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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 4.270
 
A/N: Danke an Madrilena, TheOne, Tracy89, Silvana, Balalaika, Pericoloso, PassiCantha, ShadowOfTheDay und Tiefseentraum.




Kapitel 28 – Unvorhergesehene Ereignisse


Joakims POV

Rune ist wirklich gut dieses Wochenende. Alles deutet darauf hin, dass er sich endgültig wieder gefangen hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass Claire ihm gesagt hat, dass Maldonado sich auf dem Weg der Besserung befindet. Jedenfalls hat er Valtteri im Griff, ihm in allen Trainings mehrere Zehntel abgenommen und sich gestern Startplatz 13 gesichert und er klagt auch nicht mehr so sehr über Nackenschmerzen. Leider hat das alles nicht dazu geführt, dass er aufhört, mich Chef zu nennen.

Doch es gibt etwas, das mir noch immer Kopfzerbrechen bereitet: Claire hat ihren und Runes Flug umgebucht, meinen nicht. Für mich geht es morgen nahtlos weiter nach Brasilien, während Rune und sie noch einen Zwischenstopp in England einlegen werden. Nicht, dass Rune da wirklich Zeit fürs Training haben würde, aber trotzdem! Ich bin sein Physio, ich sollte derjenige sein, mit dem er die meiste Zeit verbringt. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, er ist für Claire so etwas wie ein Kinderersatz. Sie ist schließlich schon Mitte 40. Ihre biologische Uhr tickt mit Sicherheit sehr laut, wenn sie nicht schon abgelaufen ist.

Rune scheint sich an alldem nicht zu stören. Er ist guter Dinge, als er sich ein paar Meter von seinem Auto in der Startaufstellung entfernt auf den Boden setzt. Es ist gar kein Vergleich mehr zu seiner Unkonzentriertheit von Indien zu sehen. Er wirkt entspannt, aber konzentriert, als ich ihm seine Flasche reiche. Er hat sich immer noch nicht für eine neue Geschmacksrichtung in Sachen Ionencocktail entschieden, was mich wundert. Irgendwie bin ich doch davon ausgegangen, dass das bald kommen würde. Eine Fehleinschätzung, denn Rune sitzt mit dem Strohhalm zwischen den Zähnen da, kaut ein wenig darauf herum, wenn er nicht trinkt, beobachtet die Mechaniker an seinem Auto und das Treiben in der Startaufstellung und wirkt rundum zufrieden. Ich finde es seltsam, aber wenn es ihm irgendwie gut tut…

Und so scheint es zu sein, denn als ich ihn eine Viertelstunde später im Auto anschnalle, ist von Stress oder Anspannung keine blasse Spur zu erkennen. Ich denke, heute werde ich mir den Start ansehen können, ohne um meine Fingernägel fürchten zu müssen.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich bin gut. P13 gestern und Valtteri nur auf P16. Ich will nicht sagen, dass es mich wundert, aber er fährt eine deutlich andere Abstimmung als ich. Daran könnte es liegen. Trotzdem ist mir ein wenig mulmig zumute. Perez steht nur ein paar Meter vor mir auf P11. In Abu Dhabi ist er zwar unauffällig geblieben, aber das heißt ja noch lange nicht, dass es hier auch so bleiben wird.

Zu Beginn der Green Flag Lap lasse ich die Kupplung schleifen, um herauszufinden, wo der Druckpunkt liegt. Eine bewusste Entscheidung, denn, das habe ich mittlerweile spitz, die eigentliche Startvorbereitung fängt bereits mit der Einführungsrunde an. Es geht um mehr, als nur Reifen und Bremsen auf Temperatur zu bringen, wenn man gut starten möchte. Ganz nebenbei muss die Wassertemperatur noch möglichst gering bleiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es so hinkriege, wie ich es sollte, doch Andrew bemängelt es dieses Mal zumindest nicht, also muss es wohl noch im grünen Bereich sein. Stattdessen bombardiert er mich regelrecht mit allerlei anderen Daten, die irgendwie wichtig sind oder sein könnten, ich weiß es nicht und bin auch nicht gewillt, sie mir alle zu merken. Er wird sie schon wiederholen, wenn es nötig ist.

Sobald das Auto wieder auf P13 steht, herrscht Funkstille, damit ich mich konzentrieren kann. Ganz besonders auf Perez auf P11, Button auf P12 und Jean hinter mir auf P14. Bei P15 habe ich keine Ahnung mehr, wer da steht und wenn alles glatt läuft, dann brauche ich mit Valtteri von P16 vorerst nicht rechnen.
Ich beobachte, wie die fünf roten Lichter angehen, spüre, wie meine Hände ihren Griff am Lenkrad verändern. Darüber habe ich noch immer keine Kontrolle, doch es stört mich nicht. Ganz im Gegenteil. Andernfalls wäre ich wahrscheinlich aufgeschmissen. Die Lichter gehen aus, Hände und Füße tun, was sie sollen. Button und Perez vor mir ziehen in die Fahrbahnmitte und ich versuche, meine Linie zu halten, außen zu bleiben. Muss raufschalten bis in den siebten Gang, für Turn 1 wieder runter in den zweiten. Es wird erschreckend eng. Im Rückspiegel taucht unerwartet groß ein Sauber auf. Ich rechne fast mit einer Berührung, doch nur Sekundenbruchteile später liegt die Kurve hinter mir, raufschalten, Turn 2 geht im fünften Gang. Turn 3 gleich im sechsten.

›Kollision von Valtteri und Vergne, gelbe Flaggen in Turn 1.‹

Ich reagiere nur mit einem „Copy“ auf Andrews Funkspruch. Es ist nicht wichtig, was hinter mir passiert, solange es mein Rennen nicht kaputtmacht. Wichtig ist nur, dass ich weiß, dass ich in Turn 1 langsam machen muss, wenn die Flaggen da noch sind, wenn ich nächste Runde da vorbeikomme. Ansonsten gilt meine volle Aufmerksamkeit vorläufig nur dem McLaren vor und dem Sauber hinter mir.

***


Es läuft nicht für Valtteri. Der Reifenschaden nach der Kollision kam zwar nicht unbedingt unerwartet, aber nichtsdestotrotz zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Schaden und Stopp haben ihn mit einigem Abstand ans Ende des Feldes katapultiert. Er würde mir glatt leidtun, wenn ich nicht gerade anderweitig beschäftigt wäre. Ich will P10, ich will an Button vorbei. Unbedingt! Und ich muss es auf der Strecke schaffen, denn er und ich haben beide bereits zum letzten Mal gestoppt – wenn unsere Hochrechnungen stimmen und nichts Unvorhergesehenes mehr passiert.

Aber die lange Gerade und Start-Ziel machen mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ich komme einfach nicht ins DRS-Fenster. Jedes Mal fehlen ein paar gottverdammte Hundertstel oder sogar nur Tausendstel. Meine Geduld hängt langsam am seidenen Faden, ich bin kurz davor, Andrew anzumotzen, anstatt vernünftig zu funken. Und Valtteri auf P13 kommt di Resta auf P12 immer näher, während die Runden gnadenlos weniger werden. Aber ich komme einfach nicht dichter an Button heran – und das schon seit dem Start! Ganz egal, was Andrew von mir einfordert, was ich tue.

›Push, Rune, push!‹, fordert er zum x-ten Mal seit meinem letzten Stopp und diesmal platzt mir wirklich der Kragen:

„Was glaubst du, was ich hier tue? Gänseblümchen pflücken?! I’m pushing like hell!“

Es kommt keine Antwort und ich setze die ermüdende Aufholjagd fort. Doch am Ergebnis ändert das nichts. Am Ende komme ich auf P11 eine knappe Sekunde hinter Button ins Ziel. Meine Laune ist im Keller. Diese verdammten Geraden haben alle aufgeholten Hundertstel jede Runde gnadenlos aufs Neue zunichte gemacht.

***


Mir ist schlecht – mal wieder. Aber diesmal, weil ich weiß, dass ich mich unangemessen verhalten habe und man das jetzt im Briefing unweigerlich zur Sprache bringen wird. Und es behagt mir wenig, dass Valtteri dabei sein wird, denn heute bin ich zuerst an der Reihe, weil mein Flug ja in ein paar Stunden geht, der von Andrew und meinem Dateningenieur logischerweise auch. Doch erst einmal bleibt alles wie immer. Niemand erwähnt meinen Funkspruch mit einem Wort, stattdessen geht es um das Rennen, um die Strategien, die einzelnen Stints, die Reifen, die Setups. Sie kehren den Funkspruch völlig unter den Tisch und schließlich schiebt Xevi den einen Stapel Papiere vor sich auf dem Tisch zusammen:

„Gibt’s von deiner Seite noch was, dass wir klären müssten, Rune?“

Es klingt nicht so, als würde er tatsächlich erwarten, dass ich Ja sage, doch genau das tue ich:

„Ja, der Funkspruch. Es tut mir leid, Andrew.“

Mein Renningenieur winkt jedoch ab: „Schon gut, das kann im Eifer des Gefechts ja mal passieren. Und ich denke, die Zuschauer hatten so wenigstens was zu lachen.“

„Die Zuschauer?“, hake ich verblüfft nach. War der Funk da etwa…

„Hast du das nicht mitgekriegt? Hatte ich dir doch vor Turn 11 gesagt, dass die nächsten Funksprüche übertragen werden.“

„Habe ich nicht gehört.“ Daran würde ich mich bestimmt erinnern!

„Okay“, wirft Xevi ein, „Dann hatten wir womöglich doch temporäre Probleme mit dem Funk zwischen Turn 10 und 11.“

„Gut, dann behalten wir das für nächstes Jahr im Hinterkopf“, kommt es von Claire, „War es das jetzt?“

Ich nicke. Für mich ist es jetzt gut, weil ich mich entschuldigt habe und Andrew es mit Humor nimmt. Dann ist alles nur noch halb so schlimm. Andrew schließt sich mir an.

Claire nickt ebenfalls: „Dann seid ihr für heute fertig. Wir sehen uns am Mittwoch in Sao Paulo.“

*** ~~~ ***


Max’ POV

›Ich weiß, dass es bescheuert ist, aber ich kann’s ja nicht ändern.‹

Ich nicke, obwohl Rune das nicht sehen kann: „Dann müssen wir das Feiern eben in Brasilien nachholen, aber drücken kannst du dich nicht davor.“

›Hatte ich auch nicht vor.‹

„Na, dann bin ich beruhigt“, räume ich ein, „Soll ich Chloé eigentlich noch anrufen und fragen, ob es okay ist, wenn du bei uns übernachtest?“ Wäre ja irgendwie lächerlich, wenn er sich ein Hotel suchen würde. Chloé versteht sich gut mit ihm und ich vertraue ihnen beiden.

›Danke, nett von dir, aber nicht nötig. Ich bleib die paar Stunden bei Claire.‹

„Deiner Managerin?“ Ich finde das immer verwirrend, wenn mehrere Leute denselben Namen haben.

›Ja.‹

„Okay. Dann bleibt mir ja jetzt nichts anderes, als dir ’nen guten Flug zu wünschen, Vogel.“

Rune lacht: ›Dir morgen auch, Bambi. Sucht schon mal was Nettes raus, wo wir in Brasilien feiern können.‹

„Das werden wir, verlass dich drauf. Wer muss jetzt eigentlich noch alles eine Runde ausgeben? Du hast doch den Zettel.“

›Alle außer Robin und Jules. Ich glaube, wir werden uns den Abend ganz fürchterlich betrinken.‹

„Aber nur, weil du heute nicht kannst, Rune. Sonst hätten wir das auf zwei Abende aufteilen können!“, halte ich dagegen.

›Du glaubst doch selbst nicht, dass das funktioniert hätte.‹

„Nein, aber wir hätten’s auf jeden Fall versucht.“

Rune lacht wieder: ›Wir wären so kläglich gescheitert, Bambi.‹

„Ja, aber wir hätten wenigstens alle zusammen einen fiesen Kater gehabt.“

›Ach, das blöde Viech kann auch noch eine Woche warten. Wir laufen schon nicht weg. Also dann nicht mehr, aber ich glaube, ich muss langsam auflegen. Claire schaut schon so kritisch.‹

„Sie hört zu?“, will ich wissen.

›Sie fährt, wir sind schon auf dem Weg zum Flughafen.‹

„Oh“, mache ich nur. Da sind sie aber wirklich schnell. Zeit zum Abendessen hatten sie ganz bestimmt nicht mehr. Ich hatte meins ja selbst noch nicht.

›Ja, das kannst du laut sagen. Naja, wir sehen uns dann in Brasilien, Bambi. Bye bye.‹

„Bye.“ Ich lege kopfschüttelnd auf. Das ist wirklich blöd, dass Rune heute Abend nicht mit uns weggehen kann. Andererseits weiß ich auch noch gar nicht, ob wir selbst mit ihm vollzählig gewesen wären. So genau habe ich die Terminpläne der anderen nun nicht im Kopf. Ich werde entweder Jules fragen oder es nachher feststellen, aber ich glaube, ich frage erst mal meinen Teamkollegen. Der wird zumindest wissen, wie’s bei Jean aussieht und der weiß wiederum immer, was mit Daniel und Charles ist.

Aber auch wenn es schade ist, dass Rune nicht da ist, freut’s mich trotzdem, dass er heute schon besser war als Valtteri. Der hat’s echt nicht anders verdient. Jetzt müsste Rune eigentlich nur noch mal Valtteri und Perez schlagen… Das wäre die Krönung. Vielleicht sollte ich dahingehend nachher noch eine neue Wette vorschlagen...

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Siegen ist anstrengend und obwohl ich vorhin schon mal geduscht habe, komme ich jetzt gerade wieder aus der Dusche. Einfach, weil das warme Wasser irgendwie gut tut, die Hotelbademäntel hier unglaublich flauschig sind und ich mir immer irgendwie albern vorkomme, wenn ich einen Bademantel anziehe, ohne vorher mit Wasser in Berührung gekommen zu sein. Heikki lacht darüber, aber er ist ja längst in seinem Zimmer, also wird er das nie erfahren und ich kann mich gleich hinlegen und endgültig Feierabend machen. Endlich…

Dass daraus nichts wird, wird mir klar, als es an der Tür klopft. Eigentlich habe ich mit niemandem mehr gerechnet. Ich könnte so tun, als würde ich schlafen und einfach nicht aufmachen, aber dann besteht in dringenden Fällen immer noch die Möglichkeit, dass derjenige, der da auf dem Flur steht, mich anruft und telefonieren möchte ich im Moment noch viel weniger. Am liebsten wäre es mir, wenn ich mich jetzt einfach in diesem flauschigen Bademantel aufs Bett legen und schlafen könnte. Doch stattdessen gehe ich zur Tür, öffne sie einen Spalt breit, nur um sie gleich darauf freudestrahlend aufzureißen – Jenson!

„Danke“, sagt er leise, nachdem ich die Tür hinter ihm ge- und abgeschlossen habe, „Mit dem Duschen hättest du aber ruhig auf mich warten können.“

„Hätte ich glatt getan, wenn ich gewusst hätte, dass du noch vorbeikommst“, verteidige ich mich halbherzig.

Er grinst nur: „Dann wäre das mit der Überraschung nichts geworden und ich hätte auf genau diesen Gesichtsausdruck verzichten müssen. Und auf den verblüfften von Heikki.“

„Auf Heikkis?“ Das verwundert mich gleich noch mehr. Der wollte doch eigentlich schlafen gehen. Doch bevor ich eine Antwort bekomme, zieht Jenson die Schuhe aus und setzt sich aufs Bett. Wie könnte ich da noch länger wie Falschgeld im Zimmer stehenbleiben? Ich brauche keine halbe Minute, um mich neben ihm auf die Matratze fallen zu lassen und mich auszustrecken. Dann muss ich nur noch warten, bis er sich auch hinlegt. Dauert in der Regel gar nicht lange und Jenson macht heute auch keine Ausnahme.

„Er kam mir eben entgegen. Kannst du mir mal verraten, was du mit ihm gemacht hast? Da war keine Spur mehr von seinem sonst so kritischen Gehabe.“

Kritisches Gehabe... naja, so würde ich das jetzt zwar nicht nennen, aber eigentlich trifft es Heikkis Skepsis und Vorsicht und von mir aus auch Sorge ziemlich im Kern. Ja, er hat sich zwar nie in Jensons und meine Beziehung eingemischt, aber so richtig einverstanden war er damit nun nicht. Ist ja irgendwie auch verständlich, wenn man bedenkt, was da alles auf dem Spiel stehen könnte, aber nicht sollte, wo man doch davon ausgehen können müsste, dass wir in einer modernen und aufgeklärten und einigermaßen toleranten Zeit leben.

Trotzdem entlockt Jensons Frage mir ein sachtes Grinsen: „Ich? Gar nichts, da musst du dich schon bei Rune bedanken.“

„Lindström?“ Jenson schiebt mich ein Stück von mich, sieht mir in die Augen. Ich mag das, es jagt mir immer so einen wohligen Schauer über den Rücken, so einen, wo sich alle Härchen aufstellen und es überall zu kribbeln anfängt, aber man rein gar nichts dagegen tun kann. „Was hat der denn damit zu tun?“

Ich seufze. Eigentlich wollte ich das ja niemandem sagen, aber... Eigentlich ist es allein Heikkis Sache, aber... Jenson wird es nicht weitererzählen. Da hätte er ja auch gar nichts von. Es würde mir letztendlich auch schaden und das wird er nicht wollen, da bin ich mir zu über hundert Prozent sicher.

„Sagen wir mal so, ich habe keine Ahnung, wie es passiert ist oder warum, aber Heikki scheint ein Auge auf ihn geworfen zu haben. Er behauptet zwar immer noch hartnäckig, das sei aus rein beruflichem Interesse, aber das nehm’ ich ihm nicht ab.“

„Oh, Moment mal, Seb“, er streicht mir durchs Haar, „Hat sich das mit seiner Freundin denn nicht wieder eingerenkt? Du hattest doch gesagt, es sähe gut aus.“

„Nein, gar nicht. Da ist gar nichts wieder gut geworden. Er durfte sich seine restlichen Sachen abholen und hat sich dann ’ne eigene Wohnung gesucht.“

„Davon hast du gar nichts erzählt.“ Es hört sich ein wenig vorwurfsvoll an. Nicht weiter verwunderlich, weil wir sonst ziemlich viel Zeit mit reden verbringen, eigentlich geht dafür mehr Zeit drauf als für irgendwas anderes. Es ist eben einfach so, dass wir miteinander über ganz andere Dinge sprechen können als ich beispielsweise mit Kimi je tun würde.

„Es gibt da auch nicht so viel zu erzählen, also außer, dass es ihn sehr mitgenommen hat. Soweit ich weiß, steht sein Schlafzimmer auch immer noch voller Kartons, die er nicht ausgepackt hat.“

„Das klingt nach Liebeskummer der ganz üblen Sorte“, wendet Jenson ein und ich nicke so gut es im Liegen eben geht:

„Aber ich glaube, es wird besser, seit Japan. Er macht nicht mehr so einen deprimierten Eindruck.“

„Japan? Ah, warte, Seb, jetzt hab ich dich!“ Jenson lacht, zieht mich fester an sich und hält mich fest. Ich kann den Kopf auf seine Brust legen, die Augen schließen und seinen Herzschlag hören. Das hat nur den Nachteil, dass ich, wenn ich wirklich k.o. bin, nach wenigen Minuten einschlafe, weil ich mich viel zu wohl fühle. „Dann hast du Lindström wegen Heikki gefragt?“

„Ja“, nuschle ich.

„Was sagt man dazu... Wenn du die beiden verkuppeln willst, ist das aber nicht genug, das weißt du, oder?“

„Ich mag es nicht, wenn du das machst.“

„Wenn ich was mache?“

„Mich durchschauen.“

„Ich durchschaue dich nicht“, hält Jenson leise dagegen, „Ich würde dir nur gerne helfen. Sowas geht doch zu zweit viel einfacher.“

„Meinst du?“ Ich habe sowas noch nie gemacht, woher soll ich das also wissen? Und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich eigentlich überhaupt nichts geplant, weder für Heikki und Rune noch für Romain und Kimi. Irgendwie bin ich ganz blauäugig davon ausgegangen, dass sich alles im Laufe der Zeit schon einrenken wird, wenn man den einen für den anderen nur einigermaßen interessant macht. Und bei Romain und Kimi scheint das auch zu funktionieren. Zwar hat Kimi mir gegenüber kein einziges Wort darüber verloren, doch Romains Rückmeldungen sprechen zweifellos dafür. Außerdem ist es nicht Kimis Art über solche Rückschläge oder Niederlagen zu sprechen.

„Ja.“

„Okay, was schlägst du vor?“

„Dass wir beide uns das mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen, wenn sich da bis zu unserem Urlaub am Status Quo nichts geändert hat. Jetzt können wir eh nicht so viel tun, weil jeder was anderes im Kopf hat.“

„Stimmt schon“, murmle ich. In der Schlussphase der Saison geht’s immer noch mal hoch her. Es hat ein wenig was von Torschlusspanik oder Schlussverkauf. „Bekomme ich heute eigentlich einen zweiten Tipp, wo’s hingehen wird?“

„Hm... Lass mich mal überlegen. Du hast gewonnen und planen musst du auch noch. Ich schick dir die Daten nachher.“

„Die Daten? Das ist alles?“ Das enttäuscht mich schon ein wenig.

„Fürs Erste, ja. Alles andere musst du dir schon verdienen, umsonst gibt’s das nicht.“

„Aber wenn ich rate und richtig liege, dann gibst du’s zu?“, versichere ich mich.

„Ja, natürlich“, raunt Jenson leise und ich nutze die Gelegenheit, um eine Hand unter sein Shirt zu schieben. Zwar will ich heute Abend keinen Sex mehr, dafür bin ich zu müde, aber kuscheln möchte ich auf jeden Fall.

„Bleibst du über Nacht?“

„Ja.“

„Gut.“ Eigentlich sollte ich mir noch was anziehen, wenigstens was anderes als den Bademantel, doch dafür müsste ich aufstehen und das will ich nicht. Stattdessen versuche ich lieber, die Decke unter uns beiden hervor zu zerren. Mit ohne nennenswerten Erfolg. Zusammen sind wir zu schwer, als dass das mit nur einer Hand möglich wäre. Nach einer Weile schiebt Jenson mich vorsichtig von sich weg, steht auf, zieht Hemd und Hose aus und gibt mir den Moment, den ich brauche, um die Decke so hinzuschieben, dass wir beide gleich bequem darunter kriechen könnten.

Doch anstatt wieder ins Bett zu kommen, bleibt er stehen und mustert mich: „Wenn du in dem feuchten Ding schläfst, hast du morgen bestimmt Fieber.“

„Ammenmärchen“, murre ich leise, „Da passiert nichts.“

„Sebastian, das haben wir als Kinder gemacht, wenn wir die Hausaufgaben für den nächsten Tag nicht gemacht hatten.“

Ich seufze. Jenson sieht mich schon wieder mit diesem Blick an, den er immer aufsetzt, wenn er der Meinung ist, ich wäre im Begriff, etwas Dummes zu tun. Läge er dabei nicht so häufig richtig, würde es regelrecht nerven. Aber so... Ich stehe auf und ziehe eine Boxershorts an und werfe den Bademantel achtlos über eine Stuhllehne.

„Zufrieden?“, will ich wissen.

„Find’s raus“, schlägt er mir vor und setzt sich wieder aufs Bett. Hatte ich gerade gesagt, ich wollte heute Abend keinen Sex mehr...?

*** ~~~ ***


Runes POV

Die Stille im Flugzeug ist überwältigend. Die Beinfreiheit auch. Claire neben mir schläft, sie scheint nicht mal mehr mitgekriegt zu haben, dass wir die Flughöhe erreichten. Andrew auf der anderen Seite des Ganges ebenso. Und ich sollte mich ihrem Beispiel eigentlich anschließen, müde bin ich obendrein. Das Rennen steckt mir noch in den Knochen, trotz Joakims anschließender Massage. Doch so oft mir auch die Augen zufallen, schrecke ich auch wieder auf. Es sind diese Momente, in denen man das Gefühl hat, eine Treppe hinaufzusteigen und plötzlich, völlig ohne irgendeine Warnung, fehlt eine Stufe und man stürzt ab, ist hellwach. Es ist ätzend! Dabei müsste ich eigentlich sogar schlafen können! Für ein Abendessen war am Flughafen schließlich noch Zeit, sodass mir nicht mal mehr der Magen knurrt.

Resigniert fahre ich mir mit der linken Hand durch die Haare. Sie sind schon spürbar länger geworden, rinnen besser durch die Finger und fühlen sich nicht mehr so schrecklich borstig an. Ich find’s gut, Joakim scheinbar weniger. Er meint, ich müsste mal wieder zum Friseur. Aber da kann er lange und viel meinen, meine Meinung wird das nicht ändern. Punkt, aus. Erneut rutsche ich auf dem Sitz hin und her, hoffe, dadurch vielleicht eine noch bequemere Position zu finden – erfolglos. Das Einzige, was passiert, ist, dass eine der Stewardessen den Gang zwischen den Sitzreihen entlangkommt. Na super! Das brauche ich jetzt ja noch. Jemanden, der mich fragt, ob ich noch etwas brauche. Ja, verdammt, ich brauche Schlaf, dringend! Aber Tabletten sind tabu.

Und meine Befürchtungen bestätigen sich: Die Stewardess bleibt wie selbstverständlich bei meiner Sitzreihe stehen, doch sie sagt nichts. Sie steht nur da und sieht mich an. Ich schaue zurück. Irgendwie... irgendwie sieht sie nicht aus wie eine Stewardess, sie sieht nicht mal aus wie eine Frau, wenn ich ehrlich bin. Verwirrt blinzle ich. Das kann doch nun nicht sein! Die Müdigkeit spielt mir einen Streich, ganz bestimmt. Erneutes Blinzeln und ihr Bild verschwimmt kurz, wird dann wieder scharf und – ich zucke zusammen, als hätte ich eben einen Stromschlag erhalten.

„Enrique?!“

„Haargenau, Freundchen.“ Der Flaschengeist trägt plötzlich keine Stewardessenuniform mehr, sondern sein allzu übliches Barcelona-Trikot. Und er schert sich offenbar kein Stück darum, dass jemand sein Erscheinen hier seltsam oder bedrohlich empfinden könnte.

„Was machst du hier?“ Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme höher als normal ist. Mit ihm habe ich gerade hier nun wirklich am allerwenigsten gerechnet. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, er könne nur in Schweden, in Stockholm auftauchen, weil seine Dose da herumfliegt.

„Qualitätskontrolle die Zweite, hab ich dir doch angekündigt“, erwidert er leicht genervt.

„In einem Flugzeug?“

„Du kannst doch grade sowieso nicht schlafen, oder sehe ich das falsch?“

Ich schüttle den Kopf.

„Na also“, schnaubt er selbstgefällig und verschränkt die Arme vor der Brust, „Hast du dich mittlerweile denn wieder eingekriegt?“

„So gut, wie man sich eben einkriegen kann, wenn ein Flaschengeist den eigenen Bruder umgebracht hat“, gebe ich zurück. Eingekriegt. Pah! Das Einzige, was mich eigentlich davon abhält, wahnsinnig zu werden – zumindest fühlt es sich bisweilen so an – ist die Tatsache, dass Erik in meinem ursprünglichen Universum noch lebt und da der Erik ist, den ich kenne und liebe.

„Gut“, stellt Enrique ungerührt fest und ich rechne eigentlich schon damit, dass er gleich ein Klemmbrett zückt, um sich Notizen zu machen, doch das geschieht nicht. „Und beruflich? Auch alles so, wie du dir das ausgemalt hast?“

„Soweit ich das beurteilen kann, ja“, murre ich, „Aber ich wüsste gerne mal, warum du mich hier so mir nichts, dir nichts mitten in einem Flugzeug interviewst! Hast du keine Angst, dass es wer mitkriegen könnte?“

„Nein. Wenn ich hier auftauche, dann bin ich immer wie der Geist der vergangenen Weihnacht.“ Er lacht. „Und du wie Mr. Scrooge. Dich kann dann auch niemand sehen, also naja, sehen schon, aber niemand sieht oder hört, dass du mit mir sprichst. Das wäre schließlich kontraproduktiv für deine Wunscherfüllung, solange du dir nicht gewünscht hast, in einer Irrenanstalt zu landen zumindest.“

Ich schlucke schwer. „Okay, und jetzt?“

„Jetzt? Was soll jetzt sein? Du hast dich eingekriegt, bist mit deinem Job zufrieden, die Trinkfestigkeit hast du schon getestet und dass du größer bist, dass ging offensichtlich reibungslos über die Bühne. Damit hab ich alles gecheckt, was ich checken muss.“ Er zuckt die Schultern. „Korrigier mich, wenn ich was vergessen habe.“

„Kann man die Wünsche eigentlich wieder rückgängig machen?“, platzt es plötzlich aus mir heraus.

„Nein. Dann wären sie doch witzlos. Der Wünschende soll schließlich auch was draus lernen. Wenn du also nicht genau nachgedacht hast, was du dir wünscht und was besser nicht, dann bist du selbst schuld. Die Suppe, die man sich einbrockt, muss man auch selbst wieder auslöffeln, ganz einfache Regel.“

Wieder muss ich schlucken. Eigentlich hat Enrique recht, mit allem! Alles, was man tut, auch alles, was man sich wünscht, hat Konsequenzen. Und wer die nicht bedenkt, ja, der schaut am Ende in die Röhre, so wie ich.

Nach einem Moment des Schweigens räuspert der Flaschengeist sich: „Gut, ich schätze, ich werde in ein paar Monaten noch mal schauen kommen, wie’s dir so ergeht und ob du dich gut eingelebt hast. Dafür war die Zeit ja noch ein wenig kurz. In dem Sinne schon mal frohe Weihnachten.“

„Frohe - Was?“ Aber da ist er schon verschwunden und ich starre statt seines Fußballtrikots Andrew an, der schläft, als wäre hier gerade nichts passiert. Und erst da dämmert es mir auch, dass ich mit Enrique gerade nicht wie bei unseren ersten zwei Begegnungen Schwedisch gesprochen habe. Seltsam. Aber man hört ja immer wieder, dass man nach einer Weile anfängt, sich auch an eine Fremdsprache so zu gewöhnen, dass man sie fast wie seine Muttersprache verwendet. Daran wird’s wohl liegen. Immerhin habe ich außer Joakim in diesem Zirkus niemanden, mit dem ich Schwedisch sprechen könnte.



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