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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
02.07.2013 4.892
 
A/N: Danke an Pericoloso, Evening Star, Madrilena, Tracy89, Captains Sah, Balalaika, Tiefseentraum, Silvana und Sternengrau (5x!).

Anmerkung: An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass die Rennereignisse und Ergebnisse ausnahmslos erfunden sind.




Kapitel 22 – Ei voi olla totta!


Runes POV

Der Donnerstag war im Vergleich zu gestern ein echter Witz. Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so anstrengend werden würde, Wüstenhitze hin oder her. Dabei ist es auf der Strecke eigentlich gar nicht mal so schlimm. Das wirklich Unerträgliche sind die Boxenstopps, wenn der Fahrtwind erst rapide abnimmt und dann ganz verschwindet. Und gestern haben sie mich im ersten Training Stopps beinahe nonstop trainieren lassen. Gut, das war auch dringend notwendig, das steht außer Frage, doch angenehm ist etwas anderes. Dafür habe ich jetzt allerdings den Eindruck, es deutlich besser zu können, auch bewusst, obwohl die meiste Arbeit nach meinem Empfinden immer noch mein Unterbewusstsein erledigt.

Doch wie dem auch sei, im Augenblick arbeite ich definitiv bewusst. Man kann unbewusst auch keine Daten lesen. Das geht einfach nicht. Oder auf jemanden warten, das geht auch nicht unbewusst und jetzt warte ich auf Andrew und wen auch immer er noch mitbringen wird, damit wir ein letztes Mal den Plan fürs Qualifying durchsprechen können. Normalerweise macht man das anders, mit beiden Fahrern zusammen, doch das schlechte Verhältnis zwischen Valtteri und mir ist den Verantwortlichen spätestens am vergangenen Sonntag offenbar nicht mehr verborgen geblieben. Ein schlechtes Zeichen, finde ich. Dabei liegt es zumindest jetzt nicht unbedingt an mir, also vor dem Indien-GP lag es nicht an mir, nur an meinem alten Ego. Nun kann ich das nicht mehr so klipp und klar behaupten, denn so ein bisschen nachtragend bin ich schon. Obwohl ich mich sicher nicht drüber mokieren würde, wenn man alle Besprechungen auch weiterhin wie gewöhnlich abhalten würde. Lautlos seufzend scrolle ich ein Stück nach unten, um weiterlesen zu können. Seit Joakim verschwunden ist, um mehr Ionencocktail für mich zu holen, kann ich mich viel besser auf die Daten konzentrieren.

Mittlerweile sehen sie für mich auch nicht länger bloß wie wirre Auflistungen von bunten Zahlen und Strichen aus, sie ergeben tatsächlich Sinn und mir ein akzeptables Gefühl fürs Qualifying, auch wenn die Hitze dem Auto nicht gerade entgegenkommt. Xevi hat gestern schon gesagt, dass es schwer werden könnte, Q2 nicht zu verpassen, und leider muss ich ihm da vorbehaltlos zustimmen. Das wird gleich ein hartes Stück Arbeit werden und bereitet mir jetzt schon mehr Kopfzerbrechen als die Dämmerung oder das Kunst-

Ein leicht gepresstes „Hei“ lässt mich aufschauen. Valtteri hat sich auf den Stuhl gesetzt, auf dem bis vor wenigen Minuten noch Joakim saß, und ich frage mich unweigerlich, was das jetzt werden soll, wo wir uns doch seit Sonntag bestmöglich aus dem Weg gegangen sind.

„Hi“, gebe ich leise und auf Englisch zurück. Ich werde ihm ganz sicher nicht den Gefallen tun und Finnisch mit ihm sprechen. Soweit kommt’s ja noch! Das habe ich mit Kimi schon nicht getan, warum sollte ich bei Valtteri also damit anfangen? Weil er mein Teamkollege ist? Wohl kaum. Weil er sich ausgerechnet an diesen Tisch gesetzt hat, obwohl noch andere frei sind? Sicher nicht. Demonstrativ wende ich mich wieder den Daten zu.

„Kannst du mir mal ’nen Moment zuhören?“

„Muss ich oder soll ich?“, will ich wissen, ignoriere dabei völlig, dass er auf Finnisch gefragt hat, und schaue auch nicht wieder auf. Er kann ruhig merken, dass es gerade ungünstig ist.

„Hör mir einfach zu“, verlangt er und diesmal wende ich den Blick doch von den Daten ab:

„Dann mach’s kurz, du hattest dein Briefing schon, ich will für meins noch genügend Zeit haben.“ Die Aussicht, ihm zuzuhören, begeistert mich zwar nicht, aber ich weiß nicht, wie ich ihn anders wieder loswerden soll, also ohne unhöflich zu werden. Und ich muss mir ja jetzt schon Mühe geben, um ihm nicht etwas Ähnliches um die Ohren zu hauen wie Kimi letzten Sonntag.
Valtteri presst kurz die Lippen zusammen. Für mich sieht es so aus, als wolle er gar nicht hier sein, nicht mit mir sprechen, und ich kann das Stirnrunzeln nicht verhindern. Er räuspert sich.

„Was ich da in Indien gesagt habe, das… es tut mir -“

„Stop it!“, unterbreche ich ihn harsch, „Sag nichts, was du nicht meinst oder bei der erstbesten Gelegenheit eh bereust.“ Dann klappe ich den Laptop zu und stehe auf. Man kann ein Briefing schließlich nicht in einem mehr oder weniger öffentlichen Raum abhalten. Das geht einfach nicht.

„Aber -“

„Stop it“, wiederhole ich nur, wende mich ab und sehe Xevi und Claire ein paar Meter entfernt stehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie unseretwegen da sind, dass sie uns gerade beobachtet haben? Das hätte irgendwie Kindergartenniveau. Trotzdem bringt mich die reine Möglichkeit, dass es so sein könnte, dazu, noch etwas zu ergänzen: „Denk in Zukunft einfach nach, bevor du den Mund aufmachst. Würde uns beiden viel Ärger ersparen.“

Ich gehe, ehe er etwas erwidern kann, mit dem Laptop unter dem Arm, quer durch den Raum zu Xevi und Claire. Am besten tue ich so, als wäre mir gar nicht klar, dass sie diese Entschuldigungsfarce angezettelt haben könnten.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Ich presse die Kiefer so fest aufeinander, dass meine Zähne schmerzhaft knirschen. Ei voi olla totta! Spinnt Lindström jetzt total? Was fällt dem bitte ein?! Ausgerechnet ihm! Mir zu sagen, ich solle nachdenken, bevor ich was sage. Er hat’s gerade nötig! Das soll er selbst erst mal vormachen!

Nur mit Mühe kann ich mich zurückhalten und die Arme nicht vor der Brust verschränken, Xevi und Claire keinen trotzigen Blick schenken. Die waren der Ansicht, ich hätte einen Fehler gemacht und müsse mich dafür entschuldigen. Dabei haben sie überhaupt keine Ahnung. Ich habe Kimi doch bloß die Wahrheit erzählt! Aber offensichtlich bin ich hier der Einzige, der das kapiert. Der erkennt, dass Lindström das beim Petzen alles zu einem Drama aufgebauscht hat, das es eigentlich gar nicht ist. Unter normalen Umständen würde es doch nur heißen, wir sollten unsere Differenzen wie erwachsene Menschen beilegen. Niemand würde verlangen, dass sich einer beim anderen entschuldigt und ihn dabei noch beobachten.

Am liebsten würde ich jetzt Checo anrufen und mich bei ihm auskotzen. Aber es geht nicht. Einerseits, weil er gerade selbst zu tun hat – er darf doch wieder fahren – und andererseits, weil ich seit unserem Streit in Delhi noch nicht wieder mit ihm gesprochen habe. Das sollte ich dringend nachholen.
In dem Punkt hat Danny recht, ich muss etwas falsch verstanden haben und Missverständnisse müssen aus der Welt geschafft werden.

*** ~~~ ***


Runes POV

Mir bricht schon der Schweiß aus, als ich den Pit Lane Limiter nach dem Ende von Q1 drücken muss. Wenigstens muss ich nur bis zur Garage aushalten, das ist noch erträglich, vor allem weil ich mit P16 jetzt keinen Feierabend habe, sondern gerade noch so in Q2 gerutscht bin. Valtteri ist mit P14 zwar besser dran, doch jetzt macht es keinen so großen Unterschied. Hauptsache, ich bin eine Runde weiter.

Andrew lässt mich in Frieden, bis die Crew das Auto in die Garage geschoben hat und ich Monitor und was zum Kühlen bekommen habe. Diese Hitze ist absolut nicht mein Ding. Da ist es kein Trost, dass es mit wachsender Dunkelheit angeblich besser wird. Davon habe ich in den letzten Tagen nämlich nicht viel gemerkt. Diese Unterschiede müssen wohl minimal sein. Ich öffne das Visier, lasse den Kopf bestmöglich nach hinten sinken, überfliege die Daten auf dem Monitor vor mir und lausche.
Sie wollen mich in den fünfzehn Minuten zweimal rausschicken. Zuerst auf Prime, dann auf Option. Valtteri auch. Dabei ist eigentlich völlig klar, dass wir mit Prime nicht mal theoretisch eine Chance aufs Weiterkommen haben, wenn da nicht einige andere Autos ausfallen. Aber gut, darum geht’s nicht. Jede Runde liefert eventuell nützliche Daten, Punkt, aus.

***


›P15, Rune, P15.‹

„Und Valtteri?“ Mehr fällt mir nicht ein, als Andrew mir nach meiner letzten Runde in Q2 meine Position mitteilt. Gut, P15 ist nicht überragend, aber angesichts der Temperaturen und der Probleme, die das Auto damit hat… Unter diesen Umständen ist das Einzige, was zählt, den Teamkollegen zu schlagen.

›P16.‹

Nur mit Mühe kann ich einen begeisterten Aufschrei unterdrücken. Das kann doch nicht wahr sein! Ich hab’s gepackt! Ich hab ihn geschlagen. Endlich. Und obendrein noch nachdem ich ihn vorhin mitten in seiner Entschuldigung abgesägt habe. Es ist großartig, einfach unbeschreiblich. Vielleicht hatte Robin doch recht, als er letzten Sonntag sagte, es hätte nur an diesem verdammten letzten Stopp gelegen, dass ich ihn im Rennen nicht schlagen konnte. Er sieht ja immerhin alles ganz genau, hat Esteban bestätigt. Vielleicht liegen er und Max mit ihrem Tipp auf Abu Dhabi gar nicht so schlecht, wie ich angenommen habe. Wobei Charles ja auch noch… Aber erst mal muss das Auto heile zurück. Das ist jetzt der leichteste Teil des Tages, ich brauche nur darauf zu achten, nicht zu langsam zu fahren, bis es wieder Zeit für den Pit Lane Limiter ist.

***


„Okay, Jungs, das war’s für heute. Feierabend“, beendet Claire Williams das Briefing und klappt ihren Laptop schwungvoll zu. Fast gleichzeitig steht Valtteri auf der anderen Seite des Tisches auf, verabschiedet sich knapp und ist zur Tür hinaus, bevor ich mich überhaupt gerührt habe.
Also wenn ich noch auf ein eindeutiges Zeichen für seine schlechte Laune gewartet hätte, das wäre es gewesen, doch sein Unmut war auch vorher schon nicht zu übersehen. Na gut, ist irgendwo auch verständlich. Mir an seiner Stelle würde es bestimmt nicht anders gehen, nur kümmert mich das im Moment herzlich wenig. Ich schiebe die Papiere vor mir zusammen und in die Mappe zurück. Da kann ich morgen beim Frühstück noch mal einen Blick drauf werfen, wenn mir danach ist.

Ich bin fast der letzte, der geht. Nur Claire und Xevi sind noch im Raum, als ich mich verabschiede. Es ist leer geworden im Motorhome. Nur noch vereinzelt sind andere Teammitglieder unterwegs, also wenn man es an dem Gedränge misst, das hier noch vor zwei, drei Stunden geherrscht hat. Joakim sitzt an einem der freien Tische und trinkt Kaffee. Auch wenn er mein Physio ist, muss er noch lange nicht bei jedem Briefing dabei sein.

«Fertig?», will er wissen, als er mich sieht.

Ich bleibe nicht stehen, als ich antworte: «Ja, Schluss für heute. Ich hol nur eben meinen Rucksack.»

«Bringst du meinen mit?»

«Nö, du kannst selber laufen, Chef. Du hast bis eben Pause gehabt.» Soweit kommt’s ja noch! Seiner ist viel schwerer als meiner und ich musste bis eben noch arbeiten und darf bestimmt gleich wieder fahren. Gut, mit dürfen hat das nicht viel zu tun. Ich will eigentlich nur nicht wieder von irgendeinem Reporter gefragt werden, warum ich fahren lasse. Das sähe man schließlich so selten.

Es dauert nur ein paar Sekunden, dann hat er mich auf dem Weg zu meinen Quadratmetern Privatsphäre eingeholt. «Wie war’s denn?»

«Abgesehen von den Startplätzen, ganz gut.» Über Valtteri werde ich kein Wort sagen. Joakim weiß nichts von seiner Aktion bei der Fahrerparade und wenn es nach mir geht, wird er es nie erfahren. Es reicht, dass es Max, Jules, Robin, Esteban, Jean und Daniel von mir erfahren haben. Charles weiß es mit Sicherheit auch schon. Und Valtteri und Kimi natürlich, die waren schließlich dabei. Das reicht!

«Bist du zufrieden?»

Joakims Frage bringt mich zum Lachen, während ich die Tür zu meinem Rückzugsort öffne. «Ja, auf jeden Fall. Ich habe meinen Teamkollegen geschlagen, das ist gut.»

Wir nehmen unsere Rucksäcke, Joakim schließt die Tür wieder, dann gehen wir. Draußen ist es dunkel und ohne das Flutlicht und die Laternen könnte man kaum etwas erkennen. Doch so ist es beinahe taghell, was ich persönlich etwas irritierend finde. Aber gut, es ist nicht zu ändern, ich finde mich einfach damit ab, dass es so ist wie es ist. Eine andere Wahl gibt es schließlich nicht. Auch im Fahrerlager ist es deutlich leerer geworden. Hier und da laufen noch vereinzelt Menschen mit Kameras herum, doch die meisten sind Teammitglieder, gut an ihrer Kleidung zu erkennen und zu unterscheiden. Und ich hätte vielleicht doch besser eine Jacke angezogen. Heute kommt es mir zum ersten Mal erstaunlich kühl vor, doch vielleicht liegt das einfach nur daran, dass ich jetzt viel entspannter bin als gestern Abend oder die Tage zuvor.

«Willst du fahren, Joakim?» Fragen kann man mal und wenn er jetzt Ja sagt, weiß ich schon, was ich dem nächsten Reporter antworten werde, wenn er mich darauf anspricht. Eigentlich würde ich mich jetzt nämlich gerne zurücklehnen und bis morgen vor dem Frühstück gar nichts mehr tun.

«Muss ich?»

«Nein, müssen muss eigentlich ich», gebe ich trocken zurück, «Also wenn’s nach der Presse geht.»

«Oh.» Joakim atmet scharf ein. «Nein, wenn das so ist, musst du wohl wirklich fahren, Rune. Das geht dann nicht anders.»

Ich seufze: «Warum wusste ich nur, dass du das sagen würdest?»

«Weil du eine gesunde Abneigung dagegen hast, dir von der Presse erzählen zu lassen, was -»

«Wart mal eben», unterbreche ich meinen Physio und drücke ihm eilig den Rucksack in die Hand, «Ich muss noch kurz was erledigen.»
Wir haben die Trucks erreicht und ich bin mir sehr sicher, gerade gesehen zu haben, wie Charles zwischen zweien verschwunden ist. Mit dem muss ich ja ganz dringend noch mal sprechen. Er muss sich unbedingt heute noch auf dem Zettel aus Delhi eintragen, sonst gilt sein Tipp nicht mehr, haben Max und Robin beschlossen – und es meiner Verantwortung überlassen.

«Wo willst du hin?», ruft Joakim mir nach, doch ich drehe mich nicht mehr zum Antworten um:

«Sag ich dir nachher.»

Zwischen den Trucks ist es dunkel, die Wärme hat sich dort gut gehalten. Mit einer Jacke wäre mir hier wohl sofort wieder zu warm und auch so fühlt es sich an, als würde mir im nächsten Augenblick der Schweiß ausbrechen. Trotzdem gehe ich weiter, tauche tiefer in die Schatten ein. Eigentlich ist mir jetzt schon etwas schleierhaft, warum ich weitergehe, obwohl niemand vor mir zu sehen ist. Aber ich bin mir so sicher, Charles gesehen zu haben… und es wäre blöd für ihn, wenn er nicht mehr wetten könnte, obwohl er so gerne will. Es ist ja nicht seine Schuld, dass er Sonntagabend nicht kommen konnte. Das Ende des Ganges kommt näher und spontan entscheide ich mich dafür, gleich nach rechts hinter den Caterham-Truck abzubiegen. Das ist ja auch Charles’ Team und von daher naheliegend. Plötzlich höre ich leise Stimmen, verstehe aber kein Wort, wende mich nach rechts und – erstarre schlagartig.

Charles und Jean fahren auseinander, als hätten sie sich aneinander verbrannt, und ich kann kaum glauben, was ich da gerade gesehen habe. Das muss eine Täuschung sein. Sowas gibt’s nicht im Motorsport. Oder sollte es zumindest nicht geben. So wie im Fußball.
Jean reagiert zuerst wieder, packt mich an der Schulter und zieht mich mit einem Ruck hinter den Truck, sodass man mich von der anderen Seite aus nicht mehr sehen kann. Dann schiebt er mich neben Charles und als er mich loslässt, lehne ich mich automatisch gegen den Truck, weil meine Knie zittern. Selbst wenn das Flecken geben sollte, auf dem dunkelblauen T-Shirt dürften die kaum auffallen.

„Du hast nichts gesehen, Rune“, zischt Jean. Es klingt angespannt. Verständlicherweise.

Ich nicke eilig. Dabei habe ich ganz genau gesehen, wie sie sich geküsst haben.

„Gut.“ Jean streicht sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn, lässt mich aber noch nicht aus den Augen, „Wenn du uns nicht verpfeifst, gibt’s auch kein Problem.“
Charles neben mir seufzt leise, aber hörbar erleichtert.

„So würde ich das jetzt nicht nennen“, merke ich vorsichtig an, „Ihr wisst schon, dass das hier strafbar ist? Bis zu vierzehn Jahre Haft und so.“

„Was?“, hakt Charles leicht hysterisch nach.

„Ja, wegen der Scharia“, bestätige ich. Sollten sie das nicht wissen, wenn sie hier… Also, ich für meinen Teil hab zumindest versucht, mich da mal schlau zu machen, rein vorsichtshalber. Einfach, weil ich weiß, dass nicht alle Länder so tolerant und modern sind wie Schweden.

Jean schnaubt: „Ja, deswegen hast du auch nichts gesehen! Wir können weder das noch die Presse gebrauchen. Ist das klar?“

„Ich bin doch nicht blöd!“ Die Empörung lässt sich nun nicht länger unterdrücken. Ehrlich, ich mag ja ’ne Menge Scheiße gebaut haben, aber bei sowas bestimmt nicht! Das ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen kann oder sollte. „Ich weiß genau, was da blühen würde, wenn’s rauskäme.“

„Einen Dreck weißt du.“ Jeans Stimme ist eine Nuance lauter, hat sich meiner offenbar angepasst, „Gerade du, du hast überhaupt keine Ahnung, was auf dem Spiel -“

„Shut up!“, faucht Charles plötzlich und schiebt Jean ein paar Schritte zurück, weg von mir und ich muss ihn ungewollt dafür bewundern, dass er sich das traut. Ich hätte die Eier nicht in der Hose gehabt, ehrlich. Jean ist so groß wie Max und macht auf mich gerade einen ziemlich wütenden Eindruck, und Charles ist nur unwesentlich größer als ich selbst.
„Wenn du weiter so rumbrüllst, bist du gleich derjenige, der’s ausplaudert, nicht Rune! Und von dir…“ Er dreht sich halb zu mir um, aber ohne die Hand von Jeans Brust zu nehmen. „… von dir will ich wissen, was du damit gemeint hast, dass du weißt, was da kommen kann. Und warum du weißt, was für Strafen hier darauf stehen.“ Er senkt die Stimme etwas, sodass sie jetzt mehr versöhnlich als befehlend klingt: „Versteh das nicht falsch, Rune, aber bisher hast du in solchen Sachen keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck gemacht.“

„Hölle, verdammt, ja, und das aus gutem Grund!“, presse ich hervor. Gut, ich weiß zwar nicht, wie mein altes Ego orientiert war, aber das ist eigentlich egal. Wenn es schwul oder bi war, wird es das mit Sicherheit nicht groß rumposaunt haben. Mit sowas kann man in der großen, weiten Welt nicht vorsichtig genug sein, erst recht nicht, wenn man im Fokus der Öffentlichkeit steht.

„Was?“ Charles Frage hätte genauso gut ein überraschtes nach Luft schnappen sein können. Jean sagt nichts, legt stattdessen eine Hand über Charles’ auf seiner Brust. Es hat etwas Besitzergreifendes oder Beschützendes für meinen Geschmack. Aber vielleicht will er ihn jetzt auch nur im Gegenzug von einer Dummheit abhalten.

Kurz beiße ich mir auf die Unterlippe, doch es gibt kein Zurück mehr. So hatte ich mir Ort und Zeitpunkt für ein erstes richtiges Outing ganz sicher nicht vorgestellt. Und die Leute, die es zuerst erfahren sollten, auch nicht. An zwei Formel 1-Piloten habe ich dabei wirklich nicht mal im Traum gedacht.

„Ich bin bi.“

Für einen ewiglangen Augenblick scheinen diese drei verdammten Worte zwischen uns in der Luft zu hängen wie ein Damoklesschwert. So lange, bis Charles schwach grinst, seine Hand unter Jeans wegzieht, einen Schritt in meine Richtung macht und mich gegen die linke Schulter knufft.

„Du bist kein Vogel, Rune, du hast einen, echt. Uns sagen, wir sollen aufpassen, und dann ein astreines Outing hinlegen, das ist verrückt!“

„Aber du hast gefragt und -“

«Rune, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit, wie lange dauert das noch?» Joakim, eindeutig.

Ich schlucke. Das hat jetzt gerade noch gefehlt. „Gleich, Moment noch“, rufe ich halblaut zurück. Aber da ist es schon zu spät und mein Physio biegt um die Ecke.

„Was wird das hier?“, will er wissen, mustert uns drei etwas verwundert.

„Illegales Glücksspiel“, sage ich eilig.

„Was?“ Die Antwort hat ihn aus dem Konzept gebracht, das ist nicht zu überhören. Aber etwas anderes ist mir nicht eingefallen und weil er nun mal zu mir gehört, bin ich wohl auch derjenige, der die Situation lösen muss.

„Das willst du gar nicht wissen, Joakim, ja? Wir sind fast fertig, ich bin gleich wieder da.“

Er wirft noch einen skeptischen Blick auf Jean und Charles und murmelt: «Beeil dich, Claire macht schon Druck.»
Dann geht er und ich atme erleichtert auf.

„Illegales Glücksspiel?“, gluckst Jean belustigt, „Dein Ernst?“

„Was hätte ich denn sonst sagen sollen?“, will ich schulterzuckend wissen, froh darüber, dass Joakims Auftauchen auch die scheinbar letzten in der Luft liegenden Spannungen gelöst hat, „Und wegen sowas in der Art bin ich ja irgendwie auch hier. Charles, du musst deinen Tipp noch eintragen.“

„Oh, stimmt ja. Hast du den Zettel hier oder soll ich nachher noch mal bei dir im Hotel vorbeikommen?“ Charles sieht mich abwartend an und ich bin froh, dass ich den Kopf schütteln und den Zettel und einen Kugelschreiber aus der Hosentasche fischen kann:

„Nein, hab ihn hier.“

Er nimmt beides entgegen, drückt das Papier gegen den Truck, schreibt seinen Namen und seinen Tipp darauf, direkt unter Estebans. Anschließend gibt er es mir zurück.

„Ist vielleicht auch besser so, wenn ich nicht vorbeikomme. Ahlgren könnte sonst noch am Rad drehen, was?“

„Wäre möglich“, räume ich ein und verstaue die Sachen wieder in der Hosentasche, „Was tippst du eigentlich?“

„Ich finde ja, er hätte gar nicht mehr tippen dürfen“, meldet Jean sich zu Wort.

Doch Charles entlockt das nur ein Lachen: „Aber ich hab schon am Mittwoch Abu Dhabi getippt und Max hat gesagt, das zählt noch, weil ich’s vor Freitag gesagt habe.“

„Aber er hat dir auch gesagt, dass das nur zählt, wenn Valtteri und ich beide ins Ziel kommen, oder?“, versichere ich mich. Andernfalls hätte ich ihn ja nicht richtig geschlagen und darum geht’s doch, ihn richtig auf der Strecke zu schlagen und nicht bloß, weil die Technik da ihre Finger so entscheidend im Spiel hat.

Charles nickt.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Was für ein Scheißtag! Das kann doch alles nicht wahr sein! Dabei war ich in allen drei Trainings noch deutlich besser als Lindström. Ich sollte vor ihm stehen, ganz klar. Aber nein, irgendwie hat er da in Q2 noch eine Runde aus dem Hut gezogen, die sich gewaschen hatte und ich konnte nicht mehr nachlegen, weil die Zeit bereits abgelaufen war, als ich über die Linie kam.

Aber wenigstens hat Claire beschlossen, die Briefings jetzt wieder wie üblich abzuhalten. Scheinbar haben sie und Xevi dieses kindische Entschuldigungsszenario anders interpretiert als es sich wirklich abgespielt hat. Mir soll’s recht sein, auch wenn’s mir nicht passt, dass Lindström recht behalten hat: Spätestens nach diesem beschissenen Qualifying hätte ich jede Entschuldigung bereut.

Frustriert werfe ich mich in meinem Hotelzimmer aufs Bett. Sich bei Lindström entschuldigen… das ist das Dümmste, was mir dieses Jahr jemand abverlangt hat, ganz bestimmt. Das ist sogar noch dümmer als meine Idee, Checo könne nicht alle Tassen im Schrank haben. Checo… Bei ihm muss ich mich wirklich entschuldigen. Eigentlich auch persönlich, aber das geht heute nicht mehr. Dafür ist es schon etwas spät, obwohl wir morgen wohl alle ausschlafen werden, weil das Rennen erst abends beginnt. Schon merkwürdig, wie sehr wir unseren Tagundnachtrhythmus für Rennen wie dieses oder das in Singapur unabhängig von den Zeitzonen verschieben müssen…
Ich nehme das Smartphone, suche Checos Nummer raus und lausche nur Sekunden später dem Freizeichen.

›Ja?‹ Checos Stimme klingt heiser.

„Hi“, bringe ich heraus, mehr nicht, denn mir versagt plötzlich die Stimme, obwohl ich eigentlich genau weiß, was ich sagen will.

›Was willst du?‹

Da ist eine Härte in Checos Tonfall, die ich nur von ihm kenne, wenn er wirklich wütend ist, und die mich schwer schlucken lässt. Irgendwie hatte ich mir das leichter vorgestellt. Vor allem, weil sein Qualifying mit P7 am Ende ganz ordentlich gelaufen ist.
„Mich entschuldigen.“ Und das ist so ziemlich das Dümmste, was man in so einer Situation sagen kann. Man sollte sich einfach entschuldigen und nicht sagen, dass man das eigentlich vorhat.

›Ach?‹

Kein Wunder, dass Checo jetzt ungläubig klingt. Das würde ich mir selbst auch nicht abnehmen, sondern mir echt verarscht vorkommen.

„Es tut mir leid, was ich in Delhi zu dir gesagt habe“, zwinge ich mich, präziser zu werden, „Und ich hätte dich ausreden lassen sollen, dann hätte ich dich nie so missverstanden. Du weißt, ich hasse Konflikte, die machen alles nur unnötig kompliziert und…“ Ich muss einmal tief durchatmen. „… und ja, was soll ich noch sagen? Ich hab ’nen Fehler gemacht, der -“

›Schon okay, Mann. Ist ja nichts Schlimmes passiert.‹

„Nichts Schlimmes passiert?“, echoe ich, „Checo, wir haben tagelang nicht miteinander gesprochen und ich… ich hab ernsthaft geglaubt, du hättest Pastor und Lindström mit Absicht abgeschossen! Das nennst du nicht schlimm? Ich find das furchtbar!“

›Ja, aber es ist trotzdem nichts weiter passiert. Lassen wir’s gut sein und vergessen die Sache einfach. Erzähl mir doch lieber mal, was mit Lindström los ist.‹

Endlich kann ich aufatmen. Wenn Checo bereit ist, das fallen zu lassen, dann stelle ich mich nicht weiter quer. Irgendwie macht er’s mir so ja auch leichter und ich habe endlich Gelegenheit, mir den Frust ein wenig von der Seele zu reden:

„Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Der dreht total am Rad – und ich darf’s im Team ausbaden! Claire hat heute Morgen ernsthaft von mir verlangt, mich bei ihm zu entschuldigen.“

›Was? Warum das denn?‹

„Hast du das nicht mitgekriegt?“ Gibt’s doch nicht! Ich dachte echt, das müsste mittlerweile rund sein. Normalerweise bleiben solche Sachen nie lange geheim. Das dauert maximal ein Wochenende, dann haben sie sich überall rumgesprochen.

›Nein.‹

„Also, pass auf“, setze ich an, „Letzten Sonntag hat Kimi mich auf diesem Viehtransporter gefragt, ob ich ihm was über Lindström erzählen könnte. Hab ich getan, auf Finnisch natürlich, weil Lindström sollte ja nichts verstehen, falls er in Hörweite kommen würde.“

›Klar, logisch, Mann. Was hat Räikkönen dazu gesagt?‹

„Eigentlich gar nicht viel. So lang war die Runde nun auch nicht, aber… Ja, ich weiß nicht, wie ich sagen soll… also…“

›Einfach frei raus, Valtteri‹, schlägt er mir vor und ich bin mir sicher, dass er gerade ein bisschen über mich lacht. Für gewöhnlich bin ich nicht so auf den Mund gefallen.

„Lindström kann Finnisch.“

›Shit!‹

„Das kannst du laut sagen.“

›Lass mich raten, er hat alles mitgehört?‹

„Alles, das weiß ich jetzt nicht, aber einiges bestimmt.“

›Und wie hat er reagiert? Der kann das doch so nicht auf sich sitzen lassen, ich meine, wir sprechen hier immer noch über Lindström!‹

„Ganz untypisch hat er reagiert. Er hat sich neben mich gestellt, als die Runde um war, und sich für die Informationen bei mir bedankt und das war’s, dann ist er gegangen.“ Darauf komme ich immer noch nicht klar.

›Hat der was geraucht?‹

„Das hab ich mir auch gedacht, Checo“, gestehe ich, „Aber sie haben ihn nach dem Rennen zum Dopingtest geholt und der war komplett negativ.“

›Vielleicht haben sie beim Auswerten geschlampt?‹ Checos Vorschlag bringt uns wahrscheinlich beide zum Grinsen, mich aber auf jeden Fall. Das ist total absurd. Die lassen uns unter Aufsicht pinkeln, da werden sie im Labor ganz sicher keine unfähigen Leute sitzen haben, die diesen Aufwand wieder zunichtemachen würden.

„Wär ’ne gute Erklärung“, räume ich ein, „Scheint aber so, als hätte er nur ’ne neue Taktik: Erst einen auf cool machen und dann hinterrücks zuschlagen.“

›Was habe ich mir darunter vorzustellen?‹

„Ist doch glasklar: Er hat bei Claire gepetzt. Oder von seinem Physio petzen lassen“, erwidere ich.

›Von seinem Physio petzen lassen, würde ich sagen. Der macht sich doch selbst nicht die Finger schmutzig, wenn’s nicht sein muss.‹

„Stimmt auch wieder. Und damit bin ich wieder der Böse, denn im Team ist es ein offenes Geheimnis, dass mir Susie im anderen Cockpit lieber gewesen wäre. Du glaubst nicht, was für ’ne Standpauke ich mir heute Morgen von Claire deswegen anhören durfte, ehrlich nicht. Sie hat das Briefing fürs Qualifying gesplittet, ich musste zuerst ran, hab den Ärger gekriegt und sie und Xevi haben hinterher noch beaufsichtigt, dass ich mich auch wirklich bei Lindström entschuldige! Und weißt du, was der gemacht hat? Der schneidet mir einfach das Wort ab und sagt, ich solle in Zukunft nachdenken, bevor ich den Mund aufmache!“ Endlich ist es raus! Der heiße Wutknoten in meinem Bauch lockert sich etwas und ich kann mich zum ersten Mal seit heute früh wieder etwas entspannen.

Checo schnaubt: ›Der hat’s grad nötig. Ehrlich, Valtteri, scheiß drauf. Zeig ihm morgen, wo der Hammer hängt und gut ist’s. Du fährst das Auto schon die ganze Saison, du kannst viel besser damit umgehen als er.‹

Da ist allerdings was dran, finde ich. Immerhin hab ich’s in Kanada auf Startplatz 3 gebracht. Im Rennen hat mir das zwar nicht mehr viel genutzt, aber das Qualifying war ein Ausrufezeichen, und Lindström steht morgen nur einen Platz vor mir. Das ist eine machbare Aufgabe. Wenn ich ihn gleich beim Start kassiere, sollte ich für den Rest des Rennens die Nase vorn haben. Und es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet Checo mir sowas sagt, nachdem ich mich fast zwei Wochen wie ein Arsch ihm gegenüber verhalten habe.

„Danke, Checo“, murmle ich.

Er lacht leise: ›Dafür sind Freunde doch da, Mann.‹

*** ~~~ ***


Sergios POV

Jesus Maria! Ich hab so ein Glück! Valtteri denkt, er hätte mich falsch verstanden, dabei habe ich in Delhi alles so gemeint, wie ich es gesagt habe, weil ich ehrlich zu ihm sein wollte. Ich wollte unsere Freundschaft nicht weiter mit Lügen belasten, weil ich’s nicht mehr damit ausgehalten habe und beinahe hätte ich mit dieser Schwäche alles kaputt gemacht. Das darf sich nicht wiederholen, niemals.

Noch so eine Dummheit und ich bin mein Cockpit mit Sicherheit los. Keine Ahnung, was mich da in den letzten Rennen geritten hat, aber Gary wäre ein guter Ersatz, das ist jetzt klar. Da würde garantiert niemand zögern, ihm meinen Platz zu geben, wenn morgen etwas schiefgeht, wenn ich mir auch nur den kleinsten Ausrutscher leiste. Startplatz 7 hin oder her. Morgen muss alles sauber laufen.



***
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