Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
14 Reviews
 
02.07.2013 3.718
 
A/N: Danke an Madrilena, Balalaika, livelovelaugh, Silvana, Tracy89, Tiefseentraum und Canastas Phi.

Soundtrack zum Kapitel: Spectres – Avantasia





Kapitel 18 – Puhuuko hän suomea?!


Runes POV

Die Trainings liefen allesamt gut, viel besser als in Japan. In der Qualifikation habe ich es gestern auf Platz 16 gebracht. Immer noch nicht so gut, wie ich es gerne hätte, und auch nicht ganz auf Valtteris Niveau, aber die Verbesserung ist auf jeden Fall sichtbar, und arbeiten muss ich definitiv an meinen Nerven. Die scheinen ein größeres Problem als alles andere zu sein, denn in den ersten drei Trainings bin ich im Großen und Ganzen die gleichen Rundenzeiten gefahren wie mein Teamkollege. Doch heute ist Sonntag, heute ist das Rennen und ich fühle mich nicht gut. Dabei habe ich so gut wie alles getan, was ich meiner Macht stand, um mich darauf vorzubereiten. Ich habe mich strikt an Joakims Plan gehalten, alle Daten studiert, die ich kriegen konnte, mehrere Stunden im Simulator gesessen, mindestens genauso lange mit Andrew, Xevi und einigen Mechanikern gesprochen. Bei der Streckenbesichtigung war ich obendrein aufmerksamer als in Japan. Und die Zeit, die ich brauche, um im Notfall aus dem Auto zu kommen, habe ich am Freitag auch noch auf 6,6 Sekunden gedrückt. Na gut, mir ist weiterhin etwas schleierhaft, wie das alles funktioniert, aber darüber nachdenken führt zu nichts. In dem Punkt muss ich Enrique einfach vertrauen, ob mir das gefällt oder nicht.

Mit einem Seufzen schiebe ich die zusammengehefteten Seiten von mir weg, fast bis auf die andere Seite des Tisches, bis gegen Joakims Wasserflasche. Jetzt ist es genug. Jetzt ist Schluss, endgültig. Was ich bis jetzt noch nicht begriffen habe, werde ich bis zum Start eh nicht mehr in den Kopf kriegen, also kann ich es auch bleiben lassen.
Ich greife nach meinem Ionencocktail und nehme einen Schluck. Er schmeckt wirklich extrem salzig ohne Aroma. Ein bisschen so, als hätte man wahllos einen Stein aus dem Meer gefischt und würde ihn gleich danach ablecken.

«Wie spät?», will ich von meinem Physio wissen, als ich die Flasche wieder auf den Tisch stelle.

Joakim hat mich während der ganzen Zeit, die wir hier schon sitzen, nicht aus den Augen gelassen. Ich hab’s genau gemerkt, aber sagen werde ich es nicht. Vielleicht ist das in diesem Universum einfach seine Art oder war bei meinem alten Ego notwendig.

«Du musst gleich los, Claire wollte dich hier abholen oder jemanden schicken, der - Ah, dein Abholkommando kommt schon.» Er nickt in Richtung der Pressesprecherin, deren Name mir wieder entfallen ist, obwohl sie in Japan bei allen Interviews, die ich geben musste, abgesehen von der Pressekonferenz, dabei war.

Ich stehe auf, nehme meine Flasche wieder in die Hand und schüttle sie prüfend. Noch genug drin. Es reicht, wenn ich Joakim nach der Fahrerparade um eine neue bitte. Aber dann wird’s auch nötig sein, denn draußen ist es für meinen Geschmack unangenehm warm, um nicht zu sagen schwül. Da hat mir Japan mit Regenwetter echt besser gefallen. Hier fühlt es sich so an, als wäre man nonstop irgendwie dehydriert und das nervt tierisch, mindestens genauso wie der Fakt, dass mein Sonnencremeverbrauch extrem gestiegen ist. Ich möchte nämlich nur ungern so rot werden wie der Rahmen meiner Sonnenbrille.
«Dann bis gleich, Chef», sage ich und zwinkere Joakim noch mal zu, bevor ich die Brille aufsetze.

«Bist du sicher, dass ich nicht ein Stück mitkommen soll?»

Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, die Augen zu verdrehen. «Ja, Joakim, das ist doch überhaupt kein Problem. Entspann dich. Ich kann das.»

«Ja, gerade das macht mir Sorgen», gibt er seufzend zurück.

«Ach, hab dich nicht so. Ich stell schon nichts an», lache ich, gebe der Pressesprecherin kurz die Hand – wir haben uns heute noch nicht gesehen – und dann lassen wir Joakim im Motorhome zurück. Mir ist es gerade ziemlich egal, dass andere sich hier von ihrem Physio auf Schritt und Tritt begleiten oder einen Schirm gegen die Sonne halten lassen. Ich halte das nicht aus. Das ist zu viel Joakim in meiner Nähe, so viel, dass ich nach ein paar Minuten immer das Gefühl bekomme, nicht mehr richtig atmen zu können vor lauter Unselbstständigkeit und Enge. Ohne ihn ist es viel besser, ich fühle mich freier und lebendiger, habe nicht mehr das Gefühl unter ständiger Aufsicht zu stehen.

„Mach’s kurz auf dem Rückweg“, sagt sie, als wir die ersten Meter im Fahrerlager zurückgelegt haben.

Ich nicke knapp. „Was ist mit dem geplanten Interview nach der Parade?“

„Haben wir gecancelt“, antwortet sie, „Die sollen es nach dem Rennen noch mal versuchen. Für vorher hätten sie sich eher melden müssen.“

„Okay. Soll ich dann nach der Parade gar keine geben?“, will ich wissen. Das verunsichert mich doch ein wenig, wenn ich ehrlich bin. Es ist gruselig, wenn man fast aus dem Nichts ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt und ich frage mich jedes Mal unweigerlich, ob man einem mit so einem Ding Zähne ausschlagen kann.

„Genau. Sag meinetwegen, keine Zeit, wenn dich wer fragt, Hauptsache, du sagst sonst nichts.“

Ich mag sie. Sie bringt mich zum Lachen. „Okay, das krieg ich grad noch hin.“

„Dann ist gut“, murmelt sie mit schwachem Grinsen und wir weichen einem Kamerateam aus. Die schießen hier auch regelrecht aus dem Boden. Sollte man nicht meinen, dass da so viele Leute dazugehören zu so einem Team. Und dann noch die ganzen Fotografen, die hier herumspringen. Big Brother könnte kaum schlimmer sein und es wird nicht besser, je näher wir dem roten Teppich kommen. Mir wird ein wenig schlecht. Das wäre bestimmt irgendwie einfacher, wenn ich mich mit Valtteri vertragen würde, dann müsste ich da gleich nicht allein rüber. Dann hätten wir zusammen herkommen können, aber nein! Der kriegt mir gegenüber wie in Japan nur mit Mühe und Not ein „Hi“ raus. Da wüsste ich gerne mal, ob schon jemandem aufgefallen ist, dass wir ein schlechtes bis nicht vorhandenes Verhältnis zueinander haben. Kann doch eigentlich niemandem verborgen geblieben sein und -

„Hi Vogel!“, tönt es plötzlich.

Okay, wozu brauche ich Valtteri, wenn ich Max habe?

„Dann viel Spaß“, die Pressesprecherin lächelt mich an, „Ich warte hier auf dich.“

Ich nicke noch mal kurz, wende mich dann dem Marussia-Piloten zu, der seinen Physio auch schon ein paar Meter abgehängt hat. „Hi Max“, flöte ich zurück, „Übrigens hab ich immer noch keine Flügel.“

„Und?“, kommt’s sofort zurück, „Du hast gesagt, ich hätte Bambiaugen, also darf ich dich auch Vogel nennen.“

Bambiaugen? Moment! Bambi… Ach ja, das Vieh kann am Anfang doch nicht richtig Vogel sagen, jetzt ergibt das auch mal Sinn.

„Touché“, räume ich ein. Er klopft mir auf die Schulter und wir setzen den Weg Richtung Start-Ziel-Gerade gemeinsam fort. Doch hier erwarten uns keine Oldtimer, stattdessen ein Lkw mit offener Ladefläche. Ein wenig enttäuscht mich das schon. Letztes Jahr gab’s hier auch Oldtimer und ich hatte mich schon so drauf gefreut…

*** ~~~ ***


Kimis POV

Romain verblüfft mich. Er benimmt sich so, als wäre nie etwas passiert, hat Mittwoch nicht einmal gefragt, ob wir uns Donnerstagabend treffen wollen. Dabei habe ich fest damit gerechnet und mir für den Abend nichts vorgenommen. Und genauso viel ist dann auch passiert: nichts! Einfach nichts. Das erste Mal seit über einem Jahr hat Romain mich nicht gefragt, ob wir uns zum Spielen treffen. Und er ist trotzdem gut gefahren! Ich kann nicht leugnen, dass mich das schon ein bisschen wurmt, weil ich keine Ahnung habe, was passiert ist, oder dass es mir tatsächlich irgendwie fehlt, dass er nach Aufmerksamkeit heischend um mich herum wuselt. Dabei gehen wir gerade zusammen zur Fahrerparade. Nur unterhalten wir uns nicht, weil Romain den Anfang nicht macht und mich damit immer noch überrascht. Es ist schier unglaublich!

Doch als ich Valtteri sehe, ist mir klar, dass ich mir jetzt nicht länger den Kopf über Romains Verhalten zerbrechen kann. Der macht bestimmt nur irgendeine Phase durch und spätestens in Abu Dhabi kommt er wieder angekrochen. Bei Valtteri ist das was anderes, den brauche ich, um mehr über Lindström zu erfahren, hoffentlich auch irgendwas, das sich als hilfreich für meinen Plan erweist.
Ich lasse Romain zurück, als ich zu meinem Landsmann gehe. Ist vielleicht auch besser so. Wenn er denkt, er könne mein Interesse oder einen Jagdinstinkt wecken, wenn er sich zurückhält, dann hat er sich getäuscht. Ich werde mich nicht zu so etwas Niederem hinreißen lassen. Ich nicht.

Dass während der Fahrerparade zu tun, hatte ich nicht geplant, aber anders hat sich nichts ergeben und ich habe die Begegnung nicht gesucht, als ich erfahren habe, es würde dies Jahr keine Oldtimer sondern einen Lkw geben. Eine Runde dürfte lange genug dauern, um das Nötigste in Erfahrung zu bringen.

***


Sie dürfte nicht nur reichen, sie wird reichen. Aber nicht für das, was ich eigentlich wissen wollte. Dafür kriege ich gerade direkt und ungeschönt Valtteris Meinung über Lindström zu hören:

„Und er kann nicht verlieren.“ Valtteri schnaubt fast und es passt zu der Verachtung, mit der er spricht. „Konnte er früher schon nicht.“

„Früher?“, hake ich nach, obwohl ich weiß, dass er auf die gemeinsamen Zeiten in anderen Serien anspielt.

Er nickt: „Der ist in Finnland Kartrennen gefahren, da war das schon so. Wenn er an wem nicht vorbeikam, hat er ihn abgeschossen oder sonst wie von der Strecke gedrängt. Da ist ihm jedes Mittel recht. Und wenn seine Eltern nicht mit Geld nachhelfen würden, wäre er nie so weit gekommen. Echt, niemand, der sich’s leisten kann, nimmt wen unter Vertrag, der grob über den Daumen gepeilt, jedes zweite Rennen ein Auto zerstört.“

Ein bisschen merkwürdig finde ich diese Aussage schon, obwohl ich mir jetzt noch keine Videos angesehen habe, in denen man ihn mal anderswo fahren sehen würde. Aber ich kann mir nicht recht vorstellen, dass er eine Superlizenz bekommen hätte, wenn er tatsächlich so rüpelhaft fahren würde. Das ist etwas, wo Geld zwar auch eine Rolle spielt, aber es ist noch lange nicht alles. Und Valtteri auch noch nicht fertig:

„Als Teamkollege ist er völlig unbrauchbar. Er macht, was er will, aber nicht, was er soll, ob das für das Team jetzt gut ist oder nicht, ist ihm egal. Und man muss dann auch noch aufpassen, dass er einem die Rennen nicht kaputt macht.“

Erinnert mich ein wenig an Perez, wenn ich mir das so anhöre. Stellt sich nur die Frage, warum Valtteri mit dem so gut kann, aber nicht mit Lindström. Bisher finde ich das hier etwas enttäuschend. Trotzdem nicke ich und lasse ihn fortfahren. Vielleicht kommt ja noch etwas Brauchbares ans Licht. Wir haben ja erst die Hälfte der Strecke hinter uns.

„Ist schon erstaunlich, dass er’s bisher geschafft hat, sich ans Rauchverbot zu halten. Hat ihn sonst auch nicht gekümmert.“

Ah ja. Lindström raucht? Was hat mich noch mal auf die Idee gebracht, mit Valtteri zu sprechen? Wikipedia? Ursprünglich? Ja. Keine gute Idee. Das ist nun wirklich… Nein, das kommt mir unglaubwürdig vor. Würde Lindström rauchen, müsste es doch Bilder davon geben. Oder eine Erwähnung in irgendeinem Artikel, bei Wikipedia, unter dem Punkt „Schlechte Eigenschaften“ in irgendeinem dieser Zeitschriftensteckbriefe. Aber da war nichts. Das wäre mir aufgefallen. Und sowas kann man eigentlich nicht verheimlichen.

„Und von der Lästerattacke während der Testfahrten in Jerez hast du ja auch gehört, oder?“

„Habe ich“, antworte ich leise.

„Und er hat’s da gerade nötig gehabt, zu meckern. Er hat doch selbst überhaupt kein brauchbares Feedback zum Auto abgegeben. Nicht, dass er das irgendwann mal getan hätte, aber da hätte er sich mal wirklich am Riemen reißen können. Von Professionalität keine Spur.“

Ich nicke erneut. Da könnte zur Abwechslung tatsächlich was dran sein. Solche Details werden ja in der Regel nicht frisch und fröhlich an die Presse rausgegeben. Aber richtig schlimm finde ich das nun nicht. Klar, ein gewisses Engagement sollte man zeigen, aber man muss es nicht übertreiben. Irgendwo braucht man auch noch etwas Zeit fürs Private, für den Ausgleich, zum Leben.

An dieser Stelle hake ich noch mal nach: „Und weiter?“

„Er hat sich ja auch nie wirklich anstrengen müssen für irgendwas. Papa zahlt schon.“ Valtteri schnaubt wieder und irgendwie kommt es mir jetzt so vor, als würde er sich in die Sache reinsteigern. „Der hat gar keine Ahnung, was arbeiten wirklich heißt. Wusstest du, dass er schon ’nen eigenen Physio hatte, als er in die Formel Renault kam?“

„Wusste ich nicht.“

„Aber richtig schlimm wurde es ja erst, als er Chilton in der GP2 kennengelernt hat. Da haben sich echt zwei gesucht und gefunden, die ihre Karriere aus der Portokasse bezahlen lassen.“

„Klingt nach einem ungemütlichen Kollegen“, merke ich an, ernte sofort ein bestätigendes Nicken – und finde es langsam bedenklich.

„Ja, und da hat man nur mal an der Oberfläche gekratzt. Da gibt’s noch ganz andere Sachen, sowas wie den Helm durch die Garage pfeffern, Mechaniker anmotzen, weil er das Auto geschrottet hat, Renningenieure beschimpfen und…“

Der Lkw hat Start-Ziel wieder erreicht und hält an. Bin ich nicht gerade böse drum. Bis auf diese scheinbaren Interna war das jetzt nicht mal annähernd so informativ, wie ich’s mir vorgestellt hatte. Aber ist nicht mehr zu ändern, abhaken und weitermachen. Doch erst mal schalte ich ab, während Valtteri sich noch weiter echauffiert. Er hat sich während der paar Minuten scheinbar echt in Rage geredet. Sollte man gar nicht denken, dass er sowas draufhat.
Plötzlich bleibt mein Blick an einem auffälligen roten Farbtupfer in Augenhöhe hängen. Lindström. Oder besser gesagt seine Sonnenbrille. Wie lange steht er da schon direkt neben uns? Und warum? Valtteri war sehr bedacht darauf, außer dem Ausrutscher – so könnte man es schon nennen – mit Chilton, keine Namen zu sagen. Aber da ist’s auch nicht sicher, ob Lindström das gehört hat. Nur warum steht er sonst so demonstrativ neben uns, versperrt den Weg, während andere schon gehen?

Sekunden später stockt auch Valtteri in seinem Redefluss, sieht seinen Teamkollegen an, öffnet den Mund und – kommt nicht dazu, noch etwas zu sagen. Lindström ist schneller:

„Vielen Dank für die Infos, Valtteri.“

Valtteri stutzt, schnappt sichtbar nach Luft, aber ich erfahre nicht, ob er darauf etwas erwidern will, denn fast im selben Moment meldet sich Chilton hinter mir zu Wort:

„Du sollst nicht den ganzen Verkehr aufhalten, Vogel!“

Lindström dreht sich grinsend zu ihm um. „Und du sollst nicht drängeln, Bambi.“

„Nenn mich nicht so“, kommt’s zurück.

Lindström schüttelt leicht den Kopf, schenkt jetzt weder Valtteri noch mir Aufmerksamkeit, und geht weiter. Trotzdem höre ich ihn noch sagen: „Aber du hast Bambiaugen, Max, sieh’s doch endlich ein.“

Ja, gut, nun weiß ich wieder, warum -

„Puhuuko hän suomea?!“ Valtteris Frage klingt nach überfahrenem Rentier.

„Spricht er“, bestätige ich kurz und gehe dann auch. Das war doch ein wenig zu viel. Jetzt ist mir wieder mal sehr bewusst geworden, warum ich näheren Kontakt zu den meisten anderen Fahrern meide. Das ist ja wirklich unheimlich! Und ich möchte nicht in Valtteris Haut stecken. Aber er ist schon selber schuld. Also, wenn er Lindström tatsächlich so lange kennt und dann nicht weiß, dass er Finnisch spricht… Das ist eigene Dummheit.

*** ~~~ ***


Runes POV

Ich bin wütend, wütend auf Valtteri und wünsche mir zum ersten Mal seit ich denken kann, dass ich kein Finnisch könnte. Dann hätte ich mir das nicht die ganze Fahrerparade über anhören müssen! Ich konnte ja nicht weg! Dafür hätte ich Max, Jules und Jean – er besteht darauf, dass ich Éric weglasse – bestimmt einen Grund nennen müssen und mir ist kein plausibler eingefallen.
Und keine Ahnung, ob es überhaupt klug war, Valtteri auf die Nase zu binden, dass ich ihn verstanden habe. Keine Ahnung, ob ich meine Karten da richtig gespielt habe, aber ich konnte es einfach nicht so auf mir sitzen lassen. Dafür tut’s immer noch zu weh. So bin ich doch gar nicht! Er hätte das eigentlich längst merken müssen. Dieses Wochenende bin ich jeden Tag vor ihm an der Strecke gewesen und nach ihm wieder gegangen. Bis auf den Mittwochabend mit Nico, habe ich wie irre gearbeitet. Reicht das denn nicht, um seinen Blickwinkel wenigstens ein bisschen zu verschieben? Mir ist echt nach weinen zumute! Aber ich kann nicht, nicht hier und nicht jetzt. Immerhin sitze ich nur ein paar Meter von meinem Auto entfernt am Streckenrand und in ungefähr einer Viertelstunde startet das Rennen. Darauf sollte ich mich konzentrieren, alles andere kann ich eh nicht mehr ändern. Ganz gleich, wie sehr es schmerzt.

«So, hier hast du noch mal ein frisches Handtuch.» Joakim geht neben mir in die Hocke, nimmt mir das mit Eis gefüllte ab, das ich bisher im Nacken liegen hatte, und ersetzt es durch das neue. Die Kälte ist fast wie ein Schock, aber sie lindert die Hitze unter dem Overall ganz ungemein und entspannt mich.

«Danke», murmle ich etwas abwesend.

«Ist alles in Ordnung? Geht’s dir gut?» Er hört sich besorgt an. War er auch fast auf Knopfdruck, als ich ins Motorhome zurückkam und er mich gesehen hat. Sein Gesichtsausdruck hat sich von einer Sekunde zur nächsten so radikal verändert, das konnte man gar nicht ignorieren. Offensichtlich kann ich ihm nur schwer bis gar nicht etwas vormachen.

«Ja, alles okay.»

Doch er lässt nicht locker: «Sicher?»

«Ich bin nervös wie Hölle», lüge ich.

«Brauchst du nicht zu sein», erwidert er leise, «Du bist gut gefahren, Freitag und gestern. Du hast alles getan, um dich bestens auf dieses Rennen vorzubereiten. Es wird nichts schiefgehen. Entspann dich, tief atmen.»

Ich schließe die Augen, atme tief ein und versuche, das bewusst langsam zu tun. Joakim streicht mir über den Kopf.

«So ist’s gut, Rune. Du weißt, dass du das kannst. Du machst das gut.»

Es klingt total albern, wenn ich ehrlich bin, aber es beruhigt doch ungemein. Da kann man es vernachlässigen, dass es sich anhört, als würde er mit einem kleinen Kind sprechen. Vielleicht bin ich das im Moment auch, aber das ist nicht wichtig. Alles, was zählt, ist, dass die Worte mich entspannen und ich mich immer noch gut fühle, als ich die Augen wieder öffnen und aufstehen muss.
Joakim reicht mir erst die Sturmhaube, dann den Helm an. Mittlerweile stelle ich mich damit schon gar nicht mehr so ungeschickt an wie noch in Japan. Das ist gut. Ich wechsle noch ein paar knappe Worte mit Andrew, dann steige ich ins Auto und Joakim schnallt mich an. Es ist noch etwas seltsam, dass sich heute alles bewusster anfühlt als vor dem ersten Rennen, aber nicht unbedingt schlecht. Nein, es mutet so an, als hätte ich mehr Kontrolle über die Situation. Eigentlich ist es sogar ganz schön, die Vibrationen des Wagens wieder zu spüren. Da ist es unwichtig, wer da in der Startaufstellung vor oder hinter mir steht. Es wird sich nach dem Start zeigen, was passiert, ob mich jemand überholt, ob ich mich sehr wehren muss, ob ich so gut starte, dass ich nach vorn kommen kann.

Einführungsrunde, Andrew über Funk, die Reifen, immer wieder die Reifen und das verdammte Temperaturfenster. Ich hasse es, aber weiß genau, dass ich keine Wahl habe. Mein Unterbewusstsein weiß das und ich lasse es machen. Joakim sagt, ich mache das gut. Er sagt, ich bin gut gefahren und bestens vorbereitet. Er hat mich die ganze Zeit begleitet, er weiß das und er lügt nicht.
Ich reihe mich wieder auf Startplatz 16 in der Aufstellung ein und im Funk herrscht Stille. Andrew lässt mich in Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann, damit mich nichts von der Ampel ablenkt. Und plötzlich genieße ich es. Den Blick auf die roten Lichter da ganz weit vor mir, die Vibrationen, den Geruch, den Lärm. Direkt vor mir steht Valtteri, und ich weiß, was ich zu tun habe. Was ich noch tun kann, um es ungeschehen zu machen. Ich muss nur besser sein als er. Das ist alles. Das ist alles ganz einfach. Gleiches Auto, gleiches Material, gleiche Chancen.

Die roten Lichter verlöschen. Ich könnte meine Hände beobachten, sie tun von ganz allein, was sie müssen, was sie sollen. Valtteri vor mir zieht den Wagen Richtung Fahrbahnmitte, ich nicht, ich bleibe außen, trete das Gaspedal durch, schalte, erkenne und treffe den Bremspunkt vor der ersten Kurve. Valtteri ist mein Ziel, an ihm muss ich vorbei. In Kurve 1 sind wir gleichauf, aber nicht dicht genug beieinander, damit es zu einer Berührung kommen kann. Irgendwie bringe ich auch noch Blicke in die Rückspiegel unter, sehe Chaos hinter mir, aber keinen Crash und keine unmittelbare Gefahr mehr, überholt zu werden, aber Valtteri noch immer neben mir und meine Linie ist die bessere.

***


Bitter, so bitter. Alles lief gut, alles lief so, wie ich es wollte – dann habe ich den Boxenstopp wie schon in Japan versaut, habe wertvolle Zehntel verloren und bin erst hinter Valtteri wieder auf die Strecke gekommen. Da ist es kein Trost, dass er mit einer Sekunde Vorsprung nur auf dem Platz vor mir ins Ziel gekommen ist. Das ist nicht das Ergebnis, das ich erreichen wollte! Und die Wut ist wieder da. Die Wut auf meinen Teamkollegen und auf mich selbst. Ich hätte besser sein müssen.

Ich flüchte mich regelrecht zum Wiegen, werde anschließend zum Dopingtest abkommandiert und das trägt nicht dazu bei, meine Laune zu heben. Wer pinkelt bitte gerne unter Aufsicht in einen Plastikbecher?! Und das vor Kollegen. Gut, diese Kollegen müssen das zwar auch machen, aber trotzdem! Angenehm ist was anderes und ich bin verdammt froh, als ich mir die Hände waschen kann und es hinter mir habe und gehen darf.
Joakim wartet auf mich, trägt schon meinen Helm, die Sturmhaube, die Handschuhe und reicht mir jetzt meine Flasche. Mehr Ionencocktail vor den Interviews, die nun unweigerlich folgen werden. Ich will nicht! Würde mich am liebsten verkriechen oder auf irgendwas einschlagen. Und mein Nacken schmerzt. Zwar nicht so schlimm wie nach dem ersten Rennen, doch immer noch so, dass man es nicht ignorieren kann.

Während die Siegerehrung ihren Lauf nimmt – Sebastian hat gewonnen – geht’s für mich erst mal zurück ins Motorhome. Ein paar Minuten Ruhe, dann die Interviews, dann ein Briefing und danach Feierabend. Keine Zeit für Tränen, keine Zeit für Wut, keine Zeit für den Schmerz. Man muss weitermachen, abhaken und einfach weitermachen, ganz egal, wie weh es tut. Joakim an meiner Seite schweigt, aber er kümmert sich um alles. Wie immer, und ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann. Er lässt mich nicht im Stich. Nicht einmal jetzt, wo sich alles so anfühlt, so aussieht, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.



***
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast