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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
02.07.2013 3.693
 
A/N: Danke an Berlinpancake95, Balalaika, livelovelaugh, Madrilena, freakylittlegirl, Tracy89, Nathi, BecksDarcy, Tiefseentraum und Sternengrau.






Kapitel 4 – Pressekonferenz


Runes POV

Es ist mitten in der Nacht und eigentlich sollte ich längst im Bett liegen und schlafen, aber ich kann nicht. Dass Valtteri zwischendurch immer wieder an seinem Smartphone rumgespielt hat, hat mich darauf gebracht, dass ich selbst mal schauen muss, bei welchen sozialen Netzwerken ich angemeldet bin und wie es da aussieht. Wie oft und mit welcher Intensität ich mich da herumtreibe, was für Sachen ich bisher mit der Welt geteilt habe, mit welchen Leuten ich befreundet bin. Wenn ich sehr aktiv war, wird es bestimmt schon welchen seltsam vorkommen, dass ich mich seit Sonntag nicht mehr zu Wort gemeldet habe. Die Welt ist schließlich komisch drauf, seit es Dinge wie Facebook und Twitter gibt. Reagiert man nicht binnen Stunden auf eine Nachricht – ganz gleich welcher Art – ist der Absender entweder verärgert oder so besorgt, dass er die nächste schreibt, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Es ist zum Kotzen! Und zwar nicht nur das, sondern auch die Tatsache, dass ich weder meine Emailadresse noch Nutzernamen und Passwörter weiß. Ach ja, ein Hacker bin ich selbstverständlich auch nicht und es ist obendrein haarsträubend absurd, dass ich hier sitze und versuchen muss, meine eigenen Accounts zu knacken.

Natürlich könnte ich erst mal Joakim fragen, doch der hat schon so genervt den Kopf geschüttelt, als ich ihn – am Montag und noch in geistiger Umnachtung – gefragt habe, wie mein PIN-Code lautet. Der Geburtstag und das Geburtsjahr meiner Mutter, hat er geantwortet, es seien immer diese vier Zahlen und ich solle mir das gefälligst mal merken. Gut, hab ich getan – und mir vorgenommen, das demnächst zu ändern. Sicherheitshalber.
Nur hilft mir das gerade auch nicht weiter, denn hier habe ich mir wohl andere Passwörter ausgesucht. Aber welche?! Es ist zum Haare raufen. Es wäre alles viel einfacher, wenn ich einfach neue Accounts anlegen könnte, aber das geht nicht. Das würde zu viele Fragen aufwerfen, für die ich mir keine Antworten ausdenken will. Außerdem weiß ich nicht, was mit den bestehenden Accounts alles zusammenhängt. Es könnte ungeahnte Probleme aufwerfen, plötzlich andere zu nutzen, und das kann ich mir im Moment definitiv nicht leisten. Ich hab auch so schon genug. Mittlerweile starre ich seit mindestens einer halben Stunde Bilder von mir an, die Google ausgespuckt hat, und hoffe, darauf irgendetwas zu entdecken, das mir einen Hinweis gibt. Doch bisher hat es nur dazu geführt, dass ich mir wie ein Narzisst vorkomme. Das einzige, was auffällig ist, sind die Sonnenbrillen auf meiner Nase und dass die meisten Bilder mich mit Max Chilton zusammen zeigen. Was in Kombination mit dem Sonnenbrillenregiment in meinem Gepäck nur zwei Schlüsse zulässt: Ich halte Sonnenbrillen für ein unverzichtbares Accessoire und muss mich mit dem Marussia-Piloten wenigstens sehr gut verstehen. Es ist doch immer wieder schön, Dinge über sich zu erfahren, die man selbst noch nicht wusste.

In meiner Verzweiflung fange ich an zu zählen und zu notieren, welche Sonnenbrillen ich auf wie vielen Bildern bei Google trage. Als ich eine Dreiviertelstunde später damit fertig bin – ich hab es mir gespart, am Ende der Seite noch weitere Bilder anzeigen zu lassen – hat sich recht deutlich herauskristallisiert, dass ich am häufigsten ein knallblaues Modell von Ray Ban auf der Nase habe. Und ich erinnere mich gut an diese Brille, die hab ich nämlich zweimal aufgesetzt, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob sie mir gefallen soll oder nicht. Das Etui sah auch schon reichlich abgegriffen aus. Ziemlich auffällig, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Auf einen Versuch kann man es ja ankommen lassen. Also stehe ich auf, hole die Brille, gebe die erste gespeicherte Emailadresse ein und ins Fenster für das Passwort die Seriennummer der Brille. Pustekuchen. Doch ich probiere es mit der zweiten Adresse gleich erneut und diesmal: Bingo!
Menschen nehmen oft naheliegende Dinge als Passwort, weil sie sich das besser merken können als irgendwelche sinnlosen Kombinationen aus Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Aber die Nummer einer Sonnenbrille? Ich weiß ja nicht… Das werde ich demnächst besser auch mal ändern. Wenn ein Laie wie ich darauf kommt, dann wird es ein Profi locker hinkriegen, sofern er es nur drauf anlegt, und man muss es ihm ja nicht unnötig leicht machen.

Neugierig überfliege ich meinen Twitteraccount. So sieht so ein Ding also aus. Interessant. Vielleicht hätte ich mir doch mal einen machen sollen… Jetzt muss ich mich hier auch erst noch zurechtfinden. Bevor ich jedoch dazu komme, nach dem Hilfe-Button Ausschau zu halten, bleibe ich an einem Beitrag von Max Chilton an mich hängen. Er hat die Ausstrahlung des Interviews und den Plateauschuhauftritt gesehen und sich halbtot gelacht. Aha. Okay. Das pinke Eis hätte er allerdings nicht probiert. Ist auch nicht empfehlenswert. Wenn ich den Geschmack noch mal haben will, kann ich auch einfach an einer Plastiktüte lutschen, kommt aufs Gleiche raus.
Allerdings lasse ich es dann auch dabei bewenden. Joakim meinte beim Abendessen, ich müsse morgen in die Pressekonferenz, zusätzlich zu allem anderen, was an der Strecke noch zu erledigen sei. Es klang so, als würde ein langer, langer Tag drohen, deswegen schalte ich das Notebook aus und verkrieche mich ins Bett. Irgendwie beruhigt, weil es scheinbar wenigstens einen Fahrer in dieser Serie gibt, mit dem ich mich einigermaßen verstehe, und ich Fortschritte in Sachen soziale Netzwerke gemacht habe.

***

Ich fühle mich irgendwie verarscht. Mit einem Golfmobil um eine Rennstrecke zu fahren ist etwas, nun ja, seltsam. Außerdem regnet es, mal nur leicht, dann wieder in Strömen. Kein Wetter, bei dem man sich nun unbedingt wohlfühlt und ich habe mich so tief wie möglich in die dunkelblaue Jacke verkrochen, den Reißverschluss ganz hochgezogen. Doch wirklich zurückziehen kann ich mich nicht. Das geht nicht, wenn man ein Briefing von Xevi Pujolar und Andrew Murdoch bekommt, und ich kann es mir auch überhaupt nicht leisten, unkonzentriert zu sein. Die wollen mich schließlich morgen schon ins Auto und auf den Rest des Feldes loslassen. Physisch spricht nach dem Medical check nämlich nichts mehr dagegen. Psychisch sieht das zwar anders aus, aber das kann ich nicht laut sagen. Genauso wenig wie ich die Tatsache aussprechen kann, dass es mir unangenehm ist, wie sehr sie sich um mich kümmern, während Valtteri nahezu allein mit seinem Renningenieur dasteht. Er kommt sich bestimmt ausgeschlossen vor. So wird er bestimmt nicht anfangen mich wenigstens ein bisschen zu mögen. Und wieder wird mir schlecht.

Andrew parkt das Golfmobil am Ende von 130R, der letzten Kurve für heute, und es geht wieder raus in den Regen, bewaffnet mit dunkelblauen Schirmen, versteht sich. Eigentlich sollte ich nicht meckern, sondern mich lieber freuen, dass scheinbar alle der Ansicht sind, mir gegenüber den Schongang einlegen zu müssen. Andererseits bin ich mir jetzt nicht mehr sicher, ob ich wissen will, was man dem Team über meinen Geisteszustand erzählt hat. Bisher dachte ich immer, es wäre in dieser Branche nahezu unmöglich, Rücksicht auf sensible Leute zu nehmen. Mal ganz davon abgesehen, dass mir nicht klar ist, warum sie mir das Cockpit gegeben haben, wo es eigentlich Susie zugestanden hätte.
Energisch versuche ich, den Gedanken an die Testfahrerin zu verdrängen und mich auf die Kurve zu konzentrieren, auch wenn man gerade wegen des Regens mal wieder nicht besonders viel sieht. Es ist ätzend und meine Schuhe fühlen sich mittlerweile so an, als wären sie endlich durchweicht. Jede Wette, wenn ich sie nachher ausziehe, haben die Socken feuchte Stellen.

„Denk morgen daran, dass du hier mit Vollgas durchfahren musst“, ermahnt Andrew mich leise, „Und im siebten Gang.“

Ich nicke, auch wenn mir das ziemlich utopisch erscheint. Das krieg ich doch nie im Leben hin!

„Sofern das Wetter es zulässt“, ergänzt Xevi nüchtern, „Aber das weißt du ja und letztes Jahr hattest du gerade damit keine Probleme.“

Hatte ich nicht? Gut zu wissen. Aber in dem Fall muss ich letztes Jahr hier schon mal für Williams ein Auto um den Kurs gelenkt haben, denn die GP2 hatte hier kein Rennen. Aber dies Jahr wird das ganz bestimmt viel, viel schlechter aussehen. Hölle, ich würde jetzt liebend gern vor den nächsten Reifenstapel reihern.

„Und denk daran, dass die Boxengasseneinfahrt vor Kurve 16 liegt“, spricht Andrew weiter. Xevi schlendert unterdessen zu Valtteri und Jonathan Eddolls, die ein paar Meter entfernt stehen und die Strecke in Richtung Casino Triangle – die Kurven 16 und 17 – mustern.

Ich atme ein paar Mal tief ein und die Übelkeit lässt langsam nach, weicht einem dumpfen Gefühl in der Magengegend. Außer einem sehr gezwungenen „Hi“ hat Valtteri heute kein Wort zu mir gesagt. Vielleicht nimmt er mir die Sache mit den Plateauschuhen doch stärker übel, als ich bisher angenommen habe. Dabei war es doch lustig! Nur ein harmloser Spaß, nichts weiter. Wir mussten nicht hetzen, also bestand kaum Gefahr, dass sich einer von uns irgendwie verletzt. Sonst hätte ich doch auch abgelehnt! Bin ja kein Idiot.

„Willst du noch schauen oder können wir zurück?“, reißt Andrew mich zurück in die Gegenwart.

„Bin fertig“, murmle ich und gehe zurück zum Golfmobil. Wirklich umgeschaut habe ich mich nicht, eigentlich mehr so getan als ob. Morgen kann mir sowieso nichts und niemand mehr helfen. Wahrscheinlich fliege ich spätestens in der zweiten Kurve ab und durchs Kiesbett, knalle in einen Reifenstapel und das Rennen samt Karriere ist gelaufen. Sehr ermutigende Vorstellung, ehrlich.

Als wir ins Motorhome zurückkommen, wird mir zum ersten Mal richtig klar, dass man mich offenbar nicht aus den Augen lässt. Schon seit Montag nicht mehr, um genau zu sein, denn Joakim wartet schon, um mich quasi in Empfang zu nehmen. Es sei Zeit fürs Mittagessen, sagt er und ignoriert es, als ich erwidere, keinen Hunger zu haben. Kommt mir ein wenig so vor, als hätte ich meinen eigenen Willen beim Aussprechen des letzten Wunsches abgegeben, aber das kann ja gar nicht sein. Da täusche ich mich ganz bestimmt und prinzipiell ist es ja auch nicht schlecht, dass Joakim darauf achtet, dass ich regelmäßig esse und genug trinke. So muss ich wenigstens keinen Kreislaufkollaps fürchten. Der steht nämlich auf der Liste der Dinge, die ich gerade nicht brauchen kann, auch ganz weit oben.
Es gibt irgendein Nudelgericht, dessen Namen ich noch nie gehört habe und mir gar nicht erst merke, weil Joakim es ausgesucht hat. Insgeheim bin ich nicht böse darum, denn so habe ich mehr Zeit, um über Valtteri nachzudenken. Irgendwie wäre es schon besser, wenn man ein gutes Verhältnis zu seinem Fahrerkollegen im Team hat, allein wegen der Harmonie und so. Ich sollte mir was einfallen lassen. Man kommt meist weiter, wenn man Dinge selbst in die Hand nimmt, anstatt sie anderen zu überlassen. Aber nicht jetzt. Damit muss ich anfangen, wenn ich mehr Zeit habe, jetzt bin ich froh, dass davon noch genug da ist, um vor der Pressekonferenz noch mal für kleine Rennfahrer zu gehen.

Mir ist es ein Rätsel, wie die dieses Motorhome von A nach B transportieren. Das Ding ist fast luxuriöser als ein Einfamilienhaus, auch wenn die Herrentoilette mehr Ähnlichkeit mit der in einem durchschnittlichen Restaurant hat. Allerdings ist sie sauber, der Geruch von Putz- und Desinfektionsmittel hängt noch in der Luft, und darauf kommt es an.
Gerade als ich mich ans linke der beiden Pissoirs gestellt habe, wird die Tür geöffnet und jemand kommt herein. Ich denke mir nichts dabei. Passiert halt. Kennt man als Mann nicht anders. Erst als Valtteri sich ans rechte Pissoir stellt, muss ich schwer schlucken und beginne, angestrengt die Wand vor mir anzustarren. Das hat wohl noch gefehlt. Die Temperatur ist gerade auf Eiszeitniveau gefallen und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Ich mag es nicht, mit jemandem nicht wenigstens auf neutralem Boden zu stehen, aber vielleicht hab ich ja Glück und es wird einfach nichts pass-

„Nur weil du jetzt für Pastor fahren darfst, heißt das nicht, dass du dir alles erlauben kannst.“

„Was?“ Ich bin viel zu perplex, um anders zu reagieren.

„Tu nicht so. Du hast mich schon verstanden“, knurrt er leise, „Zieh noch mal so ’nen Scheiß ab wie in Jerez oder gestern und du fährst schneller wieder GP2 als du Cockpit sagen kannst.“

Ah ja. Plötzlich bin ich sehr froh mit dem Erleichtern fertig zu sein und mir die Hände waschen gehen zu können. Keine Ahnung, was ich dazu noch sagen soll, mir fehlen mal wieder die Worte. Vielleicht hätte ich mal besser nachgeschaut, was genau ich über meinen Teamkollegen behauptet habe. Der Twitteraccount hätte warten können. Aber hinterher ist man immer klüger, deswegen trockne ich mir schließlich so schnell wie möglich die Hände ab und flüchte auf den Flur. Besonders weit komme ich nicht. Claire und Claire warten schon auf mich. Hölle, verdammt, ich muss mir echt was einfallen lassen, um die beiden auseinander zu halten. Nur für den Fall, dass es hier irgendwann mal jemanden geben wird, mit dem ich mich normal unterhalten kann!

„Nächstes Mal schaust du auf die Uhr, bevor du dich festquatscht“, faucht Claire, meine Managerin, mich an, „Du trägst ja nicht umsonst eine.“

„Sorry“, sage ich leise, ziehe die Schultern hoch.

„Ja, ja, los jetzt, sonst kommst du zu spät“, winkt sie ab. Für einen Sekundenbruchteil bin ich mir nicht ganz sicher, ob in Claire Williams’ Augen sowas wie Mitgefühl aufblitzt, aber es täuscht wohl. Mit mir hat bestimmt niemand Mitleid, kann ich mir zumindest nicht mehr vorstellen. Auf dem Weg zur Pressekonferenz nehmen sie mich in die Mitte wie einen Schwerverbrecher.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Ich hasse Pressekonferenzen. Die offiziellen sind zwar besser als die meisten Interviews, weil man weniger idiotische Fragen zum Privatleben gestellt bekommt, aber trotzdem. Es ist verschwendete Zeit und man kann nicht einfach aufstehen und gehen, wenn es einem zu bunt wird. Außerdem kann niemand Fragen zum Auto oder zur Strategie ehrlich beantworten, nicht mal dann, wenn er schon irgendwelche Daten vorliegen hat. Im Grunde genommen ist diese Veranstaltung also ein Witz. Wir sind alle ungefähr so ehrlich wie ein Politiker im Wahlkampf.
Und ich habe sowieso gerade andere Dinge, über die ich nachdenken muss. Sie betreffen zwar nicht mich, aber meinen besten Freund in diesem Zirkus – Sebastian. Es ist ja schön, dass er mir so sehr vertraut, dass er mir Geheimnisse anvertraut, aber dieses hätte er ruhig für sich behalten können. Sowas will ich gar nicht wissen! Okay, wahrscheinlich weiß Heikki es auch längst, aber das ist was anderes. Der ist sein Physio, wie soll er ihm das verheimlichen? Geht nicht. Dabei will ich eigentlich gar nicht darüber nachdenken, dass Seb ein Verhältnis mit Jenson hat! Ein Verhältnis! One Night Stand kann man das nicht mehr nennen und es könnte mir auch fast egal sein, solange sie beide damit zurechtkommen, aber das ist es natürlich nicht. Ich weiß, wie es ist, der Gehörnte zu sein. Ist mir mit Jenni vor ein paar Monaten selbst erst passiert. Kaum hatten wir die Trennung öffentlich gemacht, war sie auch schon mit ihrem neuen Freund fröhlich turtelnd unterwegs. Wirklich aufgeregt hat’s mich nicht, trotzdem kommt man sich dumm vor – und das erwartet Hanna, wenn sie von Seb und Jenson erfährt. In unserem Business kann das sehr viel früher als erwartet oder geplant sein. Seb weiß das. Eigentlich.

Gerade sitzt er vor mir, hat sich zu mir umgedreht und erzählt etwas darüber, dass er plant, sich einen Hund zu kaufen. Glaub ich. Hoffentlich geht das hier bald los. Am besten, bevor er fragt, was ich davon halte, denn im Moment halte ich nicht besonders viel davon. Das klingt so, als würde er Hanna einen Ersatz für sich selbst suchen. Sobald wir das nächste Mal unter uns sind, muss ich ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Nicht weil ich etwas gegen Homosexualität habe – man kann sich schließlich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt, ich bin erwachsen genug, um das begriffen zu haben – sondern weil er wenigstens so ehrlich zu Hanna sein und den Mut haben sollte, es ihr zu sagen. Gut, vielleicht nicht, dass er ein Verhältnis mit einem Mann hat, das könnte zu viel des Guten sein, aber sagen sollte er’s. Hanna ist ein nettes Mädchen, sie hat es nicht verdient, hintergangen zu werden.

„Oh, sieh mal, da ist er“, unterbricht Seb seine Entscheidungsschwierigkeiten zwischen Schäferhund und Retriever plötzlich.

„Wer?“, will ich wissen.

„Der Ersatz für Pastor.“

„Hm.“ Interessiert mich das? Eher mäßig bis gar nicht, solange er mein Rennen nicht ruiniert. Kenne den Kerl schließlich nicht.

„Mann, Kimi, das ist Rune Lindström“, fügt Seb nachdrücklich an.

„Und das heißt was?“

Seb schüttelt den Kopf. „Das ist der, der in Jerez so große Töne gespuckt, aber nichts geleistet hat.“

„Aha.“ Dunkel, ganz, ganz dunkel erinnere ich mich, dass da was gewesen ist mit einem Williams-Testfahrer. Ich werfe einen Blick auf ihn, vielleicht bringt das mein Gedächtnis auf Touren, auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann. Wenn etwas Wichtiges mit dem Kerl wäre, würde ich mich ganz leicht erinnern. Aber das kann irgendwie nicht sein. Der sieht beileibe nicht aus wie ein hirnloser Randalierer oder Querschläger. Kurze, weißblonde Haare stehen vom Kopf ab, als hätten sie seit zwei Tagen keinen Kamm mehr gesehen, die leuchtend blaue Sonnenbrille bildet einen kreischenden Kontrast zu blasser Haut, und würde ich hier mit solchen Augenringen auflaufen – da bin ich sicher – würde man mich zuallererst fragen, wo ich am Vorabend feiern war. Aber er war nicht feiern. Ich bin Finne, ich erkenne einen verkaterten Menschen, wenn ich ihn sehe.

„Manchmal solltest du dich ein bisschen mehr für die Presse interessieren“, murmelt Seb und dreht sich um.

„Sollte ich… Bewundernswert, dass du das schaffst“, erwidere ich weich. Wir sind befreundet, seit wir 2007 zum ersten Mal gemeinsam geflogen sind, ich weiß, wie alles wieder ins Lot zu bringen ist und Seb nimmt es mir nicht übel, dass mir die Presse völlig egal ist. Im Gegenteil, an Tagen wie heute macht es ihm sogar Spaß, mir ein wenig unter die Nase zu reiben, dass er mehr mitgekriegt hat als ich.

Ein schalkhafter Blick aus graublauen Augen trifft mich. „Könntest du auch.“

„Will ich aber nicht“, antworte ich und kann mich nur mit Mühe davon abhalten, ihm wie ein kleines Kind die Zunge herauszustrecken.

„Ich weiß. Was machst du heute Abend?“

Eleganter Themenwechsel, Seb, das muss ich dir lassen. „Hab frei. Du?“

„Gehen wir essen?“

„Ja.“ Das kommt mir gelegen. Dann kann ich die Sache mit Hanna schon heute auf den Tisch bringen und muss es nicht noch länger mit mir herumschleppen.

„Und was ist mit Romain?“

„Was soll mit ihm sein?“, frage ich zurück.

„Es ist Donnerstag“, erwidert Seb trocken.

Ich winke ab. „Einen schafft er auch allein.“ Wir sind ja kein altes Ehepaar, nur weil wir ein, zwei Mal miteinander geschlafen haben. Sowas passiert. In anderen Ländern nennt man das Nachspiel, soll heißen, erst betrinkt man sich ordentlich und dann hat man einen One Night Stand, fertig, aus. Dass wir den Donnerstagabend normalerweise zusammen verbringen, hat damit überhaupt nichts zu tun. Das liegt an Romains Aberglauben. Er ist der festen Überzeugung, es brächte ihm Glück, seit er im Rennen nach unserem ersten Donnerstagabend mit einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel in Montreal Zweiter geworden ist.

„Wie du meinst.“ Überzeugt klingt Seb nicht. Vermutlich kann er’s auch nicht nachvollziehen. Für ihn scheint diese Sache mit Jenson ziemlich ernst zu sein, daran könnte das liegen, also lasse ich es fürs Erste auf sich beruhen. Sollte nur nachher dran denken, Romain zu sagen, dass es heute Abend nichts wird mit dem Brettspiel. So fair muss man schon sein, wenn man jemanden versetzt. Jetzt ist dafür keine Zeit, denn es geht los. Endlich! Das ist immerhin schon mal der Anfang vom Ende dieser Farce.
Und ich kann gut dazu beitragen, dass es etwas schneller geht. Das ist der Vorteil knapper und für die Journalisten unnützer Antworten. Seb redet genug für zwei, da kann ich mich, auch wenn wir keine Teamkollegen sind, locker kurz fassen. Aber sein dezenter Hinweis auf Pastors Ersatz hat dazu geführt, dass ich etwas aufmerksamer werde, als der erste das Wort an ihn richtet. Der Ersatz zuckt zusammen, fast so, als hätte er sich erschreckt. Würde mich nicht wundern, wenn’s so wäre. Das würde zu seiner Körperhaltung passen, zu den hochgezogenen Schultern, die er hatte, als er den Raum betrat.
Doch die Frage, die folgt, trifft selbst mich bis ins Mark:

„Pastor Maldonado kann wegen seines Unfalls nun nicht antreten. Freuen Sie sich, sein Cockpit übernehmen zu dürfen?“

Ich glaube, es war während einer Pressekonferenz noch nie so still. Die Frage ist fies. Sagt er die Wahrheit, werden sie ihn in der Luft zerfetzen, aber wenn lügt, wird es jeder wissen und im schlimmsten Fall – von dem man bei der Presse immer ausgehen sollte – werden sie ihm das dann auch unter die Nase reiben. Er hat nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln.
Alle starren ihn an. Bei Seb, Fernando und Lewis kann ich es sogar sehen, ohne den Kopf zu bewegen. Aber dieser Rune rührt sich nicht. Er sitzt nur da, mit scheinbar ausdruckslosem Gesicht und sieht den Journalisten an, als würde er auf irgendwas warten. Wir alle warten, aber auf seine Antwort, nicht darauf, dass einer von der Presse noch was sagt. Die wollen auch nur noch hören, was er dazu zu sagen hat.

Gefühlt vergehen Minuten und als er endlich antwortet, da ist seine Stimme so ruhig, dass es fast schon gruselig ist: „Finden Sie die Frage nicht respektlos und unangemessen?“

Niemand atmet auf, stattdessen scheint es so, als würde jetzt erst recht die Luft angehalten werden, und das nicht umsonst, obwohl der Reporter nichts dazu sagt. Gegen das Scheinwerferlicht kann ich nur erkennen, dass ein paar Leute die Köpfe zusammenstecken, doch was auch immer sie flüstern, ist so leise, dass es die drückende Stille nicht durchbricht.

„Weitere Fragen dieser Art werde ich nicht beantworten“, setzt dieser Rune nach. An seiner Stimme hat sich nichts verändert. Sie ist ruhig, monoton und irgendwie unheimlich, fast wie die eines Geists. Und dann lehnt er sich zurück, legt die Hände in den Schoß und schweigt wieder, während um ihn herum alles zu tuscheln beginnt. Vielleicht hätte ich der Presse doch ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken sollen… Aber jetzt kann ich nachher auch einfach Seb fragen. Er wird’s wissen und mir erzählen, so wie immer. Auf ihn kann ich mich als Freund verlassen.



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