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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 4.920
 
A/N: Danke an PassiCantha, Napoleon90, Madrilena, Pericoloso, Balalaika, Tracy89, Tiefseentraum und -Wonderwall- (3x!).

Dieses Kapitel hat wieder einen kleinen Soundtrack: Auld Lang Syne (Dance Cover) – Produced by Hard Wire as One Man’s Tribe




Kapitel 30 – Auld Lang Syne


Runes POV

Das Taxi zum Flughafen kam extrem früh, viel früher als ich erwartet habe oder nötig gewesen wäre, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Es dauert noch fast anderthalb Stunden, bis das Boarding planmäßig beginnen soll. Das ist zu wenig, um noch mal ein Nickerchen zu machen und zu viel, um sich nicht zu langweilen. Besonders um diese Uhrzeit, wo eigentlich noch gar nichts los ist und die eintrudelnden Fluggäste allesamt wie schlaftrunkene Motten herumtaumeln.

Claire blättert in einer noch leicht feuchten Zeitung, die bei ihr Zuhause vorhin im Briefkasten lag. Der Regen hat über Nacht nicht aufgehört, ist nur etwas schwächer geworden. Ich könnte die Nase auch in eins der Bücher stecken, die ich Montag gekauft habe. Claire hat mir die Zeit dafür anstandslos zugestanden, ganz im Gegensatz zu Joakim. Aber dazu habe ich gerade keine große Lust, bin wahrscheinlich noch zu müde. Obwohl das nichts Schlechtes ist, denn im Flugzeug sollte ich wirklich schlafen, um dem Jetlag vorzubeugen.

Ich denke an Bengts Mail und daran, dass ich kein schlechtes Gewissen haben, mir keine Gedanken machen soll. Doch ich habe eins und mache mir welche, kann beides nicht abstellen, obwohl ich es sollte. Ich hätte mich auch melden sollen, als ich die letzten Male zuhause war, aber ich habe es nicht getan... Nicht absichtlich zwar, aber das macht es nicht besser.

„Claire?“

Sie schaut von der Zeitung auf. „Ja?“

„Hab ich vom 13. bis zum 15. Dezember schon was vor?“

„Einen Moment.“ Sie holt einen Kalender aus ihrer Tasche, schlägt ihn auf und schüttelt dann den Kopf: „Nein, bis jetzt nicht. Planst du einen Überraschungskurzurlaub mit Heidi?“

Ich stutze überrascht: „Was... Woher...?“

Sie lächelt schmal: „Ich bin eine Frau und ich kenne deinen Terminplan, Rune.“

Dem habe ich nichts entgegenzusetzen, außer der Wahrheit: „Nein, es wird keinen Urlaub mit ihr geben.“

„Was ist passiert?“

„Zu wenig Zeit“, räume ich ein, „Und zu viel zu tun. Sie hat unseren geplanten Urlaub gecancelt und ansonsten...“ Ich breche ab, zucke die Schultern.

„Ja?“

„Wir streiten nur noch. Ich glaube, sie ist mit ihrer Geduld am Ende und ich kann’s ihr nicht verübeln, wo ich doch fast nie da bin.“ Was für ein Blödsinn! Sie ist mir im Grunde genommen immer noch so gut wie egal. Sie wäre mir total egal, wenn ich nicht genau wüsste, dass ich ihr wehtue, weil ich nicht mein altes Ego bin, weil ich sie nicht liebe, weil sie mir eigentlich nichts bedeutet.

„Wie denkst du, wird es mit euch weitergehen? Wie willst du weitermachen?“ Claires Stimme ist ruhig und sachlich. Es liegt kein Vorwurf darin, aber auch kein Verständnis, nur Interesse. Doch für mich ist es im Moment das richtige, denn es scheint das widerzuspiegeln, was ich selbst fühle – falls man das so nennen kann.

„Ich denke, wir werden uns trennen“, antworte ich. Diese Entscheidung ist längst gefallen, ich weiß nur noch nicht, wie ich das über die Bühne bringen soll. Wie beendet man eine Beziehung mit jemandem, den man nicht kennt oder an den man sich nicht erinnern kann? „Es liegt doch kein Segen drauf, wenn es jetzt schon nicht mehr funktioniert, wo ich nur ein paar Rennen in der Formel 1 habe. Wie soll das denn erst werden, wenn es eine ganze Saison ist? Dann bin ich doch noch viel länger unterwegs!“

„Das könnte sehr schwierig werden“, stimmt sie mir zu, „Was möchtest du denn an dem Wochenende nun machen?“

Es überrascht mich ein wenig, wie schnell sie das Thema wechselt, mich einfach so davonkommen lässt, doch andererseits ist es mir auch recht, denn ich muss nicht länger schauspielern:

„Bengt hat geschrieben, sie hätten noch ein Heimrennen am Samstag, da wäre ich gern dabei.“

„Gut, dann trag ich das so ein, dass du die drei Tage generell abwesend bist. Oder möchtest du den Donnerstag noch dazu haben? Wenn du schon nicht in den Urlaub fährst, meine ich.“

„Ja, also wenn das ginge, wär’s schön“, gestehe ich. Vier freie Tage hören sich gut an. Frei von großen Terminen, nicht frei von Training, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass ich mich nach der Saison bis zum nächsten Jahr auf die faule Haut legen kann, was das angeht. Das scheint mir utopisch.

„Gut, ist notiert.“ Sie steckt den Kalender wieder ein und aktualisiert anschließend gewissenhaft den auf ihrem Smartphone.

„Danke“, murmle ich erleichtert. So habe ich wenigstens die Chance, Familie Sörensen mal vor Weihnachten zu treffen und das ist bestimmt nicht schlecht. Weder für sie, noch für mich, denke ich und schiebe, weil wir eben gerade beim Thema sind, gleich noch eine Frage hinterher: „Wie läuft das eigentlich mit der Kartei?“
Über der Formulierung dieser Frage habe ich gestern noch ziemlich gebrütet, weil ich eben nicht weiß, ob mein altes Ego das wusste. Und wenn ja, wie genau.

Aber Claire lächelt wieder: „Willst du nicht erst einmal Bengt anrufen und ihm sagen, dass du mitkommst? In Brasilien hast du bestimmt nicht die Zeit dazu.“

„Oh, ja, stimmt“, murmle ich und ziehe das Smartphone aus meiner Hosentasche. So weit habe ich nicht gedacht... Vielleicht sollte ich mir einfach weniger Sorgen machen, was ich sagen kann und was nicht. Vielleicht ist doch alles gar nicht so heikel, wie ich mir das ständig ausmale. Wenn es wirklich so hart an der Kante wäre, liefe doch jeder, der sich etwas gewünscht hat, ununterbrochen Gefahr, aufzufliegen und das kann es eigentlich nicht sein.
Jetzt stelle ich fest, dass es gut gewesen ist, nicht alle Nummern zu löschen, die mein altes Ego gespeichert hatte. Andernfalls hätte ich jetzt nämlich ein großes Problem, doch so ist es kinderleicht, seine Nummer herauszusuchen. Die von Solveig und den Kindern hätte ich auch gehabt, aber da Bengt die Mail geschrieben hat...

Es klingelt nur kurz, dann höre ich unverkennbar eine Männerstimme: ›Hej Rune!‹

Im ersten Moment bin ich versucht, erleichtert zu seufzen. Wer so früh am Morgen nicht genervt klingt, wenn er ans Telefon geht, kann sich doch eigentlich nicht gestört fühlen, oder? Im Hintergrund höre ich aufgeregte Stimmen, während ich den Gruß erwidere:

«Guten Morgen. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich am 14. mitkomme.»

›Das ist schön. Willst du es Inga und Lasse selbst sagen? Dann reiche ich dich eben weiter.‹

«Ja, das wäre nett.» Ich glaube, das ist die passende Antwort auf diese Frage und es wird die beiden bestimmt freuen. Denn wir haben jetzt wenigstens anderthalb Monate keinen Kontakt gehabt und uns sicher noch viel länger nicht gesehen.

›Gut, einen Moment.‹

Wieder höre ich Stimmen, verstehe aber nicht, was gesagt wird. Dann leises Rascheln, vermutlich als Bengt das Telefon aus der Hand gibt.

›Rune?‹, ist das nächste, was ich höre. Das muss Inga sein. Am Telefon klingt ihre Stimme anders als in dem Video, aber immer noch unverkennbar kindlich und aufgeregt.

«Hej», sage ich, «Herzlichen Glückwunsch zum ersten Sieg.»

Sie kichert: ›Danke. Kommst du am 14. mit?‹ Die Frage hat sie ohne Kichern gestellt, eher mit sowas wie kindlicher Hoffnung und ich bin unglaublich froh und erleichtert, dass ich sagen kann:

«Ja, ich komme mit.»

Sie stößt einen Jubelschrei aus, erschreckt mich damit sprichwörtlich zu Tode, bevor sie in normaler Lautstärke hinzufügt: ›Ich freu, freu, freu mich so! Das musst du Lasse auch sagen!‹

Wieder höre ich kurzes Rascheln, gehe davon aus, dass sie das Telefon an ihren älteren Bruder weitergibt, ohne sich zu verabschieden. Naja, sei’s drum. Sie freut sich, das ist die Hauptsache. Wenn ich in diesem Universum jemanden mit einer bloßen Zusage so glücklich machen kann, dann ist es gut.

›Hej! Du kommst?‹

Kurz und knapp, okay. Ich bin ein wenig irritiert, das lässt sich nicht leugnen. Damit habe ich nach Ingas Reaktion irgendwie nicht gerechnet.

«Ja.»

›Das ist gut, weil...‹, Lasse zieht das letzte Wort bedeutungsschwanger in die Länge, bevor er weiterspricht, ›... wir müssen da an meinem Kart noch was machen. Wie lange hast du Zeit?‹

«Ab dem 12. hab ich frei. Worum geht’s denn?» Mir schwant Böses. Was auch immer er will, bewusst habe ich ganz sicher keine Ahnung, was ich da tun muss oder werde.

›Ein bisschen was reparieren‹, kommt’s in einem Tonfall zurück, der allein ausreicht, um klarzumachen, dass es mehr als nur ein bisschen sein wird, was gemacht werden muss.

«Ist in Ordnung, kriegen wir schon hin.» Da werde ich ganz der Seite von mir vertrauen, die sich mit sowas auskennt. Die wird’s schon richten.

›Gut. Also, die ersten Ersatzteile haben wir auch schon und die, die noch fehlen, sind bis zum 12. bestimmt da.‹

Fünf Minuten später habe ich aufgelegt und will mir eigentlich gar nicht vorstellen, wie Lasses Kart aussieht. Vor Augen habe ich da nämlich nichts weiter als einen Trümmerhaufen mit Motor und verbeultem Nummernschild. Irgendwie muss ich mich davon ablenken. Noch immer dauert es über fünfzig Minuten bis zum Boarding.

„Claire, wie war das jetzt mit der Kartei?“, komme ich deswegen auf die Frage von vorhin zurück.

Sie sieht wieder von ihrer Zeitung auf, als sie antwortet: „Wir haben Lasse und Inga in die Kartei aufgenommen für den Fall, dass sie dem Sport auch in Zukunft treu bleiben. Du weißt selbst am besten, dass man irgendwann Management braucht, wenn man nicht in Papierkram ersticken will. Und jede Agentur braucht Kunden.“

Das nennt man wohl eine ehrliche Antwort...

„Zukunftsplanung also?“, hake ich nach. Irgendwie finde ich den Gedanken gar nicht so übel. Wie sollte ich auch? Bisher fühle ich mich bestens aufgehoben und habe eigentlich keinen Grund, mich zu beklagen.

„Exakt“, bestätigt Claire.

*** ~~~ ***


Max’ POV

Rune klingt noch etwas verschlafen am Telefon, aber darauf kann ich im Moment keine Rücksicht nehmen. Wir haben schließlich nur noch heute Abend, um etwas zu unternehmen, bevor die Saison endet.

„Wir haben ’ne gute Location zum Feiern gefunden. Du schaffst es doch heute Abend, nicht wahr?“

›Ja, klar, sag mir wo und wann und ich komme. Joakim werde ich schon irgendwie los.‹

„Du hast allen Ernstes ’ne Sperrstunde gekriegt? Schon wieder?!“ Das kann’s doch nicht sein! Das ist völlig bekloppt, dass Ahlgren das seit Jerez durchzieht. Rune hat ihm doch lang und breit erklärt – nachdem ich es ihm erzählt hatte –, was da passiert ist. Es konnte doch beim besten Willen niemand ahnen, dass es neuerdings Reporter gibt, die so ’ne linke Tour fahren!

›Nein, immer noch‹, verbessert er mich.

„Shit.“ Mehr fällt mir dazu nicht. Rune ist kein kleines Kind mehr! Kapiert Ahlgren das nicht? Kay, andererseits verstehe ich auch nicht ganz, warum Rune sich das überhaupt gefallen lässt. Er könnte dem Spuk auch einfach ein Ende setzen, wenn er’s wollte, da bin ich ziemlich sicher. Allerdings ist es nicht besonders schlau, mitten in der Saison einen Streit mit dem eigenen Physio anzuzetteln. Vielleicht nimmt er es deshalb so hin. Wäre zumindest verständlich.

›Ach, halb so wild, Bambi, wir können heute eh nicht bis in die Puppen ausbleiben. Was soll er sich da groß querstellen? Sag mir lieber mal, wer jetzt alles kommt.‹

Ich atme hörbar aus, bevor ich antworte: „Jules, Jean, Charles, Robin, Esteban, Nico, Daniel, du und ich.“

›Ist aber ein wenig bescheuert mit dem Drinks ausgeben, das ist euch schon klar, oder?‹

„Ja, kann man leider nichts machen“, seufze ich, „Aber am Sonntag werden wir’s nie schaffen, uns noch mal alle zusammenzusetzen.“

›Eigentlich schade, aber vielleicht auch nicht so schlecht. Wer weiß, was da noch passiert. Sagt euer Wetterbericht auch, dass es regnen soll?‹

„Regnen?“, echoe ich lachend, „Es soll schütten, wie aus Eimern. Ich suche schon händeringend wen, der mit mir wettet, in welcher Runde sie das Rennen abbrechen werden.“

›Du meinst so wie 2003?‹

„Ja, ungefähr genau so.“

›Das hat damals aber ziemlich viel Schrott und Chaos gegeben. Ich meine, Webber im Jaguar in der Begrenzungsmauer auf Start-Ziel, Alonsos darauffolgender Crash und, und, und. Bevor das noch mal passiert, setzen die uns doch das Safety Car vor die Nase oder lassen uns gleich dahinter starten, nachdem sie den Start x Mal verschoben haben.‹

Ich seufze schwer: „Manchmal geht mir dieses ganze Sicherheitsgetue auf die Nerven. Die sollten uns einfach mal fahren lassen. Ging doch früher auch! All die Rennen, die wir noch vor ein paar Jahren gesehen haben, wie sollen wir denn lernen, mit sowas umzugehen, wenn man uns nicht lässt?“

›Vielleicht sollen wir’s gar nicht lernen, weil man die Rennen in Zukunft nur noch bei strahlendem Sonnenschein fahren lassen wird.‹

Manchmal kann Rune wirklich sehr fiese Sachen sagen, die sich nicht auf Franzosen oder Frankreich beziehen. Als er das zum ersten Mal gemacht hat, hat es mir die Sprache verschlagen. Damit rechnet bei ihm wirklich keiner, denn wenn er eins perfektioniert hat, dann die Unschuldsmiene.

„Na super“, ächze ich, „Ich will die Zeiten zurück, als Racing noch einfach Racing war!“  

Rune lacht.

*** ~~~ ***


Romains POV

Manchmal brauche ich Zeit, Zeit zum Nachdenken, Zeit um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen, um zur Ruhe zu kommen. Ich habe mir in den letzten Tagen den Kopf über das zerbrochen, was Sebastian zu mir gesagt hat. Er kennt Kimi. Er kennt ihn privat besser als ich, keine Frage. Warum sollte er sich also täuschen? Oder mich täuschen? Das ist absurd. Er hätte nicht den allerkleinsten Vorteil davon, ganz davon abgesehen, dass es nicht seine Art wäre. Sebastian ist ein ehrlicher Mensch. Ehrlich auf seine Art, nicht auf Kimis. Da gibt es in der Tat einen Unterschied, auch wenn ich demjenigen, der mir das noch vor einem Jahr gesagt hätte, nicht hätte glauben wollen.

Hinter mir liegt ein stressiger Montag – Anreisetage sind nie langweilig oder so, dass man zur Ruhe kommen könnte. Irgendwas Unangenehmes ist da immer, deswegen bin ich da schon froh, wenn mit Gepäck und Hotel alles so klappt, wie es soll. Das ist wirklich viel wert, doch zu schätzen lernt man es erst, wenn es einmal nicht funktioniert. Dann gestern zwei kleinere Termine, leichtes Training, nichts Weltbewegendes. Heute fast genauso und ein bis jetzt freier Abend und ich denke eigentlich nicht daran, etwas zu unternehmen. Ab morgen geht es wieder bunt genug zu, da kann es nicht schaden, wenn ich heute einfach nur noch die Seele baumeln lasse und nichts tue. Allein der Gedanke daran klingt schon verlockend. Ich muss fast grinsen, als mir einfällt, dass ich noch vor ein paar Wochen so ziemlich alles dafür gegeben hätte, einen solchen Abend mit Kimi verbringen zu dürfen, dass ich bereit gewesen bin, ihn notfalls auf Knien darum zu bitten, mir nur ein bisschen Zeit, ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken. Wie dumm ich eigentlich war...  Dumm und bis über beide Ohren in ihn verliebt. Gut, letzteres bin ich immer noch, keine Frage. Da kann man sich selbst schlecht betrügen. Aber ich bin nicht mehr so dumm, zu glauben, es ginge Kimi genauso. Das tut es nicht, also noch nicht zumindest. Aber es muss sich bereits, da hat Sebastian recht, etwas verändert haben. Zum Guten, wenn man das so nennen kann. Es gibt noch Hoffnung, dass alles so wird, wie ich es mir schon lange insgeheim wünsche.

Für einen Augenblick drehe ich die Schlüsselkarte zu meinem Zimmer in den Händen hin und her, erst dann öffne ich die Tür, betrete den Raum und... komme nicht dazu, die Welt hinter mir auszusperren. Kimi hält sie fest, hindert mich daran.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“ Er klingt ärgerlich, glaube ich, bin mir aber nicht sicher.

„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Ich war zu sehr in Gedanken versunken und in den letzten Wochen hat er mich die meiste Zeit angeschwiegen. Vielleicht habe ich mich sehr daran gewöhnt... Seltsamerweise stört es mich nicht. Weder, dass es so ist, noch die Erkenntnis desselben.

„Ich will noch was trinken gehen. Du kommst mit.“

Es ist keine Frage, fällt mir auf. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt. In meinen Ohren klingt es heute wie ein Befehl und lässt mich stutzig werden. Hat das sonst auch immer so funktioniert? Habe ich das nur nie erkannt, weil ich jedes Mal so unendlich überglücklich war, dass er mich in seiner Nähe wollte?

„Nein“, sage ich erneut, „Ich hab schon was anderes vor.“

Er trägt keine Sonnenbrille, sodass ich sehen kann, wie sich seine Augen etwas verengen. „Was denn?“

„Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht“, höre ich mich erwidern, verstärke meinen Griff um die Türklinke, ehe ich ergänze, „Und du hast ja auch schon was Besseres vor als dir hier die Beine in den Bauch zu stehen.“

*** ~~~ ***


Kimis POV

Sprachlos starre ich Romains Zimmertür an. Einmal von ihm abgebügelt zu werden, okay, damit kann ich leben. Das kann passieren. Aber zweimal?! Das kann’s doch nicht sein! Ganz davon abgesehen, dass ich ihm kein Wort glaube. Er hat nichts vor, also nichts richtiges zumindest. Im Hotelzimmer sitzen zählt schließlich nicht. Das kann man am Abend vor dem Rennen machen, dann sollte man ja eigentlich auch schlafen. Aber doch nicht schon am Mittwoch! Das ist völlig übertrieben.

Aber gut, bitte, wer nicht will, der hat schon. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass mein Teamkollege Spaß am Leben hat. Und ich brauche ihn erst recht nicht dafür, um selbst welchen zu haben. Ich werde mich heute auf gar keinen Fall im Hotel langweilen!

*** ~~~ ***


Runes POV

Es war diesmal echt schwer, Joakim davon zu überzeugen, mich weggehen zu lassen. Er hat meine erst Sperrstunde aufgehoben, als ich ihm hoch und heilig versprochen habe, vor Mitternacht zurück zu sein. Nachdem Claire ihm noch mal ins Gewissen geredet hat! Er hat sich also doch noch nicht daran gewöhnen  können, dass ich nicht mehr alle paar Stunden oder Tage etwas Dummes anstelle. Aber eigentlich ist das für mich im Moment gar nicht so wichtig.

Max und die anderen haben eine wirklich nette Location ausgesucht. Die Musik ist zwar nicht ganz mein Fall, aber wenn man sich auf die Tanzfläche wagen wollte, würde sie schon taugen. Will aber keiner von uns. Es lässt sich sowieso alles gerade recht gemächlich an, nachdem wir vollzählig sind und alle etwas zu trinken haben.
Allerdings muss ich sagen, dass ich es ein klein wenig bedenklich finde, dass Charles sich äußerst zielsicher neben mich gesetzt hat, als er ankam. Auf seiner anderen Seite sitzt Jean, auf meiner Max. Jules neben Jean und mehr oder weniger auf der anderen Tischseite – bei zwei aneinandergeschobenen runden Tischen ist das immer so schwer zu bestimmen – Esteban, Robin, Nico und Daniel. Der ist mir irgendwie immer noch nicht ganz geheuer. Warum auch immer... Dabei hat er mir eigentlich nie was getan, abgesehen von dem Misstrauen, das er mir entgegengebracht hat. Nur kann ihm das nun wirklich niemand verübeln. Mir wär’s an seiner Stelle nicht anders gegangen, denke ich und drehe mein Wasserglas in den Händen hin und her. Für meinen Geschmack ist da zu viel Eis drin.

„Du bist sehr still heute, Vogel“, flüstert Max mir nach einer Weile zu, legt wie schon in Indien einen Arm um meine Schultern. „Alles okay?“

„Was? Ja“, antworte ich rasch, „Ich war nur heute früh noch in Europa und bin mir nicht sicher, ob ich schon ganz hier angekommen bin.“

„Dafür siehst du aber sehr beieinander aus.“ Charles knufft mich leicht in die Seite und grinst. Teufel, wenn ich nur daran denke, dass ich diese Lippen letzte Woche noch geküsst habe...

Jean schnaubt gerade noch hörbar: „Was man von dir immer noch nicht sagen kann.“ Und erreicht damit, dass Charles seine Aufmerksamkeit wieder ihm zuwendet, wofür ich sehr dankbar bin. So kann er mich nämlich nicht mehr aus dem Konzept bringen. Irgendwie hat mich der Tag heute sehr mitgenommen, das muss ich mir wohl eingestehen. Dabei ist eigentlich gar nicht viel passiert, wenn man von dem Telefonat heute Früh absieht. Den Flug habe ich zum größten Teil selig verschlafen, sagt Claire. Die Zeit hier zum Ankommen und Entspannen genutzt. Termine habe ich hier so gut wie gar keine. Es gab eine Menge venezolanische Medienvertreter, die hätten welche mit Pastor gehabt, die man rein theoretisch mir als seinem Ersatz aufgedrückt hätte, aber das wollten sie verständlicherweise nicht. Also hab ich eben frei. Ist vielleicht auch nicht das Schlechteste vor dem letzten Rennen der Saison.

„Rune, wie steht’s eigentlich mit deinem Deutsch?“

Nicos Frage schreckt mich auf. Er hat sich doch eben noch so intensiv mit Robin unterhalten.
„Es wird besser, denke ich“, lautet meine verwunderte Antwort.

>Das ist gut<, kommt’s mit einem Grinsen von Robin.

Irritiert schaue ich ihn an, werfe dann einen hilfesuchenden Blick zu Nico. Das kommt jetzt doch ein wenig sehr überraschend. Dabei hätte ich mir eigentlich selbst denken können, dass er als Niederländer des Deutschen mächtig ist. Hört man ja alle naselang, dass das häufig der Fall ist.

Nico zuckt leicht die Schultern: >Ich habe es niemandem erzählt.<

>Sebastian?<, hake ich kritisch nach. Der hat schließlich zu mir gesagt, Nico hätte ihm erzählt, mein Deutsch sei nicht so schlecht.

>Sebastian hat mich gefragt<, verteidigt der Sauber-Pilot sich prompt. >Da hab ich’s ihm erzählt.<

Ich nicke. Es klingt ja auch einleuchtend. Zwei deutsche Fahrer unter sich eben. Gäbe es noch einen zweiten Schweden im Feld und mir würde plötzlich ein Schwedisch sprechender anderer Fahrer über den Weg laufen, würde ich mich mit meinem Landsmann auch über ihn unterhalten. Sowas passiert eben nicht alle Tage.

>Du hast es wegen der deutschen Touristen gelernt?<, erkundigt Robin sich, als ich auch weiterhin nichts sage.

Ich nicke erneut: >Ja.<

>Ich auch<, erzählt er, während Nico sich ein wenig zurücklehnt, >Die erzählen einen Scheiß, wenn sie glauben, dass man sie nicht versteht. Das ist furchtbar. Und dann schämen sie sich nicht einmal, wenn man ihre dummen Fragen auf Deutsch beantwortet.<

>Ich können nicht sprechen Deutsch så gut, dass ich verstehen så viel von das sie sagen<, merke ich vorsichtig an. Es ist nicht zu übersehen, dass Robin einen Moment braucht, um sich mit der längeren Aussage anzufreunden. War bei Nico und Sebastian auch so. Ich muss wohl wirklich was gegen meinen Akzent tun... Aber nicht gerade jetzt. Nach der Saison, wenn ich Zeit habe. Im Internet wird’s da sicher irgendwas Hilfreiches geben, denn einen Sprachkurs würde ich nur ungern besuchen.

>Sei bloß froh! Es ist schrecklich. Aber man kann sie gut in die Wüste schicken, wenn man sie versteht.< Das Grinsen, das sich auf Robins Gesicht schleicht, ist so fies, dass es mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt. Nico scheint es derweil nicht großartig zu kümmern, wie sein Teamkollege über seine Landsleute spricht. Deutsche Touristen müssen wohl doch schlimmer sein als ich bisher dachte. Trotzdem erwidere ich:

>Du bist viel... äh... nieder... nieder...< Einen Moment lang muss ich überlegen. Da war doch dieses Wort, das ich neulich erst... Wie war das noch gleich? Ah, ja, das war’s! >Du bist viel niederländisch.<

Robins Gesichtsausdruck verändert sich, er wirkt erst verwirrt und dann bricht er in schallendes Gelächter aus: >Da hast du aber sowas von recht!<

Erstaunt sehe ich ihn an. Eigentlich sollte das kein Witz sein. Mir ist wirklich nicht klar, was er daran lustig findet. Ich hab doch noch nachgeschaut, was das Wort genau heißt und das war nichts Schönes. Verständnislos werfe ich einen Blick zu Nico. Doch auch der kann sich das Lachen scheinbar nur mit Mühe verkneifen, als er sagt:

>Falsches Wort, Rune.<

>Welches von die Wörtern?<, will ich wissen, obwohl ich bereits ahne, dass es das letzte sein muss. Da musste ich schließlich sehr überlegen.

>Das letzte, niederträchtig, nicht niederländisch.<

>Wo ist die Wörtern verschieden?< Das ist ja wohl die entscheidende Frage!

>Sindsind die Wörter verschieden. Das ist wieder Plural.<

Ich seufze schwer: >Das ist mehr leicht auf Schwedisch.<

„Der Unterschied ist ganz einfach“, mischt sich Robin plötzlich ein, zum Glück wieder auf Englisch, „Ich bin Niederländer, also auch niederländisch – das hast du gesagt, aber nicht gemeint, nicht wahr?“

Ich nicke.

„Aber das kann man echt schon mal mit niederträchtig verwechseln. Fängt doch beides gleich an.“ Er grinst immer noch verboten breit. „Und es hat jetzt auch keinen so großen Unterschied gemacht.“

>Diese kleine Wörtern sind så schwer. Ich machen immer viel falsch<, räume ich mit einem leisen Seufzen ein. Das werde ich wohl nie auf die Reihe kriegen...

>Nicht weiter schlimm. Deutsche Sprache, schwere Sprache<, kommt’s mit einem Augenzwinkern von Nico, doch wirklich aufheitern tut es mich nicht. Ich wäre gerne besser und jetzt ärgert mich mein Fehler nicht nur, er ist mir auch ein klein wenig peinlich, obwohl ich lächle und so tue, als wäre alles in bester Ordnung. Aber Max kann ich scheinbar nichts vormachen. Er drückt sachte meine Schulter, mehrmals, während er mit Jules über den Wetterbericht für die kommenden Tage plaudert.

Das Wetter ist offenbar sowieso das Thema schlechthin. Bisher sind sich da wohl auch die Vorhersagen aller Teams im Großen und Ganzen einig: Regenschauer das ganze Wochenende über. Entsprechend frei können wir uns darüber auch unterhalten. Es kommt mir eigentlich ganz gelegen, denn so kann ich recht unauffällig das Thema wechseln, von der deutschen Sprache wegkommen. Hätte mir nicht jemand vorher sagen können, dass Robin auch Deutsch kann?!

Max’ Hand auf meiner Schulter ist warm und schwer und nach einer Weile lasse ich mich leicht gegen ihn sinken, ziehe mich endgültig aus den Gesprächen und Diskussionen zurück. Es ist für mich immer noch um ein Vielfaches leichter, einfach nur zuzuhören, Informationen zu sammeln und selbst zu schweigen. Die Angst, sich mit irgendeiner unbedachten Aussage zu verraten, ist noch lange nicht besiegt. Obwohl es etwas besser geworden ist, seit ich die paar Tage bei Max Zuhause war. Da wollte er zwar schon wissen, ob alles in Ordnung sei, weil ich plötzlich so „durch den Wind“ wäre, aber als ich geantwortet habe, es sei für mich alles neu und würde mich trotz aller Erfahrung ständig überraschen, da hat er nur genickt und gemeint, das würde sich legen. Ich müsse mich eben nur erst „neu sortieren“, ihm wäre es genauso gegangen, doch hätte er im Gegensatz zu mir mehr Zeit und Muße dafür gehabt.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Romain ist selber schuld, dass er jetzt einen langweiligen Abend im Hotel hat. Ich habe Spaß. Und ich kann das Angenehme gleich mit dem Nützlichen verbinden, denn wie durch Zufall bin ich im selben Laden gelandet wie Lindström. Aber der ist im Gegensatz zu mir nicht allein hier, sondern mit Chilton, Bianchi, Pic, Vergne, Gutiérrez, Hülkenberg, Frijns und Ricciardo. Die Runde wirkt heiter und zu Beginn habe ich überlegt, ob ich rübergehen sollte, habe mich dann aber dagegen entschieden. Da läge kein Segen drauf und ich habe auch keine große Lust, mich heute noch mit so vielen Leuten zu unterhalten.
Außerdem kann ich Lindström so viel besser beobachten – was ja scheinbar das einzige ist, was mich in meinem Vorhaben, etwas Persönliches über ihn herauszufinden, um besser planen zu können, irgendwie vorwärts bringt. Valtteris Auskunft halte ich immer noch für mehr als fragwürdig und Lindström... Der hat sehr offensichtlich keinerlei Interesse daran, mit mir zu sprechen.

Überhaupt scheint sein Redebedarf heute Abend ganz unterdurchschnittlich ausgeprägt zu sein. Er hat ein paar Worte mit Chilton und Pic gewechselt, dann mit Hülkenberg und Frijns und jetzt lehnt er an Chiltons Schulter, als wäre er kurz davor einzuschlafen. Ein Anblick, mit dem ich nicht gerechnet habe und der ihn irgendwie... Ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll. Verletzlich vielleicht. Das könnte hinkommen. Er sieht irgendwie verletzlich aus. Etwas irritierend ist das schon, aber nun ja... Vielleicht ist genau das ein guter Ansatzpunkt...
Sebastian würde es zwar nie zugeben, aber ich glaube, es wurmt ihn doch, dass es ihm so gut wie nie gelingt, mich beim Badminton zu schlagen, und wenn ich die beiden dazu bekomme, ein Team zu bilden... Das wäre perfekt. Das muss einfach funktionieren!
Und was Romain angeht... der ist im Moment bestimmt nur so schräg drauf, weil er Stress hat und nicht weiß, ob sein Vertrag verlängert wird. Das wird sich wieder legen und dann werde ich ihm so ein Match kinderleicht schmackhaft machen können und dann...

Oh, damit habe ich auch nicht gerechnet. Nicht mit Heikkis Erscheinen und genauso wenig damit, dass er nicht nur Pic sondern auch Lindström mit Handschlag begrüßt. Dass finde ich sogar erstaunlicher als dass er mit seiner Freundin hergekommen ist. Catherine ist so oft dabei, dass es eigentlich niemandem mehr wundern sollte.
Die Gruppe rutscht enger zusammen, sodass Heikki und Catherine sich dazusetzen können und in diesem Moment ärgere ich mich doch etwas, das nicht selbst längst getan zu haben. Möglicherweise wäre Lindström heute Abend gesprächiger gewesen. Er scheint es jetzt zumindest zu werden. Also hätte ich das früher gewusst... Ich denke, ich werde zusehen, dass ich Heikki in den nächsten Tagen mal für ein paar Minuten erwische. Nicht, dass ich aus der Farce mit Valtteri nichts gelernt hätte, aber was soll schiefgehen? Diesmal achte ich halt drauf, dass Lindström nicht in der Nähe ist, und so, wie sich das da drüben gerade abzeichnet, ist außerdem eh nicht damit zu rechnen, dass Heikki ähnlich wie Valtteri reagieren wird. Er scheint sich mit Lindström schließlich blendend zu verstehen.  Und ich brauche immer noch etwas, um Lindström notfalls selbst davon zu überzeugen, dass das Badmintonmatch eine großartige Idee ist. Bisher bin ich nämlich meine Zweifel, ob Sebastian das für mich übernehmen würde. Oder ob er überhaupt auf die Idee käme, Lindström zu fragen.



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