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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 4.530
 
A/N: Danke an LaaLBvB, Silvana, Lotte81, Madrilena, Balalaika, Revolution97, Napoleon90, livelovelaugh, Pericoloso (2x!), Tiefseentraum, Tracy89 und gallardo nera.





Kapitel 49 – Schneefall


Romains POV

Es ist herrlich! Seit ich Sebastian gestern angerufen und ihm gesagt habe, dass sich die Angelegenheit mit Kimi erledigt hat, ist einfach alles wunderbar. Ich glaube, ich habe mich seit Monaten nicht mehr so gut, so befreit und so entspannt gefühlt wie heute. Marion ist es nicht verborgen geblieben. Beim Frühstück hat sie gesagt, meine gute Laune sei ansteckend und irgendwie sind wir dann – was uns schon seit über einem Jahr nicht mehr passiert ist – lachend und uns gegenseitig kitzelnd auf dem Wohnzimmerteppich gelandet. Und gerade, als wir uns ein wenig beruhigt hatten, hat sie mich kichernd darauf aufmerksam gemacht, wie blöd meine Kollegen schauen würde, wenn sie mich so sehen könnten...

Doch mittlerweile sind wir beide tatsächlich zur Ruhe gekommen. Das lauteste Geräusch ist das Ticken der Wanduhr. Von draußen hört man nichts. Der Schnee verschluckt alles, verwandelt die Stadt für ein paar Stunden in ein puderzuckerweißes Märchenland.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Finnische Landstraßen können schier endlos sein. Ganz besonders dann, wenn die Sicht begrenzt ist – und das ist sie, denn es schneit dicht. Richtiges finnisches Winterwetter. Rune telefoniert auf dem Beifahrersitz. Er hat nicht darauf bestanden, zu fahren. Da scheint er anders zu ticken als Seb, ganz anders. Andererseits klingelt sein Smartphone heute auch dauernd. Keine Ahnung, was da los ist, aber ich werde ihn nicht danach fragen. Wenn er es mir sagen möchte, dann wird er das tun, davon bin ich überzeugt. Außerdem habe ich mich schon weit genug in seine Privatsphäre gedrängt. Ich sollte mich etwas zurücknehmen.
Doch eine Frage geht mir seit gestern Abend nicht mehr aus dem Kopf: Was ist zwischen Rune und Kimi?
Denn an Kimis Stelle wäre ich kein bisschen begeistert, würde mein Partner nackt bis auf die Unterwäsche mit einem anderen, ebenso leicht bekleideten Mann in einem Bett schlafen. Noch dazu unter einer Decke und... und... Rune hat sich – unverkennbar schon im Halbschlaf – fast sofort an mich geschmiegt wie ein Kätzchen, als ich ins Bett gekommen bin. Ich wollte ihn etwas auf Abstand halten, um nicht... Es ging nicht, ich hab’s nicht übers Herz gebracht. Seine Haut war warm und noch ganz seidig vom Massageöl.
Und an Kimis Stelle wär’s mir auch nicht ganz egal, würde ein anderer Mann neben meinem Partner mit einem Ständer aufwachen. Zum Glück hatte der Wecker da noch nicht geklingelt und ich konnte mich unbehelligt ins Bad flüchten. Und was mir an seiner Stelle noch viel weniger egal wäre, das wäre, wenn dieser Mann sich mit Gedanken an meinen Partner noch einen runterholen würde. Es ist fürchterlich und ich werde die Gedanken daran einfach nicht los. Sie kreisen unablässig in meinem Kopf.

Rune seufzt leise und legt das Smartphone aus der Hand. „Tut mir leid“, murmelt er leise.

Er hat gerade fast zwanzig Minuten mit Chilton geplaudert. Gut, das wundert mich nicht so sehr. Ist ja nie zu übersehen gewesen, dass sie gut befreundet sein müssen.

„Ach, schon in Ordnung. Gibt solche Tage“, wiegle ich ab. Und er kann ja nun nichts dafür, dass heute x Leute meinen, dringend mit ihm sprechen zu müssen. Sowas kann passieren und dann muss man da halt durch, so einfach ist das.

Er nickt und wir verfallen beide wieder in Schweigen. Ist vielleicht nicht schlecht, denn auch wenn solche Wetterverhältnisse wie heute nicht ganz ungewöhnlich sind, sollte man sich gut auf die Straße konzentrieren. Schon allein der Sicherheit wegen, obwohl der Wind einzuschlafen scheint.

„Du, Heikki“, setzt Rune plötzlich fast etwas zu zaghaft an, „würdest du... also... woher kennst du Tommi?“

„Wir haben beide Eishockey in der Mestis-Liga gespielt“, antworte ich. Gut, das ist nicht die ganze Wahrheit, ich sollte ihm vielleicht auch sagen, dass Tommi vor mir Sebastians Physio war, aber... Ich sollte ihm sagen, dass ich nur Sebastians Physio bin, weil Tommi mich empfohlen hat, aber... Nein, besser ich behalte das alles erst mal für mich und vielleicht kann er sich das eine oder andere auch selbst denken. So schwer sollte das nicht sein. Wenn es ihn wirklich interessiert, wird er bestimmt danach fragen.

„Aha“, macht er jedoch nur, dann schaltet er sein Smartphone aus und verkündet: „Damit wenigstens bis morgen auch wirklich Ruhe ist.“

Ein etwas seltsamer Themenwechsel, doch mir soll’s recht sein. Wenn er nichts fragt, muss ich auch nichts beantworten. Antworten... Ob ich es wagen kann? Wenn ich es richtig verpacke... Warum nicht? Vielleicht kommen meine Gedanken ja zur Ruhe, wenn ich sowas wie Gewissheit habe...

„Darf ich dich was fragen, Rune?“

„Klar, was immer du willst.“

Scheiße! Er rechnet bestimmt mit was ganz, ganz harmlosem. Mit irgendeinem kindischen Kram oder einer weiteren Frage nach seinem Training, seinem Befinden oder seinen Vorlieben oder sonst irgendwas in dieser Art. Doch auf die Schnelle will mir keine passende Ersatzfrage einfallen. Mein Kopf ist in dieser Hinsicht wie leergefegt.

„Es hat da in letzter Zeit so ein paar Gerüchte gegeben“, setze ich in dem verzweifelten Versuch, alles herunterzuspielen, an, „Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, aber... naja, sie sagen, du hättest was mit Kimi.“

„Also von den Gerüchten hab ich nichts gehört, aber das war nicht, wonach du fragen wolltest, oder?“

Ich schüttle leicht den Kopf. Scheiße, warum muss er ausgerechnet jetzt so hellhörig sein?!

„Was willst du fragen?“, hakt er nach.

Ich seufze leise und gebe klein bei: „Ist an diesen Gerüchten was dran?“

„Wäre das so schlimm?“, fragt er zurück.

„Wäre es nicht.“ Nicht für Rune, nicht für Kimi, nicht für die allermeisten anderen Leute, nur für ein paar hirnlose Idioten, die sich anmaßen, sich Fans zu nennen, obwohl einen wahren Fan die sexuelle Orientierung seines Idols erstens überhaupt nichts angeht und zweitens nicht von besonderem Interesse für ihn ist. Für mich wäre es auch nicht schlimm, ich weiß ja längst, dass ich keine Chance...

„Ja, wir hatten in Brasilien was miteinander“, unterbricht Rune meinen Gedankengang erstaunlich nüchtern, „Keine große Sache, um ehrlich zu sein. Nur ein Gelegenheitsfick.“

Erst in letzter Sekunde gelingt es mir, nicht das Lenkrad zu verreißen und den Leihwagen in die Leitplanke zu setzen. Nicht, dass mich diese Tatsache wirklich überraschen würde, das nicht, nachdem ich es ja bereits vermutet habe. Es liegt eher daran, dass Rune so offen darüber spricht – und es einen Gelegenheitsfick nennt! Einen Gelegenheitsfick! Das heißt, dass es für ihn gar nichts Ernstes ist. Das heißt, dass er keine Beziehung mit ihm hat! Dass ich vielleicht doch... Ich könnte... Vielleicht...

„Wow“, mache ich leise und etwas zu atemlos. Plötzlich sind meine Handflächen verdächtig feucht.

„Überrascht?“, will Rune schmunzelnd wissen.

„Ein bisschen, ja“, räume ich ein. Das ist um Längen besser als zu sagen, dass mich nicht der Umstand, dass er mit Kimi geschlafen hat, überrascht, sondern dass er ihn so nennt, wie er ihn genannt hat.

Er lacht: „Miss dem nicht zu viel Bedeutung bei. Ich hab zwar keine Ahnung, wie Kimi in dieser Hinsicht tickt – geht mich auch nichts an –, aber mal im Ernst: Es lohnt nicht, deswegen ein Fass aufzumachen.“

„Die Presse würde das anders sehen“, wende ich ein, doch das ändert nichts an Runes Lachen:

„Deswegen weiß sie’s ja nicht. Und gerade über Kimi tauchen doch am laufenden Band irgendwelche haarsträubenden Gerüchte auf. Da muss man sich eigentlich keine Gedanken machen, solange er nicht beschließt, aus dem Nähkästchen zu plaudern.“

„Bist du wirklich schwul?“

Schlagartig ist er still, sehr still, so still, dass ich es für einen Moment mit der Angst zu tun bekomme. Ich wollte nicht... Ich wollte das wirklich nicht fragen, aber... Es ist mir einfach so rausgerutscht.

„Bin ich nicht“, antwortet er plötzlich leise, „Ich bin nicht schwul.“

„Entschuldige, so war das nicht gemeint. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit -“

„Du verstehst mich falsch“, werde ich ernst unterbrochen, „Man muss nicht schwul sein, um als Mann mit einem Mann einvernehmlichen Sex haben zu können – und ich für meinen Teil bin bisexuell.“

„Ist das nicht kompliziert?“

Rune lacht wieder und schüttelt den Kopf: „Eigentlich nicht. Man kommt eben damit zurecht, weil man so ist wie man ist, naja, ich zumindest. Für andere mag ich da nicht sprechen, auch wenn’s idiotisch ist, zu versuchen, sich selbst zu belügen.“

Ich mag sein Lachen. Ich mag es, dass er mir die Fragen scheinbar nicht übelnimmt. Dass er so entspannt reagiert, obwohl das Thema ein heikles ist. Und er vertraut mir offenbar so sehr, dass er sich nicht scheut, mir so ein Geheimnis wie seine sexuelle Orientierung anzuvertrauen. Doch das allerschönste ist, dass er nichts mit Kimi am Laufen hat. Dass es für Rune nur Gelegenheitssex war. Vielleicht... vielleicht habe ich doch noch eine Chance bei ihm.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Ich klappe den Laptop zu und lehne mich auf dem Stuhl zurück. Fertig mit dem Beantworten von Mails – für heute. Morgen werden da wieder welche sein, die meine Aufmerksamkeit brauchen. Das ist immer so und es hilft nicht, wenn man sie ignoriert, denn davon gehen sie auch nicht weg. Vom Ignorieren geht im Allgemeinen das meiste Unangenehme nicht weg, das ist es ja, was so unangenehm daran ist.

>Bist du fertig?< Hannas Frage schreckt mich auf. Ich hab nicht mitgekriegt, dass sie in die Küche gekommen ist, war wohl zu sehr in Gedanken.

>Ja. Ja, bin ich<, antworte ich dann und sie kommt näher, setzt sich mir gegenüber auf den freien Stuhl.

>Das ist schön<, sagt sie dann, >Ich denke nämlich, wir sollten reden.<

>Reden?<

>Ja.<

>Okay, worüber?< Das kommt jetzt zwar etwas überraschend für mich, aber wir machen das schon mal – und dabei geht’s nie um was schlimmes. Man muss sich Zeit zum Reden nehmen, wenn man nicht so viel Zeit zusammen verbringen kann wie andere Paare. Es hat ein wenig gedauert, bis wir das spitz hatten, doch seitdem funktioniert es ganz gut.

Sie räuspert sich kurz, bevor sie leise fragt: >Seit wann vertraust du mir so wenig, Seb?<

>Hä?< Worauf will sie hinaus?

Ich sehe, dass sie schlucken muss, leicht nervös scheint – und es irritiert mich. Normalerweise ist sie nicht so. Nicht, wenn wir nur reden wollen. Irgendwas kommt mir plötzlich nicht mehr ganz richtig, nicht mehr ganz in Ordnung vor und ich kann nicht anders, als mir die Hände an der Hose abzuwischen. Dass Hanna jetzt schweigt, erst überlegen muss, wie sie weitermachen soll, macht mir Angst. Doch es wird nicht besser, als sie schließlich wieder spricht:

>Ich bin nicht blind, weißt du? Und ich bin dir auch nicht böse, also nicht mehr richtig, aber... ich dachte, wir würden es uns sagen, wenn etwas in Schieflage gerät.< Sie unterbricht sich für einen Augenblick, seufzt und fährt fort: >Ich weiß, dass du eine Affäre hast.<

Im ersten Moment kann ich sie nur mit offenem Mund anstarren. Sie hat mir die Sprache verschlagen. Wie kann sie... Ich hab doch immer aufgepasst, dass man nichts sieht. Ich hab nie ein verdächtiges Wort über Jenson verloren oder verräterisch viele oder sonst irgendwas getan, woraus sie das hätte schlussfolgern können.

>Woher -?<

>Ach Sebastian, hast du geglaubt, ich würde nichts merken? Dass mir nicht auffallen würde, wie oft du scheinbar leicht erkältet wieder nach Hause gekommen bist? Dass du Ausreden suchst, um nicht mit mir zu schlafen? Dass du unter dem Schal Knutschflecken versteckst? Es wäre nur noch auffälliger gewesen, wenn du versucht hättest, Migräne vorzutäuschen.<

Ich starre sie immer noch an, doch jetzt unfähig zu irgendeiner Regung. Sie hat das die ganze Zeit über gewusst?! Sie hat nichts gesagt, weil sie gehofft hat, ich würde... dass ich ehrlich sein würde?! Oh Gott! Und sie ist noch nicht mal fertig:

>Du brauchst mir nicht zu sagen, wer es ist. Das möchte ich ehrlich gesagt gar nicht wissen und du bist... du wirst schon keinen Blödsinn gemacht haben.<

>Es tut mir leid<, bringe ich heraus.

>Es ist okay, Seb, ich komme damit zurecht und wir haben da ja schon mal drüber gesprochen, dass das irgendwann vielleicht passieren könnte. Ich hätte mir nur gewünscht, dass du es mir von dir aus sagst.<

Sie klingt verletzt und ist es bestimmt auch, denn sie hat recht: Ich habe mich unmöglich verhalten, wo wir damals doch ausgemacht hatten, sollte es je zu so einer oder einer vergleichbaren Konstellation kommen, wie wir sie jetzt haben, ehrlich zum anderen zu sein – und jetzt habe ich mich nicht daran gehalten. Ich habe ihr nicht vertraut.

>Es tut mir leid<, wiederhole ich beschämt, >Ich wollte das so nicht, aber es ist alles so kompliziert!<

Hanna seufzt wieder: >Nein, es ist nicht kompliziert. Eigentlich ist es ganz einfach. Es ist eben der unwahrscheinliche Fall eingetroffen, über den wir uns schon Gedanken gemacht haben, als wir wussten, dass du es schaffen würdest, Karriere zu machen, Sebastian.  Und wir werden jetzt nicht versuchen, unsere Beziehung krampfhaft am Leben zu halten. Da liegt kein Segen drauf.<

>Aber -<

>Nein, kein aber. Ich habe eben ein paar Sachen zusammengepackt und werde gleich zu Rebekka fahren. Da werde ich auch vorläufig bleiben.<

Ihre Abgeklärtheit ist wie ein Schlag ins Gesicht. Kann sie mich nicht anschreien? Kann sie nicht wütend sein, weil ich ihr das alles mit Jenson verheimlicht habe? Können wir nicht streiten? Das würde es doch...

>Okay<, murmle ich perplex.

>Gut.< Sie lächelt schwach, steht auf und geht. An der Tür bleibt sie noch mal stehen und dreht sich zu mir um. >Ich ruf dich an und sag dir, wann ich meine restlichen Sachen abholen kann.<

Ich nicke.

Als wenig später die Haustür ins Schloss fällt, kurz darauf ein Auto vom Hof fährt, habe ich mich immer noch nicht wieder gerührt. Noch nicht begriffen, dass Hanna weg ist. Dass sie unsere Beziehung beendet hat.

Alles fühlt sich merkwürdig taub an.

*** ~~~ ***


Runes POV

Wir sind irgendwo in Mittelfinnland, keine Ahnung wo genau und es ist mir ehrlich gesagt gerade auch nicht sehr wichtig. Man kann eh nicht viel oder weit sehen, weil es immer noch schneit, auch wenn die Flocken mittlerweile erheblich an Größe verloren haben. Die Anzeige im Wagen hat während der letzten Kilometer obendrein fallende Temperaturen angezeigt. Nicht, dass das so einen riesigen Unterschied machen würde, wenn man eh schon Frost hat, aber nun gut... Wir hatten eine zwischenfalllose Fahrt bis hierher. Wir haben uns gut unterhalten und ich bin mir sicher, dass er mein kleines Outing auch problemlos weggesteckt hat. Aber mir ist jetzt auch klar, dass er sich bisher kaum oder keine Gedanken über Homosexualität gemacht hat. Zumindest interpretiere ich die Fragen so, die er gestellt hat und die ich bestmöglich beantwortet habe. War ja auch nichts dabei. Es waren ja eher solche nach allgemeinen Aspekten, nichts, was irgendwie ins Private gegriffen hätte.

„So, gleich sind wir da.“ Heikki biegt von der Landstraße auf einen kleinen Weg mit festgefahrener Schneedecke ab.

„Liegt ein bisschen versteckt, was?“ Also ich hab zumindest nicht damit gerechnet, dass wir schon da sind und diesen Weg hätte ich mit Sicherheit auch übersehen. Aber ich wusste ja auch nicht, dass ich danach hätte Ausschau halten müssen. So gesehen ist es wohl ganz gut, dass Heikki fährt. Im Gegensatz zu mir sollte er sich hier mit den landestypischen Verkehrsregeln auch auskennen.

Er lächelt schwach: „Nur ein bisschen, aber genau richtig, wenn man ein paar Tage Ruhe und Erholung haben möchte.“

„Tja, dann ist es wohl perfekt“, stelle ich grinsend fest, „Du hast mir ja erst gestern Ruhe und Erholung verordnet.“

Der Hof, auf den wir nach ein paar Minuten kommen, ist nicht besonders groß oder schön, eher funktional. Es gibt einen Carport mit genug Platz für mehrere Autos. Eins steht dort schon und Heikki parkt daneben. Ist bei diesem Wetter wohl auch gut, wenn man einen Leihwagen mitten im Wald nicht komplett ungeschützt stehen lässt.
Vor allem wenn’s so saukalt ist, dass ich ein sichtbares Frösteln nicht verhindern kann, als ich aussteige. Daran kann nicht mal der dicke Pullover etwas ändern. In letzter Zeit ist mir bedenklich schnell kalt und es scheint nichts zu geben, was dagegen hilft. Weder warm anziehen noch Bewegung noch irgendwas anderes, das ich ausprobiert habe. Trotzdem lohnt es nicht, für die paar Meter über den Hof zur Haustür eine Jacke überzuziehen. Heikki macht’s ja auch nicht, obwohl seine Jacke – genau wie meine auf meiner – lose auf seiner Reisetasche liegt und es leicht wäre, sie schnell überzuziehen, bevor er die Tasche aus dem Kofferraum nimmt.

Die zwei Stufen auf die überdachte, hölzerne Veranda und bis zur Haustür sind geräumt worden und die hauchdünne Schneeschicht die sich darauf niedergelassen hat, verrät, dass es noch nicht allzu lange her sein kann. Neben der Tür lehnt ein Besen an der Wand. Eine Klingel gibt es nicht, stattdessen einen altmodischen Türklopfer, der für mich auf den ersten Blick etwas fehl am Platz wirkt. Andererseits ist es hier normalerweise bestimmt so still, dass man keine Klingel braucht, die durchs ganze Haus schrillt, um zu bemerken, dass man Besuch bekommt.
Heikki betätigt den Türklopfer und flucht leise darüber, dass er aus Metall und damit natürlich „verfickt kalt“ ist. Es bringt mich zum Kichern und mir gleich darauf einen Blick von ihm ein, bei dem ich nicht sicher bin, ob er mir damit sagen will, dass er schmollt, oder ob er gerne ein wenig Mitleid hätte. Allerdings bleibt auch keine Zeit, ihn danach zu fragen, denn es dauert keine Minute bis die Tür geöffnet wird. Keine Minute, bis... Tommi ist etwa so groß wie ich, blond, aber nicht so goldblond wie Heikki und auch kräftiger gebaut als er. Und er lässt mir keine Zeit, damit Angst und Nervosität mich einholen und packen könnten. Von der Reserviertheit, mit der ich gerechnet, die ich erwartet habe, fehlt überraschenderweise jede Spur. Alles geht wie von selbst.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Das Haus ist totenstill und leer ohne Hanna. Ich kann’s immer noch nicht fassen, dass sie weg ist, wirklich weg. Und ich habe keine Ahnung, was ich nun tun soll. Sie war immer da, wenn ich sie gebraucht habe, immer in den vergangenen Jahren. Nie habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, wie mein Leben sein würde, wenn sie einmal so weg sein würde wie sie es nun ist.

Was mache ich denn jetzt? Was in aller Welt soll ich machen?

Es ist nicht so, dass ich Angst haben müsste, dass Hanna einen Rosenkrieg anzetteln könnte. So ist sie nicht, sie ist nicht rachsüchtig. Sie ist ein Engel in jeder Hinsicht – und ich hab nichts besseres zu tun, als sie zu belügen. Ihr Vertrauen zu missbrauchen, sie zu verletzen.

Und jetzt, glaube ich, weiß ich auch, was Kimi in Japan gemeint hat, als er sagte, ich solle reinen Tisch mit ihr machen, ehrlich zu ihr sein. Doch da habe ich auch noch geglaubt, sie würde es nicht herausfinden, und jetzt ist es zu spät.

Ich hab’s vergeigt. Und ich weiß nicht, was ich tun soll!

*** ~~~ ***


Max’ POV

„Okay, du hast recht gehabt, Chloé“, räume ich ein, bevor sie überhaupt dazu kommt, zu sagen, dass sie wieder daheim ist, oder Schuhe und Jacke auszuziehen.

„Was? Womit?“

„Na damit, dass Rune heute sicher nicht allein sein wird!“

Sie stellt ihre Handtasche auf die Kommode, die sie dafür unbedingt im Hausflur haben wollte, und will wissen: „Du hast ihn schon angerufen?“

„Ja, auch wenn ich’s zweimal versuchen musste. Beim ersten Mal konnte er nicht rangehen. Da saß er im Flugzeug.“

„Flugzeug wohin?“

„Nach Finnland. Er hat gesagt, das wäre ein ganz spontaner Kurzurlaub mit einem Kumpel.“

„Das ist doch schön.“

„Ja, aber -“

„Aber du machst dir schon wieder Sorgen“, unterbricht sie mich seufzend.

Ich nicke und fühle mich ertappt. Dabei kann ich doch gar nicht anders! Rune ist viel mehr als nur ein guter oder bester Freund. Er ist sowas wie ein kleiner Bruder, auf den man aufpassen muss, damit ihm nichts oder nicht noch mehr schlimmes passiert.
Chloé zieht ihre Jacke aus, hängt sie an die Garderobe, bevor sie mich auf die Wange küsst und an mir vorbei ins Wohnzimmer geht.

„Rune wird nichts Dummes anstellen und wenn er etwas mit einem Kumpel unternimmt, dann heißt das doch, dass ihn nicht alle Leute haben hängen lassen, nachdem Heidi mit ihm schlussgemacht hat. Also freu dich gefälligst für ihn.“

„Und wenn doch?“, will ich wissen, als ich ihr folge.

„Oh Max, du bist Runes bester Freund, muss ich dich jetzt wirklich daran erinnern, dass er schon seit gefühlten Jahren mal wieder nach Finnland wollte? Oder daran, dass das jetzt laut ihm die einzige Zeit des Jahres ist, zu der er es sich leisten kann, sich irgendwo im Wald eine Hütte zu mieten und für ein paar Tage nichts anderes zu unternehmen, als Ski fahren und saunieren und all diesen skandinavischen Kram.“

„Naja...“, druckse ich herum, denn sie hat recht. Rune hat total oft davon gesprochen, bevor er das Williams-Cockpit gekriegt hat. Er war ja auch seit 2005 nicht mehr in Finnland, hat seitdem seine Großeltern nicht mehr gesprochen, geschweige denn gesehen. Es ist nach Eriks Tod alles in die Brüche gegangen.

„Ja, genau. Rune erfüllt sich pünktlich zu seinem Geburtstag einen Herzenswunsch, da kannst du davon ausgehen, dass er die Zeit nicht damit verbringen wird, betrunken zwischen Bars, Clubs und Hotelzimmern hin und her zu tingeln. Und er ist ja auch nicht allein unterwegs.“

„Ja, du hast bestimmt recht“, murmle ich und schiebe die Hände in die Hosentaschen, weil ich gerade nicht weiß, wo ich sonst mit ihnen hin soll. Dabei bin ich selbst schuld! Ich hätte Rune auch ganz direkt fragen können, was er in Finnland vorhat, aber ich dachte, er würde es mir von sich aus erzählen.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Es ist viel zu schnell spät geworden oder Rune viel zu schnell müde. Trotzdem bin ich jetzt schon ziemlich sicher, dass die Chemie zwischen ihm und Tommi stimmig ist. Sie haben auf jeden Fall einen ähnlichen Humor und Rune ist nicht wieder – wie ich es gestern früh erlebt habe – vor Angst erstarrt. Er war einfach nur der fröhliche junge Mann, als den ich ihn kennengelernt habe, obwohl ihm jetzt etwas von der Unbeschwertheit fehlt, die er noch vor wenigen Wochen hatte. Stattdessen ist er auffällig anhänglich, um nicht zu sagen verschmust. Tommi hat es ausgesprochen, als Rune mal zur Toilette war. Nur leider war seine Äußerung so wertungsfrei, dass ich keinen Schimmer habe, was er davon hält.

Ich seufze lautlos und öffne die Augen. Es ist dunkel im Gästezimmer, aber nicht stockfinster. Es hat aufgeklart, als es dunkel wurde, und der Schnee reflektiert das wenige Licht, dass der abnehmende Mond zurzeit noch hergibt.
Rune im zweiten Bett hat sich unter der Decke zusammengerollt wie ein Kätzchen und es ist mir ein Rätsel, wie er so schlafen kann. Irgendwie mutet es für einen Menschen nämlich äußerst unbequem an, vor allem, weil er das Kopfkissen völlig ignoriert. Ob ich vielleicht schnell aufstehen sollte und... Nur, damit er morgen nicht verspannt aufwacht. Denn so, wie ich Tommi kenne, hat der sich für morgen irgendwas sportliches überlegt, um einen Eindruck von Runes Fitness zu bekommen. Wir können schließlich nicht den lieben langen Tag im Haus hocken. Naja, können schon, aber das sähe Tommi ni-

„Heikki?“

Augenblicklich bin ich hellwach, sitze kerzengerade im Bett und starre Rune an, der sich nun wesentlich langsamer als ich aufsetzt und im Flüsterton ergänzt:

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken, ich wollte nur... nur fragen, ob du noch wach bist.“

„Ja, ja, das bin ich“, antworte ich leise. Jetzt auf jeden Fall! Doch das behalte ich lieber für mich, weil ich ihn nicht noch mehr in Verlegenheit bringen möchte. Er hat’s auch so schon schwer genug und es ist ja nichts passiert.

„Darf ich dich was fragen?“

„Frag.“

„Darf ich bei dir schlafen?“

„Klar, komm rüber.“ Es ist keine bewusste Entscheidung. Bewusst wird sie mir erst, als Rune aufsteht und wenig später zu mir unter die Decke schlüpft. Seine Bettdecke hat er nicht mitgebracht. Dafür schmiegt er sich auch so eng an mich, dass ich keine andere Wahl habe, als die Arme um ihn zu schlingen und froh zu sein, dass er diese Nacht mehr anhat als letzte – obwohl der Unterschied eigentlich nur darin besteht, dass er außer Boxershorts noch ein T-Shirt und dicke, gestrickte Wollsocken trägt.

„Danke“, nuschelt er kurz darauf an meinem Hals, „Womit hab ich dich eigentlich ausgerechnet jetzt verdient?“

„Weiß nicht“, antworte ich leise, dabei war seine Frage wohl nur eine rhetorische.

Er kichert: „Dann sind wir ja schon zwei.“

Es bringt mich zum Lächeln und dazu, seinen Nacken zu streicheln. Einfach, weil ich es kann. Weil er sich im Moment vielleicht nichts dabei denken wird. Immerhin ist er zu mir gekommen, nicht umgekehrt, also dürfte er auch nichts dagegen haben. Und siehe da, es dauert nicht lange, bis er hörbar zufrieden seufzt.

„Sag mal, Rune, warum hast du mir nicht gesagt, dass du heute Geburtstag hast? Ich hätte doch -“ Er hat’s mit keinem Wort erwähnt und ich bin aus allen Wolken gefallen, als Tommi ihm vorhin gratuliert hat. Nur habe ich mir da alle Mühe gegeben, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen, damit Tommi mich später nicht mit meiner Unwissenheit aufziehen kann.

„Weil’s nicht wichtig ist“, unterbricht er mich ernst, „Ich hab schon seit Jahren nicht mehr gefeiert oder so, also ist’s echt egal.“

„Aber warum?“ Das ist doch nicht normal! Ich versteh’s nicht. Niemandem ist sein Geburtstag egal! Geburtstag haben ist etwas Schönes, etwas, worauf man sich freut, weil -

„Ich hatte nicht mehr Geburtstag, seit Erik ins Koma gefallen ist. In dem Jahr haben wir es vergessen und im nächsten auch und dann immer so weiter. Und meine Eltern waren eh nie zuhause. Und dann mit Heidi... an die zwei Geburtstage kann ich mich nicht erinnern. Wir haben gefeiert und ich hab mich betrunken und ’nen totalen Blackout. Also denk dir einfach nichts dabei, Heikki, das hier ist der beste Geburtstag seit neun Jahren und kein Grund, sich irgendwelche Vorwürfe zu machen oder ein schlechtes Gewissen zu haben.“

Ich sage „okay“, aber das ist es nicht. Nicht mal ein kleines bisschen. Ja, es ist tragisch und ein Schicksalsschlag, ein Kind zu verlieren oder ein Geschwister, doch man kann deswegen nicht für immer... 2004 war Rune selbst noch ein Kind! Und wenn das hier der beste Geburtstag gewesen ist, den er seitdem... Kann er sich denn überhaupt noch richtig und klar daran erinnern, wie es vor dem Tod seines Bruders war? Ich kann nicht verhindern, dass mich Grauen packt, dass ich Rune fester an mich drücke. Ihn scheint es jedoch nicht zu stören, wenn ich nach dem erneuten zufriedenen Seufzen gehe, dass er von sich gibt:

„Dann schlafen wir jetzt, ja?“

„Ja, tun wir.“ In letzter Sekunde kann ich es mir verkneifen, ihm auch noch schöne Träume zu wünschen. Das wäre wohl zu viel des Guten gewesen und zu kitschig. Zumindest scheint es mir immer mehr so, je länger ich wachliege und desto deutlicher sich abzeichnet, dass Rune längst eingeschlafen ist. Seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge verraten ihn, geben mir den Mut, den Kopf zu heben und ihn auf den Scheitel zu küssen.



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