine Scheiße baust, indem du was ausplauderst, also liegt’s auch in meinem Ermessen – und zwar in meinem allein! – zu entscheiden, was dafür nötig ist. Und das Vergessen hat sich da mehr als bewährt. Wenn dir das nicht passt, dein Problem. Aber tröste dich, daran kannst du dich bald eh nicht mehr erinnern.»

«Das kannst du nicht machen», wende ich verzweifelt ein, «Du kannst mir nicht einfach meine Erinnerungen an Erik -»

«Ach komm, jetzt mach’s nicht unnötig kompliziert, Freundchen.» Er rutscht von der Arbeitsfläche, sodass er mir nun wieder gegenübersteht, und klopft mir auf die Schulter. «Du kannst eh nichts dagegen tun, also lass dich von deinem neuen Lover lieber mal ordentlich durchvögeln und dann, ehe du dich versiehst, ist’s auch schon über die Bühne und alles in Butter.»

Erneut sprachlos schnappe ich nach Luft. Das muss ein Scherz sein, ein unglaublich schlechter Scherz, den er sich da mit mir erlaubt. Das ist doch verrückt! Das ist - Noch während ich um Fassung und nach Worten ringe, sehe ich, wie Enrique süffisant grinsend mit den Fingern schnippt, bevor er sich vor meinen Augen in Luft auflöst.

„Ist alles in Ordnung?“

Heikkis leise Frage lässt mich zusammenzucken. Mit ihm habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Irgendwie dachte ich, er würde noch ein paar Minuten länger brauchen, bis er herunterkommen würde.

„Rune?“ Er kommt näher, streicht mir sanft über den Nacken. „Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Die Worte stecken mir noch immer im Hals fest, sodass ich mir nicht anders zu helfen weiß, als ihn zu umarmen, mich an ihm festzuhalten. Er ist wie ein Fels in der Brandung, sagt erst einmal auch nichts mehr, legt stattdessen die Arme um mich, drückt mich an sich und hält mich warm und fest. Minutenlang, bis mein Zittern aufhört. Erst dann fragt er leise erneut:

„Ist alles in Ordnung?“

Ich nicke, muss mich dann räuspern, um überhaupt wieder sprechen zu können: „Ja, ist alles gut. Tommi hat angerufen und er wird’s machen.“ Hoffentlich nimmt er mir das ab, schließlich kann ich ihm unmöglich von - Und ich möchte ihn eigentlich nicht schon heute damit überfallen, dass -

„Aber deswegen bist du sicher nicht so durch den Wind“, murmelt er an meinem Ohr, „Du scheinst dich nicht mal zu freuen.“

„Doch“, beharre ich leise.

„Rune!“ Der mahnende Unterton in seiner Stimme ist nicht zu überhören, bringt mich dazu, klein beizugeben:

„Heute ist Eriks Todestag.“

„Oh.“

„Schon gut“, flüstre ich, „Geht gleich wieder.“

Heikki seufzt. Ich spüre es mehr als dass ich es höre. Dann haucht er einen Kuss auf meine Schläfe und schweigt, lässt mich allerdings nicht los, bis ich die Umarmung von selbst löse. Und obwohl ich noch etwas nervös bin, fühle ich mich grundsätzlich wieder besser, habe jetzt auch ein Auge für die kaputte Tasse auf dem Fußboden.

„Das sollten wir vielleicht erst mal wegräumen“, merke ich an und bücke mich, um die größeren Scherben einzusammeln. Heikki tut es mir gleich.

„Ist wahrscheinlich besser“, ergänzt er und ich bin ihm dankbar dafür, dass er nicht weiter auf Erik und seinen Todestag eingeht. Ich wüsste nämlich nicht, was ich noch sagen, geschweige denn darauf reagieren sollte. Es ist auch so schon merkwürdig und schmerzhaft genug, obwohl mir wahrscheinlich nicht richtig bewusst geworden wäre, dass dieser Tag heute ist, wäre nicht - Wäre nicht was? Irgendetwas ist passiert, aber mir ist nicht ganz klar, was das war, was mich daran erinnert hat.

„Fuck!“ Heikki lässt die Scherbe wieder fallen, die er gerade aufgelesen hatte. Die roten Tüpfelchen darauf sprechen Bände.

„Ich hol ’n Pflaster“, sage ich leise, stehe auf und muss nur einen anderen der Hängeschränke öffnen, um das Genannte zu finden. Es ist einfach sicherer, wenn man sowas in der Küche immer in Reichweite hat. Man kann schließlich nie wissen, wann man es mal ganz dringend brauchen wird und da die meisten Unfälle bekanntlich im Haushalt passieren... Heikki hält mir seine Hand unaufgefordert hin und ich kann den Schnitt in seinem Zeigefinger mühelos unter dem Pflaster verschwinden lassen.

„Danke.“ Sein Lächeln lässt mein Herz höher schlagen. „Mit Scherben hab ich’s nicht so. Die scheinen sich echt gegen mich verschworen zu haben.“

„Dann lass mich das mal besser machen. Du brauchst deine Finger später noch, dafür kann ich garantieren.“ Ich habe zwar keine Ahnung, was uns nachher auf der Kartbahn erwartet, aber zwei gesunde und einsatzfähige Hände werden wir wohl beide dafür brauchen.

„Das ist jetzt aber keine anzügliche Andeutung gewesen, oder?“ Sein Schmunzeln straft seinen ernsten Tonfall Lügen und lässt mich erleichtert zurück. Wenn er damit scherzen kann, ist das ein gutes Zeichen, schätze ich.

„Ich würde doch niemals anzügliche Andeutungen machen, wo kämen wir denn hin?“, erwidere ich so ernst wie möglich.

„Wir kämen vermutlich gleich hier auf dem Fußboden“, gibt er zurück, „Sofern wir’s nicht auf die Couch schaffen.“

„Aber der Fußboden ließe sich besser wieder saubermachen als die Couch“, gebe ich zu bedenken. Es bringt ihn zum Lachen:

„Absolut. Nur erst mal müssen die Scherben weg, sonst wird das keine heiße Sache, nur eine blutige.“

„Und Blut hatten wir gestern schon genug. Du musst dir doch wie ein Vampir vorgekommen sein.“ Ich fand’s ja schon nicht sehr appetitlich mit dem Blutgeschmack im Mund, nachdem der Schorf ab war, und es war mein eigenes Blut! Wie muss es ihm dann erst gegangen sein?

„Vielleicht habe ich ja geheime, düstere Vorlieben und stehe auf Blood play.“

Verblüfft schnappe ich nach Luft. Das war jetzt so ziemlich das Letzte, womit ich als Erwiderung gerechnet habe. Schon gar nicht von Heikki, nicht nach gestern und nachdem er da noch so fürchterlich unsicher war. Ich kann nicht anders als zu fragen:

„Ernsthaft? Du stehst darauf?“

Zu meiner großen Erleichterung schüttelt er den Kopf: „Nein, tu ich nicht. Das ist mir nur zuerst eingefallen, als du den Vampir erwähnt hast.“

„Dann ist ja gut“, seufze ich und hebe die Scherbe auf, die er hat fallen lassen. „Das wäre auch echt ein bisschen eklig gewesen.“

„Sagt derjenige, der gestern seine Hand abgeleckt hat?“, neckt er und bringt mich dazu, die Unterlippe leicht vorzuschieben, als ob ich schmollen würde.

„Das war was ganz anderes.“

„Du bist unmöglich, Rune.“ Er beugt sich vor, streichelt kurz meine Wange – das Pflaster ist rau an meiner Haut – und küsst mich dann.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

„Tommi, hi!“ Ich habe nicht damit gerechnet, dass er sich noch in diesem Jahr melden würde. Stattdessen bin ich davon ausgegangen, erst wieder von ihm zu hören, wenn der Vertrag unterzeichnet ist.

›Hi Seb, geht’s dir heute besser?‹

„Hält sich die Waage“, antworte ich, „Wird wohl noch ein bisschen dauern, bis ich über die Trennung weg bin.“ Anscheinend hab ich ihm gestern doch ein wenig zu viel Kummer gemacht, wenn er sich jetzt genötigt sieht, wieder nachzufragen.

›Hast du mit Heikki darüber gesprochen?‹

„Ja, sein Mobiltelefon war zwar aus, aber dann hab ich eben Rune angerufen und der hat mich weitergereicht.“

›Das ist gut.‹

„Apropos Rune“, versuche ich, das Thema zu wechseln, „Hast du dich entschieden?“

›Ja, ich werd’s machen.‹

„Wow.“ Das sind immer noch gewaltige Neuigkeiten, obwohl er es gestern ja bereits mehr als angedeutet hatte. Aber so wie ich ihn kenne, hatte er da mit Heleena noch lange nicht jedes Detail durchgesprochen. Das haben sie vermutlich erst in den vergangenen Stunden getan. Wenn es um sorgfältige und durchdachte Planungen geht, dann kann man davon ausgehen, dass sie Weltmeister darin sind.

›Es wird zwar nicht ganz einfach werden, weil die neue Saison schon vor der Tür steht, aber ich denke, wir werden es hinkriegen, wenn die Umzüge erst mal über die Bühne gegangen sind.‹

„Wo geht’s denn hin?“

Er lacht leise: ›Was glaubst du denn?‹

„Keine Ahnung, aber es wird wohl nicht Finnland oder Schweden sein, oder?“ Ich habe eigentlich keine Lust auf ein Ratespielchen.

›Nein, es geht schon nach Europa.‹

„Sag jetzt nicht Schweiz.“ Das wäre ja fast zu schön, um wahr zu sein. Und wenn ich mir das so überlege... Manchmal kann es dauern, bis man ein passendes Haus oder eine passende Wohnung findet. Aber so viel Zeit haben sie eigentlich nicht mehr. Die Saisonvorbereitung muss laufen und dafür müssen Tommi und Rune ziemlich viel Zeit miteinander verbringen. Die Idee ist grandios! Dann wäre das Haus nicht länger so schrecklich leer.

›Doch, Schweiz ist richtig.‹

Nur mit Mühe kann ich einen Jubelschrei unterdrücken. Das ist endlich mal eine richtig gute Nachricht, ich hatte schon befürchtet, bis zur nächsten würde es auch bis zum neuen Jahr dauern.

„Wie wär’s denn dann, wenn du und Rune für die erste Zeit zu mir zieht?“, schlage ich vor. Da kann ich mich nun nicht mehr zügeln. „Nur so lange, bis ihr was eigenes habt. Das wäre doch praktisch.“

›Seb, das -‹

„Ach, komm schon, Tommi. Da ist doch nichts dabei und du weißt, dass das keine schlechte Idee ist.“

›Du hast deine eigene Vorbereitung, um die du dich kümmern musst. Du kannst dir eigentlich keine Ablenkung leisten.‹

„Du sagst es“, halte ich dagegen, „Eigentlich kann ich mir das nicht leisten. Aber ein bisschen Gesellschaft wäre auch nicht schlecht und -“

›Und jetzt wirst du jede Menge Argumente vorbringen, um mich davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist?‹

„Du kennst mich zu gut“, lache ich, denn genau das hatte ich vor. Angefangen damit, dass Rune und ich uns super verstehen. Tommi seufzt leise und ich kann fast sehen, wie er nun grübelt, Pro und Contra gegen einander abwägt.

›Okay, überredet‹, räumt er zu meiner Überraschung nach nur wenigen Sekunden ein, ›Mir hätte ja klar sein müssen, dass du mit so einer Idee um die Ecke kommst, wenn ich’s dir sage. Aber bevor ich dir hier irgendwas zusage, werde ich mit Rune darüber sprechen.‹

„Ja, klar, tu das.“ Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass Rune ablehnen wird. Nicht, wenn sich die Dinge so entwickeln, wie ich mir das vorstelle und bisher tun sie genau das. Zumindest entnehme ich das den Aussagen, die ich Heikki gestern abgerungen habe. Es muss schließlich etwas zu bedeuten haben, wenn sie im selben Bett schlafen. Und dazu noch Tommis Andeutungen... eindeutiger geht’s ja wohl kaum!

*** ~~~ ***


Runes POV

Wir haben’s tatsächlich pünktlich zur Kartbahn geschafft und wenn ich mir den Parkplatz so ansehe, dann sind wir sogar früh dran. Heißt im Umkehrschluss, dass wir noch wählen können, was wir machen wollen – und das ist nicht das schlechteste! Toiletten putzen wäre jetzt nämlich nichts, was ich unbedingt machen wollen würde. Da sind einige Kaugummis auf dem Fußboden festgetreten...
Eigentlich würde ich am liebsten Heikkis Hand halten, aber das ist in der Öffentlichkeit eine ziemlich dumme Idee und wir wollen beide nur ungern auf den Titelseiten diverser Zeitungen landen. Das wäre wohl zu viel für eine Beziehung auf Probe. Es würde uns ja regelrecht dazu zwingen, von jetzt auf gleich eine ernste Sache daraus zu machen, wenn wir nicht sehr konsequent getrennte Wege gehen wollen.

Trockene Heizungswärme und leicht abgestandene Luft schlägt uns entgegen, als wir das Gebäude betreten. In den letzten Tagen war scheinbar niemand hier, um mal zu lüften und die Bestätigung dafür gibt’s sofort, als ich die Tür zum Hauptraum öffne:

«Ah, Santtu, du kommst mir gerade recht! Mach mal ein paar Fenster auf.» Inger schaut nur kurz von den Unterlagen auf, in denen sie hinter der Empfangstheke gerade blättert, und mir fällt auf, dass ich Heikki vielleicht vorher hätte sagen sollen, dass sie mich hier bei meinem zweiten Vornamen nennen, weil es noch einen anderen Rune gibt – der keinen zweiten Vornamen hat – und Verwechslungen so ausgeschlossen sind.

„Hilfst du mir eben?“, wende ich mich an Heikki.

„Fenster aufmachen?“ Er legt den Kopf ein wenig schief.

„Du hast es verstanden?“

Er nickt: „Ein bisschen. Mein Schwedisch ist nicht so gut, aber manchmal reicht’s noch.“

„Ich befürchte, es wird wieder besser werden“, erwidere ich trocken und schlendre zur Fensterfront hinüber, um Ingers Aufforderung nachzukommen. Heikki folgt mir.

„Wenn du dafür sorgst, kann ich sehr gut damit leben.“ Sein Lächeln ist mehr als anzüglich und ich kann nicht anders, ich muss mich insgeheim über diesen Wandel wundern, während er ergänzt: „Du bist ein verflucht guter Lehrer.“

Verlegenheitsröte schießt mir in die Wangen. Wenn man von gestern Abend auf der Couch absieht, dann... Und ich nehme an, dass er genau darauf anspielt. Ein wenig unsicher räuspere ich mich, öffne dann ein weiteres Fenster. Verdammt, wenn ich vorher gewusst hätte, wie viel Selbstvertrauen es Heikki geben würde... Irgendwie tut es fast gut, als Inger in die entstandene Stille hinein fragt:

«Ich kann euch beiden nichts risikoreiches auftragen, oder?»

«Nö, was ganz langweiliges und ungefährliches wäre besser», räume ich ein. Selbst die kleinste Verletzung käme jetzt zur falschen Zeit, sowohl für mich als auch für Heikki. Er muss immerhin mit Sebastian trainieren. Da kann er sich das auch nicht leisten.

Sie nickt: «Gut, dann könnt ihr den Flur unten bei den Umkleiden neu streichen. Ich gehe ja nicht davon aus, dass ihr euch gegenseitig in der Farbe ertränken werdet.»

Ich werfe einen Blick zu Heikki, doch er lächelt nur, also gehe ich mal davon aus, dass es für ihn auch in Ordnung ist.

«Hatten wir eigentlich nicht geplant», pflichte ich ihr also bei.

«Zauberhaft. Dann könnt ihr auch gleich anfangen. Farbe und alles Weitere steht da drüben auf Tisch Nummer 5. Und du weißt dann ja, wo’s lang geht.»

*** ~~~ ***


Romains POV

-Romain, dein Handy hat geklingelt-, höre ich Marion aus der Küche rufen, gerade als ich den Staubsauger ausgeschaltet habe. Wäre ich nicht bis eben damit beschäftigt gewesen, das Wohnzimmer wieder in einen vorzeigbaren Zustand zu versetzen, hätte ich es wahrscheinlich mitgekriegt, aber so... Hoffentlich war’s nichts dringendes.

Nein, war es nicht. Als ich das grüne Licht blinken sehe, ist mir klar, dass es nur eine SMS gewesen ist und ich den Ton mal wieder nicht ausgestellt habe. Wäre auch etwas seltsam, wenn heute noch etwas eiliges kommen würde. Es ist Silvester und damit quasi der vorletzte freie Tag vor der neuen Saison. Der letzte wird morgen sein.
Ich rufe die Nachricht auf. Sie ist von Davide und lässt mich erstaunt zurück: Hast du schon gehört, wer das zweite Cockpit bekommt?

Sag nicht, dass du es bist, schreibe ich zurück, aber freue mir bereits ein Loch in den Bauch. Das wäre einfach super mit ihm als Stammpiloten. Wir würden mit Sicherheit eine Menge Spaß haben und er hätte es wirklich verdient, nachdem er letztes Jahr die GP2 gewonnen hat.

Es dauert keine Minute, bis er antwortet: Nein, ich bin es nicht. Rune Lindström hat den Zuschlag bekommen.

Das ist nicht dein Ernst, tippe ich eilig und klicke auf Senden.

Damit mache ich keine Witze, kommt’s zurück.

Ich muss schwer schlucken, dann lege ich das Handy beiseite, schüttle fassungslos den Kopf. Das kann doch nicht wahr sein! Aber Davide hat recht, damit würde er niemals scherzen und das weiß ich sehr gut. Nur warum ausgerechnet Lindström?! Sie hätten jeden nehmen können, warum ausgerechnet ihn? Es war doch sogar Hülkenberg auf dem Markt! Der wäre die eindeutig bessere Wahl gewesen! Also warum um Himmels Willen Lindström? Er ist gleich nach Kimi der letzte, mit dem ich etwas zu schaffen haben will. Ich will nicht mit jemandem im gleichen Team sein, der mit Kimi schläft. So werde ich damit doch nie endgültig abschließen können!

-Schlechte Nachrichten?- Marions besorgt klingende Frage reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich lasse die Schultern hängen. -Geht so. Ich hab gerade erfahren, wer das zweite Cockpit bekommt.-

Sie schmunzelt: -Ist er so schlimm?-

-Ja-, murre ich.

-Wer ist es denn?-

-Rune Lindström.-

-Und was ist so schlimm an ihm, dass du nun ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter machst?-

-Davide hätte das Cockpit bekommen sollen!-

-Er hätte es verdient, ja, aber du kannst auch nicht sagen, dass Lindströms Performance nicht beeindruckend war und wenn die Nachrichten der letzten Wochen stimmen, hat er noch ein paar gute Sponsoren an Land gezogen.-

-Nein.- Natürlich kann ich das nicht. Da müsste ich lügen. Für einen Testfahrer war seine Performance durchaus bemerkenswert, vor allem weil er obendrein noch Punkte geholt hat. Und in Kombination mit den richtigen Sponsoren... Sein Management hat zweifellos hervorragende Arbeit geleistet.

Marion küsst mich auf die Wange, ehe sie sagt: -Du bist mit Kimi zurechtgekommen, da schaffst du es locker mit einem anderen Skandinavier, Liebling. Lern ihn erst einmal kennen und wenn du danach mit ihm auf keinen grünen Zweig gekommen bist, kannst du dich immer noch ärgern.-

Seufzend gebe ich nach. Dem kann man auch nur schwer etwas entgegensetzen. Aber ich bin mir sehr sicher, dass ich mit Lindström niemals auf einen grünen Zweig kommen werde. Nicht, nachdem er mit Kimi...

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Irgendwie hatte ich mir unter ‚Aufräumen‘ eher so etwas wie Staub wischen vorgestellt. Damit, einen Flur zu streichen, habe ich jedenfalls nicht gerechnet. Aber es war allemal besser als die Spinnenweben unter der Decke entfernen zu müssen. Das muss Inger wohl mit ‚risikoreich‘ gemeint haben... Anfangs kam sie mir schon etwas seltsam vor, doch da hat der erste Eindruck getäuscht. Andererseits kann ich mir aber auch nicht vorstellen, dass Rune hätte helfen wollen, wenn die meisten Leute dort unfreundlich wären. Das passt irgendwie nicht zu ihm. Die hellgrauen Farbspritzer auf der Jeans schon eher. Dabei sollte ich ihn nicht so auffällig ansehen, ihm zusehen, wie er Auto fährt, nur kann ich nicht anders. Jetzt, wo ich ihn endlich habe, haben darf, will ich ihn um keinen Preis wieder hergeben.
Er biegt auf einen Parkplatz ab, einen völlig leeren Parkplatz fast am Ende einer Seitenstraße, und stellt schließlich den Motor aus.

„Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst“, sagt er leise, „Es wird auch nicht lang dauern.“

„Möchtest du mich überhaupt dabei haben?“, will ich anstelle einer Antwort wissen. Es ist ja nicht so, dass wir hier über so eine Kleinigkeit wie Brötchen holen sprechen würden!

Rune zuckt die Schultern, sichtbar unsicher: „Weiß nicht. Ich war seit der Beerdigung immer nur allein hier, also wär’s vielleicht ganz gut, das zu ändern. Ich meine, irgendwann muss das mal sein und jetzt ändern sich auch schon so viele andere Dinge, da kann das auch gleich gemacht werden.“

Ich nicke langsam. Ganz geheuer ist mir das nicht, nur kann ich jetzt schlecht kneifen.

Rune lächelt schwach, holt dann eine dieser Grabkerzen und ein Feuerzeug aus dem Handschuhfach, bevor wir aussteigen, unsere Jacken von der Rückbank nehmen und sie anziehen. Kerze und Feuerzeug landen in Runes Jackentaschen.
Der Parkplatz ist geräumt, der Hauptweg auf dem Friedhof ebenfalls, anderswo hat nur jemand ein paar Hand voll Streugut auf den Schnee geworfen, doch auf der festgetretenen weißen Decke ist es völlig ausreichend.

Und während ich zwischen all den Grabreihen längst die Orientierung verloren habe, weiß Rune genau, wo es langgeht. Nach einer Weile biegt er nach links ab, wir kommen an einer immergrünen Hecke vorbei und hinter ihr sieht es erst auf den zweiten Blick wie ein Friedhof aus – der erste zeigt nur ein unangetastetes Winterwunderland. Doch auf der Freifläche steht unregelmäßig verteilt ein gutes Dutzend Grabsteine. Halb so viele Laternen bringen die unberührte Schneedecke zum Glitzern und fast muss ich mich fragen, warum wir die einzigen sind, die heute herkommen. Aber vielleicht liegt es daran, weil es wie ein Sakrileg erscheint, die Unschuld und geisterhafte Schönheit dieses Ortes durch Fußspuren zu zerstören.
Wir haben kein Wort mehr gesagt, seit wir den Friedhof betreten haben. Er scheint unsere Fähigkeit zu sprechen verschluckt zu haben. Zumindest fühlt es sich für mich so an, als Rune an einem der Gräber schließlich stehenbleibt.

Im Laternenlicht wirkt der Grabstein grau unter seiner Schneehaube, grau und unscheinbar und doch schmerzhaft markant, als Rune die Hand ausstreckt und beginnt, den Schnee von den eingravierten Buchstaben herunter zu streichen.

Erik Arttu Lindström
18. 5. 1996 – 31. 12. 2004


Ich schlucke schwer. Wir sind also wirklich hier und ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war, mitzugehen. Trauer ist immerhin etwas sehr persönliches und Rune macht auf mich gerade einen sehr in Gedanken versunkenen Eindruck. Vielleicht hat er gestern Abend auch an seinen Bruder gedacht, als wir zusammen diesen seltsamen Film geschaut haben, bevor ich ihn angesprochen habe. Der Ausdruck auf seinem Gesicht könnte fast übereinstimmen.

Nachdem er die Schrift freigelegt hat, holt er die Kerze und das Feuerzeug aus der Jackentasche. Das Geräusch, das es macht, als er den Wachspapierdeckel vom Plastikgehäuse abreißt, scheint unnatürlich laut in der Dunkelheit und Stille widerzuhallen. Überhaupt kommt es mir so vor, als wäre hier draußen nur das wenigste wirklich. Im Licht von Feuerzeug und Kerzenflamme glaube ich, feuchte Spuren auf seinen Wangen zu erkennen, doch als ich die Hand ausstrecke – teils, um sie wegzuwischen und teils, um mich von ihrer Echtheit zu überzeugen –, fängt er meine Hand ab, verschränkt seine Finger mit meinen, bevor er sich bückt und die Kerze für einen Moment in den Schnee neben dem Grab stellt. Er braucht eine freie Hand, um den Deckel der leeren Laterne auf dem Grab zu öffnen, damit er die Kerze hineinstellen kann. Doch sie wirkt einsam, obwohl sie um ihre schützende eiserne und gläserne Hülle alles erhellt. Sie wirkt wie etwas, das verloren wurde und nun darauf wartet, gefunden zu werden. Vielleicht auch wie ein Leuchtturm, dessen Feuer einen sicheren Hafen verspricht.

Und wir stehen vor Eriks Grab, Hand in Hand, und schweigen.

*** ~~~ ***


Max’ POV

„Einen wunderschönen guten Abend!“ Ich kann nicht anders, als gute Laune zu haben. Warum auch immer. Aus irgendeinem unerfindlichen und unwichtigen Grund bin ich heute Morgen schon so aufgewacht und habe Chloé binnen weniger Minuten damit angesteckt. Bei Jules und vor allen Dingen übers Telefon scheint das nicht so leicht zu funktionieren.

›Hi. Sag mal, was hast du denn genommen?‹, erkundigt er sich nämlich postwendend, ›Oder weißt du’s etwa schon?‹

„Nein, was soll ich wissen?“

›Na, dass Rune das freie Lotus-Cockpit bekommt!‹

„Wer sagt das denn?“ Also davon habe ich nun wirklich noch gar nichts mitgekriegt und Rune hätte mir ja wohl gesagt, wenn sowas im Raum stünde! Er hätte ganz bestimmt... Oder nicht? Andererseits ist er ja im Urlaub, also vielleicht auch nicht? Nur kann ich mir das nicht so richtig vorstellen.

›Jean hat’s mir eben erzählt.‹

Ich schüttle leicht den Kopf und setze mich auf meinen Schreibtischstuhl. „Du weißt schon, dass ich das jetzt nicht so glaubwürdig finde? Ich meine nur, weil ein Toro Rosso-Pilot und Lotus-Verträge...“

›Lass mich doch fertig erzählen!‹, wirft Jules energisch ein, sodass ich mich gezwungen sehe, ihn gewähren zu lassen:

„Ja, sorry.“

›Gut, weil Jean hat es nämlich von Romain und der hat’s von Davide und der weiß es, weil Lotus ihm schon begründet abgesagt hat.‹

„Oh.“ Das ist... sind mal durchschlagende News und ich weiß nicht, wie ich es werten soll, dass Rune mir noch nichts davon erzählt hat. Er ist natürlich nicht dazu verpflichtet, aber ich dachte schon, dass wir... Nur ist er auch wirklich mit einem Kumpel unterwegs, da wäre es schon unhöflich, wenn wir noch mal so lange telefonieren würden und er kennt mich. Er weiß, dass ich ihn als Reaktion auf eine entsprechende Textnachricht ohne Federlesen anrufen würde.

›Aber, Max, ich dachte echt, du wüsstest das schon...‹

„Normalerweise weiß ich sowas ja auch!“, verteidige ich mich, komme mir im nächsten Moment jedoch total kindisch vor, „Aber es ist echt nicht so, dass ich Rune hinterher telefonieren würde! Das ist doch albern und außerdem ist er im Urlaub.“

›Ach nein? Darf ich dich dezent daran erinnern, dass du besorgter als jede Glucke warst, als er nach dem Brasilien-GP nicht sofort auf deine Nachrichten reagiert hat?‹

„Ja, ja, schon gut“, murre ich ab. Wehe, er fängt jetzt auch noch an, mich -

›Alles klar, Bambi.‹

Erstaunlicherweise versetzt es meiner guten Laune keinen Dämpfer, stattdessen erwidere ich trocken: „Du weißt, dass du auch einen Spitznamen aus dem Film bekommst, wenn du so weitermachst?“

›Na endlich!‹, kommt’s jedoch zurück, ›Und ich dachte schon, der Tag würde nie kommen. Klopfer ist so co- ‹

„Träum weiter, Blume.“

*** ~~~ ***


Runes POV

Es hat wieder angefangen zu schneien und ich kann mich nicht sattsehen, als wir wieder zuhause angekommen und aus dem Auto gestiegen sind. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich wieder das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist, dass ich angekommen bin, auch wenn wir bis jetzt geschwiegen haben. Doch scheinbar hatten wir beide kein Bedürfnis danach, etwas zu sagen, sonst hätten wir es getan, davon bin ich überzeugt.
Eigentlich könnte ich noch viel länger mitten auf dem Hof stehen und gen Himmel in das weiße Wirrwarr starren, leider sehen meine Füße, insbesondere die Zehen, das etwas anders und verlangen vehement nach wärmeren Gefilden. Nur was sollen wir mit dem angebrochenen Abend anfangen? Wir haben rein gar nichts für irgendwelche Silvestersachen vorbereitet, haben nicht einmal darüber gesprochen und jetzt habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Irgendwie bin ich nicht gerade ein Vorzeigegastgeber, nur interessiert mich das nicht nennenswert, solange wir Hand in Hand auf dem dunklen Hof stehen können. Ein Risiko ist es bei diesem Wetter kaum und sowieso werden die allermeisten Leute schon gemütlich irgendwo beisammen sitzen. Trotzdem lassen die Zehen mir letztendlich keine Wahl:

„Wollen wir mal reingehen?“

„Ja“, antwortet Heikki leise und es sind ja nur ein paar Schritte bis zur Haustür, bis in den warmen Flur. Nur ein paar Augenblicke, bis wir uns aus Jacken und Schuhen geschält haben, in der Küche vor der Kaffeemaschine stehen und warten, dass sie ihre Aufgabe beendet. Wenn es um Kaffee geht, dann ticken wir sehr ähnlich.
Plötzlich wendet Heikki sich ab und lässt die Jalousie herunter. Für einen Moment bin ich überrascht, doch nur, bis er mich in den Arm nimmt.

„Irgendwelche Vorschläge, was wir machen wollen?“, murmelt er an meinem Ohr.

Vorsichtig schüttle ich den Kopf: „Gar keine, was ist mit dir?“

„Auch keine.“

„Und jetzt?“, will ich wissen, „Oder wollen wir’s uns einfach gemütlich machen und’s damit gut sein lassen?“

„Das hört sich verlockend an. Vorher Sauna?“

„Auf jeden Fall.“ Silvester ohne Sauna... wie soll das bitte funktionieren? Und wir hatten ja auf der Rückfahrt vom Flughafen schon mal kurz mit dem Gedanken gespielt. „Aber ich kann nicht dafür garantieren, dass noch Birkenzweige da sind.“

„Macht nichts, aber ich hoff mal drauf, dass wir Glück haben.“

Ja, das hoffe ich auch. Das gehört doch einfach dazu. Nur leider kann ich mich im Augenblick nicht dran erinnern, ob noch welche da sind. Ich weiß, dass ich diesen Monat ein paar gebraucht habe, allerdings nicht mehr in der Woche vor Weihnachten und nach den Festtagen auch nicht. Es könnte also sein, dass meine Eltern den ohnehin reduzierten Vorrat aufgebraucht haben.

„Und wenn wir Glück haben...“, raunt er, „dann...“ Er schiebt eine Hand unter meinen Pullover, zupft vorsichtig an dem T-Shirt, das ich darunter trage, bis er die Hand auf meine nackte Haut legen kann.

„Was dann?“, will ich wissen und bekomme einen federleichten Klaps auf den Po, der prompt eine Reaktion von mir provoziert: „Kein Blood play, aber SM oder wie soll ich das jetzt verstehen?“

Er lacht leise, streichelt meinen Rücken sehr ausgiebig. „Nein, nicht, dass ich wüsste und nicht, wenn du nicht vorhast, etwas dran zu ändern.“

„Dann bin ich ja beruhigt.“

„Wobei wir auch gerne mal in der Sauna...“

„Na, erstmal müssten wir überhaupt mal oder willst du gleich so hoch einsteigen?“ Ein Problem hätte ich damit nicht, aber nach seiner gestrigen Unsicherheit glaube ich nicht, dass es eine gute Idee wäre.

„Nein, aber wir haben ja Zeit.“

Und bevor ich begreifen kann, was er tut, hat er das Gesicht an meiner Schulter vergraben – und es fühlt sich merkwürdig an. Sonst bin ich derjenige, der Halt und Schutz sucht, nicht derjenige, der es gibt. Es ist ungewohnt, doch irgendwie fühlt es sich auch gut an. Ein wenig so, als könnte ich das zurückgeben, was er mir in den letzten Tagen entgegengebracht hat und das wäre gar nicht mal schlecht. Vielleicht war es das, was gefehlt und meine Beziehungen bisher zum Scheitern verurteilt hat, diese seltsame Art von Ausgeglichenheit. Wir schweigen wieder, diesmal jedoch nur wenige Augenblicke, dann frage ich:

„Und nach der Sauna? Couch oder Bett?“

„Bett, aber nicht noch mal raus. Glaub mir, ich bin heilfroh, dass wir nicht mehr kochen müssen oder sowas.“

Ja, wir haben wirklich Glück gehabt, dass es ein paar Freiwillige gab, die ein Buffet auf die Beine gestellt haben. Klar, es war nichts außergewöhnliches, aber das ist auch nicht wichtig. Und wenn ich ehrlich bin, ich hatte den Flur auch etwas kürzer in Erinnerung und nicht damit gerechnet, dass wir fast fünf Stunden zum Streichen brauchen würden.

Trotzdem hake ich nach: „Du willst den Jahreswechsel verschlafen?“

„Nicht verschlafen“, widerspricht er, „Ich will ihn mit dir verkuscheln.“

„Verkuscheln?“ Was soll das denn für ein Wort sein?!

„Ja, verkuscheln. Du und ich im Bett und sonst nichts, naja, außer Kuscheln eben und was sonst noch so kommen will“, beharrt er.

„Okay, dann jetzt erst noch ein Kaffee, danach Sauna und dann ins Bett und den Jahreswechsel verkuscheln“, wiederhole ich. Eigentlich gar keine schlechte Idee, wenn ich mir das mal so durch den Kopf gehen lasse. Ich weiß genau, dass ich noch eine Packung Kondome mit Geschmack im Nachttisch habe...

Heikki küsst meinen Hals, hebt dann den Kopf und sieht mich wieder an. „Genau und dann kann das neue Jahr doch eigentlich gar nicht mehr so schlecht werden.“



ENDE



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