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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 3.991
 
A/N: Danke an Tracy89, Balalaika, Revolution97, Madrilena, TheOne, Napoleon90, Silvana und Pericoloso.






Kapitel 35 – Frustabbau und Feierlaune


Runes POV

Mein Nacken schmerzt und nachdem ich mich ungewöhnlich früh von der Williams-Party verabschiedet habe, bin ich jetzt zurück im Hotel. Allerdings nicht allein, sondern in Begleitung von Joakim, der bemerkenswert schlechte Laune hat. Warum, ist mir allerdings nicht klar. Es ist doch alles super gelaufen. Platz 7, sechs Punkte, alle sind zufrieden und niemand ist mir böse, weil ich Andrews Anweisungen missachtet habe, nachdem sich im Briefing herausgestellt hat, dass nicht nur der Funk nicht so funktioniert hat, wie er sollte, sondern auch die Datenübertragung.
Heißt, man hat an Box und Kommandostand nicht das zu sehen bekommen, was wirklich da war. Bei Valtteri war’s während der letzten vierzehn Runden das gleiche Trauerspiel. Im Grunde genommen habe ich also alles richtig gemacht. Ich hab aufs Auto gehört und mein Ding durchgezogen – und Punkte geholt. Was ist daran bitte so schlimm, dass Joakim schlechte Laune hat? Ich versteh’s nicht!

Ich betrete mein Zimmer, Joakim folgt mir und schließt die Tür hinter uns, während ich mich leise ächzend aufs Sofa fallen lasse. Irgendwie war das mit der Massage vorhin Asche. Sie hat so gut wie nichts gebracht, also nicht langfristig. Direkt danach war’s ja okay, aber das war noch vor dem Rennen und jetzt... Mir tut wieder alles weh. Im Auto und während des Rennens habe ich das gar nicht so gespürt, da war ich mit der Konzentration schließlich woanders.

«Du, Joakim», setze ich leise an, «Kannst du noch mal nach meinem Nacken seh- »

«Nein.»

«Was?» Irritiert sehe ich ihn an. Das hat er noch nie zu mir gesagt, wenn ich - Das kann nicht sein. Ich muss mich verhört haben.

«Ich sagte nein», wiederholt er jedoch.

«Aber...» Mir fehlen die Worte und mein Nacken tut so weh. Wäre das nicht so schlimm, wäre der Rest sicher auch weniger schmerzhaft.

«Kein aber. Du weißt, dass du das nicht tun sollst.»

«Hä?» Wovon redet Joakim? Was soll ich nicht tun? Ich hab doch gar nichts gemacht, ich habe ihn nur gefragt, ob er sich meinen Nacken noch mal - Das ist doch sein Job! Und sonst hat es ihm nie was ausgemacht, wenn er -

«Du sollst deinen Vorgesetzten nicht widersprechen!», erklärt er nachdrücklich, kommt näher und bleibt dann direkt vor mir stehen. Auf einmal komme ich mir klein vor, weil ich nun unverkennbar zu ihm aufschauen muss. Ich spüre Gänsehaut auf meinen Unterarmen, würde trotzdem oder gerade deswegen gerne etwas erwidern, doch... Stumm wie ein Fisch öffne und schließe ich den Mund wieder. Ein paar Mal, dann presse ich die Lippen aufeinander, ohne etwas gesagt zu haben.

«Du bist in keiner Position, die sowas rechtfertigt oder gar erlaubt», fährt er fort, «Wenn du eine Anweisung bekommst, hast du Folge zu leisten und nicht deinen Dickkopf durchzusetzen. Wenn du dich als professioneller Rennfahrer etablieren willst, musst du solche simplen Grundlagen beherrschen! Hast du das verstanden?»

«Hä?» Nein, gerade verstehe ich gar nichts, ich ahne nur, dass er darauf hinauswill, dass ich Andrews „Stop pushing“ ignoriert habe. Aber das hat sich doch als die richtige Entscheidung herausgestellt – was gibt’s daran also zu kritisieren?

«Andrew hat dir gesagt, du sollst aufhören, Druck zu machen. Mehrfach! Du darfst seine Anweisungen nicht ignorieren! Wenn am Auto wirklich etwas kaputt -»

«Es ist aber nichts kaputt gewesen! Wenn’s so wäre, würde ich das merken. Und hätte ich auf Andrew gehört, hätte ich die sechs Punkte nie im Leben geholt!», fauche ich plötzlich aufgebracht zurück. «Was ist falsch daran, Punkte fürs Team zu holen?!»

«Es ist falsch, wie du sie geholt hast, Rune! Das Team geht vor, das Team und seine Anweisungen! Du hast kein Recht, auf der Strecke zu machen, was du willst, nur weil du der Meinung bist, besser als die Daten, die das Auto liefert, zu wissen, was Sache ist! Deine einzige Aufgabe ist es, das Auto so zu fahren, wie das Team es dir -»

Also jetzt reicht’s! Das muss ich mir nun wirklich nicht anhören. Wir haben das im Briefing alles haarklein durchgesprochen und im Grunde genommen waren alle total erleichtert, dass ich das Ding durchgezogen habe. Joakim war sogar dabei! Er weiß das also!

«Wenn ich heute so gefahren wäre, wie das Team es wollte, hätten wir gar keinen Punkt mehr geholt! Wenn ich da draußen auf mich allein gestellt bin, weil der Funk ausfällt, dann bin ich es auch, der die letzte Entscheidung trifft! Dann ist nämlich verdammt noch mal niemand da, der mir bei irgendwas helfen könnte.» Ich muss einmal tief Luft holen und realisiere erst jetzt, dass ich aufgesprungen sein muss. Die Schmerzen sind wie weggeblasen, doch meine Fassungslosigkeit nicht. «Du hast mitgekriegt, dass ich Andrews Funksprüche nicht richtig verstehen konnte. Ich hatte sowieso keine Ahnung, was genau los sein sollte. Auf was soll ich mich denn da bitte verlassen, wenn nicht darauf, wie sich das Auto anfühlt und verhält? Ich mache meinen Job so gut ich kann und wenn das bedeutet, dass ich manche Anweisungen in den Wind schlage, dann kannst du das akzeptieren oder du kannst es lassen, aber du wirst mich nicht davon abbringen können, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, wenn die Situation das erfordert!»

Ich zittre am ganzen Körper, habe die Hände zu Fäusten geballt. Joakim und ich starren uns in die Augen, reglos und schweigend. Die Spannung, die in der Luft liegt, ist beinahe mit Händen greifbar und sie jagt mir einen Schauer über den Rücken. Es fühlt sich nicht gut an, eher wie ein Machtkampf, doch ich bin nicht gewillt, klein beizugeben. Ich werde nicht wegsehen, den Blickkontakt nicht als erster unterbrechen. Ich bin der Fahrer und Joakim ist der letzte, der mir zu sagen hat, wie ich mich im Auto und auf der Strecke zu verhalten habe!
Keine Ahnung, wie viel Zeit vergeht. Für mich fühlt es sich so an, als wären es Stunden. Doch dann wendet Joakim sich wutschnaubend ab:

«Gut, dann hoffe ich, dass du mit den Folgen deiner Entscheidungen genauso gut zurechtkommst.»

Er geht zur Tür, öffnet sie und verlässt das Zimmer. Es dauert nur einen Moment, dann fällt sie hinter ihm ins Schloss. Das Klicken ist nicht zu überhören. Verwirrt plumpse ich zurück aufs Sofa und wie auf Knopfdruck sind die Schmerzen wieder da. Mir ist schleierhaft, was hier gerade passiert ist, wirklich. Das war ganz sicher nicht der Joakim, den ich kenne, also weder der Barkeeper noch der Physio. Der Barkeeper hat nie versucht, mir Sachen mit der Brechstange beizubringen, der Physio bis jetzt auch nicht, obwohl er schon ein gutes Stück strenger mit mir war als sein Barkeeper-Ich.

Es dauert, bis ich mich soweit beruhigt habe, dass ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann. Doch der fällt dann nicht so aus, wie ich es selbst erwartet hätte. Statt mich umzuziehen und zu Bett zu gehen, raffe ich mich wieder auf, verlasse das Zimmer und nehme mir ein Taxi zu dem Hotel, in dem Jean und Charles abgestiegen sind und das eine wirklich gute Bar haben soll.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Rune ist unbelehrbar wie eh und je. Und ich frage mich zum wiederholten Mal, wie ich nur so gutgläubig sein und annehmen konnte, es hätte sich etwas geändert. Natürlich hat es das nicht. Aber diesmal muss es Konsequenzen haben, da stimme ich Daniel voll und ganz zu. Wir haben ja bereits früher darüber gesprochen, dass spätestens dann etwas passieren muss, wenn sein Sohn in der Formel 1 angekommen ist und sich bis dahin nichts verändert hat. Jetzt ist es soweit.

Ich schließe die Tür meines Hotelzimmers hinter mir, gehe ins Bad, wasche mir die Hände und setze mich schließlich aufs Bett. Daniel hat schon vor zwei Stunden geschrieben, ich solle mich sofort bei ihm melden, wenn ich mit Rune über sein Fehlverhalten gesprochen hätte. Als ob man das gerade eben Gespräch nennen könnte... Wie soll das auch gehen, wenn er sowieso nicht einsieht, dass er etwas falsch gemacht hat?

Gähnend hole ich mein Mobiltelefon aus der Hosentasche. Eigentlich hält sich meine Lust zu telefonieren sehr in Grenzen, doch es muss sein. Es ist zu Runes Bestem und ich hoffe, dass er das bald begreifen wird. Leise seufzend suche ich Daniels Nummer heraus.

Es wird ein langes Telefonat werden, daran habe ich keine Zweifel. Es dauert immer lange, wenn wir über Runes Verhalten sprechen, obwohl wir uns im Grundsatz einig sind. Aber heute wird es anders sein. Heute hat er den Bogen überspannt, Funkprobleme hin oder her. Wäre wirklich etwas am Auto gewesen, hätte er ein enormes Sicherheitsrisiko dargestellt. Nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Das kann man so nicht tolerieren. Er hätte auf Andrews Anweisungen hören müssen. Sein Verhalten muss dieses Mal deutliche und unmissverständliche Konsequenzen haben.

*** ~~~ ***


Max’ POV

„Mann, Max, steck doch mal das Ding weg“, beklagt sich Jules neben mir, als ich zum wiederholten Mal einen Blick auf mein Smartphone werfe.

„Sorry, wollte nur schauen, ob Rune schon geantwortet hat“, rechtfertige ich mich. Dabei stimmt’s! Ich wollte wirklich nur schauen, weil es ihm gar nicht ähnlich sieht, mich so lange warten zu lassen. Normalerweise antwortet er immer schnell, ganz egal, wo er ist oder was er gerade macht.

Jules verdreht die Augen. „Das wird er bestimmt noch tun. Aber du solltest jetzt mal runterkommen und die Party genießen. Jede Wette, er antwortet nur nicht, weil die bei Williams so damit beschäftigt sind, die sechs Punkte zu feiern.“

„Du willst wirklich wetten?“, hake ich erstaunt nach. Eigentlich will das mit mir schon lange niemand mehr freiwillig tun. Niemand außer Rune zumindest.

„Ja, will ich, meinetwegen“, kommt’s zurück, „Aber dann hörst du endlich auf, an dem Ding da rumzuspielen.“

Ich seufze schwer, stimme dann jedoch zu: „Okay, einverstanden. Um was wetten wir?“ Das kann ich nun wirklich nicht ausschlagen!

Jules grübelt kurz, bevor er antwortet: „Naja, also ich sage, dass Rune zu sehr mit feiern beschäftigt ist, um dir jetzt zu antworten. Also müsstest du folgerichtig sagen, dass er irgendwas anderes macht und deswegen nicht antwortet.“

„Und wenn er aber doch gleich antwortet?“, will ich wissen.

„Dann hast du von mir aus auch gewonnen, weil er dann ja offensichtlich Zeit zum Antworten hatte.“

„Find ich gut. Möchtest du einen Einsatz vorschlagen?“ Wenn Jules mir den Sieg schon dermaßen auf dem Silbertablett serviert, wäre es unsportlich, ihm diese Entscheidung nicht zu überlassen.

„Eine Einladung zum Essen? Nächstes Jahr in Melbourne?“

„Okay.“ Klingt fair. „Wie machen wir das, wenn einer von uns dann in einer anderen Serie startet?“

Jules zuckt die Schultern. „Dann finden wir einen anderen Termin, ist doch ganz einfach.“

„Na gut. Dann um eine Einladung zum Essen. Wir müssen nur noch -“

Ich glaube, ich habe schon so gut wie gewonnen. Ganz egal, wo auf der Welt wir nächstes Jahr zusammen essen gehen werden.

„Darauf  anstoßen, ich weiß“, lacht Jules und ich bekomme den Eindruck, dass ich diese Saison vielleicht ein paar Wetten zu viel abgeschlossen habe.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich habe zu viel getrunken. Würde ich sagen. Aber lange nicht so viel wie Seb, da bin ich sicher, und wenn ich mich jetzt ausschließlich an Wasser halte, dann wird dieses watteartige Gefühl auch schnell wieder aus meinem Kopf verschwunden sein. Es ist immer gut, wenn man weiß, wie der eigene Körper auf Alkohol reagiert und wann man genug hat. Und ich möchte mich wirklich lieber mit anderen unterhalten, während ich einen klaren Kopf habe. Außerdem sollte ich dieses Jahr vielleicht ein wenig besser aufpassen, dass Seb auch in seinem Bett landet, nach Möglichkeit allein. Nicht, dass das noch irgendwas bringen würde, die Affäre mit Jenson hat er ja so oder so und die geht mich eigentlich auch nichts an. Aber ich brauche das Chaos vom letzten Jahr kein zweites Mal! Es ja nun nicht so, dass Brasilien ein völlig ungefährliches Pflaster wäre...

Ich mag gar nicht dran denken. Es würde ja auch nichts mehr ändern. Also kann ich mich auch beruhigt in ein Gespräch mit anderen Teammitgliedern verwickeln lassen. Die Saison ist vorbei, ein Ende mit überlegenem vierten Triumph in Folge. Sebastians Triumph. Auch wenn die Buh-Rufe ein paar hässliche kleine Kratzer im Lack hinterlassen haben. Sowas geht nie spurlos an einem vorüber, auch wenn es für die breite Masse so aussieht, weil man ja nichts anderes tun kann, als Haltung zu bewahren.

Es dauert lange, bis Sebastian wieder zu mir kommt. Ich glaube, er hat noch ein wenig mehr getrunken, doch was soll’s? Wenn nicht heute, wann denn dann? Man kann nicht immer stur und diszipliniert auf alles verzichten. Das geht nicht.

„War ’n gutes Rennen von Rune“, raunt er mir zusammenhanglos zu, sodass ich im ersten Moment nicht anders kann, als ihn überrascht anzuschauen.

„Was denn? Stimmt doch!“, ergänzt er, als ich nichts sage, und jetzt nicke ich. Ja, es war ein gutes Rennen. Von Startplatz 21 auf P7 ins Ziel zu kommen, das ist eine starke Leistung. Nein, eigentlich eine fast unglaubliche. Wenn man sich das mal ansieht, dann muss man sich fast schon fragen, warum Williams ihn nicht von Anfang an als Stammpilot unter Vertrag genommen hat. Die Superlizenz hatte er Anfang des Jahres schließlich bereits und auch wenn ihm das Wetter heute in die Karten gespielt hat, er hat Valtteri sozusagen deklassiert, obwohl er eigentlich meilenweit hätte hinterherhinken müssen.

„Ich finde, du solltest heute mit ihm reden“, erklärt er weiter direkt in mein Ohr. Vermutlich, damit ich ihn trotz der Lautstärke hier verstehen kann. „Und ich glaube, ich bin müde.“

Kein Wunder! Mitternacht ist auch schon lange vorbei.

„Dann geht’s jetzt zurück ins Hotel und ins Bett“, beschließe ich. Hoffentlich geht das auch ohne, dass wir Jenson über den Weg laufen... Ehrlich, ich will Seb morgen nicht wieder suchen und dabei so tun müssen, als wäre alles in bester Ordnung.

„Toll, dann kannst du da gleich mit ihm reden.“ Er freut sich, als hätte man ihm gerade gesagt, Weihnachten und sein Geburtstag würden auf denselben Tag fallen.

„Nein, Seb“, erwidere ich trocken, „Die werden seinen siebten Platz bei Williams sicherlich gebührend feiern. Also ist er bestimmt noch unterwegs und nicht im Hotel und deswegen kann ich nicht -“

„Ach, klar kannst du. Dir fällt schon was ein.“ Ich bekomme ein Schulterklopfen, bevor wir uns daran machen, beim Verabschieden möglichst niemanden zu vergessen. Ein ziemlich lächerlicher Versuch bei all den Leuten, die noch hier sind. Irgendwen übergehen wir garantiert, weil er gerade jetzt auf der Toilette ist oder sich mit einer Yucca-Palme unterhält.

*** ~~~ ***


Jean-Érics POV

Es ist beides, Party zum Saisonabschluss und Daniels Abschiedsfeier vom Team. Ich kann nicht sagen, dass mir letzteres besonders gut gefällt. Es wäre schöner, wenn ich an seiner Stelle wäre, aber man kann nicht alles haben und die Entscheidung war eigentlich schon gefallen, als Red Bull nur ihn während des Young Driver Tests fahren ließ. Im Grunde genommen hatte ich also genügend Zeit, um mich dem Gedanken anzufreunden oder besser gesagt abzufinden. Zu ändern ist es ja eh nicht mehr.

Allerdings bin ich auch nicht richtig bei der Sache. Heute Abend muss es laufen, wenn Charles und ich die Wette mit Rune gewinnen wollen. Wir wissen, dass Romains Vertrag verlängert wurde, also hat er eigentlich allen Grund zu feiern und wenn er ein wenig angetrunken ist... Na gut, ganz fair ist das nicht, aber zu irgendwas muss es gut sein und wir wären dumm, würden wir uns diese Chance entgehen lassen. Romain nach der Saison mal dazu einzuladen, was mit uns zu unternehmen, könnte ihn nämlich misstrauisch machen, weil wir bisher eigentlich nicht besonders viel miteinander zu tun hatten.

Das Vibrieren meines Smartphones schreckt mich schließlich auf. Es ist die erwartete Nachricht von Nicolas: Romain hat sich gerade von mir verabschiedet und wird sich in ein paar Minuten auf den Rückweg zum Hotel machen. Kannst du mir jetzt sagen, warum du das wissen willst?

Nein, schreibe ich zurück, jetzt noch nicht. Es soll eine Überraschung werden. Ich verrate es dir, wenn es geklappt hat, okay?

Als ob ich das wirklich vorhätte... Ich bin doch nicht verrückt! Es war schon wahnwitzig genug, Nicolas darum zu bitten, mir zu schreiben, wenn Romain die Lotus-Party verlässt, aber anders ging’s nun mal nicht. Wir konnten Romain ja schlecht danach fragen, ob er uns sagt, wann er die Party verlässt. Der hätte Charles und mir einen Vogel gezeigt und uns dann stehenlassen.

Meinetwegen, so lautet Nicolas’ Antwort. Gut, damit kann ich leben und darauf muss ich auch nicht antworten. Stattdessen schreibe ich Charles, dass es so weit ist und er sich auch auf den Rückweg zum Hotel machen soll. Wir müssen Romain nach Möglichkeit in der Lobby abfangen, in ein Gespräch verwickeln und das dann ganz behutsam in die Richtung lenken, in die es gehen soll. Das wird der allerschwerste Teil unseres nicht besonders intelligenten Plans.

Alles klar, bis gleich, antwortet Charles schon nach wenigen Sekunden. Der sitzt sicher auch schon seit einiger Zeit auf heißen Kohlen.

Bis gleich, schreibe ich ihm zurück, bevor ich mich so schnell wie möglich von allen verabschiede. Entschuldigen muss ich mich dafür glücklicherweise nicht, weil es schon so spät – oder früh, je nachdem wie man das sehen will – ist.

*** ~~~ ***


Runes POV

Die Bar ist wirklich gut. Oder sollte ich sagen, der White Russian ist gut? Naja, so groß ist der Unterschied wohl nicht. Allerdings habe ich langsam den Eindruck, dass der Alkohol den physischen Schmerz betäubt, aber nicht die verletzten Gefühle. Stattdessen kämpfe ich nun alle paar Minuten gegen die Tränen an, die mir in die Augen zu steigen drohen. Ich wollte Joakim nicht so anfahren, wie ich es getan habe. Ehrlich nicht. Es tut mir jetzt schon leid. Es ist nur so, dass ich mir von ihm nicht sagen lassen kann, wie ich meinen Job zu machen habe. Er ist mein Physio, nicht mein Renningenieur oder mein Teamchef oder... meinetwegen auch Sebastian oder Heikki. Auf erfahrenere Piloten würde ich unter Umständen nämlich auch hören, wenn sie mir etwas Hilfreiches beizubringen hätten.

Ich beiße mir auf die Lippe, fixiere das Glas vor mir und dränge die Tränen erneut zurück. Es wird von Mal zu Mal schwieriger. Doch ich kann hier nicht weinen. Das geht nicht, nicht in der Öffentlichkeit. Das kann ich tun, wenn ich allein zuhause bin. Zuhause... Ich wünsche mir so sehr, ich würde wirklich nach Hause kommen und nicht in ein irgendein totes Haus, in dem ich die allermeiste Zeit über allein sein werde. Mir graut jetzt schon davor.
Vielleicht sollte ich ganz spontan noch Urlaub buchen. Einfach ein paar Tage in einer Stadt verbringen, die ich schon immer mal sehen wollte. Rom hört sich verlockend an mit dem Kolosseum, dem Vatikan und der Engelsburg. Und in den Touristenmassen würde ich bestimmt nicht auffallen. Außerdem wäre das Wetter dort besser als in Stockholm, also auf jeden Fall deutlich wärmer und wenn die Sonne scheinen würde, könnte ich dort auch ganz unauffällig eine Sonnenbrille tragen... Aber wahrscheinlich kann ich mein Training nicht mal eben schwänzen und irgendwie ist der Gedanke an Rom nicht mehr so schön, wenn ins Spiel kommt, dass ich eben allein dort wäre und niemanden hätte, mit dem ich mich austauschen könnte. Naja, vielleicht würde ich jemanden kennenlernen, vielleicht – und darauf will ich’s nicht ankommen lassen, denn was nützt einem der allertollste Kurzurlaub, wenn man niemanden hat, mit dem man das Erlebte teilen kann? Vielleicht könnte ich jemanden einladen, nur wen? Max fährt mit Chloé in den Urlaub, selbstverständlich! Jean und Charles haben auch schon Pläne und ansonsten kenne ich noch niemanden in diesem Zirkus so gut, dass ich ihm vorschlagen würde, gemeinsam Urlaub zu machen. Es ist echt zum Heulen!

Ich trinke meinen White Russian aus und bezahle die Rechnung, schließlich kann ich nicht die ganze Nacht hier rumsitzen und trinken. Da liegt kein Segen drauf und am Ende würde das nur wieder zu negativen Schlagzeilen führen, die ich nicht haben will. Es ist ätzend. Irgendwie. Ein wenig Gesellschaft wäre jetzt schön, einfach jemand zum Reden, ganz egal über was. Hauptsache, es lenkt mich von der beschissenen Situation ab. Vielleicht hätte ich mich auf der Williams-Party doch ordentlich betrinken sollen. Dann würde ich jetzt bestimmt im Bett liegen, schlafen und mir nicht den Kopf über Dinge zerbrechen, die sowieso nicht mehr zu ändern sind. Eigentlich macht die Sache mit dem Schlafen auch keinen großen Unterschied mehr, schießt es mir durch den Kopf, als ich in die Lobby komme, denn jetzt werde ich mir gleich ein Taxi zurück zu meinem Hotel nehmen und wenn ich dort bin, werde ich in mein Zimmer gehen und -

„Ich wusste gar nicht, dass Williams nun doch hier feiert.“

Der Kommentar schreckt mich aus meiner Planung für die restlichen paar Stunden der Nacht auf, zwingt mich, Kimi anzusehen. Kann mir bitte mal jemand sagen, wo der plötzlich herkommt? Hätten mir Jean oder Charles nicht vorher sagen können, dass er auch hier abgestiegen ist? Dann hätte ich mir einen anderen Ort gesucht, um - Moment! Wollte ich nicht eben noch jemanden zum Reden haben, zum Ablenken? Warum eigentlich nicht...?
Ich ringe mir ein schwaches Lächeln ab:

„Ich auch nicht. Hab mich wohl verlaufen.“

Kimis Gesichtsausdruck bleibt unverändert. „Hier?“

„Ja, weißt du, bei der Party war mir zu viel Gerede“, erwidere ich schulterzuckend, „Das stört beim Trinken.“

„Und jetzt?“ Er mustert mich von oben bis unten.

Ein bisschen absurd ist das schon und die einzige Erklärung, die mein benebelter Verstand dafür parat hat, ist, dass Kimi mit Sicherheit auch was getrunken hat und nicht ganz nüchtern ist.

„Jetzt hab ich grad keine Ahnung“, antworte ich.

Er hakt prompt nach: „Wovon?“

„Was ich als nächstes machen will.“

„Schlecht.“

Ich nicke.

„Wie wär’s mit noch was trinken?“, schlägt Kimi vor.

„Warum nicht? Wär ’n Plan.“ Ich glaube, der Abend könnte doch noch ein gutes Ende nehmen. Okay, vielleicht kein gutes, aber immerhin ein akzeptables im Vergleich zu seinem Beginn. Irgendwie kann’s ja auch nur noch besser werden. Und es macht auch keinen Unterschied, ob ich jetzt oder noch etwas später ins Hotel zurückkomme, es ist so oder so längst Montagmorgen.

„Komm mit.“

„Danke“, murmle ich und folge ihm Richtung Fahrstühle.

*** ~~~ ***


Romains POV

Eigentlich bin ich nicht müde, bestenfalls ein wenig angeschlagen vom langen Tag, doch das allein hätte mich nicht dazu gebracht, die Party schon zu verlassen. Dafür hat letztendlich der morgige Rückflug nach Europa gesorgt. Wenn es etwas gibt, das ich wirklich nicht ausstehen kann, dann ist es die Zeitverschiebung nach einem Rennen in Übersee. Vorher finde ich sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund gar nicht so gravierend.

Es ist immer noch regnerisch und schwül draußen, so sehr, dass die paar Meter vom Taxi bis in die klimatisierte Eingangshalle des Hotels ausreichen, um mir den Schweiß ausbrechen zu lassen. Wer auch immer sich dieses Wetter gewünscht hat... Aber jetzt kann’s mir erst einmal egal sein. Ich werde noch mal duschen, mich dann hinlegen und mit ein wenig Glück ist es morgen schon nicht mehr so schlimm. Wird es sowieso nicht sein, weil ich nach dem Aufstehen nicht mehr lang hier sein werde und das Flughafengebäude ist auch klimatisiert. Also ist es eigentlich alles halb so wild wie -

Der Anblick lässt mich erstarren, mein Herz einen Schlag aussetzen.

Was macht Kimi hier? Er hat sich doch schon lange vor mir von der Party verabschiedet und irgendjemand meinte schon – halb ernst, halb im Scherz – er würde noch bei Ferrari vorbeischauen wollen. Doch das ist mir gerade jetzt herzlich egal.

Es ist die Art, wie er Lindström ansieht, dieses angedeutete Grinsen auf seinem Gesicht, das man nur erkennt, wenn es schon einmal einem selbst gegolten hat. Die Art, wie er ihm auf die Schulter klopft, als sie zu den Aufzügen gehen.
Ich weiß genau, was passieren wird, wenn sie... Mit mir hat er das genauso gemacht. Aber bis jetzt dachte ich noch, ich hätte... Es wäre nicht alles verloren und ich hätte noch eine Chance bei ihm, sein Wechsel zu Ferrari hin oder her. Doch das jetzt... Es tut weh. So verflucht weh, dass es mir die Luft abschnürt.



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