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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 3.190
 
A/N: Danke an Madrilena, Pericoloso, Napoleon90, ShadowOfTheDay, Tracy89, Silvana, Balalaika, PassiCantha und Tiefseentraum.




Kapitel 25 – Werktag


Runes POV

Es ist Viertel vor sieben am Montagmorgen. Chloé schläft noch. Max und ich sitzen allein in der Küche und gähnen verhalten in unsere Kaffeetassen. Ich bin schon geduscht und tagestauglich angezogen, Max trägt noch Boxershorts und T-Shirt. Er hat etwas mehr Zeit als ich, bis er los muss. Woking liegt näher bei Reigate als Grove.
Eigentlich haben wir gestern recht früh Feierabend gemacht, weil wir für heute fit sein müssen, doch wirklich geklappt hat es nicht. Ich für meinen Teil habe bestimmt noch bis in die frühen Morgenstunden wachgelegen. Es ist einfach irgendwie seltsam, wieder in einem Haus zu sein, in dem man sich auskennen müsste, aber sich an nichts erinnern zu können. Vor allem aber ist es anders als die Erfahrung mit dem Formel 1-Auto fahren. Da hatte ich keine Wahl, keine Zeit zum Nachdenken, weil ich handeln musste. Aber hier habe ich Zeit zum Denken – das blockiert mein Unterbewusstsein. Hoffentlich wird das nachher im Werk besser, andernfalls könnte das ein sehr unangenehmer Tag werden, fürchte ich.

„Aber heute Abend…“, gähnt Max nach einer Weile, „… heute Abend müssen wir länger machen. Schlafen können wir morgen im Flieger.“

Aus reiner Empathie schließe ich mich seinem Gähnen an: „Gute Idee.“ Da würden wir dem Jetlag gleich vorbeugen.

„Ich hab ’ne Aufnahme von Lone Ranger organisiert. Den müssen wir uns unbedingt noch ansehen.“

„Der mit Johnny Depp?“, hake ich nach. Der lief doch grad erst noch im Kino.

Max nickt: „Genau der. Depp hat einen Vogel auf dem Kopf, das können wir uns doch nicht entgehen lassen.“

Wo er recht hat… „Und ich nehme mal an, du wirst deine Vogelsprüchesammlung nebenbei erweitern?“

„Ja.“

„Wir sollten mehr Filme mit kleinen, süßen Rehen schauen“, murmle ich.

„Kennst du noch welche außer Bambi?“

„Nö.“

„Das ist aber zu dumm.“ Der leichte Spott in Max’ Stimme ist nicht zu überhören.

„Überhaupt nicht“, halte ich dagegen, „Das zeigt nur, dass Vögel viel filmreifer sind als Rehe.“

„Aber Rehe haben doch so tolle lange Beine!“, hält er dagegen.

Ich werfe einen kritischen Blick unter den Tisch. „Kann ich jetzt nicht bestätigen.“

Max schnaubt etwas verschnupft: „Ich bin ja auch kein Reh, ich bin ein Hirsch.“

„Naja… aber bis zum Platzhirsch musst du noch üben.“

„Rune!“

„Was denn? Ich wollte auch noch was mit Hirsch drin sagen.“

„Manchmal glaube ich, ich tu dir nicht gut.“ Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse, mustert mich dabei aber über den Rand des Gefäßes.

Es bringt mich zum Lachen: „Das fällt dir früh - Moment.“ Ich nehme mein Smartphone vom Tisch. Es ist zwar auf lautlosgestellt, aber das aufleuchtende Display lässt sich echt nicht übersehen. „Claire…“ murmle ich, bevor ich dran gehe. Max stellt die Tasse ab und beobachtet mich mit leicht schiefgelegtem Kopf.

„Guten Morgen“, melde ich mich vorsichtig. Ein wenig misstrauisch macht es mich schon, dass Claire um diese Zeit anruft. Sie meint doch nicht etwa, kontrollieren zu müssen, ob ich schon wach bin oder doch? Dabei dachte ich, ich wäre diesen Kontrollwahn vorläufig los, weil Joakim nicht hier ist. Er fliegt heute schon in die USA und wird Claire und mich da morgen am Flughafen abholen – so ist zumindest der Plan.

›Ja, Morgen.‹ Sie klingt irgendwie etwas angefressen. ›Bist du schon unterwegs?‹

„Nein, erst in einer halben Stunde.“

›Schaffst du’s auch in fünfzehn Minuten?‹

„Ich denke schon. Wieso?“

›Es ist viel Verkehr, mein Auto ist liegengeblieben und wenn ich jetzt erst einen Ersatz organisieren muss, komme ich zu spät. Also kannst du mich in Staines-upon-Thames einsammeln? Du wirst ja sowieso über die M25 fahren.‹

Nur mit Mühe kann ich das Lachen unterdrücken. Das ist ja mal eine ganz andere Seite meiner Managerin! Aber andererseits auch wieder so typisch.
„Ja, kann ich machen. Wo da?“

›Gib mir zehn Minuten, um ein Café zu finden, dann schreib ich dir die Adresse. Du hast doch einen Wagen mit Navi?‹

„Ja.“

›Sehr gut. Dann komm jetzt in die Strümpfe, sonst kommen wir beide noch zu spät und das will niemand.‹

„Okay, bis gleich.“

›Ja, ja, los jetzt, ab mit dir.‹

Ich glaube, sie ist ein klein wenig gereizt. Aber wer wäre das nicht, wenn ihm gerade das Auto mitten im Berufsverkehr verreckt ist? Mir ist zwar etwas schleierhaft, was sie im Werk will, aber es könnte um Vertragsverhandlungen gehen, wenn ich ihre Andeutungen am Samstag richtig verstanden habe. Naja, wenn ich sie eingesammelt habe, kann ich sie ganz direkt danach fragen.

„Was ist los?“, will Max wissen und ich kann mir das Grinsen nun wirklich nicht länger verbeißen:

„Claires Auto ist liegengeblieben. Sie will, dass ich sie in Staines abhole.“

„Da musst du dich aber ranhalten“, erwidert er, „Dann musst du ja noch mal von der M25 runter.“

„Ja und das alles mit Linksverkehr.“ Ehrlich, davon bin ich nach wie vor nicht begeistert, obwohl es mit einem hiesigen Mietwagen sicher einfacher zu bewältigen ist als mit einem vom rechtsverkehrenden Festland.

Max lacht nur, vielleicht mich aus, das weiß ich nicht. Für ihn ist das ja auch Alltag. „Stell dich nicht so an. Du musst doch nur alles andersrum machen als sonst. Ist doch nicht so schwer. Vorschlag: Du sagst mir, wo du sie abholen sollst und ich programmier schon mal das Navi, während du deine Sachen holst.“

Ich nicke und gebe ihm mein Smartphone. „Adresse kommt gleich, sie wollte erst noch ein Café suchen. Aber willst du so echt raus?“

„Es ist noch ziemlich dunkel und wenn ich Schuhe anziehe, geht das schon.“

„Okay.“ Ich finde zwar nicht, dass das geht, aber wenn er meint… „Du hast einen Vogel, weißt du das?“

„Natürlich. Ich kann dich doch sehen.“

Na danke… Genau das wollte ich jetzt hören.

„Alles klar, Bambi“, erwidere ich kopfschüttelnd, trinke meinen Kaffee aus und stehe auf. Ich sollte wirklich besser in die Strümpfe kommen.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Jenson hat echt Nerven! Das ist unglaublich! Das ist regelrecht unerhört. Vor allem um diese Uhrzeit.

›Komm schon, Seb, welche Zimmernummer?‹

Das Hotel hat er schon aus mir rausgekitzelt, dabei habe ich eigentlich gar keine Zeit, um mich mit ihm zu treffen. Ich bin zum Arbeiten hier, mein Terminplan ist entsprechend voll, aber es tut mir trotzdem leid. Wir hatten in den letzten Wochen nicht gerade viel Zeit füreinander, so gut wie gar keine, um genau zu sein. Aber das ist bei unserem Job nun mal so. Man kann das akzeptieren oder lassen, doch ändern wird man es nicht können. Und ich gebe mit einem leisen Seufzen auf:

„Zweihundertvierzehn.“

Ich kann ihm einfach nichts abschlagen, wenn er hartnäckig bleibt und immer wieder nachfragt. Dabei versuche ich das jedes Mal.

›Melde dich, wenn du Feierabend hast.‹

„Ja, mach ich.“

›Am liebsten wär’s mir natürlich, wenn du einfach sofort frei hättest, aber…‹

„Aber was?“ Er wollte ganz sicher nicht sagen, dass das nicht geht. Das wäre zu offensichtlich, zu einfach.

›Aber da würde der Nervenkitzel fehlen. Dann könnte ich dich schließlich irgendwohin entführen, wo uns ganz sicher niemand erwischen würde. Wobei das auch mal schön wäre. Nur du und ich und weit und breit niemand, der mit einer Kamera rumspringt und auf Schnappschüsse lauert. Sebastian, willst du nach der Saison mit mir in den Urlaub fahren?‹

„Was?“, schnappe ich nach Luft.

Jenson lacht: ›Willst du nach der Saison mit mir in den Urlaub fahren, ja oder ja?‹

„Dann ja. Wohin?“

›Irgendwohin, wo wir nur zu zweit sind und uns niemand je vermuten würde.‹

„Und wo soll das sein?“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so einen Ort nicht gibt, also nicht auf der Erde, doch Jenson lacht bloß:

›Das ist eine Überraschung. Aber wenn du früher Feierabend machst, könnte ich mir überlegen, ob ich dir vielleicht doch einen kleinen Tipp gebe.‹

„Das ist fies!“, protestiere ich sofort. Er weiß genau, dass ich nicht besonders viel Einfluss darauf habe, wann ein Arbeitstag endet. Das hängt von einer Menge verschiedener Faktoren ab und Schluss ist eben erst, wenn man alle Probleme bestmöglich gelöst hat, die aufgetreten sind.

›Ich weiß‹, flötet er heiter zurück, ›Also melde dich, wenn du fertig bist.‹

Und dann hat er auch schon aufgelegt und mich mit dem aufgeregten Kribbeln im Bauch alleingelassen.

*** ~~~ ***


Runes POV

Claires Autopanne ist ein Segen. Sie hat mir nicht nur noch einen Kaffee mitgebracht, nein, sie hat mich auch die gesamte Zeit über vom Nachdenken abgehalten, weil ich mich aufs Fahren und auf ihre Fragen konzentrieren musste. Und davon hatte sie eine ganze Menge, weil sie mich für die nächste Saison natürlich so gut und passend wie möglich unterbringen will. Hat sie gesagt. Der aktuelle Vertrag mit Williams läuft zum Jahresende schließlich aus. Zwar könnte ich ohne Weiteres wieder in der GP2 fahren, doch dieser Schritt zurück sollte selbstverständlich vermieden werden, da hat sie schon recht, genauso wie der zum bloßen Testfahrer. Was ich jedoch nicht laut sage, ist, dass ich wegen meines Wunsches davon ausgehe, dass sich in der Formel 1 schon ein Stammplatz für mich finden wird. Dummerweise habe ich mir aber gewünscht, ein guter Fahrer zu sein, kein erfolgreicher. Das ist ein Unterschied. Man kann schließlich auch für ein Hinterbänklerteam gut fahren, das ist Fakt.

Und jetzt sitze ich eh im Simulator und das ist hier fast wie Rennen fahren. Es ist harte Arbeit, weil wir mehr Zeit haben, Dinge auszuprobieren und uns nicht nur darauf konzentrieren müssen, dass ich auf dem Kurs meine Ideallinie finde. Das hat auch den Vorteil, dass alles irgendwie entspannter ist, ich mich wohlfühle und nach den ersten Runden etwas gesprächiger werde. Andrew ist da und mein Dateningenieur, ein Programmierer und mehrere Techniker des Teams, also ist ziemlich viel los. Mehr als ich es bis jetzt gewohnt war, doch es stört mich nicht.
Zwar haben Andrew, der Dateningenieur und ich uns den Kurs vorher mit den Daten aus dem letzten Jahr mal in der Theorie angesehen, es ist auch irgendwie hilfreich, aber immer noch etwas ganz anderes als ihn zu fahren. Es dauert fast fünfundzwanzig Runden bis ich sicher bin, den Kurs einigermaßen im Kopf zu haben, sodass wir mit der eigentlichen Arbeit anfangen können. Vielleicht hätten wir das auch schon sieben, acht Runden früher gekonnt, doch ich möchte es ganz genau machen, immerhin leiste ich hier heute Vorarbeit für Valtteri, der morgen an der Reihe ist. Und dem möchte ich so wenig Grund wie nur irgend möglich geben, sich zu beklagen.

Der FW35 bricht ständig mit dem Heck aus. Gut, manche Fahrer mögen das vielleicht, weil sie das Heck des Autos mit einem entsprechend sensiblen Umgang mit dem Gaspedal dann besser um die Kurve kriegen, im besten Fall sogar noch Zeit gewinnen, aber mir passt das nicht. Im Augenblick ist es einfach zu viel, obwohl ich mir alle Mühe gebe, vorsichtig mit dem Gas zu sein.
Der Programmierer ändert ein paar Details, das Übersteuern wird weniger und ich bekomme mehr Kontrolle über das Heck, obwohl es noch immer auszubrechen droht. Es dauert wieder ein paar Runden, bis ich sicher bin, dass es so funktionieren kann – mit dem Übersteuern, denn jetzt schiebt es mir das Heck so um die Kurven, das es gut ist. Wenigstens auf trockener Strecke. Bei Regen sähe das natürlich gleich wieder anders aus.

Nach drei Stunden beendet Andrew die Sitzung zur Mittagspause und für eine erneute Besprechung und eine Kurzanalyse der gesammelten Daten. Und mir wird zum ersten Mal richtig klar, dass das hier tatsächlich den gesamten Tag in Anspruch nehmen wird, ob mir das nun passt oder nicht. Doch glücklicherweise passt es mir sehr, weil ich mittlerweile genau weiß, dass es mir das Leben auf dem Circuit of the Americas das Leben sehr erleichtern wird. Dummerweise führt es jedoch dazu, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was genau ich zu Mittag esse, aber Nudeln waren dabei und Mineralwasser.

***


Es ist fast halb sechs, als ich mich wieder mit Claire treffe. Sie hätte eigentlich schon vor Stunden zurück nach London fahren können, hat es jedoch vorgezogen, von hier aus zu arbeiten und sich von mir zurückfahren zu lassen. Warum auch immer. Ich denke nicht, dass ich hier so ein guter Chauffeur bin. Wir schweigen uns jedenfalls an, bis Grove ein paar Meilen hinter uns liegt.

„Wie lief es?“ Claires Frage ist zwar leise, aber sie wirkt ehrlich interessiert.

„Gut“, antworte ich, „Wenn am Wochenende die Sonne scheint, sollte es laufen, denke ich.“

„Prima“, murmelt sie, was mich aufhorchen lässt.

„Aber?“

„Aber ich habe nicht so gute Neuigkeiten“, beginnt sie, „Bei Williams hast du nächstes Jahr keine nennenswerten Chancen auf einen Stammplatz. Pastor befindet sich auf einem sehr guten Weg der Besserung, seit die Ärzte ihn wieder aus dem Koma geholt haben, und Susie testet im Simulator bereits Komponenten für die neue Saison. Also sagen wir mal, wenn du in den letzten beiden Rennen nicht gerade einen Sieg aus dem Hut zauberst, bleibt dir bestenfalls der Platz als Testfahrer.“

„Ein Sieg?“, echoe ich, „Das ist unmöglich! Bisher waren ja nicht mal Punkte drin!“

„Ich weiß“, räumt sie ein und es klingt frustriert, bringt mich zum Seufzen:

„Haben wir noch andere Optionen?“

„Ich tue, was ich kann, Rune, aber es sieht nicht gut aus, was das angeht.“

„Scheiße!“ Mehr fällt mir dazu nicht ein.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Im Grunde genommen habe ich nichts gegen den Simulator. Ich habe auch nichts dagegen, im Simulator Rennen vorzubereiten, doch dabei auf Lindströms Vorarbeit zurückzugreifen, das passt mir nicht. Dabei kann nichts Brauchbares herauskommen, so unwillig, wie er bisher immer war. Zumindest haben mir das ehemalige Teamkollegen aus der GP2 und anderen Serien erzählt. Er spult ab, was er will und braucht und das war’s dann. Anschließend soll seine Motivation rapide nachlassen. Habe ich gehört.

Ob das so wirklich stimmt? Noch vor ein paar Wochen hätte ich das vorbehaltlos angenommen, heute bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Dafür hat Lindström sich zu merkwürdig verhalten. Es gab nach dem Rennen in Abu Dhabi nicht mal eine spöttische Spitze in meine Richtung. Nicht, dass ich die nach dem Motorschaden hätte gebrauchen können, es ist mir nur aufgefallen, dass sie ausgeblieben ist. Noch vor einem halben Jahr, da bin ich sicher, hätte er sich das nicht nehmen lassen.

Doch wie dem auch sei, mental habe ich mich schon mal darauf eingestellt, morgen die Arbeit zu erledigen, die Lindström heute hätte leisten sollen. Und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass er morgen schon auf dem Weg in die USA sein wird. So bleibt mir ein gemeinsamer Flug wenigstens erspart – der wäre schlimmer, als seinen Job zu machen.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Ich sitze wie auf heißen Kohlen, seit Jenson mir heute Morgen das Urlaubsziel verschwiegen hat und es ist schlimmer geworden, seit ich ihm geschrieben habe, ab wann ich wieder im Hotel bin. Jetzt warte ich auf ihn. Er hat nicht auf meine Nachricht geantwortet, also gehe ich davon aus, dass er in absehbarer Zeit auftauchen wird. Normalerweise ist das so und heute bildet da keine Ausnahme, das beweist das Klopfen an der Zimmertür etwa eine Viertelstunde später.
Als ich die Tür öffne, geht alles ganz schnell. Binnen Sekundenbruchteilen ist er im Zimmer und die Tür ist wieder zu. Wir gehen nicht das Risiko ein, dass der andere länger als unbedingt notwendig auf dem Flur steht. Jeder Augenblick ist schließlich einer, in dem ihn jemand sehen und auf unvorteilhafte Gedanken kommen könnte.

„Das ging schneller als ich dachte. Gab’s nicht viel zu tun?“

Ich kann den Schalk in seiner Frage nicht überhören. Er weiß ganz genau, wie neugierig ich bin und dass ich alles in meiner Macht stehende tun würde, um ein Geheimnis auch nur fünf Minuten früher zu lüften. Trotzdem zucke ich nur vage mit den Schultern: „Ich hab mein Team halt gut im Griff.“

Er lacht leise, zieht Jacke und Schuhe aus. Beides ist nass vom Regen. Das Wetter ist wirklich scheußlich. Viel Regen und kalter Wind. Den ganzen Tag über hat es nicht richtig aufgeklart. Es ist ein richtig widerlicher Novembertag. Eigentlich genau der richtige Rahmen für ein paar gemütliche Stunden im Bett und auf dieses Möbelstück setze ich mich jetzt erst mal.

„Bekomme ich denn jetzt den Tipp?“

„Bekomme ich einen Kuss?“

„Ja, aber du musst schon herkommen, ich stehe heute nicht mehr auf“, erkläre ich. Der Tag war stressig genug und ich habe mir tatsächlich Gedanken gemacht, ob es nicht irgendjemand im Team merkwürdig finden könnte, dass ich heute so aufs Tempo gedrückt habe, obwohl abends gar kein Termin anstand.

„Nichts lieber als das.“ Er lässt sich ebenfalls auf die Matratze fallen und streckt sich aus, überlässt es mir, ob ich kuscheln kommen will oder nicht, aber ich will und krieche neben ihn. Wie beiläufig zupfe ich sein Hemd aus der Hose, schiebe die linke Hand darunter, bis sie auf seiner Brust zu liegen kommt.

„Warm“, kommentiert er leise, legt eine Hand in meinen Nacken und zieht mich in einen sanften Kuss. Doch genauso, wie diese zärtliche Berührung meinen Puls durch die Decke jagt, macht sie mir mit der Aussicht auf einen ersten gemeinsamen Urlaub klar, wie leid ich diese heimlichen Treffen in anonymen Hotelzimmern rund um den Globus bin. Das ist einfach nicht das, was ich mir unter einer ernsthaften Beziehung vorstelle, obwohl mir bewusst ist, dass es nicht anders geht – deswegen erwähne ich es auch nicht.

„Bekomme ich denn jetzt meinen Tipp?“, hauche ich stattdessen gegen seine Lippen.

„Nein“, flüstert Jenson, „Ich bin noch nicht ganz überzeugt, dass du ihn auch verdienst.“

„Nicht?“ Ich schiebe die Unterlippe ein wenig vor. Eigentlich sieht das komplett bescheuert aus, finde ich, aber Jenson nennt es niedlich.

„Nein.“

„Wirklich nicht?“ Ich setze mich wieder hin und beginne, sein Hemd aufzuknöpfen, seine Brust mit kleinen, federleichten Küssen zu bedecken. Normalerweise bringt mich das meinem Ziel immer näher. Heute ist es anders. Heute scheint er mehr Selbstbeherrschung aufzubieten als sonst und seine Disziplin stachelt mich an.
Er bricht erst ein, als wir beide – nackt bis auf die Unterwäsche, mit dünnem Schweißfilm auf der Haut und schwer atmend – auf dem Bett liegen. Heute kann ich nicht kleinbeigeben, dann kriege ich keinen Tipp. Das kenne ich schon, wenn ich das Vorspiel verliere. Also hole ich noch einmal tief Luft, setze mich auf Jensons Hüfte – da habe ich dann eindeutig Oberwasser! – und schenke ihm einen herausfordernden Blick:

„Gewonnen!“

„Nur ausnahmsweise.“ Er keucht leicht, lacht jedoch.

„Dann kriege ich jetzt den Tipp? Ich hab ihn mir ehrlich verdient.“

„Ja, kriegst du“, sein Lächeln wird breiter, „Wir werden es eine Woche lang ganz sicher warm und kuschlig haben, niemand wird stören.“

Ich stutze. Was soll das denn für ein Tipp sein? „Das hast du doch heute Morgen auch schon gesagt“, klage ich.

„Nein, da habe ich gesagt, es wäre schön, mal irgendwo zu sein, wo keine Paparazzi rumlungern.“

„Das ist doch dasselbe!“

Er übergeht meinen Protest weiterhin: „Ist es nicht. Es soll nur eine Überraschung werden und die muss nun mal so gut sein, dass du dein hübsches Köpfchen vergeblich anstrengst, sonst wäre es ja bald keine mehr.“

„Du bist gemein!“

„Noch nicht.“ Und ehe ich mich versehe, hat er mich zurück auf die Matratze geschubst und sich nun seinerseits über mir platziert. „Jetzt werde ich gemein sein, Seb – aber ich glaube nicht, dass dich das noch sehr stören wird.“



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