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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 4.510
 
A/N: Danke an Madrilena, Balalaika, Napoleon90, Tracy89, -Wonderwall- (12x!), Silvana und Pericoloso.

Dieses Kapitel hat wieder einen kleinen Soundtrack: Lejonet från Norden – Sabaton





Kapitel 34 – Lejonet från Norden


Valtteris POV

Verfluchte Scheiße!

Von wegen die Regenwahrscheinlichkeit wird heute unter siebzig, vielleicht sogar unter sechzig Prozent fallen. Das Gegenteil ist eingetreten, das genaue Gegenteil. Zwar ist es trocken, hat den ganzen Tag noch nicht geregnet, aber es ist schwül und die graue, geschlossene Wolkendecke spricht für sich. Die Regenwahrscheinlichkeit fürs Rennen beträgt mittlerweile wieder über neunzig Prozent.

Es ist nun zwar nicht so, als würde ich eine komplette Trockenabstimmung fahren, trotzdem spielt das Wetter Lindström im Augenblick deutlich mehr in die Karten als mir. Und ich kann absolut nichts dagegen tun, das könnte ich nicht mal dann, wenn man uns seit Abu Dhabi nicht ständig im Auge behalten würde. Es hat den Anschein, als würde man im Team nur darauf warten, dass wir uns an die Gurgel gehen. Nicht, dass jemand auch nur ein Wort darüber verloren hätte oder verlieren würde – eher würde man sich die Zunge abbeißen, schätz ich – aber ich merke, wenn man mich beobachtet. Also anders beobachtet, als das, was normalerweise der Fall ist. Sie scheinen vorsichtig zu sein, wollen nicht, dass es Lindström oder mir auffällt, aber ich bin nicht blöd!
Allerdings werden sie ihre Entscheidung, Lindström Pastors Cockpit zu geben, bestimmt nicht bereuen. Wieso sollten sie auch? Seine Leistung – das müssen sie als Verantwortliche fürs Team zwangsläufig so sehen – ist gut, er bietet mir die Stirn. Er hat den Stammpiloten in Austin geschlagen und ich konnte nicht mehr dagegen tun, als mit den Zähnen zu knirschen. Lindström lässt mich alt aussehen. Heute wird er es zwar mithilfe der Abstimmung und des Wetters tun, aber das ist kein Trost. Das ist es nie. Heute wäre es tatsächlich besser gewesen, ich hätte mich nicht auf den letzten Drücker noch für Q3 qualifiziert, denn dann könnte ich jetzt ebenfalls bei trockener Strecke die Reifen frei wählen. Aber nein!

*** ~~~ ***


Runes POV

P21. Kaum zu glauben, dass das letzte Qualifying der Saison mein schlechtestes gewesen ist. Hinter mir startet nur noch Max. Vor mir auf P20 Jules und direkt vor mir auf P19 steht Charles. Eigentlich befinde ich mich in guter Gesellschaft, in der Gesellschaft von Freunden, obwohl es mit Freundschaft auf der Strecke nicht so weit her ist. Das größte Zugeständnis an sie ist wohl, dass man sich nicht absichtlich gegenseitig aus dem Rennen kegelt, denke ich und lehne mich ein wenig gegen die Streckenbegrenzung, stecke mir die Kopfhörer meines iPods in die Ohren.
Ein paar Minuten nur für mich habe ich mir vorhin bei der letzten Besprechung erbeten. Alles kein Problem, hieß es da, wenn ich das möchte. Also musste Joakim mir den iPod eben genauso wie das eisgekühlte Handtuch für den Nacken und den Ionencocktail mitbringen. Ich schließe die Augen, drücke auf Play und atme tief ein.

En tid styrd av mörker och krig
En legend beskriver ett lejon

Vielleicht ist Metal, Sabaton eigentlich nicht das richtige direkt vor einem Rennen...

Den besten tar form av en man
Med en dröm att den skall bli sann

Aber das ist mir egal. Ich will das so, also tu ich das auch. Und ich mag dieses Lied einfach. Lejonet från Norden. The Lion from the North.

För alla som står i hans väg
Väntar död för han ger ingen nåd
Med en mäktig armé ifrån norr
I strid denna tid till krig

Ich wäre das gerne. Doch sie singen über Gustav II. Adolf. Lejonet från Norden. Ein erneuter tiefer Atemzug. Vielleicht... Vielleicht kann ich es doch sein. Kann ich der Löwe sein.

Legenden har spått gult och blått
Han fruktar ej svärd eller skot

Keine Furcht. Ich darf mich nicht fürchten. Ich brauche mich nicht zu fürchten. Ich kann der Löwe sein, wenn ich es nur will. Enrique hat gesagt, ich hätte Nico in Suzuka viel früher überholen können, wenn ich nur gewollt hätte. Ich kann das, ich muss es nur wollen.

Lejon gå fram i krut och damm
I krut och damm

I krut och damm. Es wird ein dreckiges Rennen werden, keine Frage. Es wird regnen, da sind wir uns einig und sicher. Noch ein tiefer Atemzug.

Gustavus Adolphus
Libera et impera
Acerbus et ingens
Augusta per angusta

Ich werde mit Intermediates starten. Das Wetterradar sagt Regen innerhalb der ersten vier bis fünf Runden an. Was das angeht, bin ich Valtteri gegenüber klar im Vorteil, denn er muss von P10 mit den Reifen an den Start gehen, auf denen er gestern seine beste Runde in Q3 gefahren ist.

När stormen Europa har nått
Ond bråd död förödande blodbad
Ta makten från kejsarens hand
Katolikerna lämna sitt land

Krigskonstens framtid är här
Lys den väg deras söner skall gå
Såsom lejonet leder en här
I strid denna tid till krig

Noch ein tiefer Atemzug. Ich spüre genau, wie ich ruhiger werde, obwohl die Musik sonst eigentlich eher aufputschend auf mich gewirkt hat. Ein wenig ungewöhnlich kommt es mir schon vor, aber wirklich wichtig ist es nicht. Ich weiß, was ich tun muss.

Legenden den löd örnens död
Den skållas i helvetets glöd
Konung kom fram best eller man
Best eller man

Gustavus Adolphus
Libera et impera
Acerbus et ingens
Augusta per angusta

Und ich werde es tun. Ich werde tun, was nötig sein wird, um Valtteri zu schlagen. Um ein Rennen abzuliefern, das im Gedächtnis bleiben wird. Ich kann es und ich werde es tun. Heute. Jetzt! Und nichts und niemand wird mich davon ab- oder gar aufhalten können – wenn ich es irgendwie verhindern kann.

Gustavus Adolphus gå fram libera impera
...


*** ~~~ ***


Joakims POV

Ich behalte Rune genau im Auge, obwohl er gerade eigentlich nichts anderes tut, als mit geschlossenen Augen dazusitzen und Musik zu hören. Spektakulär ist das nicht. Spektakulär ist einzig seine Mimik. Keine Ahnung, was er da genau hört, aber es scheint nicht das zu sein, was er normalerweise auf seinem iPod hat, denn das hat nie, noch definitiv niemals diese kleine senkrechte Falte zwischen seinen Augenbrauen zum Vorschein gebracht. Irgendwas läuft hier ganz bestimmt anders als sonst. Diese Falte sollte da nicht sein, wenn er ansonsten so entspannt scheint. Das ist nicht richtig, das ist nicht normal!

Er sieht mir nicht in die Augen, als er nach einer Weile seinen iPod ausschaltet und ihn mir zurückgibt. Mit ins Auto kann er ihn ja schlecht nehmen. Stattdessen wirft er einen Blick auf die Wolken und wendet sich an Andrew:

„Bleibt alles wie besprochen?“

Die Antwort des Renningenieurs kann ich nicht verstehen, aber ich sehe ihn nicken, also hat sich wohl nichts an allem geändert. Sie gehen das Risiko ein und schicken ihn mit Intermediates ins Rennen, obwohl mittlerweile durchgesickert ist, dass die Wettervorhersage bei den meisten anderen Teams eine andere ist. Dort erwartet man Regen frühestens ab Runde 8 oder 9. Aber gut, solange Rune sich an alles hält, was man ihm sagt, ist die Welt in Ordnung.

Runes Aufmerksamkeit richtet sich erst wieder auf mich, als es nicht anders geht, als ich ihm Sturmhaube und Helm anreiche, und einen Blick in seine Augen erhaschen kann. So einen Ausdruck habe ich in ihnen noch nie zuvor gesehen. Sonst sind sie immer klar und blau gewesen wie ein wolkenloser Sommerhimmel, doch stattdessen wirken sie nun kalt und hart wie Eis.

Ich sollte mir wirklich Sorgen machen. Er brütet etwas aus, kein Zweifel. Aber es ist zu spät, um noch irgendetwas dazu zu sagen oder darüber zu sprechen. Es ist zu spät. Doch ich sollte ihm die drei Prinzipien mittlerweile gut genug eingetrichtert haben, um mir keine Sorgen machen zu müssen. Oder wenigstens nicht so große. In den letzten Wochen hat Rune ja fast nur noch getan, was er sollte. Endlich.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich bin erwartet chancenlos, gerade zu schwerfällig beim Start. Max zieht scheinbar problemlos an mir vorbei und dann bin ich auf einmal das Schlusslicht, kämpfe mit der Reifentemperatur, dem Auto und der Strecke. Und dem Funk, der eigentlich nur rund um die Start-Ziel-Gerade und die an sie angrenzenden Kurven funktioniert.
Ganz am Ende des Feldes fährt sich so ein Rennen erschreckend einsam, ich bekomme sogar den Eindruck, es noch nie so klar wie heute erlebt zu haben, denn ich kann kaum mehr tun, als die Marussias vor mir im Auge zu behalten und den Anschluss nicht zu verlieren. Runde 4 kommt und geht, kein Regen, Runde 5 auch, Runde 6 ebenso. Die Spitze hat sich schon lange vom Mittelfeld abgesetzt, während ich die Reifen schonen soll.

Ich will nicht. Ich will nicht letzter werden!

In der siebten Runde habe ich die Schnauze voll: „So geht das nicht! Ich will Options haben!“

Doch statt des erhofften Okays bekomme ich von Andrew nur eine weitere Anweisung:

›Bleib draußen! Zwischen Turn 6 und 9 fängt’s jetzt an zu regnen. Bleib draußen! Copy?‹

Marker in der Telemetrie, wie vereinbart, denn was ich nach Turn 3 funke, ist am Kommandostand auf keiner einzigen Frequenz noch verständlich. Und dann klatschen plötzlich wie aus dem Nichts die ersten Regentropfen  auf meinen Helm. Erst nur ein paar, dann immer mehr. Die Strecke wird deutlich feuchter, wirklich nass und als hätte jemand einen Schalter umgelegt, fühlt sich das Auto auf einmal gut an. Es scheinen ideale Verhältnisse für Intermediates zu sein, schießt es mir durch den Kopf, alles scheint schlagartig zu passen.
Doch noch während ich aufatme, kommt der Marussia vor mir von der Strecke ab. Keine Ahnung, ob’s Max oder Jules ist, aber genauso wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Ich ziehe mühelos vorbei, habe ausreichend Grip, um auch dem zweiten Marussia rasch näher zu kommen. Allerdings verschlechtert sich die Sicht durch das Spray ebenso rapide.

Immer noch Regen nach Turn 10. Ich komme am Marussia und einem Caterham vorbei, auch diesmal ohne Probleme. Regen auch nach Turn 11 und 12. Einen Sauber auf Abwegen bleibt hinter mir zurück. Und Andrew wieder über Funk nach Turn 14:

›Push, push! Alle an der Box, außer den Top Ten. Valtteri P9. Push!‹

„Copy.“ Mehr ist nicht drin. Mehr muss ich nicht wissen. Die Strecke vor mir ist frei, zumindest so gut wie. In Turn 2 bringe ich das Auto gerade noch haarscharf vor dem zweiten Sauber und noch einem anderen Auto unter. Ich weiß, was ich tun muss.

Gelbe Flaggen am Ende der Reta Oposta zwischen Turn 3 und 4. Ich werfe einen raschen Blick in den Rückspiegel. Gut, der Sauber ist weit genug weg, absolut nicht in Schlagdistanz, als ich zwangsläufig vom Gas gehe. Keine Ahnung, was hier passiert ist, und keine Zeit, um den schaulustigen Gaffer zu mimen. Wenn Andrew was sagt, gut, wenn nicht, auch egal. Ist schließlich ein Auto weniger, das ich überholen muss. Mindestens.
Keine gelben Flaggen mehr nach Turn 6. Perfekt! Denn was jetzt kommt, passt beinahe ideal zur Abstimmung – aber eine Bestzeit ist trotzdem unmöglich. Logischerweise!

Wieder Funk nach Turn 14:

›Watch out! Du kommst ab Turn 2 in Verkehr aus der Box. Top Ten auf Inters.‹

„Copy.“ Wieder nicht mehr. Haben wir so vereinbart. Wenn ich nichts zu melden habe, halten wir’s kurz. Sie haben mir quasi einen Freifahrtsschein fürs Motzen ausgestellt – solange ich’s auf den Punkt bringe.

›P9, Rune, P9‹, folgt kurz vor Turn 1, ›Valtteri P5. Push!‹

„Copy.“

Das ist doch mal eine Ansage! Damit kann ich was anfangen, und zwar sofort! Es ist mir egal, dass ich mich wieder an den Autos, die aus der Box kommen, vorbeiquetsche. Ich will es heute besser machen, ich will nach vorne und da muss es mir scheißegal sein, ob ich jemanden schneide oder nicht oder was auch immer. Und ich will P5, ich will an Valtteri vorbei, um jeden Preis! Der Regen hält an, scheint jedoch nicht schlimmer zu werden. Das ist gut so, denn dann brauche ich noch nicht zu stoppen, um richtige Regenreifen aufziehen zu lassen. Okay, so schlimm wäre das nun auch nicht, denn allen anderen würde es genauso gehen, aber trotzdem! Der Williams läuft einfach rund mit den Intermediates.

Bis Turn 6 tut sich nicht viel, die Lage stagniert, doch als ich den kurvenreichen Teil der Strecke erreiche, kann ich die Vorteile der Abstimmung endlich ausspielen, komme in Schlagdistanz zum vor mir fahrenden Force India, aber nicht an ihm vorbei. Noch nicht...!

Der Regen hält an, die Strecke bleibt recht gleichmäßig nass und ich kann mich vorarbeiten, zwar aggressiver als ich es bisher getan habe, doch es kümmert mich nicht. Ich halte einfach drauf, gehe das Risiko der Kollision ein – und habe das Glück, dass die zu überholenden Fahrer es nicht tun, lieber die Tür aufmachen und mich ziehen lassen. Die werden sich auch denken, dass ein Williams früher oder später wieder hinter sie zurückfällt und ich muss ja noch mal an die Box... Die werden sich noch wundern... Hoffentlich hält der Regen an, aber von Andrew habe ich noch nichts gegenteiliges gehört.

Ich bin auf P7, als der zweite Williams vor mir auftaucht. War irgendwie klar, dass Valtteri sich nicht auf P5 würde halten können. Nicht mit seiner Abstimmung und erst recht nicht mit diesem Auto. Alles, was ich tun muss, ist darauf warten, dass die Strecke nach Turn 4 wieder kurvenreicher wird. Dann geht alles ganz schnell.
Aber Valtteri wird sicher auf seine Anweisungen vom Team gehört und es mir nicht über die Maßen schwer gemacht haben. Ob ihm das schmeckt, steht auf einem anderen Blatt, aber ich habe fürs Erste freie Fahrt und P6.

Es regnet stärker. Zuerst zwischen Turn 6 und 9 und ich habe Mühe, nicht panisch zu werden, als ich feststelle, dass es zu viel Wasser für die Intermediates ist. Kann mich gerade noch davon abhalten, die Knöpfe am Lenkrad zu drücken, die dem Team mitteilen würden, dass ich an die Box komme und richtige Regenreifen haben will. Das geht jetzt nicht, das muss mindestens noch eine Runde warten. Wenigstens so lange, bis sicher ist, dass es wirklich schlimmer wird mit dem Regen. Also beschränke ich mich darauf, nach Turn 14 sofort zu fragen, wie es insgesamt auf der Strecke aussieht.

Andrew antwortet, der Regen würde stärker werden, aber ich solle es weiterhin mit den Intermediates angehen. Noch seien die ausreichend und in akzeptablem Zustand. Auf der Boxentafel stehen drei Sekunden Abstand zu Alonso auf P5. Unwahrscheinlich, dass ich den innerhalb der nächsten drei oder vier Runden kassieren werde. Das wird ein richtiges Stück Arbeit werden, sofern ich mit dem Williams in der Lage bin, ihn einzuholen.

Ganz kurz vor Turn 3 funkt Andrew erneut: ›Box! Box, bo- ‹

Keine Ahnung, was das jetzt soll! Ist was am Auto kaputt? Nein, kann nicht sein, das würde ich merken. Ich schlucke. Hab ich ihn überhaupt richtig verstanden? Scheiße! Was mach ich denn jetzt?

Gelbe Flaggen in Sektor 2 bereiten meinen sich überschlagenden Gedanken schließlich ein Ende. Die Strecke ist nass, viel zu nass für meinen und den Geschmack der Reifen. Ich fahre an die Box, egal, ob Andrew das von mir wollte oder nicht. Ich drücke den Knopf am Lenkrad und stelle zusätzlich als Reifenwunsch Regenreifen ein. Anschließend beiße ich mir auf die Unterlippe. Auch wenn ich eigentlich weiß, was ich will, ein wenig verunsichert bin ich aufgrund des Wetters und der vielen gelben Flaggen doch.

Boxeneinfahrt, Tempolimit, Boxengasse, Funk und Andrew erleichtert, weil ich ihn doch noch gehört und richtig verstanden habe. Und ich bekomme die gewünschten Regenreifen. Endlich! Allein das Wissen darum reicht schon, dass ich mich wieder besser und selbstsicherer fühle. Leider verhindert das nicht, dass ich erst hinter Valtteri wieder auf die Strecke zurückkomme und er bereits mit Regenreifen unterwegs ist, deshalb nicht in absehbarer Zeit stoppen wird, um sich welche zu holen. Scheiße!

Der Regen wird immer noch stärker. Es scheint fast so, als würde das Wetter erst jetzt richtig auspacken, sein wahres Potential enthüllen. Fahren wird mehr und mehr zu einem Glückspiel. Eigentlich habe ich auch gar nicht mehr das Gefühl, überhaupt noch zu fahren. Es kommt mir vielmehr so vor, als würde ich nur noch versuchen, das Herumrutschen halbwegs zu kontrollieren, um nicht im Kies zu landen.

Aber dann sehe ich sie: erst gelbe Flaggen und weiße SC-Schilder, kurz darauf rote Flaggen und beim Überfahren von Start-Ziel – zusätzlich zur Information via Funk – auch noch die fünf blinkenden gelben Leuchten in der obersten Reihe der Ampel, zusätzlich zu den zehn roten in den beiden unteren Reihen. Rennabbruch. Mittlerweile schüttet es, was da runter will und das Safety Car hat den Führenden bereits eingesammelt.

***


Die Rennunterbrechung dauert fast eine halbe Stunde, siebzehn Minuten, bis die Rennleitung beschließt, dass es weitergehen kann, fünf weitere, bis alles in die Wege geleitet ist und dann noch drei, bis es tatsächlich weitergeht, wenn auch zunächst hinter dem Safety Car und für mich auch immer noch hinter Valtteri.

Es zieht sich hin, der Funk funktioniert nur noch ab Turn 15 und bis Turn 2. Alles andere als ideal, aber nicht zu ändern. Ein guter Fahrer muss auch unter solchen Bedingungen zurechtkommen. Jetzt wäre es vielleicht ganz angenehm, wenn ich immer noch so unbewusst fahren würde oder könnte wie in Japan. Ich stünde auf jeden Fall weitaus weniger unter Stress, denke ich.

Ich kämpfe so gut ich kann, komme nach dem fliegenden Start wieder an Valtteri heran. Ein Hoch auf meine Abstimmung! Und eins auf den Regen! Nicht mehr lange, dann hab ich ihn wieder überholt. Dass ich das kann, weiß ich. Es müssen nur genügend Kurven da sein, dann...

Funk nach Turn 15: ›Stop pushing! The ... high.‹

„Was?!“, will ich wissen. Was soll das bitte? Da ist nichts – was auch immer da sein sollte und angeblich hoch ist, mehr habe ich ja nicht verstanden –, das Auto fühlt sich völlig normal an, um nicht zu sagen spitzenmäßig. Und ein Blick auf die Boxentafel bestätigt mir den rapide schrumpfenden Rückstand auf Valtteri. In spätestens zwei Runden sollte ich ihn...

›Stop pushing! Copy!‹

Ich denk ja nicht dran! Keine Antwort im Funk, kein Marker in der Telemetrie. Solange sich das Auto so anfühlt wie jetzt, kann da nichts nicht in Ordnung sein! Ich pushe weiter, verkürze den Abstand auf Valtteri und bin in Sektor 3 dran. Nächste Runde...

›Stop pushing!‹, wiederholt Andrew sofort nach Turn 15, ›... is ...‹

„Can’t hear you“, gebe ich zurück. Stimmt ja auch. Keine Ahnung, was er mir sagen will.

›Gearbox ...‹

Okay, irgendwas mit dem Getriebe, aber keine Ahnung, was, und es fühlt sich auch immer noch normal an. Keine Probleme beim Schalten, die Gänge gehen alle mühelos raus und rein.
Nur noch zwei lächerliche Zehntel Rückstand auf Valtteri auf P10. Es geht also tatsächlich um den letzten zu vergebenden Punkt. Wer hätte das gedacht...

› ... Stop pushing!‹

Was soll der Scheiß?!

„The car is fine!”, gebe ich zurück. Vielleicht hilft das ja, immerhin bin ich derjenige, der hier fährt. „I’m faster than Valtteri!“ Sie könnten ihm auch einfach sagen, dass er Platz machen soll. Dann müsste ich gegen ihn nicht pushen und das Problem wäre gelöst.

›Stop pushing now!‹, kommt’s zurück, ›Copy!‹

Das ist ein Scherz! Das muss einer sein! So war das nicht abgesprochen. Wieso soll ich auf einmal hinter Valtteri zurückstecken, wenn ich viel schneller fahren kann als er?! Das ergibt doch alles keinen Sinn!
Ich bestätige wieder nicht, fest entschlossen, mein eigenes Ding durchzuziehen. Ich lasse mich doch hier nicht vorführen, solange das Auto in Ordnung ist. So weit kommt’s ja noch!

Ich bin im Windschatten, kann ihn diesmal besser nutzen als in Austin und bin nach Turn 4 vorbei, habe P10 und den letzten Punkt vorläufig sicher. Aber es reicht mir nicht. Ich brauche Abstand zu Valtteri, denn auf diesem Satz Reifen werde ich das Rennen mit ziemlicher Sicherheit nicht fertig fahren können, selbst wenn es weiterhin so regnet wie jetzt.

Kein Funk nach Turn 15 diesmal. Erst als ich auf Start-Ziel ankomme, kann ich wieder etwas hören. Hauptsächlich Rauschen und zwischendrin mal Andrews Stimme. Er scheint noch immer zu versuchen, mir klarzumachen, dass ich nicht weiter pushen soll. Zumindest glaube ich das. Genau lässt sich das leider nicht mehr ausmachen.

„Can’t hear you!“, funke ich zurück. Wenn ich ihn wirklich hören könnte, würde ich ihn mit Sicherheit auch verstehen, aber so...
Die Boxentafel bestätigt mir P10 noch einmal, ebenso wie 4,6 Sekunden Rückstand auf P9. Das ist auf jeden Fall machbar, solange es so nass bleibt wie jetzt, selbst mit diesem Auto.
Im Funk kommt nichts mehr zurück, bevor ich Turn 2 passiere. Na gut, dann am Ende der Runde wieder.

Stille nach Turn 15. Irritiert frage ich an, ob es nichts zu sagen gäbe. Keine Antwort. Seltsam. Die Boxentafel zeigt mir nur noch 4,1 Sekunden Rückstand an. Okay, eine halbe Sekunde aufgeholt, das ist gar nicht so übel. Doch ich vermute, dass ich da jemanden vor mir habe, dessen Auto sehr viel weniger auf Regen abgestimmt ist als meins. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, wie ich mit dem Williams so schnell aufholen kann, obwohl ich bereits in den Punkten bin.
Ich funke erneut, wieder antwortet mir nur Stille. Na gut, dann eben nicht. Kann mir zwar nicht vorstellen, dass Andrew schmollt oder so, weil ich seinen Anweisungen nicht Folge geleistet habe, aber ich kann jetzt auch nichts ändern. Besser, ich mache weiterhin Druck und versuche, auf P9 vorzukommen.

Immer noch Funkstille nach Turn 15. Seltsam, nachdem die Strecke in Sektor 2 so dreckig war, dass es mehrere Kurven gedauert hat, bis meine Reifen wieder gut liefen.
Diesmal bekomme ich mit der Boxentafel jedoch eine Antwort: Funk ausgefallen. Na toll, spitzenmäßig... Okay, dann muss ich mir jetzt wenigstens nicht mehr anhören, ich solle aufhören, Druck zu machen. Immer noch 4,1 Sekunden bis P9. Was auch immer ich aufgeholt hatte, die schmutzige Strecke hat es mir wieder abgenommen.

Der Regen lässt langsam nach. Das erste Mal fällt es mir wirklich auf, als ich mich dem Auto auf P7 nähere und feststelle, dass das Spray irgendwie weniger intensiv ist, meine Sicht besser als noch auf P9. Inzwischen kann ich gar nicht mehr sagen, welcher Fahrer vor oder hinter mir ist. Ich bin schon froh, wenn mir aufgeht, zu welchem Stall das jeweilige Auto gehört.
Kurz darauf scheinen die Reifen langsam an Haftung zu verlieren. Eine Runde lang sehe ich mir das an, wäge ab, weil ich keine Möglichkeit habe, mich mit Andrew zu besprechen. Die Entscheidung liegt demnach wohl bei mir... Im letzten Briefing hieß es noch, es würde einen großen Regenguss geben und danach wieder trocken werden und bis zum Rennende auch so bleiben...

Ich entscheide mich für Risiko.

***


Beschissene Entscheidung!

Ich hab bekommen, was ich wollte. Sie haben mir Intermediates aufgezogen, wie ich das wollte, und jetzt hab ich den Salat. Die Strecke ist stellenweise noch zu feucht und ich kann nichts dagegen tun, wieder bis auf P11 nach hinten durchgereicht zu werden.
Erst dort gelingt es mir dann, mich festzusetzen und die Position zu halten. Der Regen wird glücklicherweise kontinuierlich schwächer, bis er nur noch einem Tröpfeln gleicht. Wenigstens kommt es mir im Vergleich zu vorhin so vor. Dann haben die Intermediates plötzlich wieder den Grip, den sie haben sollten.

Und ich kann erneut Druck machen. Diesmal ist es erstaunlich leicht. Mir muss niemand sagen, dass die zehn Autos vor mir noch mal an die Box kommen müssen, um die Reifen zu wechseln, das versteht sich von selbst.

I’m pushing like hell.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Rune spinnt. Und ich kann nicht mehr tun, als hilflos mit den Zähnen zu knirschen. Dabei dachte ich eigentlich, er hätte endlich verinnerlicht, dass er auf seine Vorgesetzten zu hören hat – ob ihm das nun passt oder nicht.

Doch er hat mehr als deutlich bewiesen, dass das nicht der Fall ist, dass er rein gar nichts verstanden hat. Er zieht durch, was er will, unbeirrbar und stur. Ganz so, als hätte sich überhaupt nichts verändert. Wahrscheinlich hat es das auch wirklich nicht und ich bin in den letzten Wochen wie ein blutiger Anfänger auf einen Streich hereingefallen, den er mir gespielt hat. Und ich habe keine Ahnung, wie ich Daniel das erklären soll, wenn er mich danach fragt.

Na gut, eigentlich müsste ich das auch nicht. Ich habe meine eigenen Mittel und Wege, um Rune gewisse Dinge klarzumachen, doch irgendein Idiot in der Regie hatte offenbar Spaß daran, beinahe jeden von Runes Funksprüchen, an den er herankam, als der Funk noch funktionierte, einzuspielen. Also wird Daniel zwangsläufig mitgekriegt haben, wie aufmüpfig sein Sohn sich verhalten hat, und er wird Konsequenzen für ein dermaßen respektloses Verhalten fordern. Zu Recht, wie ich finde.

*** ~~~ ***


Runes POV

P7!

Schade, dass der Funk nicht geht.

Aber P7! Das sind unglaubliche sechs Punkte! Sechs!

Okay, es ist auch bis zum Schluss nicht mehr so trocken geworden, dass man auf Slicks hätte wechseln können und das Vorrücken auf P7 habe ich zweifellos zwei solchen Versuchen zu verdanken. Ohne die Boxenstopps, die dafür benötigt wurden, hätte ich es bestimmt nicht so weit nach vorne geschafft.

Es ist großartig! Es ist... Wow! Und eigentlich habe ich immer noch keine richtige Ahnung, wie ich das überhaupt angestellt habe. Es kann doch nicht ausgereicht haben, es einfach nur zu wollen, oder doch? Auf jeden Fall ist es... Mir fehlen die Worte.

Trotzdem mache ich alles wie immer, bemühe mich um Pick-up auf den Reifen und darum, nicht die vorgeschriebene Geschwindigkeitsgrenze zu unterschreiten. Gar nicht so leicht, wenn der Support fehlt. Vorsichtshalber bleibe ich einfach hinter dem Auto vor mir. Wird dann schon passen, hoffe ich. Auf jeden Fall bringe ich das Auto sicher in den Parc fermé. Mit dem Abstellen hatte ich ja von Anfang an die geringsten Probleme. Warum auch immer... Das wird wohl eine dieser ewig ungelösten Fragen bleiben.

Ich steige aus, behalte den Helm auf, weil es von oben immer noch nass ist und gehe zum Wiegen. Doch irgendwie fühle ich mich etwas unwohl. Sonst kam ich hier meist mit Piloten an, mit denen ich auch wirklich zu tun hatte. Das war okay, aber jetzt? Außer Daniel natürlich, aber ob gerade der... Besser, ich lasse es nicht drauf ankommen. Würde mir nur den Tag versauen und das wäre Verschwendung. Immerhin haben wir was zu feiern!

Das Wiegen ist Routine, doch heute kommandieren sie mich wieder zum Dopingtest ab. Was muss, das muss eben, auch wenn’s unangenehm ist. Es gehört nun mal dazu, hin und wieder in einen Plastikbecher zu pinkeln, wenn man Profisportler ist. Und heute macht’s mir auch nichts aus. Ich mache in den Becher, gebe ihn ab, wasche mir die Finger und mache mich dann wieder auf den Weg. Joakim wartet bestimmt schon auf mich. Außerdem hätte ich gerne meinen Ionencocktail.

Den Weg finde ich nach gestern problemlos und das nicht nur, weil’s Hinweisschilder gibt und ich nicht mehr tun muss, als den anderen zu folgen, die nach und nach ebenfalls eingetrudelt sind.

Dann sehe ich Joakim. Er wartet genau an der Stelle auf mich, an der er gestern schon gewartet hat. Nur sieht er heute nicht... Ich muss schwer schlucken. Er sieht nicht zufrieden aus. Nicht glücklich. Ganz und gar nicht glücklich. Ohne es recht zu merken, werden meine Schritte langsamer und ich beginne mich zu fragen, ob etwas Schlimmes passiert ist.



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