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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 5.651
 
A/N: Danke an Pericoloso, Tracy89, Silvana, Balalaika, Madrilena, Tiefseentraum und PassiCantha.




Kapitel 29 – Der erste Sieg


Jensons POV

Es ist fünf Uhr morgens, als ich mich aus dem Bett stehle. Leise und vorsichtig, so wie jedes Mal, wenn ich bei Sebastian war. So wie Sebastian es tut, wenn er bei mir war. Beinahe lautlos schlüpfe ich in meine Sachen, ignoriere das schmerzhafte Ziehen in meiner Brust. Wie gerne würde ich einfach noch liegenbleiben, ihn im Arm halten und später mit ihm gemeinsam aufwachen? Ich kann die Sehnsucht danach kaum in Worte fassen, deswegen versuche ich es gar nicht erst. Es würde nur lächerlich klingen. Doch was nicht lächerlich klingt, das ist der geplante Urlaub. Da werden wir wenigstens für ein paar Tage alle Zeit der Welt haben, um nebeneinander aufzuwachen. Niemand wird sich in den frühen Morgenstunden aus dem Bett quälen müssen, niemand wird uns stören.

An der Tür werfe ich noch einen sehnsüchtigen Blick zurück zum Bett, muss der Versuchung widerstehen, zurückzugehen und ihn wieder ordentlich zuzudecken. Ich weiß genau, dass ich dann nicht gehen könnte. Dann würde ich mich auf die Matratze setzen und ihn beim Schlafen beobachten bis er aufwacht – und das kann ich mir nicht leisten, das kann ich uns nicht antun. Es ist schon schwer genug, unbemerkt herzukommen, Heikki ist das beste Beispiel dafür.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich habe schlecht geschlafen, erneut von Rune geträumt. Allein der Gedanke daran, dass er am Donnerstag zu mir gekommen ist, so völlig unbeschwert und belanglos mit mir geplaudert hat, obwohl er eigentlich mit Seb sprechen wollte, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Dabei zählt es eigentlich nicht. Er wollte mit Sicherheit nur nicht unhöflich sein, hat stattdessen Smalltalk gemacht. Und mit Smalltalk hat im Traum auch alles angefangen...

Es gibt sie, diese ruhigen Momente am Rennwochenende, an der Strecke, auch wenn man das immer nicht glauben mag. Sie sind selten, ja, und verteufelt schwer zu erwischen, doch wenn man dann erst mal einen hat...
Ich bin nicht bei jedem Briefing dabei. Es gibt welche, da würde ich sowieso kein Wort verstehen vor lauter Fachchinesisch. Die Zeit kann ich besser nutzen, selbst meine Gedanken ordnen – ein klarer Kopf ist wichtig, unabdingbar für meinen Job – oder mich um Dinge kümmern, die eben in meinen Zuständigkeitsbereich fallen, oder um Fortbildungen oder ich suche mir ein stilles Plätzchen, so wie jetzt. Klar, eigentlich müsste ich nicht suchen, ich könnte einfach Sebastians Raum im Motorhome nehmen, das wäre kein Problem, aber das ist für mich mehr ein Arbeitsplatz als alles andere. Und am Arbeitsplatz entspannt man in der Regel schlecht.

Und irgendwann kennt man sich im Fahrerlager aus, dann weiß man, wo man sein stilles Eckchen findet. Gut, meist ist es nicht besonders bequem, luxuriös schon dreimal nicht, aber das macht nichts. Ich setze mich auf den Boden. Der Asphalt ist auch hier warm genug, dass man keine Unterlage braucht. Heute habe ich nichts zu tun, nehme einfach das Smartphone und beginne eine neue Runde Tetris. Es gibt Tage, da würde ich am liebsten nichts anderes tun als stundenlang die bunten Steine ineinander zu stapeln. Es gibt Tage, da kann ich das tatsächlich tun und wenn ich abends im Bett liege und die Augen schließe, sehe ich sie noch vor mir, staple sie in Gedanken, mache aber am laufenden Band Fehler, weil die Müdigkeit mich unkonzentriert werden lässt. Dann schrecke ich meist verstört auf, muss mich einmal auf die andere Seite drehen und es erneut mit dem Einschlafen versuchen. Doch jetzt staple ich bunte Steine und bin definitiv wach.

„Hei, das ist mal ’ne Überraschung.“

Erstaunt sehe ich vom Display auf. Rune setzt sich neben mich auf den Asphalt und lehnt sich mit dem Rücken gegen die leeren Transportkisten.

„Normalerweise ist hier sonst niemand“, ergänzt er.

„Stimmt“, sage ich, nur um mich im nächsten Augenblick dafür zu schämen. Das war so ziemlich die dümmste Antwort, die man geben konnte, keine Frage, doch er geht gar nicht darauf ein:

„Was spielst du?“

„Tetris.“Verflucht, jetzt fühle ich mich auch noch alt. Das Spiel mag Kult sein, aber wer auch nur ein paar Jahre jünger ist, ist doch mit so vielen anderen und aufregenderen Spielen groß geworden... Es muss ihm durch und durch langweilig vorkommen! Und ich schaffe es obendrein nicht mal, mich in seiner Gegenwart halbwegs normal zu verhalten! Ich muss verhext sein oder sowas in dieser Art, anders kann ich mir das nicht erklären.

„Ich schau dir zu, ja?“

„Ist das nicht langweilig?“, frage ich. Mir wär’s das nämlich, doch Rune schüttelt den Kopf:

„Nein, ich bin froh, wenn ich mal gar nichts tun brauche.“

„Okay.“ Ich halte das Smartphone ein Stück tiefer, damit er auch etwas erkennen kann, obwohl ich’s unverständlich finde, und spiele weiter.

Es dauert keine zwei Minuten, bis er näherrückt, den Kopf an meine Schulter legt und -

„Sag mal, Heikki, du bist Jenson gestern Abend noch begegnet?“

Sebastian Frage schreckt mich auf. Manchmal habe ich das Gefühl, er macht das gerne, also mich aufschrecken, wenn ich auf dem Beifahrersitz das Träumen anfange. Und er hat ein verteufelt gutes Händchen dafür, es im – für mich – ungünstigsten Moment zu tun.

„Ja“, antworte ich leise.

„Tust du das häufiger?“

„Tue ich was häufiger?“

„Ihm begegnen, wenn er zu mir will.“

„Nein.“ Ich lege eigentlich keinen Wert darauf, mit Button aufeinander zu treffen. Warum auch? Klar, ich mache mir Gedanken und Sorgen, aber Sebastian ist alt genug, um selbst zu entscheiden, was er für gut und richtig hält in seinem Leben. Da habe ich nichts zu sagen und es ginge mich eigentlich auch nur etwas an, wenn er sein Training schleifen ließe. Doch das ist etwas, worüber ich mir den Kopf nicht zerbrechen brauche. Button ist schließlich ein ausgemachter Sportfreak. „Nur hin und wieder mal, zufällig.“

„Warum triffst du dich nicht mal mit Rune? Ich hatte Donnerstag den Eindruck, ihr habt euch ganz gut unterhalten.“

Daher weht der Wind! Mal wieder...

„Seb“, seufze ich, „Wie oft noch? Ich will nichts von ihm.“ Will ich wohl, meldet sich eine kleine Stimme in meinem Kopf zu Wort, ich will es nur nicht zugeben und schon gar nicht laut aussprechen. Das würde doch nur zu riesengroßen und unlösbaren Problemen führen. Und – nur mal gesetzt den allerunwahrscheinlichsten Fall, Rune würde mich wollen – wie sollte das überhaupt funktionieren? Ein Rennfahrer und der Physio eines Konkurrenten – niemals! Das würde nie im Leben gutgehen.

Sebastian grinst: „Wenn du so weitermachst, nehme ich dir das irgendwann noch ab.“

„Hoffentlich bald“, murmle ich leise.

*** ~~~ ***

***


Jean-Érics POV

-Es wäre am besten, wenn wir’s noch vor dem Saisonende schaffen.- Charles sieht mich nicht an, spielt stattdessen mit dem Saum seines T-Shirts. Wir haben es geschafft, uns schon heute in Sao Paulo zu treffen. Das ist am Dienstag zwischen zwei Rennen immer besonders schwierig, weil man da in der Regel schon wieder Termine hat. Doch jetzt sitzen wir in seinem Hotelzimmer, allein, zu zweit und ohne irgendwelche lästigen Kameraleute, die um uns herum schwirren wie Fliegen um ein Stück Aas.

-Was schaffen?-, hake ich nach.

-Romain ins Bett zu kriegen.-

Ich runzle leicht die Stirn: -Du hast doch nicht wirklich vor, das durchzuziehen, oder?-

-Und wie ich das vorhabe, Jean. Ich lasse mir doch nicht die einmalige Chance entgehen, eine Wette zu gewinnen. Gegen Max sind unsere Chancen gleich Null, aber gegen Rune haben wir’s in der Hand. Wir müssen nur geschickt vorgehen.-

-Das ist verrückt!-, widerspreche ich, -Wenn’s etwas gibt, worauf Romain sich garantiert niemals einlassen wird, dann ist das ein Dreier mit uns beiden, Charles. So bekloppt ist er nicht.-

-Das glaub mal nicht. Er ist immerhin verrückt genug, was mit Räikkönen anzufangen.-

Ich schüttle den Kopf: -Also das ist so ziemlich das Unglaubwürdigste, was du mir seit Anfang des Jahres erzählt hast.-

-Du kannst mir glauben oder es lassen. Ich weiß jedenfalls, was ich gesehen hab.- Charles verschränkt ein klein wenig trotzig die Arme vor der Brust. Eine Geste, die mich misstrauisch werden lässt, weil sie gerade jetzt so gar nicht zu ihm passen will.

Deswegen hake ich auch nach: -Was hast du denn gesehen?-

Oder was glaubst du, gesehen zu haben? Das wäre eigentlich die passendere Formulierung. Denn wenn es etwas gibt, was ich mir nicht mal im Traum vorstellen kann, dann ist das, dass Romain oder Räikkönen irgendwie so unvorsichtig sein könnten, sich erwischen oder gar sehen zu lassen. Okay, Räikkönen würde eventuell noch irgendeinen eiskalten Kommentar raushauen und damit den Hals aus der Schlinge ziehen. Aber Romain hat letztes Jahr geheiratet... Bei ihm sähe das schon anders aus. Oder auch nicht. Das käme dann ganz auf die Skrupel des betreffenden Medienvertreters an.

Charles mustert mich skeptisch von Kopf bis Fuß, bevor er antwortet: -Sagen wir mal so, wir beide sind nicht die Einzigen, die rausgefunden haben, dass hinter den Trucks nichts los ist.-

-Du hast sie dahinter zusammen gesehen?- Das ist ein reichlich dürftiger Beweis.

-Ja.-

-Wann?-

-Ach, schon in Silverstone.- Er zuckt die Achseln, als sei es nicht so wichtig, als würde er hier gerade darüber reden, dass er in Silverstone eine dicke, fette Regenwolke gesehen habe.

-Warum erzählst du mir sowas nicht?-

-Was hätte ich dir denn erzählen sollen? Dass sie sich für den Donnerstag vor dem Deutschland-GP zu einem Stelldichein verabredet haben? Du hättest mir doch eh nicht geglaubt.-

Gut, Punkt für Charles. Natürlich hätte ich ihm das nicht geglaubt. Hört sich auch einfach absurd an. Aber unter diesen neuen Umständen... Mit der Wette im Hinterkopf...

-Haben sie dich denn nicht bemerkt?-, will ich wissen. Eigentlich müssten sie das ja. Es fällt schließlich auf, wenn man plötzlich nicht mehr so allein und unbeobachtet ist, wie man sein sollte.

-Machst du Witze?- Da ist er wieder, Charles’ guter alter Zynismus. -Als ob jemand von mir Notiz nehmen würde. Ist doch allgemein rund, dass ich das Caterham-Cockpit nur bekommen hab, weil Renault da ’nen französischen Fahrer wollte.-

-Du hättest auch einfach „Nein“ sagen können-, murre ich. Es nervt, wenn Charles sowas sagt, obwohl er recht hat, aber darauf möchte ich jetzt nicht schon wieder herumreiten. Wir haben ohnehin schon viel zu wenig Zeit, die sollten wir nicht mit Streiten vergeuden, also schiebe ich gleich hinterher: -Und wie soll uns das Wissen jetzt helfen, die Wette zu gewinnen?-

-Hast du’s echt nicht gemerkt?- Charles klingt erstaunt. -Ich dachte immer, du beobachtest Romain so genau.-

-Ich beobachte ihn, ja, aber ich stalke ihn nicht-, halte ich dagegen, -Das ist ein Unterschied.-

Er seufzt: -Sie sprechen seit Japan in der Öffentlichkeit nicht mehr miteinander. Immer, wenn man sie zusammen sieht, schweigen sie sich an, Räikkönen schaut manchmal sogar richtig demonstrativ in eine andere Richtung. Ich sag’s dir, da liegt irgendwas gewaltig im roten Bereich.-

-Du meinst, schlimmer als bei uns hin und wieder?-

-Ja. Wir streiten uns ja bloß, weil wir auf den Versöhnungssex stehen-, erwidert er lachend.

Stimmt zwar nicht ganz, aber das macht nichts. Manchmal liegen zwischen Meinungsverschiedenheit und Sex drei oder vier Wochen, weil wir uns vorher einfach nicht treffen konnten. Aber es funktioniert. Oder es funktioniert gerade deswegen. Weil wir uns bemühen und dafür arbeiten müssen. Weil wir ehrgeizig genug sind, es zusammen schaffen zu wollen.

-Gut-, murmle ich, komme dann zum Ausgangsthema zurück: -Gehen wir davon aus, bei Romain und Räikkönen hängt der Haussegen schief, wie wollen wir uns das zu Nutze machen? Unsere Chancen verbessert es ja schon.-

-Das ist die entscheidende Frage. Weil vermutlich haben wir nur einen einzigen Versuch, bevor Romain Lunte riecht. Auf den Kopf gefallen ist er ja nicht. Und wir haben bestimmt auch nicht so viel Zeit, um uns was zu überlegen, denn wenn die beiden sich wieder vertragen, wird das erst mal bestimmt so superkitschig, dass man’s dem Iceman gar nicht zutrauen würde.-

-Schließ nicht immer von dir auf andere.-

-Tu ich doch gar nicht. Ich lass mich halt nur gern von dir ficken.- Er zwickt mich in die Seite und ich frage mich zum wiederholten Mal, wie er es schafft, diese Seite von sich vor der Welt geheim zu halten. In Momenten wie diesen bin ich fast gewillt, zu glauben, er sei schizophren.

-Ficken ist ein gutes Stichwort-, halte ich fest, -Wenn wir Romain nun wirklich dazu kriegen, mitzumachen, wie wär’s dir denn am liebsten?-

-Ach, solange wir die Wette gewinnen, ist’s mir ausnahmsweise mal egal, wer von uns da wie mit wem vögelt. Da lege ich mich nicht fest und du bist und bleibst sowieso mein Favorit. Wir sollten uns da eh ein bisschen nach Romain richten, meinst du nicht?-

-Könnte nicht schaden-, räume ich ein. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Räikkönen derjenige sein sollte, der hinhält. Was das angeht, werden mein Hintern und ich wohl vergleichsweise gute Karten haben.

*** ~~~ ***


Runes POV

„Kannst du dir vorstellen, das Auto auch mit weniger Übersteuern zu fahren?“

Andrews Frage lässt mich von meinem Mittagessen aufschauen. Ich zucke kurz mit den Schultern: „Wenn ich muss, aber eigentlich find ich’s ganz gut so, wie’s jetzt ist. Auch das Regen-Setup.“

„Du müsstest es für Valtteri noch mal testen. Nur, damit wir ein paar entsprechende Daten bekommen.“

„Also gleich alles noch mal auf Null und von vorn?“, hake ich nach. Da geht er wohl hin, mein früher Feierabend... Naja, was soll ich machen? Valtteri kann irgendwie nichts dafür, dass der Sponsorentermin so ungünstig liegt und er seinen Kram deswegen nicht selbst machen kann. Ich sollte versuchen, das positiv zu sehen. Es bringt mir noch mehr Simulatorrunden ein, die einen Vorteil auf der realen Strecke bedeuten könnten – sofern ich mit den Reifen zurechtkomme.

Andrew bejaht.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Es ist alles geklärt, die Sache mit Indien und Lindström aus der Welt geschafft. Da ist es nebensächlich, dass er nicht besonders begeistert war. Muss er ja auch nicht sein, zumindest nicht von mir. Solange er es in absehbarer Zeit von Seb ist, ist es gut. Dann ist alles wieder im grünen Bereich. Gut verstehen tun sie sich ja bereits.

Jetzt muss ich mir eigentlich nur noch etwas überlegen, um ihnen einen Schubs in die richtige Richtung zu geben. Aber was würde sich da eignen? Was würde funktionieren? Es muss auf jeden Fall etwas sein, wobei keiner von ihnen Verdacht schöpft. Am besten etwas, das Seb nicht außergewöhnlich scheint.

Aber was...?

Es muss auch in drei unterschiedliche Termin- und Trainingspläne passen. Das ist vermutlich der größte Haken an der Sache.

Was könnte man tun? Was habe ich mit Seb schon gemacht? Was kann ich ihm vorschlagen, ohne dass es ihm seltsam vorkommt? Und was davon kann man auch zu dritt machen?

Aber müssen wir überhaupt etwas zu dritt machen? Eigentlich nicht. Das ist womöglich sogar unpraktisch. Mir fallen gerade viel mehr Dinge ein, die man zu viert machen könnte. Und wenn ich mir ein bisschen Mühe gebe, wäre es bestimmt ein Leichtes, Romain zu überreden. Nur, weil der letzte Woche bockig war, heißt das noch lange nicht, dass er es bleiben wird. Bisher habe ich ihn noch immer kleingekriegt. Er schmollt bestimmt nur noch wegen der Sache in Japan.

Und wenn wir zu viert wären, könnten wir Badminton spielen gehen. Mit Seb habe ich das zum letzten Mal im vergangenen Jahr gemacht. Da dürfte er eigentlich nicht misstrauisch werden.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

›Ist alles in Ordnung bei dir?‹ Checos Frage klingt ungewöhnlich besorgt.

„Ja, wieso?“

›Lindström war die letzten beiden Wochenenden besser als du.‹

„Nur, weil mir in Abu Dhabi der Motor hochgegangen ist“, erwidere ich, doch das betäubt den Ärger bloß, los werde ich ihn dadurch nicht. „Und noch ehe du fragst, ich hab keine Ahnung, wie er das macht. Oder wie er das Auto mit so ’nem Setup überhaupt auf der Strecke hält.“

›Was meinst du?‹

Okay, das sollte ich eigentlich nicht erzählen, ich weiß, aber was kann Checo mit dieser Information effektiv schon anfangen? Jemand, der Runes Ideallinie anhand von Filmmaterial analysieren würde, würde es früher oder später eh entdecken. Und es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass sich jemand bei McLaren die Mühe macht.

„Er war doch letzte Woche Montag im Simulator an der Reihe“, beginne ich, „Und Xevi hat mich am Dienstag probehalber mal das fahren lassen, was sie mit Rune ausgetüftelt haben. Das Auto hatte so viel Übersteuern, dass es nicht unter Kontrolle zu kriegen war. Mir ist in so gut wie jeder Kurve das Heck ausgebrochen.“

›Bist du sicher, dass sie dich nicht nur auf den Arm genommen haben? Vielleicht hat Lindström auch nicht ordentlich gearbeitet und sie wollten nur neuem Streit vorbeugen.‹

„Ganz sicher. Es war alles da, was sonst auch da war, wenn Pastor vor mir an der Reihe war.“

›Aber es kann doch nicht sein, dass Lindström mit dem Auto so viel besser klarkommt. Ich meine, du fährst es nun schon die ganze Saison lang. Du musst eigentlich besser wissen, was geht und was nicht und wenn’s mit so viel Übersteuern ginge, dann -‹

„Ja, eigentlich, Checo, eigentlich“, unterbreche ich ihn, „Aber es ist nicht so und ich will echt nicht wissen, was er da heute zusammenbastelt oder wie ich das alles am Freitag korrigieren soll.“

›Kopf hoch, Valtteri, ich hab gehört, es soll am Wochenende regnen. Denk nur mal an Montreal, da hast du bewiesen, wie stark du auf nasser Strecke bist. Lindström wird dir nicht mal das Wasser reichen können, wenn’s regnet.‹

„Ja, wahrscheinlich hast du recht“, räume ich ein, aber überzeugt bin ich nicht. Es tut zwar immer noch gut, sich mit Checo über das leidige Thema Lindström auszutauschen, sich den Frust von der Seele zu reden, aber irgendwie... Auch wenn Daniel recht hat und ich ihn in Delhi einfach nur falsch verstanden habe... Ein ungutes Gefühl ist geblieben. Es ist wie ein schwarzer Fleck auf dem, was man als Grundvertrauen in eine Freundschaft bezeichnen würde. Irgendwie kommt es mir nicht mehr so vor, als würde ich Checo so gut kennen wie ich angenommen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob er sowas sagt, weil er es auch so meint oder nur, weil er mich aufbauen will. Gleichzeitig traue ich mich aber auch nicht, nachzufragen, neuen Streit zu riskieren, weil ich Angst vor dem habe, was er aufdecken könnte. Und ich bin mir nicht sicher, ob Emilia es verstehen würde. Aber ich könnte noch mal mit Daniel sprechen...

*** ~~~ ***


Runes POV

Es ist spät, kurz nach acht, als Claire ihr Auto auf dem Hof abstellt. Ich bin müde und möchte eigentlich nichts lieber als noch mal duschen und anschließend ins Bett. Und Abendessen. Der Tag war viel länger als ich erwartet habe, aber weder sie noch ich konnten ahnen, was er bringen würde.

Mit meiner Trainingstasche in der Hand folge ich ihr zur Haustür. Gestern hat es mich wirklich überrascht, festzustellen, dass sie verheiratet ist. Ich hatte große Mühe, mir nichts anmerken zu lassen und Glück, dass Anthony, ihr Mann, es auf den Jetlag geschoben hat. Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, sie sei Single und hätte irgendein irre modernes Apartment in der Stadt. Tja, so kann man sich täuschen... Der Hammer ist zwar immer noch, dass ich hier ein eigenes Zimmer habe, aber warum auch nicht? Das Haus ist schließlich echt riesig.

Wärme und der Geruch nach Curry schlagen uns entgegen, als wir den Flur betreten und den englischen Novemberregen aussperren. Mich überkommt ein heftiges Gefühl von Heimweh. Das ist nach Hause kommen wie ich es kenne. Es fühlt sich so an, als würde man vertraute und unerschütterliche Gefilde betreten. Eine kleine Insel, auf der alles in Ordnung ist, eine Oase, die allen Stürmen trotzt.
Claire stellt ihre Handtasche auf der Kommode ab und geht direkt weiter Richtung Küche. Meine Tasche landet auf dem Fußboden daneben, dann ziehe ich die Schuhe aus. Mir tun die Füße weh. Das nächste Zeichen dafür, dass ich die Schuhe noch nicht oft getragen habe. Wenn ich nur vorher gewusst hätte, was mich nach dem Simulator noch erwartet... Aber Claire hat’s ja selbst erst heute Mittag erfahren.

Auf Socken folge ich ihr in die Küche und es bietet sich mir dasselbe idyllische Bild wie gestern: Auf der Fensterbank über der Heizung döst die graugetigerte Katze namens Amy, Claire schlüpft aus ihren Pumps, während sie sich Tee einschenkt. Typisch Frau, immer multitaskingfähig... Anthony sieht ihr kopfschüttelnd dabei zu. Neben ihm auf dem Herd köchelt der Inhalt zweier Töpfe. Als er mich sieht, legt er das Geschirrtuch aus der Hand, bedenkt mich mit einem Lächeln, das ich – wenn ich es nicht besser wüsste! – ohne Federlesen als väterlich bezeichnen würde.

„Du siehst wirklich erwachsen aus, Rune, weißt du das?“

Sein Ausspruch treibt mir Röte in die Wangen und ich schaue kurz an mir herunter. Eigentlich mag ich keine Anzüge und mir war wirklich schleierhaft, warum Claire den aus dem Schrank in meinem Zimmer heute früh in den Kofferraum ihres BMW gepackt hat.

„Ja, also bis auf die Socken schon“, räume ich dann mit schiefem Grinsen ein. Das Himmelblau hebt sich gewaltig von der schwarzen Hose ab.

„Ach was, du wolltest doch zu keiner Beerdigung, das passt schon.“

Ich muss lachen: „Nö, stimmt, dafür hätte es auch noch ’ne Krawatte gebraucht.“

„Und dann hättest du ausgesehen, als kämest du gerade von deiner Konfirmation“, wirft Claire ein und stellt ihre Teetasse sorgsam auf die dazugehörige Untertasse, „Krawatten hebst du dir mal schön für die hochoffiziellen Anlässe und die Zeit auf, wenn du fünf Jahre älter bist.“

„Habt ihr den Sponsorenvertrag denn noch unter Dach und Fach gekriegt?“ Anthony stellt den Herd aus, nimmt drei Teller aus einem Schrank über der Spüle, dann die Deckel von den Töpfen und beginnt damit, gleichmäßig Reis und Curry auf die Teller zu verteilen. Ananas-Curry hatte er gestern gesagt, vegetarisches Ananas-Curry, so gut wie möglich auf meinen Ernährungsplan abgestimmt.

„Ja“, antwortet Claire, „Darauf sollten wir eigentlich noch anstoßen. Mit Ericsson als zweitem großen Sponsor tun sich ganz neue Chancen auf. Spätestens jetzt sollte es mit einem Cockpit für die nächste Saison klappen.“

***


Zum ersten Mal seit Wochen habe ich wirklich das Gefühl zuhause zu sein. In der Küche rumort leise der Geschirrspüler, wir sitzen zu dritt im Wohnzimmer, auf dem Couchtisch stehen drei so gut wie geleerte Sektgläser. Amy hat sich auf Anthonys Schoß zusammengerollt und schnurrt wie ein altersschwacher Staubsauger, während er mit Claire Berufliches bespricht, dem ich nicht folgen kann. Aber das macht nichts. Andere Kunden, die ihre Agentur betreut, gehen mich schließlich nicht wirklich was an und ich brauche die Zeit, um einige Mails zu checken, die bislang schlicht zu kurz gekommen sind. Und gleich die erste hat es in sich:

Hej Rune,
herzlichen Glückwunsch zum F1-Cockpit!
Du kannst dir nicht vorstellen, was hier losgewesen ist, als Lasse es Dienstagmorgen in der Zeitung gesehen hat. Er und Inga waren so aufgeregt, dass sie dich sofort anrufen wollten. Solveig konnte sie nur mit Mühe davon abhalten und wahrscheinlich auch nur, weil sie zur Schule mussten.

Ich halte inne und werfe einen genaueren Blick auf den Absender. Ein Bengt Sörensen. Sörensen. Bengt. Solveig. Lasse. Inga. Da sind mehrere Einträge in den Tagebüchern seit 2005, das weiß ich ganz genau. Familie Sörensen wohnt ein paar Häuser weiter die Straße runter und wenn ich die Einträge richtig gedeutet habe, dann verstehen wir uns prächtig und ich verbringe viel Zeit bei ihnen oder mit den Kindern beim Kartfahren.

Ganz zu schweigen davon, ihnen verständlich zu machen, dass sie dich nicht gleich überfallen sollen, wenn du wieder da bist. Wir sind uns noch nicht sicher, ob sie beide wirklich verstanden haben, was es mit Zeitverschiebung und Jetlag auf sich hat. Obwohl es sich anhand von Japan schon gut erklären ließ.

Es folgen ein paar Zeilen darüber, dass Lasse und Inga keine Fernsehübertragung mehr verpassen, sich Wecker dafür stellen und noch immer Bilder von mir aus Zeitungen ausschneiden. Dass sie letzten Donnerstag bei Ikea waren, um Bilderrahmen für ein paar davon zu kaufen, weil sie ein paar der Fotos gerne aufhängen würden. Alltäglichkeiten, Kleinigkeiten, die so schrecklich normal und menschlich wirken, dass ich Mühe habe, nicht in Tränen auszubrechen. Da wundert’s mich gar nicht mehr, dass mein altes Ego sich bei ihnen wohlgefühlt haben muss. Ich kann ja selbst nicht anders – bei einer Mail!

Von Solveig soll ich dir sagen, dass du dir den zweiten Weihnachtstag freihalten sollst – du bist wie jedes Jahr herzlich eingeladen.

Ist auf jeden Fall notiert und kommt mir, nach dem, was ich noch so gelesen habe, wie ein Lichtblick vor. Weihnachten scheint, nach Eriks Tod verständlicherweise, in meiner Familie nicht mehr wirklich gefeiert zu werden. Aber es ist immer noch Weihnachten und...

Im Anhang findest du den aktualisierten Terminplan für Dezember. Es gibt am 14.12. noch ein Heimrennen in der Halle. Wenn du mitkommen möchtest, sag es bitte bald. Inga fragt beinahe täglich danach.
Sie hat sich so sehr gewünscht, dass du dabei bist, wenn sie ihr erstes Rennen gewinnt.

Stimmt, das hat sie. Sie hat sogar ein Bild davon gemalt. Mein altes Ego hat es ins Tagebuch geklebt. Es ist bunt und man kann nur erkennen, was es sein soll, wenn man es weiß oder die krakelige Kinderschrift entziffert hat.

Letzten Samstag hat sie es geschafft.

Und ich war nicht da. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in den Magen.

Du machst dir jetzt keine Gedanken, verstanden? Wir haben alles gefilmt und es ist auch (leider sehr zusammengeschnitten) im Anhang. Sieh es dir an, freu dich und melde dich, sobald du wieder zuhause und ausgeschlafen bist.
Wir drücken dir alle ganz fest die Daumen für das letzte Saisonrennen.

Bengt

Wie automatisch klicke ich die entsprechende Datei an, lade sie herunter. Irgendwie fühlt sich das, was eben noch gut war, plötzlich betäubt an. Da schreibt mir jemand, den ich eigentlich nicht kenne, eine so liebe Mail, man lädt mich für Weihnachten ein und... und... Es ist einfach unglaublich! Es erschlägt mich fast.

„Ist alles in Ordnung, Rune?“

Claires besorgt klingende Frage lässt mich erst aufschauen, dann nicken.

„Wirklich?“

„Ja“, versichere ich, „Es ist nur... Inga hat ihr erstes Rennen gewonnen.“ Keine Ahnung, was ich sonst sagen soll, aber das könnte man schon als Grund dafür hernehmen, dass ich gerade etwas nah am Wasser gebaut bin.

„Hast du ein Video?“

„Ja.“ Was wird das denn jetzt?!

Sie stellt ihren Laptop auf den Tisch, steht auf, kommt zu mir und setzt sich neben mich. „Lass mal sehen“, sagt sie.

„Das ist die kleine Schwester von Lasse Sörensen?“, erkundigt sich Anthony.

„Genau“, bestätigt Claire, während ich die Datei öffne.

Das erste Bild ist verwackelt, der Ton ganz grauenhaft verzerrt, doch es wird schnell besser und klar, dass es sich hier um die letzten paar Runden eines Rennens in einer Halle handelt. Wer auch immer da filmt – Bengt oder Solveig, vermute ich – hat ein Kart an zweiter Position fest im Blick. Ich habe keine Zweifel daran, dass die Fahrerin Inga ist, doch die Vorstellung, dass eine Achtjährige... Irgendwie kommt’s mir seltsam vor, obwohl es normal ist. Man muss früh anfangen, wenn man es im Sport zu etwas bringen will.

Wir sehen ein Überholmanöver. Ich find’s so auf den ersten Blick ziemlich waghalsig und bin mir nicht sicher, ob ich den Mut gehabt hätte, dermaßen draufzuhalten. Doch sie tut es. Sie zieht nicht zurück, keinen Zentimeter, und sie sieht die Zielflagge zuerst. Ich bin hin und weg, als sie jubelt, dann wird das Bild kurz schwarz und als das Video fortsetzt, fehlt wieder der Ton, aber man sieht ein Mädchen mit schweißnassen roten Haaren. Inga. Sie lacht, sie wirkt glücklich, sie winkt in die Kamera, und ich habe nicht den Eindruck, als würde es sie wirklich stören, dass ich nicht da war. Dann hebt sie einen Pokal hoch, lässt ihn filmen, und sagt:

«Quatsch, klar ist Rune da, ich hab doch seine Schuhe an.»

Und das war’s. Nicht viel, vielleicht fünf Minuten insgesamt, aber es reicht auch, um ein warmes Gefühl in meinem Bauch zurückzulassen. Es fühlt sich gut an. Gut und richtig.

„Was hat sie gesagt?“, will Claire wissen.

Ich muss lächeln, als ich antworte: „Dass ich da bin, weil sie meine Schuhe anhat.“

„Süß“, erwidert sie und wendet sich dann an Anthony: „Schreib sie in die Kartei. Wenn sie am Ball bleibt, kann da was draus werden.“

Kartei? Verwirrt blinzle ich meine Managerin an, doch sie legt mir nur einen Arm um die Schultern: „Du machst da etwas ganz richtig, Rune. Hör nicht damit auf. Ich bin mir sicher, dass sie und Lasse es mit der richtigen Unterstützung weit bringen werden. Und ein zweites Standbein für die Zeit nach der Rennfahrerkarriere kann dir auch nicht schaden.“

Ich nicke. Dabei habe ich keinen Schimmer, was genau ich bisher getan haben soll. Gut, wenn ich nach den Tagebüchern gehe, dann leihe ich den beiden unter anderem die alten Rennschuhe von Erik und mir – ohne das Wissen meiner Eltern. Und auch sonst bekommen sie alles aus Eriks und meinen Kartzeiten, was noch zu gebrauchen ist und den Regeln entspricht. Genauso wie einen großen Teil meiner freien Zeit. Alles in allem hatte ich nach dem Lesen den Eindruck, alles zu sein, großer Bruder, Freund, Babysitter, Trainer, Mentor, Gutenachtgeschichtenerzähler und noch einiges mehr.

*** ~~~ ***


Claire M.-J.s POV

Es ist spät. Rune hat sich vor etwa einer halben Stunde verabschiedet und ist zu Bett gegangen. Anthony klappt meinen Laptop zu, ich stelle ihn auf den Tisch. Er kann es nicht, weil er sonst Amy aufschrecken würde, die immer noch auf seinem Schoß schläft. Das war vom ersten Tag an aus irgendeinem Grund, den nur eine Katze verstehen kann, ihr Lieblingsschlafplatz.

„Er hat sich sehr verändert, seit er das letzte Mal hier war“, merkt Anthony plötzlich an.

„Findest du?“

„Ja. Vor Maldonados Crash hättest du erst zwei Stunden mit ihm diskutieren müssen, bevor du ihn in einen Anzug gekriegt hättest. Weißt du noch, wie -“

„Erinner mich bloß nicht daran. Das hat ihn unter anderem einen Stammplatz für diese Saison gekostet, da bin ich mir immer noch sicher“, wiegle ich ab. Eine Bank als Sponsor ist immer gut, da wäre viel Geld geflossen und Testfahrer bei Williams hätte er obendrein bleiben können. „Aber es ist gut so, wie es jetzt ist. Er ist auf dem richtigen Weg, denke ich.“

„Du kannst es ohnehin nicht mehr ändern, Claire. Wir können so viele Dinge nicht ändern...“

„Aber wir versuchen es trotzdem, jeden Tag aufs Neue“, ergänze ich leise, „Und wenn es irgendwie möglich wäre, wenn es ginge, dann würde ich Rune vom Fleck weg adoptieren.“

„Immer noch?“

„Ja. Ich sag’s dir, wenn er zuhause nur mehr Rückhalt kriegen würde, könnte er schon viel weiter oben auf der Karriereleiter stehen. Aber es reicht eben nicht aus, wenn man nur Geld investiert. Das bringt nicht viel, wenn man ansonsten alleine dasteht.“

Anthony seufzt leise und krault Amys Bauch. Es ist mittlerweile eine leidige Diskussion, die wir viel zu oft führen, obwohl uns im Grunde genommen beiden bewusst ist, dass sie zu nichts führt, dass sie nichts verändert. Es ist zu spät, sagt der gesunde Menschenverstand, um jetzt noch das zu tun, was wir vor fünfzehn Jahren hätten tun sollen: ein Kind adoptieren, nachdem klar war, dass ich nie welche würde bekommen können.
Anthony wird nächstes Jahr fünfzig, ich siebenundvierzig. Das ist zu alt, um trotz moderner Medizin noch verantwortungsvoll für ein Adoptivkind zu sein, finden wir. Und wir haben uns damals für unsere aufstrebende Agentur entschieden, gegen eine Adoption oder einen Hund als Kinderersatz.

Es ging gut, bis uns Rune vor fast fünf Jahren auffiel. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich nie, weder vorher noch irgendwann später, einen jungen Sportler gesehen, der verwahrloster oder verlorener aussah als er. Aber er fuhr wie der Teufel, mit einem brennenden Ehrgeiz und einer Leidenschaft, die alles andere in den Schatten stellte. Doch er hat unbewusst den letzten todgeglaubten Funken Muttertrieb in mir getroffen und ein Feuer damit gemacht. Deswegen hat er hier ein Zimmer, deswegen reise ich mehr mit ihm durch die Weltgeschichte als ich müsste, deswegen tue ich so viele Dinge, für die ich eigentlich nicht verantwortlich wäre.

„Und es bleibt dabei, wenn er sich irgendwann nach seiner Karriere fürs Management erwärmen kann, vorausgesetzt er bleibt in unserer Agentur, dann bekommt er sie“, Anthony spricht leise, „Wenn du sagst, er ist auf dem richtigen Weg, dann ist er das auch. Und wenn die Sörensen-Kinder wirklich Karriere machen, glaube ich, wird er sie nicht im Stich lassen. Das hat er doch noch nie getan.“

Ich nicke bestätigend. Über die Zukunft der Agentur sprechen wir nicht mehr so oft, seit wir uns entschieden haben, was damit passieren soll, wenn wir sterben oder beschließen, die Arbeit an den Nagel zu hängen. Anthonys Idee, sie Rune unter gewissen Umständen zu übergeben, ist eine gute, eine vernünftige. Man versucht schließlich, seine Kinder so gut gerüstet wie möglich ins Leben zu stellen. Warum sollten wir es mit Rune also nicht tun?
Dass es unter der Vielzahl unserer Klienten nun gerade er ist... das ist letztendlich Zufall oder Schicksal. Wenn es da eine höhere Macht geben sollte, die die Fäden zieht, dann hat sie eben aus irgendeinem Grund, den wir nicht verstehen müssen oder sollen, beschlossen, dass Rune es sein soll.

Wir schweigen für einen Moment, dann lege ich den Kopf an seine Schulter und schließe die Augen. Draußen prasselt der Regen noch immer auf den Hof und gegen die Fenster, aber hier ist es warm, hier ist es geschützt. Es ist zuhause.

„Wenn Williams ausfällt, Claire, welche Optionen haben wir fürs nächste Jahr denn noch?“ Die Frage ist so leise, dass ich so tun könnte, als hätte ich sie überhört, aber das möchte ich nicht:

„Ein paar, nicht alle gut, aber ich bin davon überzeugt, dass er in der Formel 1 bleiben wird, wenn er sich in Brasilien keinen groben Schnitzer leistet. Er hat Bottas in den letzten beiden Rennen geschlagen, in Indien hat ihn nur der letzte Stopp davon abgehalten – und das war erst sein zweites Rennen. Und mit Ericsson als neuem Sponsor... Rune wird es schaffen, ganz bestimmt.“

„Das ist gut“, murmelt Anthony leise, bevor wir wieder in Schweigen versinken. Es war ein langer Tag...



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