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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
02.07.2013 5.565
 
A/N: Danke an Madrilena, Silvana, ShadowOfTheDay (2x!), Pericoloso, gallardo nera, Lotte81, Balalaika, Napoleon90, Revolution97, anonym21 und Tracy89.






Kapitel 50 – Mit offenen Karten


Runes POV

Wir warten darauf, dass es draußen richtig hell wird, zumindest glaube ich das, denn das Wetter hat sich sichtlich gebessert seit gestern. Die Wolken sind verschwunden und man kann bereits sehen, dass es ein sonniger, aber sehr kalter Tag werden wird. Tommis Freundin Heleena hat sich aber schon vor einer Viertelstunde verabschiedet, um sich mit einer Bekannten zu treffen. Naja, ich finde es nicht so überraschend, wenn ich ehrlich bin. Für sie wäre das heute wohl nur ein langweiliger Tag gewesen, wäre sie hier geblieben. Zugegebenermaßen ist es für mich im Moment aber auch nicht besonders spannend, Tommi dabei zu beobachten, wie er meine Notizen, Trainings- und Ernährungspläne der letzten Wochen begutachtet, während Heikki verhalten über seiner Kaffeetasse gähnt. Es macht nicht den Eindruck, als hätte er letzte Nacht viel geschlafen – das tut mir leid.

„Also wenn man fünfundzwanzig bis vierzig Prozent des Trainingsplans ersatzlos streicht, den Rest und deinen Ernährungsplan komplett überarbeitet, dann wäre das ein Anfang.“ Tommi ordnet die Zettel und legt sie in den Notizblock zurück. „Aber sonst sieht’s so aus, als wäre alles in Ordnung.“

„Beruhigend...“, grummelt Heikki, ohne den Blick von seinem Kaffee zu nehmen.

Ich kann ihm da nicht zustimmen, nicht mal ein kleines bisschen, ich kann überhaupt nichts sagen. Ja, Heikki hatte schon angedeutet, dass mit den Plänen nicht alles in Ordnung ist, aber dass es... Tommis Urteil ist hart und es zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Zum Glück sind wir mit dem Frühstück schon fertig, denn jetzt bekäme ich keinen Bissen mehr herunter.

„Alles okay?“ Tommis Blick ist kritisch. Glaube ich.

„Sicher“, murmle ich und kann nicht anders, als die Schultern sinken zu lassen, „Mir war nur nicht klar, dass es doch so schlimm ist.“

Tommi schüttelt leicht den Kopf. „Die Pläne sind eine Katastrophe, Rune, der Rest – insbesondere deine Leistungen – sind in Anbetracht der Umstände gut und vorzeigbar. Verstehst du den Unterschied?

Nein. Tu ich nicht. Aber es hört sich so an, als müsste ich nicht vor Scham im Boden versinken und das ist nicht das schlechteste, also nicke ich einfach mal, um nicht wie ein Idiot dazustehen. Wird schon richtig sein und... Ja, ist richtig, denn Tommi lehnt sich sichtbar entspannter als noch vor ein paar Minuten zurück. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich muss unbedingt etwas gegen diese erneute Begriffsstutzigkeit tun. So kann das schließlich nicht weitergehen. Das ist nicht gut, das ist -

„Was ist eigentlich mit deinem Gesicht passiert?“

Irgendwie war klar, dass diese Frage fallen würde. Ich hab’s gewusst, seit Heikki mir gesagt hat, dass er die Flüge gebucht hat, aber jetzt kostet es mich Mühe, nicht zusammenzuzucken, nicht zu erschrecken. Mich stattdessen locker und entspannt zu geben und so zu tun, als wäre alles ganz harmlos:

„Ich hatte es ein bisschen eilig und hab ’ne Glastür übersehen.“

Tommi grinst leicht: „Wie hast du’s geschafft, dir dabei nicht die Nase zu brechen?“

„Hab wohl Glück geha- “ Mein Mobiltelefon meldet sich zum ersten Mal wieder zu Wort, seit ich es vorhin wieder eingeschaltet habe – und das keine Sekunde zu früh!

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

„Eine Tür also... das muss bestimmt wehgetan haben.“

Tommis Tonfall reißt mich aus meinen Überlegungen, was Runes Managerin ihm jetzt wohl mitteilen möchte. Langsam stelle ich die Tasse ab, sehe Tommi an.

„Mir hat er nichts von einer Tür erzählt“, sage ich dann, „Mir hat er gesagt, dass er im Bad ausgerutscht ist.“

„Hat er das wirklich?“, hakt Tommi nach.

Ich nicke: „Ja, hat er. Und es klang auch total plausibel – bis jetzt.“

„Gegen eine Glastür zu laufen klingt auch plausibel“, hält er dagegen, „Vorausgesetzt, es gibt keine anderen Ausreden.“

„Du hältst das wirklich für Ausreden? Könnte es nicht einfach sein, dass ihm die wahre Ursache total peinlich ist und er sich deswe- “

„Hältst du’s für ausgeschlossen, dass er geschlagen wurde?“

„Was?!“

Tommi lehnt sich vor, stützt sich mit den Ellenbogen auf der Tischplatte auf und spricht plötzlich deutlich leiser: „Erinnerst du dich an Jari?“

„Jari wer?“ Keinen Schimmer, wen er meint.

„Jari Yliriesto aus Turku. Komm schon, du weißt, von wem ich spreche. Du musst dich doch dran erinnern, dass er dich vor ein paar Jahren hier auf dem See ausgeknockt hat, als wir -“

„Oh Fuck! Stopp, ja, ich erinnere mich“, unterbreche ich ihn eilig. Wie konnte ich das denn vergessen?! Die Platzwunde am Hinterkopf war schließlich alles andere als ohne und es war keine so lustige Autofahrt von hier bis zum nächstgelegenen Ärztezentrum, um das nähen zu lassen. „Und du brauchst das echt nicht weiter auszuführen.“

„Gut, die Blutflecken sind nämlich auch nicht mehr aus den Autositz rausgegangen“, erwidert er trocken, „Aber zurück zum Thema: Jari arbeitet in Turku in einem Fitnessstudio und vor zweieinhalb Jahren haben die da jemanden wegen unzulässiger Trainingsmethoden gefeuert. Einen Schweden, um genau zu sein. Einen Schweden namens Joakim Ahlgren.“

„Was? Das kann nicht - Das -“ Hilflos schüttle ich den Kopf. Das ist doch Quatsch! Doch Tommi fährt gnadenlos nüchtern fort:

„Lass mich ausreden, Heikki. Die Geschichte geht noch weiter. Angefangen hat’s damit, dass einer der Klienten, die Ahlgren betreut hat, im Studio zusammengeklappt ist und hinterher einen anderen Trainer wollte und irgendwie ist die Wahl auf Jari gefallen. Und der hat so wiederum einen der Trainingspläne in die Finger bekommen, die Ahlgren für diesen Klienten erstellt hatte, und dieser Plan sah Runes sehr, sehr ähnlich.“

Für einen Augenblick schweigt er, scheint zu lauschen, und ich verstehe, warum er das tut. Es wäre weder gut noch klug, es Rune hören zu lassen, zumindest noch nicht jetzt. Wir wissen schließlich nicht, ob er von der Vergangenheit seines Physios weiß, und ihn von jetzt auf gleich damit zu konfrontieren... Nein, das ist alles andere als eine schlaue Idee. Aber als es still bleibt, spricht er leise weiter:

„Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Der springende Punkt ist, dass Ahlgren gewalttätig geworden ist, als Jari ihn auf den Plan und die damit verbundenen Risiken angesprochen und ihm gesagt hat, dass er das melden wird und muss, bevor noch weitere Kunden zu Schaden kommen. Ich wusste das bis gestern auch nicht, aber es war Ahlgren, der Jari die Nase gebrochen hat...“

Ich schnappe nach Luft. Fassungslos. Sprachlos.

„... Jari hat ihn angezeigt, doch das Verfahren wurde recht schnell eingestellt, gegen die Zahlung einer beträchtlichen Summe plus Schmerzensgeld. Einer Summe, die Ahlgren allein nicht hätte aufbringen können, weil er damals nicht kreditwürdig war. Es war bei der gesamten Belegschaft rund, dass er noch einen Berg an Schulden wegen seines Studiums hatte. Das Geld kam von einem reichen schwedischen Geschäftsmann. Jari hat den Kontoauszug extra noch rausgesucht und dreimal darfst du jetzt raten, wie dieser Geschäftsmann heißt.“

„Lindström“, hauche ich.

Tommi nickt langsam. Meine Gedanken überschlagen sich. Wie kann ein Vater so jemanden wie Ahlgren denn nur einstellen, um seinen Sohn zu trainieren?! Und jetzt macht das alles auch Sinn!

„Glaubst du, Ahlgren hat ihn geschlagen?“

Tommi zögert für eine Sekunde, bevor er antwortet: „Möglich wär’s, ich würd’s auf jeden Fall nicht ausschließen und für Rune wär’s einfach, zu behaupten, er hätte ihn in der ganzen Zeit nicht gesehen. Seine Eltern sind nicht da, er ist Single, wer außer ihm und Ahlgren hätte denn davon erfahren, wenn du dich nicht verfahren hättest und der Wagen dann nicht obendrein noch kaputt gegangen wäre?“

„Und was machen wir jetzt?“, will ich wissen. Wenn das wirklich stimmt, dann...

„Das einzige, was wir tun können, Heikki. Versuchen, die Wahrheit rauszufinden. Was sonst?“

*** ~~~ ***


Runes POV

Das Leben ist wunderbar, wunderschön, großartig, atemberaubend – ich kann’s gar nicht fassen! Claire hat’s wirklich geschafft und das quasi auf den letzten Drücker! Ich hab ein Cockpit für die nächste Saison. Ich werde Stammfahrer sein, kein Ersatz! Und da ist es scheißegal, dass die Sponsoren, die ich mitbringen werde, wohl zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dazu beigetragen haben, dass ich den Zuschlag letztendlich bekommen habe. Aber Sponsoren sind oft auch nur eine Frage der Qualität des Managers und ich bin in diesem Moment überglücklich über und dankbar für Claires Engagement. Sie hätte sich zwischen den Jahren auch einfach freinehmen und die Füße hochlegen können. Doch stattdessen hat sie die Verhandlungen weiter und zu einem Ende geführt. Und ich krieg das Lächeln nicht weg, als ich zurück in die Küche komme. So gut, so euphorisch hab ich mich schon seit Wochen nicht mehr gefühlt!

„Gute Neuigkeiten?“, fragt Tommi schneller als ich etwas sagen kann.

„Ich hab einen Stammplatz für nächste Saison.“ Das Lächeln geht nicht weg, wird nur breiter. Ich freue mich nicht nur, nein, ich bin euphorisch, als ich mich wieder hinsetze.

„Wo?“, kommt’s fast augenblicklich von Heikki.

„Bei Lotus.“

Heikkis Blick wird ein klein wenig skeptisch. „Du meinst wirklich Lotus, also das Team Lotus, das mal Renault war, und nicht Caterham, das mal Lotus hieß?“

„Ja, wirklich bei Lotus“, bestätige ich. Die Nachfrage kann ich ihm nicht mal übelnehmen, es ist viel zu gut, um es einfach so sofort glauben zu können. Claire musste mir ja auch viermal sagen, dass es kein Traum ist.

Es ist Tommi, der mich mit einer einzigen Frage schlagartig auf den Boden zurückholt: „Wann unterschreibst du den Vertrag?“

„Nächsten Freitag.“

„Und es besteht nicht die Gefahr, dass sie sich in der Zwischenzeit noch mit einem anderen, günstigeren Fahrer einigen?“

Ich schüttle den Kopf: „Es gibt ’nen entsprechenden Vorvertrag, der das ausschließt.“

„Na, wenn das so ist... Glückwunsch.“

„Danke“, murmle ich. Er bringt mich etwas in Verlegenheit damit, denn eigentlich hab ich in der ganzen Vertragsverhandlungsangelegenheit ja gar nichts geleistet, abgesehen von meiner Performance auf der Strecke und dem handzahmen Verhalten, wenn’s um Sponsoren ging. Aber das war’s dann auch schon wieder und jetzt muss ich den Vertrag nur noch unterschreiben und das ist keine so große Angelegenheit, wenn man bedenkt, welcher Aufwand betrieben wurde, um bis zu diesem Punkt zu kommen. Es wird eine Rechtsbelehrung geben, von der ich mehr als die Hälfte sowieso weder verstehen, geschweige denn behalten werde, dann muss man ein paar Papiere unterschreiben, alle in mehrfacher Ausfertigung, anschließend ein paar Hände schütteln und fertig. Ziemlich unspektakulär, man macht nur in der Presse ein riesiges Event daraus.

„Welchen Einfluss hat das auf deine Optionen für die Wahl eines Physios?“, hakt Tommi dann nach.

„Fast keinen“, räume ich ein, „Naja, wenn man davon absieht, dass es bis spätestens Donnerstag eine Entscheidung geben muss. Ansonsten stellt Lotus den Physio für die Saison.“

„Aber du wirst dich auf jeden Fall von Ahlgren trennen?“

„Werde ich. Das kann so nicht weitergehen, das funktioniert nicht. Ich weiß zumindest nicht, wie das jetzt noch funktionieren sollte“, erwidere ich leise. Ich kann  niemandem vertrauen, der mich so im Stich gelassen hat wie Joakim. Woher soll ich denn wissen, dass er das kein zweites Mal macht? Oder mich anderweitig hängen lässt?

Tommi nickt langsam. Klar, für ihn ist das jetzt sicher auch nicht leicht. Auf den Kopf gefallen bin ich ja nicht. Es ist nicht so, dass es hier für ihn um eine Kleinigkeit gehen würde. Es geht nicht nur um meine Zukunft, es geht vor allen Dingen um seine. Und im Gegensatz zu mir hat er eine Partnerin, auf die er Rücksicht nehmen muss und wird. Vielleicht war es doch keine so gute Idee herzukommen... Vielleicht hätte ich es Heikki von vornherein ausreden sollen, seinen Bekanntenkreis abzutelefonieren. Dieser Physio, den Lotus stellen würde, weiß bestimmt auch, was er tut, und wir würden uns schon miteinander arrangieren. Irgendwie. Hoffe ich zumindest.

„Wie ist das noch mal mit der Tür passiert?“

„Was?“ Mit der Frage hat er mich nun wirklich aus dem Konzept gebracht.

„Die Glastür, die du erwischt hast“, hilft Tommi mir auf die Sprünge, „Wie genau ist das passiert?“

„Ich bin einfach dagegen gelaufen.“

„Ist eine Tür aus Glas für eine Badezimmertür nicht etwas zu durchsichtig?“

„Was? Nein, die Badezimmertür ist gar nicht aus Gla- “ Scheiße! Jetzt ist es doch passiert. Jetzt ist das passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Ich hab mich verplappert. Auf einmal ist die Freude über das neue Cockpit wie weggeblasen, wurde verdrängt von Angst und Fassungslosigkeit. Was mache ich denn jetzt? Wie kriege ich das wieder hin? Ich kann doch nicht einfach... Ich kann nicht...

„Du weißt, dass gegen eine Tür zu laufen eine beliebte Ausrede von Opfern häuslicher Gewalt ist? Genauso wie das Stolpern oder Laufen gegen andere Möbelstücke und das Herunterfallen von Treppen.“ Tommi spricht ruhig, geradezu gelassen, aber mich beruhigt das kein Stück. Ganz im Gegenteil. Es verursacht nur Panik und ich muss den Drang niederkämpfen, nicht einfach aufzuspringen und wegzulaufen. Und es ginge nicht mal mehr, als Heikki plötzlich den Arm um meine Schultern legt, mich so quasi auf dem Stuhl festhält.

„Und jetzt Klartext, Rune“, fährt Tommi unterdessen fort, sieht mir dabei in die Augen, „Was ist wirklich passiert?“

Er spricht nicht aus, dass ich gelogen habe, nicht wortwörtlich zumindest. Trotzdem fühlt es sich so nicht mehr ganz so schrecklich an, wie ich mir vorgestellt habe, dass es sich anfühlen würde, sollte es auffliegen. Aber ich zittere plötzlich von Kopf bis Fuß. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Und niemand sagt was! Niemand! Das Schweigen wird immer unangenehmer, bis...

„Mein Vater war’s. Er hat mich geschlagen.

Jetzt ist es raus und – das Schweigen ist immer noch da. Es ist immer noch unangenehm, drückend, belastend. Da hilft es wenig, dass Heikki mich dichter zu sich zieht, mir scheinbar beruhigend über den Rücken streicht. Ich kann weiterhin nur Tommi anstarren und versuchen, irgendeinen Hinweis auf irgendeine Reaktion seinerseits zu erhaschen. Aber ich kann nichts erkennen, absolut rein gar nichts. Nur Panik bei mir. Und die Antwort, die ich gegeben habe, die unsichtbar über dem Tisch von der Lampe baumelt und mich lautlos auszulachen scheint.

„War es das erste Mal?“, fragt Tommi weiter.

Diesmal ist nicht mehr als ein zaghaftes Kopfschütteln als Antwort drin. Noch ein Wort und – da bin ich sicher – ich muss mich übergeben. Erneutes Schweigen, bis Heikki es bricht:

„Können wir’s dabei belassen?“

Die Worte sind unmissverständlich an Tommi gerichtet, doch scheint ihn Heikkis harscher Tonfall kaum zu kümmern. Er geht ja nicht mal darauf ein, tut gerade so, als hätte Heikki nichts gesagt.

„Verstehst du, warum ich dich das fragen muss?“, erkundigt er sich bei mir.

„Weil ich nicht lügen soll?“ Keine Ahnung, aber eine bösere Absicht als Neugier kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen und Neugier ist etwas so normales, dass sie es nicht wert ist, sich über sie aufzuregen.

„Nein, obwohl’s mir natürlich lieber wäre, wenn wir gleich von Anfang an mit offenen Karten spielen würden, aber das ist jetzt nicht Thema“, erwidert er ruhig, „Nehmen wir einmal an, ich wäre dein Physio, Rune, und es passiert, was auch immer passieren muss, damit dein Vater dich schlägt. Wie du das dann ganz privat handhabst, das ist deine Sache. Da will ich dir auch gar nicht reinreden, aber sobald es das Training auch nur minimal beeinflussen könnte, muss ich das alles wissen. Deine Karriere hängt davon ab und das solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

„Es ist nicht so, dass ich will, dass das passiert“, murre ich leise.

„Warum tust du dann nichts dagegen?“

„Was soll ich denn tun?“, will ich im Gegenzug wissen, „Ich kann doch nicht meinen Vater anzeigen! Die Presse würde -“

„Die Presse würde es vielleicht gar nicht mitkriegen. Dein Vater kann sich selbst um seine Angelegenheiten kümmern und du brauchst kein Statement abzugeben, wenn du das nicht willst. Doch davon abgesehen, Rune, gibt es auch noch andere Möglichkeiten, dem ein Ende zu setzen. Es würde schon ausreichen, wenn du umziehst, meinst du nicht?“

In der ersten Sekunde will ich protestieren, bringe jedoch keinen Ton heraus und dann geht mir auf, dass Tommi recht hat. Wenn ich ausziehe, dann kann ich selbst entscheiden, mit wem ich wann und für wie lange Zeit auf engem Raum verbringe. Wenn ich ausziehe, kann ich ein Zuhause haben, einen Ort, der nicht wie frisch aus dem Katalog gesprungen aussieht. Und ich könnte Bilder aufhängen – auch Fotos von Erik –, müsste nicht in den Keller gehen, wenn ich mich erinnern und darin schwelgen möchte. Und ich kann mir bestimmt frei aussuchen, wohin ich ziehen möchte. Vielleicht in Max’ Nähe... Das hätte was. Ich könnte frei sein. Alles, was ich tun muss, ist mich entschließen und Claire anrufen.

„Ich glaube, ich mag dieses Offene-Karten-Konzept“, ist schließlich alles, was ich dazu sage. Das hat mir echt die Augen geöffnet! Teufel noch eins, ich bin zweiundzwanzig, andere Leute ziehen schon mit sechzehn bei den Eltern aus und kriegen es auf die Reihe, obwohl sie noch zur Schule gehen. Da werde ich das erst recht schaffen, immerhin bin ich älter, die meiste Zeit eh schon mehr oder weniger auf mich gestellt und berufstätig.

Tommi schmunzelt.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Okay, nicht meine beste Idee, Kimi anzurufen, aber Heikkis Handy ist aus und ich vermute, er hat wohl doch gerade eine schöne Zeit mit Liisa. Kann’s ihm auch nicht verdenken. Nicht nach all dem, was er die letzten Monate über durchgemacht hat, obwohl ich gerade deswegen  nicht verstehe, warum er sich und ihr noch mal eine Chance gibt. Nur ich muss dringend mit jemandem reden, vorzugsweise mit jemandem, der von Jenson und mir weiß...

›Wenn du jetzt Mitleid möchtest, Seb, dann bist du bei mir an der falschen Adresse.‹

Ach was? Da wäre ich allein nicht drauf gekommen. Es ist ja nun nicht so, als würde ich Kimi erst seit gestern kennen. Obwohl ich irgendwie schon gehofft habe, dass er ein Einsehen mit mir haben würde.

„Weiß ich“, murmle ich nur. Aber ich weiß nicht, was ich jetzt noch sagen soll. Ich glaube, ich stecke ziemlich tief in der -

›Jetzt steht dir die Scheiße bis zum Hals und das hast du dir selbst zuzuschreiben‹, fährt Kimi fort, ›Es ist eine Sache, wenn man  jemandem sagt, dass man ihn betrügt, aber eine ganz andere Nummer, wenn der Betrogene es selbst und durch einen dummen Zufall rausfindet.‹

„Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach tun?“

Wenn er die Situation schon so glasklar analysiert, dann hat er doch bestimmt auch einen guten oder wenigstens gutgemeinten Rat für mich. Oder irgendeine finnische Lebensweisheit, ein Sprichwort oder - Ich bin schon blöd. Eigentlich hätte ich auch Tommi anrufen können. Gut, der hätte nicht vom Verhältnis mit Jenson gewusst und ich will ihm das, wenn ich ehrlich bin, auch wirklich nicht erzählen, weil ich genau weiß, dass ihm das noch weniger gefallen würde als Kimi, aber...

›Das hängt davon ab, ob du sie zurück oder deine Affäre mit Jenson behalten willst‹, erwidert er trocken.

„Äh...“ Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht und entsprechend unvorbereitet trifft mich das jetzt. „Naja... ich... also...“

›Ja, wenn du weißt, was du willst, kann ich dir auch was dazu sagen. Bis dahin musst du schon allein damit zurechtkommen. Aber ich werde dir nicht dabei helfen, dich zu entscheiden. Das ist deine Sache.‹

„Na schönen Dank auch“, murre ich und wechsle dann das Thema, denn an dieser Front werde ich heute ganz bestimmt keinen Blumentopf mehr gewinnen, egal, wie viel Mühe ich mir geben würde. Gegen Kimis Sturheit ist kein Kraut gewachsen, wenn er nicht freiwillig nachgeben will. „Wie lange bleibst du eigentlich noch in Finnland?“

›Etwa ’ne Woche.‹

„Wir könnten dann mal wieder was unternehmen“, schlage ich vor. Klar, dann ist es zwar schon wieder schwierig mit unseren Terminkalendern, aber da muss irgendwas zu machen und irgendwie zu drehen sein. Mit Kimis Operation und meinen Terminen nach dem letzten Rennen war da schon nichts mehr zu machen – und das nervt, ist einfach immer frustrierend.

›Badminton?‹

„Geht das denn schon wieder?“

›Wenn ich fahren kann, können wir auch Badminton spielen und du hättest vielleicht mal ’ne Chance.‹

„Okay, machen wir das“, willige ich ein. Damit hat er mich natürlich, damit hat er mich immer und ich kann nichts dagegen tun. Da steht mir mein eigener Ehrgeiz etwas im Weg. Und die Aussicht darauf wird mich hoffentlich auf andere Gedanken bringen, zumindest über Silvester, denn da weiß ich jetzt auch nicht mehr, was ich machen soll. Eigentlich wollte ich ja mit Hanna und ein paar Freunden... Naja, das hat sich nun ja erledigt.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Angst haben soll oder nicht, doch irgendwie ist die Aussicht, gleich mit zwei Eishockeyspielern aufs Eis zu gehen, unheimlich. Und dann ist es ja nicht mal in einer Halle sondern auf dem See hinterm Haus. Frost hat es hier ja schon seit Wochen und bis vor einer halben Stunde war mir auch wirklich nicht klar, wie weit im Nordosten wir hier sind. Aber nun gut, es gibt jedenfalls kein Zurück mehr, wie es scheint. Immerhin haben wir uns schon wärmere Sachen angezogen, Jacken und Schuhe sind bereit, auch wenn wir noch im Flur stehen. Heikki und Tommi nehmen gerade den Inhalt eines alten Wäschekorbs in Augenschein: mehrere Paar Schlittschuhe – ich will gar nicht wissen, wie die sich im Laufe der Zeit hier angesam-

„Fuck, hier sind die! Und ich hab die schon immer gesucht!“ Heikkis Ausruf lässt mich zusammenzucken und nicht minder blöd aus der Wäsche schauen, als er sich triumphierend mit einem paar schwarzer Schlittschuhe aufrichtet. Es ist mir schleierhaft, was an denen einen Wiedererkennungswert haben soll. Für mich sehen die Dinger nicht viel anders aus als der Rest im Korb. Wahrscheinlich könnte ich sie nicht mal in passende Paare sortieren.

Tommi hingegen zuckt nur die Achseln: „Tja, ich wusste, du würdest sie hier noch mal brauchen.“ Er sucht ein weiteres Paar aus dem Korb und gibt es mir. „Die passen schon“, sagt er. Mein skeptischer Blick ist ihm da wohl eher nicht verborgen geblieben. Allerdings kümmert er sich nicht weiter darum, Heikki auch nicht. Der hat seine Schlittschuhe inzwischen zur Seite gestellt, reicht mir meine Jacke. Mir ist ein bisschen schlecht, glaube ich. Da ist verdammt noch mal Wasser unter dem Eis! Geheuer ist mir das nicht. Irgendwie wäre es sicher einfacher gewesen, sich in einer Halle lächerlich zu machen als das hier auszuprobieren.

Draußen ist es arschkalt. Die Sonne am wolkenlosen Himmel macht keinen nennenswerten Unterschied bei zwölf Grad Frost. Und der Weg, der wohl mal runter zum See und zum Steg geführt hat, ist nicht auszumachen, sodass wir uns einen neuen durch den Schnee bahnen müssen. Tommi geht vorweg, Heikki neben mir und auch das ist seltsam. Bei Joakim hat’s mich vor noch gar nicht langer Zeit gestört, dass er mich überall hin begleitet hat und begleiten wollte. Da hab ich mich eingeengt gefühlt, doch jetzt ist mir so viel Nähe recht. Jetzt fühle ich mich wohl und sicher und obwohl ich Angst habe, glaube ich, dass mir nichts schlimmes passieren wird.
Der Schnee wird knietief, als wir uns dem Ufer nähern und direkt vor dem Steg geht’s mitten durch eine Schneewehe. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal bis über die Knie im Schnee gesteckt habe, aber da muss man wohl durch. Aber jetzt ist mir wenigstens klar, weshalb Heikki darauf bestanden hat, dass ich fast wie für einen Skiurlaub packe. Mit einer normalen Jeans käme man hier nicht weit. Da könnte man höchstens einen neuen Weltrekord im Festfrieren aufstellen – und das will keiner.

Am Ende des Stegs liegt der Schnee nicht mehr als knöchelhoch und es wird noch weniger, als wir uns dort nebeneinander auf der mitgebrachten dicken Decke niederlassen. Das ist besser als sich in den Schnee zu setzen, vor allem, weil es einen Moment dauert, die Schlittschuhe anzuziehen. Bei mir deutlich länger als bei Heikki und Tommi, denn im Gegensatz zu mir artet es bei ihnen nicht in einen Kampf mit den Schnürbändern aus. Doch vielleicht entspringt der bloß meiner Angst vor dem Eis. Es war mir ja schon immer ein Rätsel, wie man auf zwei so dünnen Metallstücken stehen und vorwärtskommen kann. Und ich hatte an den Tagen, an denen Klassenausflüge zum Eislaufen anstanden, nicht grundlos Fieber... Nur gibt es hier und jetzt kein Zurück mehr.
Heikki steht auf und bei ihm sieht es kinderleicht aus, als ob überhaupt keine große Anstrengung oder Bewegung nötig sei, um auf Kufen von A nach B zu kommen. Tommi tut es ihm nur Augenblicke später nicht minder elegant gleich, sodass ich unschlüssig und allein auf dem Steg sitzenbleibe, die Kufen nur Zentimeter über dem Eis. Eigentlich habe ich ja keine Wahl, aber...

„Es beißt nicht.“ Tommi steht nur zwei, drei Meter entfernt und wartet unverkennbar auf mich, während Heikki etwas weiter weg zu prüfen scheint, ob die Schlittschuhe während der Zeit im Wäschekorb ihre Qualität eingebüßt haben.

„Hoffentlich“, murmle ich, rutsche so weit vor, dass die Kufen das Eis berühren. Jetzt ist mir schlecht.

„Komm schon, Rune“, ruft Heikki, „Es kann gar nichts passieren.“

Tommi sieht sich nach ihm um und reagiert an meiner Stelle: „Sei du still dahinten und hör auf, die Ballerina zu geben.“

Heikki erwidert etwas, das ich nicht verstehe, weil ich den unbeobachteten Moment nutze, um tatsächlich aufzustehen. Neues ist leichter – bilde ich mir zumindest ein –, wenn einem niemand dabei zusieht. Und die ersten paar Schritte gehen gut, doch dann... Dann tut’s erst weh, bevor’s am Rücken kalt wird und ich einen Panoramablick auf den Winterhimmel erhasche.

„Ganz nett für den ersten Versuch“, bemerkt Tommi plötzlich neben mir hörbar amüsiert und hält mir eine Hand hin, „Aber jetzt kommst du wieder hoch, ja?“

„Muss ich wohl, wenn ich nicht festfrieren will“, gebe ich zurück. Er grinst und nickt, als ich seine Hand nehme und er mir wieder auf die Beine hilft. Keine Ahnung, wie er das schafft, ohne dabei das Gleichgewicht auf dem glatten Untergrund zu verlieren. Als er mir den Schnee von der Jacke klopf, sagt er leise:

„Ein bisschen mehr wie Inlineskating und weniger wie Rollschuhlaufen.“

„Rollschuhlaufen?“, hake ich irritiert nach, bleibe aber stehen, als Tommi mich loslässt. Doch ich mache erst mal auch keine Anstalten, mich von der Stelle zu bewegen und womöglich gleich den nächsten Sturzflug hinzulegen.

„Du hattest schon keine mehr?“

Ich schüttle den Kopf: Nein, nur Inlineskates.“

„Auch gut. Dann versuch es einfach wie beim Inlineskating. Der Unterschied ist gar nicht so groß.“

„Okay.“ Irgendwie traue ich dem ja nicht recht über den Weg, andererseits stehe ich gerade recht gut und sicher mitten auf dem Eis herum und dasselbe würde ich mit Inlineskates auf der Straße auch schaffen. Also vielleicht...
Heikki ist in ein paar Metern Entfernung stehengeblieben, hat die Hände in die Jackentaschen geschoben und beobachtet uns. Ich könnte vielleicht bis zu ihm...

„Versuch es einfach“, wiederholt Tommi leise.

*** ~~~ ***


Sergios POV

Eigentlich sollte ich mich freuen. Ich sollte fröhlich sein und ausgelassen, weil ich nach Monaten des Herumreisens in der Weltgeschichte etwas länger als einen oder zwei Tage bei meiner Familie sein kann. Doch ich bin es nicht. Nicht mal Canelito schafft es, mich aufzuheitern oder auf andere Gedanken zu bringen.

Jetzt ist es schon nach Weihnachten und ich habe weder von Valtteri etwas gehört noch von der FIA. Aber hätte nicht das eine oder das andere längst eintreten müssen, wenn Valtteri einem Verantwortlichen das erzählt hätte, was ich ihm erzählt habe? Eigentlich hätte ich doch längst eine Nachricht bekommen müssen. Oder es hätte Gerüchte in der Presse gegeben. Aber Fakt ist, dass nichts, absolut rein gar nichts davon passiert ist – und das macht mir nur noch mehr Angst.

Vielleicht wird Valtteri es erst noch jemandem erzählen und wartet nur noch auf den richtigen Moment dafür. Vielleicht hat er es erst so kurz vor Weihnachten getan, dass ich die Nachricht erst im neuen Jahr bekomme.
Ich hab mich schon mehrmals dabei erwischt, wie ich kurz davor war, ihn anzurufen. Doch getan hab ich’s nie. Was sollte das auch bringen? Er hat ja klar gemacht, dass er mit mir nichts zu tun haben möchte, also würde er auch ganz bestimmt nicht mit mir telefonieren. Wahrscheinlich würde er den Anruf nicht mal annehmen.

Nervös beginne ich, wieder an den Nägeln zu kauen.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Es ist niedlich, wenn Rune müde wird. Nicht nur, wie er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, sondern auch, wie er dann anhänglich wird. Er erinnert mich dann ein wenig an den Hund, den meine Großeltern sich vor einigen Jahren gekauft haben. Der konnte das auch, wenn er als Welpe lange und ausgelassen genug gespielt hatte. Dann kam er angeschlichen, wollte gestreichelt werden und wenn man ihn ließ, hat er sich bei einem auf dem Schoß zusammengerollt und ist eingeschlafen. Nur leider kann ich Rune nicht einfach so auf den Schoß nehmen und ihn streicheln, bis er eingeschlafen ist und dann mit ihm dasitzen und es genießen. Das geht nicht. Aber ich werde gleich sehen, in welches Bett im Gästezimmer er sich gelegt hat. Nach letzter Nacht traue ich ihm durchaus zu, dass es nicht seins ist und es würde mich freuen, wenn’s so wär. Doch ich komme nicht dazu, es herauszufinden. Tommi passt mich ab, kurz bevor ich die Tür zum Gästezimmer öffnen kann.

„Noch auf ein Wort unter vier Augen.“

Mehr sagt er nicht, aber ich weiß, dass ich keine Wahl habe. Es war immerhin meine Idee, ihm vorzuschlagen, er könne Runes Physio werden. Ich hätte wissen müssen, dass mich sowas noch erwartet. Es ist nicht Tommis Art, wichtige Gespräche – sofern es vermeidbar ist – am Telefon zu führen. Da ist es kein Wunder, dass wir kurz darauf bei einer verspäteten Tasse Kaffee zusammen in der Küche sitzen, während ich darauf warte, dass er den Anfang macht. Nur dauert es bis dahin einige Minuten.

„Du meinst das ernst, oder?“

„Dass du Runes Physio werden könntest?“, hake ich nach, weil sich mir nicht erschließt, was genau er meint, und er nickt:

„Genau.“

„Ja, das hab ich ernstgemeint.“

„Und ich dachte schon, es sei ein schlechter Scherz von dir“, erwidert er schwach grinsend, „Ich meine, du hättest nur schwerlich etwas Merkwürdigeres anschleppen können.“

„Täh?“

Sportsfreund, überleg doch mal: Der Junge ist psychisch so ziemlich am Ende, auch wenn er sich alle Mühe gibt, sich das nicht anmerken zu lassen. Er ist ein verflucht guter Schauspieler, keine Frage, und seine Fitness und Disziplin lassen nicht viel zu wünschen übrig, aber ich wage mal zu bezweifeln, dass er in dem psychischen Zustand, in dem er ist, eine ganze Saison auf die Reihe bekommt, ohne früher oder später großen Mist zu bauen.“

„Das heißt, du wirst es nicht tun?“, versuche ich seine Aussage auf einen Punkt zu bringen, ernte jedoch ein knappes Kopfschütteln.

„Das heißt, dass ich mit Heli darüber sprechen werde und wir eine gemeinsame Entscheidung in dieser Angelegenheit treffen werden.“

Tommis Aussage lässt mich schwer schlucken. Ich kann mir nicht helfen, doch für mich hört es sich so an, als hätte er mit dem Thema Rune schon abgeschlossen und will es jetzt nur noch nicht laut sagen – dabei wäre das nicht sein Stil. Und das weiß ich nur zu gut beziehungsweise mein Verstand weiß das nur zu gut, aber der ist leider etwas im Urlaub, wenn es um Rune geht.

„Es ist nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren“, fährt er fort, „Zukunftspläne ändern sich und wir haben sie gemeinsam gemacht, also müssen wir auch gemeinsam entscheiden, ob es gut ist, wenn ich meinen ziemlich sicheren Job hier aufgebe. Du weißt selbst, dass es mehr ist als ein Vertrag und ein bisschen Training.“

Und wie ich das weiß! Man ist dauernd unterwegs, kaum zuhause und... und es kann eine Beziehung zerrütten und beenden. Und das ist nun nichts, was ich ihm wünschen würde. Im Gegenteil, irgendwie kann ich ihn sogar verstehen. Ist nicht so, dass ich nicht gezögert hätte, als er mit mir zum ersten Mal ernsthaft über die Möglichkeit, ihn zu ersetzen, gesprochen hätte.

„Ich verstehe“, nuschle ich schließlich.

„Mir ist klar, dass du ihm helfen willst, Sportsfreund“, Tommi geht nicht recht auf das ein, was ich von mir gegeben habe, „Ich würde auch nicht lange zögern, wenn die Situation im Augenblick eine andere wäre. Wenn Rune nicht selbst so auf der Kippe stehen würde.“

„Was zu einem nicht unwesentlichen Teil an Ahlgren liegt“, werfe ich ein. Wenn der einen vernünftigen und verantwortungsvollen Job gemacht hätte, würde es Rune mit Sicherheit besser gehen.

„Das ganz sicher. Aber deswegen bin ich noch lange nicht der richtige, um Rune wieder auf die Beine zu helfen, Sportsfreund. Im Augenblick scheinst eher du das zu sein.“

„Was?!“

„Ist dir nicht aufgefallen, wie sehr er an dir hängt?“

„Nein.“ Zumindest nicht, dass er das auch tut, wenn wir nicht zusammen im Bett liegen. Gut, er hat sich schon sehr in meiner Nähe aufgehalten, aber dem habe ich keine große Bedeutung beigemessen. Warum auch? Nur, weil er laut eigener Aussage bi ist, muss das ja noch lange nichts heißen, auch wenn...

„Und du übrigens auch an ihm. Da nehmt ihr euch beide nicht besonders viel“, ergänzt Tommi trocken, „Wie wär’s wenn du dir darüber mal Gedanken machst, bis ich mich entschieden habe?“

„Ich nehme an, das war kein Vorschlag sondern eine Aufforderung?“

„Da nimmst du richtig an. Es wäre nämlich schon von Vorteil, wenn ihr beide klare Verhältnisse schaffen würdet, bevor er den Lotus-Vertrag unterschreibt. Das letzte, was Rune im Moment gebrauchen kann, denke ich, ist eine Sache, über der Fragezeichen und Unsicherheiten so sichtbar blinken wie eine brandneue Leuchtreklame bei Nacht.“

Ich seufze lautlos, während Tommi seinen Kaffee austrinkt. Wie soll ich das denn bitte bewerkstelligen ohne mich wieder mal zum Deppen zu machen?!



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