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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 6.782
 
A/N: Danke an Sternengrau (2x!), Madrilena, Balalaika, Captains Sah, Tiefseentraum, Silvana, Pericoloso und Tracy89.

Wer von euch hat denn die Bilder der Fahrerparade vom Indien GP gesehen? Kam’s euch auch so bekannt vor? xD
Ich hab ja im ersten Moment meinen Augen nicht getraut, weil ich fest damit gerechnet hatte, dass es dieses Jahr genauso wie letztes Oldtimer geben würde statt eines LKWs.

Warnung: Dieses Kapitel enthält leichte Spoiler zum Film Machine Gun Preacher, die nichts für schwache Nerven sind.




Kapitel 21 – Ein Abend nur zu zweit


Runes POV

Joakim verhält sich wieder so, wie ich ihn in diesem Universum vor etwa drei Wochen kennengelernt habe. Er ist stets an meiner Seite und schwer von dort weg zu komplimentieren. Es ist Mittwoch und gerade habe ich es nur Claire zu verdanken, dass ich ihn losgeworden bin. Eigentlich idiotisch, denn heute steht kein Training mehr an, vor dem Einkaufszentrum, in dem ich bin, stehen genügend Taxen mit Lizenz und ich kann Englisch, sodass es kein Problem sein wird, auch allein zurück ins Hotel zu kommen. Und ich möchte doch nur noch mal ein klein wenig Zeit für mich allein – was das angeht, habe ich sowieso das Gefühl, dass Williams großzügig ist – haben, bevor es ab morgen kein Entkommen mehr gibt.

Alles hier ist modern, hell, sauber und irgendwie… aalglatt. So habe ich mir Amerika als Kind immer vorgestellt. Es ist ein bisschen wie in einem Film. Traum will ich nicht sagen, denn der wäre ja nicht real. Aber wie in einem Traum kann ich das hier jetzt allein entdecken, den Nervenkitzel genießen und vor allen Dingen so lange durch die große Buchhandlung streifen, wie ich das möchte. Und niemand wird hinter mir herdackeln und genervt mit den Augen rollen, wenn ich zwanzig Minuten brauche, um mich zwischen zwei Büchern zu entscheiden und zum Schluss doch beide kaufe, weil ich mir das eine sonst später eh noch holen würde. Es ist herrlich und ich kann gar nicht anders, als es zu genießen.

Als ich mit den zwei obligatorischen neuen Thrillern aus dem Geschäft komme, werfe ich erst mal einen Blick auf die Uhr. Die ersten paar Tage war es tatsächlich merkwürdig, eine am linken Handgelenk zu tragen. Das habe ich früher immer gemieden, dabei ist es unglaublich praktisch, weil man  nicht immer erst das Handy raus kramen muss, wenn man wissen will, wie spät es ist. Hätte ich das mal früher gewusst… Aber nein, da muss man erst einen Flaschengeist aus einer vermeintlich leeren Getränkedose befreien, drei Wünsche aussprechen, sich von jemand anderem den Finger in den Hals stecken lassen, feststellen, dass der kleine Bruder in der „schönen neuen Welt“ tot ist und die eigene Mutter nicht mit einem reden will, bis man das kapiert. Eigentlich echt deprimierend! Doch ich habe wirklich besseres und wichtigeres zu tun, als ausgerechnet hier und jetzt den nächsten Heulkrampf zu kriegen. Zumal Erik in meinem eigentlichen Universum noch lebt.

Es ist kurz vor sechs. Wird langsam Zeit zum Abendessen und damit auch Zeit, um ins Hotel zurückzukehren, obwohl mir eigentlich gar nicht danach zumute ist. Aber ich sollte… sonst will Joakim wieder haarklein wissen, was ich gegessen habe, und wenn was dabei war, was ich seiner Meinung nach nicht hätte essen sollen, gibt’s einen Vortrag. Hatten wir in Indien nach dem Abend mit Nico schon und zumindest ich brauche es kein zweites Mal. Für Claire wäre es in Ordnung, wenn ich später zurückkommen würde. Sie lässt mir viel mehr Freiheiten, tritt Joakim gegenüber auch dafür ein, dass ich welche bekomme, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ob sie sich auch auf meine Seite schlägt, wenn ich mir jetzt ein Restaurant suche und - Mein Smartphone klingelt und unterbricht den Gedanken. Also wenn das jetzt Joakim ist… Seufzend ziehe ich es aus der Hosentasche, aber es ist nicht mein Physio sondern diese Heidi. Sie hat in den letzten Tagen schon mehrfach versucht, mich zu erreichen, leider immer in sehr ungünstigen Moment, sodass ich sie meist weggedrückt oder einen Haufen Anrufe in Abwesenheit vorgefunden habe. Jetzt gibt es allerdings keine Ausreden mehr… Leider.

«Hei», melde ich mich, versuche heiter dabei zu klingen.

›Hej, erreicht man dich auch mal wieder, Rune?‹ Es ist nicht zu überhören, dass sie angefressen ist. Gut, wäre ich an ihrer Stelle auch, nur was soll ich machen? Ich hatte bisher weder Zeit noch Nerven, um nach einer Heidi in meinem neuen Leben zu googlen. Andere Dinge sind immer wichtiger gewesen.

«Tut mir ja leid, ich hab nur so schrecklich viel zu tun in den letzten Wochen. So ’nen Serienwechsel machst du nicht mal eben mit links, das ist harte Arbeit.»

Sie schnaubt: ›Ach? Und deswegen meldest du dich nicht mal bei mir, wenn du zuhause bist? Ich hab mir Sorgen gemacht! Du hast ja nicht mal geschrieben, dass es dir gut geht – und das nach diesem furchtbaren Crash! Sonst rufst du immer an.‹

«Es tut mir leid», beteuere ich erneut, auch wenn das nicht ganz stimmt und ich mich schon frage, was ich da gerade tue. «Aber es ist einfach nicht wie immer, bitte versteh das. Ich brauche die Zeit einfach, um mich neu zu sortieren. Mir war nicht wirklich klar, wie groß der Unterschied zur GP2 sein würde und jetzt -»

›Dir ist so einiges nicht klar, Rune! Ich dachte, wir würden nächste Woche zusammen nach Hawaii fliegen und uns ein paar schöne Tage machen, nur wir zwei – so, wie du’s versprochen hast. Du hast gesagt, nach der Saison nimmst du dir erst mal Zeit nur für mich!‹

Ich muss schwer schlucken. Nach der Saison… «Ja, ich weiß», sage ich dann, aber eigentlich weiß ich nichts, «Aber da wusste ich doch noch nicht, dass ich am Ende nicht mehr in der GP2 fahren werde. Was soll ich denn machen? Es sind jetzt nun mal noch zwei Rennen mehr, bis die Saison rum ist.»

›Das ist kein Grund, ein Versprechen zu brechen!‹

«Das hat mit Versprechen nichts zu tun, das ist mein Job, ich hab ’nen Vertrag unterschrieben und den werde ich erfüllen. Ich kann nicht einfach eine Karrierechance für einen Urlaub wegwerfen.»
Urlaub… so ein Blödsinn! Ich kann die Chance nicht sausen lassen, weil ich für Erik fahre und nicht wirklich eine Ahnung habe, mit wem ich gerade telefoniere. Hölle, ich muss das heute Abend unbedingt noch rausfinden.

›Immer geht es nur um deinen Job! Du bist ständig unterwegs! Weißt du überhaupt, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben? Wie lange wir nicht mehr zusammen feiern gegangen sind? Du gondelst durch die Weltgeschichte und hast es nicht mal mehr nötig, dich bei mir zu melden, ich bin’s leid und -‹

Ich schlucke, muss mich sehr zusammennehmen, um nicht laut zu werden: «Hast du nur angerufen, weil du mir Vorwürfe machen willst? Wenn ja, können wir das bitte auf Sonntag nach dem Rennen verschieben? Dann kannst du mir auch gleich noch ein paar neue machen.»

›Ich habe unseren Urlaub gecancelt, Rune.‹

Und dann hat sie aufgelegt, sodass mir nichts anderes übrigbleibt, als das Telefon verwirrt sinken zu lassen. Sollte ich sie jetzt zurückrufen? Vielleicht. Nur was will sie von mir hören? Eine Entschuldigung? Wofür? Dass ich mich nicht gemeldet habe? Dafür hab ich mich gerade zwei Mal entschuldigt, das muss reichen. Dafür, dass ich keine Zeit für den Urlaub habe? Das ist nicht meine Schuld, also kann ich mich dafür auch nicht entschuldigen. Und ich möchte ihr im Augenblick keinen neuen Urlaub versprechen. Bevor ich das tue, muss ich erst mal genau wissen, wer sie ist, denn irgendwie schwant mir da Übles.

Die Lust darauf, alleine essen zu gehen, ist jedenfalls verflogen und ich beschließe, ins Hotel zurückzufahren und mit Joakim und Claire alles wie immer zu machen. Macht auch weniger Ärger. Am besten schreibe ich Joakim schon mal, dass ich in ’ner Stunde oder so da bin, das könnte ihn sicher irgendwie beruhigen und würde mir - Autsch!

Ich reibe mir kurz die schmerzende Schulter, sehe dann den Mann an, mit dem ich aus Unachtsamkeit zusammengestoßen bin. Man sollte halt nicht auf sein Smartphone schauen, während man herumläuft… Doch offenbar gilt das nicht nur für mich. Er sieht mich mindestens genauso perplex mit dem eigenen Smartphone in der Hand an, wie ich selbst bin.

„Es… es tut mir leid, ich… hab nicht aufgepasst“, bringe ich etwas hastig hervor. Wenn ich mich zuerst entschuldige, kann ich kaum etwas falsch machen. Vor allem, weil er mir irgendwie bekannt vorkommt, exakt dieses Gefühl in mir auslöst, das man bekommt, wenn man jemanden sieht, den man schon mal gesehen hat und an den man sich erinnern sollte, die verdammte Erinnerung sich aber standhaft weigert, aufzutauchen.

Mein Gegenüber legt den Kopf kurz schief, grinst dann verschmitzt: „Ebenso, aber immer noch besser als ein Brunnen.“

„Wie bitte?“ Keine Ahnung, wovon er spricht. Er ist etwas kleiner als ich und blond, sein Englisch ist akzentbehaftet, aber weniger stark als meins. Es lässt mich leicht die Stirn runzeln, als er sich erklärt:

„Wir hätten auch in den Brunnen da drüben stolpern können. Wäre ziemlich peinlich geworden.“

Ich werfe einen Blick auf besagtes Wasserspiel. Ja, das wäre mit Sicherheit schiefgegangen. Die Abgrenzung scheint kaum höher zu sein als ein durchschnittlicher Bürgersteig, die perfekte Stolperfalle also.

„Naja“, sage ich dann, „die Schlagzeile hätte aber was gehabt. In den einzigen Brunnen im Umkreis von mehreren Kilometern zu fallen, das ist schon sowas wie ein Kunststück.“

„Auf jeden Fall verflucht zielsicher“, ergänzt er lachend, wird jedoch schlagartig etwas ernster, als er fortfährt, „Dabei hat man mir gerade erst gesagt, du hättest keinen Humor, Lindström.“

Okay. Scheiße! Der weiß, wer ich bin und kennt scheinbar Leute, die ich kenne oder die mich kennen oder wie auch immer, aber ich kann mich einfach nicht an seinen Namen erinnern! Hilfe! Leicht fahrig zucke ich mit den Schultern, um meine Verlegenheit zu überspielen.
„Es wäre besser gewesen, wenn man dich vor meinem katastrophalen Namensgedächtnis gewarnt hätte.“

Er stutzt kurz, grinst dann wieder: „Ich bin Heikki.“

Ja, toll, das hilft mir jetzt auch so - Halt! Was hat Wikipedia gesagt? Weiße Sonnenbrille… Ha! Kovalainen, Caterham, Testfahrer, Finne. Jetzt macht auch sein Akzent Sinn. Hölle, sollte ich mir Sorgen machen, weil seine Sonnenbrille den Ausschlag gegeben hat?

„Rune“, erwidere ich der Höflichkeit halber. Ich mag es nicht, mit Nachnamen angesprochen zu werden. Das hat sowas militärisches.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Es ist nicht so gelaufen, wie ich es gehofft hatte. Dabei weiß ich eigentlich nicht mal genau, was ich dachte, was passieren wird, wenn ich Heikki mit Rune alleinlasse. Aber sicherlich nicht, dass das für Runes Physio zum Anlass wird, ständig mit irgendwelchen Fragen an Rune dazwischen zu platzen. Man kann ja fast zu dem Schluss kommen, Ahlgren würde Rune bevormunden. Andererseits mache ich das lediglich an Runes zum Teil etwas unwirschen Reaktionen fest. Er wirkte nach dem sechsten oder siebten Mal langsam genervt, hat jedoch keine Anstalten gemacht, seinen Physio in die Schranken zu weisen. Zumindest hat’s sich nicht so angehört und ich habe Heikki nicht gefragt, ob er irgendwas von dem verstehen konnte, was sie gesagt haben. Überhaupt habe ich mit Heikki noch nicht über den Flug gesprochen, es stattdessen erst mal unter den Tisch fallen lassen, weil das alles eben nicht so verlaufen ist, wie ich es wollte. Doch jetzt ist es genug. Die Neugier brennt mir sonst noch die Haut unter den Nägeln weg – und das könnte beim Fahren leicht unangenehm werden.
Deswegen komme ich heute auch mal zur Sache, als wir uns nach dem Abendessen zurückziehen. Eigentlich könnte ich die freie Zeit auch nutzen, um mit Hanna zu telefonieren, aber das möchte ich nicht, zumindest nicht heute.

Von Fahrstühlen ist man schneller bei Heikkis Zimmer als bei meinem, das kommt mir gelegen, denn so bleibe ich einfach stehen, als er es tut, anstatt ihm eine gute Nacht zu wünschen und weiterzugehen.

Sein Blick verrät Verwunderung. „Nicht mit Hanna telefonieren heute Abend?“

Ich schüttle leicht den Kopf, entlocke ihm ein vages schiefes Grinsen, während er seine Tür aufschließt und mir dann den Vortritt lässt. Sein Zimmer sieht aus, wie ich es kenne. Ein paar lose Zettel auf dem Tisch, daneben der Laptop und vor dem Schrank der zugeklappte Koffer. Heikki packt nie aus, nimmt die Phrase mit dem Leben aus dem Koffer ziemlich wörtlich. Doch heute muss ich bei diesem Anblick unweigerlich an die Umzugskartons in seiner Wohnung denken. Ob er die schon ausgeräumt hat? Wahrscheinlich nicht, aber danach fragen will ich nicht, denn eigentlich geht’s mich gar nichts an – obwohl ich’s bedenklich finde.

„Und jetzt?“ Das Grinsen hat sich vollends auf Heikkis Gesicht geschlichen, als er fragt.

„Weiß nicht“, erwidere ich und setze mich auf die Couch, „Was hältst du von Rune?“ Man kann sehen, dass ihn das Direkte kurz stutzen lässt. Und dann lenkt er vom Thema ab:

„Willst du was trinken?“

„Wasser. Danke.“

Es herrscht Schweigen, bis er sich mit zwei vollen Gläsern zu mir setzt und mir eines davon gibt.

„Was soll ich von ihm halten?“, fragt er dann zurück.

„Das musst du wissen“, erwidere ich.

„Sein Physio ist seltsam.“

„Ja“, bestätige ich. Das ist doch mal ein Anfang. „Hast du verstanden, was er wollte?“

Heikki schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich, eigentlich nur Runes Antworten.“

Ich muss lachen: „Wir könnten Jeopardy spielen.“

„Du bist zu neugierig, Seb“, mahnt er leise.

Ich lege den Kopf leicht schief: „Und du nicht?“

„Ich kann mich beherrschen.“

„Sagt derjenige, der mich solange mit Fragen gelöchert hat, bis ich ihm von der Sache mit Jenson erzählt habe.“ Da ist er wirklich unglaublich hartnäckig gewesen. So sehr, dass mir nach einem halben Tag echt nichts mehr eingefallen ist, um seinen Fragen auszuweichen. Er hat mir quasi keine andere Wahl gelassen, als mit der Wahrheit herauszurücken.

Er verteidigt sich prompt: „Das war ganz was anderes!“

„Finde ich nicht. Wenn du dir unnötige Sorgen um mich machst, darf ich mir auch welche um dich machen. Gleiches Recht für alle.“

„Okay, und ich nehme an, der einzige Weg, dich davon abzubringen, ist, dir haarklein alles zu erzählen?“, lenkt er ein. Viel schneller, als ich erwartet habe. Ich nicke nur und er seufzt:

„Da gibt’s nur nicht viel zu sagen, Seb.“

„Dafür hast du ihn ziemlich viel angestarrt“, halte ich dagegen.

„Ich dachte, dafür hättest du ihn eingeladen.“

„Du solltest mit ihm reden.“

„Das hab ich versucht“, gesteht er leise, „Und da hat Ahlgren ihn die ersten beiden Male unterbrochen.“ Er klingt zerknirscht.

„Und du meinst, dass das jetzt explizit an dir liegt?“ Zumindest hört sich das für mich erst mal so an.

„An wem denn sonst? Dich hat er vorher ja einwandfrei mit Rune reden lassen.“

„Dafür hat er mich immer angestarrt, wenn er dachte, ich merk’s nicht. Das ist nicht unbedingt besser.“ Ich fand’s sehr irritierend, habe aber so getan, als würde ich es nicht bemerken. Rune konnte es schließlich nicht sehen und ich wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen.

„Ahlgren ist seltsam“, wiederholt Heikki nachdenklich, „Ich hätt’s dir vorher sagen sollen, aber letztes Jahr kam’s mir nicht so schlimm vor. Da war er eigentlich ganz nett.“

„Letztes Jahr?“

„Wir haben uns während dieser Fortbildung Anfang Dezember getroffen“, erklärt er, nippt an seinem Wasser, „Da dachte ich noch, er wäre einfach bloß etwas überbesorgt, aber jetzt…“

„Jetzt könntest du mir erst mal verraten, was Rune geantwortet hat“, schlage ich vor. Davon sind wir ja mittlerweile wieder abgekommen, doch es interessiert mich immer noch. Heikki ist zu gut darin, vom Thema abzulenken…

„Es war nichts Weltbewegendes, Seb“, erwidert er leise, „Ja und Nein hast du ja verstanden und ansonsten hat Rune meist nur gesagt, er wüsste das.“

„Wüsste was?“, will ich wissen.

„Keine Ahnung, das habe ich ja nicht verstanden. Wie schon gesagt, du lernst Schwedisch in Finnland zwar in der Schule, aber wenn du’s dann nicht regelmäßig brauchst… Englisch ist einfach nützlicher. Und irgendwo muss man Prioritäten setzen.“

„Und das war alles?“ Das kann’s doch nicht schon gewesen sein. Das wäre irgendwie… Ich hatte mehr erwartet.

Heikki schüttelt kurz den Kopf: „Nein, und von mir aus kannst du gerne Jeopardy spielen, aber ich kann dir nicht sagen, ob die Antwort richtig ist.“

Ich winke ab: „Verrate mir einfach, was er gesagt hat, ja?“

„Nein, ich war gestern Abend nicht betrunken.“

„Was?“

„Das hat er geantwortet“, erklärt er, als sei das selbstverständlich.

„Das macht keinen Sinn“, räume ich im Gegenzug ein. Die Antwort darauf, wäre die Frage, ob er betrunken war, Punkt, aus. Aber es kommt mir zu simpel vor, um zu stimmen.

Heikki lächelt schwach: „Nein, das macht es wirklich nicht. Also können wir uns einfach darauf einigen, dass du dich gut mit ihm verstehst und der Rest nichts weiter als ein Hirngespinst war?“

Ich starre ihn an, sprachlos im ersten Moment. Ist das sein Ernst? Das kann er niemals ernst meinen. Das ist doch Unsinn! Er kann mir nicht weismachen wollen, dass das… Nein! Er hat bei Tetris verloren, weil er nicht mehr hingesehen hat, das passiert sonst nie. Normalerweise kann er das spielen und nebenbei noch irgendwas anderes machen, mühelos. Dass es nicht geklappt hat, weil er Rune beobachtet hat, zeigt doch, dass es eben mehr sein muss als bloß ein Hirngespinst.

„Nein“, sage ich. So einfach ist das nicht, so einfach kann er sich hier nicht aus der Affäre ziehen, zumindest nicht, solange sein Schlafzimmer noch voller Umzugskartons steht.

Er seufzt sehr leise: „Seb, mach die Dinge bitte nicht komplizierter als sie sind. Ich weiß, ich hab mich in Japan merkwürdig verhalten. Das wird nicht wieder vorkommen. Es war nur… nur…“

„Nur was?“

„Ich weiß auch nicht.“

„Warum hast du ihn angesehen?“ Das sollte er doch eigentlich wissen.

Wieder dieses scheinbar ergebene Seufzen: „Er hat mir leid getan.“

„Aha“, mache ich verwirrt. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet, obwohl es irgendwie nachvollziehbar ist. Rune sah ziemlich elend aus.

„Aber das war nur sowas wie Berufskrankheit“, winkt Heikki plötzlich grinsend ab, „Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dass er nach diesem Crash so schlecht aussieht, und Ahlgren hätte sich da besser um ihn kümmern sollen, wenn du mich fragst. Hast du gesehen, wie teilnahmslos er daneben saß? Das geht einfach nicht.“

„Und wenn Rune das so wollte?“, wende ich vorsichtig ein.

„Glaube ich nicht“, kommt’s sofort zurück, „Dann hätte er sich Jean, Chilton und Bianchi gegenüber doch auch ganz anders verhalten. Jede Wette, er war heilfroh, als die aufgetaucht sind. Ich meine, stell dir mal vor, dir geht’s schlecht, du hast gerade so ’nen Crash hinter dir, dir wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit noch einiges wehtun, und dann schweigen die Leute, mit denen du unterwegs bist, dich an? Das kann’s doch nicht sein, Seb.“

„Du würdest es anders machen?“

„Auf jeden Fall! Ich würde…“ Er stockt kurz, ehe er feststellt: „Ich bin nicht schwul.“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt“, entgegne ich überrascht. Jetzt kommen wir der Sache doch langsam etwas näher. Endlich! Da habe ich mich wohl tatsächlich nicht getäuscht. Gut, gut.

Trotzdem bekräftigt Heikki seine Worte noch einmal: „Ich bin nicht schwul, Sebastian. Das ist wirklich rein beruflich gewesen. Ich meine, ich hab kein Problem damit, wenn’s jemand ist, aber… aber… ich bin’s halt nicht, also…“ Er stockt erneut.

Ich trinke mein Wasser in einem Zug aus, obwohl das Glas noch fast voll gewesen ist.
„Weißt du, was ich vor ein paar Monaten gelernt habe?“, frage ich dann, warte jedoch keine Antwort ab, „Man muss nicht unbedingt schwul sein, um sich in einen anderen Mann zu verlieben.“

Heikki sieht mich mit einem nicht zu deutenden Ausdruck auf dem Gesicht an und schweigt. Ja, ich habe nie behauptet, schwul zu sein. Nicht ein einziges Mal. Das mit Jenson ist eben passiert und zurzeit mache ich mir nicht die Mühe, es zu hinterfragen. Es würde mit Sicherheit auch zu nichts führen, abgesehen von weiterem Kopfzerbrechen, das ich im Moment nicht gebrauchen kann. Meine Konzentration wird anderswo dringender benötigt.
Langsam stehe ich auf, strecke mich kurz.

„Schlaf doch einfach noch mal ’ne Nacht drüber“, schlage ich Heikki vor, „Hilft bestimmt.“

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich glaub’s nicht. Ich glaub’s echt nicht. Das ist einfach zu verrückt, viel zu abgefahren. Da stößt man – ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein! – mit einem Kollegen zusammen und ehe man sich versieht, geht man mit ihm essen. Die Welt ist schlicht verrückt. Warum habe ich mir überhaupt den Kopf zerbrochen? Vielleicht waren die Schlagzeilen nach den Testfahrten doch nicht so schrecklich, wie sie mir vorkamen. Zumindest Heikki scheint damit kein offensichtliches Problem zu haben, abseits vom Sport haben wir bisher jedoch auch genug andere Gesprächsthemen mit etwa dem gleichen Musikgeschmack – es geht nicht viel über Power Metal – und einer Vorliebe für Thriller, die mir sehr gelegen kommt. Endlich jemand, mit dem ich über Bücher sprechen kann! Hölle, wie mir das gefehlt hat. Dieser Zusammenstoß ist ein Geschenk des Himmels – oder des Smartphoneerfinders.

Trotzdem nimmt das Gespräch eine Wendung in eine Richtung, die mir weniger gut gefällt. Wir nähern uns dem Feiern, nachdem wir uns über betrunkene Elche in Pools und Gärten ausgelassen haben, und damit unweigerlich – so kommt es mir vor – den Schlagzeilen der Wintertestfahrten. Andererseits… was habe ich eigentlich erwartet? Ich habe Mist gebaut, ich sollte dazu stehen, irgendwie. Rückgrat beweisen. Das kann doch nicht so schwer sein! Würde ich mich jetzt mit Eishockey auskennen… Tu ich aber nicht. Doch genauso wenig trifft mich das scheinbar Unvermeidliche wie ein Schlag in den Magen.

„Was ist in Jerez eigentlich wirklich passiert?“

Ich bin lediglich etwas verwundert. Er hat die Frage ganz, ganz anders formuliert, als ich es erwartet habe. Eher so, als wäre ihm bereits klar, dass die Presse etwas an der Wahrheit gedreht hat, damit sie sie besser verkaufen können. Und wieder einmal bin ich Max für sein unbekümmertes Wesen und die Art, wie er sich zu meinem vermeintlich großen Bruder erklärt, unendlich dankbar – andernfalls stünde ich jetzt gewaltig auf dem Schlauch. So hebe ich nur leicht die Schultern und seufze leise:

„Ehrliche Antwort? Ich kann mich nicht dran erinnern.“

„Das ist nie gut.“

„Naja, dafür ist mir jetzt wenigstens klar, was ich so schnell nicht wieder tun werde: stockbesoffen Interviews geben.“

„Aber halb betrunken lohnt sich nicht, das ist rausgeschmissenes Geld.“ Heikki zwinkert mir zu.

Ich muss lachen: „Auch wahr. Dann muss es wohl nüchtern gehen. Aber was ich eigentlich sagen wollte…“ Und das will ich wirklich. Es kann nicht schaden, wenn jemand außer Max, Jules und mir weiß, was unsere Wahrheit ist. Vielleicht hilft das irgendwie weiter. „…Ich würde diesen Abend gerne als Jugendsünde abstempeln, aber das wird mir wohl niemand mehr abnehmen. Und vielleicht ist das auch gut so. Wer weiß, ob ich sonst was draus gelernt hätte.

„Auf jeden Fall, dass die Presse immer neue fiese Pläne auf Lager hat. Gut zu wissen, dass sie bei Betrunkenen jetzt nicht mehr nur fotografieren und lauschen. Das sollte man Kimi vielleicht mal sagen… obwohl’s ihn nicht groß kümmern würde, vermute ich.“

Oh, bei Kimi würde es mich sogar noch freuen, wenn sie ihn so erwischen würden, schießt es mir durch den Kopf. Da hätte ich wirklich nichts dagegen. Geschähe ihm irgendwie recht, ganz egal, ob es ihn nun kümmert oder nicht. Darauf kommt’s nicht an. Nur sage ich das nicht laut, stattdessen lasse ich die Schultern wieder sinken und meine leise:

„Trotzdem ist es nicht okay, sich dermaßen abfällig über Kollegen zu äußern. Da macht es keinen Unterschied, ob man betrunken ist oder nicht. Oder ob irgendein Reporter es ausnutzt, dass man gerade nicht bei sich ist, oder ob die Tests jetzt liefen, wie man sich das vorgestellt hat oder nicht oder -“

„So viel Einsicht wünscht man sich von anderen vergeblich“, unterbricht Heikki mich gelassen, „Wenn man da mal ein bisschen graben würde, würde man vermutlich auf einige Leichen im Keller stoßen. Was das angeht, haben wir doch alle was auf dem Kerbholz.“

Er auch? Zweifelnd sehe ich ihn an. Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Auf mich macht er hier eher den Eindruck eines Mannes, der voll im Leben steht, und nicht den eines Idioten, der im Vollrausch den allergrößten Müll zu Protokoll gibt, den man sich überhaupt vorstellen kann. Hölle, ich habe mich so abgrundtief geschämt, als Max mir davon erzählt hat. Und das ist nicht mal alles gewesen! Obendrein hat er sich dann noch bei mir entschuldigt, weil er zu betrunken war, um mich davon abzuhalten, diese gottverdammten Fragen zu beantworten. Da hat es auch nichts gebracht, ihn darauf hinzuweisen, dass es genauso gut andersherum hätte passieren können. Als ich das gesagt habe, hat er nur den Kopf geschüttelt und gemeint, bei mir hätten sie Antworten aus früheren Interviews viel besser und leichter verdrehen und missbrauchen können, um so einen Schund zusammenzuschreiben. Ganz davon abgesehen, dass mein Englisch nun wirklich saumäßig schlecht zu verstehen sei, sobald ich ordentlich einen in der Krone habe. Als Reporter könne man da also vieles verstehen, was nie gesagt wurde.

Heikki grinst leicht: „Frag mich mal, ich habe allein dieses Jahr schon zwei Heckenscherenkabel auf dem Gewissen.“

„Täh?“ Keine Ahnung, was er mir damit sagen will, also abgesehen davon, dass auf dem Gewissen haben sehr gut zu den Leichen im Keller passt, womit wir wieder bei unseren bevorzugten Büchern wären.

„Man sieht die beim Trimmen so schlecht und dann – Zack! – ehe man’s richtig merkt, hat man das Ding gleich mit geschnitten.“

„Oh.“ Das hört sich nicht so gut an.

„Mit einer benzinbetriebenen hat man das Problem nicht – zum Glück. Dabei kann’s doch eigentlich nicht so schwer sein, die Hecke auch mit einer elektrischen zurechtzustutzen…“ Er schüttelt den Kopf, wirkt für den Augenblick etwas frustriert.

Meine Miene hellt es hingegen wieder auf: „Vielleicht ist das berufsbedingt. Du weißt schon, wir fahren ja auch keine Elektroautos.“ Okay, der Spruch war jetzt irgendwie… hohl. Ein bisschen zumindest. Immerhin soll es ab nächstem Jahr die Serie Formel E geben, von daher…

Trotzdem bringt es uns beide erneut zum Lachen.

*** ~~~ ***


Jean-Érics POV

Charles Hotelzimmer ist eine seltsame Mischung aus penibler Ordnung im Bad und hochdosiertem Chaos überall sonst – wie immer. Und genauso sicher bin ich, dass ich gerade keinen Blick hinter die Couch werfen möchte, denn ich vermute, dass dahinter einige seiner Sachen verschwunden sind, bevor er die Tür geöffnet hat. Sähe ihm ziemlich ähnlich, obwohl er weiß, dass mich sowas in Hotels immer ein bisschen auf die Palme bringt. Zuhause ist das was anderes, da ist man irgendwie… naja, eben zuhause. Da kann man sowas schon mal machen. Aber in einem Hotel?

Da gibt’s nur ganz wenige Dinge, die man so machen kann wie zuhause. Die meisten sind nur ein müder Abklatsch davon. Zuhause würden wir es uns vor einem richtigen Fernseher gemütlich machen, hier bleiben uns nur Charles’ Laptop und Mineralwasser. Dabei sollten wir eigentlich gerade heute keinen Filmabend machen, uns stattdessen besser mit unserem Job beschäftigen. Dass wir es nicht tun, ist mehr Charles’ Drängen, einen Film mit Gerard Butler zu sehen, zu verdanken als meiner Lust, am frühen Abend noch mal ein anderes Hotel aufzusuchen. Jedenfalls sitzen wir deswegen jetzt nebeneinander auf der Couch und starren wie gebannt auf seinen Laptop. Machine Gun Preacher läuft und mir kommt’s ein wenig seltsam vor, das ausgerechnet hier anzuschauen, wo der Film doch im Sudan spielt und obendrein auf Fakten beruht. Allein die Vorstellung, dass auch in dieser Nacht dort Kinder vergewaltigt oder gezwungen werden, ihre eigene Familie zu töten, bevor die Lord’s Resistance Army sie zu Kindersoldaten macht, jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Dass die LRA Frauen verstümmelt… ihnen die Lippen und die Nase abschneidet und sie so zurücklässt… in brennenden Dörfern… Es schnürt mir den Hals zu. Das ist etwas ganz, ganz anderes als ein Horrorfilm, weil es Realität ist – ich hätte Charles die Wahl nicht überlassen dürfen!

Charles rutscht näher heran und lehnt sich gegen mich, seine Haut ist warm auf meiner und eine willkommene Abwechslung zur Klimaanlage. Warm, weich und die feinen Härchen auf seinem Unterarm kitzeln leicht. Ich liebe dieses Gefühl. Und es wird noch besser wenn ich… wenn wir…

„Lieber hinlegen?“, frage ich leise und wundere mich wiederholt, warum wir uns das mit dem Englisch eigentlich antun. Französisch wäre viel naheliegender, aber irgendwie… vielleicht, weil bei den meisten unserer Treffen bisher immer jemand dabei war, der es nicht versteht, und wir uns einfach daran gewöhnt haben. Ist ja auch fast egal, solange wir verstehen, was wir sagen.

Charles nickt kurz und wir arrangieren uns schweigend neu, wobei er zum Schluss noch den Laptop wieder ausrichten muss, damit wir beide weiterhin erkennen können, was sich im Film abspielt. Okay, mir wäre das jetzt nicht so wichtig, ich kenne den schließlich. Mir würde es voll und ganz reichen, einfach noch für eine oder anderthalb Stunden so liegenzubleiben, bevor ich zurück muss.
Ich hauche einen Kuss auf die Haut unter Charles’ linkem Ohrläppchen, weil ich genau weiß, dass er da empfindlich ist und auch diesmal macht er keine Ausnahme, seufzt fast unhörbar und drückt sich noch näher an mich. Sofern das überhaupt möglich ist. Außer zwei Lagen Jeans und T-Shirt passt jetzt wirklich nichts mehr zwischen uns und ich genieße es. So viel Nähe ist selten, ganz besonders mitten in der Saison, wo man um jedes bisschen freie Zeit und Privatsphäre genauso kämpfen muss wie um die bessere Position im Rennen.

Im Film ist es Nacht geworden und die LRA attackiert das Waisenhaus, das Sam Childers alias Gerard Butler errichtet hat, um Kindern und Kindersoldaten, die er und Männer der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee, kurz SPLA, befreit haben, ein Zuhause zu geben. Und ich muss mich zwangsläufig fragen, wie Menschen so herzlos, so wahnsinnig, so krank sein können, dass sie Kinder zu Soldaten machen. Dass so etwas heutzutage überhaupt noch möglich ist. Aber möglich ist vieles. Hier in Abu Dhabi stecken sie Frauen ja auch ins Gefängnis, wenn sie vergewaltigt wurden. Eigentlich muss man sich da glatt fragen, ob ein weiblicher Formel 1-Pilot hier überhaupt starten -

„Au! Jean, muss das sein?“, faucht Charles plötzlich und löst meine Hand von seiner Hüfte, während ich ihn nur perplex anstarren kann. Ist mir gar nicht aufgefallen, dass ich sie unter sein Shirt geschoben und die Nägel in seine Seite gegraben habe. Und das obendrein noch ziemlich tief. Man kann die roten Abdrücke selbst im langsam dunkler werdenden Zimmer gut erkennen.

„Tut mir leid“, murmle ich verlegen. Ich wollte ihm wirklich nicht wehtun. Es ist nur… Irgendwie habe ich nicht aufgepasst, dieser Film nimmt mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, mit, wühlt mich auf. Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte.

Charles drückt auf Pause und sieht mich an. „Alles okay mit dir?“

Ich bejahe.

Er hebt sein T-Shirt am Saum ein Stück an, wirft mit hochgezogenen Brauen einen Blick auf seine Haut. Die Brauen verschwinden fast unter den Haaren, die ihm in die Stirn hängen, und auf seiner Haut zeichnen sich die Abdrücke meiner Fingernägel jetzt irgendwie deutlicher ab. Der Anblick lässt meinen Mund trocken werden und ich lecke mir ein leicht hektisch über die Lippen.

„Richtig okay sieht das nicht aus“, meint er dann, „So ’ne Wiedergutmachung wäre angebracht, find ich.“

„Findest du?“, flüstere ich heiser. Oh Gott, ich muss aufpassen, dass das nicht außer Kontrolle gerät. Manchmal bin ich nicht sicher, ob Charles überhaupt weiß, welche verdammte Wirkung er auf mich hat, wenn er mich so ansieht. Mit diesem angedeuteten, diesem Hauch eines Lächelns. Wenn ich nicht weiß, ob seine Augen nun blau oder grün sind. Wenn er die grünen Sachen seines Teams trägt, scheinen sie grün, aber sonst eher blau zu sein – es macht mich verrückt!

„Und wie ich das finde“, erklärt er leise, legt den rechten Zeigefinger auf meine Lippen, als ich etwas erwidern will und bringt mich zum Schweigen. „Es sei denn, du willst meinem Physio erklären, wie die blauen Flecken da hingekommen sind.“

„Will ich nicht“, hauche ich gegen seinen Finger, doch als er die Hand sinken lässt, ergänze ich sofort: „Aber du weißt genau, dass wir heute nicht können, sonst gehst du morgen wieder so komisch.“

„Ich habe ja nicht gesagt, heute noch, aber nächste Woche wirst du doch irgendwann einen Tag abzweigen können.“ Ein durch und durch anzügliches Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht, jagt einen heißen Schauer über meine Wirbelsäule. Doch dann dreht er sich wieder um, drückt seinen Po demonstrativ gegen mein Becken und streckt die Hand aus, um den Film weiterlaufen zu lassen. Mein überraschtes Keuchen ignoriert er.

„Wie erklärst du deinem Physio die Flecken eigentlich?“, frage ich, um mich selbst irgendwie noch rechtzeitig von dem abzulenken, das ich jetzt viel lieber tun würde, als bloß zu kuscheln.

Charles lässt die Hand sinken und lacht: „Ich sage, ich habe ganz schlecht geschlafen, dass ich so einen richtig schlimmen Albtraum gehabt habe. Du weißt schon, so einen, wo man irgendwann mittendrin schweißgebadet aufwacht und -“

„Albtraum?“, echoe ich.

„Na, wie würdest du dich denn sonst nennen?“, kommt’s nüchtern zurück, „An Tagen wie heute bist du keine Versuchung, du bist eine Heimsuchung aller erster Güteklasse.“

„Na danke“, schnaube ich empört, bringe Charles damit jedoch nur zum Lachen:

„Ist so. Weißt du, was ich dir gerade viel lieber sagen würde als auf nächste Woche zu warten?“

„Nein, was denn?“ Weiß ich nicht, aber irgendwie habe ich da so ein Gefühl…

Er dreht den Kopf gerade so weit, dass wir uns wieder halbwegs ansehen können, bevor er wispert:

„Fick mich.“

„Was?“, keuche ich überrascht. Das hat er noch nie gesagt und jetzt kommt es ziemlich… plötzlich.

„Fick mich“, wiederholt er, dreht sich wieder um, greift nach meiner Hand und legt sie wieder auf seine Hüfte. „Scharf machen, obwohl’s nicht geht, das ist echt nicht fair von dir.“

Schmollt er? Sicher bin ich mir nicht, aber ich mag die Ungewissheit nicht und ich will selbst eigentlich auch… Jedenfalls streckt er die Hand wieder aus, um wieder auf Play zu drücken.

„Naja“, höre ich mich murmeln, „Ist nicht so, dass wir auf alles verzichten müssten. Ein bisschen Spaß könnten wir schon haben.“

„Du meinst so, wie in Singapur?“

„Ja“, antworte ich, warte gar nicht ab, ob Charles dazu noch etwas zu sagen hat, schiebe stattdessen die Hand erst unter sein T-Shirt, streiche ein paar Mal über seine Seite, seinen Bauch, mache mich dann am Knopf seiner Jeans zu schaffen. Mit nur einer Hand gar nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Aber hier haben wir immer noch viel mehr Platz als in dieser verdammten Putzmittelabstellkammer und müssen nicht verbissen darauf achten, keine Geräusche zu machen, weil irgendwelche Teammitglieder für einen netten Smalltalk direkt vor der Tür stehengeblieben sind.

*** ~~~ ***


Runes POV

Heiter, beschwingt und nüchtern. Das beschreibt meinen Zustand recht gut, als ich um Viertel vor zehn auf meiner Etage im Hotel aus dem Fahrstuhl steige. Der Donnerstag kann meinetwegen kommen, ich fühle mich jetzt schon bestens vorbereitet, zumindest mental. Die Begegnung samt anschließendem Essengehen mit Heikki hat mir eins deutlich gezeigt: Es gibt auch Fahrer, die mich nicht nur anhand der schlechten Presse beurteilen, die, wenn sie eine Chance bietet, den Mumm haben, selbst nachzufragen. Auch wenn man zerschnittene Heckenscherenkabel nicht wirklich mit dem gleichsetzen kann, was mein altes Ego in Jerez abgezogen hat.

Ich ziehe die Schlüsselkarte aus der Hosentasche, noch bevor ich um die Ecke – warum auch immer dieser Hotelflur da eine hat – gebogen bin, hinter der sich der Flur noch ein gutes Stück hinstreckt und mein Zimmer liegt. Doch als ich es ein paar Schritte später tue, muss ich erst mal überrascht nach Luft schnappen.

Neben der Tür an der Wand lehnt Joakim.

«Wartest du auf mich?», will ich wissen. Etwas anderes fällt mir nicht ein und warum sonst sollte er bitte zu dieser Uhrzeit auf dem Flur direkt neben meiner Tür stehen? Sein Zimmer ist schließlich fast am anderen Ende des Flurs.

«Rein zufällig ja», antwortet er und schon sein Tonfall macht deutlich, dass hier irgendwas nicht stimmt, nicht in Ordnung ist. Nur was? Ich habe ihm doch noch gesimst, dass ich mit einem Kollegen essen gehe und sie nicht auf mich warten sollen. Und sollte er nicht langsam wissen oder wenigstens ahnen, dass ich mich mittlerweile zu einer pflegeleichteren Version meiner Selbst verändert habe?

«Warum?» Ich komme näher und öffne die Tür. Was auch immer gleich noch kommt, auf dem Flur sollten wir das nicht ausdiskutieren.

Joakim folgt mir erst mal wortlos ins Zimmer, schließt die Tür hinter sich und lehnt sich dagegen, als wolle er mich so davon abhalten, ihn im Falle eines Falles ohne zufriedenstellende Antwort stehenzulassen.

«Dreimal darfst du raten», sagt er schließlich, «Es ist Mittwoch, Rune, du kannst dich nicht einfach so verdrücken, wenn dir das in den Kram passt.»

«Hab ich auch nicht getan. Ich habe lediglich beschlossen, mit einem anderen Fahrer essen zu gehen, weil es sich so ergeben hat und ich für heute keinen einzigen anderen Termin mehr hatte. Ist das jetzt so schlimm, dass du bis jetzt da draußen rumstehst, um mir noch eine Moralpredigt halten zu können?» Das kann’s doch nicht sein! Ich hab verdammt noch mal nichts getan, was das rechtfertigen würde!

Doch Joakim geht nicht darauf ein: «Mit welchem Kollegen?»

«Kovalainen», antworte ich knapp. Keine Ahnung, was diese Frage soll, aber bitte, mit einem Namen breche ich mir auch keinen Zacken aus der Krone.

«Hast du getrunken?»

«Nein», fauche ich gereizt, «Aber was soll das hier werden, wenn’s fertig ist? Kreuzverhör?»

«Ich bin dein Physio. Es gibt einfach Sachen, die ich wissen muss, ob dir das nun passt oder nicht.»

«Es gibt einfach Sachen, wo du mir auch mal vertrauen musst. Ich halte mich an deinen Ernährungsplan und auch sonst an alles, was du willst. Du bist der Chef und das -»

«Seit wann hältst du dich daran?», unterbricht er mich. Es klingt ein wenig… ein wenig… ich weiß nicht genau, aber auf keinen Fall nett.

«Wenigstens seit Japan. Und ich kann nichts dafür, wenn dir das bisher noch nicht aufgefallen ist. Das ist deine Sache, aber ein bisschen vertrauen musst du mir schon. Ich kann nicht jeden Abend hier rumhängen oder bei irgendwelchen Terminen. Wenn ich frei hab – was ja selten genug vorkommt – dann möchte ich auch was von meiner freien Zeit haben, verstehst du?»

Joakims Ton hat mich hart getroffen und ich hoffe, er hat nicht herausgehört, wie sehr. Es kann doch nicht sein, dass er mir so wenig vertraut. Ich bin erwachsen, ich weiß, was ich tue und ich bin kein Idiot. Es wäre total kontraproduktiv, sich ausgerechnet heute Abend die Kante zu geben, zumal ich doch überhaupt keinen Grund dafür habe.
Und jetzt steht er einfach nur da und sieht mich an, mit fast ausdruckslosem Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen. Sein Misstrauen tut weh, wirklich richtig weh, und nach ein paar Sekunden muss ich mich abwenden, um nicht in Tränen auszubrechen. Hilflos werfe ich die Tüte mit den neuen Büchern aufs Sofa, ziehe anschließend die Schuhe aus und gehe ins Bad, um mir die Hände zu waschen und die Zähne zu putzen.

Als ich ins Zimmer zurückkomme steht Joakim immer noch an der Tür. Es macht nicht den Anschein, als hätte er sich binnen der letzten Minuten überhaupt gerührt, doch jetzt tut er es. Er lässt die Arme sinken, kommt ein paar Schritte näher. Seine Stimme ist leiser, weniger aufgebracht als zuvor:

«Ich habe mir Sorgen gemacht. Du hast viel Blödsinn angestellt in der Vergangenheit.»

«Aber jetzt nicht mehr», gebe ich etwas trotzig zurück.

«Weiß ich doch», seufzt er und wuschelt mir durch die Haare, genauso wie es sein Barkeeper-Ich immer getan hat, «Gib mir noch ein bisschen Zeit, damit ich mich dran gewöhnen kann, mir nicht mehr ständig Sorgen um dich machen zu müssen, okay?»

Ich nicke. Wenn’s nur das ist… Das kann ich ihm nicht mehr richtig übelnehmen. Mir ist ja selbst bewusst, dass mein altes Ego problematisch war, warum sollte Joakim sich also nicht erst daran gewöhnen müssen, dass es jetzt anders ist? Und es ist ja schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung, wenn er das selbst so sieht.

«Ist dann wieder alles gut und ich kann schlafen gehen?», erkundige ich mich zaghaft. Stundenlang reden und lachen und dann zum guten Schluss noch sowas… das macht ziemlich müde.

«Ja, alles wieder gut, Rune, geh schlafen. Morgen wird ein harter Tag.» Er wuschelt mir erneut durchs Haar und geht. Dabei ist es eigentlich nicht wieder gut. Es ist seltsam, es fühlt sich seltsam an und hat ein merkwürdig flaues Gefühl im Magen hinterlassen. Für einen richtigen Streit war das eindeutig zu wenig, aber für ein richtiges Vertragen hinterher auch. Es kommt mir wie eine halbe Sache vor, etwas, das man angefangen und dann nicht zuendegebracht hat. Auf jeden Fall falsch. Trotzdem mache ich alles so, wie ich es mir auf der Rückfahrt zum Hotel vorgenommen hatte, gehe noch mal kurz duschen und lege mich anschließend hin. Joakim hat recht, morgen wird ein harter Tag.



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