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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
02.07.2013 4.985
 
A/N: Danke an Pericoloso, Madrilena, Balalaika, Napoleon90, Evening Star, Tracy89, Captains Sah (2x!) und Silvana.

Und an dieser Stelle muss ich die nächste Kennzeichnung wörtlicher Rede vornehmen. Es tut mir leid, euch erneut mit sowas zu überfallen, doch es hat sich lange nicht abgezeichnet, auch diese Sprache noch zu brauchen.
Hier also die zweite ergänzte Version:
Sprachen:
„ - “ =  Englisch
„ - “ = Finnisch
« - » = Schwedisch
› - ‹  = Telefongesprächspartner / Funk
>-<  = Deutsch
-   -  = Französisch





Kapitel 24 – Detektiv spielen


Runes POV

Ich bin allein und irgendwie hatte ich auch nichts anderes erwartet. Das Haus war leer, als ich vorgestern die Tür aufgeschlossen habe. Und auch da war ich schon allein. Joakim ist nicht mitgekommen. Warum auch? Es ging mir im Gegensatz zum letzten Mal ja gut. Kein Crash, kein Fieber und längst nicht mehr so schrecklich durch den Wind. Eigentlich ist es fast angenehm, also wenn da nicht diese Stille wäre, die sich immer wie ein Leichentuch über alles senkt, sobald Joakim sich nach dem Training verabschiedet. Heute Morgen habe ich überlegt, ob ich ihn fragen soll, ob wir abends nicht was zusammen machen wollen. Letztendlich habe ich nicht gefragt. Er verbringt so viel Zeit mit mir, da ist er für etwas ohne mich sicher dankbar. Außerdem stehen noch diverse Punkte auf meiner imaginären To-Do-Liste, um die ich mich endlich kümmern sollte. Also abgesehen davon, dass ich unbedingt Max und Claire anrufen muss.

Mit einem leisen Seufzen stelle ich den Laptop auf den Küchentisch – die Küche ist offenbar zu meinem Lieblingsplatz mutiert – und schenke mir ein Glas Grapefruitsaft ein. Ich mag den bittersüßen Geschmack vielleicht ein wenig zu gern als gut ist, besonders nach einem anstrengenden Training und Joakim ist verdammt gut darin, mich zu schinden. Meine Nackenschmerzen machen ihm Sorgen, hat er gesagt. So schlimm seien die am Ende eines Rennwochenendes seit Beginn unserer Zusammenarbeit nicht mehr gewesen. Er hat den Trainingsplan noch mal umgestellt, damit es besser wird, und meint, er hätte die Kräfteverhältnisse in der Formel 1 unterschätzt. Naja, ich find’s nicht übermäßig schlimm. Für ihn ist das genauso neu wie für mich und nach einer Massage geht’s auch jedes Mal wieder besser.

Mit dem Glas in der linken Hand setze ich mich schließlich vor den Laptop und öffne den Browser. Fragt sich nur, nach was ich suchen soll. Einfach Heidi einzugeben, das wird wohl kaum ausreichend sein. Notgedrungen setze ich also erst meinen Namen ins Eingabefenster und schreibe ihren dahinter. Dabei wollte ich mich eigentlich nie, nie wieder selbst googlen…
Mit starrem Blick überfliege ich die Ergebnisse, klicke wahllos ein paar Links an, doch schon der erste lässt mich nach Luft schnappen. Irgendwie war mir seit letzter Woche klar, dass es übel sein würde – für mich, nicht für mein altes Ego –, aber das? Wie soll ich das stemmen? Ohne den Browser vorher zu schließen, klappe ich den Laptop zu, lasse den Saft daneben stehen und gehe in mein Zimmer.
In den letzten Jahren hat mein altes Ego seine Tagebucheinträge datiert und wenn Heidi und ich seit etwas mehr als zwei Jahren… Ich weiß, wo ich ungefähr suchen muss. Und hätte ich bei meinem letzten Aufenthalt hier nur mehr Zeit gehabt, wäre ich vielleicht sogar schon so weit gekommen, aber… Es war, nein, ist so viel zu tun.

In meinem Schlafzimmer öffne ich den Kleiderschrank, nehme zwei Stapel T-Shirts heraus und anschließend den Karton, den ich aus dem Keller mitgenommen habe. Bisher habe ich es nur geschafft, die einzelnen Notizbücher chronologisch zu ordnen, sodass ich jetzt recht zielstrebig nach einem orangefarbenen greifen kann, in dem mein altes Ego das Jahr 2011 von Februar bis Oktober festgehalten hat. Eilig blättere ich durch die Seiten, lese nicht richtig, überfliege nur und suche nach ihrem Namen. Ich bin jetzt zu ungeduldig, zu aufgewühlt, um alles zu lesen – und ich muss lange blättern, bis in den August hinein:

07. 08. 2011
Hej Erik,
jetzt wird alles wieder gut. Alles! Sie heißt Heidi und sie ist wie ein Wunder. Und es tut mir so schrecklich leid, dass mein Kakao am Flughafen auf ihrem Kleid gelandet ist. Nein, eigentlich nicht, weil wenn das nicht passiert wäre… Wehe, du lachst jetzt! Ich hätte mich nie getraut, sie anzusprechen. Aber sie hat mir ihre Nummer gegeben und gesagt, wenn ich sie zum Essen einlade, ist ihr der Fleck egal. Den unangenehmen Teil des Kennenlernens hätten wir ja schon hinter uns. Und weißt du, ich hab’s echt getan. Ich hab sie eben angerufen und ich hab ein Date! Heißt, ich werde nicht wieder lauter Abende in dieser einen Bar verbringen und… Naja, du weißt schon, das tun, wovon ich dir erzählt habe.

Welche Bar? Und was tun? Danke auch, da hätte ich wirklich mal genauer sein können. Okay, wenn ich Glück habe, steht das in einem Buch über 2010, aber das muss ich wirklich später nachschlagen, jetzt ist Heidi an der Reihe und ich blättere weiter, überspringe ein paar Seiten, weil ich nun wirklich nicht genau wissen möchte, wie dieses Date abgelaufen ist. Es reicht, wenn ich weiß, seit wann wir ein Paar sind. Vorerst.

16. 08. 2011
Hej Erik,
alles ist gut, alles ist endlich wieder gut. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, falls Max noch eine Bemerkung darüber macht, dass ich Pål zu sehr anstarre. Das brauche ich nicht mehr – zum Glück, das wäre eh nie gutgegangen, so zwischen zwei Teams, als Konkurrenz und wir sind beide Männer. Aber jetzt ist es nicht mehr wichtig. Ja, er sieht immer noch viel zu gut aus, keine Frage, aber Heidi… Heidi hat mich eiskalt erwischt. Sie ist wundervoll, sie lacht so viel und sie schafft es, dass ich mich nicht ständig wie der letzte Idiot auf Erden fühle. Ich liebe sie, Erik. Und ich will mir gar nicht ausmalen, wie schrecklich das wird, wenn ich erst wieder unterwegs bin, wenn wir uns nicht wenigstens jeden zweiten Tag sehen können. Das wird schrecklich. Ich glaube, ich werde sie fragen, ob sie nicht mal mitkommen möchte. Es wäre so schön, wenn sie dabei sein könnte, wenigstens noch ein Wochenende in diesem Jahr, wenn ihr Job das zulässt. Und das Studium, sie macht das gleichzeitig! Sie ist zwei Jahre älter als ich und studiert irgendwas mit Mode und Französisch. Ich weiß nicht mehr genau, wie das heißt, aber sie kann supertoll zeichnen und fotografieren und gestern waren wir zusammen einkaufen, also Klamotten. Du glaubst es eh nicht, wenn ich’s dir nicht zeige, also kriegst du in den nächsten Tagen noch ein Foto, damit du sehen kannst, dass ich jetzt nicht mehr wie ein Schuljunge aussehe. Ich hätte nie gedacht, dass man mit einer neuen Frisur und neuen Sachen so viel verändern kann. Und ich weiß ehrlich nicht, womit ich sie verdient habe, Erik. Sie ist -

Ich schlage das Buch zu. Das reicht! Das ist genug. Mehr ertrage ich nicht. Klar, zu der Zeit waren wir, nein, mein altes Ego und sie gerade mal ein paar Tage zusammen oder kannten sich so lange, aber da war mein altes Ego offenbar schon rettungslos in sie verliebt. Und so, wie’s jetzt aussieht, ist da tatsächlich eine Beziehung draus geworden. Kein Wunder also, dass sie so wütend auf mich ist. Oder enttäuscht von mir. Aber was soll ich machen? Im Gegensatz zu meinem alten Ego empfinde ich nichts für sie, außer ein wenig Mitleid vielleicht. Und vielleicht sollte ich ihr noch mehr Kummer mit mir ersparen und die Beziehung beenden. Nur wie? Am Telefon? Das macht man nicht, das ist nicht fair. Doch mit ihr treffen? Dafür fühle ich mich nicht bereit, nicht mal ansatzweise. Na gut, es ist nicht so, dass ich selbst noch keine Freundin gehabt und schlussgemacht hätte, aber… die Frauen kannte ich persönlich! Nicht bloß vom Telefonieren.

Nach ein paar Minuten, in denen ich das Tagebuch nur angestarrt habe, nehme ich es wieder zur Hand. Das Foto würde ich ja schon gerne sehen. Ich vermute, Heidi hat es gemacht, wenn sie doch schon so gut fotografieren kann. Ist ja irgendwie naheliegend, doch zwischen den Seiten liegt nichts, stattdessen ganz hinten im Buch. Es sind zwei Fotos.
Auf dem ersten lehnt mein jüngeres Selbst lachend an einem Baum. Man kann sehen, dass es ungewohnt ist, die Pose wirkt etwas unnatürlich im Vergleich zum Lachen. Es muss ein warmer Tag gewesen sein. T-Shirt und Sonnenbrille sprechen dafür, Jeans und Sportschuhe nicht. Doch wenn wir uns erst im August getroffen haben… Vielleicht ist das Bild auch gar nicht Mitte des Monats aufgenommen worden... Ein Datum steht zumindest nicht drauf. Was mir jedoch wirklich auffällt, sind die längeren und unverkennbar gestylten Haare. Es stimmt schon, wie ein Schuljunge sehe ich auf dem Bild nicht aus.
Das zweite ist deutlich privater und ich meine, den Teppich aus dem Wohnzimmer darauf zu erkennen – sofern es immer noch derselbe ist wie vor zwei Jahren. Da kann ich nicht sicher sein. Auf jeden Fall zeigt es sie und mich zusammen. Ihre Haut ist ganz bestimmt noch nicht solariumsbraun und ihre Haare sind strohblond, eine Strähne hat mein jüngeres Ich sich um die Finger gewickelt. Wir lachen beide in die Kamera als gäbe es kein Morgen, es ist unmissverständlich, dass wir in diesem Moment rundum glücklich gewesen sein müssen. Das kann man einfach nicht spielen – und sie tut mir nur noch mehr leid.

Kopfschüttelnd lege ich die Fotos zurück, das Buch wieder in den Karton und räume den Schrank sorgfältig ein. Es ist klar, dass ich etwas tun, diese Angelegenheit klären muss. Ich liebe sie nicht. Im Grunde genommen wäre sie mir egal, wenn sie mich nicht so wütend und scheinbar auch enttäuscht angerufen hätte. Einen Rat könnte ich jetzt gut gebrauchen. Oder wenigstens einen Wink mit dem Zaunpfahl in die richtige Richtung. Einfach irgendwas, das mir auf die Sprünge hilft, denn unter solchen Umständen habe ich noch nie schlussgemacht.

*** ~~~ ***


Romains POV

›Hab ich das richtig mitgekriegt, dass du mir und nicht Kimi beim Foto die Hand auf die Schulter gelegt hast?‹

Sebastians Frage treibt mir einen Hauch Verlegenheitsröte in die Wangen. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen? Es war schon schlimm genug, fürs Foto so dicht an ihn herantreten zu müssen. Zumindest für mich. Ich kann ihn nicht berühren, ohne daran zu denken, wie er mich berührt hat. Oder in seiner Nähe sein, ohne dass er meine Sinne benebelt. Ich kann bei einem dritten Platz nicht wie bekifft grinsend in die Kamera schielen, weil mein Hirn mir vorgaukelt, wie warm und samtig sich Kimis Haut unter meinen Fingern anfühlen würde, wenn er nackt wäre.

„Ja“, antworte ich leise, „Aber er hat’s nicht gemerkt, denke ich.“

›Bist du sicher?‹

„Du kennst ihn doch, Sebastian. Es wäre ihm egal, selbst wenn er’s gemerkt hätte.“

›Auch wahr, wie war’s das Wochenende über eigentlich zwischen euch?‹

„Sagen wir doch, er hat seinem Spitznamen alle Ehre gemacht und ich habe mich dem angeschlossen.“

›Also das ist ihm wiederum aufgefallen. Er hat’s gestern zumindest erwähnt.‹

„Wirklich?“ Es gelingt mir nicht, die Überraschung aus meiner Stimme zu verbannen. Ich bin felsenfest davon ausgegangen, dass er von solchen Veränderungen keinerlei Notiz nimmt, weil sie ihm das Leben aus seiner Sicht wieder angenehmer machen und er sich ungestört auf das konzentrieren kann, was ihm Spaß macht, worauf er Wert legt.

›Ja, und ich würde sagen, wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn ihm sowas auffällt und er’s ausspricht, dann will das schon was heißen.‹

„Und wie soll es jetzt weitergehen?“, will ich wissen. Das ist doch das Wichtigste und es würde mich wundern, wenn es für Sebastian etwas anderes wäre. Nach meinem Empfinden würde das nicht zu seinem Ehrgeiz passen.

›Du machst ganz unverändert weiter. Kimi wird sich schon bei dir melden, wenn’s ihm zu bunt wird.‹

Oh ja, das wird er allerdings. Da kann er ziemlich direkt sein – und genau das macht mir im Moment Sorgen. Das Risiko, dass ich es dann in den Sand setze, ist hoch. Und wenn das passiert, dann hat Sebastian sich die Mühe umsonst gemacht, vielleicht sogar seine Freundschaft aufs Spiel gesetzt. Ich könnte mir das nie verzeihen.

„Und was soll ich dann tun? Irgendwas Bestimmtes?“

Ich höre, wie Sebastian tief Luft holt, bevor er antwortet: ›Ich weiß nicht, aber hatte er nicht gesagt, du sollst dich zusammenreißen und deine Arbeit machen?‹

„Ja, sowas in der Art.“

›Gut, dann sag ihm einfach, dass du nur tust, was er wollte, dass du tust.‹

„Nur das?“, hake ich nach.

›Ja, genau.‹

„Ich denke nicht, dass er sich damit abspeisen lassen wird, Sebastian.“

›Aber er wird dich auch nicht außerhalb eines Rennwochenendes ansprechen, oder?‹

„Nein.“ Das wär’s ja noch! Weniger untypisch könnte er sich mir gegenüber zurzeit nur schwerlich verhalten. Das steht fest.

›Dann kannst du Arbeit vorschieben und gehen. Wird er dir kaum ’nen Strick draus drehen können, nach dem, was er gesagt hat.‹

„Und wenn er das doch tut?“

›Fragst du ihn einfach, ob er überhaupt weiß, was er will. Das müsste ihm zu denken geben. Aber ich glaube nicht, dass er das tun wird. Mach dir deswegen also keine Gedanken.‹

„In Ordnung.“

›Und sollte ich mitkriegen, dass er was plant, melde ich mich bei dir.‹

***


Dabei ist es eigentlich nicht in Ordnung. Ich wüsste zu gerne, was Sebastian tut, aber ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen. Die ganze Angelegenheit war seine Idee und ich bin ehrlich gesagt schon froh, dass er sich überhaupt die Zeit nimmt, sich damit zu beschäftigen. Er müsste das nicht tun. Immerhin scheint Kimi ja keinerlei Probleme zu haben und mit ihm ist er befreundet, nicht mit mir.

Nachdenklich lege ich das Mobiltelefon wieder aus der Hand. Vielleicht sollte ich aufhören, in meiner Freizeit darüber nachzudenken. Sebastian scheint seine Fäden schließlich fest in der Hand zu haben, unabhängig davon, ob ich weiß, was er tut oder nicht. Es könnte sogar besser sein, dass ich nichts weiß. Aber das weiß ich ja auch nicht. Im Grunde genommen weiß ich nichts.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich lasse mich im Wohnzimmer auf die Couch fallen, suche Max’ Nummer raus und rufe ihn an. Mit irgendjemandem muss ich sprechen und was läge da näher als seinen besten Freund anzurufen? Na gut, früher hätte ich für sowas Joakim als Gesprächspartner bevorzugt, aber das wäre jetzt wohl keine gute Idee.
Mit dem Smartphone am Ohr lasse ich mich nach hinten sinken und warte. Naja, es würde mich irgendwie nicht wundern, wenn Max nicht abnehmen würde. Es ist immerhin schon nach acht Uhr abends. Vielleicht macht er sich einen schönen Abend mit Chloé. Er hat es da viel leichter als ich, immerhin wohnen sie zusammen. Naja, vielleicht sollte ich einfach wieder auflegen und es morgen noch mal -

›Hi Rune!‹

Hat er gerade meinen Namen gesagt?! Das ist das erste Mal, dass er das tut, glaube ich, aber es könnte auch sein, dass ich mich gerade jetzt nicht an ein weiteres Mal erinnere, weil ich mich zu sehr daran gewöhnt habe, dass er mich Vogel nennt.

„Hei, stör ich?“

›Nein, ach was. Du bist pünktlich wie immer. Also, wie sieht’s aus? Wann hast du deinen Simulator-Tag?‹

„Sie haben mir ganz einfach den Plan gegeben, den Pastor eigentlich hatte, also Montag“, antworte ich, „Heißt, wir können alles so machen, wie geplant.“

›Super! Aber diesmal bitte ein Mietwagen mit Navi, Vogel.‹

„Ja.“ Einen ohne hätte ich sowieso nicht genommen. Das muss ich mir kein zweites Mal geben, was mein altes Ego da angestellt hat. Es hat sich auf dem Weg zu Max’ Haus völlig verfahren. So schlimm, dass der Linksverkehr das kleinste aller Probleme gewesen war. Und Max hatte diese Geschichte während des Rückflugs aus Japan zum Besten gegeben, nachdem Jules ihn nach einem verwirrenden Erlebnis aus dem Vorjahr gefragt hatte. „Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, es diesmal auch ohne hinzukriegen.“

›Bitte nicht!‹ Es hört sich fast wie ein verzweifelter Aufschrei an. ›Ich habe doch schon ein halbes Dutzend Filme rausgesucht.‹

Er bringt mich zum Lachen: „Okay, auf jeden Fall mit Navi und ich ruf dich an, sobald ich die Schlüssel habe.“

›Das ist - Ah, Chloé fragt grad, ob du noch mal ’ne Packung von diesen Reiscrackern mit Dill mitbringen kannst.‹

„Klar, kein Problem. Sonst noch was?“ Mich hat noch nie jemand gefragt, ob ich ihm irgendwelche schwedischen Lebensmittel mitbringen kann und jetzt finde ich es eher amüsant als nervig. Ich muss morgen ohnehin einkaufen gehen, also passt das sogar.

›Wart mal kurz.‹

Ich höre, wie er seine Freundin fragt. Ihre Antwort auch, aber die verstehe ich nicht. Dafür ist sie wahrscheinlich zu weit weg. Aber ihre Stimme klingt schon mal nett. Das beruhigt mich ein wenig.

›Sie möchte mit einer anderen Geschmacksrichtung überrascht werden – egal, was für eine.‹

„In Ordnung.“ Eine mit Dill und eine mit… Ich glaube, es gab da noch welche mit Schnittlauch. Das könnte passen. Wenn sie die mit Dill mag, kann man mit einer Sorte mit anderen Kräutern nicht viel falsch machen.

***


Einerseits ist es gut, dass ich mit Max geklärt habe, was eigentlich kaum einer Klärung bedurft hätte. Immerhin übernachte ich seit letztem Jahr regelmäßig bei ihm, wenn ich Termine im Werk in Grove habe. Für uns ist das eine zusätzliche Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen, die Freundschaft zu pflegen. Doch andererseits habe ich darüber vergessen, ihn um Rat in der Sache mit Heidi zu fragen. Es ist einfach untergegangen, als er erzählt hat, welche Filme er rausgesucht hat. Irgendwie muss man sich zwei Abende ja vertreiben, wobei ich dem zweiten eher mit gemischten Gefühlen entgegensehe. Immerhin fliegen Max und ich am Dienstag schon in die USA und am Montag muss er nach Woking, weil Marussia keinen eigenen Simulator hat und deswegen den im McLaren-Werk nutzt.

*** ~~~ ***


Jean-Érics POV

Charles ist verrückt. Das gibt er auch offen zu – verrückt nach mir. Dummerweise hat er das genauso plötzlich rausgehauen wie das Fick mich in Abu Dhabi. Deswegen komme ich gerade mit einem neuen Smartphone aus der Stadt zurück. Das alte hat Dank meiner Überraschung einen beeindruckenden Gang über den Jordan hingelegt und ich weiß jetzt, dass Smartphones und Toiletten nicht unbedingt beste Freunde sind.
Leicht kopfschüttelnd steige ich aus dem Auto, schließe die Tür und es ab und gehe zur Haustür. Eigentlich wollte ich mir heute einen gemütlichen Tag machen, nachdem mein Physio beschlossen hat, mir einen freien Nachmittag zu gönnen. Aber dann hat Charles angerufen… So viel zur freien Zeit! Ich krame den Schlüsselbund aus der Hosentasche und beginne die Suche nach dem richtigen Schlüssel. Vielleicht sollte ich sie doch mal alle irgendwie kennzeichnen…

„Da bist du ja endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr wieder.“

Vor lauter Schreck lasse ich den Schlüsselbund fallen statt Charles zu begrüßen, der gerade auf den Hof geschlendert kommt, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, hier mit einer Reisetasche über der Schulter aufzutauchen.

„Wo hast du gesteckt?“ Er lässt die Tasche neben den Schlüsseln auf den Boden fallen und grinst mich an.

-Die Frage sollte eher heißen: Was machst du hier?-, gebe ich, noch immer perplex, zurück.

-Sprechen wir jetzt Französisch?- Er zieht die Augenbrauen in gespieltem Erstaunen nach oben und ich seufze leise:

-Ja, sieht so aus.-

-Wir könnten auch noch ein paar andere Sachen französisch machen.-

-Ich geb dir gleich Französisch, wenn du nicht aufhörst, sowas hier draußen laut zu sagen-, zische ich. Auf dem Fußweg schiebt gerade eine Frau einen Kinderwagen vorbei und Charles ist nun wirklich nicht so leise, dass keine Gefahr bestünde, dass sie oder sonst irgendjemand etwas aufschnappt.

Doch Charles grinst weiterhin nur: -Oh, tu dir nur keinen Zwang an, Jean. Aber wir hätten im Übrigen kein Problem, wenn du endlich aufschließen würdest, das weißt du, oder?-

Wo er recht hat… Zähneknirschend bücke ich mich nach dem Schlüssel und er sich nach seiner Tasche. Augenblicke später stehen wir im Hausflur und Charles schließt die Tür hinter uns. Seine Tasche landet wieder auf dem Boden. Also besonders feinfühlig geht er nicht mit seinen Sachen um.

-Und jetzt könntest du mir mal sagen, was du eigentlich hier machst-, verlange ich, nachdem Charles seine Schuhe neben meine gestellt hat und ich meine Jacke an die Garderobe gehängt habe.

Er zuckt mit den Schultern. -Meine Wiedergutmachung einfordern.-

-Du willst mir nicht ernsthaft sagen, dass du dafür unter der Woche durch halb Frankreich fährst?-

-Wieso denn nicht? Du hast gesagt, du hättest heute Nachmittag frei und ich hab morgen noch ’nen Termin in Paris. Passt doch.-

-Du bist verrückt-, seufze ich leise. Wirklich total verrückt – obwohl’s eigentlich vernünftig ist, die Strecke nicht zweimal an einem Tag zu fahren. Aber es ist verrückt, hier einfach aufs Geratewohl aufzutauchen.

-Ich weiß. Und als du das zum letzten Mal zu mir gesagt hast, hat es dein Smartphone nicht überlebt. Du solltest vorsichtiger sein.- Er zwinkert mir zu und kommt näher. Eine Jacke hat er nicht an. Die war wohl überflüssig, weil er im Auto gewartet hat, bis ich zurück war. Naja, bei diesem Wetter, den immer wieder einsetzenden leichten Regenschauern, eine gute Entscheidung. Es ist eben schon November… Charles’ Hand schleicht sich warm unter mein Shirt, doch nur für einen kurzen Augenblick, denn dann spaziert er einfach an mir vorbei und auf direktem Weg ins Wohnzimmer. Gerade so, als sei er hier zuhause, nicht ich.

Ich folge ihm langsam, sehe noch, wie er sich aufs Sofa setzt und die Beine ausstreckt und dann mit der linken Hand seinen Pullover ein Stück nach oben zieht. Doch sein Blick hängt dabei unverwandt an mir.

-Weißt du…-, beginnt er, -… die Fahrt war ziemlich lang und im Wagen ist die Heizung kaputt.- Er zieht einen hinreißenden Schmollmund.

Heizung kaputt? Das ist eine glatte Lüge, da bin ich mir sehr sicher, aber bitte, ich werde bestimmt nicht noch mal rausgehen, um mich davon zu überzeugen. Stattdessen betrete ich mein eigenes Wohnzimmer, nähere mich dem Sofa und murmle ein leises: -Und was soll ich da jetzt tun?-

-Du könntest mich wieder aufwärmen-, schlägt er vor und spreizt leicht die Beine. -Ich hab gehört, Französisch soll da wahre Wunder wirken.-

Na warte! Das Spiel kann man auch zu zweit spielen!

-Was wird dann aus der Wiedergutmachung? Du glaubst doch nicht wirklich, dass du noch kannst, wenn ich erst mal mit dir fertig bin, oder?-, hake ich nach.

Charles lacht leise und das Geräusch jagt mir einen heißen Schauer über den Rücken, der sich ohne, dass ich etwas dagegen tun könnte, in meinen Lenden niederschlägt. Offenbar sind wir beide verrückt.

-Überschätz dich nicht-, flüstert er dann und im nächsten Moment öffnet er den Knopf seiner Jeans. Biest, schießt es mir noch durch den Kopf, aber dann knie ich mich zwischen seine Beine. Er hat es nicht anders gewollt…

*** ~~~ ***


Runes POV

Natürlich kann ich Max jetzt nicht noch mal anrufen. Das geht nicht. Seufzend stehe ich nach einer Weile auf, lasse das Smartphone auf dem Couchtisch liegen und gehe wieder nach oben. Dort hole ich den Karton erneut aus dem Schrank und nehme die Notizbücher für das Jahr 2010 heraus. Na gut, eigentlich sollte ich Claire anrufen, doch das kann auch bis morgen warten und mittlerweile ist es so spät, dass es sich wirklich nicht mehr gehört, noch irgendwo anzurufen, auch bei seiner Managerin nicht.

Das erste Buch beginnt mit Aufzeichnungen aus 2009, die ich anstandslos überspringe, doch es bringt nicht viel, denn bei denen für 2010 finde ich nichts über irgendeine Bar. Absolut rein gar nichts, sodass ich das Buch etwas frustriert in den Karton zurücklege und mir dann das zweite vornehme. Es ist der Vorgänger von dem, was ich vorhin in der Hand hatte. Aber wieder muss ich lange blättern, sehr lange, bis das Wort Bar Ende Dezember, am 29., um genau zu sein, auftaucht:

Da ist diese Bar in Kungsholmen…

Okay, alles klar! Ich glaube, ich weiß, woher der Wind weht und fast muss ich lachen. Es scheint wohl Dinge zu geben, die ein Flaschengeist nicht ändern kann oder die sich selbst in Paralleluniversen nicht ändern.

Es hat so viel Überwindung gekostet, da reinzugehen, das kannst du dir nicht vorstellen. Aber es ist alles halb so schlimm. Niemand hat mich angefasst oder so, ich bin mir nicht mal sicher, ob mich überhaupt jemand bemerkt hat, also jemand außer dem Barkeeper. Der musste das aber, weil ich ja was zu trinken bestellt habe, also…

Das kann doch nicht wahr sein! Nur noch mit Mühe kann ich mir das Lachen verkneifen. Scheinbar habe ich einen bemerkenswerten Hang zu Barkeepern.

…ich hatte keine Eile. Warum auch? Auf mich hat ja wie immer nur ein leeres Haus gewartet. Klar, ich hätte auch einfach noch ein bisschen in der Gegend rumfahren können, jetzt, wo ich das alleine darf, aber mir war nicht danach zumute. Autofahren langweilt mich. Es ist irgendwie zu langsam und ich will mir nicht so kurz nach meinem Geburtstag schon eine Geldbuße einfangen. Deswegen bin ich so lange geblieben, bis ich der letzte war, der noch da war. Ich hab mich irgendwie wohlgefühlt. Es tut so gut, wenn da nur Menschen sind, die sich unterhalten, die irgendwas tun. Ich wünschte, das wäre zuhause auch so. Besonders an Weihnachten, aber… Ich brauche es nicht zu wiederholen, oder? Du weißt das längst, Erik. Und was ich eigentlich erzählen will: Der Barkeeper kam dann zu mir und fragte, ob ich neu wäre. Ich hab genickt und er hat gesagt, er wolle jetzt schließen. Da war’s irgendwann morgens, glaub ich. Auf die Uhr geschaut hab ich nicht. War ja sowieso egal. Wenn man alleine ist, interessiert es niemanden, wann man nach Hause kommt. Ich hab okay gemurmelt, bezahlt und meine Jacke genommen. Aber als ich dann bei der Tür war, hat er gefragt, ob ich noch mal wiederkommen würde. Ich hab gesagt, vielleicht. Und er dann, dass es eine Silvesterparty geben würde, das solle ich mir mal überlegen. Es sei jedes Jahr sehr nett. Und ich denke, ich werde da echt hingehen. Sonst sitze ich ja doch wieder nur zuhause herum.

Silvester also. Eilig blättere ich bis zum ersten Eintrag des neuen Jahres weiter:

03. 01. 2011
Hej Erik,
was ich dir jetzt erzähle, das darfst du unter gar keinen Umständen weitersagen. Niemand darf davon wissen, kleiner Bruder, absolut niemand! Sonst kann ich die Karriere als Rennfahrer sofort vergessen.
Erst einmal tut es mir leid, dass ich erst jetzt wieder schreibe, aber ich bin heute Mittag erst wieder zurückgekommen. Ja, ich weiß, dass ich Silvester weg bin und es ist irgendwie auch nicht okay, tagelang einfach so wegzubleiben, aber es war ja niemand hier, der es hätte bemerken können, also… Ich bin zu dieser Silvesterparty in Kungsholmen gegangen und es war echt super. Das war das beste Silvester seit Jahren. Der Barkeeper, er heißt Markus, hat mir ein paar Leute vorgestellt, sodass ich nicht wieder allein dagesessen habe. Ich hab mich so wohl gefühlt. Alle waren nett zu mir und ich musste nicht allein sein. Aber ich hab auch ziemlich viel getrunken und das war nicht so gut, weil jetzt erinnere ich mich gar nicht mehr daran, wie es nach den ersten Minuten im neuen Jahr weitergegangen ist.
Das erste, was ich wieder weiß, ist, dass ich in Markus’ Bett aufgewacht bin – mit einem schrecklichen Kater! So konnte ich unmöglich zurückfahren, hat er gesagt und damit hatte er sicher recht. Ich hab mich noch zweimal übergeben müssen und das war mir echt peinlich, aber Markus hat gesagt, das wäre nicht so schlimm. Er hätte auch besser aufpassen können, dass ich nicht so viel trinke, wo ich doch grad erst achtzehn geworden bin. Er hat auf meinen Ausweis geschaut, weil er wenigstens wissen wollte, wer bei ihm übernachtet. Finde ich in Ordnung, aber als er es mir gesagt hat, da war es mir egal. Ich konnte die Augen kaum offenhalten wegen der Kopfschmerzen und bin dann auch wieder weggedämmert. Als ich dann wieder wachgeworden bin, saß er neben mir auf dem Bett, der Fernseher lief und ich hatte ein kaltes, feuchtes Tuch auf der Stirn. Er hat mir was zu essen aufgenötigt, irgendwas mit Fisch, ich weiß nicht, was es war. Meine Geschmacksnerven waren irgendwie betäubt. Und ich musste noch fast einen Liter Wasser trinken. Aber wirklich gut ging es mir dann auch nicht. Ich glaube, ich werde nie, nie wieder so viel Alkohol trinken!

Freudlos lache ich auf. Der Vorsatz hat ja nicht besonders lange gehalten.

Markus hat gefragt, ob es okay ist, wenn er im Bett liegenbleibt. Ich hab ja gesagt. Ich glaube, das hatte er die Nacht davor auch schon gemacht, also war es egal. Er hat mich in den Arm genommen. Es hat sich gut angefühlt, so mit Kribbeln im Bauch und so. Und als ich dann wieder aufgewacht bin, haben wir immer noch so dagelegen, aber der Fernseher war aus. Ich konnte seinen Herzschlag hören. Aber ich glaube, ich habe ihn da geweckt, als ich mich bewegt habe. Jedenfalls hat er dann angefangen, mir über den Kopf zu streichen und dann über den Rücken. Ich fand es schön. Und dann hat er mich geküsst. Einfach so. Okay, eine Bar in Kungsholmen, ich weiß, aber ich wollte das so. Ich wollte unbedingt wissen, ob ich… schwul bin. Du darfst das niemandem sagen, Erik. Hörst du? Niemandem! Weil wir haben dann gestern noch Sex gehabt.

Hölle, verdammt! Ich kann nicht mehr, drücke das Buch gegen meine Brust und lasse mich lauthals lachend zur Seite kippen. Ist nicht so schlimm, weil ich sowieso schon auf dem Fußboden saß. Das ist einfach zu goldig! Das soll mein erstes Mal mit einem Mann gewesen sein? Mit einem Barkeeper namens Markus am zweiten Januar 2011? Hölle, so genau wollte ich das eigentlich nicht wissen. Okay, eigentlich ist es auch gar nicht so genau, ganz im Gegenteil. Es ist total verschämt und ich kann mein jüngeres Ich mit hochrotem Kopf  vor dem Buch sitzen und sich diese paar Wörter abringen sehen. Es ist zum Schreien komisch! Sollte ich ihm je begegnen, dann muss ich ihm unbedingt erzählen, mit wie vielen Kerlen ich in meinem alten Universum was hatte. Es würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt kriegen. Ich bekomme jedoch erst mal Seitenstechen und Bauchschmerzen vom Lachen.



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