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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 4.579
 
A/N: Danke an Madrilena, Evening Star, Sternengrau, Napoleon90, Tiefseentraum, Balalaika, Silvana, -Wonderwall- (16x!), Tracy89 und Pericoloso.




Kapitel 33 – Ruhe vor dem Sturm


Runes POV

Mein Nacken schmerzt trotz Joakims Massage noch immer. Zwar nicht mehr so schlimm wie vorher, es ist locker auszuhalten, doch genauso ununterbrochen vorhanden, sodass ich mich wirklich zwingen muss, nicht alle paar Minuten die Hand in den Nacken zu legen. Schön geht anders.

„Da die Regenwahrscheinlichkeit für morgen immer noch bei 76 Prozent liegt, sind wir mit den beiden unterschiedlichen Strategien vermutlich bestmöglich aufgestellt“, fasst Xevi ruhig zusammen. Die Besprechung scheint sich also langsam, aber deutlich dem Ende zu neigen. „Je nachdem, was das Wetterradar morgen sagt, werden wir entscheiden, mit welchen Reifen du an den Start gehst, Rune.“

Ich nicke. Bei mir können sie’s ja machen. Und grundsätzlich ist das auch eine sehr vernünftige Idee. Es wäre hirnrissig, mich auf Slicks starten zu lassen, wenn das Radar Regen für Runde 2 oder 3 vorhersagt. In so einem Fall kann man durchaus pokern und Intermediates aufziehen. Wäre ja nicht das erste Mal, dass so eine Taktik aufgeht!
Doch im Moment sieht die Realität anders aus. Dass man sich in Bezug auf mich auf so eine Taktik einigen konnte, liegt einzig und allein daran, dass ich bei nassen Streckenbedingungen die besseren Zeiten eingefahren habe und man mein Auto dementsprechend stärker auf Regen abgestimmt hat. Und natürlich, dass Valtteri morgen von P10 starten wird, während ich mich mit P21 zufrieden geben muss. Ausgeschieden in Q1 – ganz sicher nichts, was mir gefällt. Aber ich hätte nun einmal eine völlig andere Abstimmung des Autos gebraucht, um auf trockener Strecke etwas reißen zu können. Und obwohl ich auch das weiß, macht es rein gar nichts besser. Ich fühle mich miserabel, wie ein Versager.

Um mich herum beginnen die anderen, ihre Unterlagen zusammenzupacken. Offenbar habe ich das Schlusswort des Briefings verpasst. Na super! Mit einem leisen Seufzen schiebe ich die Zettel vor mir auf dem Tisch ebenfalls zusammen. Man könnte das auch längst alles mit Computern machen, aber manche Dinge sind handfest auf Papier wohl doch besser aufgehoben.
Doch als ich an der Tür ankomme, legt Andrew mir plötzlich eine Hand auf die Schulter.

„Nimm’s nicht so schwer“, sagt er leise, „Es wird morgen bestimmt mal regnen.“

„Und wir müssen sicherstellen, wenigstens diesen einen Punkt in der Konstrukteurswertung zu bekommen, ich weiß“, wiederhole ich, was irgendwer während des Briefings vor der Qualifikation gesagt hat, als beschlossen wurde, mich mit einer deutlichen Regenabstimmung ins Rennen zu schicken. Dieser eine verdammte Punkt, der die Platzierung aller Wahrscheinlichkeit nach absichert, auf der Williams sich im Moment befindet. Nicht, dass man Sauber noch einholen könnte oder Marussia und Caterham wirklich eine Gefahr darstellen würden, aber man weiß ja nie. Wenn es hier erst mal anfängt zu regnen... Man denke da nur an 2003. Meine Begeisterung hält sich in überschaubaren Grenzen.

Andrew seufzt beinahe lautlos. Es kommt mir so vor, als wolle er noch etwas sagen, irgendetwas, um mich zu trösten oder aufzuheitern oder was auch immer. Aber das will ich gar nicht. Ich will sowas nicht hören, also spreche ich lieber schnell selbst weiter:

„Lass mich die Nacht drüber schlafen, dann sieht’s morgen schon besser aus.“

Das ist total dämlich! Gar nichts wird dadurch besser aussehen, wenn’s nicht regnet. Wenn’s trocken bleibt, werde ich bestimmt über siebzig Runden irgendwo am Ende des Feldes rumkriechen. Wundervolle Aussichten.
Ja, mir war von Anfang an klar, dass die Strategie diesen Haken hat, das war es mit Sicherheit allen Beteiligten, als man sich dafür entschieden hat. Aber eigentlich hat das Team auch nichts mehr zu verlieren. Bei den Konstrukteuren dritter von hinten zu sein ist nichts, worauf man in einem Traditionsrennstall stolz sein kann, daran gibt’s nichts zu rütteln.

Er klopft mir auf die Schulter und nickt, lässt es glücklicherweise einfach so stehen.

***


«Es wird nicht besser, oder?» Joakim klingt fast mitleidig, als er das fragt. Wir sitzen in meinem Hotelzimmer und ich habe eigentlich keine Ahnung, warum er da ist. Vielleicht, damit ich nicht allein vor mich hin schweigen muss, denn wirklich miteinander gesprochen haben wir seit einer guten Dreiviertelstunde nicht mehr miteinander.

«Mein Nacken? Nein, nicht wirklich», antworte ich leise.

Er steht vom Sessel auf und setzt sich neben mich aufs Sofa, viel zu dicht neben mich, wenn ich ehrlich bin. Die Nähe macht die Versuchung, sich einfach an ihn lehnen, schier unwiderstehlich. Nur ein klein wenig Wärme... ein klein wenig Vertrautheit... Mit dem Barkeeper Joakim habe ich fast regelmäßig in einem Bett geschlafen, wenn wir beide keine Lust hatten, das Gästebettzeug für die Couch rauszukramen. Außerdem ist es, sobald es draußen kalt wird, verdammt angenehm, zu zweit im Bett zu liegen. Es warm und kuschlig und man hat jemanden zum Reden, wenn einem danach ist und der andere nicht schläft. Ich mag das. Hab ich schon immer.

«Hoppla!» Joakim zuckt ein wenig zurück, als ich mich gegen ihn fallen lasse. «Alles okay?»

«Ja, bin nur ein bisschen k.o.»

Er legt einen Arm um mich, drückt mich vorsichtig an sich und ich muss leicht lächeln. Das fühlt sich jetzt wirklich so an, als ob er sein Barkeeper-Ich wäre.

«Willst du dann nicht lieber ins Bett gehen?», fragt er leise.

«Nein», nuschle ich, «Es war ein Scheißtag. Gestern auch. Ich will einfach noch ein wenig hier sitzen bleiben und über gar nichts mehr nachdenken müssen.»

«Weil Valtteri jetzt dreimal besser war als du?»

«Ja. Freuen tu ich mich darüber sicher nicht. Und dann... dann...» Ich weiß, dass ich es irgendwann irgendwem sagen muss, nachdem Heikki und Kimi es schon wissen. Früher oder später wird es so oder so die Runde gemacht haben und eigentlich möchte ich nicht, dass Joakim es von jemand anderem erfährt. Das hat er nicht verdient, völlig egal, wie viel oder wenig er mir nun vertraut. Ich vertraue ihm nämlich so gut ich kann. «Heidi hat gestern mit mir Schluss gemacht.»

*** ~~~ ***


Joakims POV

«Ist das dein Ernst?», höre ich mich fragen. Das wäre zu schön, um wahr zu sein!

«Ja.»

Plötzlich bin ich froh, dass Rune mich nicht ansieht. So kann ihm nicht auffallen, dass ich mir das zufriedene Grinsen nur mit Mühe verkneifen kann. Endlich! Endlich ist diese vermaledeite Beziehung Geschichte. Das wurde Zeit. Sie hat ihm nie gutgetan. Sie hat ihn bloß vom Training und den wesentlichen Dingen in seinem Leben abgehalten. Als Leistungssportler kann man sich im Motorsport sowas Banales wie eine Beziehung eben nicht leisten, wenn die Partnerin nicht hundertprozentig mitspielt und sich dem Sport unterordnet. Dem Sport, dem Training, dem Ernährungsplan und allem anderen.

«Das tut mir leid», lüge ich leise und fange an, über Runes Rücken zu streichen. So anschmiegsam wie jetzt war er zum letzten Mal... Ich weiß es gar nicht. Vielleicht noch nie. Oder doch? Doch, ich glaube, das war er schon mal, aber es ist lange her. Ich beginne zu grübeln, während er eine Hand in mein T-Shirt gräbt, die Beine anzieht und sich halb neben und halb auf meinem Schoß zusammenkauert. Und obwohl es mich freut, weiß ich, dass ich jetzt erst einmal Aufbauarbeit leisten muss, damit es morgen im Rennen auch dann läuft, wenn es regnet:

«Sie weiß nicht, was sie damit wegwirft, Rune. Es ist nicht deine Schuld, dass du so wenig Zeit hast. Das Training ist eben wichtig, auch für deine Gesundheit. Du merkst es ja selbst, wenn dein Nacken schmerzt. Mach dir keine Vorwürfe. Du kannst wirklich nichts dafür. Fahr morgen einfach dein Rennen. Das Team weiß, mit welcher Abstimmung du fährst. Es wird deine Leistung bei jedem Wetter richtig einschätzen und bewerten, ganz egal, was Außenstehende dazu sagen werden.»

Er hebt den Kopf, sieht mich leicht irritiert an. «Was hat das Rennen mit Heidi zu tun?»

«Hast du denn keinen Liebeskummer?», will ich mindestens genauso irritiert wissen.

«Nein, nicht mehr so richtig. Wir haben uns schon seit Wochen nur noch gestritten, wenn wir miteinander gesprochen haben.»

«Oh.» Das kommt jetzt doch ein wenig plötzlich! «Davon hast du ja gar nicht gesagt.»

«Was hätte ich denn sagen sollen?»

«Ich weiß nicht», gestehe ich, «Einfach, dass es so ist? Du weißt doch, dass du mit mir über alles reden kannst, was dich bedrückt. Ich bin immer für dich da, Rune. Ich passe auf dich auf. Vertrau mir.»

Er nickt stumm, entlockt mir damit nun doch ein zufriedenes Lächeln. Guter Junge! So soll es sein. Es ist leichter, ihm die Werte zu vermitteln, die er laut seinem Vater noch eingebläut bekommen muss.
Wir verfallen wieder in Schweigen. Rune hält still und ich bin mir ziemlich sicher, dass er mittlerweile die Augen geschlossen hat. Langsam entspannt er sich. Ich kann es spüren, muss ihn etwas fester halten, damit er nicht umfällt. Offenbar schläft er gerade ein. Naja, ist nicht weiter schlimm. Er hat die Zähne geputzt und die Jeans kann ich ihm einfach ausziehen, wenn ich ihn ins Bett gebracht habe. Das ist ja alles kein Problem. Hauptsache, er liefert morgen brav eine vorzeigbare Leistung ab, aber das ist alles machbar, solange er Andrews Anweisungen umsetzt. In den letzten Rennen hat es ja auch gut funktioniert. Und ich kann nicht leugnen, dass es mich stolz macht, dass er Valtteri in Austin geschlagen hat, dass er drei Rennen in Folge ins Ziel gekommen ist. Jetzt müsste eigentlich nur noch Claire ihren Job ordentlich machen und dafür sorgen, dass er nächstes Jahr ein Cockpit in der Formel 1 bekommt.

*** ~~~ ***


Max’ POV

„Wie? Du wusstest das noch nicht?“ Jules schaut mich überrascht an. „Aber ich dachte, du bist Runes bester Freund! Wieso sagt er dir sowas denn nicht?!“

„Frag mich was Leichteres“, gebe ich zurück, „Vielleicht hatte er einfach keine Zeit, mir das in aller Ausführlichkeit zu erzählen und hat’s deswegen noch nicht getan.“

Allerdings fühle ich mich schon ein wenig auf den Schlips getreten! Dass ich von meinem Teamkollegen erfahre, dass einer meiner besten Freunde plötzlich wieder Single ist und nicht von ihm selbst, ist schon ’ne Hausnummer. Aber Rune wird’s sicher nicht mit Absicht gemacht haben. So, wie seine Performance gestern und heute aussah, hat er bestimmt einiges um die Ohren und muss sich auf einen grünen Zweig zurückkämpfen, Abstimmung hin oder her.

„Ich dachte echt, du weißt das schon und könntest mir mehr dazu sagen“, murmelt Jules und lässt die Schultern sinken.

Ich schüttle leicht den Kopf: „Interessiert dich das wirklich oder willst du nur was zum Tratschen haben?“

„Lass mich doch neugierig sein. Ist doch nichts dabei. Und’s kommt auch nicht jeden Tag vor, dass... Also, ich meine, die sahen doch auf den Bildern immer so zufrieden miteinander aus.“

„Wann hast du denn bitte das letzte Foto von den beiden zusammen gesehen?“, will ich wissen. Das ist schon einige Zeit her! Ein paar Monate mindestens. Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat Heidi es auf der Silvesterparty gemacht, zu der sie in Stockholm eingeladen waren. Sie war ja selten ohne eine ihrer Kameras unterwegs. Eigentlich hatte sie jedes Mal, an das ich mich erinnern kann, mindestens eine dabei und die Bilder, die dabei rauskamen, waren jedes Mal spitze. Sie hat auch ein paar von Chloé und mir gemacht und uns gemailt. Zwei davon haben wir sogar auf Fotopapier ausgedruckt, eingerahmt und aufgehängt.

„Äh...“ Jules versucht, sich mit einem charmanten Grinsen zu retten. „Keine Ahnung?“

„Ja, ich nämlich auch nicht“, gebe ich zurück, „Ich kann dir auch nur sagen, dass sie dies Jahr bisher alles, was sie an gemeinsamen Wochenenden und so geplant hatten, canceln mussten. Den nach der GP2-Saison geplanten Urlaub eingeschlossen.“

„Scheiße!“

„Ja, genau. Das würde Chloé mir wahrscheinlich auch ziemlich übelnehmen.“

„Mann, Max, da kann ich ja glatt froh sein, dass ich ledig bin.“

Ich schüttle den Kopf: „Nein, du kannst froh sein, wenn du ’ne Freundin hast, die nicht klammert und Verständnis dafür hat, dass dein Job verflucht zeitaufwändig ist und du nur selten zuhause bist.“

„Und wie findet man so ’ne Freundin? Im Katalog?“

„Idiot!“, murre ich, „Wie jeder andere normale Mensch auch: mit Geduld und Feingefühl. Davon solltest du als Franzose ja eigentlich genug haben.“

„Ach? Und warum hab ich dann keine?“

„Weil du dich nicht wie ein feinfühliger Frauenversteher benimmst.“

„Aber du oder was?“

„Klar“, grinse ich, „Immerhin hab ich im Gegensatz zu dir ’ne Freundin.“

***


Jules ist vor einer Viertelstunde rüber in sein Zimmer gegangen. Ich habe mich bettfertig gemacht, Chloé geschrieben, wie ich es häufig vor dem Schlafengehen tue, und sitze jetzt auf der Bettkante und grüble.

Rune ist nicht mehr mit Heidi zusammen. Puh. Das überrascht mich nun doch. Klar, es hat mich schon ein bisschen erstaunt, als er damals erzählt hat, sie wäre zwei Jahre älter als er, würde studieren und all solchen Kram. Aber sie haben irgendwie zusammen gepasst, sie haben sich wunderbar ergänzt. Rune hat auf jeden Fall von ihrem Modegeschmack profitiert und das ist nur das, was man wirklich sehen konnte!

Mit einem Seufzen nehme ich mein Smartphone wieder in die Hand und schreibe Rune eine Nachricht. Er stellt das Ding abends ja immer auf lautlos, also werde ich ihn schon nicht wecken, falls er sich bereits hingelegt hat. Hauptsache, er sieht die Nachricht morgen. Er wird dann schon antworten. Da ist er zuverlässig wie kaum ein anderer. Mal ganz davon abgesehen, dass er sich immer, wenn er’s irgendwie einrichten kann, Zeit nimmt zum Quatschen und Zuhören, wenn’s nötig ist. Man muss bei ihm eben nur erst mal hinter die Fassade schauen – und das gelingt den Medien nicht.

*** ~~~ ***


Romains POV

Ich bin fertig mit der Welt – im Positiven! Sie haben meinen Vertrag verlängert! Ich behalte mein Cockpit bei Lotus auch 2014, die Papiere sind unterschrieben. Zwar zwischen Tür und Angel und deswegen komme ich erst jetzt zurück ins Hotel, aber das ist sowas von egal! Es ist total egal! Ich bleibe in der Formel 1! Ich hab’s geschafft! Noch eine Saison, noch eine Chance. Mit einem neuen Teamkollegen, nicht länger mit Kimi. Der geht schließlich zu Ferrari.

Gut, noch steht nicht fest, wer seinen Platz einnehmen wird, aber was soll’s? Wer auch immer es sein wird, wir werden schon miteinander auskommen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Es kann ja eigentlich nur besser werden.

Allerdings müsste ich auch noch mal mit Sebastian telefonieren. Die Saison ist so gut wie vorbei und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nach morgen schwer wird, Kimi noch einmal zu begegnen. Von der neuen Situation nächstes Jahr einmal ganz zu schweigen. Aber auch das wird sich schon einrenken. Es wird alles gut werden, ganz bestimmt. Es reicht, wenn ich Sebastian nächste Woche mal anrufe, denke ich. Heute wäre es dafür eh zu spät und morgen wird er viel zu sehr mit dem Feiern seines vierten WM-Titels beschäftigt sein.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Ha! Sie haben Lindström tatsächlich die Regenabstimmung aufs Auge gedrückt! Und das, obwohl die Regenwahrscheinlichkeit seit gestern Mittag beständig abgenommen hat. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, dann brauche ich mir um ihn überhaupt keine Gedanken zu machen. Dann kann ich in aller Seelenruhe die Früchte seiner Arbeit im Simulator auskosten. Allein der Gedanke daran ist fast so süß wie ein Sieg, aber nur fast. Er ist eben doch nur der Ersatz.

Leider kann ich Checo nicht davon erzählen, denn dann würde ich ja die Taktik des Teams für morgen preisgeben, aber das macht nichts. Das kann ich nach dem Rennen immer noch tun. Es läuft ja nicht weg.

Ich strecke mich auf dem Bett aus, verschränke die Arme hinter dem Kopf und betrachte die Decke. Eigentlich ist sie weiß, aber da das Licht im Zimmer aus ist, kann ich die Muster beobachten, die die Lichter von draußen dagegen werfen. Sie sind bleich oder orange, ein bisschen rot ist hin und wieder auch dabei, manche huschen in schöner Regelmäßigkeit von einer Seite zur anderen, aber immer nur in einer Richtung. Fahrende Autos unten auf der Straße. Man kann sie hören, das allgegenwärtige Rauschen des Verkehrs. Es ist sogar lauter als die Klimaanlage.

Wenn es morgen nicht regnet oder nur mal kurz tröpfelt, ist Lindström sowas von im Arsch... Mit einem Gähnen setze ich mich wieder auf, angle nach der Bettdecke und breite sie über mir aus. Es ist spät, es ist dunkel, Zeit zum Schlafen.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Es ist mittlerweile halb elf. Sebastian schläft mit ziemlicher Sicherheit längst. Die meisten anderen bestimmt auch, nur Herr Huovinen liegt noch wach. Wirklich schlimm daran ist eigentlich nur, dass mir von vornherein klar war, dass es so kommen würde. Dass Rune wieder Single ist, geht mir im Kopf rum, obwohl ich das eigentlich gar nicht will. Ich will nicht daran denken, dass er im gleichen Hotel ist wie wir. Dass seine schlechte Leistung in den Trainings vielleicht nicht nur auf die Abstimmung des Autos zurückzuführen ist. Dass er jemanden brauchen könnte, dem er sein Herz ausschütten kann.
Das ist sowieso Blödsinn. Wenn er das tun will, dann hat er Freunde, die ihm zuhören werden. Freunde, die seine jetzt Ex-Freundin bestimmt auch kennen und ihm viel besser mit Rat und Tat zur Seite stehen werden als ich es je könnte. Ich muss endlich aufhören, mir etwas vorzumachen.
Ich muss mich einfach mit dem Gedanken, dem Wissen anfreunden, dass ich chancenlos bin. Dass es einen jungen schwedischen Rennfahrer brauchte, um mir klarzumachen, dass ich unter Umständen auch auf Männer stehe.

Unruhig drehe ich mich auf die andere Seite. Ich sollte wirklich schlafen. Morgen wird ein langer, langer Tag werden. Nicht nur irgendein Rennsonntag, der allein schon lang ist, abends werden wir Sebs vierten Titel feiern und das bestimmt bis in die Morgenstunden.

Vielleicht sollte ich es mal mit einer neuen Taktik versuchen... Bisher habe ich immer versucht, die Gedanken an und Fantasien über Rune mit aller Kraft zu verdrängen, doch möglicherweise ist das ein Fehler. Vielleicht könnte ich meine aussichtslose Schwärmerei längst los sein, wenn ich ihr im stillen Kämmerlein nur etwas mehr Raum zugestanden hätte. Eigentlich ist doch auch nichts dabei. Niemand, nicht einmal Seb würde je Wind davon bekommen, wenn ich es niemandem erzähle. Es gibt kein Risiko, über das ich mir dabei den Kopf zerbrechen müsste. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nichts bringt und sich an meinem Geisteszustand nichts ändert, dass ich ihn weiterhin stumm anschmachte und mich wie der Tölpel vom Dienst fühle, wenn er in der Nähe ist.

Ich schließe die Augen und muss mir Runes Bild nicht einmal ins Gedächtnis rufen. Es taucht wie von selbst auf. Es hat sich seit Abu Dhabi verändert, das Häufchen Elend in einem japanischen Flughafengebäude ist verschwunden, hat Platz gemacht für das, was ich seit jenem Montagmorgen in Delhi regelmäßig gesehen habe. Bunte, verspiegelte Sonnenbrillen, blondes Haar, Sommersprossen und sein Sonnenscheinlächeln. Zumindest die meiste Zeit, nicht durchgehend. Aber das versteht sich eigentlich von selbst. Wenn man arbeitet und es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt, lacht man ja in der Regel nicht, es sei denn, man hat eine gute Portion Galgenhumor und ein paar Gleichgesinnte parat und dann... Nachdrücklich schüttle ich diese Gedanken ab. Das ist nicht das, woran ich eben noch denken wollte, stattdessen will ich mich wieder ablenken. Doch dieses Mal nicht. Diesmal werde ich es durchziehen! Ich will an Rune denken. So lange, bis ich einschlafe. Mindestens.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Jenson lacht. Er lacht mich aus, da bin ich sicher und entsprechend beleidigt hört es sich auch an, als ich sage:

„Es hätte genauso gut funktionieren können.“

›Hätte es nicht.‹ Plötzlich ist er wieder ernst. ›Du kannst zwei Menschen nicht zusammenbringen, wenn du einen von ihnen quasi dazu zwingen willst, mit dem anderen zu reden. Ganz besonders nicht, wenn sie sich eigentlich gar nicht kennen.‹

„Hast du ’ne bessere Idee?“, will ich wissen. Ich bin doch kein Matchmaker, woher soll ich mich mit sowas also auskennen? Außerdem muss man erst mal miteinander sprechen, wenn man sich kennenlernen will!

›Natürlich.‹

„Und verrätst du sie mir auch?“ Also manchmal... Manchmal, da möchte ich ihn am liebsten zum Mond schießen. Ehrlich!

›Was bekomme ich denn dafür?‹

Ich seufze: „Du brauchst mir heute nicht zu verraten, wo wir Urlaub machen und ich werde auch nicht mehr danach fragen.“

Das ist verdammt viel! Ja, ich mag Überraschungen, eigentlich. Wenn ich nicht so ewig lang darauf warten muss. Diese Warterei finde ich ätzend, da werde ich schnell ungeduldig. Am besten sagt man mir gar nicht, dass man eine Überraschung für mich hat, aber bei sowas wie einem Urlaub geht das selbstverständlich schlecht. Das muss ich ja auch irgendwie planen können.

›In Ordnung. Weil du’s bist, Seb.‹ Und auf einmal ist seine Stimme wieder so samtweich, dass sie mir einen daunenfederleichten Schauer über den Rücken rinnen lässt. ›Eigentlich ist es ganz leicht: Du musst sie beide dazu zwingen, miteinander zu reden. Und das so, dass ihnen nach Möglichkeit nicht auffällt, dass du das alles eingefädelt hast.‹

„Und wie soll ich das anstellen? Soll ich sie heimlich zusammensperren und warten, bis sie sich vor lauter Langeweile unterhalten?“

›So ungefähr‹, räumt Jenson ein, ›Nur ein wenig subtiler. Schick die beiden zum Beispiel zu einem Wochenendurlaub in die finnische Pampa.‹

„Ah ja. Und wie krieg ich sie subtil in die finnische Pampa?“

›Das musst du wissen, du kennst sie besser als ich. Aber wie schwer kann’s schon sein, einen Finnen und einen halben nach Finnland zu kriegen?‹

„Hast du eine ungefähre Ahnung davon, wie stur diese Finnen sein können?“, will ich im Gegenzug wissen, „Nicht mal Heikki würde mir bei so einem Vorschlag, egal, wie subtil er ist, noch über den Weg trauen.“

›Stur ist nicht gleichbedeutend mit misstrauisch.‹

„In diesem Fall schon. Und wenn ich Heikki nicht überzeugen kann, verrate mir mal, wie ich das bei Rune anstellen soll.“

›Eigentlich wäre das ganz einfach, Seb. Wir könnten ihnen vorschlagen, mit uns in den Urlaub zu fahren. Doch leider hätte das zwei Haken, denn erstens will ich die Zeit lieber ganz allein mit dir verbringen und dich da nicht auch noch teilen müssen und zweitens geht’s nicht in die finnische Pampa.‹

„Jetzt hast du mir ja doch einen Tipp gegeben!“, frohlocke ich.

›Komm schon, dir sollte doch eigentlich klar sein, dass ich keine große Lust habe, mir in Gesellschaft von ein paar Rentieren und dem Weihnachtsmann den Hintern abzufrieren. Darauf wärst du auch selbst gekommen.‹

„Aber es hätte doch sein können! Immerhin wollen wir doch auch ungestört sein und da wären wir bestimmt die einzigen Menschen kilometerweit, wenn wir’s drauf anlegen würden.“

›Nein, trotzdem nicht. Da gibt’s auch andere Orte, Seb, und du wirst dir dein hübsches Köpfchen wohl noch eine Weile zerbrechen müssen.‹

„Das ist unfair!“, klage ich.

›Nein.‹ Jetzt höre ich Jenson wieder lachen. ›Das ist eine Überraschung, mein Lieber.‹

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Feuchter Stoff klebt an meiner Haut. Ich zupfe daran herum, um das eklige Gefühl loszuwerden, würde wenigstens das T-Shirt gerne ausziehen, aber es geht nicht. Und als ich an mir herunterschaue, erkenne ich auch, warum. Man hält mich fest. Nein, nicht man, nicht irgendwer, es ist Rune. Er ist der einzige, den ich kenne, der eine komplett schneeweiße Armbanduhr trägt. Oder tragen würde. Trotzdem fühle ich mich unsicher, bin nicht in der Lage, einen Blick über die Schulter zu werfen, geschweige denn, mich umzudrehen. Das geht schon gar nicht, dafür hält er mich zu fest. Ich würde ihm wehtun und das will ich nicht, auf gar keinen Fall, also halte ich still, frage nur leise:

„Hei?“

„Hm?“, macht es hinter meinem Rücken. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass mir eigentlich warm ist, angenehm warm, obwohl es anders sein müsste, immerhin stehen wir irgendwo in strömendem Regen. Es ist absurd, völlig unrealistisch.

„Können wir vielleicht irgendwohin, wo’s trockener ist?“, will ich wissen. Doch kaum habe ich das ausgesprochen, komme ich mir wieder dumm vor, schließlich wird’s einen guten Grund haben, warum wir ausgerechnet hier – wo auch immer das ist – stehen und nirgendwo sonst.

„Können schon“, kommt’s leise zurück, „Aber willst du ehrlich einmal quer übers Gelände dafür laufen? Ich meine, wir sind eh schon nass, aber aufgeweichte Schuhe müssen nicht auch noch sein, oder?“

Gelände? Okay, was auch immer. „Nein, lieber nicht“, antworte ich. Alles andere wäre noch dümmer, wenn ich ehrlich bin. Wo ich mir doch so sehr ein wenig Zeit allein mit Rune gewünscht habe. Allein, ungezwungen und mit irgendeinem Thema, über das wir reden können, damit wir uns nicht wie zwei Sardinen in der Dose anschweigen müssen. Das würde ich nicht aushalten.
Vorsichtig löse ich mich aus seiner Umarmung, sodass ich mich zu ihm umdrehen kann. Er reibt sich fröstelnd die Oberarme, sieht mich leicht vorwurfsvoll an und mir tut’s prompt leid, dass ich mich habe hinreißen lassen. Ich wollte nicht, dass er friert. Teufel, das ist alles so kitschig, so zuckrig, dass man sich ernsthaft überlegen sollte, einen zusätzlichen Termin beim Zahnarzt zu vereinbaren. So kenne ich mich nicht.

Er ist genauso nass wie ich. Seine Haare sind nur unwesentlich dunkler, wenn sie nass sind, eigentlich so gut wie gar nicht. An den spitzen einzelner Strähnen hängen Wassertropfen. Einer löst sich, als er den Kopf ein wenig schieflegt, und fällt ihm auf den linken Nasenflügel, rinnt unaufhaltsam weiter nach unten. Ich hebe die rechte Hand und wische ihn vorsichtig von Runes Lippen. Sie sind viel weicher als ich erwartet habe, aber nicht warm. Stattdessen verraten sie ihn, verraten, dass ihm kalt ist.

Eigentlich sollte ich... Ich sollte... Ich sollte vieles, aber ich will nicht. Ich will...

Zum ersten Mal fällt mir auf, dass er fast so groß ist wie ich. Ich merke es, weil ich... Ich will... Seine Lippen sind erschreckend kühl an meinen. Sie sind wie Seide, weich und glatt, aber kühl. Doch endlich, endlich weiß ich, wie es sich anfühlt, ihn zu küssen. Weiß ich, dass es himmlisch ist, süß und leicht und... nicht genug. Es wird niemals genug sein, jetzt nicht mehr. Aber mehr werde ich nie bekommen. Es wird...

...niemals mehr sein als dieser eine Kuss im Regen.

Nach Luft japsend schrecke ich aus dem Schlaf auf. Ich bin allein in meinem Hotelzimmer. Natürlich bin ich das. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin war ich schon allein hier, als ich zu Bett gegangen bin. Nervös fahre ich mir mit der linken Hand durchs Haar. Es wird niemals mehr sein als ein geträumter Kuss im Regen. Ein Kuss im Traum, in der Fantasie. Das ist nicht genug. Niemals! Ich will das nicht, nicht so!

Vielleicht hat Seb doch die ganze Zeit über recht gehabt und ich muss mich mal am Riemen reißen, hingehen und mit Rune sprechen. Oder es wenigstens versuchen. Teufel noch eins, es muss ein Thema geben, über das wir ganz normal ins Gespräch kommen können. Dann kann ich rausfinden, ob wir uns wirklich verstehen oder eben nicht. Und wenn nicht – auch wenn mir der Gedanke plötzlich wie ein zehn Zentner schwerer Betonbrocken im Magen liegt – dann muss ich mich halt damit abfinden. Aber dann weiß ich es wenigstens, kann in Ruhe eine Weile Liebeskummer haben und anschließend einen Schlussstrich ziehen.

Ich stehe auf, hole mir ein Glas Wasser, ohne das Licht dafür anzuschalten, und setze mich damit wieder aufs Bett.

Die Saison ist schon so gut wie vorbei. Wenn ich es dieses Jahr noch schaffen will, dann muss es morgen passieren. Irgendwie. Ich muss mir was einfallen lassen. Unbedingt! Der Wecker zeigt halb drei Uhr morgens an. Naja, noch genug Zeit, um sich einen Plan auszudenken, bis ich aufstehen muss. An Schlaf ist nun eh nicht mehr zu denken, nicht nach diesem Traum. Nicht, solange ich Runes eingebildete Lippen noch auf meinen spüren kann.



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