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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
02.07.2013 3.750
 
A/N: Wow! 11 Reviews! Damit hab ich echt nicht gerechnet.
ispe, Balalaika, Madrilena, BecksDarcy, Tracy89, Tiefseentraum, livelovelaugh, freakylittlegirl, Nathi, Sternengrau, Berlinpancake95: Danke.






Kapitel 1 – Joakim


Runes POV

Ich blinzle verschlafen, stöhne leise und vergrabe das Gesicht instinktiv im Kissen. Das Hämmern in meinem Kopf ist so intensiv, dass es sich anfühlt als würde jemand Sargnägel mit aller Gewalt durch Augen und Ohren hineintreiben. Doch die Dunkelheit unterbricht es nur kurz, dann geht es noch lauter als zuvor weiter, bringt mich wieder zum Stöhnen. Was habe ich angestellt, um das zu verdienen? Mehrere Flaschen Wodka alleine getrunken oder jemanden umgebracht? Nein, ganz sicher nicht. Das ist völlig absurd. Sowas tue ich nicht! Vielleicht sollte ich mich aus dem Bett treten, eine Aspirin schlucken und mich dann wieder hinlegen, bis es mir besser geht. Ja, das klingt irgendwie -

«Rune, beweg deinen Arsch aus dem Bett und mach die Tür auf!»

Hölle, das Hämmern kommt gar nicht allein von meinem Kopf, sondern auch von der Tür! Die Erkenntnis jagt mich wie ein Elektroschock in eine sitzende Position hoch und das Zimmer, das ich in den wenigen Sekunden, die ich klare Sicht habe, sehen kann, kommt mir kein Stück bekannt vor. Dann verschwimmt es vor meinen Augen zu einem unscharfen Einerlei.

«Rune Santtu Lindström, mach endlich die Tür auf!»

Oh, wenn sich jemand die Mühe macht, mich bei meinem vollen Namen zu nennen, dann muss es irgendwie dringend sein. Vorsichtig schiebe ich die Beine über die Bettkante und komme nach dem zweiten Anlauf schließlich auch auf die Füße. Verdammt, ich kann nicht mal wirklich aufrecht stehen, stattdessen schwanke ich hin und her wie eine Birke bei Sturm. Auf dem Weg zur Tür mache ich obendrein noch eine unliebsame Bekanntschaft mit etwas, das wohl eine Stehlampe ist, oder war. Sicher bin ich mir nicht. Hier ist es definitiv zu hell und mir absolut schleierhaft, wie ich es bis zur Tür schaffen und sie dann auch noch öffnen kann, ohne irgendwo hin gekotzt zu haben. Nur zum Nachdenken habe ich keine Zeit mehr, denn Joakim starrt mich an.

Joakim! Keine Ahnung, wo der plötzlich herkommt. Das hier ist jedenfalls nicht seine Wohnung, da war ich schließlich oft genug, um zu wissen, wie sie aussieht. Außerdem hat er keine Stehlampen.

«Scheiße, Rune», entfährt es ihm, «Das hatten wir doch grad erst in Singapur. Musst du dich jedes Mal abschießen, wenn was nicht so läuft, wie du’s gerne hättest?»

«Hä?» Zu mehr fühle ich mich nicht in der Lage. Noch ein Wort mehr, glaube ich und dann verteilt sich mein Mageninhalt auf dem Teppich.
Joakim schiebt mich ein paar Schritte zurück, kommt herein und schließt die Tür hinter sich. Unwillkürlich muss ich würgen. So schlecht war mir wirklich schon seit Ewigkeiten nicht mehr, ja, ich kann mich nicht mal erinnern, dass mir überhaupt je so speiübel gewesen ist.

«Ja, schon gut. Bringen wir dich erst mal ins Bad. Ich hab keine Lust, wieder irgendwem erklären zu müssen, warum die Hotelrechnung höher als veranschlagt ist.»
Und wieder bugsiert er mich in eine Richtung. Offenbar kennt er sich hier im Gegensatz zu mir aus.  
Wir stolpern in ein hell gefliestes Badezimmer und bis vor die Kloschüssel. Joakim drückt mich scheinbar mühelos runter, meine Knie sind ihm sogar dankbar dafür. Ich auch. Sie fühlen sich an wie Johannisbeergelee. Unter angestrengtem Blinzeln erkenne ich, wie er die Klobrille hochklappt.

«Hopp jetzt, Finger in den Hals», kommandiert er, «Es geht dir doch immer gleich besser, wenn du erst mal gekotzt hast.»

Tut es das? Echt? Kann ich mich nicht dran erinnern. Okay, ich will mich jetzt eigentlich auch an nichts erinnern, ich will überhaupt nicht denken sondern zurück ins Bett. Außerdem hat man nach dem Kotzen so ’nen ekligen Geschmack im Mund, der im schlimmsten Fall mit Zähneputzen auch nicht weggeht, vom rauen Hals mal zu schweigen.

«Mann, ich will echt nicht wissen, was du alles getrunken hast», faucht Joakim plötzlich genervt und bevor ich weiß, was los ist, hab ich seinen Finger im Mund, nein, eher im Rachen und muss auch prompt würgen. Sauer schießt mir der Mageninhalt durch die Speiseröhre nach oben, Joakim schiebt meinen Kopf über die Kloschüssel, hält ihn noch kurz fest, steht dann auf und geht sich die Hände waschen. Ich bleibe würgend, hustend und spuckend vor der Toilette knien.

«Wenn du fertig bist, duscht du, putzt dir die Zähne und ziehst dich an. Ich pack schon mal deine Sachen. Frühstück ist nicht mehr, wir müssen in anderthalb Stunden los zum Flughafen.»

«Wa-» Mehr ist nicht drin, bevor der nächste Schwall Erbrochenes über weißes Porzellan spritzt.

«Irgendwann hast du dir den Verstand soweit weggesoffen, dass deine Karriere vorbei ist bevor sie richtig angefangen hat, Rune. Du musst damit aufhören! Jetzt! Wenn du schon nicht mehr weißt, was anliegt, dann ist es wirklich ernst.» Er klingt entsetzlich besorgt. «Und ich sag’s dir nur einmal: Wir sind in Korea und fliegen weiter nach Japan.» Damit verschwindet er nach nebenan.

Korea? Japan? Braucht man dafür nicht Visa? Wann soll ich die denn beantragt haben? Und wie bin ich überhaupt in Korea gelandet?! Da wollte ich nie hin! Asien interessiert mich nicht, es gibt genug schöne Länder in Europa, Island zum Beispiel. Der nächste Schwung saurer bröckchenbelasteter Flüssigkeit klatscht ins Klo.

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis nichts mehr hochkommt, doch als es soweit ist, geht es mir tatsächlich besser. Irgendwie zumindest. Der pochende Kopfschmerz ist geblieben, wird erst weniger intensiv, als ich mit geputzten Zähnen unter der Dusche stehe und kaltes Wasser auf mich niederprasselt.

«Ist ja gar keine Saunatemperatur hier drinnen. Alles okay?»

Überrascht zucke ich zusammen, treffe mit dem Ellenbogen schmerzhaft auf die Duscharmatur. Warum zur Hölle spaziert Joakim hier einfach so rein, während ich nackt bin?! Wäre ich fitter, würde ich das jetzt auch aussprechen, doch in diesem Zustand möchte ich über nichts diskutieren. Also frage ich bloß: «Ja, wieso?» Weiß doch jeder, dass kaltes Wasser bei Kopfschmerzen besser ist als warmes.

«Weil du nie kalt duscht», kommt es beinahe vorwurfsvoll zurück. «Ich hab dir ’ne Schmerztablette hingelegt. Nur eine, mehr gibt’s nicht, das weißt du hoffentlich noch.»

Nein, wusste ich bis eben nicht, ist mir aber gerade auch ziemlich egal. Hauptsache, ich bekomme überhaupt was gegen die Kopfschmerzen. «Danke.»

«Ja, schon gut. Sieh lieber zu, dass du fertig wirst», wiegelt Joakim ab und beginnt, Sachen in einen, nein, vermutlich meinen Kulturbeutel – der mir kein bisschen bekannt vorkommt! – zu stopfen. Gut, er klingt weder begeistert noch sieht es so aus als wäre sein Geduldsfaden besonders lang, und ich habe keine Lust, angeschrien zu werden. Dann könnte mir bestimmt auch keine Schmerztablette mehr helfen, also stelle ich das Wasser ab, steige aus der Dusche und greife nach dem Handtuch.

«Fang!»

Funktioniert nicht. Natürlich. Das Deo fällt scheppernd zu Boden und am liebsten würde ich mir die Hände auf die Ohren pressen, doch da ist es schon vorbei.

«So schlecht warst du schon ewig nicht mehr in Form. Ich glaube, wir müssen da an deinem Training was drehen.» Er kommt zu mir, hebt die Flasche wieder auf und drückt sie mir in die Hand. «Mach schon. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.»

Ich muss mich zusammenreißen, ganz dringend. Man kann mit Joakim nicht gut reden, wenn er gereizt ist und im Augenblick tue ich offenbar alles außer ihn zu beruhigen. Obwohl ich wirklich mit ihm reden müsste. Er scheint ja immerhin zu wissen, was hier los ist. Kopfschüttelnd sieht er mich an, dann geht er wieder, die Kulturtasche lässt er dabei auf dem Waschbecken stehen, und ich fühle mich noch schlechter als sowieso schon.

Als ich Minuten später das Bad – mit Kulturtasche samt Deo – verlasse, hockt Joakim vor einem großen anthrazitfarbenen Koffer und stapelt zusammengelegte Kleidungsstücke hinein. «Danke», sage ich erneut, stelle die Tasche neben den Koffer und muss mich in der nächsten Sekunde an Joakims Schulter festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, weil mir schwarz vor Augen wird. Bücken ist wohl erst mal tabu. Wenigstens so lange, bis mein Kreislauf sich gefangen hat und wieder auf Trab ist.

«Tablette und Wasser stehen aufm Tisch», kommentiert er mein Schwanken ohne das Packen zu unterbrechen.

Scheiße, kennt der solche Aussetzer von mir etwa wirklich?! Das ist gruselig! «Hm», mache ich, halte Ausschau nach besagtem Möbelstück und stolpere, immer noch nur mit einem Handtuch um die Hüften, quer durchs Zimmer, nachdem ich es entdeckt habe.
Da liegt tatsächlich, sorgfältig rationiert, eine einzige runde weiße Tablette neben einem exakt bis zur Markierung am oberen Rand mit Wasser gefüllten Glas. 0,2 Liter würde ich mit meiner halbjahrlangen Arbeitserfahrung mal sagen.
Ohne Zögern stecke ich mir die Tablette in den Mund und spüle sie mit dem gesamten Glasinhalt hinunter. Steht schließlich auf jedem Beipackzettel, dass man die mit viel Flüssigkeit einnehmen soll. Kann sicher nicht schaden, wenn ich mich mit diesen Kopfschmerzen genau dran halte. Vielleicht wirkt’s dann auch schneller. Wäre ich nicht gerade böse drum.

«Anziehen nicht vergessen, Rune. Ich hab deine Sachen aus der Wäscherei geholt und dir was aufs Bett gelegt.»

Oh, da liegen wirklich Sachen, alle noch sauber zusammengelegt. Okay, dieser Morgen wird immer absurder. Vielleicht ist das hier doch nur ein verrückter Himbeerlikörtraum auf Joakims Couch, weil seine Katze mir die Decke geklaut hat und ich nun friere. Ich sollte einfach die Augen aufmachen und dann hat das hier sofort ein Ende, beschließe ich. Aber nichts passiert, ganz egal wie weit ich die Augen aufreiße. Na gut, manchmal dauert sowas eine Weile. In der Zwischenzeit kann ich mich auch anziehen, dann regt Joakim sich nicht weiter auf.
Boxershorts, Socken, Schuhe von Nike, Jeans und ein weißes T-Shirt mit Aufdruck in hellblau, schwarz und beige, den ich in diesem Zustand als nichts Sinnvolles identifizieren kann, das deutlich enger, figurbetonter sitzt als ich es gewohnt bin, sodass ich unsicher am Saum herumzupfe. Doch davon wird’s leider auch nicht länger.

«Lass das und halt mal still.»

Ich erstarre regelrecht. Joakim kommt näher und fährt mir durch die Haare, die ich doch etwas länger in Erinnerung habe.

«Sieht nach ’nem bad hair day aus», sagt er dann, «Aber kriegen wir wieder hin.» Er zückt eine Tube Haargel, gibt sich davon was auf die Hand und fuhrwerkt gleich darauf wieder auf meinem Kopf herum. Keine Ahnung, was er da anstellt, aber ich hoffe, dass es ihm da besser geht. Glücklicherweise macht er einen recht zufriedenen Eindruck, als er die Tube in den Mülleimer wirft und danach ins Bad geht, um sich die Hände zu waschen.
Ich nutze die Zeit, um mich im Spiegel an einer Schranktür zu betrachten. Teufel, ich sehe ganz anders aus, als ich mich selbst in Erinnerung habe. Auf jeden Fall bin ich größer, etwas schlanker und definitiv besser trainiert.

«Schau nicht so. Heute musst du eben mit meinem Gel vorlieb nehmen, aber kannst dir ja am Flughafen neues kaufen.»

Ich nicke bloß. Sollte ich wohl tun, wenn er das schon anspricht.

Joakim hingegen schüttelt den Kopf: «Du stehst heute wirklich neben dir, weißt du das? Na los, komm, hier ist die Sonnenbrille, da ist dein Rucksack, ab die Post.» Er drückt mir beides in die Hand und nimmt sich selbst den Koffer. «Handy, iPod, Zigaretten und Papiere sind da, wo du sie immer hintust, kenn’ dich ja.»

Schön, dass das wenigstens einer von uns beiden tut, schießt es mir durch den Kopf. Bis eben wusste ich ja nicht mal, dass ich rauche!

Fünfundsiebzig Minuten später ist mir bewusst, dass ich offenbar überhaupt gar nichts weiß, doch jetzt kann ich mich endlich auch an den Grund dafür erinnern. Es ist erstaunlich leicht, wieder halbwegs klar zu denken, sobald Kopfschmerzen erst mal nachgelassen haben. In der Zwischenzeit sind wir am Flughafen angekommen, Joakim hat dafür gesorgt, dass ich neues Haargel kaufe, einen Kaffee und einen Obstsalat bekomme und obendrein noch ein wenig Ruhe. Er meint, ich bräuchte das, und hat sich selbst auch zurückgezogen, sodass ich nun allein auf einem der Sessel im First Class-Wartebereich sitze – und schuld ist nur Enrique! Dieser gottverdammte Flaschengeist! Paralleluniversum! Er hat gesagt, es ist nur so eine Art Paralleluniversum! Elender Lügner! Kein Wort davon, dass ich mit dem Kater meines Lebens in irgendeinem koreanischen Hotel aufwachen und zum Kotzen gezwungen werden würde! Von Joakim, ausgerechnet Joakim! Und weiß der Teufel, was gleich noch auf mich zukommt!

Am liebsten würde ich mich jetzt hier zusammenkauern und weinen, aber ich tu’s nicht. Man weint nicht in der Öffentlichkeit. Das ist nicht gut. Niemand muss wissen, wie schlecht es einem geht. Sowas gehört ins Private, nirgendwo anders hin. Warum sonst reden die Touristen in Skandinavien denn immer davon, wie freundlich die Norweger, wie fröhlich die Schweden und wie schweigsam die Finnen sind? Tja, die Antwort ist simpel: Sie zeigen nur nicht, wie scheiße es ihnen geht!
Also tue ich das Einzige, was mir in dieser Situation noch bleibt: Ich versuche, die Wünsche und die Realität, in der ich mich offenbar befinde, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.
Größer wollte ich sein, das war der erste Wunsch. Gut, damit wäre klar, warum ich mir im Spiegel im Hotel größer vorkam. Ich bin größer.
Der zweite Wunsch sollte meine Trinkfestigkeit verbessern. Hat er offenbar auch getan. Nach zwei, drei Bier bekommt man keinen solchen Kater, da spreche ich aus Erfahrung.
Bleibt nur noch der dritte und zugegebenermaßen wahnwitzigste Wunsch: Formel 1-Pilot sein. Und der ist auch erfüllt worden, sonst würde ich jetzt sicher nicht hier sitzen. Scheiße, scheiße, scheiße, dreimal gottverdammte Scheiße! Ich hab doch überhaupt keine Ahnung, wie man ein Rennauto fährt! Selbst den Führerschein hab ich nur mit Hängen und Würgen geschafft. Hölle, ich bin geliefert, so verflucht geliefert, dass ich’s mir nicht mal ausmalen will.

Der Kaffee im Pappbecher ist kalt und fängt jetzt an zu zittern, nein, eigentlich zittern nur meine Hände, aber es kommt aufs Gleiche raus: Panik hoch drei. Gut, dass ich den Obstsalat schon gegessen habe, spätestens ab diesem Zeitpunkt werde ich nämlich für sehr lange Zeit keinen Bissen mehr runter kriegen. Und eine innere Stimme sagt mir, dass Joakim das nicht sonderlich gut finden würde und mit ihm möchte ich mich immer noch nicht anlegen.
Vermutlich sollte ich erst mal was Vernünftiges tun, etwas, das ich unter normalen Umständen tue, wenn ich Rat oder eine Lebensweisheit brauche, deren Sinn ich nicht auf Anhieb verstehe – Mama anrufen. Mein Handy ist im Rucksack, hat er gesagt, da, wo es immer ist. Keine sehr hilfreiche Angabe, wie man vorhin am Check-in-Schalter feststellen konnte, als ich geschlagene drei Minuten nach meinen Papieren suchen musste. Es hätte auch noch länger gedauert, doch Joakim hat mir den Rucksack einfach aus der Hand genommen, einmal reingegriffen und der Dame das Benötigte auf den Schalter geklatscht. Peinliche Angelegenheit…

Aber jetzt habe ich ja ein wenig mehr Zeit, um das Telefon zu finden, doch als ich es dann in der Hand halte, stellt sich heraus, dass Handy eigentlich die falsche Bezeichnung für das Smartphone ist. Und ich sollte diese Zigaretten wegwerfen. Die werde ich eh nicht anrühren. Wäre doch absolut hirnrissig mit dem Rauchen anzufangen, wenn man offenbar gerade zum Profirennfahrer gemacht worden ist. Also stehe ich mit der Packung in der Hand auf, gehe zum nächstgelegenen Mülleimer und pfeffere sie hinein, sodass selbst dem hintersten Winkel meines Verstandes klarwerden muss, dass nun qualmfreie Zeiten angebrochen sind.
Anschließend befasse ich mich eingehender mit dem Smartphone. Mit Touchscreens stehe ich in der Regel auf Kriegsfuß, glücklicherweise ist das aber die einzige Problemquelle, denn im Großen und Ganzen funktionieren Mobiltelefone ja doch alle nach demselben Muster. Außerdem muss ich nur das Telefonbuch finden, öffnen und – siehe da! – der Eintrag namens Mama ist drin. Perfekt. Endlich läuft hier mal was rund. Wird auch langsam Zeit.

Es klingelt ewig, bis jemand abnimmt: ›Hallo?‹

„Mama?“, frage ich vorsichtshalber. Die Stimme am anderen Ende klingt ein wenig heiser, vielleicht auch bloß verschlafen. Verdammt! Die Zeitverschiebung! Daran hätte ich denken sollen.

›Rune? Ist was passiert?‹

„Ja, ich meine, nein. Ich wollte nur -“

›Seit wann kannst du Finnisch?‹, unterbricht sie mein Gestammel.

Fünf Worte, die mich aus den Schuhen hauen! Sie muss das doch wissen! Immerhin war sie es, die es Erik und mir beigebracht hat. Mama hat mit uns immer Finnisch gesprochen, Papa Schwedisch. Wir sind zweisprachig aufgewachsen. Nicht, dass es wirklich notwendig gewesen wäre, denn Finnland ist zweisprachig, das hätte gereicht. Mama kommt aus Turku, alle ihre Verwandten sprechen Schwedisch. Es hätte nie Probleme gegeben, aber sie hat darauf bestanden, dass wir auch ihre Muttersprache lernen. Die finnischen Kinder lernen Schwedisch schließlich auch in der Schule, und mehr Bildung kann nie schaden. Ich bin verwirrt.

„Also, ich… Eigentlich wollte ich -“ Wieder nur unzusammenhängendes sinnfreies Zeug.

›Das ist wirklich süß von dir, Rune, dass du meinetwegen Finnisch lernst, aber konzentrier’ dich lieber aufs Rennfahren. Das kannst du besser.‹

Ein Schlag in den Magen könnte nicht fassungsloser machen. Ich weiß genau, dass mein Finnisch fast so fehlerfrei ist wie ihres. In der Schule habe ich später doch freiwillig noch einen Sprachkurs belegt, um besser zu werden! „Ja“, murmle ich hilflos.

›Gut, wenn es nichts Wichtiges gibt, leg ich jetzt auf.‹

Und das tut sie dann so schnell, dass ich keine Chance habe, noch etwas zu erwidern. Hat meine Mutter mich gerade ernsthaft abgewürgt?! Der Schock sitzt.

*** ~~~ ***


Joakims POV

Ich stehe neben Claire am Flughafen. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt und schüttelt gerade ungläubig den Kopf.

„Jetzt hat er’s geschafft, oder?“, will sie mit ihrer gewohnt nüchternen Art wissen.

„Nein“, antworte ich, „Da kann ich dich beruhigen, unsere Jobs sind noch sicher. Er ist ein wenig durch den Wind und verkatert, aber das wird wieder. Schätze, ihn nimmt die Sache mit Pastor ziemlich mit.“

„Dann sieh zu, dass du ihn wieder auf die Reihe kriegst, Joakim. Du bist sein Physio!“

Seit Runes Vater diese Frau eingestellt hat, ist die Arbeit nur noch halb so angenehm, aber auch ich musste einsehen, dass Rune einen Manager braucht. Bei seinen Verhaltensweisen sogar einen außergewöhnlich guten und niemand kann sagen, dass Claire Morris-Jones die falsche Besetzung wäre.
Ich wink ab. „Ja, ja. Warte doch erst mal ab. Morgen hat er sich wieder gefangen.“

„Morgen ist zu spät!“, zischt sie, „Frank Williams ist in einer halben Stunde hier, länger hast du nicht. Dann muss er sich wieder unter Kontrolle haben, sonst ist das Cockpit weg. Er hat sowieso schon unverschämtes Glück, dass Susie nicht hier ist und übernehmen kann.“

„Ich kümmre mich drum“, lenke ich ein. Jede andere Antwort käme einem sprichwörtlichen Selbstmord gleich. Sie würde mich einfach einen Kopf kürzer machen ohne mit der Wimper zu zucken! „Aber ich sag’s dir gleich, erwarte nicht zu viel. Ich gehe jede Wette ein, dass ihn der Crash gestern an Eriks Unfall erinnert.“

„Und ich hab dir schon letztes Jahr gesagt, er soll ’ne Therapie machen“, faucht sie unbeeindruckt zurück.

„Da wolltest du, dass er ’nen Entzug macht, das ist ein Unterschied“, halte ich dagegen, „Und das ist nun wirklich Quatsch.“

„Du scheinst ausnahmsweise recht zu haben.“

Ich schaue sie an wie ein frisch überfahrenes Kaninchen „Wie bitte?“ Normalerweise stimmt Claire mir nur höchst selten zu.

„Er hat gerade seine Zigaretten weggeworfen.“

„Ernsthaft?“ Meine Stimme ist plötzlich deutlich höher als sonst. Das wäre fast zu schön um wahr zu sein! Gauloises nennen manche Leute ja nicht zum Spaß auch Lungentorpedos. Ich wäre echt der Letzte, der protestieren würde, wenn die Sache mit Pastor Rune endlich zur Vernunft bringen würde.

„Ja, die ganze Packung“, bestätigt sie und wir starren ihn beide an, können beobachten, wie er sich wieder hinsetzt und sich mit seinem Smartphone beschäftigt. Okay, wahrscheinlich twittert er jetzt wieder irgendwelchen Blödsinn, über den Claire sich nachher fürchterlich aufregen wird, aber wenn’s ihm beim Aufhören hilft, soll’s mir egal sein.

„Welche Nikotinpflaster stehen auf der Dopingliste?“

Claires Frage reißt mich aus meinen Gedanken. „Keine Ahnung.“

„Du bist sein Physio! Wieso weißt du das nicht?“

„Ich find’s raus“, räume ich rasch ein. Mann, wann kapiert sie endlich, dass ich kein wandelndes Lexikon bin?! Sie zückt ihr Notizbuch und schreibt es auf, vermutlich mit Datum und Uhrzeit, damit sie’s mir im Zweifel eiskalt unter die Nase reiben kann. Dabei steht noch nicht mal fest, dass Rune tatsächlich aufhören will! Oh, ich sehe schwierige Zeiten auf uns zukommen. Und auch, wie Rune offenbar jemanden anruft. Seltsam. Das macht er sonst nie. Vielleicht sollte ich mir doch Sorgen machen…

Gut, dass wir nicht so weit weg stehen, dass wir nicht hören könnten, was er sagt, aber - Nein, das kann nicht sein!
„Claire, hast du ihm einen Sprachkurs aufgedrängt?“, will ich wissen. Rune ist kein Freund von Schulunterricht und diesem Zeug. Es war eine echte Tortur, ihn dazu anzuhalten, wenigstens die Ausbildung abzuschließen, also ist es quasi undenkbar, dass er von allein auf so eine Idee kommt.

„Das ist Finnisch?“, kommt’s postwendend zurück.

„Ja.“

„Nein, hab ich nicht. Für solche Spielereien hat er überhaupt keine Zeit.“

„Aber -“

„Ist jetzt auch egal, Joakim. Wir haben wichtigeres zu tun“, unterbricht sie mich erneut, „Er hat fünf Minuten, dann würgst du das da ab und sorgst dafür, dass er seine Sinne beisammen hat, sobald Frank ankommt. Ich will die Formalitäten unter Dach und Fach haben, bevor wir in Japan ankommen und er es sich noch mal anders überlegen kann.“

„Und wenn ihm gerade das Telefonieren hilft?“, wende ich ein.

„Papperlapapp! Rune telefoniert nicht, wenn er was verarbeiten will, er trinkt“, haut sie mir um die Ohren, dann zückt sie ihr Mobiltelefon, wählt demonstrativ eine Nummer und ruft jemanden an. Wahrscheinlich scheucht sie denjenigen aus dem Bett, aber so ist sie nun mal, wenn sie etwas erledigt haben will.
Ich seufze und gehe zu Rune hinüber.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Nein! Das ist ein Scherz!
Das muss ein ganz schlechter Scherz sein!
Das kann Claire Williams niemals ernstgemeint haben. Sie können Lindström nicht als Ersatz für Pastor nehmen. Das geht einfach nicht! Der Kerl ist ein Chaot, ein saufender, egoistischer, besserwisserischer Chaot. Und wenn er einen schlechten Tag hat, auch noch das Crash-Kid schlechthin. Der macht nicht mal einen Unterschied zwischen Teamkollegen und anderen Fahrern.
Aber ich habe natürlich kein Mitspracherecht. Denn wenn ich eins hätte, hätte ich auf jeden Fall für Susie plädiert. Sie weiß, was sie tut. Testfahrerin ist sie schließlich nicht umsonst und allein deswegen stünde ihr der Platz eigentlich zu, finde ich.

Gereizt stopfe ich mein Smartphone zurück in die Hosentasche und wende mich wieder meinem Koffer zu. An ordentliches Packen ist jetzt allerdings nicht mehr zu denken, stattdessen pfeffere ich die restlichen Sachen nun ungeordnet hinein.

Das ist doch alles scheiße!



***
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