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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
02.07.2013 3.680
 
A/N: Danke an Balalaika, Madrilena, Napoleon90, Tracy89, ShadowOfTheDay, Pericoloso und Silvana.

Und im Zuge des neuen Schreibprojekts für dieses Jahr kommt hier noch ein One-Shot: You kissed me goodbye [Sam Bird, Jules Bianchi]




Kapitel 31 – Wolken am Horizont


Joakims POV

„Nimm dich zusammen!“ Claires Stimme ist leise, nicht mehr als ein Zischen, als sie mich zum wiederholten Mal an diesem Abend darauf aufmerksam macht, dass meine Sorge offenbar unangebracht ist. Ich ignoriere es, doch das scheint für sie nur ein Zeichen zu sein, fortzufahren:

„Er ist kein kleines Kind, das du rund um die Uhr betreuen musst.“

„Dann sag mir doch mal, warum er sich wie eins benimmt“, schnaube ich.

„Joakim, das tut er nicht.“ Sie klappt ihren Laptop demonstrativ zu und sieht mich an. „Er hat dich lediglich gebeten, seine Sperrstunde heute einmal auszusetzen, damit er mit seinen Freunden das tun kann, was alle jungen Leute tun: Abends zusammen weggehen.“

„Rune geht nicht einfach nur weg, er betrin- “

„Er wird sich nicht betrinken“, fährt sie mir über den Mund, „Du bist sein Physio, du verbringst so gut wie jeden Tag mehrere Stunden mit ihm, du solltest gemerkt haben, dass er sich verändert hat, und das nicht gerade zum Schlechteren. Du musst endlich anfangen, ihm mehr zu vertrauen. Es ist schön und gut, dass du dich um ihn kümmerst, Joakim, aber irgendwann musst du ihn auch mal loslassen.“

„Oh, hört, hört, die Erziehungsexpertin hat gesprochen. Du hast ja auch so viel Erfahrung mit Kindern, Claire.“

Wütend stehe ich auf und gehe, lasse sie allein in der Hotelbar sitzen. Das muss ich mir echt nicht geben! Was denkt die Frau sich eigentlich? Dass ich die Sperrstunde zum Spaß ausgerufen habe? Dass Rune sich Knall auf Fall komplett ändern, sein Leben umkrempeln und sich plötzlich wie ein normaler Mensch benehmen kann? Wer’s glaubt!

Ich jedenfalls nicht!

Ich habe zu lange und zu viel mit Daniel gesprochen, um daran glauben zu können. Rune braucht Disziplin, er braucht Regeln und eine klare Struktur, möglichst wenig Ablenkung vom Wesentlichen. Eigentlich sollte er meiner Meinung nach auch keine Freundin haben. Heidi ist ein lästiger Störfaktor für ihn, mehr nicht, und ginge es nur nach mir, dann wären die beiden schon seit über einem Jahr kein Paar mehr. Aber es geht nicht nach mir. Rune ist genial darin, seinen Dickkopf durchzusetzen. Wäre es anders, hätte er sich diese Saison weder in Jerez noch anderswo die Kante geben können, denn dann wäre er gar nicht mit Chilton unterwegs gewesen, hätte also auch keine Chance gehabt, sich überhaupt zu betrinken.

Auf den Fahrstuhl verzichte ich, nehme lieber die Treppe, auch wenn ich nicht daran glaube, dass es mich beruhigen wird, bis in den siebten Stock zu laufen. Aber in einer Aufzugkabine würde mir im Augenblick wohl die Decke auf den Kopf fallen.

In Momenten wie diesen wünsche ich mir wirklich, Rune wäre etwas mehr auf den Kopf gefallen, dann könnte er mich nicht so leicht überrumpeln, mir solche Freiheiten abschwatzen wie abends ausgehen zu dürfen. Oder es wäre nicht so schlimm, dass Claire ihn dabei unterstützt, wann und wo sie nur kann. Ausgerechnet sie! Pah! Sie hat doch keine Ahnung! Sie hat ja nicht mal Kinder, aber wie sagt man so schön? Die besten Erziehungsratgeber sind immer diejenigen, die selbst keine Kinder haben.

Ich habe gerade die Tür in den dritten Stock passiert, als ich andere Schritte durchs Treppenhaus hallen höre. Irgendwer kommt mir von oben entgegen. Naja, runter geht’s auch leicht, das kann ja jeder.

Ein paar Stufen später kommt mir Vettels Physio entgegen. Heikki. Ich weiß selbstverständlich, wie er heißt, aber das macht ihn nicht sympathischer. Sympathisch war er mir letztes Jahr schon nicht. Quereinsteiger nach der Sportkarriere quasi, davon halte ich persönlich nicht viel. Man soll sich gefälligst zeitig entscheiden, was man will, und damit hat sich das. Und ich werde ganz sicher keine Bar eröffnen. Das war eine Schnapsidee in Japan, nichts weiter. Es wäre doch idiotisch, den Job hinzuschmeißen und sich ins Ungewisse zu stürzen, wo die Vertragsverlängerung um die Ecke winkt! Daniel ist sehr zufrieden mit meiner Arbeit und er stimmt mit mir darin überein, dass Rune disziplinierter und gehorsamer geworden ist und dieser Trend muss um jeden Preis fortgesetzt werden. Disziplin, harte Arbeit und Gehorsam – drei Schritte zum Erfolg, solange man nicht selbst der Chef ist. In so einem Fall kann man es sich dann erlauben, den dritten Punkt zu streichen. Aber so weit ist Rune noch lange nicht.

Vettels Physio grüßt. Ich dann zwangsläufig auch.

Er soll sich zum Teufel scheren! Wenn er glaubt, ich hätte nicht bemerkt, wie er Rune ansieht, dann hat er sich aber gewaltig geschnitten! Ich bin ja nicht blind! Aber ich kann und werde dafür sorgen, dass Rune so wenig Kontakt wie möglich zu ihm hat. Das fehlte auch noch, dass eine Schwuchtel dazwischenfunkt und ruiniert, was gerade so gut funktioniert.

*** ~~~ ***


Claire M.-J.s POV

„Was soll man dazu noch sagen?“ Joakims Verhalten ist mir ein Dorn im Auge. Ja, Rune ist sicher nicht immer ein Engel gewesen, aber man muss doch honorieren und belohnen, dass er sich nun so konsequent am Riemen reißt!

›Mit Daniel hast du schon gesprochen, ja?‹

Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Hätte ich es nicht getan, dann könnte ich mir jetzt sicher sein, dass Anthony es sofort tun und sich nicht abwimmeln lassen würde, bis er mit Runes Vater gesprochen hätte.

„Ja, aber er will um jeden Preis an Ahlgren festhalten. Warum auch immer...“

›Er hat keine Gründe genannt?‹

„Nicht einen.“

Anthony seufzt leise, bevor er vorschlägt: ›Ich kann ihn noch mal anrufen. Vielleicht haben wir mehr Glück mit einem Gespräch unter Männern.‹

„Hoffentlich“, murmle ich, „So kann es einfach nicht weitergehen. Er kann Rune nicht stets und ständig verbieten wollen, sich mit Freunden zu treffen. Der Junge hat’s doch weiß Gott schwer genug. Er und Heidi werden sich wahrscheinlich trennen, da braucht er doch Gleichaltrige, mit denen er sich austauschen kann oder um auf andere Gedanken zu kommen.“

›Moment, seit wann ist da von Trennung die Rede? Er hat überhaupt nichts erzählt!‹

„Ich weiß. Mir auch erst am Flughafen und das eher zufällig als beabsichtigt.“

›Das ist nicht gut, Claire, gar nicht gut, wenn er das so mit sich selbst ausmachen will. Sonst hat er doch wenigstens eine Bemerkung fallen lassen, bei der man nachhaken und ihm die Möglichkeit geben musste, sich das von der Seele zu reden.‹

„Ja, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er es Ahlgren erzählt hat, wenn er nicht geplant hatte, es dir oder mir zu sagen. Bei den beiden liegt seit dem Rennwochenende in Indien etwas im Argen. Ahlgren war die ganze Zeit über grundlos gereizt.“

›Nun ja, Claire, aber du und er, ihr könnt euch eh nicht riechen. Bist du dir sicher, dass er nicht einfach nur mal wieder sehr wenig angetan von deiner Gegenwart war?‹

„Eigentlich schon“, räume ich ein, „Und eigentlich war auch alles okay, bis Rune dann am Mittwoch mit Hülkenberg essen gehen wollte. Das war der Wendepunkt und seitdem habe ich das Gefühl, es wird schlimmer, nicht wieder besser. In Abu Dhabi dachte ich, Ahlgren kriegt einen cholerischen Anfall, als Rune ihm eine SMS geschrieben hat, um zu sagen, dass er spontan noch mit Kovalainen essen geht und wir mit dem Abendessen nicht auf ihn warten sollten.“

›Hast du eine Idee, woran das liegen könnte?‹

„Nein“, antworte ich leise, dann höre ich bei Anthony etwas rascheln, anschließend klappern, dann klicken.

›Gut‹, sagt er schließlich ernst, ›dann fassen wir mal zusammen, was wir wissen. Vielleicht bringt uns das einen Schritt weiter. Erstens ist Ahlgrens Trainingsplan sehr voll und lässt Rune selbst zuhause in Schweden kaum Zeit für sich.‹

„Zweitens hat er Rune im August einen neuen Ernährungsplan aufs Auge gedrückt. Er schreibt jetzt nicht mehr nur Lebensmittel auf, sondern ganze Mahlzeiten mit grammgenauen Zutatenlisten und Rezepten“, ergänze ich, während Anthony notiert. Wir finden es einfacher, wenn man Dinge erst einmal auf dem Papier hat und sie ansehen kann. Das allein reicht häufig schon aus, um Licht ins Dunkel zu bringen.

›Gegen den wir diese Woche ganz bestimmt kräftig verstoßen haben, aber egal. Das wird keinen Schaden anrichten. Also drittens begleitet er Rune immer auf Schritt und Tritt, ganz egal, ob das für das, was ansteht, nun nötig ist oder nicht.‹

Ich nicke und füge dann hinzu: „Viertens hat Rune sich das bis zum Indien-GP anstandslos gefallen lassen – ausgenommen die Abende, an denen er mit Chilton weg wollte, aber da wollte Ahlgren schon freiwillig nicht mitgehen.“

›Dann haben wir fünftens mehrere Abende, an denen Rune nicht im Hotel geblieben ist, obwohl Ahlgren das gerne gewollt hätte, nicht wahr?‹

„Exakt. Das Essen mit Hülkenberg am Mittwoch und der Clubbesuch am Sonntagabend in Indien, das Essen mit Kovalainen in Abu Dhabi und in Austin hat er sich mit Vergne und Pic getroffen, aber da weiß ich nicht, was sie gemacht haben.“

Anthony lacht: ›Was sollen sie schon groß gemacht haben? Wahrscheinlich haben sie einen Film geschaut oder Konsolenpiele gezockt oder sowas in der Art. Was junge Leute eben machen, wenn sie eigentlich nichts machen dürfen, was andere in ihrem Alter normalerweise tun.‹

„Du hast sicher recht, und dann heute, nein, eher gestern dieses Theater, weil Rune sich mit Chilton, Vergne, Pic und noch ein paar anderen treffen wollte. Es ist doch erst Mittwoch gewesen und ab heute haben sie für sowas keine Zeit mehr.“

›Das bringt uns zu sechstens: Ahlgrens Sperrstunde.‹

„Die Rune, siebtens, auch dann einhalten muss, wenn er zuhause ist. Heißt, er hat eigentlich überhaupt gar keine Zeit für Heidi, weil sie sich doch sowieso nur abends und über Nacht sehen könnten, weil sie tagsüber in der Uni ist und obendrein noch als Bedienung jobbt.“

›Kein Wunder, dass die Beziehung in die Brüche geht. So kann das ja nicht halten.‹

„Und achtens bin ich mir sehr sicher, dass auf dem Flug von Indien nach Abu Dhabi irgendwas vorgefallen ist, was Ahlgren nicht geschmeckt hat.“

›Das war der Privatflug mit Vettel?‹

„Ja.“

›Hast du eine Ahnung, wie das Verhältnis von Rune zu Vettel jetzt ist?‹

„Soweit ich das mitgekriegt habe, verstehen sie sich recht gut. Also wird er wohl nichts angestellt haben, denke ich.“

›Anstellen ist ein gutes Stichwort. Rune hat sich sehr verändert, Claire.‹ Ich höre, wie er den Stift – vermutlich ist es ein Kugelschreiber – aus der Hand legt. ›Denk mal, er hat den Anzug ohne Murren angezogen, er hat Amy nicht zurück auf den Fußboden gesetzt, als sie am Montag auf seinen Schoß gesprungen ist und Mittwochmorgen lag sie bei ihm im Bett.‹

„Und da ist unser Kätzchen sensibel, ich weiß.“

›Oh ja, denk nur mal dran, wie sie ihn beim ersten Aufeinandertreffen angefaucht hat.‹

„Und für den Rest der Zeit gefühlte drei Meter Abstand von ihm gehalten hat“, erinnere ich mich lächelnd. Es war befremdlich und lustig gleichermaßen.

›Eigentlich kann man sich doch auf das Gespür von Tieren verlassen, wenn es darum geht, Menschen einzuschätzen‹, sinniert Anthony plötzlich, ›Vielleicht sollten wir Abstand davon nehmen, dass Ahlgren sich verändert hat oder gereizt ist. Vielleicht ist er schon immer so gewesen, aber bisher haben wir das hinter Runes Unzulänglichkeiten nicht entdecken können. Vielleicht hat er das alles in die Arbeit mit Rune gesteckt, in die Arbeit, die jetzt auf einmal nicht mehr notwendig ist, weil Rune beginnt, die Dinge selbstständig zu regeln.‹

„Du meinst, die Sperrstunde, die er Rune aufgedrückt hat, um ihn von Dummheiten abzuhalten, hebt er jetzt nicht auf, um nicht überflüssig zu werden oder seinen Einfluss zu verlieren?“

›Es wäre rein theoretisch möglich. Aber ich würde eher sagen, um sich nicht überflüssig vorzukommen.‹

„Hm.“ Es hört sich in diesem Augenblick für mich nur allzu stimmig an, wenn ich ehrlich sein soll, und es ist gar nicht gut, am allerwenigsten für Rune. „Ruf Daniel an, Anthony. Versuch ihn davon zu überzeugen, dass sein Sohn den nächsten Schritt auf der Karriereleiter gemacht hat und jetzt eine andere Förderung braucht oder was auch immer. Ich hab kein gutes Gefühl, wenn ich an Ahlgrens Vertragsverlängerung denke.“

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Es hat aufgehört zu regnen, gerade vor wenigen Minuten. Am Horizont kann man die beinahe schwarze Front noch abziehen sehen. Überall tropft es im plötzlich strahlenden Sonnenschein und es ist unangenehm schwül geworden, noch schwüler als vor dem Regenschauer. Es ist eklig und mir ist schleierhaft, wie manche Leute dieses Wetter mit einem Saunagang vergleichen können!

„Ich denke, wir nehmen doch besser Regenschirme mit“, murmle ich an Sebastian gewandt und er nickt:

„Ist wohl besser.“

Diese Streckenbesichtigung wird ganz sicher keine erfreuliche werden. Wenn wir jetzt losgehen – und das werden wir tun, wir wollten nur noch den Schauer abwarten – sollten wir eigentlich noch Gummistiefel anziehen, denn an einigen Stellen wird das Wasser bestimmt noch nicht abgelaufen sein. Aber dieses Schuhwerk haben wir natürlich nicht zur Hand. Auf jeden Fall steht fest, dass wir nass wieder ins Motorhome zurückkommen werden. Entweder durchgeschwitzt oder durchweicht, denn ein Schirm hilft bei den Regenfällen hier herzlich wenig, um es mal nett auszudrücken.

Wir bilden eine merkwürdig ausgerüstete Truppe dieses Mal. Sonnenbrillen auf der Nase, bewaffnet mit Wasserflaschen und Regenschirmen, in kurzen Hosen und geschlossenen Schuhen. Würden wir nicht arbeiten und die Allgemeinheit das nicht wissen, könnte man fast glauben, wir seien aus der nächstbesten Anstalt entwischt. Doch nicht nur wir, was irgendwie fast tröstlich ist, die Grüppchen der anderen Teams sind ähnlich ausgestattet. Was soll man  bei derart unbeständigem Wetter auch sonst tun?

Seb und Rocky sprechen über das Risiko, die Kurven in der Bergabpassage des Senna-S nicht richtig zu erwischen, wenn man dort überholt, etwas über die Bodenwellen klingt noch mit. Aber da passe ich nicht mehr so genau auf, für mich hört es sich sowieso irgendwie genauso an wie letztes Jahr. Klar, man bekommt mit der Zeit eine gewisses Know-how, auch wenn es nicht das eigene Spezialgebiet ist, doch wirklich durchschauen tut es die breite Masse in so einem Fall wohl eher selten – ich scheine da keine Ausnahme zu sein.

Wir bleiben stehen, schauen uns um. Es sieht für mich auch noch genauso aus wie letztes Jahr, daran gibt’s nichts zu rütteln. Den größten Unterschied werden in den kommenden Tagen wohl Auto und Wetter bilden... Ich werfe einen Blick zum Himmel. Noch strahlt die Sonne aus allen Knopflöchern. Geradewegs so, als wolle sie all ihre Pracht präsentieren, bevor sie in wenigen Minuten von der nächsten Regenfront verdeckt wird. Die zieht nämlich bereits so düster dräuend auf, wie die andere abgezogen ist.
Und dann fällt mein Blick zum ersten Mal auf die hinter uns herkommende Gruppe: Williams! Soll das ein Witz des Schicksals sein? Das ist doch nicht wahr! Warum, warum in aller Welt müssen ausgerechnet die in den letzten Wochen ständig vor oder hinter uns ihren Streckenrundgang haben?!

Obwohl ich es eigentlich nicht will, nehme ich mir den Augenblick Zeit, um Rune zu betrachten. Seine Haare sind länger geworden seit Japan, ein gutes Stück sogar, und sie könnten Besuch beim Friseur gut gebrauchen. Oder Rune wahlweise eine Beratung im Stylen. Denn auf seinem Kopf sieht es aus, als hätte er vor kurzer Zeit in eine Steckdose gefasst oder nach dem Aufstehen den Kamm nicht gefunden. Die Sonnenbrille macht es nicht besser, denn was ich auf den ersten Blick für ein knalliges Rot gehalten habe, entpuppt sich jetzt als leuchtendes Pink. Aber er scheint sich sehr sicher zu sein, dass er kein Damenmodell erwischt hat, sonst würde er es wohl nicht mit solcher Selbstverständlichkeit spazieren tragen oder tut er das vielleicht gerade, weil es so ist? Ich bin verwirrt. Es ist Pink! Und es passt ganz sicher nicht zu den roten Streifen auf seinem T-Shirt.
Und dann sieht er plötzlich unmissverständlich in meine Richtung. Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. Moment! Er lächelt, weil er - So ein Blödsinn! Energisch reiße ich mich von dem Anblick los, doch bemerke fast im gleichen Moment, dass Ahlgren mich ebenfalls anschaut und im Gegensatz zu Rune lächelt er nicht. Sein Gesicht ist genauso finster wie gestern Abend oder die Wolken am Horizont.

Hab ich ihm eigentlich irgendwas getan, das diesen Blick, diese scheinbar offene Abneigung seinerseits rechtfertigen würde?!

*** ~~~ ***


Runes POV

Eigentlich würde ich heute Abend gerne noch mal weggehen. Jean und Charles haben ihre Zimmer beide in einem Hotel nur zwei Straßen weiter und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, noch für eine oder zwei Stunden zum Reden vorbeizukommen. Aber ich habe den Strick abgekaut, weil ich mich nicht traue, Joakim erneut zu sagen, dass ich abends unterwegs sein werde.
Er war gestern schon nicht begeistert davon und das ist human ausgedrückt. Zwei Tage in Folge brauche ich keinen Vortrag von ihm darüber, wie schlecht das für mich ist, wenn ich abends zu lange aufbleibe, unterwegs bin und so weiter und so fort. Wäre Claire mir nicht beigesprungen, hätte ich Joakims Sperrstunde einfach ignorieren müssen – was ich eigentlich ja nicht will. Ich will keine Schwierigkeiten machen oder ihn absichtlich ärgern. Ich möchte nur ein klein wenig mehr Freiraum haben, ein bisschen Zeit für mich, für die Leute, die meine Freunde sind oder Kollegen, zu denen ich ein super Verhältnis habe.

Doch jetzt sitze ich in meinem Hotelzimmer auf dem Bett und verfolge das Programm eines Musiksenders. Es ist fürchterlich und den Moderator verstehe ich nicht. Super Unterhaltung. Jede Wette, dass ich der einzige bin, der einen derartig langweiligen Donnerstagabend verbringen muss. Jean und Charles machen vermutlich was zusammen, auch ohne mich. Max und Jules haben gestern schon was geplant, soweit ich das mitgekriegt habe.
Leise seufzend schalte ich den Fernseher aus. Es ist doch blöd, sich was anzusehen, was man nicht versteht und auch nicht gut findet. Und ich habe immer noch die leise Hoffnung, dass der Krimi, den ich noch in Stockholm gekauft habe, so gut ist wie der Klappentext verspricht. Es ist das Erstlingswerk von einem Helge Hansson. Armer Kerl... Ich finde seinen Namen irgendwie trostlos und wahrscheinlich hätte ich das Buch auch gar nicht gekauft, würde es nicht in Stockholm spielen und mit einem Verbrechen – Mord oder Totschlag, das ist noch die Frage – in Kungsholmen beginnen.

Doch bevor ich damit anfange, gehe ich Zähne putzen und mache mich bettfertig, auch wenn es gerade erst Viertel nach neun ist. Noch fünfzehn Minuten, dann fängt meine Sperrstunde eh an und was soll bis dahin noch groß passieren? Genau, nichts.

Allerhöchstens schaut Joakim nochmal vorbei, um sich zu vergewissern, dass ich auch brav und hier bin, aber der weiß sowieso, wie ich aussehe, wenn ich zu Bett gehe, was soll’s also?

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

„Das ist die dümmste Ausrede, die ich je gehört habe, Heikki!“

Sebastians Geduld scheint erschöpft zu sein. Der wütende Unterton in seiner Stimme ist nicht länger zu überhören. Trotzdem sage ich: „Aber es -“

„Nein!“, schneidet er mir das Wort ab, „Der hat doch gar keinen Grund, dich böse anzuschauen. Das ist absolut lächerlich. Das bildest du dir höchstens ein.“

Das tue ich ganz bestimmt nicht! Aber das sage ich nicht laut. Stattdessen lasse ich die Schultern sinken. Seb kann sich nicht mal vorstellen, wie sehr ich mir wünsche, dass es Einbildung wäre, doch nach heute weiß ich, dass es keine ist. Die Begegnung im Treppenhaus hätte man als Einzelfall locker auf schlechte Laune schieben können, aber es beginnt sich doch zu häufen. Die Unterbrechungen während des Fluges nach Abu Dhabi, das Treppenhaus, heute auf der Strecke.
Da ist es nicht besonders hilfreich, dass mir bezüglich meiner eigenen Nicht-Homosexualität bereits die Argumente ausgegangen sind und ich nun akzeptieren muss, dass das Kribbeln im Bauch – ob mir das nun gefällt oder nicht – ein eindeutiges Zeichen für Verliebtheit ist. Und auch das würde ich Seb gegenüber nicht laut sagen.

„Du machst es dir echt unnötig schwer, das weißt du, oder?“

„Es ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst“, halte ich dagegen. Wie sollte es auch? Ich bin kein Narr, der sich einbildet, nur weil er ein paar Mal angelächelt wurde, eine Chance bei einem vergebenen Formel 1-Piloten zu haben. Noch dazu vergeben an eine Frau!

„Und das weiß du, weil?“

„Weil“, setze ich an, doch Sebastian lässt mich nicht aussprechen:

„Weil nichts. Du hast ja auch noch gar nichts versucht. Ich sag’s dir aber gern nochmal: Triff dich mit ihm. Anders kommst du nicht weiter.“ Er wirft einen Blick auf seine Uhr. „Guck mal, es ist grad erst kurz nach neun, du könntest das jetzt machen.“

„Jetzt?“ Ich gebe mir keine Mühe, die Skepsis aus meiner Stimme zu verbannen.

„Ja, ist weder spät noch weit weg. Siebte Etage, Zimmer 808. Ganz einfach.“

„Woher -“

„Ich bin halt gut“, grinst er mich an, „Und bevor du jetzt wieder damit anfängst, dass ihr überhaupt keine Gesprächsthemen hättet, versuch’s mit Sonnenbrillen. Die pinke heute konnte man schließlich nicht übersehen.“

Es nimmt mir völlig den Wind aus den Segeln, macht mich sprachlos, sodass ich mich widerstandslos von Sebastian aus seinem Zimmer auf den Flur komplimentieren lasse. Da stehe ich dann plötzlich allein und ratlos, was ich mit dem Rest des Abends anfangen soll. Niemand kann mich zwingen, Lindström einen Überraschungsbesuch abzustatten, auch Sebastian nicht, aber er wird morgen danach fragen und in meinem Zimmer wartet nichts weiter außer Arbeit auf mich.

Mit einem leisen Seufzen betrete ich das Treppenhaus. Für die paar Stufen brauche ich keinen Fahrstuhl.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

›Du hast was?‹

„Ich hab ihn zu Rune geschickt und ihm gesagt, wenn ihm gar nichts anderes einfällt, soll er mit ihm über diese pinke Sonnenbrille reden“, wiederhole ich, was ich Jenson gerade schon einmal erzählt habe.

›Das ist verrückt. Wenn das funktioniert, Seb, dann -‹

„Dann verrätst du mir, wo wir Urlaub machen?“, hake ich sofort nach. Freigenommen habe ich mir für die Zeit im Dezember schon und eine Ausrede für Hanna liegt ebenfalls parat. Es ist also alles bestens vorbereitet.

›Ja. Wenn das funktioniert, dann verrate ich dir, wo’s hingeht. Dann hast du dir das nämlich wirklich verdient.‹

„Super!“, freue ich mich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Heikki es heute Abend schaffen wird. Kann doch nicht so schwer sein! Und er weiß mit Sicherheit, dass ich ihn morgen danach fragen werde. Er wird sich nicht lumpen lassen wollen. Dafür ist er zu ehrgeizig.



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