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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
7 Reviews
 
02.07.2013 3.589
 
A/N: Danke an Madrilena, ShadowOfTheDay, Balalaika, Tracy89, livelovelaugh, Revolution97, Napoleon90, Silvana, LittleMissRaindrops, Pericoloso und TheOne.




Kapitel 37 – Alles auf Anfang


Sebastians POV

Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Zwar fällt mir das erst jetzt auf, wo die Schmerztablette langsam zu wirken beginnt, doch dafür umso mehr. Da ist kein verstecktes, leicht spöttisches Grinsen, das um Heikkis Mundwinkel zuckt, wie es sonst immer da ist, wenn ich dann mal einen Kater habe. Das kommt ja nun wirklich so gut wie nie vor. Er ist überhaupt unpassend ernst und still. Er kaut nicht mal Kaugummi!

„Lass mich raten“, setze ich schließlich an, als wir alleine sind, „Du hast nicht mehr mit Rune gesprochen.“

Es ist eine Feststellung, keine Frage. Ich bin nicht böse, wenn er es nicht getan hat. Am Ende ist und bleibt es immer noch seine Entscheidung, was er tut und was nicht. Ich kann nur versuchen, ihn in eine Richtung zu beeinflussen – und das ist bei gefestigten Menschen ein verflucht aussichtsloses Unterfangen.

„Doch“, antwortet er leise.

„Ja, und?“, will ich wissen.

Schulterzucken.

„Ist es nicht gut gelaufen?“

„Doch.“ Er sieht mich nicht an.

„Aber?“, bohre ich weiter.

„Aber nichts“, murmelt er kaum hörbar.

„Wie nichts?“

„Nichts eben. Es ist nichts passiert. Er hatte sich mit seinem Physio gestritten und keine Massage gehabt und deswegen...“ Er bricht ab, zuckt wieder die Schultern.

„Du hast ihm eine angeboten?“

„Ja.“

„Und dann? Herr je, Heikki, jetzt lass dir doch nicht jedes Detail aus der Nase ziehen!“

Er seufzt: „Er hat zugestimmt und ich weiß jetzt, dass ich keine Chance bei ihm habe.“

„Hat er das gesagt?“

„Nein.“

„Woher willst du das dann wissen?“ Irgendwann bringt er mich noch mal auf die Palme, ehrlich.

„Ich erkenne einen Knutschfleck, wenn ich ihn sehe.“

„Wie bitte?“ Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Das kann’s einfach nicht. Er hat sich gerade erst von seiner Freundin getrennt, das... Oder haben sie sich wieder versöhnt und ich hab’s nur noch nicht mitgekriegt? Aber dafür hätte sie doch hier sein müssen und das war sie nicht.

„Ich erkenne einen Knutschfleck, wenn ich ihn sehe“, wiederholt er leise, „Genauso, wie ich es an deinem Gang erkenne, wenn du mit Jenson... Rune ging letzte Nacht auch so. Und ja, ich glaube, ich weiß auch, mit wem er was hat.“

„Naja, wenn du mich schon raten lässt, sage ich mal, es ist Chilton“, werfe ich ein, als mir klar wird, dass Heikki von sich aus nicht mehr darüber sagen wird.

Er lacht freudlos auf: „Nein, der ganz sicher nicht, Seb. Glaub mir das und tu mir bitte einen Gefallen: Lass das Thema ruhen. Es ist ja nett gemeint von dir, dass du versuchst, mich mit Rune zu verkuppeln, aber es ist sinnlos. Du führst da einen Kampf gegen Windmühlen, für den du überhaupt keine Zeit hast.“

„Du weißt das?“, versichere ich mich perplex. Dabei dachte ich die ganze Zeit... Auweia!

„Schon seit Japan. Sebastian, du kannst zwei Menschen nicht zu dem zwingen, was du für ihr Glück hältst. Selbst wenn das funktioniert, würde es sie mit der größten Wahrscheinlichkeit nicht glücklich machen.“

Heikkis nachsichtiges Lächeln ist wie ein Stich ins Herz. Er wusste es und hat’s mir nicht gesagt, wollte mich vermutlich nicht aus dem Konzept bringen in der Schlussphase der Saison. Das sieht ihm verflucht ähnlich. Aber jetzt weiß ich nicht, ob ich mich dafür bedanken oder ihn schütteln soll, damit versteht, dass er um Rune kämpfen muss, wenn er ihn wirklich...

Wenn er ihn wirklich was? Liebt? Tut er das? Er hat es nie laut gesagt. Ich habe ihn nie danach gefragt. Andererseits hätte ich auf diese Frage wohl auch keine Antwort bekommen. Ich habe immer nur vermutet, dass er in Rune verliebt ist.

Ich nicke stumm.

Vermutungen können auch falsch sein und vielleicht habe ich zu viel in Heikkis Blicke hinein interpretiert. Vielleicht...

*** ~~~ ***


Valtteris POV

„Das Herrenklo am Flughafen? Ich dachte, du machst Witze, aber... Warum willst du mich ausgerechnet hier treffen? Wir könnten doch auch -“

„Weil uns hier nicht zwei Dutzend Leute dauernd beobachten“, unterbreche ich Checo ungehalten. Mir bleibt nicht viel Zeit. In allerspätestens zwanzig Minuten wird wohl bei meinem Flug zum Boarding aufgerufen werden.

„Aha.“ Er klingt unsicher und irritiert. Das gefällt mir eigentlich nicht, aber... Es muss sein und zwar jetzt. Ich kann nicht länger warten. Die Saison ist vorbei, es kann eigentlich nichts mehr passieren, also...

„Ich muss dich etwas fragen, Checo“, beginne ich leise. Mir ist gar nicht wohl dabei, war es schon die ganze Zeit über nicht, wenn ich daran gedacht habe, aber...

„Ja, frag ruhig.“

Irgendwie ist diese Situation in meiner Vorstellung leichter zu handhaben gewesen. Da musste ich mich vor dem Sprechen nicht räuspern, so wie jetzt:

„Das, was du in Indien zu mir gesagt hast, wegen des Crashs in Suzuka, dass du absichtlich nicht zurückgezogen hast, dass... Also, das hast du nicht ernst gemeint, oder? Du wolltest mich nur auf den Arm nehmen?“

Es dauert einen Augenblick, dann schüttelt Checo langsam und kaum sichtbar den Kopf. Auf einmal wirkt er gar nicht mehr wie er selbst. Er wirkt älter, ernster, abgeklärter und seine Stimme ist es auch, als er sagt:

„Das war kein Scherz, Valtteri.“

Es lässt mich nach Luft schnappen, lässt ihn mich fassungslos anstarren, sprachlos.

„Das war mein voller Ernst. Ich hab das getan, weil ich dachte, es würde es dir leichter machen und ich hab’s dir gesagt, weil ich dich nicht anlügen will, wollte ich nie, weil du mein Freund bist. Und weil ich weiß, dass du nie mehr sein wirst als das, als mein Freund.“

Noch immer sprachlos. Ich begreife, was er mir sagen will, doch mir fehlen die Worte, während die Fassungslosigkeit sich in meinem Bauch zu Wut zusammenballt.
Checo kann nicht... Er kann doch nicht deswegen riskieren, andere in Lebensgefahr zu bringen! Pastor lag im Koma! Das ist kein Spaß mehr!
Und noch bevor ich überhaupt weiß, was ich tue, habe ich Sergio vorne am T-Shirt gepackt und drücke ihn gegen die Wand. Ich kann sehen, dass ich ihm wehtue – es stört mich nicht, nicht mal ein ganz kleines bisschen. Es ist mir egal, scheißegal, um genau zu sein. Er hat’s nicht besser verdient.

Plötzlich sind die Worte wieder da: „Ich werde das melden, nur, dass du’s weißt. Und ansonsten will ich nichts mehr mit dir zu tun haben, kapiert?“

Für eine oder zwei Sekunden drücke ich fester zu, dann lasse ich los. Es fühlt sich an, als würde ich neben mir stehen und einen Film schauen, in dem ich selbst mitspiele. Völlig unrealistisch. Ich wende mich ab, höre Sergio ein Geräusch von sich geben irgendwo zwischen Würgen und Schluchzen, doch ich drehe mich nicht mehr um. Ich gehe und finde mich schlagartig eingehüllt in den Geräuschpegel mehrerer Wartebereiche wieder. Alles scheint sich im Normalzustand einzupendeln und zurück bleibt nur ein dumpfes Gefühl in der Magengegend, irgendetwas undefinierbares, das man wohl nur dann spürt, wenn man eine Freundschaft, die einem bisher viel bedeutet hat, von jetzt auf gleich und für immer beendet.

*** ~~~ ***


Runes POV

Eigentlich habe ich kaum geschlafen, zwei Stunden maximal. Dafür bin ich fast schmerzfrei. Keine Ahnung, wie Heikki das geschafft hat, aber ich fühle mich beinahe richtig gut. Nur der Nacken will noch nicht ganz mitspielen und gibt sich etwas steif. Aber das ist nicht schlimm, dafür hat irgendjemand vor ewigen Zeiten schließlich Schals und Halstücher erfunden und einen Schal hab ich tatsächlich im Gepäck gehabt. Nur tragen tue ich ihn noch nicht. Das sähe bei den Temperaturen hier ein wenig seltsam aus. Aber sobald wir im Flugzeug sitzen... In Europa ist’s schließlich kalt.

Kalt... Joakim zeigt mir die kalte Schulter, heißt, er hat heute noch kein einziges Wort mit mir gesprochen. Selbst Claire ist irritiert, denn mit ihr spricht er auch nicht. Aber nun gut, was soll’s? Claire wäre wahrscheinlich nicht sie selbst, wenn sie aus der Situation nicht das beste gemacht und alles so gedreht hätte, dass Joakim derjenige sein wird, der während des Fluges alleine sitzt. Vielleicht kommt er dann ja wieder runter von seinem Berg des Zorns oder seiner Palme oder von seinem was weiß ich auch immer. Aber meiner Laune kann er nichts anhaben, die lasse ich mir von ihm nicht verderben! Nicht, nachdem ich Pläne für den Dezember gemacht habe.

Na gut, keine Urlaubspläne. Rom muss warten, solange ich in Stockholm noch Dinge zu erledigen habe. Ich muss Eriks Grab ausfindig machen und dann dorthin, das zu allererst. Das ist wichtig. Dann das Kartrennen und alles, was drum herum noch anfällt, besuchen und machen. Und dann muss ich in diese Bar in Kungsholmen, denn ich will schon wissen, wie dieser Markus aussieht, der mein altes Ego entjungfert hat. Außerdem steht noch ein Fotoshooting auf meinem Terminplan. Die Sponsoren erwarten schließlich eine Gegenleistung für das Geld, das sie zahlen. Umsonst gibt’s das nicht – auch, wenn das verdammt schön wäre!

Ich stehe auf und werfe den leeren Pappkaffeebecher in den nächsten Mülleimer. Den Kaffee im Hotel fand ich nur mit Mühe und Not genießbar. Der hier war um Längen besser, obwohl man vom Milchschaum nicht viel hat bei einem coffee to go. Leider. Ich mag Milchschaum. Sehr gern sogar. Am liebsten dann, wenn ein wenig Kakaopulver darüber gestäubt ist.

Unschlüssig sehe ich mich um.

Das Blöde an Flughäfen ist, dass man außer Warten, Essen und Geldausgeben nicht viel machen kann. Essen ist bei mir wegen des Ernährungsplans als Zeitvertreib ausgeschlossen, Geld habe ich auch schon ausgegeben und Warten ist... eben Warten und langweilig. Schlafen lohnt nicht mehr richtig, weil das Boarding laut Anzeigetafel in einer Dreiviertelstunde beginnen soll. Da wäre ich ja gerade erst richtig eingenickt, wenn ich wieder aufstehen müsste.

Claire und Joakim sitzen ein paar Plätze voneinander entfernt, er hält sehr demonstrativ Abstand von ihr und mir, starrt schon die ganze Zeit über stur nach draußen. Claire arbeitet, glaube ich. Vorhin hat sie versucht, mir zu erklären, was genau sie gerade macht, aber ich habe es nicht ganz verstanden. Vielleicht finde ich bei meinem nächsten Streifzug durch ein paar Buchhandlungen so etwas wie ‚Management für Dummies‘... Das könnte mir wahrscheinlich weiterhelfen. Nur eben nicht jetzt. Also, was könnte ich tun?
Ich werfe einen Blick auf die Uhr und beschließe, mal für kleine Rennfahrer zu gehen. Dabei muss ich eigentlich nicht mal, aber Langeweile kann schon seltsame Blüten treiben... Es soll ja Menschen geben, die dann ständig in den Kühlschrank schauen. Aber hier gibt es keinen Kühlschrank, dessen Inhalt ich mir in einer eingehenden Inspektion in x Akten vornehmen könnte. Also gehe ich eben der Herrentoilette einen Besuch abstatten.

Ich könnte anfangen, Flughafentoiletten zu fotografieren... Ja, warum eigentlich nicht? Weit genug rum komme ich ja und bisher ließen die Wartezeiten auch nicht zu wünschen übrig. Außerdem soll Heidi eine gute Fotografin sein, ich müsste also nicht mal erklären, woher ich das kann oder wie ich auf die Idee gekommen bin. Aber erst mal schauen, ob die Toiletten hier überhaupt ein Foto wert sind.
Die Tür lässt sich schwer öffnen und fällt hinter mir schnell wieder zu. Schlagartig ist der Lärm der Wartehalle verschwunden. Man nimmt nur noch entfernt wahr, dass er da ist. Die Toilettenräume scheinen immer eine eigene kleine Welt zu sein, ein Mikrokosmos irritierender Stille, wenn man so will. Leider sind sie nicht besonders ansprechend. Dunkel gefliester Boden, helle Fliesen an den Wänden, ein paar farbige dazwischen, die wohl die vorherrschende Tristesse aufheben sollen. Vergebliche Mühe in dieser Kunstlichthöhle. Nein, da lohnt sich das Fotografieren nicht.

Mein Blick streift die Waschbecken. Ich muss noch immer nicht, jetzt eigentlich noch weniger als in dem Moment, in dem ich mich entschieden habe, herzukommen. Naja, dann wasche ich mir eben nur die Hände. Das ist besser, als komplett unverrichteter Dinge wieder zu gehen. Und weil aktuell niemand außer mir hier ist, habe ich die freie Auswahl bei den Waschbecken. Ich entscheide mich für das siebte, von der Tür aus gezählt. Nicht, dass ich abergläubisch wäre, sicher nicht, aber weil ich gestern Siebter geworden bin und einfach, weil ich’s kann. Es sind doch diese kleinen Verrücktheiten, die das Leben erst lebenswert machen.
Heiter schlendre ich an den ersten sechs Waschbecken vorbei, doch bevor ich das siebte erreiche, kommt mir etwas dazwischen. Erst nur ein unscharfer dunkler Fleck im Augenwinkel, doch als ich genauer hinsehe – und das muss ich zwei Mal tun, um ihn ohne das McLaren-T-Shirt identifizieren zu können – erkenne ich Perez.

Was macht der hier? Und warum sitzt er auf dem Fußboden? Das ist nun wirklich nicht das, was man erwarten sollte.

Ein paar Sekunden lang zögere ich. Wir hatten bisher nichts miteinander zu tun und eigentlich geht’s mich auch nichts an, wenn er meint, hier rumsitzen zu müssen oder zu wollen und er scheint mich nicht mal bemerkt zu haben, aber... Naja, ich hatte mir schon vorgenommen, kein rücksichtsloses Arschloch zu sein, irgendwie. Meistens zumindest, also abseits der Rennstrecken.

Ich mache noch ein paar Schritte, gehe neben ihm in die Hocke und frage leise:

„Alles okay?“

Was sollte ich sonst auch sagen? Es ist verdammt schwer, mit jemandem zu sprechen, den man kennen sollte, es aber nicht tut. Wenn es ein ganz fremder ist, geht’s noch, weil man den sowieso nie wiedersehen wird. Da ist es also einigermaßen egal, was man sagt, aber so eben nicht.

Er schaut auf und mich an und ich bin mir fast sicher, dass es ihm jetzt genauso geht wie mir und er sich erst klar darüber werden muss, wen er vor sich hat. Ich werde einfach so lange warten, bis er es wei-  

Uff. Das hat wehgetan! Der Fußboden ist ziemlich hart – und kalt. Und ich bin zu perplex, um wütend zu werden. Damit, dass er mich zurückstoßen und ich das Gleichgewicht verlieren könnte, habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Was ist jetzt bitte kaputt?! Ich hab doch nur -

„Gar nichts ist okay!“, faucht er mich an, „Und das ist alles deine Schuld, Lindström!“

„Pardon?“

„Das ist alles deine Schuld!“, wiederholt er hitzig, irritiert mich damit jedoch nur noch mehr. Mir ist völlig schleierhaft, wovon er spricht.

„Es tut mir leid“, setze ich leise an, „aber ich habe keinen Schimmer, was du meinst. Ich wollte dich wirklich nicht stören, ich dachte nur... weil...“ Na toll, jetzt weiß ich definitiv nicht mehr, was ich sagen kann. Oder sollte. Und mein Po tut weh! Kimi war letzte Nacht nicht gerade das, was man feinfühlig nennen kann, und die unsanfte Landung gerade eben trägt sicher nicht zur Verbesserung des Zustands bei, in dem mein Allerwertester sich aktuell befindet.

Perez erwidert nichts. Er starrt mich nur noch an, hasserfüllt, wenn ich es irgendwie definieren sollte. Und es tut mir ehrlich leid, dass ich nicht weiß, was ich angestellt habe, denn wenn es ihn dazu bringt, hier auf dem Fußboden... wo jeden Tag hunderte Leute mit ihren dreckigen Schuhen... Es muss richtig schlimm sein, ganz bestimmt.
Langsam stehe ich auf, schlucke gegen den Kloß an, der sich in meinem Hals bildet, räuspere mich leise und entschuldige mich erneut:

„Was auch immer ich gemacht habe, es tut mir wirklich leid, Sergio. Ich hab wahrscheinlich wieder mal nicht nachgedacht, aber ich wollte nicht, dass... ich wollte niemanden verletzen. Es tut mir leid.“

Dann wende ich mich ab und gehe mir an Waschbecken Nummer 7 die Hände waschen. Nachdem sie Kontakt mit dem Fußboden hatten, ist das dringend notwendig. Die Flüssigseife im transparenten Spender ist dreifarbig. Gelb, Grün und Blau. Aber ich fühle mich viel zu schockiert, um Spaß daran zu haben, obwohl ich sowas noch nie vorher gesehen habe.
Es ist eine Sache, bewusst Scheiße zu bauen, daran kann man sich erinnern und dann auch entsprechend mit der Wut anderer Leute umgehen, aber wenn man nicht mal weiß, was man gemacht hat... Jetzt hab ich nur die Vermutung, dass es etwas unglaublich Gemeines gewesen sein muss. Mir steigt das Wasser in die Augen und ich muss mir auf die Lippe beißen, um zu verhindern, dass erste Tränen daraus werden.

Da kann man es schon Glück nennen, dass ich mich mittlerweile nicht mehr ohne Sonnenbrille bewege, obwohl’s mir ein wenig albern vorkommt, sie in Gebäuden aufzusetzen, doch jetzt ist’s mir nur recht. Niemand muss sehen, dass ich kurz davor stehe, zu flennen wie ein kleines Kind. Ich setze sie auf und gehe wieder raus, lasse Lärm des Terminals über mir zusammenschlagen.

Claire schaut kurz auf, als ich mich neben sie setze, und lächelt leicht, dann wendet sie sich wieder ihrem Terminkalender zu.

*** ~~~ ***


Jean-Érics POV

-Hey, Schlafmütze, jetzt ist’s aber Zeit zum Aufwachen.-

Ich verstehe das ganz klar und deutlich, mache aber keine Anstalten auch nur die Augen zu öffnen. Es ist doch gerade so schön gemütlich... und es fühlt sich an, als sei ich erst vor zehn Minuten eingeschlafen.

Charles lässt jedoch nicht locker: -Komm schon. Du musst auch los, echt jetzt. Antti hat schon versucht, dich anzurufen.-

Unwillig versuche ich, mir die Decke über den Kopf zu ziehen.

-Und Romain ist auch schon weg.-

Auf einmal bin ich hellwach. -Was?-

-Ja, schon seit fast ’ner halben Stunde. Du hast so niedlich ausgesehen, dass wir dich nicht wecken wollten und Romain hat gesagt, du wärst auf jeden Fall nach ihm eingeschlafen, also...- Charles lächelt entschuldigend.

-Oh Mann...- Kopfschüttelnd setze ich mich auf. Ja, Romain ist vor mir eingeschlafen. Ich hab’s gemerkt, als er irgendwann nicht mehr geantwortet hat und sein Griff um meine Hand lockerer wurde.

-Das war ’ne Nacht, oder?- Charles streckt die Hand aus und streicht mir ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. -Ich hab nicht gedacht, dass das wirklich klappen würde.-

-Wieso denn nicht? Du hast mich doch auch rumgekriegt und von mir wusstest du nicht mal, ob ich auf Männer stehe-, wende ich ein.

-Und? Selbst wenn ich’s gewusst hätte, hätte ich gar nicht dein Typ sein können. Ein bisschen Risiko ist immer dabei. Und jetzt hoch mit dir, komm schon. Ich hab keine Lust drauf, dass dein Physio hier gleich auf der Matte steht.-

Seufzend schiebe ich die Beine über die Bettkante. Ich würde so viel lieber einfach noch liegenbleiben, doch Charles hat recht. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Antti das fertigbrächte, seit er weiß, wo er mich in der Regel findet, wenn ich ansonsten nicht auffindbar bin.

*** ~~~ ***


Runes POV

Es dauert nur Sekunden vom Aufruf zum Boarding bis zum Massenansturm auf den Schalter. Verrückt! Wirklich niemand hält sich an die freundliche Aufforderung, Passagiere mit hohen Platznummern zuerst einsteigen zu lassen, weil sie bis nach hinten durchgehen müssen. Und ich weiß nicht, ob ich es besser machen würde, wäre Claire nicht die Ruhe in Person. Sie packt in aller Seelenruhe ihr Handgepäck zusammen. Jedes Teil kommt ordentlich an seinen Platz. Ich bleibe sitzen, bis sie aufsteht. Das ist der sicherste Weg, nicht ungeduldig zu wirken und um am Schalter nicht lange anstehen zu müssen.

Und, oh Wunder, die Maschine startet nicht ohne uns. Wir sind nicht mal die letzten, die an Bord gehen. Das ist wohl der beste Beweis dafür, dass Hetzen hier gar nichts bringt.
Joakim schweigt sich auch jetzt noch aus und ich beginne mich nun doch langsam zu fragen, wie lange er das durchziehen will. Das ist kindisch! Aber vielleicht braucht es erst den mehrstündigen Flug nach Europa, um ihn zur Vernunft zu bringen... Etwas anderes als Abwarten bleibt mir wohl nicht übrig.

Ich habe den Platz am Gang, Claire den am Fenster. Ist auch besser so. Da kann sie ungestört arbeiten, wenn sie das will, und mir ist es ehrlich gesagt ziemlich egal, ob ich nun rausschauen kann oder nicht. Die meiste Zeit werde ich sowieso schlafen. Und eigentlich könnte ich jetzt schon damit anfangen. Angeschnallt bin ich ja. Das einzige, was ein wenig stört, ist die aufrechte Position des Sitzes und daran darf man leider erst nach dem Start was ändern. Trotzdem versuche ich es schon mal mit dem Einschlafen, manchmal geht das ja auch so. Verhalten gähnend rutsche ich auf dem Sitz in eine halbwegs bequeme Position, strecke die Beine aus und will gerade die Augen schließen, als ich ihn sehe.

Perez.

Na super. Das fehlte gerade noch. Ausgerechnet er! Aber vielleicht ist sein Platz ja weiter vorne und... Nein. Vielleicht bemerkt er mich nicht. Nein. Natürlich tut er das. Wie sollte er auch nicht, wenn sein Platz neben meinem ist, nur auf der anderen Seite des Ganges. Scheiße! Wenigstens sagt er nichts, also kann ich vielleicht einfach so tun, als ob er nicht da wäre.

Aber eins ist klar, jetzt bin ich viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Das Herz schlägt mir bis zum Hals und so schnell wird sich daran nichts ändern, dafür muss ich viel zu viel Willenskraft aufbringen, um ihn nicht anzusehen. Am besten ist es wohl, wenn ich versuche, mich abzulenken und den Krimi weiterlese. Vielleicht kriege ich ihn ja durch. Dann hätte ich einen guten Grund mehr, ganz bald wieder eine Buchhandlung aufzusuchen, denn im Internet bestellen ist irgendwie blöd. Da kriegt man die Bücher zwar an die Haustür gebracht, aber man kann sie vorher nicht anfassen.

Ich schlage das Buch auf, das ich in weiser Voraussicht aus meinem Rucksack genommen habe, bevor ich ihn neben Claires monströser Handtasche im Gepäckfach verstaut habe. Und es geht tatsächlich gut. Wir starten und erreichen die Flughöhe ohne, dass irgendwas passiert. Aus dem Augenwinkel werfe ich einen Blick auf Perez. Es scheint so, als wäre er schon eingeschlafen. Das ist gut, denn dann -

„Ey, Lindström.“

Es ist so leise, dass ich getrost so tun könnte, als hätte ich es nicht gehört. Ich könnte einfach weiterlesen, wenn ich das wollte, aber...



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