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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 3.950
 
A/N: Danke an Pericoloso, Madrilena, Balalaika, Silvana, Tracy89, ShadowOfTheDay, Sternengrau und Tiefseentraum!






Kapitel 23 – Startschwierigkeiten


Runes POV

Es ist neun Uhr morgens und ich tapse mit der Zahnbürste im Mund aus dem Bad, um mein Smartphone einzusammeln, dass gerade mit einem nervtötenden Klingeln nach Aufmerksamkeit verlangt. Zum zweiten Mal an diesem Morgen. Aber beim ersten konnte ich wirklich nicht rangehen, weil triefend nass durch ein Hotelzimmer zu laufen ist dann doch eine Spur zu viel des Guten. Wenn man sich die Zähne putzt, ist das noch was anderes, finde ich. Mal ganz davon abgesehen, dass ich um diese Zeit wirklich mit keinem Anruf gerechnet habe.
Mit der freien Hand nehme ich das Telefon vom Tisch und werfe einen Blick aufs Display. Charles. Okay, das kommt ein bisschen überraschend. Ich dachte, wir hätten gestern mit meinem halbwegs unfreiwilligen Outing alle Fronten geklärt, und seinen Tipp konnte er auch noch rechtzeitig abgeben. Also gehe ich wohl besser mal dran. Könnte wichtig sein.

„Hi“, melde ich mich und merke gleich, dass es sich mit dem Mund voller Schaum nicht so gut spricht, obwohl ich die Zahnbürste noch rausgenommen habe.

›Hi, guten Morgen. Hab ich dich geweckt? Du hörst dich so verschlafen an.‹

„Wasch? Nö, isch bin schon länger wach.“

›Das war jetzt nicht sehr überzeugend.‹ Charles klingt auch äußerst skeptisch, das lässt sich nicht leugnen.

„Isch verschuch nebebei noch, die Schähne schu putschen“, erkläre ich.

Er beginnt zu lachen: ›Dann mach das bitte erst fertig, ich warte auch solange.‹

„Okay“, nuschle ich, lege das Mobiltelefon auf den Tisch zurück und verschwinde für eine knappe Minute noch mal im Bad. Als ich dann zurückkomme und mir das Smartphone wieder ans Ohr halte, höre ich Charles immer noch kichern.

„Wieder da“, melde ich mich.

›Das ging schnell‹, gluckst er, ›Machst du das eigentlich häufiger, so ans Telefon gehen?‹

„Nö, nur wenn’s grad in Reichweite ist.“

›Wanderst du beim Zähneputzen auch immer rum?‹

„Gelegentlich, also wenn das Telefon klingelt oder so“, räume ich ein, „Aber du rufst doch nicht an, um mich zu meinen Zahnputzgewohnheiten zu befragen, oder?“

›Nein, aber das ist lustig.‹

„Du könntest eine Telefonumfrage draus machen.“

›Mit allen Fahrern und Testfahrern oder soll ich diverse Teammitglieder auch noch befragen?‹

„Mach keinen Scheiß, Charles, die kommen sich noch verarscht vor.“ Irgendwie komme ich mit seinem Humor nicht ganz zurecht. Aber wenn ich da so an den schwedischen König Magnus Eriksson denke… Der hat sich Hundertjährigen Krieg auch auf die Seite von Edward III. geschlagen und nicht auf die der Franzosen. Vielleicht ist das also historisch bedingt, dass ich mich Max bisher am besten verstehe…

›Ja, das macht doch nichts, Rune. Ich meine, willst du denn gar nicht wissen, was ein Mark Webber beim Zähneputzen macht? Oder ein Fernando Alonso?‹

„Nein, ich glaube nicht, dass ich das wissen will. Oder könntest du gegen die dann noch Rennen fahren, wenn du das wüsstest? Ich würde bestimmt jedes Mal anfangen zu lachen und die Kontrolle übers Auto verlieren.“

›Dafür müsste ich erst mal ein Auto haben, dass an Red Bull und Ferrari rankommt‹, erwidert er trocken, ›Aber ich verstehe dein Argument.‹

„Danke, nur könntest du mir jetzt bitte sagen, weshalb du -“ Energisches Klopfen an der Tür lässt mich kurz innehalten und die Augen verdrehen.

›War das grad bei dir?‹

„Ja, wird Joakim sein, so von der Zeit her.“ Ich gehe zur Tür, öffne und lasse meinen Physio rein, sonst würde er eh gleich wieder klopfen und das muss ja nicht sein. So sieht er wenigstens, dass ich beschäftigt, aber ansonsten schon fertig bin. „Also noch mal, weshalb rufst du an?“

›Leider nicht wegen dieser tollen Zahnputzgewohnheitsumfrage‹, lacht Charles und wird dann ernst, ›Jean und ich, wir wollten dich da gestern nicht zu ’nem Outing zwingen. Tut uns leid, echt. Und… und wir sagen’s natürlich nicht weiter, nur, dass du’s weißt.‹

Joakim schließt die Tür hinter sich und mustert mich so skeptisch, dass es mir fast unangenehm ist. Dann tippt er gegen die Uhr an seinem Handgelenk. Ups, ist es doch schon so spät, dass wir uns beeilen müssen?

„Macht euch mal keinen Kopf deswegen“, sage ich zu Charles, „Vielleicht ist’s noch zu irgendwas gut und es ist ja weiter nichts passiert.“

›Wir könnten uns doch mal zusammensetzen. Wenn wir jetzt schon drei Ausnahmen sind, sollten wir auch zusammenhalten, oder?‹

„Ja, stimmt schon“, antworte ich, „Sollten wir wirklich bald mal machen, nur absprechen müssen wir das leider wann anders, ich bin irgendwie wieder spät dran.“

›Ist okay, bis nachher, Rune.‹

„Bis dann“, erwidere ich noch, aber da tutet es im Telefon bereits.

«Wer war das denn?» Joakims Frage kommt wie aus der Pistole geschossen, sobald ich das Smartphone weggelegt habe, um mir Schuhe anzuziehen.

«Charles», antworte ich knapp.

«Wegen eures illegalen Glücksspiels?»

«Ja, er hat ein bisschen Schiss zu verlieren und wollte mich nur noch mal motivieren.»

«Rune, manchmal bist du ein Spielkind, aber Hauptsache, du verstehst dich überhaupt mal gut mit gleich so vielen Kollegen. Da fällt mir ein Stein vom Herzen.»

Ich muss lachen – obwohl es nicht zum Lachen ist. Ganz und gar nicht eigentlich, nur jetzt ist das wohl nicht mehr so wichtig, weil sich alles irgendwie verändert hat. Weil ich hier bin und nicht mehr mein altes Ego.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Wunderbar. Endlich ist es mal von Vorteil, dass im Mikrokosmos Formel 1 Dinge so schnell weitererzählt werden, wenn man sie nur den richtigen Leuten in die Zähne hängt. Eigentlich ist das ja nicht meine Art, ich bin nicht mal ein Freund von solchem Verhalten, nur erfordern außergewöhnliche Umstände hin und wieder ungewöhnliche Maßnahmen und solange es nicht zur Gewohnheit wird… Außerdem gibt es Schlimmeres, als die Wahrheit zu sagen. Ich bin im Grunde genommen auch nicht dafür verantwortlich, wenn jemand das weitererzählt. Das liegt immer im Ermessen des Einzelnen und manche Leute sehen das nun mal nicht so eng wie ich.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass Lindström mit dem Ergebnis wenigstens soweit zufrieden ist, dass er mich diesmal nicht wieder eiskalt abbügelt – auch wenn er nie erfahren sollte, dass ich angezettelt habe, dass Valtteri Ärger bekommt. Das wäre dann wieder kontraproduktiv. Dabei geht es eigentlich nur darum, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sebastian hat gesagt, er würde dann ganz schnell auftauen.

Wer allerdings nicht aufgetaut ist, ist Romain. Der hält sich immer noch überraschend fern von mir, was ich mir nicht recht erklären kann. Aber seiner Performance tut es offensichtlich immer noch gut. Trotzdem irritiert es mich mittlerweile ein wenig. Sollte er nach meinem Verhalten in Japan nicht anders… Aber nein! Wenn wir miteinander zu tun haben, ist er einfach der fröhliche, nette Kerl als den ich ihn kennengelernt habe. Es ist fast so, als hätte es die One Night Stands nie gegeben.

Auch heute.

Als ich ins Motorhome komme, sitzt Romain mit Ayao, seinem Renningenieur, an einem der Tische. Sie besprechen zweifellos etwas, aber nichtsdestotrotz er sieht auf, winkt mir kurz und vertieft sich dann wieder ins Gespräch. Es geht so schnell, dass mir nicht mal Zeit zum Reagieren bleibt. Was soll das?!

*** ~~~ ***


Romains POV

Ich muss seinen Plan nicht durchschauen, hat Sebastian mir gestern Abend noch versichert. Wenn ich einfach so weitermache, wie er sich das gedacht hat, dann wird es funktionieren. Doch es fällt mir schwer, mich heiter und unbeteiligt zu geben, so zu tun, als wäre nie etwas zwischen Kimi und mir vorgefallen – und ich vermisse die gemeinsamen Donnerstagabende. Die am allermeisten. Und seinen fürchterlich trockenen Humor mitsamt dem Sarkasmus.  Irgendwann, das hoffe ich immer noch, werde ich dann auch kapieren, warum Franzosen dabei ständig so gut wegkommen. Bisher bin ich in diesem Punkt offensichtlich einer Fehlinterpretation aufgesessen… Ich könnte Sebastian danach fragen. Der müsste das eigentlich wissen. Vielleicht keine so schlechte Idee. Vielleicht hätte ich sowas viel eher tun sollen. Vielleicht wäre mir diese Art von Funkstille dann erspart geblieben.

Kimi sagt nichts, reagiert nicht mal auf mein Winken. Er geht weiter, obwohl er es genau gesehen haben muss. Wahrscheinlich werden wir nachher wieder zusammen schweigend zur Fahrerparade gehen. Das hat mich letzten Sonntag schon gestört, doch ich weiß nicht, wie ich es ändern, was ich zu ihm sagen sollte.

Mir ist ja nicht mal klar, ob Kimi mein Geständnis als Japan als das erkannt hat, was es war. Ob er überhaupt etwas in dieser Richtung versteht, das man ihm nicht direkt und unverblümt sagt?

„Hörst du noch zu?“ Ayaos Frage schreckt mich auf.

„Nein, entschuldige, ich -“

„Du warst in Gedanken gerade ganz weit weg. Pass bloß auf, dass das nachher nicht passiert“, mahnt er.

*** ~~~ ***


Runes POV

›Box this lap.‹

Andrews Ansage entlockt mir ein genervtes Stöhnen. Ich will nicht! Dann wird das wieder noch wärmer im Cockpit und ich bin mir ziemlich sicher, dass von dem einen Liter, den ich zum Trinken an Bord habe, kaum noch was da ist. Trotzdem drückt mein Daumen wie von selbst den entsprechenden Knopf und ich bestätige seine Ansage. Geht ja nicht anders. Die Reifen fühlen sich auch längst nicht mehr richtig gut an. Noch eine oder zwei Runden mehr, dann büße ich den zehnten Platz eh ein, weil sie zu stark abbauen werden. Und Nico ist im Rückspiegel auch schon bedenklich nahe gekommen…

Ich treffe die Boxengasseneinfahrt nahezu perfekt – das sollte nach den Freitagstrainings auch so sein! –, drücke den Pit Lane Limiter und die Hitze schlägt wie eine Welle über mir zusammen. Sie presst mir mit ungeahntem Druck zum dritten Mal an diesem Abend den Schweiß aus allen Poren. Im ersten Augenblick habe ich sogar das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, doch es legt sich gerade rechtzeitig wieder, um die Markierungen vor der Box zu treffen.

Selbst über die Vibrationen des laufenden Motors hinweg spüre ich alles, die Wagenheber, die Schlagschrauber, einfach alles und das in weit weniger als drei Sekunden. Trotzdem kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich erneut aufs Gaspedal trete. Nach der Standzeit sind sogar die mickrigen achtzig Stundenkilometer eine Wohltat. Endlich wieder ein Luftzug, endlich Fahrtwind!

Stint Nummer 4, Option und noch achtzehn Runden zu fahren.

›P15, Rune, keep pushing to the flag, keep pushing.‹

Ich bestätige nur. Mehr ist nicht notwendig, die Anweisung ist klar, die Strecke vor mir frei. Erst auf der langen Geraden, als ich Zeit habe, erkundige ich mich, nach den Abständen zu den vor und hinter mir fahrenden Autos. Dabei ahne ich schon, dass das im Moment nicht wirklich relevant ist, sonst hätte Andrew etwas gesagt.

›Du bist zehn Sekunden hinter Valtteri und drei vor van der Garde.‹

Okay, um den Caterham muss ich mir keine Gedanken machen, das wird sich ganz von selbst lösen, aber Valtteri auf P14… Das gefällt mir nicht! Er sollte nicht vor mir sein. Erst recht nicht ganze zehn Sekunden, aber er war schon zum dritten Mal an der Box, vor mir, das heißt, meine Reifen sind die frischeren. Das muss ich nutzen, ich muss einfach. Und wenn es mir gelingt, dann… Das Ende der Geraden beendet den Gedanken. Die Kurven verlangen volle Konzentration. Kurzes Durchatmen ist eigentlich erst wieder auf Start-Ziel möglich, doch da muss ich auch einen Blick auf die Boxentafel werfen, nur für den Fall, dass der Funk im Verlauf der kommenden Runde versagt oder in den letzten Kurven schon den Geist aufgegeben hat. Doch verändert hat sich nichts.

Das tut es erst nach Kurve 2, als Andrew wieder funkt: ›Watch out! Grosjean hat van der Garde überrundet. Nächste Runde bist du an der Reihe.‹

Ich bestätige. Dass ich wieder überrundet werde, war sowieso nur eine Frage der Zeit und der Lotus läuft hier wirklich gut. Die Hitze liegt dem Auto, das konnte man die ganze Saison über schon sehen. Trotzdem lasse ich nicht nach. Ich will P14! Um jeden Preis. Und wenn Grosjean mich überrundet… vielleicht kann ich ein paar Meter im Windschatten ergattern. Das könnte mir helfen.

Erneut auf der langen Geraden frage ich nach dem Abstand zu Valtteri.

›Neun Sekunden‹, lautet Andrews Antwort, ›Und Grosjean ist nur noch zwei hinter dir. Achte auf die blauen Flaggen!‹

Wiederholtes Bestätigen, mehr nicht, nur noch ein Blick in den Rückspiegel am Ende der Geraden. Der Lotus kommt näher, in sehr großen Schritten, doch noch ist er zu weit weg, um an mir vorbeizuziehen. Noch… Auf der Boxentafel sind es dann bloß 8,5 Sekunden, die mich von Valtteri trennen. Ich will P14!

›Blue flags, blue flags!‹ Andrews Funkspruch kommt sofort nach Turn 6, Turn 7 nehme ich noch mit, erst dann verlasse ich die Ideallinie, mache den Weg für Grosjean frei. Der Lotus zieht scheinbar mühelos vorbei und ich reagiere zu langsam, um seinen Windschatten richtig zu erwischen. Ärgerlich, doch nicht zu ändern, und auch irgendwie faszinierend, wie schnell der Abstand zwischen ihm und mir wieder wächst, wie groß er bereits am Ende der Geraden ist.

Auf der Boxentafel stehen acht Sekunden Rückstand auf Valtteri. Nicht gut. Ich muss mich mehr anstrengen, mehr aus dem Auto herausholen. Es sind nur noch fünfzehn Runden und ich habe keine Ahnung, wie schwer er mir das Leben machen kann, wie lange es dauern könnte, ihn zu überholen. Mit Hilfe vom Team rechne ich nicht, nicht in dieser Position. Es geht nicht um Punkte, nur um die nackte Position. Zumindest fürs Team, für mich ist es mehr. Ich will P14! Ich will Valtteri schlagen. Ich habe alle Stopps gepackt, ich kann das, Robin hat gesagt, es war nur der Stopp. Und heute haben sie alle gepasst. Max, Esteban und Charles haben auf dieses Rennen gesetzt. P14 ist alles, was zählt.
Ich pushe, verringere den Abstand auf 7,6 Sekunden, auf 7,1. Den letzten frischen Satz Option für den vierten Stint aufzuheben, das war eine gute Strategie. Noch ein bisschen mehr, dann werde ich den Williams vor mir sehen können. Nur ein bisschen mehr…

›Gelbe Flaggen in Sektor 3, ab Turn 13!‹

„Was ist passiert?“ Ich habe gerade Turn 10 passiert und wüsste schon gerne, was mich gleich erwartet. Es würde meine Aufholjagd stoppen, wenn ich mir jetzt noch was ab- oder einen Reifenschaden einfahre.

›Valtteri lost the engine, he lost the engine.‹

Hell yeah! P14 ist meine. Vorerst. In Sektor 3 nun langsam machen zu müssen, bis man Valtteris Auto geborgen hat, ist nicht besonders ideal, aber genauso wenig zu ändern. Man muss es nehmen, wie es kommt. Und mir kommt es ehrlich gesagt entgegen, denn so ist meine Platzierung heute auf jeden Fall besser als die meines Teamkollegen.

Auf der Boxentafel stehen neun Sekunden bis Auto Nummer 15.

***


Mir ist ein wenig schwindlig, als ich aus dem Auto steige. Für die letzten zehn Runden war nichts mehr zu trinken da, dabei klebte mir da die Zunge schon sprichwörtlich am Gaumen und ich brauche zwei Anläufe, um das Lenkrad richtig einzusetzen. In meinem Kopf dreht sich alles, obwohl das Schwindelgefühl nachlässt, als ich auf den paar Metern Fußweg zum Wiegen Helm und Sturmhaube abgenommen habe. Im Vergleich zu vorhin ist es wirklich ein paar Grad kühler geworden und die frische Luft trocknet den Schweiß auf meinem Gesicht. Als ich das Gebäude betrete, wird es noch kälter. Die Klimaanlage muss auf Hochtouren laufen und ich warten, bis ich an der Reihe bin. Und als es soweit ist, habe ich leichte Probleme, den Verantwortlichen über den Lärm von draußen und das Rauschen in meinen Ohren zu verstehen, aber es scheint alles in Ordnung zu sein. Dies Wochenende verschont man mich auch mit dem Dopingtest. Zum Glück! Im Moment weiß ich nämlich nicht, woher das Pipi kommen sollte.

Erst ein kräftiges Schulterklopfen reißt mich aus dem erschöpften Trott.

„Ich würde sagen, ich bin noch im Rennen.“ Jean grinst mich breit an.

„Was?“

„War das kein Motorschaden bei Valtteri?“

„Doch“, antworte ich verwundert. Wie kann er jetzt denn schon wieder an sowas denken?

Er lacht erleichtert: „Glück gehabt, heute wäre das Feiern auch irgendwie schwer geworden, weil wenn er da selbstverschuldet rausgeflogen wäre, hätte das doch gezählt, oder?“

„Keine Ahnung“, gestehe ich, „Das musst du Max fragen. Ich weiß nur, dass es bei was am Auto nicht zählt.“

„Na, dann müssen wir das vor Austin unbedingt noch klären und apropos Austin, Rune, Charles hat gesagt, wir wollen uns da mal einen gemütlichen Abend machen. Wann kommst du an?“

„Äh“, mache ich überrascht, verstehe immer noch nicht, warum Jean mit den Gedanken schon so weit voraus ist. „Am Dienstag, glaub ich.“

„Glaubst du?“ Es klingt ein wenig so, als würde er am liebsten laut lachen.

„Ja, ich brauch erst mal was zu trinken, bevor ich bis dahin klar denken kann“, murre ich – und jetzt lacht Jean doch:

„Alles klar, melde dich einfach, wenn’s soweit ist. Aber bitte nicht mehr heute. Heute, glaube ich, muss ich noch wen trösten.“

*** ~~~ ***


Kimis POV

Ich bin zufrieden, nicht nur mit dem Sieg, sondern mit dem gesamten Ergebnis, dabei hat Romain es ja bis zum Ende nervenaufreibend spannend gemacht, bis er auf P3 war. Und Valtteris Motorschaden ist wie die Krönung meines Plans. Lindströms Laune müsste spätestens das gewaltig gehoben haben, vermute ich. Außerdem hat er für einen Rookie ziemlich vorbildlich Platz gemacht, wenn er überrundet wurde. Andere tun das nicht. Damit hätte ich nach Valtteris Schilderungen nicht gerechnet, wenn ich ehrlich bin, obwohl sich das in Japan und Indien auch schon abgezeichnet hat. Nur da habe ich dem eigentlich keine Beachtung geschenkt. Man kann schließlich nicht jeden neuen Fahrer im Auge haben. Lohnt auch gar nicht, die meisten verschwinden ohnehin wieder in der Versenkung.

Wahrscheinlich wäre es gut, wenn ich Lindström heute noch mal erwischen würde. Doch in der Regel wiederholen sich Ereignisse nicht und Dank der Feierstimmung im Team werde ich das Streckengelände heute ganz sicher nach ihm verlassen. Aber ich könnte Sebastian nach seiner Nummer fragen… Ganz schlechte Idee! Sebastian würde Fragen stellen und es ist fraglich, ob Lindström von so einer Aktion begeistert wäre oder überhaupt rangehen würde. Viele tun das nicht, wenn sie die Nummer nicht kennen.

Vielleicht hätte ich Romain doch fragen sollen, ob wir gemeinsam noch was trinken gehen. Dann würde mir jetzt kein langer Abend im Hotelzimmer drohen, obwohl ich eigentlich erschöpft bin. Ich weiß, dass ich noch nicht einfach schlafen gehen kann. Dafür war der Tag zu seltsam, nein, eigentlich nicht. Der Tag an sich war gut. Romain ist seltsam. Es mutet so an, als hätte jemand unser Verhältnis zueinander auf die Zeit, kurz nachdem wir uns kennengelernt haben, zurückgestellt – das ist seltsam! Denn im Gegensatz zu damals deuten sich jetzt Startschwierigkeiten an. Zwar ist Romain immer noch nett, freundlich und fröhlich, aber…  Da scheint plötzlich eine Distanz zwischen uns zu liegen, die ich nicht erwartet, mit der ich nicht im Geringsten gerechnet habe. Naja, das wird sich schon von selbst wieder legen und wenn es mir nicht schnell genug geht, frag ich ihn halt nach einem Spieleabend. Kann mir nicht vorstellen, dass er das ablehnen würde.

Der Medienrummel hat gewaltig abgenommen. Es ist fast angenehm im Fahrerlager. Die vereinzelten Kameras kann man getrost ignorieren und – dann spielt mir das Schicksal einen Streich.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Rune spinnt!
Jetzt kaut er nicht mehr nur seinem Renningenieur ein Ohr ab, nein, er hat das scheinbar auf die Briefings verlegt. Na gut, an und für sich ist das schon vernünftig, das kann man nicht anders sagen, aber auch irgendwie extrem. Valtteri und der Teil „seiner“ Crew, der dabei war, kamen nach einer Stunde aus dem Raum. Sein Renningenieur besaß die Güte, mir mitzuteilen, dass es bei Rune noch dauern würde. Dabei habe ich mir noch nichts gedacht, bin davon ausgegangen, sie hätten den Motorschaden schon soweit durch, wie’s eben möglich ist und würden jetzt nur noch kurz über die Teile von Runes Rennen sprechen, die für Valtteri nicht unmittelbar relevant sind.

Jetzt, zweieinhalb Stunden später, frage ich mich ernsthaft, was sie noch alles besprochen haben, nachdem Valtteri weg war. So viel kann es doch zu einem vierzehnten Platz nicht zu sagen geben. Im Grunde genommen war das Rennen absolut unspektakulär fürs Team, abgesehen von Valtteris Motorschaden, doch den müssen sie in Grove erst untersuchen, bevor es mehr Informationen dazu gibt.
Rune scheint das alles nicht weiter zu kümmern. Er ist – geduscht, umgezogen, massiert – zweifellos bester Laune und steckt mit der Nase immer noch in irgendwelchen Daten, als wir das Motorhome verlassen. Irgendwie bedenklich, dass sie ihn einfach so machen lassen. Es könnte etwas verlorengehen und einem anderen Team einen entscheidenden Vorteil verschaffen! Und ich muss aufpassen, dass er nicht noch gegen irgendwas oder jemanden läuft. Das sind irgendwie nicht die Startschwierigkeiten, mit denen ich gerechnet habe…

Nach den ersten paar Metern im Fahrerlager kann ich mir eine Frage jedoch nicht verkneifen: «Soll ich fahren?»

Rune sieht nicht mal von der Mappe auf. «Nö, nö, das mach ich schon. Ich bin eh gleich -»

Plötzlich macht er einen Schritt zur Seite, nein, eigentlich hüpft er viel mehr, tritt mir auf den Fuß und lässt fast die Mappe fallen. Reflexartig fasse ich nach seinem Oberarm, um ihn festzuhalten. Ein aufgeschlagenes Knie fehlt ja gerade noch, dabei stolpert er genauso wenig wie er das Gleichgewicht verliert. Stattdessen presst er die Mappe nun gegen die Brust und starrt nach rechts. Mein Blick folgt seinem.

Kimi Räikkönen? Was will der schon wieder? Ich hab zwar keine Ahnung, was Rune letztes Wochenende damit meinte, als er ihm sagte, er solle andere Fahrer fragen, aber er hat ebenso eindeutig und unmissverständlich gesagt, er solle ihn in Ruhe lassen! Was soll das jetzt also?
Und Rune scheint von dieser Begegnung genauso wenig angetan zu sein wie ich. Die Art, wie er die Schultern strafft, als Räikkönen etwas auf Finnisch zu ihm sagt, verrät es. Wenn Rune das so tut wie jetzt, ist es nie ein besonders gutes Zeichen – auch heute nicht, denn er unterbricht den Lotus-Piloten kühl:

„Was soll das werden, wenn’s fertig ist?“

Doch Räikkönen verzieht keine Miene, antwortet wieder auf Finnisch. Es mutet an wie ein abgekartetes Spiel und zu meiner Überraschung entspannt Rune sich leicht, legt den Kopf ein wenig schief. Kann es sein, dass er… Bitte nicht! Nicht lächeln, nicht diesen süffisant behafteten Ton anschlagen, bitte! Das endet nur wieder in einer Katastrophe, weil niemand damit rechnet, dass dieser zugegeben niedliche und kindliche Ausdruck auf seinem Gesicht nur Fassade ist.

Diesmal wartet er mit seiner Antwort, bis Räikkönen ausgesprochen hat: „Nö, heute arbeite ich noch. Aber falls du bis morgen keinen anderen gefunden hast, kannst du ja noch mal fragen kommen.“

Im nächsten Augenblick drückt Rune mir die Mappe in die Hand und geht. Er wirft keinen Blick zurück. Ich schon. Es irritiert mich, was er tut. Der süffisante Tonfall ist tatsächlich ausgeblieben. Die zweite Erwiderung war genauso kühl wie die erste und abgesehen vom etwas flapsigen Anfang klang sie sehr gleichgültig. Aber das ist es ihm nicht, denn als ich wieder zu ihm aufgeschlossen habe, zischt er leise:

«Was denkt der eigentlich, was ich bin? Ein Hund?!»

Ich ziehe es vor, nicht zu antworten.

*** ~~~ ***


Kimis POV

So viel zu guter Laune. Das war ein totaler Reinfall. Ich sollte Lindström wahrscheinlich nicht mehr nach einem Rennen ansprechen. Offenbar ist er da nicht nur noch auf Adrenalin sondern auch etwas schreckhaft.

Jedenfalls war es keine gute Idee, ihm einfach auf die Schulter zu klopfen. Und auch nicht, ihm vorzuschlagen, zusammen was trinken zu gehen. Eigentlich hätte ich mir gleich denken können, dass er das falsch auffassen würde, aber ich bin irgendwie davon ausgegangen – nach dem, was ich über ihn gelesen habe – dass er nicht Nein sagen würde, dass wir uns in dieser Hinsicht ähnlich wären. Tja, da sieht man mal wieder, wie gut die Presse doch informiert ist…

Ich ignoriere Marks fragenden Blick, auch wenn ich weiß, dass das nicht mehr lange gutgehen wird. Er wird mich fragen, warum ich mit Lindström sprechen will und warum der mich – für sein Verständnis – so kryptisch abbügelt. Ich hasse das Gespräch, das darauf folgen wird, bereits jetzt.



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