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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 4.488
 
A/N: Danke an Madrilena, PassiCantha, Tracy89, Silvana, Balalaika, Pericoloso, Napoleon90, TheOne und Tiefseentraum.





Kapitel 27 – Kleine Experimente erhalten die Freundschaft


Heikki H.s POV

Es ist sonnig und warm und eine willkommene Abwechslung zum europäischen Regenwetter der vergangenen Tage. Aber was soll man sonst auch von Texas erwarten? Es ist Donnerstag und ich warte auf Sebastian, damit wir uns die Strecke ansehen können. Doch er lässt noch ein wenig auf sich warten, unterhält sich mit Kimi. Naja, wir sind auch recht früh dran, da macht das nichts. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die beiden Wasserflaschen von einer Hand in die andere rollen lasse und wieder zurück. Es ist angenehm, solange sie noch kalt sind, aber das wird sich schnell ändern und lauwarmes Wasser schmeckt nicht. Spätestens nach der halben Strecke, schätze ich, wird es soweit sein und ändern kann man das leider -

„Hei!“

Überrascht sehe ich von den Halbliterflaschen auf, kann eine gerade noch wieder einfangen, bevor sie einen Abgang macht. Das wäre dann auch der letzte Beweis dafür gewesen, dass ich mich Rune gegenüber immer zum Deppen mache, ganz gleich, was ich tue.

„Hei“, erwidere ich die Begrüßung, finde, dass meine Stimme unnatürlich rau klingt und schiebe es darauf, dass mir schleierhaft ist, was er ausgerechnet jetzt von mir will.

„Weißt du, ob Sebastian da noch lange braucht?“

Verwundert werfe ich einen Blick auf Seb und Kimi. Es sieht nicht so aus, als würden sie in den nächsten zwei, drei Minuten zu einem Ende kommen.

„Weiß ich nicht, aber du kannst auch einfach hingehen, wenn’s wichtig ist“, antworte ich dann – obwohl ich lieber sagen würde, er könne auch hier warten. Aber er hat bestimmt nicht so viel Zeit.

„Nein, lieber nicht. Ich hatte gerade erst ein Gespräch mit Kimi und ich lege keinen Wert darauf, irgendwas in dieser Art in absehbarer Zeit zu wiederholen.“

„Täh?“ Ich habe keine Ahnung, was er mir damit sagen will. Ja, mein Landsmann ist etwas eigen, aber ungemütlich wird er doch nur, wenn… bei sowas wie Perez es in Monaco gemacht hat eben und etwas derartiges hat Rune nicht gemacht, soweit ich es mitbekommen habe.

Er zuckt mit den Schultern: „Es war halt nicht so erfreulich.“

Das kann jetzt alles oder nichts bedeuten und ich bin irgendwie nicht gewillt, noch mal nachzuhaken. Dafür nimmt mich die Sommersprosse auf Runes Nase viel zu stark gefangen. Man sieht ihm an, dass er in den letzten Wochen viel Zeit in der Sonne verbracht hat. Seine Haut hat eine leichte braune Färbung bekommen und die Sommersprossen sind allesamt dunkler geworden, nur bei dieser einen fällt es ganz besonders auf. Da muss ich mich wirklich zurückhalten, um die Hand nicht in dem vergeblichen Versuch, sie wie einen Krümel Dreck wegzuwischen, auszustrecken.

„Hm“, mache ich leise. Sonst weiß ich nicht, was ich darauf erwidern soll.

„Du kannst mir nicht zufällig helfen? Ich hab da am Flughafen ein deutsches Wort aufgeschnappt und krieg jetzt einfach nicht raus, was das heißt.“

Er sieht mich an und ich kann die photoshopblauen Augen trotz seiner verspiegelten Sonnenbrille fast sehen. Vielleicht liegt es an der ebenfalls blauen Brille… Hat er mich gerade wirklich um Hilfe gebeten? Komme ich ihm womöglich doch nicht wie ein Trottel vor?

„Ich kann’s versuchen“, biete ich an. Vollkommen verrückt, denn wenn er nicht rausfindet, was es heißt, könnte es sein, dass er etwas falsch verstanden hat und dann bin ich genauso aufgeschmissen wie er. Doch das Lächeln, das es auf sein Gesicht zaubert, ist mir das allemal wert.

„Der Satz ging so: Sie arbeitet tietatisch. Ich weiß nicht, was das letzte Wort heißt.

Ehe ich es verhindern kann, schüttle ich schon den Kopf: „Tut mir leid, das weiß ich auch nicht.“

Rune zieht die Schultern ein wenig hoch. „Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden. Es war sehr laut…“

Jetzt würde ich ihn am liebsten in den Arm nehmen, weil er plötzlich wieder irgendwie verloren wirkt. Nicht enttäuscht, nein, einfach nur verloren. Als hätte ihn alle Welt verlassen, obwohl wir beide hier mitten im Fahrerlager stehen und überall Menschen herumlaufen. Es ist abstrakt, eigentlich. Ich lecke mir über die Lippen, der warme Wind macht sie trocken, und überlege fieberhaft, was ich noch sagen könnte. Es muss ja nichts hochgradig Intelligentes sein, nur irgendwas, das ihn dazu bewegt, noch ein wenig hierzubleiben. Zumindest so lange, wie er Zeit hat. Aber ich komme zu keinem Ergebnis – muss es auch gar nicht, als Seb sich von Kimi verabschiedet und zu uns kommt.
Er begrüßt Rune mit Handschlag und sie wechseln ein paar Worte, bevor Rune es sehr schnell und sehr direkt auf Deutsch zum Punkt bringt:

>Ich bin ein Problem mit das deutsche Sprache.<

Sebastian stutzt für einen Moment – ich kann genau sehen, dass er sich das Lachen verbeißen muss –, dann fragt er: >Was ist es für ein Problem?<

>Ich hören ein deutsche Satz, aber ich nicht kennen ein Wort von das Satz. Vielleicht ich verstehen falsch, ich weiß es nicht.<

Ich finde es herzallerliebst, mit welcher Ernsthaftigkeit Rune das sagt. Keine Ahnung, wie irgendjemand darauf kommen kann, er würde seine Arbeit nicht ernstnehmen oder sie nicht ordentlich erledigen. Es passt einfach nicht mit dieser Erscheinung zusammen. Ja, ich weiß auch, was in Jerez vorgefallen ist, aber ich zweifle diesen Artikel seit dem Flug von Indien nach Abu Dhabi an. Da hat sich ganz bestimmt nur jemand etwas ausgedacht oder seine Aussagen verdreht. Andernfalls müsste es doch so sein, dass Runes Persönlichkeit sich binnen eines halben Jahres um fast 180 Grad gedreht hätte – das ist unmöglich!

>Was war es für ein Satz?< Und ich bewundere Sebastian dafür, dass er Rune ernstnimmt. Aber andererseits ist er Kummer ja gewohnt. Mein Deutsch macht sich auch nur geringfügig besser, wenn ich was sagen soll.

>Das Satz ist: Sie arbeitet tietatisch.<

Ein Blick in Sebastians Gesicht reicht und ich weiß, dass ihn das letzte Wort genauso überfordert wie mich. Falsch verstanden ist in diesem Fall wohl noch vorsichtig und äußerst optimistisch ausgedrückt…

>Hast du mehr darüber gehört, wie sie arbeitet?<

Rune zögert einen Moment, dann nickt er langsam: >Ja, sie arbeitet viel nicht gut, viel Fehler.<

>Dilettantisch<, sagt Seb einen Augenblick später, >Sie arbeitet dilettantisch.<

>Was ist dilettantisch auf Englisch?< Rune spricht das neue Wort langsam, geradezu unnatürlich vorsichtig aus, betont jede einzelne Silbe, als wolle er sie sich dadurch haargenau einprägen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das Wort so schnell nicht wieder vergessen wird.

„Amateurish“, antwortet Seb und jetzt scheint Rune das heiß ersehnte Licht aufzugehen:

>Das ist amatörmässig auf Schwedisch<, erklärt er.

Ich denke nicht, dass Seb sich das Wort sofort merken wird, aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist in diesem Moment einzig und allein, dass Rune nicht länger verloren wirkt, dass er lacht. Doch das hält nicht an, nur so lange, bis Joakim nach ihm ruft. Nur im letzten Moment kann ich mich davon abhalten, mich zu meinem Berufskollegen umzudrehen. Ein wenig freundlicher könnte er schon klingen! Ist doch nichts dabei, wenn Rune sich mit einem anderen Fahrer unterhält, relativ früh ist es auch noch und soweit ich weiß, muss er nachher nicht zur Pressekonferenz.

***


Kaum eine Viertelstunde später habe ich den Salat. Die Williamsgruppe ist vor uns auf der Strecke und ich habe besonders auf Start-Ziel, in der Bergaufpassage freies Blickfeld auf Rune. Am liebsten würde ich die Augen ganz fest zukneifen und nicht wieder aufmachen, bevor wir zurück im Motorhome sind. Ich will ihn nicht beobachten, wenigstens nicht in aller Öffentlichkeit. Und erst recht nicht, nachdem mir Sebastians Worte aus Abu Dhabi immer noch im Kopf herum spuken: Man muss nicht schwul sein, um sich in einen anderen Mann zu verlieben. Aber bin ich verliebt?

Nein, ganz klipp und klar nein!

Ja, ich beobachte Rune, okay, das ist mir auch klar. Aber das hat einen guten Grund, ja! Sein Physio benimmt sich meiner Meinung nach nicht so, wie sich ein guter Physio benehmen sollte. Und deswegen beobachte ich Rune, weil ich neugierig bin, wie er sich damit arrangiert. Naja, und weil er sich mit Sebastian gut versteht und mich natürlich interessiert, mit wem Sebastian sich anfreundet. Und dann ist da noch diese vorwitzige Sommersprosse auf Runes Nase, da kann man ja einfach nicht wegschauen, das geht nicht. Ja, und jetzt? Jetzt… Hm… Also im Vergleich zu Valtteri ist er ziemlich schlank. Da sieht man den Altersunterschied recht deutlich, obwohl der nur zwei Jahre beträgt. Glaube ich. An der Stelle habe ich während des Fluges nicht so genau zugehört.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Ich muss Rune besser im Auge behalten. Ja, es ist zwar schön und gut, dass er mal nicht auf Konfrontationskurs zu sein scheint, aber er kann sich trotzdem nicht dauernd mit allen möglichen anderen Fahrern treffen und unterhalten. Räikkönen am Dienstag, Chilton gestern – wenn ich das richtig mitgekriegt habe –, eben Vettel und nachher noch Vergne und Pic. Irgendwie war es einfacher, als er nur telefoniert und sich hin und wieder mit Chilton getroffen hat. Da musste ich mir bloß halb so viele Gedanken machen, weil ich vorher wusste, dass er sich mit größter Wahrscheinlichkeit betrinkt, nicht zur veranschlagten Zeit zurück im Hotel oder gar im Bett ist und am nächsten Morgen einen Kater hat. Das waren feste Größen, auf die ich mich einstellen, mit denen ich arbeiten konnte. Aber jetzt… Jetzt ist alles anders und ich weiß nicht länger, wie ich mein Versprechen Daniel gegenüber halten soll, wenn ich eben nicht sicher sein kann, was Rune als nächstes tut!

Gerade schlendert er zwischen Andrew und mir über die Gerade zwischen den Kurven 11 und 12. Er hat die blaue Ray-Ban-Sonnenbrille in der Zwischenzeit wieder vom Kopf genommen und ordentlich aufgesetzt, macht einen durch und durch entspannten Eindruck, während er mit seinem Renningenieur über die DRS-Zone, deren Messpunkt vor Kurve 11 liegt, an dieser Stelle der Strecke spricht. Es ist die erste, die zweite ist dann erst wieder auf Start-Ziel mit Messpunkt nach Kurve 19. Aber mittlerweile finde ich sein Interesse an solchen Details weitaus weniger befremdlich. Je besser er sich auskennt, desto geringer ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass er selbstverschuldet etwas Dummes anstellt und je weniger dumme Sachen er macht, größer sind die Chancen, dass ich seinem Vater nicht sagen muss, dass er in irgendeinem Krankenhaus gerade notoperiert wird.

Außerdem hat er heute Früh keinen Aufstand wegen der Sonnencreme gemacht. Gut, hat er in Abu Dhabi schon nicht, nur dort war ihre Notwendigkeit viel offensichtlicher. Naja, vielleicht hat er wirklich aus seinem Sonnenbrand in Bahrain gelernt… Da hat es ihn zum Schluss selbst gestört, dass sich bei jeder Massage – nachdem sie nicht mehr schmerzhaft waren! – Haut ablöste. Ich war wirklich kurz davor, eine Haarbürste für Babys zu kaufen, um die tote Haut möglichst sanft entfernen zu können. Aber die Dinger gibt’s ja meist nur in Kombination mit einem Kamm und den hätte niemand brauchen können. Weder Rune noch ich kennen irgendwen, der ein Baby hat.

Und ich wünsche mir sehr, dass er es nicht so bald darauf anlegt, Vater zu werden. Früher hätte ich mir darüber nicht den Kopf zerbrochen. Vor dem Rennen in Korea hat er ganz sicher keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, aber jetzt… Dahingehend verunsichert mich sein plötzlich verantwortungsvolles Verhalten. Vielleicht plant er irgendwas… Oder er weiß längst, dass Heidi schwanger ist oder… Nein! Bitte nicht! Das fehlte ja gerade noch. Nicht, dass ich Rune das nicht zutrauen würde, ganz im Gegenteil! So, wie er im Moment drauf ist, wäre er bestimmt ein guter Vater, also für sein Alter, immerhin ist er erst 21, aber Heidi als Mutter? Um Gottes Willen! Miley Cyrus oder Paris Hilton gäben eine bessere ab, ganz bestimmt!

Ich schrecke aus meinen Überlegungen auf, als Rune mir seine leere Wasserflasche in die Hand drückt und dann die zweite volle nimmt, die ich mitgenommen habe.

„Nicht träumen“, sagt er zu mir. Auf Englisch, keine Frage. Schwedisch wäre den anderen gegenüber nicht fair, wo wir in der Gruppe unterwegs sind und die Sprache im Team doch Englisch ist. Es hat lange gedauert, bis ich ihm das begreiflich gemacht hatte und nun funktioniert es einwandfrei. Auch wenn ich mir immer noch nicht erklären kann, woher er plötzlich Finnisch und Deutsch kann. Gut, Finnisch, das konnte er mir noch einigermaßen erklären, das traue ich ihm jetzt sogar zu, aber Deutsch? Nein, da hört es nun wirklich auf!

Und auch der Rundgang hört auf, bevor ich mit meinen Grübeleien zu einem Ende oder gar einem akzeptablen Ergebnis gekommen bin. Rune gibt mir nach wie vor Rätsel auf.

*** ~~~ ***


Runes POV

Charles hat mir heute Vormittag die Adresse seines Hotels und die Zimmernummer verraten. Besonders schwer zu finden war beides nicht, doch jetzt, wo ich vor der Tür stehe, ist mir doch ein wenig flau im Magen. Heute kommt es mir leichtsinnig vor, wie voll ich den Mund vorgestern genommen habe. Ja, ich bin schon irgendwie experimentierfreudig und nach allem, was Jean gesagt hat, ist nicht davon auszugehen, dass hier im Laufe des Abends irgendwie Sex gehabt werden wird, aber trotzdem! Wir werden uns noch so oft über den Weg laufen, Jean, Charles und ich, allein in dieser Saison – ich weiß nicht, ob ich das wegstecken werde und wenn ja, wie gut. Andererseits hatte ich früher auch keine großen Probleme damit, mit männlichen One Night Stands umzugehen. Ich hab einfach weitergemacht, als wäre nichts passiert und es hat einwandfrei funktioniert. Warum sollte es das in diesem Fall also nicht tun? Ganz davon abgesehen, dass Jean und Charles ein Paar sind. Da muss ich mir den Kopf doch nicht zerbrechen!

Doch alles Kopfzerbrechen stellt sich keine halbe Stunde später als überflüssig heraus. Jeans und Charles’ verschärfte Mau-Mau-Version hat Ähnlichkeit mit dem Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel von Jugendlichen in der Pubertät, obwohl hier das alberne Gekicher, Erröten und Herumdrucksen fehlt. Ohne die Spielkarten zwischen uns könnte man fast behaupten, dass wir nur ein etwas anzügliches Gespräch führen. Aber so…

„Wahrheit, Rune“, flötet Charles begeistert. Als ich die Pik-Dame auf den Ablagestapel fallen lasse. Wir haben uns – vorläufig! – darauf geeinigt, dass ein Ass Pflicht bedeutet, König und Dame Wahrheit und Bube bleibt, so wie man das kennt, Farbe wünschen.

„Ja, dann frag mich was“, fordere ich ihn auf und hoffe gleichzeitig auf eine kreative Frage, denn bisher blieben die guten Ideen bei mir aus, wenn ich an der Reihe war, aber vielleicht ändert sich das ja, wenn entsprechende Vorlagen kommen. Auf die Erlaubnis, etwas Alkoholisches zu trinken, würde ich nämlich vergeblich warten.

„Mit wem hattest du dein erstes Mal? Mann oder Frau?“

„Mann“, antworte ich und sehe dann Jean an. Das ist das Spezielle an diesem Spiel, man muss nicht nur eine Frage beantworten, sondern eine von jedem Spieler, der eine stellen möchte. Bei Pflicht ist es dasselbe Spiel.

Jean grinst: „Wer war’s?“

So viel nur zur Kreativität…

„Ein Barkeeper namens Markus.“ Es hat mich schon ein wenig geschockt, als ich das gelesen habe. Zumindest im ersten Moment, aber als ich anschließend feststellte, dass die Bar in Kungsholmen für Monate fast mein zweites Zuhause war… Ich bin unzählige Male nachmittags nach dem Training hingefahren und erst am nächsten Morgen wieder nach Hause gekommen, meist kurz bevor mein Physio kam. Es hat sich erst geändert, nachdem mein altes Ego Heidi getroffen hat.

„Du gehst in Schwulenbars?! Hast du gar keine Angst, dass dich wer sehen könnte?“ Man kann das Entsetzen in Charles’ Stimme nicht überhören, doch mir ringt es nur ein Schulterzucken ab. Ich habe in einer gearbeitet, was soll’s also? Aber stattdessen sage ich nur:

„Man kann da auch ganz stinklangweilig was Trinken gehen. Und das ist ja auch schon ’ne Weile her.“

„Na dann…“ Den Rest lässt Jean in der Luft hängen, legt nun seinerseits den Pik-Buben und wünscht sich Herz, was Charles dazu bringt, mich mit der Herz-Sieben zwei Karten ziehen zu lassen, bevor Jean den Herz-König legt.

Ich nutze die Gunst der Stunde, um ihm dieselbe Frage zu stellen, die Charles mir eben gestellt hat.

„Mit einer Frau“, räumt er ein, wirkt dabei aber auffällig mürrisch, bringt Charles damit zum Lachen:

„Hab dich nicht so! Damals war’s bestimmt nicht so schlimm.“

„Du hast ja keine Ahnung“, murmelt Jean und wirft dem Herz-König einen finsteren Blick zu.

„Ich will’s auch nicht so genau wissen“, erwidert Charles heiter, „Weil du dann viel weniger Zeit hättest, um meine Frage zu beantworten: Mit welchem Fahrer, ausgenommen Rune und mich, würdest du gern mal Sex haben?“

Jean schnaubt: „Die Frage ist fies!“

„Aber du musst sie trotzdem beantworten“, werfe ich eilig ein. Die Antwort interessiert mich.

„Ja, Rune hat recht!“, springt Charles mir grinsend zur Seite und Jean knickt seufzend ein:

„Romain.“

Mir stockt für einen Augenblick der Atem. Doch gleichzeitig ist mir klar, dass ich mich genauso wenig verhört habe wie Charles. Nur scheint er es mit Fassung tragen zu können. Vielleicht hat er sowas in der Art auch schon geahnt oder gar gewusst.

„Aber bei dem hast du doch nie ’ne Chance“, höre ich mich dann sagen, „Hat er nicht letztes Jahr erst geheiratet?“

„Ja, genau, das hat er“, beantwortet Charles meine Frage.

„Und? Das hat doch heutzutage nichts mehr zu bedeuten“, wiegelt Jean ab.

„Er hat rein zufällig eine Frau geheiratet“, merke ich an.

„Das musst du gerade sagen, Rune.“ Charles lacht wieder. „Wenn’s hier jemand besser wissen sollte, dann ja wohl du.“

„Ja, aber nur, weil ich bi bin, heißt das doch noch lange nicht, dass ich auch dann mit jedem in die Kiste springe, wenn ich in einer Beziehung bin!“, protestiere ich sofort. „Ich würde jede Wette eingehen, dass ihr Romain niemals dazu kriegt, eine Nummer mit euch zu schieben.“

„Die Wette gilt, Rune!“ Jean legt seine Karten weg und hält mir die Hand hin. Ich schlucke schwer, schlage dann aber ein. Das klappt sowieso nicht. Gerade Grosjean! Das glauben sie doch selbst nicht, dass sie das schaffen. Einer allein, ja, aber ihn auf Anhieb zu einem Dreier überreden? Unmöglich!

„Gut, bis wann gibst du uns Zeit?“, will Charles wissen.

Ich zucke leicht mit den Achseln: „Bis zur neuen Saison?“

„Klingt machbar“, räumt Jean ein, nimmt seine Karten dann wieder auf, „Spielen wir weiter?“

„Sicher“, erwidert Charles und legt den Kreuz-Buben ab, „Ich hätte gerne Karo.“

Seufzend betrachte ich mein Blatt… Das fehlte mir gerade noch…

*** ~~~ ***


Kimis POV

Romain spinnt! Erst rennt er mir nach und bettelt um Aufmerksamkeit und wenn ich sie ihm dann geben will, lehnt er ab? Was ist bei ihm bitte kaputt? Noch vor zwei Monaten hätte er so ziemlich alles dafür getan, dass ich den Donnerstagabend mit ihm verbringe und heute? Heute sagt er mir einfach so ins Gesicht, dass er keine Zeit hat.

Ich kann’s nicht glauben! Das ist schier unfassbar! Das ist nicht der Romain, den ich kennengelernt habe. Der Romain war nie so… so strikt. Er hat sich immer um den Finger wickeln lassen, wenn ich es nur drauf angelegt habe. Meist hat es keine drei Minuten gedauert, bis er den Widerstand aufgegeben hat.

Doch jetzt bin ich derjenige, der allein im Hotelzimmer sitzt. Der entscheidende Unterschied zwischen Romain und mir ist nur, dass ich mich ganz sicher nicht bei ihm melden werde. Ich werde mir keine Blöße geben oder ihm zeigen, dass er mich mit seinem Verhalten vor den Kopf gestoßen hat.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Es ist kurz vor neun, Heikki hat sich vor ungefähr fünf Minuten ins Bett verabschiedet. Er ist seit heute Vormittag, seit der Streckenbesichtigung ein wenig durch den Wind – vermutlich wegen Rune und irgendwie ist es fast schon niedlich anzusehen. Vor allem, weil Rune offenbar nicht bemerkt, wie sehr er ihn durcheinanderbringt. Es ist fast schade, dass ich Kimi nicht davon erzählen kann, zumindest denke ich das, nachdem er mir schon wegen Hanna ins Gewissen geredet hat. Würde ich ihm jetzt sagen, dass ich meinen Physio mit Rune zu verkuppeln versuche… Wahrscheinlich würde er mir erklären, es wäre für die beiden das Beste, die Sache unter sich auszumachen, aber ich bin mir sehr sicher, dass Heikki nicht mal im Traum daran denkt, Rune irgendwas zu gestehen. Er sucht immer noch nach Ausreden, aber langsam wird es schwerer für ihn, welche zu finden.

Vorhin kam er schon mit dem Klassiker: Altersunterschied. Lächerlich! Das musste er auch einsehen, als ich ihn auf Mark und Ann verwiesen habe. Ich vermute, demnächst wird er mir weismachen wollen, Rune stünde nur auf Frauen, weil er eine Freundin hat. Als ob das immer etwas zu bedeuten hätte… Ich lasse mich aufs Bett fallen. Die gemeinsame Nacht in England hat Jenson und mir gutgetan, auch wenn der Flug am nächsten Tag für mich ein klein wenig unangenehm war, aber das nehme ich gerne in Kauf. Es gab schließlich genug, worüber ich nachgrübeln konnte. Mir will einfach kein Ort einfallen, an dem wir gemeinsam wirklich ungestört Urlaub machen könnten! Abgesehen vom Mond oder dem Nord- oder Südpol oder irgendwo am Arsch der Welt mitten in der sibirischen Tundra. Aber das ist alles unrealistisch. Vorsichtshalber habe ich nämlich schon nachgeschaut, ob es an irgendeinem dieser Orte – es kam ja eh nur die Tundra in Frage – nach der Saison einen Marathon  gibt, an dem Jenson teilnehmen wollen könnte. Fehlanzeige…

Aber er rückt keinen neuen Tipp raus! Völlig egal, wie sehr ich auch bitte und bettle, Jenson bleibt stur dabei, dass ich mir jeden weiteren verdienen muss. Und ich weiß, dass ich nächstes Mal mehr bieten muss, um einen zu bekommen… Aber zum Glück habe ich da eine bestechende Kleinigkeit herausgefunden. Zufrieden räkle ich mich auf der Matratze. Das wird sehr, sehr interessant werden, da bin ich ganz sicher.

Mein Mobiltelefon vibriert auf dem Nachttisch, schreckt mich auf. Erstaunt sehe ich aufs Display. Romain? Um diese Zeit? Das kann nichts Gutes bedeuten…

„Hi“, melde ich mich, „Was gibt’s?“

›Hi Sebastian. Störe ich noch nicht?‹ Er klingt irgendwie unsicher.

„Nein, ach was, ist doch noch gar nicht so spät“, wiegle ich ab.

Für ein, zwei Sekunden höre ich ihn zittrig ausatmen, dann sagt er: ›Kimi hat mich gefragt, ob wir heute Abend was zusammen machen wollen.‹

„Und weiter?“, hake ich sofort nach, dabei ist die Antwort wohl mehr als offensichtlich: Romain könnte bestimmt nicht mit mir telefonieren, wenn er jetzt mit Kimi zusammen wäre.

›Ich habe Nein gesagt.‹

„Wie hat er reagiert?“

›Irgendwie… Ich weiß nicht, ob man das über ihn sagen kann… Irgendwie überrascht.‹

„Das ist doch gut. Dann hat er nicht damit gerechnet, dass du ablehnen würdest. Mach dich ruhig noch ein wenig rar. Wenn er schon fragen kommt, dann muss ihm wirklich sehr langweilig sein und -“

›Denkst du, ihm war wirklich nur langweilig?‹ In Romains Stimme schwingt etwas mit, das ich ganz spontan Resignation nennen würde. Er weiß genauso gut wie ich, wie hartnäckig sich die Gerüchte, Kimi würde es mit der Treue nicht ganz so genau nehmen, halten. Da muss ihn meine Vermutung hart treffen – ich hätte besser aufpassen sollen, was ich sage…

„Es wäre möglich“, räume ich trotzdem ein, „Aber offenbar war’s ihm das nicht, wenn du da warst, sonst hätte er dich heute nicht gefragt.“

Er seufzt: ›Hat das denn überhaupt einen Sinn, was wir hier versuchen, Sebastian? Das ist immer noch Kimi und -‹

„Überleg doch mal“, setze ich an, „In Japan wollte er, dass du ihn in Ruhe lässt und jetzt kommt er zu dir und fragt, ob ihr was zusammen machen wollt. Das ist doch eindeutig eine Veränderung, oder?“

›Ja, schon, aber -‹

„Aber was? Romain, glaub mir, du bist ihm wichtig, sonst würde er einfach anfangen, dich so gut es geht zu ignorieren. Kimi ist nicht der Typ, der sich mit Leuten abgibt, für die er nichts übrig hat.“

Wieder höre ich ein Seufzen am anderen Ende der nicht vorhandenen Leitung: ›Du hast ja recht, Sebastian.‹

„Also machen wir jetzt da weiter, wo wir stehen. Wir kriegen das hin, du bekommst ihn zurück, Romain.“

›Zurück? Hab ich ihn denn je gehabt?‹

„Mehr als die meisten anderen Menschen, denke ich. Und jetzt hör bitte auf, alles schlechtzureden. Das ist es nicht. Du brauchst nur noch ein wenig Geduld, versprochen.“ Gut, das ist so ziemlich das Dümmste, was man in dieser Angelegenheit versprechen kann, aber jetzt ist es zu spät, ich hab’s gesagt und werde es nicht zurücknehmen.

›Du musst eine wunderschöne Beziehung mit Jenson haben, Sebastian.‹

„Wie kommst du denn darauf?“ Wunderschön ist übertrieben. Wir bemühen uns nur, die wenige Zeit, die wir miteinander haben können, bestmöglich zu nutzen. Das ist alles und manchmal auch ziemlich anstrengend. Aber es funktioniert, obwohl wir am Telefon oft streiten, deswegen telefonieren wir auch so selten.

›Ich weiß nicht… nur so…‹

„Schon gut“, unterbreche ich sein Gestammel. Eigentlich ist es auch nicht wichtig. Romain ist emotional angeschlagen, da sagt man hin und wieder Sachen, ohne genau zu wissen, warum man sie ausspricht.

*** ~~~ ***


Runes POV

„Pflicht!“, kommt’s fast gleichzeitig von Jean und Charles, als ich das Karo-Ass ablege.

Ich seufze gequält. Das ist schon das zweite Ass, das ich auf der Hand hatte. Ein wenig unfair ist das schon, aber was soll man machen? Die Spielregeln sind so…

„Was soll ich machen?“, will ich wissen. Je schneller sie sich für eine Aufgabe entscheiden, desto eher habe ich’s hinter mir.

„Ich kriege einen Kuss!“, fordert Charles noch bevor Jean reagieren kann. Doch als es soweit ist, protestiert er:

„Das haben wir nicht abgesprochen!“

„Na und?“, hält Charles dagegen, „Ich musste mir doch auch anhören, dass du Romain gerne mal vögeln würdest.“

„Aber das ist was ganz anderes als ein Kuss.“

„Ja, ich find’s viel schlimmer als einen Kuss.“ Charles bedenkt Jean mit einem herausfordernden Blick und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie jetzt streiten oder ob es ein abgekartetes Spiel zwischen ihnen ist.

„Wenn wir die Runde noch fertig spielen wollen, müsstet ihr euch bald entscheiden“, merke ich allerdings an. Joakim hat sich nicht erweichen lassen. Meine Sperrstunde beginnt weiterhin um halb zehn.

Jean seufzt: „Na gut, küss Charles. Aber ich werde nicht wegschauen, nur, dass das gleich klar ist.“

„Ich hab nichts anderes erwartet“, gebe ich zurück und lege meine Karten weg. Das flaue Gefühl im Magen ist verschwunden. Wen habe ich eigentlich zuletzt geküsst? Müsste Joakim gewesen sein… Nach zu viel Himbeerlikör. Ja, da wären wir fast zusammen in der Kiste gelandet, aber nur fast. Die Stimmung war ruiniert in dem Moment, als ich ihm auf die Schuhe gekotzt habe…

Charles zu küssen ist anders als ich dachte. Er ist viel dominanter als erwartet. Ich habe eigentlich keine echte Chance, ihn zu küssen, bevor er die Kontrolle übernimmt, eine Hand in meinen Nacken legt, mich näher zu sich zwingt. Seine Bartstoppeln kratzen leicht über meine Haut. Seine Zunge drängt in meinen Mund. Wann bin ich noch mal davon ausgegangen, unser Spiel hätte dasselbe Niveau wie das von pubertierenden Jugendlichen?
Ich schließe die Augen, genieße, lasse ihn erobern. Man hat mich auf jeden Fall schon schlechter geküsst, keine Frage.



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