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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 4.221
 
A/N: Danke an Madrilena, Balalaika, Napoleon90, Silvana, Pericoloso, Tracy89 und -Wonderwall- (4x!).





Kapitel 32 – Regenwetter


Heikki K.s POV

Ha! Die Regenpause genau erwischt, das denke ich, als ich auf dem Parkplatz aus dem Auto steige. Schade eigentlich, dass Brasilien sich nicht von seiner sonnigen Seite zeigen mag. Aber was soll’s... Es ist Freitag und ich darf im ersten Training an Giedos Stelle fahren. Der Tag könnte wirklich schlechter beginnen.
Catherine will später nachkommen, sodass Dan und ich erst mal allein hier sind. Ziemlich allein und ziemlich früh. Obwohl ich mittlerweile gut wach bin. Es gibt ja diese Tage, an denen man nachts zwar eigentlich ausreichend geschlafen hat, sich morgens aber trotzdem wie zerschlagen fühlt. Die sind recht ätzend. Besonders dann, wenn die Sonne nicht scheint. Das tut sie jetzt immer noch nicht. Der Himmel ist einheitsgrau, als wir unsere Taschen aus dem Wagen nehmen und uns auf den Weg zum Motorhome machen.

Unbehelligt kommen wir allerdings nicht weit, eigentlich nur ein paar Schritte, dann taucht Rune plötzlich und mit einem beinahe unheimlich gutgelaunten „Guten Morgen“ neben mir auf. Also wenn ich’s nicht besser wüsste – und das ist ja nicht weiter schwer – würde ich glatt behaupten, er habe was eingeworfen. Die Wahrheit ist jedoch simpel: Er ist so. Ein klein wenig verrückt, ein klein wenig durch den Wind, sodass ‚Vogel‘ durchaus der richtige Spitzname für ihn ist. Er hat einen.

„Hei“, sage ich, „Alles klar?“

Alles spitzenmäßig. Bei dir?“

„Auch. Bist du gestern Abend noch unterwegs gewesen?“ Charles hatte da sowas durchklingen lassen. Hätte ich eigentlich nicht gedacht, dass er und Rune sich doch so gut verstehen würden. Sei’s drum. Man kann sich halt mal täuschen und wird dann überrascht. So bleibt das Leben auf jeden Fall spannend.

„Nein, ich hab mir ’nen ruhigen Abend gemacht. Bei dem Regen hatte ich echt keine Lust, noch groß was zu unternehmen. Hast du schon mal ’nen Krimi von Helge Hansson gelesen?“

Ich schüttle leicht den Kopf, frage dann: „Ist er denn gut?“

„Bis jetzt auf jeden Fall, aber halt brutal und’s hat auch was von Horror.“

„Das hört sich gar nicht schlecht an. Wie heißt das Buch?“

„112 39 Kungsholmen.“

„Das ist der schwedische Titel, oder?“, hake ich nach. Ein paar Zahlen und ein Wort – was soll ich damit denn assoziieren? Gar nichts.
Unterdessen erreichen wir das Fahrerlager und ich frage mich insgeheim zum ersten Mal, wo Rune seinen Physio gelassen hat. Wahrscheinlich folgt er uns unauffällig. Dan hat sich auch etwas zurückfallen lassen. Warum also nicht?

„Ist es, aber ich weiß leider nicht, wie es auf anderen Sprachen heißt.“

„Ist es überhaupt übersetzt worden?“ Durch den Wind, ich sag’s ja!

„Keine Ahnung. Aber falls es hilft, Kungsholmen ist ein Stadtteil von Stockholm und die Zahlen, das ist die Postleitzahl, zum Beispiel für die Stadtbibliothek.“

„Die rein zufällig eine Rolle spielt?“

Sein Grinsen ist Antwort genug und bringt mich auch zum Lachen. In diesem Fall war’s wirklich von Vorteil, nichts auf Vorurteile oder Medien zu geben, sondern sich persönlich ein Bild zu machen. Beste Freunde werden wir wohl nicht, aber gut verstehen tun wir uns doch.

„Okay, schauen wir halt nach“, meine ich schulterzuckend und angle nach meinem Smartphone.

„Au ja!“ Unverhohlene, etwas kindliche Begeisterung, und ich möchte mir am liebsten an den Kopf fassen. Kein Wunder, dass Chilton ihn Vogel nennt!
Wir bleiben vor dem Caterham-Motorhome stehen, Dan murmelt etwas, das ich nicht ganz verstehe und geht schon mal rein. Kurz darauf kommen Runes Physio und eine Frau – spontan würde ich sagen, sie könnte seine Mutter sein – an uns vorbei, gehen allerdings weiter. Rune wippt auf den Fußballen, während wir darauf warten, dass das Internet ein Ergebnis ausspuckt.

„Soll im Mai auf Englisch erscheinen“, lese ich dann ab.

„Gibt’s dafür schon einen Titel?“

„Sieht nicht so aus.“

„Das ist aber blöd. Ich meine, ich würde dir meins ja ausleihen, aber...“

„So gut ist mein Schwedisch dann auch wieder nicht, dafür war die Zeit mit eurem Kartteam doch zu kurz.“

„Das ist schlecht.“

„Hält sich die Waage“, entgegne ich, „Wenn mir dann ein Krimi unterkommt, der in der Stockholmer Stadtbibliothek spielt, weiß ich, dass er lesenswert ist.“

„Sehr gut, dann brauche ich dir ja nicht zu erzählen, wie’s ausgeht.“

Ich stutze: „Du hast ihn schon durch?“

„Nein, hab ich nicht. Das ist so ’n Ding mit über vierhundert Seiten – ich bin vorher eingeschlafen.“ Er kichert und fügt hinzu: „Aber es ist garantiert dran Schuld, wenn das Gepäck am Montag Übergewicht hat.“

„Kein Taschenbuch?“

„Nö, Hardcover. Alles andere verknickt so schnell und sieht im Regal dann blöd aus.“

Eigentlich weiß ich längst, dass er seine Bücher ganz stinknormal in ein Regal stellt, wenn er sie nicht gerade liest, trotzdem kann ich nicht anders, als es erstaunlich zu finden. Man sollte nicht meinen, dass sowas in seiner Generation noch üblich ist. Also mal eben ein Buch statt eines E-Book-Readers einzupacken oder zu kaufen. Vom Lesen ganz zu schweigen.
Grundsätzlich habe ich bei ihm eher mit einer großen DVD-Sammlung und einer Spielkonsole als Freizeitbeschäftigung gerechnet. Und nicht damit, dass er keine Ahnung von Eishockey hat. Das kam in Abu Dhabi sehr überraschend.  Doch sollte ich mal das Bedürfnis haben, fünf Stunden am Stück über Musik zu reden, bin ich bei ihm an der richtigen Adresse.

Ich stecke das Smartphone wieder weg. Es hat getan, was es tun sollte, und eigentlich sollten wir das nun ebenfalls tun, aber... Offenbar hat etwas oder jemand andere Pläne: Runes Mobiltelefon klingelt fast exakt in derselben Sekunde, in der Kimi zu uns stößt.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ein Hoch auf die Technik! Endlich klingelt es mal zur richtigen Zeit. Räikkönen kann mir echt gestohlen bleiben. Ich erwidere seinen Gruß noch knapp, entschuldige mich und gehe ans Telefon. Selbstverständlich mit ein paar Schritten Abstand zu ihm und Heikki. So viel Manieren müssen drin sein.

›Hej Rune.‹

Heidi! Keine Frage. Ich hätte doch einen Blick aufs Display werfen sollen. Räikkönen hätte ich ihr doch vorgezogen. Nicht, weil er mir sympathischer wäre, aber die Sache mit ihr würde ich am liebsten erst ab Montag über die Bühne bringen. Nun ist es zum Aufschieben allerdings zu spät.

«Hej», erwidere ich, versuche dabei, das aufkommende flaue Gefühl in der Magengegend zu ignorieren, bestenfalls auch zu verdrängen. Vergeblich.

›Ich habe eben deine Sachen zusammengepackt und zur Post gebracht. Bei dir ist ja nie jemand zuhause‹, beginnt sie dann.

«Okay.» Was soll ich sonst denn dazu sagen? Bis eben wusste ich doch noch nicht mal, dass mein altes Ego irgendwelchen Kram bei ihr liegen hatte. Mein Ding ist das nämlich nicht. Ich habe mein Zeug gerne beieinander, nicht über halb Stockholm verteilt.

›Okay?‹, echot sie, ›Mehr hast du nicht dazu zu sagen?‹

Nein, habe ich eigentlich nicht, aber wenn sie schon fragt, dann kann ich auch gleich... Ich will etwas sagen, doch stattdessen halte ich das Mobiltelefon im nächsten Augenblick gute zwanzig Zentimeter von meinem Ohr weg.
Heidis Reaktion wartet nicht ab, ob ich agiere, sie ist hysterisch:

›Das ist wirklich alles, was du zu sagen hast? Bedeuten dir die letzten zwei Jahre denn gar nichts? Bin ich dir so egal geworden, dass du nur noch deine Karriere im Kopf hast? Du hast es ja nicht mal mehr nötig, dich zu melden! Oder jetzt... jetzt -‹ Ihr versagt die Stimme.

«Hör mal», setze ich vorsichtig an. Ich würde ihr das jetzt gerne schonender beibringen oder, was noch besser wäre, sie erst einmal etwas beruhigen.

›Nein! Jetzt hörst du mir zu, Rune! Ich bin’s leid! Dich und deine albernen Allüren, dass du mehr Zeit mit deinem Physio verbringst als mit mir, wenn du dann überhaupt mal zuhause bist, dass wir nicht mal wie jedes andere Paar abends essen gehen können, weil du diesen lächerlichen Ernährungsplan hast, dass du an freien Wochenenden auch noch quer durch Schweden gondelst, um dir irgendwelche beschissenen Kartrennen anzusehen. Dass du dich eine Dreck um unseren gemeinsamen Urlaub scherst! Ich bin’s sowas von leid! Das war’s! Du kannst bleiben, wo der Pfeffer wächst. Es ist aus! Schluss. Ende.‹

Ich blinzle verwirrt, lausche noch ein paar Sekunden perplex dem Tuten, das mir sagen will, dass sie aufgelegt hat. Hölle, verdammt, das kam wirklich plötzlich. Erst dann gelingt es mir, aufzulegen und das Telefon wegzustecken. So hatte ich mir das Beziehungsende nicht vorgestellt. Nun gut, eigentlich hatte ich es mir gar nicht vorgestellt. Das hätte schließlich zu nichts geführt und mir war irgendwie eh klar, dass es so oder so nicht schön werden würde, doch das...

Ein flüchtiger Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich nun doch langsam endgültig in Richtung Motorhome aufmachen sollte, wenn ich nicht zu spät zum ersten Briefing des Tages kommen will. Doch ich muss mich wenigstens noch von Heikki verabschieden, einfach so die Kurve kratzen wäre unhöflich.
Allerdings muss ich ziemlich mitgenommen aussehen, denn als ich zu ihm und – zu meiner absoluten Begeisterung – auch Räikkönen zurückkomme, ist das erste, was ich mir einfange, eine Frage:

„Alles okay?“

Nicht, dass mich das wundern würde. Heidi hat sich nun wirklich lautstark genug geäußert. Wahrscheinlich konnten sie das nicht überhören und Heikki erkundigt sich jetzt deswegen.

Ich zucke etwas planlos die Schultern. „Ja, naja, so wie’s aussieht, bin ich jetzt wohl wieder Single. Und ich sollte dann auch mal los, wenn ich nicht zu spät kommen will.“

*** ~~~ ***


Kimis POV

Wer sagt’s denn? Läuft doch rund. Endlich! Na gut, es hätte noch etwas besser laufen können, hätte Lindströms Handy nicht geklingelt, aber was soll’s? Er ist Single, hat er selbst gesagt. Wenn das nicht ideal für meine Planungen ist...

„Ein wenig seltsam ist er ja schon“, meine ich an Heikki gewandt.

Er grinst nur: „Nicht mehr als du und ich.“

„Hm.“

„Okay, ein bisschen seltsamer vielleicht schon. Er hat ‚Krieg und Frieden‘ gelesen.“

Das würde ich nicht mehr ‚ein bisschen‘ nennen sondern einen Fall von akuter Langeweile. Um das zu lesen muss man eindeutig zu viel Zeit haben! Ich schüttle leicht den Kopf.

„Ja, wem sagst du das...“, murmelt Heikki.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Nahezu zeitgleich mit Lindström. Ein akzeptables Ergebnis nach den letzten beiden Rennwochenenden und wenn man bedenkt, dass ich im Gegensatz zu ihm nicht in den Simulator konnte. Zumindest für das erste Training. Was auch immer er da für sich erarbeitet hat, hier scheint es nicht so gut zu funktionieren wie in Austin – es freut mich diebisch.

Und er ärgert sich, das kann ich nicht übersehen, als er in der Garage aus dem Auto steigt und seinen Helm abnimmt. Was das betrifft, ist er leicht durchschaubar. Allerdings wundert es mich doch oder schon wieder, dass er niemanden anschnauzt. Ich denke, das werde ich Checo nachher erzählen. Er konnte mich bisher ja immer irgendwie aufheitern. Und wer weiß, welche Schlüsse und komischen Theorien er wieder aus dem Erzählten ziehen wird. Es könnte wirklich lustig werden. Zwar nicht so erfreulich wie schlechte Leistung von Lindström oder wie wenn ich ihn schlage, aber immerhin. Es wäre besser als gar nichts.

*** ~~~ ***


Runes POV

Das, was ich im Simulator  für  mich auf abtrocknender und trockener Strecke für gut befunden habe, hat sich in den letzten anderthalb Stunden als untauglich herausgestellt. Das Übersteuern, das ich haben wollte, hat sich nicht eingestellt. Das Heck schiebt sich kein bisschen mehr von selbst um die Kurven, stattdessen untersteuert das Auto nun, niemand kann es recht erklären und mir ist nach heulen zumute. So war das echt nicht geplant gewesen! Doch scheinbar zählen Pläne heute nicht.

Erst die Sache mit Heidi – gut, eigentlich bin ich froh, dass es vorbei ist und sie die Beziehung beendet hat –, jetzt das! Und obendrein muss bei Valtteri das Setup stimmen. Er kommt mit dem Auto um ein Vielfaches besser zurecht als ich, ist selbstverständlich schneller gewesen. Das ist nicht fair! Andrew, Xevi, ich und mindestens noch ein Dutzend andere Leute haben sich den Dienstag im Werk um die Ohren geschlagen und jetzt läuft’s nicht. Das ist doch scheiße! Selbst von den Problemen mit dem Funk abgesehen ist es das, denn die gibt’s noch gratis obendrauf. Heißt, ich muss der Boxentafel mehr Beachtung denn je schenken. Es ist anstrengend und wird bestimmt nicht besser werden. Mein Nacken schmerzt.

***


Das, was vorhin noch blau und strahlend war, ist binnen der letzten zwei Stunden wieder hinter anthrazitfarbenen Wolken und Regenschleiern verschwunden. So, wie unser Wetterradar es angekündigt hat. Und auch für Sonntag während des Rennens liegt die Regenwahrscheinlichkeit noch ordentlich über neunzig Prozent. Sähe es anders, umgekehrt, um genau zu sein, aus, würden wir jetzt vielleicht weitestgehend aufs Fahren verzichten. Tut es aber nicht. Zum Glück! So bekomme ich wenigstens die Chance, meine miserable Vorstellung vom Vormittag wieder auszubügeln.

Doch das Wetter macht es mir schwer, obwohl ich mit großem Abstand zu Ricciardo auf die Strecke komme, sodass zumindest das Spray keine Probleme mehr machen sollte. Doch die Sicht bleibt auch so schlecht. Mir ist völlig schleierhaft, wie das gutgehen soll. Die Regentropfen, die auf meinen Helm treffen, machen auch nichts besser. Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, dass man davon nicht so besonders viel mitbekommt, wenn man fährt. Vielleicht ist das normalerweise auch so und mir fällt es jetzt bloß auf, weil noch immer hauptsächlich mein Unterbewusstsein fährt und der Rest meines Verstandes Zeit hat, sich das Spektakel anzusehen. Es ist abstrus! Ich komme mir ein wenig vor, als hätte säße ich daheim vor dem Fernseher und hätte die Nase fest gegen die Mattscheibe gedrückt, während die Regie gerade Bilder einer On-Board-Kamera laufen lässt.

Trotzdem funktioniert’s. Erstaunlicherweise funktioniert plötzlich wieder alles so, wie es soll. Im Vergleich zu heute Morgen läuft es runder denn je. Die Reifen haben die richtige Temperatur, sind nicht zu warm oder zu kalt, obwohl die Obergrenze des optimalen Fensters bei Regenreifen schon bei 60°C erreicht ist. Diesmal funktioniert alles, was wir im Simulator zusammengebracht haben. Nur ich lasse noch etwas zu wünschen übrig, doch das wird sich erfahrungsgemäß nach ein paar Runden legen. Der Unterschied zwischen der Rundenzeit im Simulator und der auf der Strecke beträgt nur knappe anderthalb Zehntel. Im ersten Training ist es noch viel mehr gewesen.

Nach diesen neunzig Minuten bin ich es, der die Nase vorn hat. Nicht überragend weit, aber vorn ist vorn. Das Ergebnis spricht für sich. Zumindest im Regen bin ich so schnell, wie ich sein sollte. Aber mein Nacken schmerzt und ich vermute, dass es daran liegt, dass ich sehr bewusst, beinahe verkrampft versucht habe, die Boxentafel im Blick zu haben, wenn es über Start-Ziel ging. Außerdem fühle ich mich nass. Innen vom Schweiß und außen vom Regen. Es ist einfach nur eklig, finde ich, sobald es einem auffällt. Aber ich erwähne es mit keinem Wort, nachdem ich aus dem Auto gestiegen bin. Es ist ja auch nicht wichtig. Wichtig sind die gesammelten Daten und die Ergebnisse der Trainingseinheiten.

***


Es geht mir etwas besser, nachdem ich geduscht habe. Zumindest fühle ich mich warm und ein wenig entspannter als zuvor, auch wenn mein Nacken anderer Ansicht ist. Aber gut, es ist ja nicht so, dass man da nicht Abhilfe schaffen könnte.

Ich konnte mir nie vorstellen, dass ein Motorhome trotz der begrenzten Fläche Platz für so einen Luxus wie eine Dusche hat. Andererseits muss es so oder so Wasser- und Abwasseranschlüsse geben, weil es ja Toiletten gibt. Was spräche demnach gegen Duschen?
Einmal ganz davon abgesehen, dass weder ein durchgeschwitzter Mechaniker noch ein ebensolcher Fahrer ein erfreuliches Geruchserlebnis sind. Bestenfalls noch ein denkwürdiges, aber das dann mit ziemlicher Sicherheit auch nur, weil es Tage dauert, bis es nicht mehr auf der Nasenschleimhaut brennt.

Joakim hat in der Zwischenzeit die Massageliege wieder aufgebaut. Es ist so eng, dass sie die meiste Zeit zusammengeklappt an der Wand lehnt. Doch jetzt ist Entspannung angesagt. Wenigstens etwas vor der letzten großen Besprechung des Tages. Ich schlüpfe aus den Badelatschen und strecke mich dann, nur mit dem Handtuch um die Hüften, auf der Liege aus, dankbar dafür, dass Joakim bisher nichts gesagt hat. Oder gefragt. Es wäre schlimmer wenn er etwas fragen würde, ganz klar, denn dann müsste ich antworten und könnte es bestimmt nicht mit irgendeinem Brummen oder so abtun. Aber gerade, als ich die Augen schließen will, ändert sich das:

«Willst du ein bestimmtes Massageöl?»

Ich blinzle kurz erstaunt. In puncto Fragen hätte ich nun wirklich mit einer anderen gerechnet, aber gut, beklagen werde ich mich nicht. Die lässt sich nämlich leicht beantworten:

«Hast du das mit Ingwer da?»

«Ja.»

«Dann das, bitte.» Nicht, dass ich jetzt ein großer Ingwerliebhaber wäre, aber so eins hat der Barkeeper Joakim auf der Bücherablage – Regal kann man das eine Brett kaum nennen – über seinem Bett stehen gehabt. Es erinnert mich also daran und das ist schön, weil die Erinnerung schön ist, auch wenn ich mir dann immer wieder insgeheim wünsche, dort sein zu können. Doch ich hatte meine drei Wünsche bereits. Jetzt muss ich damit leben und mit allen Konsequenzen.

«Ist gut.» Joakim streicht mir leicht durchs nasse Haar. Jetzt, wo es länger ist, trocknet es nicht mehr so schnell, was zugegebenermaßen ein wenig nervig ist. Nur zum Friseur möchte ich hier auch nicht. Sollte es mich zurück in Stockholm immer noch so stören, kann ich das auch da tun. Da kann ich wenigstens sicher sein, dass man mich richtig versteht, und sicher ist sicher. Immerhin habe ich noch nicht ganz raus, ob ich in Schweden zumindest in Sportkreisen einen Hype ausgelöst habe. Möglich wär’s. Und wenn’s so wäre, dann muss ich logischerweise damit rechnen, im Rampenlicht zu stehen, was wiederum hieße, ich müsste auch einigermaßen ordentlich aussehen. Es ist gruselig.

«Alles wie immer oder hast du irgendwo ganz besonders Probleme?» Joakim spricht angenehm leise. Ich mag das. Erst recht nach dem Lärm, der Hektik und der Aufregung draußen.

«Nacken», murmle ich.

«Dann dreh dich mal auf den Bauch», erwidert er sanft, «Das kriegen wir wieder hin.»

Ich tue, was er sagt. Wenn er so ist, dann ist es gut. So sollte er immer sein. Das würde mir wahrscheinlich viel mehr helfen als sein Drang, mich vor irgendwas schützen zu wollen, weil er mir scheinbar immer noch nicht genug vertraut. Warum sonst sollte er denn dagegen sein, dass ich mit anderen weggehe? Der Gedanke daran versetzt mir einen Stich.
Ist mein altes Ego tatsächlich so unzuverlässig gewesen und ist das der Eindruck, den ich auf Joakim immer noch mache? Ist es wirklich so schlimm, dass er nicht den Mut aufbringt, mir zu vertrauen? Ohne Claire wäre ich aufgeschmissen. Sie scheint als Einzige irgendeinen Einfluss auf ihn zu haben.

«Nicht erschrecken. Es wird kurz kalt.»

Ich wünsche mir so sehr, Joakim würde immer so sein. Ein wenig mehr wie sein Barkeeper-Ich. Etwas gelassener. Einen blöden Spruch auf den Lippen, vielleicht wenigstens hin und wieder mal. Er müsste ja gar nicht so sein wie der Barkeeper. Nur ein bisschen.
Für ein paar Sekunden ist das Öl kühl auf meiner Haut, doch nur solange, bis Joakim beginnt, es zu verstreichen. Seine Hände sind immer warm und die Reibung tut ihr Übriges. Fast bin ich versucht zu glauben, er kennt meinen Körper mindestens so gut wie ich selbst. Wie sollte es denn auch anders sein? Wie sollte er die Verspannungen denn sonst so schnell finden können?

Eigentlich sind wir doch ein gutes Team. Joakim und ich. Solange wir nur zu zweit sind oder weder Claire noch Max oder andere Fahrer, mit denen ich mich gut verstehe, in der Nähe sind. Ob er vielleicht eifersüchtig ist?
Warum eigentlich nicht? Wenn ich mal so darüber nachdenke... Mein altes Ego fand Männer genauso attraktiv wie ich. Interessehalber habe ich mir mal Bilder von diesem Pål Varhaug angesehen, den es in den Tagebüchern erwähnt. Der wäre auch durchaus mein Typ. Und Heidi, dass muss ich zugeben, sieht auf den älteren Bildern, denen ohne Wasserstoff- und Solariumtouch, auch gut aus. Die würde ich beide nicht von der Bettkante schubsen. Es ist wohl davon auszugehen, dass mein altes Ego genauso bi ist wie ich. Wieso sollte Joakim also nicht auch in diesem Universum schwul sein? Spricht so gesehen doch nichts dagegen.
Und einmal davon ausgegangen, er wäre schwul, dann könnte er ebenso eifersüchtig sein und sich irgendwo einen Notizzettel gemacht haben, auf dem steht, dass er mich gerne flachlegen würde.

«Rune, schläfst du?» Die leichte Belustigung in Joakims Stimme ist nicht zu überhören.

«M-hm.»

Wieder streicht er mir durchs Haar. Ich mag das wirklich.

«Dreh dich nur noch mal um, dann kannst du gleich weiterdösen», fordert er leise.

Ich seufze, drehe mich aber anstandslos wieder auf den Rücken. Mein Nacken fühlt sich bereits jetzt deutlich besser. Der Schmerz ist wie weggezaubert, dabei weiß ich mittlerweile eigentlich, dass das täuscht. Spätestens morgen nach dem Aufstehen werde ich da wieder etwas spüren und an morgen Abend will ich lieber gar nicht erst denken.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich wusste es, verflucht! Es war so klar, dass Seb mich heute danach fragen würde! Zwar nicht unbedingt beim Frühstück oder im Laufe des Tages, aber jetzt, wo langsam alles zur Ruhe kommt und man Feierabend macht. Jetzt ist die Zeit für die große Fragestunde gekommen und ich habe leider meine einmalige Chance zur Flucht verpasst. Super, Heikki, das hast du ganz toll hingekriegt. Da ist es auch nur bedingt tröstlich, dass ich in sowas noch nie gut war. Man sollte doch wohl meinen, dass man den Bogen mit dreißig Jahren allein durch Lebenserfahrung raus hätte, aber nein! Nein, ausgerechnet in diesem Punkt braucht Herr Huovinen wieder eine Extrawurst. Es ist zum Haare raufen!

Und als ob das nicht genug wäre, sitzen wir natürlich in meinem Hotelzimmer. Da wünsche ich mir fast, aber wirklich nur fast, Seb hätte die Trainings heute nicht so klar dominiert. In dem Fall wären andere Gesprächsthemen quasi vorprogrammiert, aber... nun ja, es ist so, wie es ist und ich weiß, welche Stunde geschlagen hat, als er sein Wasserglas wegstellt.

„Nein, ich war gestern nicht mehr bei Rune“, werfe ich rasch ein, bevor er danach fragen kann.

„Warum nicht?“ Er klingt nicht im Mindesten erstaunt, eher ein wenig enttäuscht und das trifft mich irgendwie schon, denn enttäuschen möchte ich ihn eigentlich nicht. Es ist nur so, dass das hier eine persönliche Angelegenheit ist. Und nach Liisa... Ich kann nicht mal eben auf Männer umsteigen. Wie stellt er sich das vor? Dass man da im Kopf einfach einen Schalter umlegen kann und fertig?

Ich seufze leise: „Ich kann doch da nicht um kurz vor halb zehn Uhr abends hingehen, um mit ihm über seine Sonnenbrille zu sprechen. Was macht denn das für einen Eindruck?“

„Bestenfalls den, dass du dich für ihn interessierst“, hält er dagegen.

„Und im schlechtesten Fall?“

„Dass du dich für seine Sonnenbrille interessierst.“ Seb grinst und fügt hinzu: „Übrigens hab ich gehört, dass er wieder Single ist.“

„Wann?“ Das kommt jetzt ein klein wenig überraschend!

„Heute. Von Jean. Der hat’s von Charles und der wiederum von Heikki und der weiß es von Rune selbst.“

„Oh.“

Eigentlich sollte ich mich jetzt wohl freuen oder so ähnlich. Aber ich kann nicht. Wie denn auch? Das ist mit Sicherheit nicht angenehm für Rune. Erst recht nicht direkt vor dem letzten Rennen der Saison. Es könnte kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt dafür geben, denke ich. Außerdem ist das noch lange nicht gleichbedeutend damit, dass er auf Männer steht. Das kommt ja noch hinzu!

„Wie wär’s wenn du heute hingehst? Er könnte vielleicht Trost gebrauchen.“

Okay, jetzt möchte ich gerne die Hände vors Gesicht schlagen, aber ich tu’s nicht. Stattdessen sage ich: „Sebastian, dir ist schon klar, dass das abgedroschen und kitschig ist und niemals funktionieren wird? Warum in Dreiteufelsnamen sollte er denn ausgerechnet mir sein Herz ausschütten? Und du weißt doch nicht mal, ob’s ihm überhaupt zu schaffen macht. Vielleicht war die Beziehung auch schon lange auf dem absteigenden Ast und es geht ihm jetzt besser, weil er die Last endlich los ist.“

„Dass weißt du aber auch alles nicht. Also kannst du genauso gut hingehen und es rausfinden“, hält er sofort dagegen.

„Nein“, beharre ich, „Das ist albern. Für sowas hat er Freunde, die sicher über alles im Bilde sind und seine Freundin auch kennen. Mit denen wird er viel besser darüber sprechen können, wenn er das will. Und ansonsten kann er auch noch mit Ahlgren -“

„Hattest du den Eindruck, sein Physio wäre da ein geeigneter Gesprächspartner?“, unterbricht er mich.

„Na, auf jeden Fall geeigneter als ich.“ Das ist auch nicht weiter schwer, immerhin wird Rune mit Ahlgren allein im letzten Jahr mehr Zeit verbracht haben als mit seiner Freundin. Das funktioniert nur, wenn man sich gut versteht und einander vertraut.

„Musst du eigentlich immer Widerworte haben? Kannst du nicht mal auf mich hören?“

Ich ringe mir ein schwaches Lächeln ab, zucke dann mit den Schultern. „Ich weiß, du meinst es gut, aber...“ Den Rest des Satzes lasse ich in der Luft hängen. Wir wissen beide, dass das, was nun kommen würde, zu einem guten Teil gelogen wäre und vermutlich meiner eigenen Feigheit zuzuschreiben ist. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber wie sollte man es sonst nennen, wenn man sich plötzlich darüber klargeworden ist, dass man einen Mann sexuell attraktiv findet? Da darf man doch wohl mal feige sein!

Jetzt ist es Sebastian, der leise seufzt: „Weißt du, Heikki, manchmal machst du mich echt fertig. Ist gegen diese vermaledeite Sturheit denn kein Kraut gewachsen?“

„Keine Ahnung. Aber wenn, dann ganz bestimmt nicht in Brasilien“, erwidere ich mit einem Augenzwinkern.



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