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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 4.209
 
A/N: Vielen, vielen lieben Dank an Balalaika, Madrilena, Tiefseentraum, BecksDarcy, Tracy89, Nathi, livelovelaugh, freakylittlegirl und Sternengrau.






Kapitel 2 – Über den Wolken

Runes POV

Ich sitze in einem Privatflugzeug, einem richtigen echten Privatflugzeug! Und der Besitzer ist nicht irgendjemand, sondern Frank Williams. Der Frank Williams, der Formel 1-Rennstallbesitzer. Es ist unglaublich! Und ich muss mich wirklich zusammennehmen, um nicht unruhig auf meinem Platz hin und her zu rutschen. Vergessen sind die Kopfschmerzen und das verwirrende Telefonat mit meiner Mutter, zumindest fürs Erste. Aber man kann auch nicht so gut grübeln, wenn Joakim – der sich für meinen Geschmack immer noch schrecklich seltsam verhält – neben einem sitzt und ununterbrochen redet.

«Wie geht’s dir jetzt?» Das fragt er mich jetzt schon zum fünften oder sechsten Mal, glaube ich. Aber gut, nachdem ich mich seinetwegen vorhin so grandios übergeben musste, ist das vielleicht nicht ganz so seltsam wie der Rest dessen, was sich hier abspielt. Mittlerweile ist mir klar, dass ich bei meinem letzten Wunsch kein bisschen nachgedacht habe, doch wenigstens hatte ich die Zeit, mich selbst via Smartphone zu googlen. Sowas ist verdammt hilfreich! Auch wenn es nur gereicht hat, um den Wikipedia-Artikel zu lesen und der keine privaten Informationen preisgibt. Immer noch besser als nichts.

«Gut», antworte ich knapp und hoffe, dass er mich einen Augenblick in Frieden lässt, damit ich meine Gedanken und die neuen Informationen weiter ordnen kann. Es ist nämlich nicht besonders hilfreich, wenn er ständig neue hinzufügt und unglücklicherweise kann ich ihm das nicht sagen, ohne zu riskieren, dass er mich für verrückt erklärt. Ein solches Urteil von meinem Physio hätte wahrscheinlich fatale Folgen, also ist es besser, den Mund zu halten.

«Du weißt, warum wir hier sind?»

Ja, weil ich Idiot mir gewünscht habe, Rennfahrer zu sein, doch stattdessen sage ich: «Weil wir wegen des nächsten Rennens nach Japan fliegen.»

«Denk daran, dass wir nicht zum Spaß hier sind. Du sollst Maldonados Cockpit übernehmen, also benimm dich entsprechend. Du bist einundzwanzig, zeig bitte ein wenig Verantwortungsbewusstsein und Verstand. Das ist die Chance deines Lebens, das muss funktionieren, klar?»

«Natürlich», lenke ich ein. So hat Enrique sich das also gedacht! Normalerweise – sofern man das hier normal nennen kann! – fahre ich in der GP2, das hier soll dann wohl der Sprung in die Königsklasse werden. Grundsätzlich ja nett von ihm, mich die Karriere dort quasi von Anfang an miterleben zu lassen, aber ich habe keine Ahnung, wie man so ein Auto fährt! Nicht mal den blassesten Schimmer, um genau zu sein. Eigentlich sollte ich jetzt panisch umherspringen wie ein Kender im Giftpilzrausch – ob ich meine Drachenlanze-Bücher noch habe?

«Fein, dann müssen wir ja nicht mit solchen Eskapaden wie bei den Wintertestfahrten rechnen», stellt Joakim kühl fest, eine Spur zu kühl, wenn man mich fragt. Ich sollte ganz dringend mal weitere Internetinformationen über mich zusammentragen und lesen. Es wäre doch ganz gut, wenn ich wüsste, was ich angestellt habe, denn offenbar ist es nichts Gutes und ausnehmend Schlaues gewesen.

«Wird nicht wieder vorkommen», versichere ich ihm vorsichtshalber.

Er schenkt mir einen mitleidigen Blick in Kombination mit einem schiefen Grinsen. «Gut, dann kann ich Claire nachher sagen, sie muss sich noch etwas gedulden, bis sie mir den Kopf abreißen darf.» Damit lehnt er sich zurück und schließt die Augen.

Vielleicht gar keine so blöde Idee, denn das Flugzeug hat soeben die Startbahn erreicht und es ist überraschend still geworden in der Kabine. Nur Claire, meine Managerin, wie Wikipedia mir verraten hat, unterhält sich noch mit Frank. Verstehen kann ich zwar nichts, aber vermute, dass es um die letzten Details geht.
Zu schade, dass ich jetzt, wo Joakim auch endlich den Mund hält, nicht ins Internet kann. Andererseits sollte ich versuchen, das positiv zu sehen. Jetzt kann ich weitere Informationen in das große lückenhafte Puzzle in meinem Kopf einfügen.

Rune Santtu Lindström – ich –, einundzwanzig Jahre alt, Halbfinne, in Schweden aufgewachsener und für Schweden startender GP2-Fahrer, aber jetzt angehender Formel 1-Pilot aus irgendeinem unschönen Grund, der mit Pastor Maldonado zusammenhängt und den ich noch nicht kenne, und generell ohne eine erschreckende Menge verflucht wichtiger Erinnerungen. Dafür kann ich aber auf Plateauschuhen laufen und erstklassig Alkohol ausschenken.

Hölle, verdammt! Schöne Scheiße, die ich mir da eingebrockt habe!

Nervös will ich mir mit der rechten Hand durch die Haare fahren, muss aber feststellen, dass es nicht geht. Sie sind einfach zu kurz und es ist zu viel Gel drin. Also seufze ich leise. Im Grunde genommen ist es längst zu spät. Alles, was mir noch bleibt, ist die Augen fest zuzukneifen und diese Sache dann irgendwie durchzustehen. Wenn es klappt, gut, wenn nicht, dann eben nicht. Das muss ich dann so hinnehmen und es würde mich ja auch nicht überraschen.

«Alles in Ordnung?»

Wieder Joakim. Offenbar hat er das Seufzen nicht, wie ich gehofft hatte, überhört.

«Ja, ja.»

«Bist du dir sicher? Hör mal, wenn dir der Crash gestern wegen Eriks Unfall im Kopf rumgeht, dann ist das ganz normal. Das wird wieder aufhören.»

«Eriks Unfall?» Ich muss mir wirklich Mühe geben, nicht hysterisch zu klingen. Mein Bruder hatte einen Unfall? Wann? Wieso? Wie geht es ihm? Keine dieser Fragen spreche ich aus. Das würde zu viele weitere hervorrufen und ich muss mir kein zweites Mal binnen – zumindest denke ich das – vierundzwanzig Stunden beweisen, wie hirnrissig ich bin.

«Rune, hör mal, du musst dir keine Sorgen machen. Die Ärzte haben Maldonado ins künstliche Koma versetzt, mit voller Absicht, er ist nicht ins Koma gefallen. Sie haben alles von Anfang an unter Kontrolle gehabt. Es wird wieder in Ordnung kommen.»

Ich nicke, aber die Gedanken rasen. Erik liegt im Koma? Verdammt, ich muss unbedingt noch mal meine Mutter anrufen, aber diesmal sollte ich auch die Zeitverschiebung beachten. Einmal aus dem Bett geklingelt zu werden, das geht noch, doch ab dem zweiten Mal wird’s fies. Das muss man einfach einsehen, die Ungeduld zügeln und Rücksicht nehmen.

«Du musst auch kein schlechtes Gewissen haben», fährt er fort, «Es ist gängige Praxis, das Cockpit wieder zu besetzen. Geht auch gar nicht anders. Du weißt, was alles davon abhängt, dass beide Autos eines Teams starten.»

«Ja», murmle ich. Im Moment kommt mir Maldonados Unfall – egal, wie herzlos das ist – völlig unwichtig vor. Meine Sorge gilt meinem kleinen Bruder. Voll und ganz. Vielleicht ist das nicht schlecht, denn so bleibt mir ein schlechtes Gewissen wegen des Cockpits womöglich erspart – worüber ich nicht böse wäre. Ganz im Gegenteil! Mir platzt jetzt schon fast der Kopf. Noch fünf oder sechs Megabyte mehr, dann explodiert er, fürchte ich.

«Na also», seufzt Joakim, «Dann können wir uns jetzt wieder voll auf deine Karriere konzentrieren.»

Er verwirrt mich. Das ist nicht der Joakim, den ich kennengelernt habe, überhaupt nicht. Er sieht zwar weitestgehend aus wie mein Chef, aber verhält sich total anders. Irgendwie kälter, abgeklärter, weniger menschlich und freundschaftlich. Zumindest kommt es mir gerade so vor. Oder ist das eine Art Professionalität, die ich von ihm nur noch nicht kenne? Mich fröstelt. Das Flugzeug hat längst abgehoben und ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass es auch schon ziemlich hoch ist. Nicht mehr lange, vermute ich, und - Ja, da kommt die Durchsage des Piloten. Flughöhe erreicht.

Joakim neben mir schnallt sich ab, ich mache es ihm nach, um nicht unnötig aufzufallen. Das hier ist schließlich kein Linienflug und es gelten offenbar etwas andere Regeln. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind wir nicht zum Spaß an der Freude sondern zum Arbeiten hier. Okay, ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass irgendjemand einen GP2-Piloten aus reiner Nächstenliebe in seinem Privatflugzeug mitnimmt. Immerhin hat man das auch nicht unbedingt, weil man sich mit Fremden abgeben will. In dem Fall könnte man sich die Haltungskosten nämlich auch sparen.

„Wir sind soweit“, durchbricht Claires Stimme schließlich die Stille, die sich nach der Durchsage des Piloten nicht wieder gelöst hat. Die wenigen Leute an Bord, die es können, scheinen den Flug für ein paar Stunden Erholung nutzen zu wollen. Kann ich ihnen nicht verdenken, würde mir ja auch viel besser gefallen.

«Dann wollen wir mal», ächzt Joakim und steht auf. Ich folge ihm langsamer, kämpfe jetzt wieder gegen das flaue Gefühl in der Magengegend an. Eigentlich fliege ich nicht gerne, habe lieber festen Boden unter den Füßen. Aber immerhin sind Flugzeuge nicht so schlimm wie Schiffe oder alles andere, womit man sich auf dem Wasser fortbewegen kann. Während eines Sommerurlaubs bei den Großeltern in Finnland hat mich sogar das Ruderboot auf dem See beim mökki geschafft.

Wir setzen uns zu Claire und Frank, der auf mich bis jetzt – das muss ich trotz aller aufkeimenden Panik zugeben – einen freundlichen und gelassenen Eindruck macht. Keine Ahnung, warum wir das nicht von Anfang an so gemacht haben, doch vermutlich wollte Joakim die Möglichkeit haben noch mal ungestört auf mich einzureden. Die hätte er auf jeden Fall bestens genutzt. Erstaunlich, dass er mich nicht gebeten hat, das Feiertagsenglisch rauszuholen, aber das sollte ich tun. Das Englisch mit schwerem Akzent ist eigentlich nur was für verirrte deutsche Touristen und eignet sich keineswegs für geschäftliche Angelegenheiten, die man seriös handhaben sollte.
Wenigstens bleiben mir jetzt erneute Begrüßungsfloskeln und -rituale erspart. Mit denen hatte ich am Flughafen schon genug Probleme. Ist gar nicht so leicht, einen völlig Unbekannten so zu begrüßen als ob man ihn schon jahrelang kennt. Da kann man noch von Glück reden, dass man im Englischen, anders als in anderen Sprachen, nicht zwischen Siezen und Duzen unterscheidet. Das macht es für mich einfacher. Wäre auch zu peinlich gewesen, jemanden plötzlich zu siezen, der einem schon vor Monaten das Du angeboten hat.

Ich verstehe nur die Hälfte von dem, was Claire erklärt, nicke allerdings brav und hoffe einfach, dass es nichts allzu wichtiges ist. Was auch sonst? Gleich soll ich einen Vertrag unterzeichnen und habe nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung, wie meine Unterschrift vor heute aussah. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in wenigen Augenblicken einen völlig anderen Friedrich-Wilhelm aufs Papier setze, ist verdammt hoch. Der Obstsalat rumort leise in meinem Bauch und wünscht sich offenbar schon an einen anderen Ort möglichst weit weg von mir. Doch wie es in solchen Situationen immer ist, kommen sie viel zu schnell zum Wesentlichen und ehe ich mich versehe, hat Claire mir den fertigen Vertrag vor die Nase gelegt. Warum sie darüber noch mit Frank sprechen musste, ist mir schleierhaft. Dieser Juristenkram ist sowieso ein Buch mit sieben Siegeln, und als Laie ist man regelmäßig gezwungen, den Profis auf diesem Gebiet zu vertrauen. Wird schon schiefgehen, also nehme ich den Kugelschreiber – es ist einer dieser teuren, schweren –, den sie mir hinhält, und unterschreibe an den Stellen, auf die sie zeigt. Wohl fühle ich mich definitiv nicht, doch der Obstsalat verhält sich glücklicherweise anständig.

„Willkommen im Team.“ Frank streckt mir die Hand hin, Händeschütteln war noch nie mein Ding, aber in Situationen wie dieser gilt immer noch Augen zu und durch. Es heißt ja nicht umsonst, dass man etwas mit einem Handschlag besiegelt.

„Danke“, erwidere ich leise, aber vor allem in Ermangelung eines besseren Einfalls. Diese andauernde Sprachlosigkeit ist furchtbar, sowas kenne ich eigentlich nicht. Normalerweise bin ich höchst selten um ein Wort verlegen, verschwende kaum einen Gedanken daran, ob ich mit Ehrlichkeit anecke oder nicht.
Zu meinem Erstaunen runzelt er die Stirn. Es facht schlagartig auch den rebellischen Salat zu einem neuen Aufstand an, heftiger diesmal. Doch bevor es ein Unglück geben kann, springt Joakim in die Bresche: „Wir hatten ’ne ziemlich kurze Nacht. Rune hat sich noch bis heute früh um vier den Kopf über den Unfall zerbrochen. Das erinnert ihn doch sehr an den seines Bruders.“

Es wäre besser bei dieser Version zu bleiben, schießt es mir durch den Kopf. Das ist zwar nicht die feine englische Art und ein schlechtes Gewissen habe ich schon, Erik als Ausrede für meine Verwirrung zu benutzen, aber er wird das ja nie erfahren, solange ich nur den Mund halte. Erstaunlicherweise komme ich so leicht davon. Warum auch nicht? Franks Querschnittslähmung ist ebenfalls das Resultat eines Autounfalls, wenn also jemand weiß, welche Auswirkungen das haben kann, dann er. Da macht es absolut keinen Unterschied, ob der Unfall nun auf einer normalen Straße oder einer Rennstrecke passiert ist. Woher ich das mit dem Unfall weiß? Erik ist seit dem Kanada-GP begeisterter Fan von Bottas – eben jenem Valtteri Bottas, dessen Teamkollege ich nun bin – und hat jedes Detail, das er über das Williams-Team finden konnte, wie ein Schwamm aufgesaugt.

Für den Rest des Fluges lässt man mich glücklicherweise in Frieden, ich schaffe es sogar, noch ein wenig zu dösen, bevor der Pilot den Landeanflug ankündigt. Da werde ich von Joakim mit einem nicht gerade feinfühligen Stoß in die Rippen geweckt, nur um nach höflichem Verabschieden von Frank eine Stunde später in einem Taxi von ihm wieder zum Schlafen aufgefordert zu werden. Ich komme mir ein wenig verarscht vor, sage aber nichts, mache einfach wieder die Augen zu. Autos, Wolkenkratzer und Werbetafeln kann ich mir während der nächsten Tage bestimmt noch zur Genüge ansehen.

Aber eine Armbanduhr sollte ich mir dringend zulegen, stelle ich fest, als wir das Taxi am Hotel verlassen. Joakim bezahlt die Rechnung. Woher auch immer er die Yen hat. Mittlerweile kommt er mir eher wie das Mädchen für alles vor als wie mein Physio, abgesehen von Claire, die unverkennbar weiblich ist, doch sie hat sich noch am Flughafen irgendwohin abgesetzt. Sie müsse noch einige dringende Dinge regeln und würde nachkommen, hat sie gesagt.
Joakim scheint das mehr zu stören als mich, aber im Gegensatz zu ihr hat er mich ja an der Backe. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es mich sonderlich begeistern würde, mich wie ein Elternteil um einen jungen Erwachsenen kümmern zu müssen, der das eigentlich längst allein können sollte. Den Koffer lässt er mich allerdings selbst tragen. Wenigstens etwas, obwohl das nichts wirklich besser macht. In Zukunft wird das anders funktionieren, nehme ich mir vor.

Joakim erledigt das Einchecken für uns beide. So langsam wird es furchtbar peinlich, immerhin spreche ich auch Englisch und sollte sowas durchaus alleine können, selbst wenn mich eine fremde Umgebung gefangen nimmt oder einschüchtert. Im Augenblick tut sie definitiv letzteres. Ein paar Birken und Seen täten der Atmosphäre hier durchaus gut. Damit würde es hier nur noch halb so steril und kalt aussehen. Ob irgendein Innenarchitekt in Japan diesen Vorschlag für eine Hotellobby wohl gutheißen und umsetzen würde?

«Nicht trödeln, Rune», reißt Joakim mich aus den Gedanken an schwarzweiße Baumstämme vor sommerblauem Wasser und Himmel. Er geht schon in Richtung Fahrstühle, sodass ich mich beeilen muss, um ihn wieder einzuholen. Gar nicht so leicht mit dem schweren Koffer, aber als er stehenbleibt, um auf den nächsten Aufzug zu warten, gelingt es.

«Tut mir leid», nuschle ich leise und zum wiederholten Mal. Wenn mir nicht etwas anderes als diese Phrasen einfällt, wird das bald unglaubwürdig werden. Einem durchschnittlichen Menschen tut schließlich nicht immer alles Mögliche leid, das ist Blödsinn.
Der Fahrstuhl kommt, ein Mann in Anzug steigt aus, wir ein, dann schließen sich die Türen wieder und wir sind allein. Joakim drückt eine Nummer und die Kabine setzt sich in Bewegung. Es geht aufwärts, aber wir schweigen.
Es ist unangenehm, drückend wie ein schwüler Sommertag, an dem jedes erlösende Gewitter ausbleibt und auch die Nacht keine Erleichterung bringt. Genauso wenig wie der klimaanlagenkühle Luftzug, der uns erwartet, als die Türen sich endlich wieder öffnen. Wir sind irgendwo richtig weit oben, vermute ich. Aber das ist nur eine Schätzung, nichts besonders genaues.
Ich folge Joakim auf den Flur und dort wortlos, bis er vor einer Tür stehenbleibt, sich zu mir umdreht und mir eine Schlüsselkarte hinhält. «Das ist dein Zimmer. Pack aus, schlaf noch ’ne Runde und ich hole dich dann zum Abendessen wieder ab. Falls noch was sein sollte, mein Zimmer ist gleich nebenan.»

«Ist gut, verstanden.» Ich nehme die Karte und beobachte, wie er die paar Meter zur nächsten Tür geht, sie öffnet und, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, in seinem Zimmer verschwindet. Vielleicht ist er auch k.o. Wäre nicht verwunderlich, immerhin musste er sich seit heute Morgen fast ausnahmslos um Sachen kümmern, die ich eigentlich selbst hätte erledigen können.

Seufzend öffne ich meine Tür, zerre den Koffer ins Zimmer und schließe die Tür hinter ihm und mir möglichst leise wieder.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Achtlos lasse ich Koffer und Rucksack gleich hinter der Tür stehen, schlüpfe aus den Schuhen und werfe mich dann aufs Bett. Dieser Montag kickt den Dienstag vor dem zweiten Saisonrennen aus der Liste beschissener Tage dieses Jahres. Nun gut, der Dienstag stand ohnehin ganz unten und heute kommt nicht einmal annähernd an den Spitzenplatz, die Testfahrten in Jerez, heran, aber schlimm genug, dass ich so eine Liste überhaupt führen kann. Oder muss, je nachdem wie man das werten will. Fakt ist jedoch, dass ich das Gefühl habe, mich mit dieser Liste in meinem Notizbuch abreagieren zu können.
Heute früh hätte ich Rune am liebsten an den Schultern gepackt und kräftig durchgeschüttelt. Nicht, dass das auch nur im Geringsten etwas geändert oder seinen gesunden Menschenverstand in Gang gesetzt hätte, aber mir hätte es irgendwie geholfen. Ich seufze schwer, reibe mir mit der linken Hand über die Stirn.

Als Daniel, Runes Vater, mir diesen Job vor zwei Jahren angeboten hat, dachte ich noch, es wäre die Chance meines Lebens, der lang und heiß ersehnte Karriereaufschwung, und ich wäre derjenige, dem es gelingt, Rune wieder voll auf Kurs zu bringen. Ein Irrtum. Offensichtlich, wenn auch nur in Teilen. Immerhin hat er ein Formel 1-Cockpit für den Rest der laufenden Saison – ganze fünf Rennen – erst mal vertraglich sicher, solange er keinen Mist baut, womit sich das größte Problem überhaupt auftut: abgesehen von den fahrerischen Eigenschaften ist Rune ein Idiot. Daran besteht kein Zweifel, denn seine Eskapaden kann man nicht mehr als jugendlichen Leichtsinn hinstellen, sie sind ausgewachsene Idiotie.
Und mittlerweile zehrt das an meinen Nerven. Vielleicht sollte ich die im Dezember anstehende Vertragsverlängerung, die Daniel mir bereits im Juli angeboten hat, ausschlagen und eine Bar eröffnen. Wäre zumindest mal was anderes und vielleicht bekommt man da weniger graue Haare. Das erste Dutzend habe ich schon ausgerissen, nur auf Dauer ist das keine Lösung. Aber leider reagiere ich allergisch auf die überwiegende Mehrheit der Färbemittel.

Gut, das sind schon mal zwei gute Argumente gegen die Vertragsverlängerung, zumindest für mich. Daniel würde ich das so natürlich nicht sagen, sondern eine höfliche Ausrede benutzen. Soll sich doch ein anderer mit Runes Eskapaden herumschlagen! Ich habe es satt, Kindermädchen zu spielen, alle möglichen Dinge zu erledigen, die nicht zu meinem Job gehören und die er mit einundzwanzig längst selbst können sollte, Kater hin oder her. Wer saufen kann, kann auch arbeiten. Basta!
Am besten bereite ich mich mental schon mal darauf vor, eine Gehaltserhöhung auszuschlagen. Mehr Geld vermindert schließlich nicht den Stress. Dann kann es mir ab Januar auch egal sein, ob Rune sich wieder mit dem Chilton-Sprössling zusammen abschießt, hinterher tagelang schlechte Presse hat und Claire deswegen am Rad dreht. Für sie scheint das – im Gegensatz zu mir – der richtige Job zu sein oder Rune der richtige Fahrer, die richtige Herausforderung. Je schlimmer die Schlagzeilen werden, desto mehr dreht sie auf, läuft warm und zu einer Hochform auf, die sie scheinbar nur dann erreichen kann, wenn alles drunter und drüber geht, also an Tagen wie heute.

Ächzend quäle ich mich wieder auf die Beine, hole Koffer und Rucksack von der Tür und beginne mit dem Auspacken. Muss ja gemacht werden, und ich mag es nicht, jeden Tag direkt aus dem Koffer zu leben. Schränke gibt es in Hotelzimmern schließlich nicht umsonst.
Den leeren Koffer schiebe ich unter den Tisch, weder unter dem Bett noch im Schrank ist Platz für das Riesending und hinter dem Vorhang fiel er zu sehr auf. Mit dem Rucksack gibt es da weniger Probleme. Ich nehme nur das Buch heraus, das ich gerade lese – Raittilas Sintflut –, stopfe ihn dann ins unterste Schrankfach und lege mich samt Buch wieder aufs Bett. Diesmal fingre ich aber noch mein Mobiltelefon aus der Hosentasche, kontrolliere, ob die Uhrzeit stimmt, und stelle den Wecker. Lesen unter diesen Umständen lenkt mich in der Regel so sehr ab, dass ich spätestens nach ein paar Seiten einschlafe. Hinzukommt, dass ich endlich eine Entscheidung über meine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt getroffen habe. Eigene Bar, ich komme.

*** ~~~ ***


Runes POV

An Schlaf ist nicht zu denken, jede Müdigkeit ist wie weggeblasen, aber ich habe nichts zu tun. Anfangs ging es noch, da konnte ich auspacken, mir mein Gepäck mal genauer ansehen und feststellen, dass es – zu meiner großen Verwunderung – aus lauter Markensachen besteht, die ich mir normalerweise nicht leisten könnte. Von diesem beeindruckenden Arsenal an Sonnenbrillen ganz zu schweigen. Es hat über eine halbe Stunde gedauert, alle mal aufzusetzen und mich damit eingehend im Spiegel zu mustern.
Anschließend wollte ich eigentlich recherchieren, was während der Testfahrten vorgefallen ist und was es mit Eriks Unfall auf sich hat. Nur zu wissen, dass er ins Koma gefallen ist, das ist einfach zu wenig! Doch was tue ich stattdessen? Ich stehe am Fenster und starre vollkommen fasziniert den Großstadtdschungel draußen an, dabei gibt es außer Wolkenkratzern und Autos nichts zu sehen. Möglicherweise fesselt mich jedoch die Winzigkeit der Maschinen und Menschen da unten auf der Straße. Bestimmt sind wir mindestens im zehnten Stock! Ein eisiger Schauer läuft mir über den Rücken. Habe ich plötzlich Höhenangst oder ist nur die Klimaanlage zu kühl eingestellt?

Wie dem auch sei, es bringt mich endlich dazu, mich vom Fenster loszureißen und das Notebook, das zwischen den T-Shirts im Koffer aufgetaucht ist, einzuschalten. In diesem Moment bin ich dankbar für die WLAN-Anleitung auf Englisch, auch wenn man in ihr regelmäßig über Rechtschreibfehler stolpert und man es sicherlich auch ohne sie ins Internet schaffen würde. Außerdem kann man an einem größeren Bildschirm besser lesen als auf dem kleinem Display eines Smartphones. Aber ich kann mich nicht entscheiden, wonach ich zuerst suchen soll, sodass ich erst eine Münze werfen muss, bevor ich Google mit den Schlagworten Jerez, Formel 1, Testfahrten und 2013 füttere. Meinen eigenen Namen einzugeben, traue ich mich nicht. Es war schon verstörend genug, einen Wikipedia-Artikel über mich selbst zu lesen.

Die Suchmaschine ist für meinen Geschmack viel zu erfolgreich, ergänzt meinen Namen eigenständig, und mir wird schon wieder schlecht, so schlecht, dass ich am liebsten hier und jetzt in Tränen ausbrechen würde. Dass ich es nicht tue, mich am Riemen reiße, liegt einzig und allein daran, dass ich gelesen habe, die Wände japanischer Gebäude seien wegen der ständigen Erdbebengefahr erschreckend dünn und hellhörig. Es muss nicht sein, dass Joakim mich schluchzen hört. Er machte vorhin schon keinen gutgelaunten Eindruck mehr auf mich – verständlicherweise. Da sollte ich ihn jetzt nicht unnötig in Alarmbereitschaft versetzen. Zumal die Gründe für einen Außenstehenden ziemlich seltsam anmuten. Immerhin müsste ich eigentlich wissen, was ich ausgefressen habe und auch lange darüber hinweg sein, wo es doch schon ein gutes halbes Jahr zurückliegt.

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich mir ein Herz fasse, den obersten Artikel anklicke und mir sofort nach dem ersten Absatz wünsche, es nicht getan zu haben. Bei dem Kater, mit dem ich aufgewacht bin, hatte ich mit einem jugendlichen Alkoholexzess, vielleicht in Kombination mit Stripperinnen oder Prostituierten und eventuell noch einem Joint gerechnet, aber die Wirklichkeit schlägt dem Fass den Boden aus. Sie hat nämlich kaum mit den berühmt-berüchtigten großen drei Lastern sex, drugs and rock’n’roll zu tun. Dass ich mich am Abend des letzten Testtages in einem Club zusammen mit Max Chilton abgeschossen, aber keine Frauen belästigt habe, ist schon das positivste, was getitelt wurde. Der Rest lässt sich auf vier Worte zusammenstreichen: Ich bin ein Großmaul!

Niedergeschlagen von der Wahrheit lehne ich mich zurück. Kann es überhaupt noch schlimmer kommen? Ich bin offenbar genau das, was ich niemals sein wollte. Ein Angeber. Die Schlagzeile Große Klappe, nichts dahinter trifft den Nagel auf den Kopf. Unterklassige Rundenzeiten in Kombination mit leeren Sprüchen und allerlei Lästerattacken gegen andere Fahrer, Weltmeister, ja, sogar großspurige Seitenhiebe gegen Fahrerkollegen bei Williams.
In einem ersten großen Anflug von Verzweiflung raufe ich mir die Haare. Etwas anderes kommt mir nicht in den Sinn. Man kann ja doch nichts tun, um die Vergangenheit ungeschehen zu machen! Würde mich nicht wundern, wenn mit dem Williams-Cockpit ein Spießrutenlauf ungeahnten Ausmaßes verbunden wäre. Niemand mag Lästermäuler. Notdürftig versuche ich, das Schluchzen in meinen Handflächen zu ersticken.

So, wie es aussieht, bin ich wohl aus heiterem Himmel in der Hölle gelandet.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

›Das soll ein Witz sein, oder?‹

Ha! Checo reagiert ja genauso wie ich, und wahrscheinlich wird auch niemand anders reagieren oder sich drüber freuen, dass Lindström den Zuschlag gekriegt hat.

„Schön wär’s“, erwidere ich, „Aber er hat den Vertrag schon unterschrieben.“

›Shit!‹

„Jeden hätten sie nehmen können, aber wer weiß, was für ’ne Summe Daddy da überwiesen hat, damit sein Sohn das Cockpit kriegt“, schnaube ich. Ist ein offenes Geheimnis, dass Lindströms Vater zahlt, was zu zahlen ist, damit sein Sohn fahren kann. Talent und harte Arbeit spielen da bloß die zweite Geige.

›Kopf hoch. Wenn er diese Chance vergeigt, kriegt er selbst mit Geld nur schwer noch mal eine. Ist doch nur für fünf Rennen, vielleicht sogar weniger, Valtteri, dann biste ihn wieder los.‹

Ich kann Checos Augenzwinkern und Grinsen fast sehen und irgendwie steckt es an. Vielleicht… Wenn ich Glück habe… Ja, das wäre gut.



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