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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 3.922
 
A/N: Danke an BecksDarcy, Balalaika, Madrilena, Tracy89, Nathi, Tiefseentraum und Sternengrau!





Kapitel 3 – Alles anders


Joakims POV

Es ist Mittwochmorgen, der Wecker hat gerade geklingelt, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen, aufzustehen. Die Nacht war viel zu kurz, obwohl ich ausgesprochen früh zu Bett gegangen bin. Das Problem besteht schlicht und ergreifend darin, dass ich mir noch stundenlang den Kopf über Rune zerbrochen habe und deswegen nicht einschlafen konnte. Geholfen hat es nicht. Ich bin kein Stück schlauer als gestern Abend. Rune raubt mir seit Montag den letzten Nerv, aber überraschenderweise nicht wie sonst im negativen Sinne. Er irritiert mich vielmehr. Es ist mir unmöglich, nachzuvollziehen, warum er sich von einem Tag auf den nächsten ganz anders verhält als sonst. Und mittlerweile kann man es nicht mehr auf den Kater schieben.

Gestern hatte Rune keinerlei Termine, Frank und Claire waren sich einig, ihm bis heute noch eine Schonfrist einzuräumen. Also habe ich es auch bei einer Trainingseinheit am Vormittag bewenden lassen. Wenn wir schon mal in Japan sind, dann sollten wir uns auch ein wenig umsehen, dachte ich. Es endete in einer Buchhandlung. Einer Buchhandlung! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Bis dahin hab ich Rune noch nie ein Buch in der Hand halten sehen, höchstens mal eine Sportzeitschrift oder eine Zeitung, aber die auch nur, wenn sie entsprechende Schlagzeilen hatte. Doch es endete tatsächlich damit, dass er zwei englischsprachige Bücher gekauft hat. Irgendwelche Krimis, wenn man nach dem Cover geht. Und damit nicht genug! Er hat mich anschließend ernsthaft gefragt, was ich noch machen wolle. Rune ist nie rücksichtsvoll. Es interessiert ihn nicht, wie es anderen geht, ob sie vielleicht gern was anderes machen würden als er. Ich stand da wie der letzte Depp. Mit sowas kann ja keiner rechnen! Mir ist da auch nichts Besseres eingefallen, als noch eine Trainingseinheit vorzuschlagen, um die Zeit bis zum Abendessen rumzukriegen. Ein paar offizielle Termine wären mir echt gelegen gekommen – aber den Physio fragt man bei solchen Sachen in der Regel nicht. Könnte sein, dass das auch gut so ist, denn aktuell weiß ich nicht, wie ich Runes auffällig verändertes Verhalten einordnen, bewerten soll. Claire hat es da leichter, sie verbringt eigentlich nicht mehrere Stunden am Tag mit ihm auf engem Raum.

Langsam setze ich mich auf und beschließe, duschen zu gehen. Vielleicht sorgt kaltes Wasser nicht nur für Erfrischung sondern auch für klarere Gedanken. Zwanzig Minuten später habe ich ersteres, aber von letzterem fehlt noch jede Spur. Wäre ja zu schön gewesen, wenn eine Dusche am Morgen Probleme lösen würde. Das einzig Positive, das man ihr abgewinnen kann, ist, anschließend startklar für den Tag zu sein. Und das ist unabdingbar, wenn man für Rune mitdenken muss. Der stellt sich ja nicht mal einen Wecker, die Aufgabe darf ich auch übernehmen. Es ist zum Kotzen!

Trotzdem stehe ich kurz darauf vor seiner Zimmertür. Nur noch bis zum Saisonende, ermutige ich mich, dann kann ich dies leidige Kapitel abschließen. Endlich. Ich klopfe, warte dann, obwohl ich eigentlich genau weiß, dass es nicht ausreicht, um ihn aus dem Bett zu kriegen. Ihn anzurufen ist jedoch keine Alternative. Er stellt sein Smartphone abends auf lautlos, und auf dem Hoteltelefon im Zimmer will ich nicht anrufen, solange es vermeidbar ist. Man weiß ja nie, wer da womöglich mithört. Doch gerade als ich die Hand hebe, um zum zweiten Mal zu klopfen, öffnet Rune die Tür. Ich bin überrascht, beinahe fassungs- und auf jeden Fall sprachlos. Das ist noch nie passiert.

«Komm rein», sagt er, «Bin gleich fertig.»

Zögernd betrete ich das Zimmer, schließe die Tür hinter mir und bin erneut erstaunt über die ungewohnte Ordnung, das Fehlen des aufgeklappten Koffers mit zerwühltem Inhalt am Fußende des Bettes.
«Seit wann bist du wach?», frage ich, um die Stille zu durchbrechen, während Rune sich die Schuhe anzieht.

Seine Antwort klingt verwaschen: «Weiß nicht.» Aussagekräftig an ihr ist nur das Schulterzucken, das Zittern seiner Hände, als er versucht, eine Schleife zu binden. Ich bin sein Physio, es gehört zu meiner Aufgabe, ungewöhnliche körperliche Reaktionen bei meinen Schützlingen zu erkennen, deswegen fällt es mir auf.

«Ist alles okay?», will ich postwendend wissen.

«Klar.»

Klar?! Das antwortet Rune nie auf diese Frage. Er sagt Sachen wie „Ja“, „Frag nicht“ oder „Lass mich in Ruhe“, und dann weiß ich, wie es ihm geht. So einfach ist das. Eigentlich. Verdutzt nähere ich mich dem Bett, auf dessen Kante er sitzt, die Schnürsenkel jetzt fallen- und die Schultern sinken lässt.
Irgendwas läuft hier gerade schrecklich falsch. Nein, nicht nur hier, schon seit Montag sichtbar, und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es Sonntag mit Maldonados Unfall angefangen hat. Deswegen hat er sich am Abend die Kante gegeben.

«Ist wirklich alles okay?», hake ich nach, will nicht der erste sein, der den Unfall anspricht. Rune muss es selbst zugeben, alles andere würde nichts bringen.

Keine Antwort. Er starrt weiterhin geradewegs seine Schuhe an. Kein gutes Zeichen. Sonst sagt er doch immer was! Plötzlich überkommt mich eine ungekannte Hilflosigkeit. So muss sich ein Vater fühlen, der nach dem Tod seiner Frau auf einmal allein mit seinem Kind ist, glaube ich. Zaghaft strecke ich die Hand aus, lege sie ihm auf die Schulter. «Hey, was ist passiert?»

Keine Reaktion, doch dann beginnen seine Schultern zu beben, ganz so als würde er gegen etwas ankämpfen, es bezwingen oder unter Kontrolle halten wollen. Wahrscheinlich sehe ich ihm jetzt zum ersten Mal heute Morgen richtig ins Gesicht, sonst wären mir die feuchten Spuren auf seinen Wangen schon lange aufgefallen. Hat er geweint?! Ich sehe noch genauer hin. Er hat geweint. Rune weint nicht! Er trinkt, pöbelt, knallt Türen zu, aber er weint nicht, niemals! Scheiße!

Es dauert mehrere zähe Minuten, bis er endlich spricht: «Erik. Er ist -» Er bricht ab, würgt, hustet und vergräbt das Gesicht schließlich in den Händen.

Daher weht also der Wind. Gut, eigentlich absehbar, nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass diese Wunde so sehr aufbrechen, es so schlimm werden würde.
«Willst du drüber reden?», höre ich mich fragen und fühle mich prompt wie die verständnisvolle, ewig Single gebliebene beste Freundin der weiblichen Hauptrolle in einer drittklassigen Kinoschnulze. Doch wenigstens bringt es Rune dazu, aufzuschauen und mich anzusehen, als hätte ich ihm gerade eine Fast Food-Woche erlaubt. Würde ich nicht tun, er liebt das fettige Zeug, hin und wieder ist es auch okay, aber eine ganze Woche lang? No way! Nur über meine Leiche. Dann kippt seine erstaunte Miene, wird von einem Augenblick zum nächsten von Verzweiflung überrannt.

«Worüber?! Er ist tot!» Seine Stimme ist ungewöhnlich hoch, schrill für seine Verhältnisse. Die Augen schimmern verdächtig feucht, erste oder erneute Tränen hängen ihm bereits in den Wimpern. «Tot, verdammt!»

Ich starre Rune regungslos an, merke gar nicht, wie meine Hand von seiner Schulter rutscht. Was soll ich tun? Was zum Teufel soll ich jetzt tun? Auf das hier bin ich nicht mal ansatzweise vorbereitet und sein Schluchzen macht es nicht besser. Was tut die beste Freundin in diesen Schnulzen denn immer, wenn die Hauptfigur in Tränen ausbricht? Vielleicht funktioniert das ja! Nein, nicht vielleicht, es muss funktionieren! Nur kann ich ihm nicht vorschlagen, dass wir den Zimmerservice rufen, uns bis morgen hier verschanzen, Dirty Dancing schauen und eine halbe Tonne Eiscreme verdrücken. Das ist ungesund, das kann Rune sich nicht leisten und außerdem hat er nachher noch einen Interviewtermin. Bis dahin muss er irgendwie wieder auf dem Damm sein, sonst haben wir ein Problem. Ob eine Umarmung allerdings ein passabler Ersatz für Eiscreme ist, weiß ich nicht, aber werde es vermutlich jetzt herausfinden.

Es ist seltsam, Rune wie ein kleines Kind in den Arm zu nehmen. Ich habe weder Kinder noch jüngere Geschwister oder sonstige Verwandte, an denen ich hätte üben können. Ihn scheint das jedoch nicht zu stören und ehe ich weiß, was passiert, hat er das Gesicht gegen meine Schulter gedrückt. Sein Schluchzen klingt nun erst recht erstickt, aber er hört nicht auf zu weinen. Mein T-Shirt ist schnell durchweicht, klebt an der Haut und ich muss dem Drang widerstehen, Rune von mir zu schieben. Diese Situation ist so absurd, dass sie mir nicht real vorkommt. Das hier muss ein Traum sein, irgendein verrückter Traum, den die Sintflut auf meinem Nachttisch verursacht hat. Wieder und wieder und immer wieder streiche ich Rune über den Rücken, mehr um mich selbst zu beruhigen als ihn.

Doch wie dem auch sei, irgendwann wirkt es und er rückt von mir ab, zieht die Finger fahrig durchs Haar, als wollte er es sich aus dem Gesicht schieben, dabei ist es viel zu kurz dafür. «Sorry», murmelt er.

Ich winke ab: «Passt schon.»

Rune schüttelt langsam den Kopf. «Tut es nicht.»

«Hä?»

«Es passt nicht. Erik ist tot und ich versteh’s nicht!»

Gut, dann sind wir ja schon zwei. Ich verstehe nämlich nicht, was er mir gerade sagen will. Er weiß doch besser als ich, was damals passiert ist. Er war schließlich dabei! Doch auf mich wirkt es, als wolle er, dass es ihm jemand erklärt, und ich bin einigermaßen im Bilde über den Unfall und die Tage danach. Also kann ich es zumindest versuchen. Hauptsache, er fängt sich wieder.
«Elina hat euch an Heiligabend von der Kartbahn abgeholt», beginne ich vorsichtig. Daniel hat mir das erzählt, ruhig und sachlich als würde er jemandem etwas Technisches erläutern, gleich nachdem ich den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. «Das Wetter war schlecht, das Auto ist von der Straße abgekommen und -»

«Erik ist ins Koma gefallen», beendet Rune meinen Satz. Er klingt heiser.

«Ja.»

«Und nicht mehr aufgewacht, bis er an Silvester -» Ihm versagt die Stimme.

Ich nicke. Dem kann ich nun wirklich nichts hinzufügen, was nicht unpassend klingen würde. Zumindest in meinen Ohren. Doch Rune scheint in Gedanken schon meilenweit voraus zu sein:

«Warum mache ich das hier dann noch?»

Jetzt stehe ich erneut auf dem Schlauch. «Hä?»

«Na, Rennen fahren», hilft er mir auf die Sprünge. Überraschenderweise klingt es nicht mehr so jämmerlich, sondern wirklich nur noch heiser und erschöpft.

«Keine Ahnung», räume ich wahrheitsgemäß ein, «Aber wenn’s dir falsch vorgekommen wäre, hättest du damals sicher aufgehört, meinst du nicht?»

«Erik hat das geliebt, oder?»

«Das Kartfahren? Ja, soweit ich weiß, hat er das», bestätige ich und zu meiner großen Überraschung seufzt Rune bloß und nickt dann. Plötzlich wirkt er irgendwie gefasst, ruhiger auf jeden Fall. Als ob er ein imaginäres Ziel erreicht hätte und jetzt endlich unter die Dusche kann. Oder in die Sauna. Und dann steht er auf.

«Ich wasch mir eben das Gesicht», sagt er und verschwindet im Bad. Ich bleibe verwirrt auf der Bettkante zurück. Das war ja mal richtig irreal!

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich weiß nicht, ob ich letzte Nacht überhaupt geschlafen habe. Die meiste Zeit muss ich ins Kopfkissen geschluchzt haben. Zumindest kommt es mir so vor. Aber jetzt geht es mir halbwegs besser, auch wenn es noch weit von gut entfernt ist. Es ist tröstlich, dass Erik das Kartfahren geliebt hat, dass ich etwas tue, was er geliebt hat, dass ich es für ihn tue. An diesen Gedanken klammre ich mich mit aller Kraft. Erik hat es geliebt, ich tue es für ihn, in seinem Andenken. Völlig gleich, wie idiotisch das sein mag. Aber ich werde mich nicht wieder dazu hinreißen lassen, vor irgendjemandem derart in Tränen auszubrechen wie heute Morgen vor Joakim. Weinen kann ich, wenn ich allein bin, wenn es niemand mitkriegt.

Nervös zupfe ich am T-Shirt herum. Eigentlich halte ich nicht viel davon, wie ein Werbeplakat herumzulaufen, doch ich habe keine Wahl. Es gehört eben dazu, die Logos der Sponsoren bei offiziellen Terminen spazieren zu tragen. Man muss kein Genie sein, um da allein drauf zu kommen. Geld bewegt die Welt, wie es so schön heißt. Und auch die Menschen in Einkaufszentren. Warum dieses Interview aber unbedingt in einem Einkaufszentrum stattfinden muss, ist mir ein Rätsel. Es gibt bestimmt hundert Orte, die geeigneter dafür wären. Ganz davon abgesehen, dass Valtteri Bottas auch da sein wird und ich nicht sicher bin, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll. Eigentlich würde ich nicht lange zögern, mit einem Finnen auch Finnisch zu sprechen, ungeachtet dessen, dass er in der Schule wohl Schwedisch gelernt hat und ich es deswegen vielleicht nicht müsste. Nur an dieser Stelle muss ich an das Telefonat mit meiner Mutter denken. Sie hat gesagt, ich müsse ihretwegen nicht Finnisch lernen. Somit ist davon auszugehen, dass ich es eigentlich nicht kann und demzufolge bisher auch mit niemandem gesprochen habe.

Joakim links von mir schweigt verbissen, seit wir in der Tiefgarage aus dem Auto gestiegen sind. Claire hat einen Mietwagen besorgt, ist aber die Einzige von uns, die ihn fahren darf. Weder Joakim noch ich haben eine japanische Übersetzung unseres Führerscheins. Nicht, dass ich jetzt besonders böse drum wäre, so wie Claire flucht – wie ein Hufschmied nämlich – will ich hier gar nicht Auto fahren. Rechts von mir mokiert sie sich nämlich seit dem Hotel, dass wir zu spät kommen werden. Tun wir nicht wirklich. Für meinen Geschmack ist eine Dreiviertelstunde zu früh ziemlich pünktlich. Aber momentan hab ich auch keinen Schimmer, was man vor einem Fernsehinterview alles vorbereiten muss.
Allerdings sind wir offenbar die letzten, die eintreffen. Nachdem ich mir nach dem Mittagessen zwei Stunden lang Bilder der mehr oder weniger wichtigsten Teammitglieder angesehen habe, ist es mir jetzt möglich, meinen Fahrerkollegen, seinen Manager und eine Pressesprecherin sicher zu identifizieren. Es hätte schlimmer kommen können.

Und es kommt schlimmer. Natürlich tut es das, das tut es immer, wenn man gerade dachte, aus dem Schneider zu sein. Hätte mir nicht jemand eher sagen können, dass mir jemand minutenlang mit einer Puderquaste im Gesicht rumfuchteln wird? Das Zeug kribbelt und kitzelt ganz entsetzlich in der Nase, bringt mich ständig zum Niesen und bringt die Make-up-Frau zum Kichern. Aber als ob das noch nicht genug wäre, werde ich das Gefühl nicht los, dass Valtteri keine Gelegenheit verstreichen lässt, um mir finster Löcher in die Rücken zu starren. Ich kann seine Blicke förmlich auf der Haut brennen fühlen. Mit ihm habe ich es mir offenbar auch schon verscherzt. Das würde zumindest sein gepresstes „Hi“ erklären.
Kann sich nicht ein Loch im Boden auftun, in dem ich versinken kann?!

Doch es taucht selbstverständlich kein Verschwindeloch auf, sodass ich mich zwanzig Minuten später lächelnd neben Valtteri auf einer rosa Plüschcouch zwischen einer hellblauen Wand und einem halben Dutzend Kameras wiederfinde. Von den Scheinwerfern will ich gar nicht anfangen. Wenn das hier lange dauert, dann ist jede Weltmeisterschaft im Saunieren ein Witz dagegen.
Nur mit Mühe kann ich Claire, Joakim und die Williams-Pressesprecherin, nein, es ist nicht Claire Williams selbst, noch hinter den Kameraleuten erkennen. Es blendet einfach zu stark.  Valtteri scheint sich im Gegensatz zu mir weitaus weniger Gedanken um solche lästigen Begleiterscheinungen zu machen. Andererseits ist er Dinge wie das hier auch gewohnt. Gut, ich sollte das auch sein, dumm nur, dass ich mich nicht dran erinnere. Ich muss dringend mal nachsehen, was das Internet über Paralleluniversen hergibt.

Als der Moderator endlich antanzt, stelle ich fest, dass er eine Frau ist. Eine kleine zierliche Frau mit rosa Haarband, passend zur Couch. Jetzt würde ich sehr gerne flüchten, geht natürlich nicht. Ginge nicht mal, wenn ich es dürfte, denn meine Beine verweigern den Dienst und das Mittagessen im Bauch schiebt Panik. Außerdem würde ich bei der Beleuchtung hier gar nicht sehen, wo ich hinlaufe. Wahrscheinlich würde mich eine der Kameras oder ein Scheinwerferstativ gnadenlos ausknocken. Der Finne neben mir wirkt allerdings immer noch grotesk gelassen. Insgeheim hoffe ich, dass das nur sein Pokerface ist, aber danach fragen kann ich ihn schlecht. Würde er bestimmt nicht so gut auffassen. Und dann ist die Zeit zum Nachdenken vorbei. Der Aufnahmeleiter zählt uns an wie einen Boxer, der gerade Bekanntschaft mit dem Boden des Rings gemacht hat, nur mit dem Unterschied, dass er runter zählt, nicht rauf.

Dann geht es los, so schnell, dass ich es kaum richtig mitkriege, weil ich mich so sehr auf das seltsam akzentuierte Englisch der Moderatorin konzentrieren muss. Es wäre ziemlich peinlich, sie falsch oder im schlimmsten Fall gar nicht zu verstehen. Konzentration unterdrückt Panik, gut zu wissen. Die ersten Fragen sind leicht. Kein Wunder, zuerst hat Claire mir wie einem Kleinkind erklärt, was ich sagen darf und was nicht. Die Pressesprecherin hat das auch noch mal getan. Nur da bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich alles gehört habe, weil ich ja ständig niesen musste. Auch jetzt kitzelt der Puder noch verdächtig unangenehm in meiner Nase, nur wenn ich jetzt niese, kriegt es die ganze Welt oder zumindest ganz Japan mit. Verdammt.
Angestrengt reibe ich mit der Zunge über den Gaumen. Meist hilft das, auch wenn es sich irgendwie eklig anfühlt. Ein wenig so, als würde man eine Nacktschnecke streicheln, und absurderweise entspannt mich das nach einer Weile auch. Die Moderatorin spricht sowieso die meiste Zeit mit Valtteri, der seit dem Kanada-GP durchaus noch ein paar weitere Kunststücke hingelegt hat. Mich haben sie wohl nur dazu geholt, weil ich der Ersatzmann und Teamkollege bin. Oder sie hat einen Narren an Valtteri gefressen. Die Vorstellung finde ich lustig, lehne mich sogar etwas zurück – und bin froh, dass dieser Kelch an mir vorübergeht.

Wenigstens für ein paar Minuten, denn dann scheint sie der Ansicht zu sein, auch meiner Person wieder etwas Aufmerksamkeit widmen zu können. Leider nicht so ruhig und spießig, wie ich mir das gewünscht hätte. Denn eines ist klar, auf die Ankündigung, es sei etwas vorbereitet worden, folgt nur höchst selten etwas Angenehmes. Und in diesem Interview wird da keine Ausnahme von der Regel gemacht.

„Ihr tragt immer Rennschuhe, die ganz dünne Sohlen haben, stimmt das?“

Wir nicken halbwegs synchron.

Sie bückt sich, hebt zwei Kartons vom Boden auf, auf die zumindest mir der flache Tisch zwischen uns bisher die Sicht versperrt hat. Valtteri runzelt ein wenig die Stirn. Ihm scheint das genauso unheimlich zu sein wie mir.

„Hier drin sind Plateauschuhe.“ Sie öffnet beide Kartons und Sekunden später blinkt uns glitzernd und rosa Hello Kitty entgegen. „Tut ihr mir den Gefallen und zieht sie an?“ Ihr Augenaufschlag ist herzerweichend, auch wenn das wohl hauptsächlich den falschen Wimpern zu verdanken ist.

„Ja, klar.“ Die Zustimmung geht mir fast schneller von der Zunge als ich denken kann. Aber das ist ja egal, immerhin hab ich mehr oder weniger Dank Joakims bescheuertem Einfall gelernt, wie man in Plateauschuhen nicht wie ein mit Wodka zwangsernährtes Fohlen aussieht. Und ein wenig Experimentierfreudigkeit kann nach der grausigen Jerez-Presse kaum noch Schaden anrichten und die fünf Zentimeter hohe Sohle ist keine abschreckende Herausforderung.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Ich möchte am liebsten die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Hat Rune gerade ernsthaft zugestimmt, diese Schuhe anzuziehen?! Er wird sich was brechen! Sowas hat er doch noch nie angehabt! Himmel, Claire killt mich! Was auch immer ihn zurzeit reitet, es ist definitiv nicht gut für seine und noch weniger für meine Gesundheit. Immerhin werde ich schon ganz merkwürdig, geradezu finster aufs Korn genommen.
Aber Rune ist schon eifrig dabei, das für ihn gedachte Paar anzuziehen. Valtteri folgt seinem Beispiel, sieht allerdings nicht mal ansatzweise so aus, als würde ihm das Spaß machen. Vielleicht sollte ich mir schon mal einen guten Fluchtplan überlegen und mich bis Sonntagabend im Hotelzimmer verschanzen, auch wenn die Chancen schlecht stehen, dass Claire sich bis dahin wieder beruhigt hat, sollte hier etwas schiefgehen. Und an das, was mir mit Valtteris Manager bevorsteht, will ich gar nicht erst denken. Die halten mich schließlich allesamt für Runes Stimme der Vernunft. Pah, als ob ich da irgendeinen Einfluss hätte.

Und was - Nein! Kann mich mal wer kneifen? Flirtet er jetzt obendrein mit der Moderatorin?! Das darf doch alles nicht wahr sein. Oh Gott, er tut’s wirklich. Plötzlich nage ich an meinen Fingernägeln, mache Biber und Baumstamm gnadenlos Konkurrenz. Er bindet die letzte Schleife mit Glitzerflitterschnürsenkeln und steht auf. Ich will nicht hinsehen, aber es ist wie bei einem Unfall mit Tempo 150 auf der Autobahn, man kann einfach nicht wegschauen. Gleich, gleich wird er umknicken und sich den Knöchel mindestens schlimm verstauchen. Ich weiß es, ich seh’s ja schon vor meinem inneren Auge. Ah, noch steht er nur. Bitte, bitte, Rune, bleib stehen, beweg dich nicht! Er macht einen Schritt und - Da! Hab ich’s nicht gesagt? Ich hab’s doch ge-
Nichts passiert. Er steht noch, ganz ruhig, ohne Wackeln und Schwanken.

„Lass das!“, zischt Claire, packt mein Handgelenk und zieht meinen Arm mit einem Ruck nach unten. Meine Zähne schlagen schmerzhaft aufeinander, als die Fingernägel plötzlich weg sind. „Die wirst du noch brauchen, wenn wir hier fertig sind, das schwöre ich dir!“

„Aber -“, setze ich im Flüsterton an, werde jedoch eiskalt von ihr abgewürgt: „Wenn sich einer von beiden auch nur den kleinsten Kratzer holt, reiß ich dir so den Arsch auf, dass du dir wünschen wirst, niemals geboren worden zu sein!“

Hab ich’s nicht gesagt?! Ich bin erledigt, ich bin sowas von tot! Töter geht gar nicht. Und jetzt steht auch noch der Finne auf! Oh Gott, oh Gott, oh Gott, kann mich nicht einfach der Blitz treffen?! Der kann mir niemals so wehtun wie Claire es kann. Keine Furie ist schlimmer als sie, wenn sie wütend ist. Dann kuscht selbst Rune vor ihr und der ist eigentlich echt hemmungslos abgebrüht.
Doch es ist noch nicht vorbei! Immer, wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen, kommt es schlimmer! Warum kann ich nicht aufhören zu denken?! Jetzt fragt Rune auch noch, ob sie nur dastehen oder nicht vielleicht doch ein wenig rumlaufen sollen, wo sie die Schuhe schon mal an haben. Bitte, Gott, gläubig bin ich zwar eigentlich nicht, aber mach, dass das hier nur ein böser Traum ist! Bitte lass mich aufwachen! Jetzt kann ich mir doch nicht mal mehr die Hände vors Gesicht schlagen, weil Claire den einen Arm immer noch eisern festhält. Jede Wette, sie wird erst richtig zudrücken, wenn da was schiefgeht.

Die Moderatorin ist begeistert, was sonst? Ich werfe einen zaghaften Blick zu Valtteris Manager und kriege einen zurück, der mir ohne Zweifel die Lungenpest an den Hals wünscht. Der steht dem seines Schützlings allerdings in kaum etwas nach. Valtteri sieht keinesfalls so aus, als würde ihm die Veranstaltung noch Spaß machen. Okay, würde wahrscheinlich niemandem Spaß machen, der sich mit Plateauschuhen wie ein watender Storch bewegt – und das vor Fernsehkameras! Rune hingegen hüpft – sowohl zu meinem Erstaunen, als auch zu meiner großen Erleichterung – wie ein Reh neben der Moderatorin her. Der Unterschied könnte kaum gravierender sein.
Nur warum müssen sie jetzt unbedingt Eis kaufen? Das passt im Moment absolut nicht in Runes Ernährungsplan! Wir haben die zwei Kilo doch gerade erst runter gehabt. Aber vielleicht bin ich aus dem Schneider, wenn ich Claire erkläre, dass Rune heute Morgen einen Zusammenbruch hatte und das jetzt nur getan hat, um sich davon abzulenken, wie sehr ihn Maldonados Unfall aufwühlt. Sie ist eine Frau, für solche gefühlsduseligen Dinge muss sie doch Verständnis haben.

Nein, hat sie nicht, stelle ich eine halbe Stunde später fest, Valtteris Manager übrigens auch nicht, aber der ist schließlich ein Mann, da war mit sowas zu rechnen. Doch während er sich nur bei Claire und der Pressesprecherin beklagt, sie sollen beim nächsten Mal dafür sorgen, dass Rune solchen Unfug nicht wiederholt, wirft Claire mir an den Kopf, wir würden uns über die Sache später im Hotel eingehend unterhalten.
Rune kriegt davon jedoch nichts mit. Er braucht noch gute zehn Minuten, um das heitere Flirten und Kichern mit der Moderatorin zu beenden. Dann kommt er breit grinsend und mit dem Schuhkarton unter dem Arm zu uns. Himmel hilf! Die haben ihm die Schuhe geschenkt! Das ist mein Todesurteil.



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