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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 3.229
 
A/N: Danke an Canastas Phi, ShadowOfTheDay, Balalaika, Madrilena, Tracy89 und Silvana.




Kapitel 20 – Störfaktor


Romains POV

Endlich wieder ein brauchbares Ergebnis, endlich! Das war dringend nötig, und Sebastian hat recht, es ist noch nicht zu spät, um zu zeigen, dass ich ein Cockpit in der nächsten Saison verdiene. Ich bin kein schlechter Fahrer, ich habe meine Prioritäten falsch gesetzt und geglaubt, ich müsse etwas alleine durchstehen, was man alleine nicht meistern kann. Dabei hätte ich es besser wissen müssen, immerhin habe ich nun schon seit fast zwei Jahren am eigenen Leib Erfahrungen mit Kimis Dickkopf gemacht. Aber gut, manchmal braucht man jemanden, der einem den Kopf wieder zurechtrückt, und besser spät als nie.

Jetzt habe ich jedenfalls wieder ein gutes Gefühl bei dem, was ich tue, und ich nehme es mit nach Abu Dhabi. Kimi hat letztes Jahr dort gewonnen. Die Hitze wird dem Auto wieder entgegenkommen. Die Aussichten sind richtig gut. Wenn ich da weitermache, wo ich heute begonnen und aufgehört habe, dann… ja, dann werden sich meine Chancen auf eine Vertragsverlängerung weiter verbessern, während Sebastian sich um Kimi kümmert. Zwar weiß ich immer noch nicht, was er tun will oder schon getan hat, aber das macht nichts. Er hat gesagt, ich brauche erst mal nichts weiter zu machen, als mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und daran halte ich mich.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Wir sind spät dran zum Frühstück. Ich stehe vor Runes Zimmertür, habe gerade angeklopft und warte nun, doch nicht sehr lange. Aber was ich dann zu Gesicht kriege, als er die Tür öffnet, macht mich erst mal sprachlos: Rune barfuß, mit freiem Oberkörper, feuchten Haaren und Zahnbürste im Mund.

«Morgen», nuschelt er mir entgegen, «Komm rein, ich brauch noch ’n Moment.» Dann dreht er sich um und schlendert zurück ins Bad. Eilig betrete ich das Zimmer und schließe die Tür hinter mir. Irgendwann raubt er mir noch den letzten Nerv! Das kann doch nicht wahr sein!

«Spinnst du eigentlich? Du kannst doch so nicht an die Tür gehen», sage ich laut, damit er mich im Bad auch sicher hört, «Da hätte sonst wer stehen können!»

«Blödsinn», schallt es zurück und ich höre, wie er den Wasserhahn aufdreht, «Um diese Zeit bist es immer du, Joakim, immer. Da könnte man die Uhr nach stellen.»

Kopfschüttelnd sehe ich mich im Zimmer um. Die Schranktüren stehen offen, die Fächer sind leergeräumt, der Koffer liegt offen, aber schon gut gepackt am Fußende des Bettes. Alle Sachen sind fein säuberlich zusammengelegt, wie es sonst gar nicht Runes Art ist. Es ist sowieso nicht seine Art, schon vor dem Frühstück mit dem Packen zu beginnen. Das macht er eigentlich immer erst auf den letzten Drücker. Andererseits ist es sowieso eine merkwürdige Woche, die hinter mir liegt. Der freie Abend am Mittwoch nagt immer noch an mir. Das gestern, das war ja nichts Ungewöhnliches, das fällt in die Kategorie „Feierabendbier“. Wobei es mich jedoch wundert, dass Rune trotzdem schon wach und scheinbar auch fit ist. Und er scheint auch keinen Kater zu haben. Den kann er nämlich trotz Schmerztabletten nicht verheimlichen, denn verkatert kann er die Augen kaum offen halten. Doch als er mit dem Kulturbeutel in der Hand aus dem Bad kommt, sieht er unleugbar wach und munter aus.

«Siehst du, fast fertig», verkündet er grinsend, schnappt sich das T-Shirt, das noch auf dem Bett lag und zieht es an. Socken und Schuhe folgen, dann steht er auf und fährt sich mit der linken Hand noch mal durchs Haar.

«Kein Styling?», will ich wissen.

Rune zuckt die Schultern: «Lohnt nicht, die bleiben doch auch so in Form.»

Ich nicke, aber denke, dass er jetzt endgültig neben der Spur ist. Er geht sonst nie ungestylt aus dem Haus, nicht mal zum Training! Aber andererseits… wenn das der Preis für sein weitaus professionelleres Verhalten im Job ist… ich glaube, dann werde ich mich schon irgendwie damit arrangieren können.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Der Verkehr in dieser Stadt ist eine Zumutung. Ich habe mich selten so sehr auf eine einsame Landstraße in Nordfinnland gewünscht wie heute. Probehalber habe ich mal an meiner Wasserflasche gerieben, aber da war kein Geist drin, der mir diesen Wunsch hätte erfüllen können. Nur Wasser. Und jetzt nichts mehr. Am Flughafen angekommen werfe ich die leere Plastikflasche in den erstbesten Abfalleimer, bevor ich Seb folge. Er ist beschwingter seit gestern. Der vierte Titel ist ihm kaum noch zu nehmen, nicht weiter verwunderlich also.
Doch ich kann seine gute Laune nicht so teilen wie letztes Jahr. Ich will Lindström jetzt nicht sehen, am allerliebsten wäre es mir, er würde mir nicht einmal an der Strecke unter die Augen kommen. Es reicht völlig, dass ich immer noch von ihm träume, dass ich ihn partout nicht aus dem Kopf kriege und Seb mich mittlerweile schon damit aufzieht. So sehr, dass ich mir einen dieser Roll-on-Stifte gekauft habe, die Augenringe verschwinden lassen sollen. Heimlich, das versteht sich von selbst. Nicht, dass ich Seb noch eine weitere Vorlage für seine Neckereien liefere. Das muss echt nicht sein.

Und dann sehe ich ihn wieder. Lindström. Er sieht ganz anders aus als das Wochenende über, viel entspannter, fröhlicher, mehr wie ein Junge als wie ein Mann. Wie alt ist er? Zwanzig? Einundzwanzig? Zweiundzwanzig? Höchstens. Da ist noch so etwas Kindliches in seinem Gesicht, etwas Unschuldiges, das ihn aussehen lässt, wie - Sein Lächeln wird breiter, als er uns, nein, wohl eher Seb bemerkt. Ich dürfte ihm bisher nicht weiter aufgefallen sein und der Gedanke versetzt mir ein Stich.
Er hat Ähnlichkeit mit einem dieser jungen Menschen, die man in Reisekatalogen für Skandinavien sieht, wenn es um Land und Leute geht, als er Seb die Hand gibt. Fast könnte man meinen, er hätte auch leibhaftige Bekanntschaft mit Photoshop gemacht. Die dunkelgrüne Sonnenbrille mit hellgrün verspiegelten Gläsern ist ein Farbtupfer im blonden Haar, der Sommer verspricht und farblich zum Muster des T-Shirts und den Chucks passt. Mir ist nur etwas schleierhaft, wie er bei diesen Temperaturen eine lange Hose tragen kann, ohne darin einzugehen.

Sebastian stellt mich vor und Lindström sieht mich an, wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst. Seine Augen sind so sommerhimmelblau, dass ich mich unweigerlich frage, ob er getönte Kontaktlinsen trägt. Ein einzelner Mensch kann nicht so perfekt aussehen, das geht nicht!
Er hält mir die Hand hin. Ich kann mich gerade noch rechtzeitig fangen, um den Sinn der Geste zu erfassen und sie schütteln. Die Haut ist glatt, weich und… kühl, sein Händedruck überraschend fest.

„Hauska tutustua“, sagt er und im gleichen Moment stelle ich fest, dass der erste Photoshopeindruck täuscht. Man kann die Sommersprossen nur auf größere Entfernungen nicht erkennen. Sie sind zu blass und zu wenige, aber ein besonders vorwitziges Exemplar sticht heraus. Es ist größer und etwas dunkler und es sitzt fast auf seiner Nasenspitze, es müsste nur ein winziges Stück weiter rechts sein, dann wäre es punktgenau. Es lenkt mich genauso ab wie sein Finnisch. Normalerweise ist es doch umgekehrt und ich sollte Schwedisch… Ich erwidere etwas, ohne zu wissen, was es genau ist und – bereue es fast augenblicklich, weil er meine Hand wieder loslässt.

Habe ich mich gerade zum Deppen gemacht?

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich habe nicht den Eindruck, dass Joakim sich besonders wohlfühlt. Er hat sich gleich nach dem Start hinter seine Arbeit – worin auch immer die gerade besteht – geflüchtet. Claire ist gestern Vormittag schon nach Abu Dhabi geflogen. Sie hätte dort heute einen Termin, hat sie gesagt, und zum Rennen fahren bräuchte ich sie schließlich nicht. Eigentlich hat sie da recht, aber Joakim könnte sie im Augenblick wohl gut brauchen. Dabei bin ich davon ausgegangen, er würde sich mit Sebastians Physio gut verstehen, also rein des Berufs wegen. Da müsste es schließlich genug geben, über das man sich gut austauschen kann. Offensichtlich habe ich mich da getäuscht. Aber vielleicht sind Physios auch einfach nicht besonders gesprächig. Heikki schweigt sich ebenfalls aus. Schade, dabei macht er auf mich einen netten Eindruck. Andererseits gelten Finnen als schweigsam – wobei das meine bisherigen Erfahren eher nicht bestätigen. Wären sie schweigsam, hätte Valtteri gestern sicher die Klappe gehalten. Sei’s drum. Ist sowieso nicht mehr zu ändern. Und wozu brauche ich einen Teamkollegen zum Freund, der mich nicht leiden kann, wenn die Wellenlänge zwischen Sebastian und mir stimmig scheint?
Allerdings muss ich wieder einmal feststellen, dass mein Deutsch offenbar ein sehr beliebtes und aufsehenerregendes Gesprächsthema ist, insbesondere für deutsche Fahrer:

„Wo hast du das eigentlich gelernt?“

Ich zucke die Schultern. „Gelernt ist übertrieben, eigentlich hab ich’s mir selbst beigebracht wegen der Touristen. Das war irgendwie einfacher als sich mit ihrem Englisch herumzuärgern.“ Im Grunde genommen ist das die Wahrheit, naja, meine Wahrheit. Stellt sich nur die Frage, warum hätte mein altes Ego wegen deutscher Touristen Deutsch lernen sollen? Das macht erschreckend wenig Sinn! Es ist schlicht unglaubwürdig und das wird Sebastian mit Sicherheit auffallen und wenn er nachhakt… Das wäre nicht gut, deshalb setze ich gleich nach: „Also eigentlich kann ich gar nicht so viel. Ein paar Wörter, Namen, Wegbeschreibungen und Phrasen, nur das Nötigste halt.“

Sebastian runzelt leicht die Stirn: „Hm, Nico meinte, es wäre gar nicht so schlecht.“

„Oh“, mache ich überrascht, doch nicht wegen des Kompliments, sondern weil ich wirklich erstaunt bin, dass Sebastian das weiß. Irgendwie bin ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, Nico könne das irgendjemandem erzählen, obwohl ich selbst es Max natürlich gesagt habe. Musste ich ja, als er fragte, ob wir Mittwochabend was zusammen machen wollen und ihn konnte ich nicht belügen. „Aber ich mache wirklich viele Fehler.“

„Darauf würde ich’s ankommen lassen.“ Sebastian grinst, doch ich bleibe lieber erst mal skeptisch:

„Ganz sicher?“

„Ja“, erwidert er, „So schlimm kann’s nicht sein.“

Jetzt muss ich lachen. Nico wollte das am Anfang auch nicht glauben, hat später jedoch feststellen müssen, dass durcheinandergebrachte Wörter und Akzent es alles andere als einfach machen, mich zu verstehen. Für mich hingegen war’s letztendlich sehr lustig, weil ich wenigstens mal erfahren durfte, was für Blödsinn ich teilweise von mir gegeben habe.

>Wir können versuchen das<, räume ich ein.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich gebe auf. Ich habe gar keine andere Wahl mehr, seit Seb mir meinen Notizblock samt Kugelschreiber abgeschwatzt hat. Dass Tetris in Lindströms Gegenwart machtlos ist, konnte ich ja bereits in Japan feststellen, und auch scheinbar teilnahmslos aus dem Fenster schauen bringt nichts. Keine Ahnung, wie Ahlgren das macht, aber der scheint meine Probleme nicht zu haben. Und meine Sorgen, mit ihm Smalltalk machen zu müssen, haben sich auch in Wohlgefallen aufgelöst. Er gibt sich insgesamt ziemlich wortkarg und würde er nicht so offensichtlich über Arbeit brüten, könnte man glatt auf den Gedanken verfallen, er wolle nicht hier sein.

Zwischen Seb und Lindström herrscht mittlerweile ein regelrechter Papierkrieg, den sie im Laufe des Gesprächs mit meinem Notizblock angezettelt haben, in dem seltsamen Versuch, sich ihre Muttersprachen näherzubringen. Lindström ist allerdings deutlich im Vorteil, was den Wortschatz angeht. Außerdem bringt sein Akzent Seb immer wieder zum Lachen. Mich erinnert es irgendwie an den Koch aus der Muppet Show und seine Gestik unterstützt diesen Eindruck noch. Aber natürlich sieht er viel besser aus. Ich beiße mir auf die Lippen. Diese Sommersprosse auf seiner Nasenspitze hat alles nur noch schlimmer gemacht, zusammen mit seinem Lachen – und er lacht ziemlich viel. Gerade jetzt über Sebs eher vergebliche Bemühungen, der Betonung gerecht zu werden. Gut, es ist auch irgendwie lustig anzuhören, wenn man sich selbst mal damit abmühen musste. Vielleicht sollte ich doch mal intensiver versuchen, meine Schwedischkenntnisse zu reaktivieren, sonst könnte es passieren, dass Seb das bald besser kann als ich. Wenn die beiden nämlich nicht eine astreine Show abziehen, wird sich das hier sehr wahrscheinlich wiederholen und - Eine Berührung an der Schulter lässt mich leicht zusammenzucken. Seb ist aufgestanden, geht gerade weg, vermutlich zur Toilette. Ist ja so ziemlich der einzige Ort, wo man in einem Flugzeug mal hingehen kann. Aber ich habe die arge Vermutung, dass er mich damit dazu bringen will, endlich mal den Mund aufzumachen. Ich will nicht, bin mir immer noch sicher, dass ich mich vorhin zum Deppen gemacht habe. Und dann ist da dieser Kloß in meinem Hals… Aber ich sollte wirklich etwas sagen, denn wenn ich es nicht tue, wird Seb nachher fragen, warum ich es nicht getan habe. Doch als ich mühsam ein paar Worte zusammengekratzt habe, kommt Ahlgren mir mit etwas auf Schwedisch zuvor, das ich auf die Schnelle natürlich nicht verstehe.

Lindström dreht sich halb zu ihm um, als er antwortet: «Jag vet det.»

Was auch immer er weiß, Ahlgren scheint das nicht zu reichen. Jedenfalls hört sich das, was er erwidert, eher mahnend statt neutral an für mich, und Lindström seufzt:

«Ja.»

Dann wendet er sich wieder einem der Zettel zu, die Seb beschrieben hat, gleich darauf schüttelt er den Kopf.

„Puhutko sä saksaa?“, fragt er mich plötzlich.

Im ersten Augenblick bin ich versucht, einfach Nein zu sagen, aber das wäre gelogen. Ein bisschen kann ich schon – verstehen sogar so gut wie alles –, doch bestimmt nicht genug, um ihm eine Frage dazu zu beantworten. „Nur ganz wenig“, ringe ich mir ab.

„Schade“, er zuckt die Schultern, grinst dann schief, „Da sind aber auch einfach viel zu viele Konsonanten drin.“

Ist das so? Oder ist das nur ein Versuch seinerseits, ein Gespräch in Gang zu bringen? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Für einen Moment sieht er mich noch an, dann  betrachtet er wieder den Zettel und ich schlucke schwer. Er sollte mich nicht so durcheinanderbringen. Das ist nicht gut. Und ich sollte…

„Woher kannst du Finnisch?“ Das ist so ziemlich die dümmste Frage, die ich stellen konnte, das ist klar, aber wenn ich dauernd nur schweige, muss er mich einfach für dumm halten. Oder verstockt. Oder… keine Ahnung, für irgendwas anderes Negatives auf jeden Fall.

„Meine Mutter kommt aus Turku.“ Es klingt irgendwie selbstverständlich, trotzdem hake ich nach, um nicht sofort wieder in Schweigen zu verfallen:

„Du bist zweisprachig aufgewachsen?“

„Nein.“ Er schüttelt leicht den Kopf und lacht wieder. „Ich wollte sie überraschen, hat nicht ganz geklappt.“

„Aber du kannst es doch gut“, wende ich verwundert ein. Ich meine, er macht das wirklich richtig gut, bis jetzt völlig fehlerfrei. Wie soll so eine Überraschung also nicht klappen?

„Und genau das ist das Problem gewesen.“

„Täh?“ Was ist daran denn ein Problem? Ich versteh’s nicht!

„Na, ich wollte es ihr erst an Weihnachten verraten, aber dann hab ich sie neulich angerufen und in geistiger Umnachtung eben was auf Finnisch gesagt. Klarer Fall von dumm gelaufen.“

„Aber die Überraschung ist wenigstens geglückt?“ Eigentlich sollte ich sowas nicht fragen, das ist schon sehr privat, doch… Lindström lacht:

„Auf jeden Fall, es war vielleicht nicht ganz so gut, dass sie der Anruf geweckt hat, aber… Montagmorgens hab ich die Sache mit der Zeitverschiebung noch nicht so drauf. Also nicht ohne Kaffee zumindest.“

Er sagt das so heiter und unbekümmert, dass es mich trotz aller Unsicherheit auch zum Lachen bringt:

„Hat dem Überraschungseffekt aber bestimmt nicht geschadet.“

„Nein, aber empfehlen würde ich’s jetzt auch nicht. Es könnte -“

Ahlgren unterbricht ihn mit etwas. Er spricht sehr schnell und ich würde fast sagen, er nuschelt absichtlich, damit die Gefahr, dass ich es verstehe, geringer ist. Doch was auch immer es ist, es vertreibt das Fröhliche und Unbekümmerte von Lindströms Gesicht – es stört mich. Er muss schlucken, das kann ich genau sehen, bevor er den Kopf schüttelt:

«Nej. Jag var inte berusad igår kväll.»

Es wäre auch reichlich blöd, sich zu betrinken, wenn man am nächsten Tag früh aufstehen muss. Wenn Ahlgren tatsächlich danach gefragt hat, erschließt sich mir nicht, was das mit der Arbeit zu tun hat. Sollte er Lindström nicht so gut kennen, dass er bemerkt, wann er einen Kater hat? Oder führt er auch darüber Buch? Na gut, ich notiere mir auch einiges, aber das? Das kommt mir doch etwas übertrieben vor. Und sofern mich nicht alles täuscht, geht es Lindström genauso, als er sich wieder zurücklehnt. Eigentlich würde ich jetzt gerne fragen, was Ahlgren wollte, aber das ginge eindeutig zu weit. Das ist eine Grenze, die ich nicht übertreten darf und selbst wenn ich es dürfte, meine Chance löst sich in Wohlgefallen auf, als Seb zurückkommt.

Er wirft mir einen kurzen, fragenden Blick zu, der mich kaum sichtbar die Schultern zucken lässt. Nein, es lief nicht so, wie ich mir das insgeheim ausgemalt habe, ganz und gar nicht. Ahlgren stört!

*** ~~~ ***


Kimis POV

Das Problem Romain ist offenbar abgehakt, hat sich von selbst erledigt. Zum Glück!
Dafür habe ich mir gleich das nächste namens Lindström angelacht – und das ist Valtteris Schuld. Der hätte wissen müssen, dass sein Teamkollege Finnisch spricht. Nicht mal ich bin so ignorant, nicht zu bemerken, dass jemand meine Muttersprache beherrscht, wenn ich zwangsläufig mit ihm zu tun habe. Erst recht nicht, wenn das schon über Jahre so geht! Doch am schlimmsten ist, dass ich Lindström grundsätzlich nicht mal böse sein kann. An seiner Stelle hätte ich vergleichbar auf mich reagiert.

Nur hilft mir diese tolle Erkenntnis nicht dabei, dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Aber das ist dringend nötig, wenn mein Plan aufgehen soll. Ich kann schließlich niemanden mit einem Freund verkuppeln, der sich weigert, mit mir zu sprechen.
Das einzige, was halbwegs tröstlich ist, ist, dass Valtteris Verhältnis zu Lindström alles andere als ein gutes ist. Ich könnte mir das zu Nutzen machen… Manchmal muss man das Leben wie ein Schachspiel nehmen, die Bauern opfern, um zu gewinnen. Valtteri als Bauernopfer, damit Jenson Seb nicht das Herz bricht? Klingt enorm kitschig! Könnte aber funktionieren und zwischen Valtteri und Lindström kann man scheinbar eh nichts mehr kaputtmachen.

Also ist es beschlossene Sache: Ich werde noch mal versuchen, mit Lindström zu sprechen und ihm dann erklären, ich hätte ihn nicht persönlich gefragt, weil ich nicht in seine Unterhaltung mit Chilton und Bianchi reinplatzen wollte. Und ich konnte natürlich nicht wissen, dass Valtteri so schlecht auf ihn zu sprechen ist. Dafür sollte er eigentlich Verständnis haben – und wenn es nur aus reiner Höflichkeit ist.

*** ~~~ ***


Runes POV

Irgendwie bin ich wütend auf Joakim. Was hatte der eigentlich den ganzen Flug über mit seinen dämlichen Fragen?! Hätte das nicht bis zum Abend warten können? Am liebsten hätte ich ihm das schon um die Ohren gehauen, als er das erste Gespräch mit Heikki unterbrochen hat. Ich find’s nämlich nicht lustig, aus heiterem Himmel gefragt zu werden, ob ich heute Morgen nicht mit einem Kater aufgewacht bin, obwohl ich am Vorabend mit Max und den anderen unterwegs war. Ohne Max wäre ich schließlich aufgeschmissen und wüsste gar nicht, mit wem ich mich in diesem Zirkus überhaupt unterhalten sollte, wo mein Teamkollege doch schon ausfällt!

Eine fiese kleine Stimme in meinem Kopf verkündet sogar, Joakim würde Max nicht mögen oder in meiner Nähe haben wollen. Vielleicht bezieht sich das obendrein auf andere Menschen, insbesondere Männer. Vielleicht ist er eifersüchtig und sieht sie als Störfaktor an… Aber das muss Quatsch sein! Dazu hat er keinen Grund, immerhin ist er doch derjenige, mit dem ich die meiste Zeit verbringe. Vielleicht sollte ich ihn direkt auf dies heikle Thema ansprechen, aber… Andererseits bin ich auch froh, dass ich ihn heute nicht mehr sehen muss, wenn ich das nicht unbedingt will. Ich könnte mich ans Fenster setzen und mir den endlos blauen Himmel über der Wüste ansehen oder… jemanden anrufen oder lesen. Irgendwas tun, was mir Spaß und Entspannung verspricht. Zu dumm, dass Claire die Gitarre schon in Delhi zur Post gebracht hat…



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