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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
02.07.2013 4.093
 
A/N: Danke an TheOne, Napoleon90, Silvana, Balalaika, Madrilena, Pericoloso, Tracy89 und Sternengrau (3x!).




Kapitel 38 – Going Home


Sergios POV

Das Herz schlägt mir bis zum Hals und stur starre ich geradeaus auf die Rückenlehne des Sitzes vor mir. Jetzt nur keinen Blick zu Lindström wagen. Es ist sowieso schon bekloppt genug, zu versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Nach der Aktion auf dem Herrenklo hat er keinen Grund mehr, überhaupt zu reagieren. Nicht, nachdem ich mich wie der hirnloseste Idiot auf Erden benommen habe und -

„Perez.“

Es ist eine Katastrophe, wie er meinen Namen ausspricht, nichtsdestotrotz die beste Katastrophe seit Wochen. Aber noch mal will ich’s nicht hören, wenn’s sich irgendwie vermeiden lässt – und das lässt es sich auf jeden Fall!

„Checo“, sage ich und riskiere nun doch einen Blick auf ihn, einen sehr kurzen, noch halb aus dem Augenwinkel. Er schmunzelt, obwohl er auf sein Buch starrt. Nervös wische ich mir die Hände an der Hose ab. Es fühlt sich an, als würden sie zerfließen.

„Checo“, wiederholt er dann ohne aufzuschauen. Am liebsten würde ich genervt die Augen verdrehen, obwohl es besser klingt als vorher, aber so war es nicht gemeint. Ich dachte, er würde mir im Gegenzug auch... Naja, egal. Was hab ich denn erwartet?

„Es ist nicht deine Schuld“, bringe ich heraus und endlich ist es draußen. Das musste sein, nachdem irgendein Computer beschlossen hat, uns hier quasi nebeneinander zu setzen. Sowas passiert nicht rein zufällig.

„Okay.“ Er klingt nicht besonders... Eigentlich hört er sich völlig emotionslos an, als sei es ihm egal, dass ich gerade versuche, mich zu entschuldigen und nicht weiß, wie ich das anstellen soll. Er sieht mich nicht mal jetzt an, blättert stattdessen eine Seite in seinem Buch um und liest weiter, als wäre nichts geschehen.

Ich presse die Kiefer aufeinander, um nicht irgendwas zu sagen, das ich gleich wieder bereuen würde, weil das Temperament mit mir durchgegangen ist.

*** ~~~ ***


Romains POV

Jetzt bereue ich es doch, den frühsten Flug nach Europa gebucht zu haben, den ich mir vorstellen konnte, zu nehmen. Hätte ich es ein wenig ruhiger angehen lassen, dann... Ich kann das Lächeln nicht unterdrücken, dabei weiß ich eigentlich nicht mal, wie das gestern überhaupt alles passieren konnte. Es ist einfach passiert.

Und es fühlt sich gut an.

Ich fühle mich überraschend befreit, losgelöst von all der Unsicherheit Kimi betreffend, die mich in den letzten Wochen schier gefesselt hat. Dabei ist das alles komplett verrückt! Es ist verrückt, dass ich erst einen Dreier mit Jean-Éric und Charles haben musste, um wieder zu Verstand zu kommen! Aber es ist gut.
Es ist so gut, dass Jean-Pierre mich schon gefragt hat, was los ist. So hätte er mich seit Wochen nicht mehr erlebt. Mir müsse eine ganze Palette Pflastersteine vom Herzen gefallen sein. Vom Gefühl her trifft es das, schätze ich. Es hat mich nicht mal deprimieren können, Kimi vorhin im Hotel über den Weg zu laufen, als ich zurück in mein Zimmer wollte. Es ist total verrückt!

Doch jetzt merke ich, wie ich langsam ruhiger werde. Während des Fluges kann man ja eigentlich auch nicht viel tun, da ist es normal, dass man runterkommt und sich über kurz oder lang entspannt. Meine Gedanken beginnen von ganz allein, sich treiben zu lassen, als ich die Augen schließe. Vergangene Nacht habe ich sie lange nicht geschlossen, obwohl ich nicht mehr als Umrisse und Schatten erkennen konnte in der Dunkelheit des Hotelzimmers. Trotzdem habe ich Jean-Érics Hand betrachtet, bilde mir das zumindest ein. Seine Finger, die kurzgeschnittenen Nägel, die Gelenke, die dunklen Härchen auf dem Handrücken, den Kratzer am Ringfinger, einfach alles. Und dazu die Erkenntnis, dass seine Hände viel weicher sind als Charles’. Dabei sollte man das gar nicht glauben, wenn man die beiden sieht. Da denkt man eigentlich, es sei umgekehrt – wenn man überhaupt daran denkt.
Ich wäre nicht mal darauf gekommen, dass sie ein Paar sein könnten. Dafür sieht man Jean-Éric doch viel zu häufig zusammen mit Jules. Aber vielleicht ist das ihr Trick... Danach habe ich natürlich nicht gefragt, obwohl ich so viel geredet habe, zuerst mit Jean-Éric, bis ich eingeschlafen bin und heute Morgen mit Charles. Mit Jean-Éric über die Vergangenheit und mit Charles über die Zukunft. Verrückt...

Als ich aufgewacht bin, war Charles schon wach, geduscht und angezogen und saß am Fußende des Bettes zwischen Jean-Érics Füßen und meinen, hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah uns offenbar beim Schlafen zu.

-Na, gut geschlafen?- Charles streicht sich ein paar eindeutig noch handtuchfeuchte, vorwitzige Haarsträhnen aus der Stirn, während ich ein paar Mal blinzeln muss, damit meine Augen auf scharf umstellen.

-M-hm-, bringe ich dann heraus. So gut habe ich schon seit Wochen nicht mehr geschlafen, wenn ich ehrlich sein soll. Es war warm und weich und ich habe mich wirklich wohlgefühlt, nachdem ich mich erst mal an Charles’ Rücken gekuschelt hatte. Zugegeben, es hat Jean-Érics Hand ein klein wenig eingequetscht, aber er hat sich nicht darüber beklagt, also wird’s okay gewesen sein, denke ich.

-Gut.- Das Lächeln auf Charles’ Gesicht könnte kaum zufriedener sein, er kaum hübscher als in diesem Augenblick. Ich kann nicht anders als ihn anzustarren, als hätte ich ihn nie zuvor gesehen. Er ist einfach bezaubernd und es wundert mich kein bisschen mehr, dass er und Jean-Éric zusammen sind. Wie hätte Jean-Éric ihm denn widerstehen sollen?

-Sag mal...- Er zupft an meinem kleinen Zeh, ich bin so schlaftrunken, dass ich ob seiner kalten Finger nicht einmal zucke. -...seid ihr noch lange wach gewesen?-

-Ich glaube schon-, räume ich ein. Genau werde ich das nicht sagen können, weil keiner von uns einen Blick auf die Uhr geworfen hat. Wäre im Dunkeln und außer Reichweite unserer Mobiltelefone auch schwer gewesen, etwas zu erkennen, und Jean-Éric war dagegen, die Nachttischlampe einzuschalten.

Charles verzieht ein klein wenig missmutig das Gesicht. -Das ist total blöd!-, stellt er dann fest, -Hab ich was verpasst?-

-Nicht wirklich-, antworte ich, -Wir waren die meiste Zeit eh still.-

-Aber nicht die ganze Zeit?-

-Nein, wir haben uns schon etwas unterhalten, wenn du das meinst.-

Er nickt, fragt aber nicht weiter, worüber wir gesprochen haben. Es irritiert mich etwas, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich von mir aus mit der Sprache rausrücken soll. Abgesehen von der Sache mit Lindström und Kimi waren es nur Belanglosigkeiten. Wir haben kein Wort darüber verloren, dass wir kurz zuvor Sex miteinander hatten. Mir wäre es auch viel zu peinlich gewesen, darüber zu sprechen... Es war ja nicht irgendwas langweilig Durchschnittliches! Zumindest für mich nicht, und wenn ich jetzt daran denke... Es jagt mir einen Schauer über den Rücken.

-Alles in Ordnung?- Charles streicht mir mit dem Daumen über die Fußsohle, jagt mir damit nur das nächste Kribbeln die Wirbelsäule entlang.

-Ja, klar, wird nachher im Flieger bestimmt etwas unangenehm mit dem langen Sitzen, aber... naja, das ist’s mir wert.-

-Unangenehm? Ehrlich? Du, Romain-, Charles beugt sich ein wenig vor und senkt verschwörerisch die Stimme, -ich weiß ja nicht, wie Kimi das macht, aber bei Jean brauchst du dir wegen sowas nicht den Kopf zerbrechen, glaub’s mir. Er hat zwar keine Ahnung, wie er das schafft, aber ich hab bisher am Tag danach noch nie irgendwelche Probleme mit dem Sitzen gehabt.-

Ich weiß  nicht, was ich sagen soll. Mit so viel Offenheit habe ich nicht gerechnet, sodass sie mich nun regelrecht erschlägt. Statt einer Antwort setze ich mich also erst mal auf, um Zeit zu schinden – und siehe da! Nichts. Es fühlt sich weitestgehend normal an. Ganz anders als nach dem Sex mit Kimi. Aber, das muss ich zugeben, Jean-Éric war wirklich... vorsichtig? Irgendwie schon, doch das Wort trifft es nicht ganz. Ja, er war vorsichtig, aber auch... irgendwie zärtlich. Er hat da scheinbar viel mehr Gefühl reingesteckt als Kimi.

-Und?-, reißt Charles mich aus meinen Gedanken, -Tut’s weh?-

-Nein.-

-Na also! Was auch immer Kimi da mit dir gemacht hat, er hat offenbar keinen Schimmer davon, wie man’s ordentlich macht.-

Irritiert blinzle ich. -Ordentlich?-

-Ja, ordentlich. Du weißt schon, ordentlicher Sex ist, wenn alle Spaß dran haben und sich anschließend gut fühlen.-

-Ah ja.- Hört sich für meine Ohren gerade gehörig nach Utopie an.

-Hattest du letzte Nacht Spaß?-

Ich nicke.

-Und geht’s dir jetzt gut?-

Ich nicke erneut.

-Fühlst du dich irgendwie schlecht, weil du einen Dreier mit uns hattest?-

-Nein.- Nicht mal ein kleines bisschen. Es stört mich auch nicht, dass sie zusammen sind und ich quasi das fünfte Rad am Wagen bin. Da weiß ich wenigstens genau, wo ich stehe, und brauche mir gar nicht erst Hoffnungen zu machen, mit einem von ihnen zusammenzukommen. Und gestern ist uns allen Dank des Alkohols nur der Pioniergeist durchgegangen. Es hätte definitiv schlimmer kommen können!

Und wie es das hätte!

Ich ziehe die Decke etwas höher, die ich bekommen habe und schließe die Augen, um etwas Schlaf nachzuholen. Charles hatte sowas von recht. Selbst jetzt, nach zweieinhalb Stunden im Flugzeug habe ich noch keine Probleme mit dem Sitzen. Wäre ich gestern bei Kimi gelandet, würde das nun anders aussehen. Dann wäre dieser Rückflug eine einzige Tortur geworden. Da will ich gar nicht wissen, wie es Lindström geht. Er könnte einem ja fast leidtun. Aber eben nur fast.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich fühle mich beobachtet, wenn nicht von Joakim, dann auf jeden Fall von Perez. Claire neben mir schläft schon seit einer Weile. Hat sie auch nötig, denke ich. Sie war die ganze Zeit über unterwegs und am Arbeiten, um ein Cockpit für mich zu organisieren. Hauptsächlich zumindest. Ein paar andere Dinge hat sie auch noch erledigt. Ich glaube, sie hat ein paar Nachwuchsfahrern Angebote ihrer Agentur vorgelegt. Was das angeht sind sie und Anthony ja ziemlich umtriebig, wie ich bereits feststellen konnte.

Schlafen würde ich auch gerne, doch es geht nicht. Einerseits, weil ich mich beobachtet fühle, und andererseits, weil ich nicht mehr weiß, wie ich mich hinsetzen könnte, damit ich nicht mehr spüre, wie wund ich bin. Ich hatte ja schon einige Gelegenheitsficks, aber ich kann mich nicht daran erinnern, bei einem von ihnen je so durchgenommen worden zu sein. Das war wirklich ein ganz harter Ritt letzte Nacht. Nicht, dass ich bei sowas besonders viel Wert auf Zärtlichkeit legen würde – das ist für mich nicht Sinn und Zweck der Sache –, aber das macht den Sex im Nachhinein auch nicht weniger heftig. Und ich werd’s mir zweimal überlegen, ob das ’ne Wiederholung wert ist, ganz bestimmt.
Missmutig klappe ich das Buch zu. Die aktuelle Seite habe ich jetzt bestimmt schon ein halbes Dutzend Mal gelesen, ohne sie richtig zu verstehen. Vielleicht kann ich ja wenigstens dösen, wenn ich einfach die Augen zumache und lange genug  geschlossen lasse. Manchmal funktioniert das.

„Es ist dir egal, oder?“

Überrascht sehe ich Perez an. Keinen Schimmer, was er nun schon wieder will und was das heißen soll. Dementsprechend bringe ich auch nicht mehr als ein „Hä“ heraus.

„Dir ist egal, was da im Terminal passiert ist“, wird er präziser.

Ich zucke die Achseln: „Ja, ist es, und?“

Das ist eine glatte Lüge. Es ist mir nicht egal, weil ich eben immer noch nicht weiß, was ihn so hat reagieren lassen. Irgendwas muss es mit mir zu tun haben, das steht wohl außer Frage, nachdem er mir zuallererst die Schuld woran auch immer gegeben hat.

Er sagt nichts, sieht mich nur undefinierbar an, sodass ich mich genötigt sehe, hinzuzufügen:

„Ich kann mich jetzt echt nicht um alles kümmern, was ich angeblich irgendwann irgendwo gemacht haben soll. Genauso wenig kann ich mich in all diesen Kram emotional einbringen. Es ist mir sogar scheißegal, was da passiert ist, Checo. Wir wissen beide, wie gut du mit Valtteri kannst und dass er alles andere als gut auf mich zu sprechen ist. Belassen wir’s einfach dabei und vergessen den Scheiß.“

„Das geht nicht!“

Es klingt leicht panisch, würde ich sagen, wenn das nicht so abwegig wäre. Perez hat nun wirklich keinen Grund, Panik zu schieben. Es ist doch alles gut und ich hab noch nirgendwo über mich gelesen und zu hören gekriegt, dass ich zum Prügeln oder hinterhältigen Racheaktionen neigen würde. Bisher schien mein altes Ego auch eher der direkte Typ zu sein.

„Natürlich geht das“, beharre ich prompt, „Wieso sollte es nicht gehen? Wir haben eh so gut wie nichts miteinander zu tun. Ändert sich doch nichts.“

„Tut es nicht, stimmt, hat’s sich nämlich längst“, faucht er zurück und wieder ist mir schleierhaft, worauf er hinaus will. Für mich spricht er schlicht in Rätseln und mehr als ein verwundertes „Ach“ bringe ich nicht zustande.

Perez schnaubt: „Ich kann gar nicht mehr mit Valtteri!“

„Seit wann das?“, hake ich postwendend und jetzt unüberhörbar überrascht nach. Die beiden hingen doch noch bis gestern dauernd zusammen rum, wenn’s möglich war. Das soll sich ernsthaft über Nacht geändert haben? Perez will mich verarschen, ganz bestimmt!

„Seit vorhin, wir haben... nein, er hat... ach, vergiss es.“

Schlagartig genervt verdrehe ich die Augen. „Rückst du von allein mit der Sprache raus oder muss ich nachbohren, wenn ich wissen will, was passiert ist? Das werde ich nämlich nicht tun, Perez.“
Demonstrativ schlage ich mein Buch wieder auf. Ich mach mich doch hier nicht zum Affen! So weit kommt’s noch! Zwar liegen mir noch weitere, eher fiese Dinge auf der Zunge, die ich ihm jetzt um Ohren hauen könnte, aber das muss nicht sein, wenn es nicht nötig ist. Man weiß ja nicht, was er als nächstes mit Valtteri austüftelt, also sollte ich jetzt besser nicht alles Pulver verschießen.
Also ist es wohl das Klügste, sich wieder mit den Morden eines vermutlich homophoben Irren zu beschäftigen, die Kungsholmen in Atem halten, wenn ich schon keine Chance bekomme, es ernsthaft mit dem Einschlafen versuchen zu können.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt gestern Abend, um nicht zu sagen, ganz anders. Ja, der Entschluss, Lindström abzufüllen, kam ziemlich spontan, das steht wohl außer Frage, und ich will auch nicht behaupten, es sei eine Idee, auf die ich auch ohne Alkohol gekommen wäre. Normalerweise legt man nicht denjenigen flach, den man mit einem Freund verkuppeln will. Doch mir schien das gestern ein guter Einfall zu sein. Man kauft ein Auto in der Regel ja auch nicht ohne Probefahrt, also kann man jemanden auch nicht als guten Freund vermitteln, wenn man nicht weiß, wie er im Bett ist. Am Ende verkuppelt man seinen guten Freund mit einer Niete im Bett – und das will man nicht!

Nüchtern erschließt sich mir diese Logik allerdings nicht mehr vollständig.

Vielleicht liegt das auch daran, dass Lindström mich so eiskalt hat sitzen lassen. Romain hat das nie getan. Ich denke, er wäre nicht mal auf so eine Idee gekommen, anhänglich, wie er war. Romain wäre nie so abgebrüht! Bei ihm wusste ich immer genau, woran ich bin. Aber Lindström... Um nicht durch ein scheinbar aus dem Nichts kommendes Kopfschütteln Aufsehen zu erregen, fahre ich mir nur mit der Hand durchs Haar. Dabei hab ich am Sex eigentlich sonst nichts auszusetzen. Ich habe zwar nicht unbedingt damit gerechnet, dass er sich so herumkommandieren lassen würde, doch jetzt... wenn ich so darüber nachdenke, alles Revue passieren lasse... Vielleicht ist das seine Masche.

Vielleicht lässt Lindström sich mit voller Absicht abschleppen, gibt sich ein bisschen devot – möglicherweise steht er darauf, das könnte noch hinzukommen! –, lässt sich durchvögeln und geht anschließend wieder, als sei nichts geschehen. Das hätte dann allerdings den unbestreitbaren Vorteil, dass er äußerst diskret vorgehen müsste, um nicht aufzufliegen und dadurch seine Karriere vorzeitig zu beenden – was auch nicht das schlechteste ist.

Also kann man zusammengefasst sagen, Lindström ist ein ziemlich geeigneter Kandidat für meine Verkupplungspläne. Habe ich sehr gut ausgesucht. Aussehen stimmt, er ist gut im Bett, scheint diskret zu sein und Seb versteht sich mit ihm. Ich hätte auch richtig danebenliegen können, aber...

...

Mir persönlich ist Romain lieber. Da weiß ich, woran ich bin und da gibt’s keine negativen Überraschungen, abgesehen von seinem zickigen Verhalten in den letzten Wochen, doch das sollte sich nach der Vertragsverlängerung wieder legen. Ich gebe ihm eine Woche, spätestens dann wird er mich um ein Treffen anbetteln. Sollte also kein Problem sein, ihn für das Badmintonmatch zu gewinnen. Das Problem ist jetzt Lindström, aber er ist kein unlösbares, immerhin hat Seb seine Nummer, nicht ich.

*** ~~~ ***


Max’ POV

Rune hat sich noch immer nicht bei mir gemeldet und ich kann nicht sagen, dass mich das kalt lässt. Es ist einfach nicht seine Art! Dabei müsste er schon lange wach sein, weil sein Flug so früh ging. Er hätte also alle Zeit der Welt gehabt, mal zu reagieren.

Mittlerweile hat Jules ihm auch schon geschrieben. Immerhin haben wir eine Wette am Laufen und müssen noch wissen, wer sie nun gewonnen hat beziehungsweise, ob Rune gestern so gefeiert hat, dass er keine Zeit zum Antworten hatte.

„Nun Max, ich glaube, wir müssen uns noch ein bisschen gedulden.“ Jules grinst mich an.

Wir fliegen zusammen zurück, Zielflughafen Heathrow, obwohl er eigentlich in Mailand wohnt, aber wir haben noch einen gemeinsamen Promotionstermin in England. Zeit für Urlaub ist erst anschließend.

Ich nicke nur, kaue ein wenig auf meiner Unterlippe. Es sieht Rune einfach nicht ähnlich!

„Wie sagt ihr Engländer immer? Abwarten und Tee trinken?“

„Ja“, antworte ich leise, versuche mich an einem Lächeln. Es will nicht recht gelingen, bringt Jules nur zum Seufzen:

„Weißt du, Max, manchmal habe ich das Gefühl, dass du Rune so gut wie adoptiert hast. Lass mal locker. Er ist nur ein paar Monate jünger als du, er kommt auch mal ein paar Stunden ohne dich zurecht.“

„Bin mir da nicht so sicher“, murmle ich. Rune und ich... Es ist so ewig lange her, dass wir uns kennengelernt haben und ich muss sagen, dass er damals in der Öffentlichkeit noch ein ganz anderer war als heute. Ja, er hat schon immer viel gelacht und mir gelingt’s selbst nach Jahren noch nicht, jedes Mal zu erkennen, wenn sein Lächeln ein Fake ist. Das kann er genauso gut wie eine Unschuldsmiene aufsetzen. Aber ich weiß Dinge über ihn, die er sonst mit Sicherheit niemandem anvertraut hat. Deswegen mache ich mir ja Sorgen, wenn mir die Zeit dazu bleibt.

„Bemuttert dein Bruder dich eigentlich so, wie du’s mit Rune tust?“

„Was? Nein.“

„Dann entspann dich, Max. Wenn Rune richtig gefeiert hat, war’s für ihn bestimmt schon stressig genug, rechtzeitig zum Flughafen zu kommen und er hat bestimmt ’nen ordentlichen Kater. Und jetzt ist er schon auf dem Rückflug und kann nicht antworten, aber gesehen hat er die Nachrichten sicher. Spätestens, wenn wir auch wieder in Europa sind, sind wir schlauer.“

„Du hast ja recht“, räume ich geschlagen ein. Dagegen lässt sich nun wirklich schlecht ein Argument finden.

„Aber?“

„Was?“

„Aber?“, wiederholt Jules.

Ich lasse die Schultern sinken. „Aber mir wär’s halt trotzdem lieber, wenn er sich schon gemeldet hätte.“

Jules schüttelt leicht den Kopf und lacht: „Du bist echt unverbesserlich!“

Zum Glück nimmt er mir das ab. Ich kann ihm unmöglich verraten, was Rune mir unter vier Augen anvertraut hat. Ich kann Rune nicht so hintergehen, auch wenn’s für ihn oder seine Situation vielleicht besser wäre, wenn alles rauskäme, denn ich glaube schon lange nicht mehr, dass er es aus eigener Kraft schaffen kann. Und jetzt, wo Heidi mit ihm schlussgemacht hat, sehe ich da noch viel, viel schwärzer. Rune kann das unmöglich allein stemmen, nachdem es ihn schon neun Jahre lang stets und ständig niederdrückt.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ein paar – vermutlich deutsche – Passagiere klatschen begeistert, nachdem der Flieger aufgesetzt ist. Eigentlich würde ich mich ihnen gerne anschließen, doch nicht etwa, um den Piloten zu loben, sondern weil ich jetzt bald hier raus kann und für wenigstens zweieinhalb Stunden nicht mehr zu sitzen brauche, wenn ich das nicht will.

Claire neben mir streckt sich etwas verhalten. Sie hat den Flug fast komplett verschlafen und ich hab’s mir nicht nehmen lassen, ihre Decke immer wieder zurecht zu zupfen, wenn sie runtergerutscht war. Ich weiß schließlich, dass sie es bei mir während der letzten Langstreckenflüge auch immer getan hat, wenn ich geschlafen habe und sie wach war.

Deutschland präsentiert sich grau und regnerisch, vermutlich auch ziemlich kühl, sodass ich froh bin, eine Jacke in meinem Handgepäck untergebracht zu haben. Zwar keine besonders dicke, aber sie wird mich die kurze Zeit, die ich heute noch draußen verbringen werde, schon warmhalten.
Als der Flieger am Terminal stoppt, bricht erneut Hektik aus. Passagiere reißen die Gepäckfächer auf, schnappen nach Jacken und Taschen und hetzen zum Ausgang, als wären sie bei einem Marathon angemeldet und wollten unbedingt gewinnen. Es kostet schon Mühe, sich davon nicht anstecken zu lassen, und ohne Claire bliebe ich sicher nicht von Herdentrieb verschont. So stehe ich jedoch erst auf, als sie mich sachte und unauffällig anstößt.

Wie selbstverständlich reiche ich ihr die Hand, um ihr ganz gentlemanlike aufzuhelfen. Sie lacht, nennt mich einen Charmeur und spielt mit. So konsequent, dass ich gar nicht anders kann, als ihr auch ihre Tasche aus dem Gepäckfach zu holen. Gut, das hätte ich ohnehin getan, doch so ist es beinahe etwas anderes. Es ist eben ein Spiel, harmloses Herumalbern für mehr oder weniger Erwachsene.
Als endlich so viele Passagiere den Ausgang gefunden haben, dass wir daran denken können, uns auch auf den Weg zu machen, versuche ich, dem Ganzen noch eine Krone aufzusetzen:

„Ich würde, dir jetzt ja gern ganz galant meinen Arm anbieten, doch ich fürchte, dafür ist’s hier etwas zu eng.“

„Ich glaube, du hast ein kleines Problem mit dünner Luft, Rune“, kommt’s mit einem leichten Klaps gegen meinen Hinterkopf zurück, „Und jetzt sieh zu, dass du hier raus kommst, andere wollen auch.“

Sie lacht, ich auch, während ich mir meinen Rucksack schnappe und tue, was sie gesagt hat, gehen. Joakim scheint schon draußen zu sein. Naja, was soll’s? Er hat den ganzen Flug über kein Wort gesagt und ich glaube, langsam sollte man das bedenklich finden. Andererseits könnte ich auch erst auch noch den Flug nach Stockholm abwarten. Da werde ich schließlich mit ihm alleine sein, weil Claire selbstverständlich nach England weiterreist.

Doch das Lachen gefriert mir sprichwörtlich auf den Lippen, als ich in den Terminal komme und Perez sich mir schon nach wenigen Metern in den Weg stellt. Was soll das denn jetzt werden? So langsam werde ich den Eindruck nicht los, dass er irgendein Problem mit mir hat, und absolut nicht weiß, wie er damit umgehen, geschweige denn es lösen soll.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, hake ich also ohne Umschweife nach, denn eigentlich würde ich mich viel lieber mit Claire und Joakim auf die Suche nach unseren Gates machen und vielleicht noch eine Kleinigkeit essen. Außerdem könnte ich noch einen Kaffee brauchen, wahlweise auch einen Espresso, denn irgendwas mit Milchschaum ist in Joakims Gegenwart keine gute Idee. Leider.

„Gibst du mir deine Nummer?“

„Was?“ Ich glaube, ihm ist die Kabinenluft wesentlich schlechter bekommen als mir.

„Gibst du mir deine Handynummer?“, wiederholt er und hält mir einen kleinen, einmal zusammengefalteten Zettel hin, „Das ist meine.“

Wortlos nehme ich ihm den Zettel ab, fische ich mein Mobiltelefon aus der Hosentasche und schalte es ein. Misstrauen kann man nicht mal eben ausziehen wie nasse Socken und ich denke, ich habe allen Grund, misstrauisch zu sein. Ein Blick auf den Zettel enthüllt eine Zahlenreihe, die tatsächlich eine Telefonnummer sein könnte, also tippe ich sie ohne weiter abzuwägen ein und versuche, sie anzurufen. Wird sich zeigen, ob er es ernst meint. Ich lasse anklingeln, lege dann wieder auf und stecke das Telefon zurück in die Hosentasche, der Zettel folgt ihm.

„Jetzt solltest du sie haben“, sage ich dann und muss mich bemühen, weder spöttisch noch herablassend dabei zu klingen. Er kann doch nicht wirklich geglaubt haben, ich würde es ihm leicht machen.

Zu meiner Verwunderung holt er sein eigenes Smartphone aus der Jackentasche, wirft einen Blick aufs Display und nickt: „Ja, ist angekommen. Danke. Ich hoffe, wir werden sie beide nicht brauchen.“

„Kannst du dich eigentlich auch weniger kryptisch ausdrücken?“, will ich harsch wissen. So langsam geht mir das gehörig auf die Nerven. Wenn er mit der Sprache nicht rausrücken will, soll er mich doch in Ruhe lassen und die Klappe halten.

„Ja“, kommt’s deutlich leiser zurück, bevor er scharf ergänzt: „Aber das kann man nicht mal eben zwischen Tür und Angel erzählen.“

„Okay.“ Ich werfe einen Blick auf die Uhr. „Wann geht dein Anschlussflug?“

„In drei Stunden. Deiner?“

Endlich spricht er meine Sprache! Ha! „In zweieinhalb“, antworte ich, „Reicht das zum Erzählen?“

Er nickt: „Aber wehe, du sagst noch mal Perez zu mir. Checo reicht völlig.“



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