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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
10 Reviews
 
02.07.2013 3.270
 
A/N: Danke an Pericoloso, Madrilena, PassiCantha, Tracy89, Silvana, Balalaika, ShadowOfTheDay und Tiefseentraum.

Oh Mann, wie doch die Zeit vergeht... Jetzt sind wir schon in den USA angekommen...




Kapitel 26 – Krisengespräche


Kimis POV

Hotelfahrstühle sind… langweilig. Wir hätten doch die Treppe nehmen sollen, aber… Ach, nach dem Training kann man das auch mal nicht so genau nehmen. Mark kennt das schon. Und von den Räumen im ersten Untergeschoss ist es dann auch wieder ziemlich weit bis nach oben. So weit, dass die Kabine unterwegs natürlich auch gleich noch mal einen Zwischenstopp einlegen muss. Instinktiv wappne ich mich schon mal mit kampferprobter Gleichgültigkeit gegen das, was gleich kommen wird. Die Türen gleiten auseinander und – meine Gleichgültigkeit bröckelt.

Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Lindström, ausgerechnet Lindström steht auf der anderen Seite. Das muss ein schlechter Scherz sein! Ist es aber nicht, obwohl ich gerade jetzt nur zu bereit wäre, daran zu glauben. Lindström steigt, gefolgt von Physio und Managerin, ein und mit ihrem Gepäck wird es deutlich enger in der Kabine. Er grüßt erschreckend fröhlich. Da ist keine Spur mehr von dieser haarsträubenden Abgeklärtheit, mit der er mir in Indien und Abu Dhabi begegnet ist. Es wirft mich aus der Bahn. Und obendrein scheint er sich nicht mal dafür zu interessieren, ob ich überhaupt reagiere. Er wendet sich nämlich sofort wieder an seine Begleiter:

„Ist nicht drin, ich brauch unbedingt noch mal ’ne Buchhandlung.“

Ich sehe seinen Physio die Stirn runzeln, bevor er spricht: „Du hast doch gesagt, du nimmst ein Buch mit.“ Es klingt vorwurfsvoll.

„Hab ich auch, aber ich hab’s verschenkt. War nicht so toll, man wusste ja nach der Hälfte schon, wer der Mörder ist.“

„Verschenkt?!“, echot der Physio und diesmal kommt die Managerin Lindström zuvor:

„Er kann ein Autogramm ja schlecht auf nackte Haut geben. Das ist ungesund. Diese Filzstifte sind doch pures Gift.“

Ja, und? Das kann ihr und Lindström doch egal sein, ob sich irgendwelche Fans anmalen lassen wollen. Die müssen selbst wissen, was sie tun.

Die Türen öffnen sich wieder auf der sechsten Etage und zu meinem erneuten Entsetzen müssen die drei hier ebenfalls aussteigen. Das kann echt nicht wahr sein! Womit habe ich das verdient? Jetzt werde ich Lindström vermutlich jeden Tag mehrfach über den Weg laufen und Mark damit die perfekte Möglichkeit geben, mein Verhalten in Lindströms Nähe zu beobachten. Ich weiß genau, dass die vergangene Woche nicht dazu beigetragen hat, sein aufgekommenes Misstrauen oder Neugier oder was auch immer zu dämpfen. Vielleicht wäre es am besten, wenn ich hier erneut versuchen würde, die Sache aus der Welt zu schaffen. Aber diesmal vor dem Rennen und ohne Mark in unmittelbarer Nähe. Perfekt wäre es natürlich, wenn ich auch Lindström alleine erwischen würde.
Ich mache absichtlich langsam und habe nun tatsächlich Glück. Lindström hat offenbar das Zimmer drei Türen vom Fahrstuhl entfernt. Dann weiß ich jetzt wenigstens, wo ich ihn finde und wenn ich da erst mal einen Fuß in der Tür habe, kann er nicht mehr so leicht entkommen.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Wie zum Teufel fährt Lindström das Auto mit so viel Übersteuern?! Und warum haben die ihm diese Einstellungen durchgehen lassen? Ist denen nicht klar, dass er das Auto in Austin so garantiert in den erstbesten Reifenstapel setzen wird? Klar, das mag so gestern gut funktioniert haben, aber es besteht immer noch ein Unterschied zwischen dem Simulator und der echten Strecke. Im Simulator kann man zum Beispiel nicht herausfinden, wie sich die Reifen verhalten werden. Man kann das Wetter nicht exakt so darstellen, wie es sich verhalten wird, man kann da nur mit dem Wahrscheinlichsten arbeiten. Und im Simulator macht es nicht viel, wenn man von der Strecke abkommt, das ist schließlich alles bloß virtuell. Da hat man schnell weniger Stress als in Wirklichkeit, kann sich besser konzentrieren, weil man entspannter ist.

Allerdings kann ich nicht behaupten, Lindström hätte gar nicht gearbeitet, leider. Hat er schon, sogar viel mehr als ich erwartet habe, aber die Ergebnisse sind unbrauchbar. Also tue ich das einzig Vernünftige und bitte darum, am Übersteuern zu arbeiten. Das muss weitestgehend weg, sonst wird das Probleme geben und die können wir uns nach den letzten punktlosen Rennen nicht leisten.

*** ~~~ ***


Romains POV

Ich weiß nicht, ob es mich freuen oder ärgern soll, dass ich Kimis Arbeit auch mache. Grundsätzlich stört es mich schon, dass er sich weigert, im Simulator zu arbeiten, alles Jérôme, Nicolas, Davide und mir überlässt. Aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass es mir hilft. Leider ist das nur ein geringer Trost.

Man hat mir gesagt, meine Ergebnisse in den letzten zwei Rennen seien zwar gut gewesen, aber rückblickend reicht das nicht, um die Unzulänglichkeiten der gesamten Saison auszubügeln. Ich bleibe zu oft und zu markant hinter dem zurück, was Kimi aus dem Auto herausholt – trotz der finanziellen Schwierigkeiten!

Sie hätten mir auch gleich direkt ins Gesicht sagen können, dass es bei Lotus im nächsten Jahr für mich in den Testfahrerstatus zurückgeht. Ich bin doch nicht so blöd, zu glauben, dass Podiumsplatzierungen in den letzten beiden Rennen noch etwas ändern können. Die Ansage, die ich gestern nach der Zeit im Simulator bekommen habe, war ziemlich eindeutig. Aus dieser Misere könnte mir wohl nur noch ein Sieg heraushelfen. Aber wie soll ich das machen, wenn letztendlich sowieso eine Stallorder zu Kimis Gunsten ausgesprochen werden würde?
Ich bin vollkommen chancenlos.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich habe meinen Koffer ausgeräumt, kurz geduscht, um diesen Flugzeuggeruch loszuwerden, und mich jetzt in Trainingshose und T-Shirt auf dem Bett ausgestreckt. Joakim hat gesagt, wir würden vor dem Abendessen noch eine Runde joggen gehen. Bis dahin ist mein Hirn hoffentlich wieder zu gebrauchen. Im Moment fühlt es sich – gemessen an der Leistung – nämlich an, als hätte jemand erst mit einem Kochlöffel drin rumgerührt und wäre ihm anschließend mit dem Kartoffelstampfer zuleibe gerückt. Flugreisen und ich werden in diesem Leben bestimmt keine Freunde mehr. Immerhin fühle ich mich hinterher jedes Mal wie gerädert oder kurz: so wie jetzt. Am liebsten würde ich schlafen und das Bett lädt wirklich dazu ein. Bisher war nur das zuhause in Schweden besser, aber da weiß ich nicht, ob es zählt, weil es eben mein eigenes ist.

Handyklingeln schreckt mich nach gefühlten zwei Minuten wieder auf, doch ein hastiger Blick auf die Digitaluhr zeigt, dass ich fast eine Stunde gedöst haben muss. Na gut, halb so wild, Joakim hätte mich im Fall des Falles schon wachgekriegt. Ich schnappe mir das Smartphone vom Nachttisch:

„Hi Jean!“ Es soll heiter klingen, aber…

›Hi. Alles okay bei dir?‹

„Was? Ja, alles okay.“

›Das ist gut. Charles und ich haben eben unsere Terminpläne abgeglichen. Wie sieht’s bei dir aus? Morgen oder Donnerstag?‹

„Morgen ist schlecht, da hab ich abends ’nen Sponsorentermin“, antworte ich, „Es ginge nur Donnerstag, aber da hat Joakim die Sperrstunde auf halb zehn gesetzt.“ Dass ich mir unter diesem Sponsorentermin nicht wirklich etwas vorstellen kann, lasse ich großzügig unter den Tisch fallen. Mir ist klar, dass ich da nicht in Jeans und T-Shirt auflaufen kann und das Feiertagsenglisch auspacken sollte, das muss reichen. Und Claire wird ja mitkommen, da kann also kaum etwas schiefgehen.

›Das ist echt früh, aber dann treffen wir uns doch einfach so früh wie möglich. Halb acht sollte drin sein, oder?‹

„Ich denke schon.“ Dann hätten wir wenigstens zwei Stunden Zeit, das wäre gut und ich könnte vor den Trainingssessions am Freitag noch mal richtig abschalten, müsste mich nicht im Hotelzimmer langweilen. Ob ich dazu komme, mir ein neues Buch zu kaufen, steht nämlich nicht fest. Joakim ist nicht begeistert von der Idee, da hat er sich schon wieder mit Claire in der Wolle. Irgendwie bin ich mir bei den beiden mittlerweile fast sicher, dass sie wie Hund und Katze sind. Sie brauchen sich, damit sie jemanden zum Streiten haben. Andernfalls wären sie wohl schrecklich unglücklich.
„Habt ihr was Bestimmtes geplant?“

›Was heißt geplant?‹ Er atmet hörbar theatralisch aus. ›Trinken dürfen wir nicht. Naschen dürfen wir nicht. Was bleibt denn da noch?‹

„Keine Ahnung. Mau-Mau spielen?“

›Genial, Rune. Das machen wir. In ’nem Hotelzimmer können wir auch wirklich Wahrheit oder Pflicht spielen – mit verschärften Regeln.‹

„Zu dritt?“

›Klar, das wird spitzenmäßig. Du bist doch nicht verklemmt oder so?‹

„Nein, eher nicht“, gestehe ich. Also im Vergleich zu meinem alten Ego sogar ganz und gar nicht. Trotzdem ist Jeans Begeisterung mir nicht recht geheuer.

›Experimentierfreudig?‹

„Ja. Aber kannst du mir mal sagen, warum du das fragst?“

›Ach, nur so. Weißt du, ursprünglich haben Charles und ich uns die verschärften Regeln ausgedacht. Jules ist da erst später eingestiegen, weil Charles und ich nicht so oft zusammen fliegen.‹

„Will ich dann eigentlich wissen, ob ihr nicht eher Strip-Mau-Mau gespielt habt?“ Die Frage ist raus, bevor mir klar wird, was ich da gesagt habe, und mir schießt das Blut in die Wangen, doch Jean lacht nur:

›Aber nur, wenn keiner von uns am nächsten Tag ins Auto musste.‹

„Sehr verantwortungsbewusst, wirklich.“ Die Spitze kann ich mir nun nicht verkneifen. Ich weiß schließlich, wie unangenehm der erste Tag nach einer heißen Nacht sein kann.

›Hast du’s schon gemacht?‹

„Was?“

›Bist du am Tag danach gefahren?‹, wird Jean präziser.

„Das ist ja wohl eindeutig ’ne Frage für Donnerstag“, lache ich, obwohl die Antwort Nein lautet.

›Ja, dann stell dich schon mal drauf ein, dass es das erste sein wird, was ich dich frage, wenn du Wahrheit nimmst.‹

„Damit kann ich -“ Klopfen an der Tür unterbricht mich kurz. „Ich glaub, ich muss los, Jean. Joakim wollte mich noch ’ne Runde scheuchen.“

›Na, dann viel Spaß. Man sieht sich.‹

„Bis dann.“

Ich lege auf, das Smartphone werfe ich aufs Bett, gehe barfuß zur Tür und öffne. Doch es ist nicht Joakim. Und auch nicht Claire. Es ist niemand, mit dem ich auch nur im Traum gerechnet hätte und niemand, mit dem ich mich im Moment gerne auseinandersetzen will.

„Hei, wir müssen uns unterhalten.“ Es ist nur ein Satz aus Kimis Mund, doch meine Laune legt einen Sturz unter die Teppichkante hin:

„Schon wieder?“ Ich pfeife auf eine Begrüßung, scheißegal, ob das jetzt unhöflich ist, weil er mir schon seit Indien hinterher zu rennen scheint. Zwingt ihn schließlich niemand zu. Stelle ich mir auch ehrlich schwer und nicht erfolgversprechend vor, zu versuchen, einen Kimi Räikkönen zu etwas zu zwingen. Irgendwo habe ich da in den letzten Wochen mal gelesen, Peter Sauber solle versucht haben, ihm klarzumachen, dass das Hemd in die Hose gehöre und nicht schlampig heraushängen darf – vergebene Mühe.

„Nein, generell müssen wir -“

Das Smartphone meldet erneut. Diesmal ist es aber ein eher seriöses Klingeln, nicht irgendein Song aus den Charts oder so. Heißt im Klartext, es muss jemand vom Team sein.

„Ja, ja, gleich“, winke ich in seine Richtung ab, lasse ihn vor der offenen Tür stehen, gehe zurück zum Bett und ans Mobiltelefon. Diesmal ist es Xevi:

›Hi, gut angekommen?‹

„Ja, hat alles geklappt. Was gibt’s denn?“ Er wird nicht ohne guten Grund anrufen. Dafür hat er im Werk heute noch zu viel zu tun. Immerhin hat Valtteri heute noch seine Sessions im Simulator.

›Es gibt nun doch keinen Simulator in Brasilien. Valtteri arbeitet heute vor, deine Sessions sind für kommenden Dienstag angesetzt, das heißt, du musst deine Flüge umbuchen.‹

Diese Neuigkeit lässt mich schwer schlucken. Das heißt im Klartext, ich muss Sonntagabend noch zurück nach Europa, Dienstag ins Werk und spätestens Mittwochmorgen nach Brasilien. Das klingt zweifellos nach einer gehörigen Portion Stress. Trotzdem sage ich:

„Alles klar, ich kümmer mich gleich drum. Dienstag zur selben Zeit wie gestern?“

›Eine Stunde früher, Valtteri hat heute nur ein paar Runden gemacht, der Rest bleibt leider an dir hängen, weil er den Sponsorentermin am Dienstag in Sao Paulo wahrnehmen muss.‹

„In Ordnung.“ Was soll ich sonst auch sagen? Es ist egal, ich brauche die Zeit im Simulator, Punkt, aus. Andernfalls habe ich kaum eine Chance gegen Valtteri.

Wir brauchen noch ein paar Höflichkeitsfloskeln, bevor wir auflegen. Mein Smartphone landet wieder auf dem Bett. Da liegt es weich und ist gut aufgehoben und ich muss es nicht erst bis zum Tisch bringen. Doch als ich mich wieder zur Tür umdrehe, muss ich feststellen, dass Kimi in der Zwischenzeit hereingekommen ist und sie hinter sich geschlossen hat. Jetzt lehnt er daran wie es Joakim in Abu Dhabi getan hat. Ich kann nicht verhindern, dass der Anblick mir für einen Augenblick die Kehle zusammenschnürt. Er hat etwas Beunruhigendes an sich, das kann man nicht leugnen.

„Ich denke nicht, dass wir uns generell mal unterhalten sollten“, stelle ich meinen Standpunkt dar, weil ich irgendwas tun muss, um die Erinnerung an Joakims merkwürdiges Verhalten zu vertreiben. „Du weißt doch schon alles Wissenswerte über mich. Mit Details hat Valtteri ja nicht gerade gespart.“

„Nicht ganz. Die anderen neunzehn Fahrer waren leider nicht so auskunftsfreudig.“

Falls er sie überhaupt gefragt hat, das wage ich nämlich zu bezweifeln. Wenigstens Max hätte mir davon erzählt, wenn er ihn nach mir gefragt hätte. Sowas würde er mir nie und nimmer verschweigen.

Ich zucke nur mit den Schultern, widerstehe dem Drang, die Arme zu verschränken, schiebe die Hände stattdessen in die Taschen der Trainingshose. „Dann hast du wohl Pech gehabt.“

Sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht: „Sie hätten mir sowieso nicht sagen können, warum du diese kindische Sache mit dem Englisch abziehst.“

„Du brauchst jemanden, der dir das erklärt?“

„Nein, ich brauche jemanden, der sich nicht aufführt wie ein bockiges Kind.“

„Sagt gerade der, der’s nicht auf die Reihe kriegt, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.“

„Dann wär’s dir lieber gewesen, wenn man einfach dein Gespräch mit Chilton beendet hätte?“

„Nein, es ist mir lieber, wenn jemand die Eier in der Hose hat, mich persönlich zu fragen, wenn er was über mich wissen will. Aber vielleicht sollte ich’s als Kompliment werten, wenn selbst der Iceman sich das nicht traut.“

Was tu ich hier eigentlich? Kann mich bitte mal wer davon abhalten, weiter solche Sachen zu sagen? Ich mach doch alles nur noch schlimmer! Ich bin doch gar nicht in der Position, mir derartige Äußerungen herausnehmen zu können. Ich bin ein Ersatzfahrer, ein Rookie noch dazu und das in einem Auto ohne Siegpotential. Die Leute halten mich für einen Pay-Driver und von der unrühmlichen Vergangenheit will man gar nicht erst anfangen. Und jetzt hätte ich gerne was zu trinken, vorzugsweise mit Alkohol. Aber nein! Ist ja nicht drin. Stattdessen kann ich beobachten, wie Kimi sich langsam von der Tür löst, näherkommt, und muss schwer schlucken. Jetzt bin ich wohl den entscheidenden Schritt zu weit gegangen.

Er ist nur unwesentlich kleiner als ich. Angeblich zwei Zentimeter, doch davon merke ich jetzt nicht viel, wo er direkt vor mir steht und mir in die Augen starrt. Die Spannung zwischen uns ist schier greifbar. Es hätte alles so einfach sein können, wenn ich nicht immer noch irgendwie wütend auf ihn und Valtteri wäre. Aber der Schlag ging zu sehr unter die Gürtellinie, um ihn einfach zu vergessen.

„Schön“, sagt er dann, und mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen, „Nachdem wir das nun geklärt haben, können wir jetzt ja wieder anfangen, uns wie normale Menschen zu benehmen.“

„Was?“ Das kann nicht sein Ernst sein!

Doch er geht einfach an mir vorbei und nimmt in einem der beiden Sessel Platz, ein Sofa gibt es hier nicht. Mit so viel Dreistigkeit habe ich nicht gerechnet. Der Kerl macht mich schlagartig sprachlos. Einfach so, einfach aus dem Nichts heraus.

„Du hast ganz schön Schneid, das muss ich sagen, aber du hättest es leichter haben können.“

Okay, soll das jetzt ein Kompliment sein? Vorsichtshalber sage ich nichts, setze mich lieber erst mal in den zweiten Sessel, um Zeit zu gewinnen und gebe nur ein leises „Hm“ von mir.

„Fakt ist, ich wollte nicht mitten in dein Gespräch mit Chilton reinplatzen und hatte keine Ahnung, was Valtteri zum Besten geben würde“, fährt Kimi fort und ich bin froh drum, denn ich suche immer noch nach genügend Worten für normal intelligenten Satz:

„Eigentlich… eigentlich ist es… ja, kein Geheimnis, dass wir uns nicht so besonders verstehen.“ Und das war Finnisch, aber keine bewusste Entscheidung. Eher aus dem Gefühl heraus, dass es jetzt lächerlich wäre, stur bei Englisch zu bleiben, denn mehr als diese knappe Richtigstellung werde ich von einem Kimi Räikkönen ganz bestimmt nicht zu hören bekommen.

„Es ist auch kein Geheimnis, dass ich mich nicht besonders für solche Gerüchte interessiere.“

„Ist das so? Dann frage ich mich aber, warum du nicht einfach bis nach dem Rennen gewartet hast. Hätte doch keinen Unterschied gemacht, oder?“

„Du arbeitest doch nach dem Rennen noch.“

„Das wusstest du da noch gar nicht“, halte ich dagegen, ernte jedoch nur ein angedeutetes Grinsen:

„Und wer sagt dir, dass du mir dann nicht genau das trotzdem gesagt hättest?“

„Oh, normalerweise gebe ich grundlos keine dummen Antworten. Aber warum wolltest du überhaupt was über mich wissen? Das ist doch die einzige interessante Frage, nicht wahr?“

„Du bist der erste schwedische Formel 1-Pilot seit fast zwanzig Jahren, das macht neugierig.“

Tut es das? Kann ich mir nicht vorstellen. Einem anderen Fahrer hätte ich das vielleicht noch abgenommen, aber Kimi nicht. Das ist zu… zu… Es passt einfach nicht. Aber als Antwort so an und für sich klingt es plausibel und ich beschließe, es so stehenzulassen und lieber eine andere Frage zu stellen:

„Und deswegen willst du jetzt seit Indien mit mir sprechen? Valtteri war doch sehr ausführlich.“

„Etwas zu sehr“, räumt er zu meiner Verwunderung ein, „Es war unglaubwürdig.“

„Aber nicht alles erfunden.“ Es hätte ja sowieso keinen Sinn, wenn ich mich jetzt besser darstellen würde als ich bin. Irgendwann kommt sowas immer ans Licht, ob man es nun erwartet oder nicht. Also kann man auch gleich von vornherein eine klare Ansage machen: „Ich hab ’ne Menge Mist gemacht, aber das wirkt sich nicht auf meine Arbeit aus, ganz egal, was irgendwer behauptet.“

Und das stimmt. Zumindest geben meine Tagebücher keine anderen Dinge preis. Ja, ich hab mich ziemlich oft abgeschossen, doch da war ich meist in Stockholm mit Heidi und Freunden auf Partys oder in Clubs und abgesehen von ein paar unglücklichen Schnappschüssen gibt es dazu nicht viel zu sagen. Die Presse interessiert sich nur mäßig bis gar nicht für GP2- oder Formel Renault-Piloten. Schlagzeilen habe ich eigentlich nur mit der Lästerattacke in Jerez und ein paar Clubbesuchen in London gemacht, als ich mit Max unterwegs war, wobei die eigentlich eher in die Sparte „In diesen Clubs feiert die C-Prominenz von morgen“ gehören.

Kimi nickt und schweigt, doch sein Gesicht verrät nicht, ob er mir glaubt. Es macht mich etwas nervös, obwohl es mir eigentlich egal sein könnte. Es ist nicht wichtig, was jemand über mich denkt, der sowieso macht, was er will. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, vermitteln mir das Gefühl, noch etwas sagen, mich vielleicht genauer erklären zu müssen. Aber das Schicksal scheint es heute wider Erwarten doch gut mit mir zu meinen. Klopfen an der Tür nimmt mir jede Entscheidung ab, zwingt mich zum Aufstehen.

„War ein nettes Gespräch, dabei werden wir’s belassen müssen. Joakim besteht darauf, noch ein wenig Sightseeing zu machen.“

Während ich zur Tür gehe, höre ich, wie Kimi ebenfalls aufsteht, mir folgt.

„Dann viel Spaß dabei“, sagt er noch, als ich die Tür öffne. Es klingt ein wenig süffisant, würde ich sagen, aber ich habe keine Chance, etwas darauf zu erwidern, denn er hat sich, schneller als ich reagieren kann, an Joakim vorbei auf den Flur bewegt.

Und Joakim bedenkt mich mit einem Blick, der sich gewaschen hat, und ich weiß, dass er gleich fragen wird, was Kimi hier wollte. Aber darauf  kann ich ihm Kimis eigene Antwort geben: Ich bin der erste schwedische Formel 1-Pilot seit fast zwanzig Jahren, das macht neugierig.



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